August 25

Musik, Gewitter & Touristen

. . . . XXX Jahre schneller härter lauter . . . .

Ja, auch dieses Jahr wieder. Für mich mittlerweile nahezu Routine, für meine Begleitung, Wackennovizin, eine neue aufregende Erfahrung voller Erwartungen & Neugier. Lohnt es sich, darüber nun schon zum vierten Male zu schreiben? Unbedingt. & tatsächlich soll es diesmal nicht vorrangig um die Musik gehen, sie wird allerdings auch nicht zu kurz kommen, schließlich ist sie ja der Sinn dieser Veranstaltung. 

Die Tage vor der Ankunft am Mittwoch waren erfüllt von bangen Blicken auf die Wettervorhersage. Je näher die Abreise kam, desto trüber die Aussichten. Schlimme Visionen von knöcheltiefem Schlamm & Gewittern mit Starkregen trübten die Vorfreude deutlich ein, genau wie eine Sprunggelenkzerrung, der mit Bandage & Sitzstock, einem sog. Flexistick, zu Leibe gerückt werden mußte. All das zwang zur frühen Festlegung, was in diesem Jahr als unverzichtbar zu gelten hatte & was als notfalls entbehrlich. Da das Unverzichtbare zumeist eher überschaubar ist, schien die Aufgabe  selbst unter widrigen Bedingungen lösbar. 

Nachdem die Ferienwohnung in Itzehoe eingerichtet, & das Auto auf dem P & R Platz neben der Bushaltestelle am Bahnhof geparkt war, sahen wir uns einem in den letzten Jahren unbekannten Andrang von Buspassagieren ausgesetzt, die mit teils abenteuerlichen Gepäckmassen nach Wacken befördert werden wollten. Die eher asketisch Eingestellten begnügten sich mit einem winzigen Zelt & einem kleinen Rucksack, andere hingegen waren mit Sackkarren angetreten, auf denen sich neben umfänglicher Campingausrüstung auch noch diverse Paletten Dosenbier stapelten. Ein Pärchen war gleich mit großem, hochbeladenem Bollerwagen erschienen. Die Stimmung war gelöst bis fröhlich, Bierdosen machten die Runde & erste Gesänge wurden angestimmt. Die Frage, wer sich Hoffnungen auf den nächsten Bus machen konnte, wurde durch den Stand in der langen Schlange bestimmt, Drängeleien gibt es hier nicht. Unsere Hoffnung ruhte deswegen auf dem dritten Bus, der irgendwann kommen würde, angeblich, so die Auskunft des Einweisers, innerhalb „der nächsten Zeit“, was immer das heißen konnte. Die Benutzung des Wacken – Shuttle verlangt vom Passagier das Fehlen klaustrophobischer Empfindlichkeiten, denn die städtischen Doppelgelenkbusse werden – wahrscheinlich bis weit über das technisch Zulässige hinaus – vollgepreßt. Glücklich, wer einen Sitzplatz erlangt, kein Gepäck dabei hat & die halbstündige Fahrt entspannt genießen kann. Aber auch die widrigen Umstände dieses Transportes können der Stimmung nichts anhaben, denn auch Bollerwagen & Sackkarre werden noch irgendwie verstaut. Der besorgte Blick nach oben allerdings zeigt, daß die scharfe Trennlinie zwischen blauem Himmel & sich immer dunkler einfärbender Gewitterwand ziemlich genau zwischen Itzehoe & Wacken verläuft. Die Zugrichtung der Wolken weckt indes die Hoffnung, daß Wacken dem Unvermeidlichen knapp entgehen könnte. Beim Aussteigen fallen dann allerdings doch die ersten Tropfen. 

Der erste Gang auf dem Festivalgelände führt zwangsläufig zur Bändchenausgabe, wo das Ticket gegen ein Handgelenkbändchen eingetauscht wird, das künftig den Einlaß gewährleistet. Da das Infield, das riesige Feld mit den drei Hauptbühnen, am Mittwoch noch gesperrt ist, führt der Weg an Campingplätzen entlang in Richtung des gewaltigen Konzertzeltes. Gemächlichen Schrittes ist dies ein nahezu halbstündiger Spaziergang. Heute zwingen Blitz & Donner vorerst nun doch in das große Zelt der Medi – Abteilung, die sich um alles, was mit Inklusion zu tun hat, kümmert. Hier soll der Flexistick angemeldet werden & wir bekommen auch gleich sehr nettes Asyl für die Dauer des Gewitters. So schnell wie es kam, zog es wieder fort & wir können unseren Weg fortsetzen. Der angedrohte Starkregen blieb aus, die heftigen Sturmböen ebenfalls, nur ein normaler Gewitterschauer & der Boden ist trotzdem knochentrocken, von Matsch weit & breit nichts zu sehen. Das ist für den Augenblick sehr schön, ansonsten besorgniserregend, da es zeigt, wie unglaublich ausgedörrt der Boden noch immer ist. Wie stets bei derartigen Wetterwarnungen wird das Festivalgelände geräumt, die Aufführungen unterbrochen & es ergeht die Aufforderung, die Zelte zu sichern, sich in die Autos zurückzuziehen & die mitzunehmen, die ohne Auto gekommen sind. Sicherheit hat oberste Priorität in Wacken & man ist über die Festival – App jederzeit bestens informiert & ggf. rechtzeitig gewarnt & aufgefordert, sich angemessen zu verhalten. Der Rest des Tages vergeht bei strahlendem Sonnenschein. Im großen Zelt spielen UFO, die alten Recken aus noch älteren englischen Bluesrocktagen, & sie tun dies sehr ansprechend, solide & frisch, was vom Publikum im proppevollen Zelt – die Security hat zwischenzeitlich den Zugang gesperrt, auch hier Umsicht & entsprechende Mitteilung über die App – mit großer Begeisterung quittiert wird. Überhaupt bietet Wacken immer auch den alten Helden eine Bühne, Bands, die nach vielen Jahrzehnten immer noch unterwegs sind, die immer noch gute Musik spielen, auch wenn zumeist längst nicht mehr alle Ehemaligen mit an Bord sind, & die immer noch zu überzeugen wissen. Daß sie dabei auch viele junge Besucher begeistern, die diese Musik wohl höchstens aus der Plattensammlung ihrer Väter kennen, ist sehr schön. Die Szene weiß, wem sie was zu verdanken hat. Nach einem kleinen ersten Rundgang & einem Verweilen im sog. Wackinger Village, dem „Mittelalterbereich“ des Festivals, machen wir uns müdigkeitsbedingt auf den Rückweg. Nach einem Abendbrot & einem Fläschchen Wein fallen wir todmüde ins Bett. Erster Eindruck meiner Begleitung, kurz zusammengefaßt:

Lauter nette Leute, tolle Organisation & eine wunderbare ruhige, friedliche Atmosphäre, eine Insel außerhalb des Alltagsgeschehens. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wacken 2019, Campground

Der Donnerstag, der erste „richtige“ Festivaltag, beginnt für uns mit Versengold auf der Louder Stage, einer Empfehlung einer Arbeitskollegin meiner Begleitung, die eine Art norddeutschen Irishfolk mit Mittelalteranklängen spielen & zumindest uns beide nicht überzeugen, alles kommt etwas behäbig daher, der Sänger ist als Conferencier in eigener Sache wenig animierend, dafür aber politisch korrrrekt, der Anti – Nazi Song darf nicht fehlen, das alles ist insgesamt entbehrlich. Der Geiger hingegen ist wirklich klasse. Anschließend holen wir unser Bändchen für den EMP Backstagebereich, weil dort bequemes Ausruhen garantiert ist & längeres Sitzen die müden Beine entspannt. Die jährlichen zehn Euro für die entsprechende Karte lohnen sich allemal, weil damit auch Bestellungen beim größten deutschen Merch-, Metalklamotten- & Tonträgerversender nicht nur portofrei sind, sondern auch noch Rabatte beinhalten. Weiter geht´s an diesem strahlendem Sommertag mit Testament, ebenfalls auf der Louder – Stage, der dritten, etwas kleineren Hauptbühne auf dem Infield, die einen begeisternden mitreißenden Set spielen, 75 Minuten Vollgas geben & mit all ihrer jahrzehntelangen Routine, einem riesigen Portfoliio an Thrash – Granaten & sichtlichem Spaß die Zeit wie im Fluge vergehen lassen. Eine absolut großartige Band, & heuer eine derjenigen, die zu meinem persönlichen Pflichtprogramm gehört. Daß es meiner Begleitung ebenfalls gefällt, erhöht die Freude noch. 

Ein Hüngerchen treibt uns anschließend ins Wackinger Village, etwas zum Essen erstehen, ein Getränk, & dann zu Airbourne auf der Faster Stage, der linken großen Hauptbühne, das ist der Plan. Als wir an der Wackinger Stage vorbeikommen, einer Bühne, auf der eher mittelalterorientierte Bands jeglicher Art, von traditionell bis modern zu hören sind, ertönt klassische Ballettmusik, als Intro des dort nun Kommenden. Das ist ungewöhnlich & deswegen interessant. Neugierig bleiben wir stehen, mal sehen, wer da jetzt auftritt. Die Band heißt Coppelius, wir kennen sie nicht, sind jedoch interessiert, zumindest mal ein zwei Stücke anzuhören. Auf die Bühne kommen sechs Herren in Zylindern & Gehmänteln, gekleidet wie im 19. Jahrhundert & mit weiß geschminkten Gesichtern, es gibt einen Garderobenständer, die Besetzung besteht aus Schlagzeug, Cello, zwei Klarinetten & Kontrabaß. Einer der Herren, offensichtlich der Diener der anderen, der später allerdings auch singen wird, läuft eifrig hin & her, die Bewegungen gleichen denen in frühen Stummfilmen, alles wirkt irgendwie abgehackt, zu schnell & auf eigentümliche Weise fremdartig. Überhaupt ist sehr viel Bewegung auf der Bühne. Die Herren spielen mittels ihrer elektronisch stark verzerrten Instrumente lupenreine Metalriffs, & sind mit dieser Instrumentierung, mehrstimmigem Gesang, schauspielerischen Einlagen & launigen Ansagen eine unglaublich unterhaltsame Truppe. Die Musik changiert am ehesten noch ins Artrock oder Progressive Genre, ohne überladen oder aufgesetzt virtuos zu wirken. Der Hintergrund einer fundierten  musikalischen Ausbildung allerdings ist jederzeit hörbar. Wacken ist ein Ort, an dem besondere Entdeckungen jederzeit möglich sind. Dies ist eine, die Bestand haben wird & der ein breiter Erfolg wirklich zu wünschen wäre. Fasziniert hören wir das Konzert zu Ende, Airbourne ist vergessen. Der Rest von deren Konzert zeigt dann auch, daß sie ihrem offensichtlichen Vorbild AC/DC immer noch hinterher rennen, ohne es jemals erreichen zu können. Alle Bemühungen der gängigen prolligen R & R Klischees, wie Jack Daniels & ganz viel Schweiß auf nackter Haut, ändern daran nichts. 

Darf man Ohrwürmer spielen, die ausschließlich vom Krieg handeln, darf das komplette Konzept einer Band auf der Schilderung von Schlachten, von Tod & Verderben beruhen, einem Konzept, das selbst die Bühne in einen Schützengraben verwandelt, incl. Sandsackbarrieren, Stacheldraht & einem Panzer, auf dem das Schlagzeug thront? Dies sind Fragen, die gestellt werden, seit der schwedischen Band Sabaton mit ihrem vierten Album The Art of War im Jahre 2008 der internationale Durchbruch gelang. Heute dürften Sabaton die neben Iron Maiden erfolgreichste Metalband sein & sie  eröffnen ihre Shows auch heute noch gerne mit Ghost Division von diesem Album. Als ich sie erstmals auf dem Elbriot Festival 2016 in Hamburg sah, hatte ich mir vorgenommen, sie zu hassen. Eine gute Stunde später war ich durchaus ambivalent gestimmt. In einer Rezension schrieb ich damals als Fazit, mir darf das entschieden zu langweilig sein, hatte allerdings auch die unbändige Spielfreude & den Ohrwurmcharakter eingeräumt (siehe Aufstand an der Elbe). Nun ist der Kopf rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann, einige Hörstunden später hat sich Begeisterung eingestellt. Jeder Song entpuppt sich in der Tat spätestens beim Refrain als Ohrwurm. Im Prinzip ist die Musik der Band eine permanente Variation bestimmter thematischer Grundlinien, wiederkehrender rhythmischer Abfolgen & unwiderstehlicher hymnischer Refrains. Das ist einigen dann doch zu viel des Guten & somit schlagerverdächtig. Befremdlich bleibt der starke Gegensatz zwischen textlichem Inhalt & unwiderstehlich heroisch – fröhlichen Hymnen. Das trotzdem nicht der Eindruck entsteht, die Band spielt zwei Stunden lang den selben Song, belegt das hohe Maß an kompositorischer Reife. Natürlich wird von  – um im Bild zu bleiben – Heerscharen von Kritikern geklagt, das sei stumpfes Heldenpathos & Kriegsverherrlichung. Der Vorwurf greift allerdings ins Leere, denn geschildert werden militärhistorische Ereignisse, auf deren inhaltliche Genauigkeit die Band großen Wert legt & dazu neuerdings einen von Historikern begleiteten You Tube Kanal betreibt. Ganz sicher darf allerdings nach der Sinnhaftigkeit des Sujets gefragt werden, doch das Außergewöhnliche generiert eben Aufmerksamkeit.

Das alles ist den meisten Hörern nun allerdings herzlich gleichgültig, was zählt, ist der Spaß an der Musik. Die Fülle vor den Hauptbühnen spricht eine deutliche Sprache. Nahezu ganz Wacken will Sabaton sehen & die ganz große Party feiern. Dreißig Jahre Wacken & zwanzig Jahre Sabaton. Da geht mehr, & deshalb hat die Band beschlossen, heute auf zwei Bühnen gleichzeitig zu spielen. Sinnhaft oder ausgeprägter Größenwahn? Im Laufe des zweistündigen Konzertes wird klar, wie´s funktioniert. Nicht nur, daß die Band einen Männerchor angeheuert hat, der, in Uniformen der Teilnehmer des Ersten Weltkrieges gesteckt, für zusätzliche Gänsehaut sorgt. Auch werden nach & nach ehemalige Mitspieler der Band auf die Bühne geholt & versammeln sich dann zusammen auf der Harder – Stage, während Sänger Joaquin Broden mal auf der einen oder der anderen Bühne auftaucht. Schneller härter lauter: nicht kleckern, sondern klotzen. Ein tolles Konzert, für das allerdings auch eine der riesigen Bühnen vollkommen ausgereicht hätte. Es darf, denke ich, eine DVD erwartet werden, die den Anlaß angemessen in Szene setzt. Wer sich ein eigenes Bild von der Band machen will, dem sei als Einstieg das Video zu dem nur als Single erschienenen Song Bismarck empfohlen.

Danach geht´s beseelt nach Hause. Der Bus ist proppevoll, der Busfahrer bestens gelaunt, & so wartet alles auf den ersten Kreisverkehr in Itzehoe, den bei der Shell Tankstelle, denn dort wird traditionell die größtmögliche Schräglage völlig überladener städtischer Doppelgelenkbusse getestet. Jede Runde wird begeistert angezählt, Sprechchöre feiern den Busfahrer, der nach vier Runden, die Schräglage wechselnd, in die richtige Straße einbiegt & schon den nächsten Kreisverkehr, den bei der Apotheke, ansteuert, wo sich das Schauspiel wiederholt. Da sind einige bereits doch ziemlich bleich geworden & krallen sich mit geschlossenen Augen an den Sitzen oder ihren Nachbarn fest. 

Das Publikum in Wacken hat sich im Laufe der Jahre durchaus gewandelt. Es ist bürgerlicher geworden, weniger freakig, weniger außergewöhnlich. Lange Haare finden sich nur noch bei ca. 5 % der Anwesenden, der klassische Wacken – Gänger ist auch längst nicht mehr überwiegend männlich. Es gibt viele Leute, denen der Sparkassen- oder Versicherungsangestellte genauso aus dem Knopfloch hängt, wie das dringende Bedürfnis, hier die Sau rauszulassen, sich ein Paar Tage heraus zu schießen aus dem grauen Alltag & in eine wohlige Wolke aus Alkohol & Metal abzutauchen, die verhaßten sog. zivilisatorischen Regeln außer Kraft zu setzen, sich ggf. im Schlamm zu wälzen & schließlich komatös abzustürzen. Ernste mittelalte Gestalten mit Shirts i.d.R. unbekannterer Bands & kurzen Haaren verraten den Kenner, den Connaisseur & Verächter des Mainstreams, der klassische Kuttenträger ist keinesfalls ausgestorben & trägt Aufnäher von Bands, die dem Zwanzigjährigen ganz sicher unbekannt sind, & Leute, die eigentlich keinen Metal mögen, sondern höchstens Sabaton oder Powerwolf, sind deutlich erkennbar. Man begegnet ergrauten Veteranen, die weißen Haare & Bärte zusammengebunden oder geflochten, ungewöhnlich vielen Rammstein Fans,  die bei Weitem bürgerlichsten Erscheinungen auf dem Areal, aufgedrehten fahnenschwenkenden Latinos, stoischen Russen, abgeklärten Schweizern, quirligen Italienern & volltrunkenen jungen Mädels. Einigen ist selbst der Zweiwortsatz abhanden gekommen, andere starren wortlos vor sich hin, um unversehens aus vollem Hals den Namen des Ortes zu brüllen, an dem sie sich befinden. Der Eindruck, der entstehen mag, daß es sich hier um eine Ansammlung von 75000 Volltrunkenen handelt, ist jedoch grundlegend falsch. Zweifellos gibt es sie, die Volltrunkenen, die Abgestürtzten, die, die mit den psychischen & emotionalen Auswirkungen dieses Festivals nicht umgehen können, oder vorübergehend die Kontrolle verlieren, doch es ist eine sehr kleine Minderheit. Überall sind mobile Sani – Trupps unterwegs, auch die Security hat ein Auge. An den zahlreichen Wasserstellen  bilden sich lange Schlangen, niemand drängelt, jeder hat Zeit. Die peniblen Eingangskontrollen an den Eingängen des Infield lassen alle ohne Murren & Gezeter über sich ergehen, trotz der Gründlichkeit kommt es nicht zu längeren Wartezeiten. Auf den Campingplätzen sind derweil mannshohe Kühlschränke ausgeladen worden, zusammen mit surrenden stinkenden Notstromaggregaten, Fernsehern, Grillgeräten wirklich jeder Größe & Duschzelten. Liegt jemand regungslos irgendwo auf dem Acker, bildet sich sofort eine Traube von Menschen, die sich um ihn kümmern, schauen, ob er ansprechbar ist, rufen die Sanis, flößen ihm Wasser ein & kümmern sich weiter, bis er entweder wieder steht, oder aber medizinisch versorgt ist. Dafür wird auch das Konzert der Lieblingsband verpaßt. Doch alles ist auf eine besondere Weise ruhig, friedlich & teilnahmsvoll, hilfsbereit, höflich & achtsam. Es ist eine seltsame Welt, in der man sich hier bewegt.

Wackinger Stage, Coppelius

Für den Freitag sind schwere Gewitter & Starkregen angesagt. Da ist es ein Luxus, in der Ferienwohnung in Ruhe frühstücken zu können. Aufgrund der Unwetterwarnung erfahren wir über die App, daß die Konzerte unterbrochen werden & das Infield geräumt wird. Wacken wird indes verschont, das Gewitter tobt sich über Itzehoe aus. So treffen wir erst am späteren Nachmittag ein, gerade richtig, um Anthrax auf der Faster Stage zu erleben. Die 1981 in New York gegründete Thrash Metal Band wird vom einzig verbliebenen Gründungsmitglied, dem unermüdlichen Scott Ian Rosenfeld geleitet & zeigt musikalisch vom ersten Ton an, wo´s langgeht. Schnell, hart & mit Hard Core Shouts gespickt, rast der Fünfer durch´s Programm, auch der wunderbare Schlagzeuger Charlie Benante, seit 1983 dabei & gelegentlich krankheitsbedingt ersetzt, ist mit an Bord. Weniger filigran als Testament, deutlich geschmeidiger als Slayer findet die Band ihren eigenen Sound im Fach Thrash, & es macht einfach nur mächtig Spaß, ihr dabei zuzuhören. Höchst ärgerlich ist die Kameraführung, die sich nahezu ausschließlich auf Sänger Joey Belladonna konzentriert & dadurch das überaus bewegungsfreudige Bühnengeschehen auf den großen Videowänden vollständig ausblendet. Dafür gibt´s die goldene Zitrone. Mindestens. Meine Begleitung kann meine Begeisterung für Anthrax nicht teilen & wendet sich dem Wacken Village zu. Wir treffen uns dort später vor der Wackinger Stage, um einer deutschen Band namens Harpyie zuzuschauen, die mit einer Mischung aus Rammstein & Schandmaul sehr gut ankommt. Da sitzt jeder Song, rhythmisch genau & voller Spielfreude, die Texte sind düster, mit einem Hang zur Mystik, erzählen genretypische Geschichten. Der Funke will jedoch bei mir nicht zünden, zu abgegriffen die Riffs, zu einfach die Geige, &, zumindest heute Abend, zu schwach der Sänger. Mehr als eine leidlich unterhaltsame Stunde ist nicht drin. Es ist voll vor der Bühne, die Menge feiert die Band, & die gibt sich ja auch wirklich Mühe. Danach ist Zeit für ein Getränk & etwas zu beißen, sowie eine Rast im EMP Bereich. 

Gegen 22.00 Uhr gilt es, sich für das Kommende zu rüsten, sich einen guten Platz zu verschaffen, um Slayer zu sehen. Auf dem Aussichtsdach des Magenta Standes gelingt dies geradezu einzigartig, niemand nimmt die Sicht direkt auf die Bühne. Hier bekommen wir die letzte halbe Stunde von Demons & Wizards mit, & ich frage mich, wie das wohl stilistisch einzuordnen wäre, was dort gespielt wird. D & W sind eine sog. Allstarband, der Blind Guardian Sänger Hansi Kürsch, der Iced Earth Gitarrist Jon Schaffer, sowie Mitglieder beider Bands angehören. Die Musik hat etwas opernhaftes, vier Background SängerInnen verstärken diesen Eindruck. Die Stücke sind komplex & eher länger, haben neben einem hohen Speedmetalanteil stets auch ruhige balladeske Passagen, die mitunter unvermittelt wechseln, eingeworfene Vokalisen erinnern an alte Horrorfilmsoundtracks, & so entsteht ein abwechslungsreiches, wenn auch zuweilen arg konstruiert wirkendes musikalisches Geschehen, welches hier auf der Bühne weit besser klingt, als auf den etwas dünn produzierten beiden Platten, denen klanglich auch nach der remasterten Wiederveröffentlichung der nötige Druck fehlt.  

Für nicht Wenige, auch für mich, sind Slayer der Inbegriff des Metal schlechthin. Es gibt technisch versiertere Bands, es gibt handwerklich besser geschriebene Songs. Von allem bei Slayer gibt es Besseres. Aber das macht nichts, es spielt keine Rolle, es ist vollkommen gleichgültig. Slayer sind immer noch die Macht, die alles andere niederprügelt, haben immer noch die Ausstrahlung, die sie so einzigartig hat werden lassen, & deshalb wollen sie auch alle sehen. Dies ist die letzte Gelegenheit, Slayer sind auf Abschiedstour durch die Welt, die ihnen immer noch zu Füßen liegt, & wir werden sie & ihre Geschichten aus der Hölle, von Massenmördern, Verstümmelungen & anderen häßlichen Dingen, vom ewigen Kampf des Bösen gegen das Gute vermissen, denn God hates us all ist das Motto. Wir werden Tom Araya vermissen, wie er, allein im Scheinwerferkegel einfach nur stumm da steht, den bis zur Genickstarre kopfnickenden Kerry King, den zappelnden Gary Holt & den maschinengleichen Paul Bostaph. Doch es ist keine Zeit für Wehmut, es ist 90 Minuten Zeit, das zu feiern, was ins Mark von Herz & Seele geht, & es ist Zeit, jedem, der das nicht versteht, den Mittelfinger zu zeigen. Die Bühne ist in vorwiegend dunkles Rot getaucht, Flammen schießen hervor, bilden Kreuze & Feuerbälle & die Thrashmaschine haut eine nicht enden wollende Reihe ihrer unsterblichen Nummern heraus. & auf dem  schwarzen T – Shirt von Gary Holt steht in weißen Buchstaben No Lives Matter. Es ist genug gesagt, es ist alles gesagt. 

Faster Stage, vor Powerwolf

Das Wochenende ist angebrochen, & das bedeutet, daß sich Hunderte Wacken „Touristen“ in Familienstärke aufmachen, ins Dorf einzufallen, echte Metaller zu gucken & sich das Maul zu zerreißen, den im Dorf sehr günstig zu erstehenden alkoholischen Getränken zuzusprechen, den Festival Shuttle zu verstopfen, ihren Zehnjährigen WOA – Shirts überzuziehen & sich auch die Oma nicht entblödet, sich entsprechend zu verkleiden. Mit Metal haben diese Leute absolut nichts zu tun, Wacken findet hier als karnevalistisches Wochenendevent statt. Die zahllosen improvisierten Getränkestände nehmen den zusätzlichen Umsatz natürlich gerne mit. Spricht man mit Einwohnern, ist denen das zumeist gar nicht recht, denn im Gegensatz zu den Festivalbesuchern, gibt´s mit den Touristen zuweilen schon mal Ärger. Der Samstagabendshuttle ist dementsprechend von mehr oder weniger alkoholisierten Touristen durchsetzt, deren z.T. dämliches Gequatsche höchstens Augendrehen & Stirnrunzeln hervorruft. Campingplatz ganz hinten, gleich neben dem Klo, das ist das durchschnittliche Niveau. 

Der Festival – Samstag beginnt für meine Begleiterin im Dorf, sie begibt sich auf Shopping Tour in den Festivalladen. Ich schaue mir derweil Of Mice & Men an. Ich bin kein Freund von Metal Core, zu viele Bands machen daraus stumpfsinniges uninspiriertes Gebolze. Die Meister dieses Fachs sind für mich Heaven Shall Burn aus Thüringen, deren grandioses Konzert auf diesem Feld im Jahre 2017 unvergessen ist. Aber die sind aus ihrer Schaffenspause noch nicht wieder zurück. Of Mice & Men aus dem sonnigen Kalifornien, nach einem berühmten Roman von John Steinbek benannt, beschreiben den Schatten dessen, was man gewöhnlich den amerikanischen Traum nennt, die Namensgebung ist somit Programm. Depression & Verzweiflung, Trauer & Wut sind die Bestandteile ihrer Musik, der Sound eine Faust ins Gesicht des Zuhörers, Katharsis ist das Gebot, & wer sich einlassen kann auf das Geschreie & die komplexen Stakkatorhythmen kann eine Ahnung davon erfahren, was Erlösung sein könnte. Spätestens bei On the inside bekomme ich Gänsehaut & ein oder zwei gar nicht verschämte Tränchen kullern auf den Acker. Underneath, underneath the surface / I believe, I believe there´s a purpose / I hope you know we all suffer / Slipping under, but only on the inside / Our hidden fear, overtaking / We are breaking, but only on the inside / Can´t you see that this is killing me? / But only on the inside. OM&M verstehen es, komplexe Songs zu schreiben, die sie weit über das übliche Metal Core Einerlei herausheben & zeigen, was möglich ist. Sie wissen, was Harmonien sind & nutzen sie, Dynamik ist ihnen kein Fremdwort, wenn auch die vielschichtigen Soundflächen ihrer Studioproduktionen auf der Bühne nicht in vollem Maße reproduzierbar sind. Ein berührendes Konzert. 

Uriah Heep sind seit 50 Jahren unterwegs. Einzig verbliebener Gründer ist Gitarrist Mick Box, mittlerweile 72 Jahre alt. Ein Verdienst dieses Festivals ist, wie bereits gesagt, die Referenz gegenüber den Legenden, den Begründern & Veteranen.  Uriah Heep, erstmals in Wacken, spielen auf der Louder Stage, & viele, sehr viele, Junge & Alte, sind gekommen, sie zu sehen. So viele, daß die Security den Zugang sperrt & das Gelände vor der Louder Stage wegen Überfüllung schließt. Meine gerade von der Shopping Tour zurückgekehrte Begleiterin muß also draußen bleiben. Sehr schade, denn sie verpaßt ein wirklich schönes & stimmungsvolles Konzert einer Band, die ihr Handwerk immer noch auf das Vortrefflichste beherrscht, & dabei kein bißchen müde wirkt. Auch wenn der Sänger nicht das Format des unvergessenen David Byron erreicht, so versteht die Truppe durchaus zu überzeugen, auch die neuen Stücke sind Musterbeispiele für sehr gelungenen Classic Rock, ganz im Sinne des alten Sounds der Band bestimmt die Hammond Orgel das musikalische Geschehen, die mehrstimmigen hohen Vokalisen sitzen, die Songs sind fein ausgearbeitet & trefflich arrangiert, Mick Box zeigt sich bestens in Form, die Band spielt auf einem hohen Energielevel & kommt bei Alt & Jung sehr gut an. Keine Spur von Altersmüdigkeit oder desinteressierter Pflichterfüllung, hier ist alles so, wie es sein sollte. 

Danach ist das Päuschen im EMP – Bereich hochverdient, dann gilt es, sich zur Faster Stage aufzumachen, um Powerwolf zu sehen. Das sagen sich die meisten der Anwesenden auch, deshalb wird´s eng auf dem Feld vor der Bühne. Powerwolf sind ausgesprochene Publikumslieblinge. Das ist nicht verwunderlich, denn die überaus eingängige Musik hat uneingeschränkte Ohrwurmqualität. Nun gibt es immer Nörgler, Besserwisser & arrogante selbsternannte Avantgardisten, sowie „richtige“ Metaller, für die alles, was nicht schreit, grunzt & stumpf vor sich hin ballert, Verrat am Metal schlechthin darstellt. Das ist so traurig wie dumm, ahnungslos & borniert & dient wohl vor allem der eigenen Aufwertung. Gerade das metallische Genre bietet eine Vielfalt, die anderen Genres grundsätzlich abgeht, sodaß für jede Gemüts- & Stimmungslage, für jedweden Seelenzustand die richtige Musik, die richtige Band bereitsteht. Powerwolf, die ihren wunderbar durchdachten, konsequent auf Eingängigkeit abzielenden, gleichwohl handwerklich hochqualitativen Songs auch eine lebendige, bewegungsreiche & energiegeladene Show hinzufügen, kommen unglaublich gut an, haben das Publikum vom ersten Ton an fest im Griff, & lassen es, auch dank des sehr kommunikativen Sängers, nicht mehr los. Die 2004 in Saarbrücken gegründete Band benutzt Pseudonyme & eine eher an norwegische Blackmetal Bands erinnernde Maskierung. Eine aufwendige Bühnendeko & das nötige Feuerwerk runden die Angelegenheit ab. Die 75 Konzertminuten vergehen blitzschnell, Hit folgt auf Hit & es gibt nicht einen einzigen Song, der dem durchgehend hohen Niveau nicht gerecht würde. Beeindruckend. Nach einem Gang ins Wackingervillage nehmen wir letzte Eindrücke mit zum Bus & freuen uns über einen sehr gelungenen Tag.

So war auch dieses Wacken erneut eine runde Angelegenheit & meine vollends überzeugte Begleiterin wird nächstes Jahr wieder dabei sein. Es ist eine Anzahl verschiedener Faktoren, die zum Gelingen dieses Festivals beitragen. Die Treue der Metalheads zu ihrer Musik, zu ihren Bands, die selbst Jahrzehnte mühelos überdauert, dürfte im Musikbereich einmalig sein. Die Organisation ist, gemessen an der Größe der Veranstaltung, schlichtweg perfekt. Die Atmosphäre, über die schon so viel gesagt & geschrieben wurde, hat sich größtenteils erhalten. 

Kann man auf einem derart großen Festival alles sehen, alle 200 Bands? Ganz sicher nicht. Das ist schon aufgrund der Vielzahl der Bühnen & des zeitlichen Ablaufs unmöglich. Könnte man mehr Bands sehen, als wir dieses Jahr, ganz sicher. Irgendwann allerdings geht die Konzentration verloren, & das kann – zumindest für mich, für uns – nicht Sinn & Zweck sein. Von den Bands, die ich unbedingt sehen wollte, habe ich 95 % tatsächlich & in voller Länge gesehen. Was will man mehr. 

Das Wetter am Sonntag ist ausgezeichnet. So fahren wir nicht direkt nach Hause, sondern machen einen Abstecher nach Friedrichskoog, Seehunde anschauen, einen Augenblick auf dem Deich sitzen & in die endlose Ferne schauen, die Stille genießen & zum Abschluß im Restaurant Op´n Diek im nahegelegenen Neufeld einen herrlichen Fischteller mit badischem Gutedel herunterspülen. 

Das Leben kann sehr schön sein. 



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Veröffentlicht25. August 2019 von Klaus in Kategorie "Musik

2 COMMENTS :

  1. By Isolde Paul on

    Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.

    E. T. A. Hoffmann (1776 – 1822)

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  2. By Klaus (Beitrag Autor) on

    Liebe Isolde,

    die Menschen sollten sich an Hoffmann erinnern & sich zur Phantasie & zu solch trefflichen Kommentaren verführen lassen!
    der Argonaut

    Antworten

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