Juni 8

Provinz

. . . eine musikalische Reisebeschreibung . . . 

„Growing up it all seems so one-sided,
Opinions all provided
The future pre-decided
Detached and subdivided in the mass production zone
Nowhere is the dreamer or the misfit so alone“

Rush aus Subdivisions

 

In Zeiten, in denen das Urbane zum Maß der Dinge & zum Entwicklungsort des sog. zivilisatorisch – kulturellen Fortschritts erklärt wird, blickt der kosmopolitisch & multikulturell Ambitionierte mit der ihm eigenen Verachtung auf das, was er abschätzig Provinz nennt. Leben außerhalb der großen Städte, von Frankfurt bis New York, sei zwar möglich, jedoch vollkommen sinnlos. In wenigen Jahren, der hier Genannte ist dann ca. 40, wird er zum Kostenfaktor für das Gesundheitssystem. Seine Nerven & die Synapsen sind dann zugrunde gerichtet vom nachtaktiven Handy, dem ewigen Jetlag, den nur von regelmäßigen Besuchen im Kraftsportraum unterbrochenen Meetings & dem suizidalen Schlafdefizit eines 16 Stunden Tages.
Derweil scheint der Tag in der Provinz einem weit längeren Zeitrahmen zu folgen. Als mißmutiger Bewohner einer dieser Fortschrittszonen, die sich anmaßend auch noch als die schönste Stadt der Welt beprahlt, sich allerdings wenig Mühe gibt, das innere Pfui hinter dem äußeren Hui zu verstecken, weiß ich, wovon ich rede. Eine Kulturpolitik, die den großen Namen jederzeit gerne über den zu erwartenden Inhalt stellt, die der Vermarktung des aufgehübschten Nichts breiten Raum zubilligt & die Auslagen allzu bereitwillig mit Tand statt mit Pretiosen vermüllt, folgt mit Überzeugung dem Pfeffersackprinzip, welches in der Hansestadt seit jeher den sog. guten Ton angibt. Als Johann Sebastian Bach sich im Jahre 1721 als Organist & Kantor an St. Jacobi  bewarb, war man sofort bereit, ihn einzustellen, vorausgesetzt allerdings, er würde 1000 Goldtaler zahlen, das sei die Stelle ja wohl wert. Wie wir wissen, lehnte Bach dankend ab & ging nach Leipzig. Womit wir beim Thema wären.
Wir waren gerade zehn Tage in der Provinz, im Fränkischen, genauer gesagt in der liebreizenden alten Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber, die neben Horden von z.T. verhaltensauffälligen asiatischen  Touristen, einem wunderschönen Umland, soliden bis hervorragenden Gasthäusern & einem sehr speziellen, eher etwas derben, jedoch gleichwohl sehr köstlichen Wein, vor allem zwei besondere Kirchen & eine neue Kantorin aufzuweisen hat, über deren Wirken noch zu sprechen sein wird. Die Behauptung, in Rothenburg jeden Fachwerkbalken zu kennen, wäre sicherlich übertrieben, aber wir waren sehr häufig in dieser Stadt, in der abseits der Touristenroute auch zwischen neun & fünf eine angenehme Ruhe & Unaufgeregtheit herrscht, in der die alten Uhren langsamer zu gehen scheinen & in der die Menschen tatsächlich noch Zeit haben, was für uns gestreßte Großstädter anfangs nicht immer leicht zu ertragen ist. Das mittelalterliche Stadtbild wird beherrscht von der Jakobskirche, der großen gotischen, seit 1544 evangelischen Stadtkirche mit imposantem hohen schlanken Langschiff & zwei aufstrebenden viereckigen Türmen, die von den typischen gotischen durchbrochenen Spitzen gekrönt werden. Grundriß & Höhe variieren leicht, die Unterschiede sind deutlich sichtbar, aber nicht wirklich störend. Vom Bildersturm der Reformation weitgehend verschont, & das, obwohl einer der prominentesten Bilderstürmer, Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, sich ab Ende 1524 in Rothenburg aufhielt, jedoch vom Rat der Stadt ausgewiesen & bei seiner Flucht von aufständischen Bauern fast erschlagen worden wäre, ist St. Jakob reich an Kunstschätzen. Im Ostchor erhebt sich der imposante Zwölfbotenaltar von 1466. Die Bilder stammen  von Friedrich Herlin, das Schnitzwerk aus der Ulmer Schule. Auf der Empore des Westchores steht der Heiligblut Altar, von 1502 bis 1505 vom bedeutenden Würzburger Bildschnitzer Tilmann Riemenschneider geschaffen. In ihm befindet sich eine Bergkristallkapsel, die angeblich einen Tropfen Wein vom letzten Abendmahl Jesu´s enthalten soll. Ebenfalls auf der Westempore, vor dem Heiligblutaltar, erhebt sich die 1968 fertiggestellte riesige Orgel der österreichischen Werkstatt Rieger mit ihren 69 Registern & 5500 Pfeifen. Naturgemäß sind moderne Orgeln in klanglicher Hinsicht keine Referenzinstrumente für barocke Kirchenmusik, sie sind i.d.R. profunde Alleskönner. Selbstverständlich hört sich Bach auf einer Silbermannorgel anders, vornehmlich weicher, zeitgerechter & irgendwie richtiger an, allerdings ist dies ein Einwand auf überaus kleinkariertem Niveau & nur der akustischen Erbsenzählerei des Autors geschuldet. Grundsätzlich gilt: je moderner die Literatur, desto angemessener erscheint der Klang. Auch wenn die Bezeichnung „Alleskönner“ hier durchaus despektierlich wirken könnte, so ist dies im Falle der Rieger – Orgel & ähnlicher Instrumente in Wahrheit ein dickes Lob, denn der Bach klingt nach Bach & die französischen Spätromantiker finden ein ideales Instrument.

St. Jakob, Rothenburg ob der Tauber, Rieger – Orgel auf der Westempore

Die Stelle des Kantors an St. Jakob ist in der kirchenmusikalischen Hierarchie der evangelischen bayerischen Landeskirche eine A – Stelle. Voraussetzungen sind ein 4 – 6 jähriges Studium der Kirchenmusik incl. A- Prüfung für eine herausgehobene Tätigkeit an Hauptkirchen. Diese umfaßt Ausbildungs- & Leitungsaufgaben, eine herausgehobene künstlerische Aufgabenstellung, sowie Chor- & Ensembleanleitung. In den letzten Jahrzehnten war Rothenburg in dieser Hinsicht mit wahrhaft großen Künstlerpersönlichkeiten gesegnet, allen voran Prof. Gerd Wachowski, der von 1979 bis 1994 an St. Jacob tätig war, sowie als Lehrbeauftragter an der Musikhochschule in Frankfurt / Main, & ab 1993 dort auch als Professor für lithurgisches Orgelspiel. Wachowski war ein ebenso begnadeter wie gnadenloser Improvisator, der keinerlei Rücksichten auf die sonntäglichen Gottesdienstbesucher nahm, wenn er aus einer bekannten Melodie ausufernde, die Grenzen des Publikumskonformen weit überschreitende Klanggebilde auftürmte, die einigen Wenigen verzücktes Lächeln, den meisten jedoch hörbares Aus- & Aufatmen entlockte, wenn der letzte mächtige Akkord im Kirchenschiff verhallte. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes war allein wegen Wachowski´s Spiel einfach unverzichtbar. Sein Nachfolger, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger freundlich, volksnah & bieder wirkende Ulrich Knörr, war der künstlerische Gegenentwurf seines Vorgängers. Seine Improvisationen waren überwiegend ohrgefällig  & frei von künstlerischem Sendungsbewußtsein, die Konzertprogramme waren eher von Wohlwollen dem normalen Orgelfreund gegenüber gekennzeichnet & verzichteten auf musikalischen Bekehrungseifer genauso wie auf avantgardistischen Anspruch. Nebenher übte er eine Lehrtätigkeit an der Musikhochschule München aus, an der er Geschichte der evangelischen Kirchenmusik & Chorliteraturkunde lehrte. Dem als schwierig geltenden Künstler Wachowski folgte der geerdete & gemeindenahe Knörr. Er wurde im Jahre 2017 zum Landeskirchenmusikdirektor ernannt, dem höchsten Amt der evangelischen Kirchenmusik in Bayern. Wachowski wie auch Knörr haben eine Reihe von CD´s veröffentlicht.

Nachfolgerin von Knörr wurde letztes Jahr die erst 36 jährige Jasmin Neubauer, eine lebhafte quirlige Person, die mit gleichwohl großem Ernst an ihre Aufgabe herangeht. Ihr Spiel ist geprägt von klanglicher Transparenz & einer eher pathosfreien Interpretationsauffassung. Wir hatten das Glück, sie innerhalb von 10 Tagen zu insgesamt vier Anlässen zu hören. Im Rahmen einer privaten Andacht spielte sie eines unser Lieblingsstücke, die Suite Gothique des französischen Spätromantikers Leon Boellmann, ein Stück, auf das wir im Rahmen eines Konzertes von Gerd Wachowski aufmerksam wurden, der es dann ein Jahr später auf unseren besonderen Wunsch auch auf unserer Hochzeit spielte. Die vier überaus unterschiedlichen Sätze dieser Suite lassen eine Vielzahl interpretatorischer Möglichkeiten zu. Viele, auch sehr unterschiedliche Herangehensweisen klingen deshalb schlüssig & konsequent. Während Wachowski in den einzelnen Sätzen die dynamischen Extreme suchte & sie weidlich ausreizte, das ganze Stück in überwiegend gemäßigtem Tempo spielte, wählte Jasmin Neubauer die straffe & schlanke, stimmlich gut durchhörbare Variante & verlieh den Sätzen dadurch bei eher flottem Tempo eine fast tänzerische Note.
Frau Neubauer spielte auch zwei Konzerte in der etwas kleineren & erst im Jahre 1993 nach langjähriger Restauration wiedereröffneten, ebenfalls gotischen Franziskaner Kirche. Diese ist der bauliche Überrest eines im Jahre 1281 gegründeten Marienklosters. Wie bei den sog. Bettelorden üblich, verzichtete man auf einen Turm, lediglich ein kleines Dachtürmchen, in dem das Geläut hängt, ziert das lange schmale Dach. Im Ostchor ist der Franziskus Altar zu sehen, ein frühes Werk Tilmann Riemenschneider´s aus dem Jahr 1490. Bei der langjährigen, überaus umsichtig & sorgfältig durchgeführten Restaurierung der Kirche setzte man im Ostchor neue moderne Glasfenster des Künstlers Johannes Schreiter ein, die dem Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi gewidmet sind & vortrefflich mit dem gotischen Erscheinungsbild des Innenraums harmonieren. Die Orgel auf der Westempore stammt aus der Werkstatt des Nürnberger Orgelbauers Johannes Strebel,  wurde 1889 fertiggestellt & im Jahre 1992 umfänglich restauriert. Sie umfaßt 14 Register & verfügt über einen weichen warmen Klang, der sich hervorragend für Renaissance- & Barockmusik eignet. Im Rahmen eines ihrer Konzerte an dieser Orgel hatte Frau Neubauer ein Programm zusammengestellt, das von den barocken Meistern  Bach, Buxtehude & Telemann geprägt war, jedoch überraschender Weise auch den dritten Satz der Suite Gothique enthielt. Der weiche Klang des Instruments verlieh diesem Satz einen kammermusikalischen, nahezu intimen Charakter, der in der weit größeren Jakobskirche schwerlich erreichbar ist.

Franziskaner Kirche, Rothenburg ob der Tauber, Strebel – Orgel auf der Westempore

In St. Jakob hingegen gab Frau Neubauer zusammen mit der jungen Sopranistin Johanna Neß ein absolut großartiges & bewegendes Konzert mit Stücken für Orgel & Sopran, welches eine kompositorische Zeitspanne von Schütz bis Rheinberger umfaßte. Überwiegend am Orgelportativ im Altarraum, begleitete Neubauer eine junge Sängerin, die, von Barbara Schlick, Emma Kirby, sowie weiteren nahmhaften Interpreten Alter Musik ausgebildet, u.a. bereits bei den Göttinger Händel Festspielen unter Nicholas Mc Gegan & Andrew Parrott zu hören war & deren schlanker, ungemein wandlungsfähiger Sopran, sowie ihr emotionaler, jedoch nie affektbelasteter Ausdruck schlicht ein Erlebnis besonderer Art darstellten. Die weichen & lyrischen, dabei gleichwohl mit bedachter Trennschärfe & makelloser Technik vorgetragenen Verzierungen & Koloraturen in Jesu mi dulcissime des italienischen Komponisten Alessandro Grandi (1577 – 1630) erklangen derart anrührend & bewegend, dabei frei von künstlichem Pathos, das es das eine oder andere Tränchen in die Augen trieb. An der Rieger Orgel spielte Neubauer das Konzert für Orgel in G – Dur von J.S. Bach, sowie zu unserer besonderen Freude – die allerdings nicht von allen Besuchern geteilt wurde – das Piece heroique des französischen Spätromantikers Cesar Franck. Insgesamt ein Konzert auf höchstem künstlerischen Niveau, dem man ein, zumindest zahlenmäßiges, Großstadtpublikum gerne gewünscht hätte.
Erneut war abseits der sog. kulturellen Zentren & eines hochsubventionierten, allerdings auch zumeist ermüdend routinierten Kulturmaschinenbetriebs Herausragendes zu hören, & erfreulicherweise auch durchaus Abseitiges. Fernab der urbanen Arroganz & Großkotzigkeit zeigt sich wieder einmal, daß Kunst keineswegs von Millionensummen & Hochglanzbetrieb abhängig ist, sondern von persönlichem Engagement, Herz & Können.

 



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Veröffentlicht8. Juni 2018 von Klaus in Kategorie "Musik

1 COMMENTS :

  1. By Heidrun Scholz on

    KUNST UND LEBEN

    Was in unser Leben fiel,
    schwer wird leichter, fremd wird eigen,
    rostig will es wieder steigen,
    Will zurück zum Lebensreigen,
    und so wird´s ein Fest, ein Spiel.

    Natur trieb oft ihr Spiel mit Dir,
    nun, Künstler, treib Dein Spiel mit Ihr!

    Sinnspiel, aber ernst bestrebt.
    kommt! spielt mit! sinnt! es erhebt.

    Richard Dehmel (1863 – 1920)

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