September 28

Mein Lieben ist wie Fieber . . .

Shakespeare – Sonette; ein Ballettabend

Das Hamburger Publikum, besonders jenes, das sich für kunstsinnig hält, neigt im Einzelfall durchaus schon mal zur Extase. Wen es ins Herz geschlossen hat, verehrt es abgöttisch. Dazu gehört ohne Frage der Ballettintendant John Neumeier, nunmehr 80 – jährig & offenbar umtriebig wie stets. Daß er sich, trotz gelegentlicher Kritik auch auf diesen Seiten, jede Form von Zuneigung redlich & gewissenhaft verdient hat, steht  hingegen genauso außer Frage, wie seine überragende, nahezu singuläre künstlerische Lebensleistung. 

Was allerdings geschieht, wenn ein Ballettabend nicht von ihm, sondern von dreien seiner jungen Tänzer choreographiert wird, war an einem Septembersamstag in der Staatsoper zu besichtigen. Im hinteren Parkett waren erschreckend viele Plätze unbesetzt. Das gleiche traurige Bild bot sich in den Logen, von denen viele leer blieben. Derartiges ist im in der Regel ganz oder nahezu ausverkauften Haus ein Novum. Aber ein altbekanntes Problem des Hamburger Kulturbetriebs ist es nunmal, daß der Name zählt, & weniger der Inhalt. Neugierig ist man eher auf das ohnehin Gewohnte. 

Edvin Revazov, erster Solist des Hamburg Ballett, sowie die Solisten Alex Martinez & Mark Jubete hatten sich nichts weniger vorgenommen, als Sonette von William Shakespeare auf die Bühne zu bringen. Oder das, was diese im Jahre 1609 erstmals veröffentlichten 154 Gedichte in ihnen ausgelöst haben. Während sich Mark Jubete Gedanken über die Ursache von Leid & Elend in den Sonetten macht & über die zwischenmenschlichen Probleme nachdenkt, die es hervorruft, denkt Aleix Martinez über die Schönheit nach, die als äußerer Schein die innere Leere verbirgt. Edvin Revazov interessiert sich für die Zeit, in der die Sonette geschrieben wurden, besonders vor dem Hintergrund von Theorien, daß sie gar nicht von Shakespeare selbst, sondern von mehreren, unbekannten Autoren stammen könnten. Schon anhand dieser unterschiedlichen Herangehens- & Sichtweisen wird klar, wie schwierig es gewesen sein dürfte, zu einer gemeinsamen, in sich schlüssigen Aufführung zu gelangen. Die Aneinanderfügung unterschiedlicher Choreographien geschieht keinesfalls bruchlos, & doch ist deutlich spürbar, daß sich die verschiedenen Sichtweisen der jungen Choreographen auf beeindruckende Weise nicht nur aneinander, sondern auch ineinander fügen, daß dem Zuschauer glücklicherweise zugemutet wird, das Verbindende zu erfassen & emotional für sich zu gestalten. Die Musik – insgesamt werden Werke von dreizehn Komponisten gespielt – reicht von Minimal Music über polymetrische Rockmusik bis zu Jordi Savall & John Dowland. Es ist klar, daß diese musikalische & akustische Vielfalt vom Band kommt & nicht live dargeboten werden kann. 

Yaiza Coll, Lizhang Wang, Photo: Kiran West

Da die Shakespeare Sonette kein Handlungsballett darstellen, sondern Ausdruck innerer Eindrücke & Assoziationen der drei Choreographen sind, bleibt es dem Zuschauer überlassen, das, was er auf der Bühne sieht, mit seinen eigenen inneren Bildern & Vorstellungen abzugleichen, bzw. sich seine eigenen Assoziationen zu erschaffen. Die Empfindungen & Zusammenhänge, die im Kopf entstehen, sind folglich höchst subjektiv & individuell, beruhen auf den Wahrnehmungen & Lebenserfahrungen der Zuschauer, & das ist kein Nachteil, denn es kann nur das Ziel der Choreographen sein, dies nicht nur zuzulassen, sondern mit ihrer Arbeit explizit anzuregen & einzufordern. Das ist auf eindrucksvolle Art & Weise gelungen. 

Die Bilder, die Revazov, Martinez & Jubete erschaffen haben, erzeugen Eindrücke von emotionaler Wucht & Tiefe, changieren auf höchst poetische Weise zwischen verstörender Härte, besonders in den Fabrikszenen, & feinster Innigkeit, wie in den Pas de Deux eingangs & im deutlich ruhigeren zweiten Teil, wobei sich die Tänzer auf eine intime Innerlichkeit einzulassen haben. Auch diese z.T. schroffen Wechsel emotionalen Ausdrucks & Erlebens gelingen dem wunderbaren Ensemble fein abgestuft & mit sichtbarer Hingabe. Daran ändern auch kleine, noch unpräzise Details im Forced March, dem dritten Bild des ersten Teils, rein gar nichts. Das hohe Niveau der überwiegend sehr jungen Tänzer ist beeindruckend.  

Eingangs bewegt sich ein „weißes“ Paar zuerst einzeln & zögerlich, dann immer enger umeinander herum, bis es zu einem intimen Pas de Deux findet, wobei – & das ist das Beeindruckende an diesem von Mark Jubete choreographierten Bild – stets eine letzte kleine Distanz zwischen beiden spürbar bleibt, sie bleiben am Ende allein mit sich selbst & stellen den Zweifel sowie das Alleinsein, das Alleingelassensein, das in den Sonetten so oft durchscheint, als Liebeszweifel, als den vergeblichen Versuch, sich auf den anderen letztendlich einlassen zu können, sich in letzter Konsequenz hinzugeben, dar. 

. . . Vergaß ich, da es mir fehlt am rechten Glauben,
Den vollen Text der Liebesfestandacht.
Scheint meiner Liebe selbst die Kraft zu rauben,
Zu schwer trag´ ich an meiner Liebe Last. . . .

. . . so heißt es im Sonett Nr. 23, von Yaiza Coll & Lizhang Wang mit beeindruckender tänzerischer & emotionaler Intensität getanzt.

Sylvia Azzoni (2. v.l.), Lloyd Riggins (3.v.l.), Patricia Friza (rechts vorne), Ensemble, Photo: Kiran West

Da die Sonette kein Handlungsballett sind, haben die Choreographen folgerichtig darauf verzichtet, den Figuren Namen zu geben. Durch diese Anonymisierung schaffen sie Raum für das Auftreten ihrer Tänzer als Traum- , Wunsch-, oder Sinnbilder, als poetische Inkarnationen. Der Vorhang, der die beiden Liebenden, denen wir eben zugeschaut haben, von der Welt, aus der sie kommen – oder in die sie nun gerade erst gehen – getrennt hat, hebt sich & gibt den Blick frei auf die Maschinerie einer Menschenfabrik. Menschliche Werkstücke hängen von der Decke herab, Arbeiter schaffen ständig neue, tragen Teile hin & her & in rollbaren gläsernen Schaukästen sind Musterstücke zu besichtigen. Die Liebenden durchtanzen diese Szenerie, bis sie Einlass in einen der Schaukästen finden. Sind sie selbst nicht auch nur das Musterstück eines liebenden Paares? & wer ist der kleine Junge, der durch die Bilder streift, losgelöst, nahezu teilnahmslos. Durch die Szenerie bewegt sich ein Arbeiter eher ziellos, zweifelnd; zaudernd bleibt er stehen, seine wenigen Bewegungen sind langsam & unsicher. Lloyd Riggins, dieser großartige Tänzer, nun ein Meister der Andeutung, der kleinen sparsamen, doch umso bewußteren Gesten, der zu zweifeln scheint an dem, was er sieht, dessen Teil er im Innern nicht ist. Oder eine junge Frau, energisch, zielgerichtet, fast wild scheint sie eine herausgehobene Position unter den Arbeitern einzunehmen. Patricia Friza tanzt sie  energiegeladen & doch zerbrechlich, gefährdet, ahnungsvoll. Für mich ist dieses Bild, Fabrik 1, das zentrale Stück des ersten Teils, von Aleix Martinez phantasievoll, vielschichtig & voll dunkler, abseitiger Poesie gestaltet. Die Musterstücke, Frauen in rosa Kleidern, weiß maskiert, eine fängt an sich zu bewegen, . . . I wanna be loved by you . . . & das Musterstück ahmt menschliche Bewegungen nach, ruckhaft & parodistisch, Sylvia Azzoni ist in dieser Maske nicht zu erkennen. Die ganze abgründige Tiefe der menschlichen Existenz, ihre emotionalen Verwerfungen, ihr Streben & Wollen, letztlich ihr Scheitern ist auf dieses Bild übertragen. So wie die großen Maler der niederländischen Spätrenaissance, die in ihren Bildern mittels einer metaphorisch – apokalyptischen Komik ihren Zeitgenossen den Spiegel vorhielten, so zeigt sich auch Shakespeare in seinen Sonetten mit den Abgründen der menschlichen emotionalen Existenz vertraut. Die Besucher blicken beim Betreten des Saals – ahnungsvoll – auf eine Spiegelwand. Martinez hat verstanden, daß Shakespeare, wie alle großen Dichter, die Liebe als den Brennpunkt aller menschlichen Sehnsüchte & Leidenschaften, alles Strebens, Wollens & Scheiterns begriffen hat. 

Ist die Rückverwandlung des Menschen, des Schmetterlings, in den Zustand der Verpuppung die Reinkarnation in die vorgeburtliche Unschuld als Ausdruck des Reinen, Unwiderlegbaren in der Liebe? In dem stillen poetischen Bild, das Revazov findet, um diesen Zustand zu beschreiben, & das von Olivia Betteridge & Florian Pohl sehr berührend als Pas de Deux getanzt wird, will es so scheinen, denn hier erscheint die letzte Distanz zwischen den Figuren erstmals vollkommen aufgehoben. 

 . . . Mein Lieben ist wie Fieber: es begehrt
Nach dem wodurch die Krankheit noch mehr schwillt
Nährt das noch mehr, was mich so stark verzerrt,
Damit der kranke Appetit gestillt.  . . .

. . . lautet ein Vers aus dem Sonett Nr. 147, & schon wird die Idylle beendet, bricht die Gewalt über die Unschuld herein, Vogelmenschen treten auf, unheimlich anzusehen, oder sind es nicht vielmehr Pestärzte, die durchs Land ziehen, mit riesigen Schritten die Weite durchmessen & die Kranken von den Gesunden scheiden. Shakespeare´s Zeit war von schweren Pestepidemien erfüllt & die Pestärzte trugen mit Kräutern gefüllte Schnabelmasken, die sie vor Ansteckung schützen sollten. Unser Lieben ist endlich, muß endlich sein & es ist schwer, diese Obszönität zu ertragen. Revazov hat ein tiefes poetisches Verständnis für die Dualität des Lebens & des Leidens. 

Ensemble, Photo: Kiran West

Der zweite Teil ist weitgehend geprägt von der Suche des Einsamen nach Verstehen, & nach dem Verständnis von dem, was er oder sie sich unter Erfüllung, unter Liebe vorstellt & gleichzeitig vom Eingeständnis der Unerfüllbarkeit, der Erfolglosigkeit allen menschlichen Strebens & Sehnens. In der Menschenfabrik brechen die Schranken zwischen den Musterstücken in den Glasvitrinen & den Begehrenden außerhalb auf, die Bewegungen sind langsam, zögerlich, unsicher. Lloyd Riggins sucht vergeblich, in stiller einsamer Verzweiflung, die Nähe menschlicher Wesen, in einem Bild zusammen mit Viktoria Bodahl, als Schatten gedoppelt von Yaiza Coll & Lizhang Wang. & immer wieder Florian Pohl, zusammen mit Anna Laudere im Pas de Deux, in dem die Vergeblichkeit des Liebeswunsches beiden zu noch intensiverem emotionalen Ausdruck verhilft, denn über all dem liegt stets der Schatten der Hoffnungslosigkeit. Die großartige Patricia Friza kann nicht einsehen, will sich nicht fügen in diese Vergeblichkeit. Ihre Bewegungen werden schneller & ausgreifender, je mehr ihr dies bewußt wird. 

In einem grandiosen Schlußbild vereinen sich schließlich alle zur elegischen Musik von Jordi Savall zu einer menschlichen Pyramide, zu einem letzten verzweifelten Versuch, nun dem Himmel doch noch zu entreißen, was er ihnen freiwillig nicht zu geben vermag.

Ein in jeder Hinsicht bewegender, erschütternder Abend, ein Glücksfall für diese Companie.

Die jungen Choreographen erliegen glücklicherweise nicht der Versuchung, sich auf die Tanz- & Bewegungsmuster ihres Mentors zu beziehen, sie suchen konsequent nach ihrem eigenen Ausdruck. Es gelingen Bilder von teils verstörender poetischer & dramatischer Wucht, gleichzeitig aber auch Momente großer intimer Innerlichkeit. Es ist gelungen, den Sinn, die innere Bedeutung & Aussage der Sonette zu erfassen & poetisch konsequent umzusetzen. Die Spanne der zeitgeschichtlichen Bezüge reicht von der Spätrenaissance bis in die heutige Verirrung der technischen Hybris, der Erschaffung human – technologischer Hybride. 

Der Mut zu dieser Aufführung könnte ein Aufbruch in die Moderne des zuweilen doch etwas angestaubt wirkenden Spielplans sein, das sei allen Beteiligten zu wünschen. Uns bleibt an dieser Stelle nur der große Dank für einen wunderbaren Ballettabend, bei dem allen Beteiligten die zahlreichen leeren Plätze herzlich egal sein sollten. Das Neue hat stets seine Feinde, & das vorgeblich Bewährte schafft eine lediglich trügerische Ruhe. Kunst kann niemals Stillstand sein, sie hat zu suchen, zu forschen & sich selbst zu finden. Das ist an diesem Abend auf exemplarische Weise gelungen.

 

Danksagung:

Ich danke Lisa Zillessen von der Pressestelle des Hamburg Balletts für die Erlaubnis, die Aufführungsphotos von Kiran West für diesen Beitrag verwenden zu dürfen.



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Veröffentlicht28. September 2019 von Klaus in Kategorie "Ballett, Kunst & Kultur

3 COMMENTS :

  1. By Udo Behrendt on

    Lieber Klaus, aufgefordert, etwas über die von Dir beschriebene Aufführung zu verfassen, wäre ich vielleicht auf drei oder vier Sätze gekommen und das wäre dieser tief beeindruckenden Inszenierung nicht gerecht geworden. Umso schöner, dass Du es gemacht hast. Das Ballett fand ich von A bis Z unglaublich spannend. Ich würde es mir ohne Frage noch einmal ansehen wollen. Im Hinblick auf die geringe Besucherzahl sei angemerkt, dass wohl kaum jemand die Pause nutzte, um sich dem Neuen zu entziehen und die Darbietung am Ende mit herzlichem Applaus bedacht wurde.
    Zum Schluss stellten sich die Darsteller in Schlange vor Lloyd Riggins und er nahm einen nach dem anderen in den Arm. Ein Abschied?

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  2. By Klaus Scholz on

    Lieber Udo, da Lloyd Riggins ja auch stellvertretender Ballettdirektor ist, war‘s vielleicht ein Abschied vom aktiven Bühnenleben, was schon „schlimm“ genug wäre, weil ich dann den von mir Verehrten nicht mehr in der Vorstellung sehen könnte. Solange er dem Ballett erhalten bleibt mit all seiner Erfahrung & seinem Wissen ist es gut. Außerdem habe ich ihn immer als ausgesprochen netten Menschen erlebt.

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  3. By Anna Ramiew on

    Sonett VIII

    Du bist Musik dem Ohr, und doch zur Last
    Ist dir Musik? Ist Lust mit Lust entzweit?
    Das Schöne feind dem Schönen? Ist verhaßt
    Die Freude dir, nur lieb die Traurigkeit?
    Verletzt der Töne Ineinanderweben,
    Des Wohllauts volle Harmonie dein Ohr,
    Es ist, weil milden Vorwurf sie erheben,
    Daß deine Stimme schweigt in ihrem Chor.
    Horch, wie ein Ton dem andern sich vermählt,
    In einem Takte alle Saiten schwingen,
    Wie Vater, Mutter, Kind, die glückbeseelt
    Ein Jubellied vereinigt alle singen.
    Und wortlos sagt vielfältiger Verein
    Dir eine Mahnung: „Nichts bist du allein!“

    William Shakespeare

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