April 20

Mehr Theater

. . . die Tedeschi Trucks Band in Hamburg . . .

 

Mehr Theater, . . . oder, wie es richtig heißen muß: Mehr! Theater. Der Sinn dieser etwas kryptischen Einleitung wird sich im Folgenden hoffentlich gleich doppelt erschließen. Auf dem riesigen Gelände des Großmarktes in Hamburg, zwischen Hauptbahnhof & Elbbrücken gelegen, wurde im Jahre 2015 in der denkmalgeschützten Großmarkthalle ein modernes, flexibles Multifunktionstheater eröffnet. Bestuhlt bietet die Halle 2400 Menschen Platz, unbestuhlt sind es tausend mehr. Die Zuschauerfläche zieht sich wie ein breiter Streifen durch die Halle & besteht aus Parkett, Hochparkett & Balkon. An den Seiten befinden sich die Foyers mit den Getränkeständen, die zum Zuschauerraum hin offen sind, was einen luftigen angenehmen Charakter vermittelt. Insgesamt eine sehr gelungene Konstruktion & eine echte Bereicherung der Hamburger Konzertarchitektur. Da die Parkettreihen nach hinten leicht ansteigen, ist auch für optimale Sicht gesorgt.

An diesem Ort spielte am Montag, den 15.4.2019 die Tedeschi Trucks Band. Es sollte ein denkwürdiger Abend werden. Die Sängerin, Gitarristin & Songschreiberin Susan Tedeschi, in den USA vielfach als beste Bluessängerin ausgezeichnet, & ihr Ehemann, der Slide Gitarrist Derek Trucks, veröffentlichten im Jahre 2010 ihr erstes Album unter gemeinsamem Namen. Trucks war zudem von 2000 bis zu ihrer Auflösung im Jahre 2014 Mitglied der Allman Brothers Band, in der sein Onkel, Butch Trucks, Schlagzeug spielte. Die Musik der TTB ist deshalb kaum verwunderlich eine Mischung aus Blues, Rock & Soul.
Gehört diese Musik in den USA zur tief verwurzelten kulturellen DNA quer durch alle Generationen, so ist dies hierzulande grundlegend anders. Ca. 95 % der mehrheitlich männlichen Zuschauer waren in etwa eine Generation älter als die Band auf der Bühne. Das bedeutet, wer in seiner Jugend nicht mit Musik wie dieser, also den Allman Brothers, Grateful Dead, sowie den zahlreichen Southern Rock & Bluesrockbands nordamerikanischer Herkunft aufgewachsen ist, weiß womöglich gar nicht, daß diese Musik existiert. Woher auch. In Zeiten des Formatradios, konzerngesteuerter Playlists & kurzfristigen Streamingmülls ist die Auswahl an Musik minimiert & zudem wird weit mehrheitlich konsumiert was cool ist, also nichts selbst Entdecktes & Ausgesuchtes. So sah man dann auch überwiegend zum Beamten, Angestellten oder Handwerker mutierte Ex – Hippies, die in dieser Erscheinung auch bei jedem Helene Fischer Konzert auflaufen könnten, vom Leben in die üblichen Bahnen gepreßt. Nur sehr vereinzelt fielen Allman Brothers & Grateful Dead Shirts auf, dann allerdings auch in Verbindung mit langen, zuweilen auch schütteren Haaren, deren Träger offensichtlich dem Zahn der Zeit & dem Konformitätsdruck widerstehen konnten.

Die TTB hat bislang vier Studioalben, sowie zwei Liveplatten veröffentlicht. Diese waren überaus erfolgreich & gewannen einen Grammy, sowie den Blues Music Award. Dementsprechend waren die Erwartungen ziemlich hoch. Höchst erfreulicherweise begann das Konzert pünktlich & ohne Vorprogramm (danke !!), sowie mit gutem Sound & mäßiger Lautstärke. Die zwölfköpfige Band besteht aus den beiden Protagonisten, sowie aus zwei Schlagzeugern, Baß, Keyboard, drei Bläsern & drei weiteren Stimmen. Los ging´s mit Don´t know what it means vom Album Let me get by aus dem Jahr 2016. Schon das einleitende Gitarrenmotiv offenbarte die Southern Roots dieser Musik, um dann mit Einsetzen des Gesangs in eine Mischung aus Blues & Soul einzutauchen, die für diese Band so typisch ist. Tedeschi´s Gesang ist live wesentlich rauer, ja durchaus dreckiger als auf den Studioveröffentlichungen, was sehr angemessen klingt & ein Stück Gefälligkeit aufgibt, um ein deutliches Mehr an Seele hinzuzufügen. Der Song mündete in ein Saxophonsolo des bemerkenswerten Kebbi Williams, das in dieser Art durchaus eher an Ornette Coleman erinnerte als an eine Bluesrockband, & deswegen eine starke Reibung mit dem Rest der Truppe erzeugte, was durch eine dem Groove entgegengesetzte Rhythmik noch zusätzlich betont wurde. Die Nummer ging nahtlos in The Letter über, hier eher in einer an Joe Cocker orientierten Fassung, als im Box Tops Original zu hören. Der Refrain offenbarte dann das unglaubliche Potential dieser Sängerin & erklärte, warum sie Bonnie Riatt & Janis Joplin als ihre Vorbilder bezeichnet.
Viel diskutiert wurde schon immer die Frage nach dem Sinn von zwei Schlagzeugern in einer Band. Ist die Kombination eines Drummers mit einem Percussionisten nachvollziehbar & relativ häufig zu hören, so sind zwei oder gar drei Drummer, wie jüngst bei King Crimson, doch eher selten. Grateful Dead, die Doobie Brothers &, zumindest zeitweise auch die Allman Brothers, sind die einzigen bekannten Bands, die mir grad einfallen. Die beiden Trommler der TTB sind J.J. Johnson & Tyler Greenwell. Der Abend zeigte eine klare Aufgabenteilung. Während Johnson überwiegend für den geraden Beat & den Groove zuständig ist, verdichtet Greenwell mit filigraner Snare- & Beckenarbeit den Sound. Außerdem spielt er zuweilen mit der rechten Hand diverse Shaker statt des HiHats.
Vor der Pause gab´s erneut einen ausgedehnten Doppelpack aus Leaving Trunk & Volunteered Slavery zu hören. Die ca. 20 minütige Pause gab Gelegenheit, neben der Einnahme eines Getränks auch das zu überdenken, was bislang zu hören gewesen war. Die beiden männlichen & die weibliche „Background“ Stimme: Mike Mattison, Mark Rivers & Alecia Chakour, sind vollwertige Frontleute, die sich keinesfalls hinter Tedeschi zu verstecken brauchen, & erfreulicherweise auch ausgiebig Gelegenheit erhalten, dies zu demonstrieren. Wenn sie dann zusammen die Harmonielinien hinter Tedeschi´s Stimme singen, kommt schon mal Gänsehaut auf. Saxophonist Kebbi Williams ist mit seinem, der Musik eigentlich konträren Solostil eine echte Bereicherung, genau wie Posaunistin Elizabeth Lea, die mit schönem Ton & weichem Ansatz zu überzeugen wußte. Trompeter Ephraim Owens konnte da nicht ganz mithalten. Neu in der Band sind Brandon Boone am Baß, sowie der Keyboarder Gabe Dixon, der den im Februar diesen Jahres verstorbenen Kofi Burbridge ersetzen muß.

Tedeschi Trucks Band im Mehr! Theater Hamburg (Handyphoto)

Derek Trucks dürfte der weltweit führende Slide Gitarrist sein. Seine Spielweise, gänzlich ohne Plektrum, mit einem gläsernen Bottleneck auf dem linken Ringfinger & wunderbar dynamischem & variationsreichem Sound, den er aus einem Fender Superreverb & einer Gibson SG Standard herausholt, bestimmt wesentlich den Sound dieser Band. Daß er sich dabei nie in den Vordergrund spielt ist angenehm & sympathisch. Die beiden letzten Stücken im ersten Set beinhalten längere Solopassagen & weiß er diese so zu gestalten, daß keinerlei Langatmigkeit aufkommt, sondern auch große musikalische Bögen spannungsvoll, dynamisch & hochmusikalisch, sowie mit stupender Technik gestaltet werden. Das geht weit über virtuose Zurschaustellung hinaus, das ist ein Höchstmaß an Homogenität zwischen Idee & Ausführung. Unvergleichlich. Nur sehr wenige Gitarristen sind in der Lage, ihr Instrument singen & Geschichten erzählen zu lassen. Derek Trucks ist dazu uneingeschränkt in der Lage. Seine Frau, die im gesamten Konzert zweimal den Solopart übernahm, kann durchaus als Antipodin bezeichnet werden. Ihrem Spiel geht jegliche Eleganz, alles Fließende, rundweg ab. Nach einigen Takten wird jedoch klar, daß, schlösse man die Augen, dort auf der Bühne jemand aus der alten schwarzen Bluesgarde stünde, aus dem Süden nach Chicago gezogen, & der selben archaischen, vollständig unvirtuosen Spielweise verpflichtet, der Technik nichts, Ausdruck jedoch alles bedeutet.

Das vierte Stück im zweiten Set, Somebody pick up my Pieces, widmet Tedeschi ausdrücklich den Menschen in Paris, die zu diesem Zeitpunkt hilflos mitansehen müssen, wie Notre Dame de Paris in Flammen steht. Eine sehr schöne Geste, die vom Publikum unverständlicherweise viel zu zurückhaltend aufgenommen wird. Schade, egal aus was für Gründen. Höhepunkt nicht nur dieses Sets, sondern des gesamten Konzertes ist dann eindeutig Shame, ein eigentlich typischer TTB Song, der jedoch in ausgedehnte Soli von Gitarre & Baß mündet, mit starken dynamischen Kontrasten spielt & die Band plötzlich wie Grateful Dead & Trucks wie Jerry Garcia klingen läßt. Die Tonfolgen der Gitarre erinnern nunmehr an indische Ragas, der Klang fast eher an ein Glockenspiel, als an eine Gitarre. Trucks, von dem bekannt ist, daß er sein Equipment sehr puristisch hält, benutzt dafür ganz sicher keine Effekte, sondern lediglich seine Finger. Sensationell ! Der Freiraum, der hier entsteht, & den die Band mit großer Spielfreude nutzt, macht deutlich, welches musikalische Potential hier auf der Bühne steht. Chapeau! Danach verläßt ein Großteil der Truppe die Bühne & Tedeschi singt den Bob Dylan Song Don´t think twice, it´s allright in wunderbar zurückgenommener Weise & vollkommen uneitel. Beim folgenden How blue can you get bestreitet Tedeschi noch einmal den Solopart, danach klingt das Konzert mit Show me aus. Eine kurze Zugabe, das war´s. Die Uhr zeigt 22.30.

Die Vorstellung, wozu diese Band in der Lage ist, wenn sie den Tod ihres langjährigen Weggefährten Kofi Burbridge verarbeitet & die neuen Mitglieder an Baß & Keyboard dauerhaft integriert hat, sprengt gegenwärtig mein Vorstellungsvermögen. Vielleicht ist das auch gut so, man kann sich immer auf etwas freuen. Insgesamt bleibt einfach: mehr Theater geht nicht.
Ach ja, diese Besprechung ist euphorisch, stimmt, & das ist mindestens angemessen – & deshalb das Notwendige, das gesagt werden muß.

 



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Veröffentlicht20. April 2019 von Klaus in Kategorie "Musik

1 COMMENTS :

  1. By Paul Rose on

    Da liegt ein Musikant begraben

    Ich ging im Wald, im grünen Wald,
    So recht tief in Gedanken,
    Da sah‘ ich Vöglein mannigfalt
    Auf grünen Zweigen schwanken.

    Da hört‘ ich Rauschen über mir,
    Ringsum Gesang und Girren,
    Den Guckuck fern und unter mir,
    Ein Summen und ein Schwirren.

    Dazwischen klang’s so leis und lind,
    So wundersam und eigen!
    Sind’s Glöcklein, angehaucht vom Wind?
    Ist’s Klang von einer Geigen?

    In leisen Weisen säuselnd ging’s,
    In schönverschlung’nen, bunten,
    Es lockte mich bald rechts, bald links,
    Bald oben und bald unten.

    Bald kam’s aus Rosenbüschen vor,
    Daß ich mich wollte neigen,
    Bald wandt‘ ich aufwärts Aug‘ und Ohr
    Und sucht‘ es in den Zweigen.

    Dem unsichtbaren Geigenklang
    Folgt ich, als wie im Traume,
    Bis wo der Pfad sich wirr verschlang
    Am alten Eichenbaume.

    Ich merkte nicht, wohin ich ging,
    Mein Geist war in den Ohren,
    Erst da ich stolpernd mich verfing,
    Sah‘ ich den Pfad verloren.

    Und stolpernd sank ich weich zum Grund,
    Ganz nahe klang das Geigen,
    Auf grünem Hügel Blümlein bunt
    Thäten im Takt sich neigen.

    Jetzt kenn‘ ich dich, du Geisterhand
    Mit deinen Wundergaben!
    Ruh‘ wohl, du lieber Musikant,
    Der du hier liegst begraben!

    Friedrich von Sallet

    Aus der Sammlung Romanzen, Legenden und Balladen

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