August 8

Man of the World

. . . zum Tode von Peter Green

Shall I tell you about my life
They say I’m a man of the world
I’ve flown across every tide
And I’ve seen lots of pretty girls

I guess I’ve got everything I need
I wouldn’t ask for more
And there’s no one I’d rather be
But I just wish that I’d never been born

And I need a good woman
To make me feel like a good man should
I don’t say I’m a good man
Oh, but I would be if I could

I could tell you about my life
And keep you amused I’m sure
About all the times I’ve cried
And how I don’t want to be sad anymore
And how I wish I was in love

Man of the World / Fleetwood Mac

 

Leser dieser Seiten haben sich vielleicht gefragt, warum hier seit einigen Monaten nichts mehr veröffentlicht worden ist. Angesichts der chinesischen Seuche war es mir nicht möglich, auch nur einen Satz zu schreiben oder einen klaren längerfristigen Gedanken zu fassen. Nach dem Wegfall von Konzerten, Festivals, Ballettaufführungen & Lesungen, blieb die Verunsicherung, das Mißtrauen & die Angst. Jeder wurde zum potenziellen Überträger, jedes Niesen, jeder Huster angstvoll beäugt & die Seuche begleitet mich seitdem wie ein dunkler Schatten, auch wenn es mittlerweile wieder bessere Tage gibt.
Obwohl ich seit Kurzem wieder an einem längeren Text für den Argonauten arbeite, war es, welch Zynismus in dieser Zeit, der Tod von Peter Green, der mich persönlich sehr getroffen & berührt hat, & der nun Anlaß ist, einige Gedanken hierzu für den Argonauten aufzuschreiben. Obwohl das Biographische hier nicht im Mittelpunkt stehen soll, einige Eckdaten dieses offenbar so früh erfüllten tragischen Lebens, dessen Nachwirken Green wohl nicht mehr wirklich wahrgenommen haben dürfte, sollten sein. Er verdankt seinen Ruhm vier Langspielplatten, die zwischen 1967 & 1969 aufgenommen wurden, sowie einigen Singles. Als Nachfolger von Eric Clapton bei John Mayall´s Bluesbreakers erschien im Jahre 1968 A hard Road. Kurz darauf verließen Green, der Schlagzeuger Mick Fleetwood & der Bassist John McVie die Bluesbreakers & gründeten Fleetwood Mac zusammen mit dem Gitarristen Jeremy Spencer. Wenig später kam Danny Kirwan als dritter Gitarrist dazu. Fleetwood Mac veröffentlichten drei Studioplatten, sowie abschließend ein Live Doppelalbum, welches sie mit einigen bedeutenden schwarzen Bluesmusikern in Chicago aufnahmen. Es folgten noch einige Singles, mit Songs, die sich teilweise auf keiner der LP´s finden, wie z. B. Man of the World.
Fleetwood Mac gelten heute als die beste weiße Bluesband ihrer Zeit & verkauften 1969 mehr Platten als die Beatles. Ihr Stil wandelte sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens in der o.g. Besetzung vom traditionell geprägten Blues hin zu psychedelischen & hardrockähnlichen Strukturen, deren Fundament jedoch stets der Blues geblieben ist.
1970 verließ Green die Band. Zu dieser Zeit hatte er bereits massive Drogenprobleme, die sich soweit verschärften, daß bei ihm eine Schizophrenie, vermutlich ausgelöst durch LSD, diagnostiziert wurde. Es folgten Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken & nach Aussagen von Mick Fleetwood, war Green danach nie wieder der selbe; er lebe, so Fleetwood, in seiner eigenen Welt. Nach dem Ende seiner Klinikaufenthalte arbeitete er eine zeitlang als Totengräber. Das Gitarrenspiel mußte er zumindest teilweise neu erlernen. Mit dem 1979 veröffentlichten Album In the Skies gelang Green nocheinmal ein beachtlicher Erfolg. Von 1997 bis 2003 existierte die Peter Green Splinter Group, das letzte Projekt, an dem er beteiligt war.
Seine Musik, besonders sein Gitarrenspiel haben mich immer, wenn ich sie gehört habe, tief bewegt. Unsere Lebensstimmung verläßt uns nie, von den Tagen des ersten Bewußtseins an, bis zu unserem Ende, schrieb Ernst Jünger & verglich sie mit einer Melodie. Diese Melodie, eine Weise von ebenso tiefer Traurigkeit, wie leuchtender Erhabenheit, das war die Art, wie Green sein Instrument singen lassen konnte wie kein zweiter mir bekannter Gitarrist. Dabei ging es ihm nie um den vordergründigen Effekt, das schnelle Staunen, es ging ihm auch nicht um den Ausweis der Virtuosität, die er zweifellos besaß, jedoch selten zeigte. Green war auf der Suche. Seine Töne erkundeten die seelischen Spannungen, loteten die dunklen Tiefen menschlichen Seins aus, & waren doch auch ungeheuer tröstlich, wenn man unter Trost auch die Erfahrung der Katharsis kennt. Manchmal schien es, daß ihm sein eigenes Spiel zum Mysterium geworden war, daß die Tiefe der Emotionen, die er den Saiten zu entlocken wußte, ihn selbst bedrohte, verunsicherte & ihn auf dem sehr schmalen Grad balancieren ließ, der himmlischen Trost von abgrundtiefer Verzweiflung trennt.

Fleetwood Mac, v.l.n.r. Jeremy Spencer, Danny Kirwan, Mick Fleetwood, John McVie, Peter Green. Groß, v.l.n.r : Jeremy Spencer, Peter Green (Handy – screenshot BEAT CLUB aus dem Jahre 1969)

 

Die bruchlose Einheit von Musik & Text wird nur an wenigen Stellen deutlicher, als bei Man of the World, dieser Ballade eines Verzweifelten, dessen Leid sich in den Schlußarpeggien aufzulösen scheint, ganz so, als verließe eine erlöste Seele das finstere Behältnis des irdischen Daseins. Für die Beschreibung dieses gebrochenen Lebens benötigen Fleetwood Mac gerade einmal 2 Minuten & 41 Sekunden.
Neben seinen Drogenproblemen läßt sich bei Green frühzeitig ein Verlangen nach Spiritualität, eine dringliche Suche nach Gott erkennen & vielleicht hat ihn das Empfinden von Vergeblichkeit, das in seinen Texten früh deutlich wird, zum LSD geführt, in der Hoffnung, dadurch endlich zu finden, wonach er auf der Suche war: Now, when I talked to God, I knew He’d understand / He said, „Stick by my side and I’ll be your guiding hand / But don’t ask me what I think of you / I might not give the answer that you want me to“
So heißt es in der zweiten Strophe von Oh Well, & es wird deutlich, daß selbst hier, trotz Gottes Versprechen, der Zweifel, das Empfinden des unwerten Selbst über die Hoffnung siegt.
Vielleicht hat Green, nachdem er durch die Hölle von LSD, Schizophrenie & Psychiatrie gegangen war, ja letztlich doch seinen Frieden mit sich selbst & mit Gott machen können. In seinem letzten großen Erfolg, dem Soloalbum In the Skies, heißt es im Titelstück: When I reach up my hand / To the loving son of man / The bread of life will keep my soul alive.
Am 25. Juli 2020 ist Peter Green nun im Alter von 73 Jahren verstorben. Mit ihm ist ein Mensch & Musiker von uns gegangen, der dank seiner ungeheuren Sensibilität & Emotionalität Singuläres geschaffen hat, aber tragischerweise sehr frühzeitig genau daran zerbrochen ist. Was bleibt, ist die Hoffnung, daß sich die seine erfüllt hat.



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Veröffentlicht8. August 2020 von Klaus in Kategorie "Musik

1 COMMENTS :

  1. By Anna Ramiev on

    Melodie
    Deine Augen legen sich in meine Augen

    Und nie war mein Leben so in Banden,
    
Nie hat es so tief in Dir gestanden

    Es so wehrlos tief.

    

Und unter Deinen schattigen Träumen

    Trinkt mein Anemonenherz den Wind zur Nachtzeit,
    
Und ich wandle blühend durch die Gärten

    Deiner stillen Einsamkeit.

    Else Lasker-Schüler (1869-1945)

    Antworten

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