Oktober 22

Krumme Gestalten, vom Wind gebissen *

. . . der S. Fischer Verlag trennt sich von Monika Maron – ein offener Brief:

Klaus Scholz
Hamburg

An den
S. Fischer Verlag
Hedderichstraße 114
60596 Frankfurt am Main
Z. Hd. Frau Siv Bublitz

Sehr geehrte Frau Bublitz,

Ihr Haus hat es für richtig befunden, die Zusammenarbeit mit Monika Maron zu beenden.
Sie werfen Ihr eine Zusammenarbeit mit dem Buchhaus Loschwitz sowie indirekt mit dem Antaios Verlag vor. Diese Zusammenarbeit sei mit dem Publizieren beim S. Fischer Verlag unvereinbar. In der frühen Adenauer – Ära, sowie später in den siebziger Jahren während der schlimmsten Auswirkungen des sog. Radikalenerlasses, existierte der Begriff der Kontaktschuld, der auch den beiden Diktaturen auf deutschem Boden nicht fremd war. Wer als „politisch unzuverlässig“ galt, hatte persönliche & berufliche Nachteile zu befürchten. Diese Kontaktschuld wenden Sie bzw. Ihr Verlag nun auf eine Autorin an, die in der DDR gelebt hat & deswegen mit der Unbotmäßigkeit abweichender Meinungen bestens vertraut ist. Der offensichtliche Zynismus dieser Koinzidenz mag auch Ihnen möglicherweise nicht verborgen bleiben.

Frau Maron hat in der Edition Loschwitz einen Band mit Essays veröffentlicht, die u.a. die zunehmende geistige Enge & die exclusive linke Diskurshoheit in diesem Lande thematisieren. Für deren Inhalt hat der S. Fischer Verlag mit der Trennung von der Autorin, vor allem jedoch mit Ihrer expliziten Begründung derselben eine umfängliche Bestätigung nachgereicht.
In gewisser Weise ist Ihrem Verlag für diese Entscheidung zu danken, kann sie doch fortan als ein weiterer Beleg dafür angeführt werden, was in diesem Land von wem noch angstfrei gesagt & geschrieben werden darf, oder eben auch nicht, da massive Einschnitte in die soziale & materielle Existenz zu befürchten sind.

Eine Zensur findet nicht statt (GG, Art 5). Das ist richtig; es gibt keine Zensurbehörde & auch die Justiz verteidigt zumeist in sehr klarer Sprache das Recht auf freie Meinungsäußerung. Was es gibt, ist allerdings weit schlimmer & gefährlicher: es gibt ein Klima sich ständig weiter ausbreitender Angst, dem, was von einer verschwindend kleinen Minderheit als „politisch korrekt“ vorgegeben, & dem politisch – medialen Komplex zu eifriger Exekution hingeworfen wird, zu widersprechen. Laut einer repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts IfD in Allensbach sind 65% der Befragten der Meinung, in diesem Lande besser zu „bestimmten“ Themen zu schweigen, weil sie sonst persönliche Nachteile befürchten. Das IfD sah sich daraufhin in der ZEIT dem Vorwurf ausgesetzt, „rechte Klischees“ zu bedienen. Das spricht für sich. Daß der Verlag von Thomas Mann, Hermann Hesse, Arthur Schnitzler & Sigmund Freud sich an der unseligen Cancel Culture, der Entsorgung des Unangepaßten & Unerwünschten beteiligt, ist ein Zeichen demokratischer & geistiger Regression. Ein Nachschlagen bei Ihrem Autor Sigmund Freud lohnt sich.

Selbstverständlich ist Ihnen klar, daß Monika Maron nach dem Rauswurf durch Ihr Haus in keinem anderen renommierten Verlag ein Unterkommen finden wird, da niemand bereit sein dürfte, sich dem Haß der Twitter – Gestapo auszusetzen.
Vielleicht herrscht ja auch mehr oder weniger unterdrückte Freude in einer Szene, in der sich die Sprecherin der Jury des Deutschen Buchpreises, Frau Hanna Engelmeier, bei der diesjährigen Preisverleihung in einem T – Shirt zeigte, auf dem das linksradikale Antifa – Logo zu sehen war. Die Träger dieses Logos in Connewitz, Kreuzberg & anderswo werden dieses deutliche Signal ihrer Aufwertung zu würdigen & zu nutzen wissen.

Schön, auch das als eine inhaltliche Bestätigung der Maron – Essays werten zu dürfen.

Mit freundlichem Gruß

Klaus Scholz

P.S. dieser Brief wird auf meinem Blog der Argonaut veröffentlicht.

* Krumme Gestalten, vom Wind gebissen ist der Titel des bei der Edition Loschwitz veröffentlichten Essay – Bandes von Monika Maron



Copyright © 2014. All rights reserved.

Veröffentlicht22. Oktober 2020 von Klaus in Kategorie "Politik & Gesellschaft

1 COMMENTS :

  1. By Udo Behrendt on

    Chapeau, ich ziehe den Hut vor dem Autor dieses Artikels, sowohl für den Inhalt als auch für die Form und Wortwahl und ich hoffe sehr, dass er die Adressatin erreicht und von ihr auch gelesen wird.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.