April 9

Gedankensplitter X

. . . oder die Liebe zur Geometrie . . . 

 

Am 7. Februar 2016 habe ich meine ersten Gedankensplitter auf diesen Seiten veröffentlicht. Das ist nun über drei Jahre her. In diesen drei Jahren haben sich die beschriebenen Zustände kaum verändert. Im Gegenteil: der moralische Imperativ absurder Realitätsverleugnung unterstreicht ungebrochen seinen totalitären Erziehungsanspruch. Habe ich mich verändert, gewiß! . . . würde ich sagen. 

Neulich fand ich auf der Netzseite des Kabarettisten Bruno Jonas folgenden kleinen Absatz, den ich hier, wie ich finde passend zur zehnten Ausgabe der Gedankensplitter, zitieren möchte:

„Schön, dass Sie mir auf die Seite gegangen sind. Jetzt weiß ich gar nicht, wer Sie sind. Sie werden es bestimmt wissen. Obwohl man sich da nie ganz sicher sein kann. Ich frag mich ja auch manchmal, wer bin ich denn eigentlich? Ich such mich oft. Und grade dann, wenn ich drüber nachdenke, wer ich bin, weiß ich oft nicht, wo ich bin. Weil ich mich da total vergessen kann. Schön, dass wenigstens Sie mich gefunden haben. Vielleicht können Sie mich gelegentlich darauf aufmerksam machen und mir sagen, wo ich grade bin.“

Dem möchte ich nichts hinzufügen. Auch dies ein Grund dafür, warum aus Gedanken Splitter werden:

 

Die der Realität abgerungene Erfahrung steht immer für sich allein. Sie ist nicht teilbar.

Einsamkeit ist die Abwesenheit des Gleichsinnigen.

Der Mensch zu sein, der man sein möchte, & der, der man sein könnte wird von der Wahrnehmung der Realität zuverlässig verhindert. Vor diesem Hintergrund bleibt der Wunsch dazu tragisch, der Versuch selten & zumeist sinnlos.

Daß die Vergangenheit keineswegs vergangen ist, auch dann nicht, wenn sie sich nicht wiederholt, beschreibt einen Zustand des Innewohnens von Emotionen, Gedächtnisfetzen & Assoziationen. Die Möglichkeit, dazu nein zu sagen, besteht nicht.

Das abgespaltene Ich findet seinen Wiederhall in der Abstraktion des Vergangenen.

Es muß sich dringend etwas ändern – vorausgesetzt, alles bleibt, wie es ist.

Neulich stand ich vor einer Weltkarte von drei mal zwei Metern Größe. Schon mit zwei Schritten Abstand war Deutschland nicht mehr zu sehen.

Der Verlust von Freunden, nicht durch Tod, sondern durch Unverständnis, gehört zweifellos zu den Obszönitäten des Daseins.

Ideologie ist der stets scheiternde Versuch, die Wirklichkeit mit dem Absurden verbinden zu wollen. Demnach sind Ideologen die Opfer ihrer eigenen, falschen,  Schlußfolgerungen.

Bereits der Versuch, selbst denken zu wollen, wird gemeinhin als Zumutung empfunden.

Es ist relativ egal, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Zumeist wird es trotzdem ausgetrunken.

Wege, so wird gesagt, entstehen beim Gehen – oft genug ist dies jedoch eher ein zielloses Herumirren.

Die Selbstverweiblichung männlicher Autoren wird zur Triebfeder der intellektuellen Selbstoptimierung. Lustig sogar in Zeiten sich auflösender Identitäten.

Noch einmal zur Staatskapelle des neuen Deutschland, Feine Sahne Fischfilet. Die hohen Weihen von Bundespräsident & Außenminister ersetzen den Echo. 

Zitat:  „Was die Fürsprecher einer gendergerechten und politisch korrekten Sprache so unerträglich macht, ist die Arroganz ihrer normativen Selbstgewissheit und der fundamentalistische Furor, mit dem sie anderen Menschen qua Sprachdiktat ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit oktroyieren wollen.“

Alexander Grau, Cicero – online, am 19.11.2018

Hamburg, Speicherstadt, Pickhuben

Parteien sind Resonanzräume, in denen der Nachhall der eigenen Stimme mit dem Beifall des Publikums verwechselt wird.

Die sog. Zivilgesellschaft hat lediglich die äußere gegen die innere Uniform getauscht.

Man darf den SPIEGEL dank Herrn Relotius jetzt auch guten Gewissens als Lügenpresse bezeichnen.

Zitat: „Das Beste, was man über AKK sagen kann: sie ist eine Frau.“ 

Bascha Mika im ARD Presseclub v. 16.12.2018

Der Absturz dieses Landes wird von Bewohnern & Verantwortlichen mit dem sanften Schwingen einer Hollywoodschaukel verwechselt.

Die Befürwortung des Brexit, das Bejubeln autoritärer Herrscher jeglicher Couleur, die Leugnung der menschengemachten Klimakatastrophe & der stets rückwärts gewandte Blick; kurz: das Festhalten am imaginierten Verlorenen, markieren Wegmarken der Häresie des menschlichen Verstandes & die Unfähigkeit zur Zukunft. 

Der Organist Jürgen Henschen spielt in der Krippenandacht im Michel am 28. Dezember das Introitus von Zoltan Kodaly. Das ist mutig in dieser zwar auf massentauglichen Wohlklang geeichten, doch trotzdem sehr verdienstvollen Reihe. Sodann improvisiert er zum Choral Vom Himmel kam der Engel Schar ein Vorspiel, in dem es einen Augenblick lang so scheint, als verliere er sich darin. Es ist einer dieser Momente, in denen eine recht weltabgewandte Rücksichtslosigkeit die Zumutung wagt. Gott sei Dank!

Der Altjahresabend ist bekanntermaßen Anlaß zu alkoholischer & pyromanischer Enthemmung. Grundsätzlich ist zu beobachten, daß die Menge der erstandenen Feuerwerkskörper beim Prekariat mit Abstand am höchsten ist. Offensichtlich handelt es sich um eine Kompensation des als weitgehend nutzlos empfundenen Daseins. Das Wegsprengen von Fingern & Augen, die Panik von Tieren & die ungeheuerliche Luftverpestung erweisen sich leider nicht als mäßigend. 

Überhaupt haben sich bislang grundsätzlich alle Appelle, auch in anderer Sache, als erfolglos erwiesen. Das zeigt, daß der sinnvolle Gebrauch des Verstandes eher die Ausnahme darstellt & Freiwilligkeit als Handlungsaufruf mißverstanden wird. Im Politischen bedeutet das Setzen auf Freiwilligkeit das Absegnen der eigenen Untätigkeit.

Endlich, sagte ich, den Roten Schal in Händen, endlich, & verbrannte die Zeitungen, auch die, deren Feuilleton mir das Buch erst vorgestellt hatte. 

Das Suchen nach Sprache ist, in einer Welt voller Worte, die Suche nach dem Sinn hinter den Dingen.

Berührtwerden von dem, was hinter den Sätzen aufleuchtet, für die, die noch sehen können das Flackern des lang Entbehrten, das Empfinden von etwas schmerzlich Vermißten, nur ihnen verständlich.

Das Ertragen jeglicher Zumutung, besonders im Namen des Fortschrittlichen, des Anständigen, des als unwiderlegbar Behaupteten, heißt heute Toleranz.

Die Einfältigen wissen zumeist nicht, daß sie vielen indigenen Völkern als heilig gelten.

Der sogenannte Fortschritt ist stets die Sache einiger Weniger, der Rest stolpert blind hinterher.

In wie weit muß man sich verständlich machen wollen, wenn es einen oft unüberwindlichen Unterschied zwischen Verstehen & Verständnis gibt.

Rothenburg ob der Tauber, Sterngasse

Ein argumentatives Pro & Contra, also der Austausch von rationalen Argumenten ist ersetzt worden durch die richtige Haltung, die einzunehmen das Denken erübrigt.

Es bedarf offensichtlich erst einer schwedischen Autistin & Horden von eventorientierten schulpflichtigen Halbgebildeten, damit in diesem Lande das Überlebensthema des Planeten zumindest wahrgenommen wird. Das Lob dafür von den Handlungsverweigerern ist vergiftet. Diese können sich hingegen des Beifalls der Konsum- & Autofetischisten sicher sein. 

Handeln müssen grundsätzlich immer die Anderen.

Robert Habeck: der Messias der saturierten Anständigen, der unbelehrbar Gutwilligen; meinungslos aber haltungsstark, herbeigeschrieben & TV – gerecht ausgestellt von unseren medialen Gesellschaftspädagogen.

Zitat: „Wenn wir mutig sind und auch mal die Regeln brechen, dann können wir zeigen: Diese Welt gehört uns und nicht denen die Sitzen- und stehen bleiben!“

Katrin Göhring Eckardt am 5.4.2019 via Twitter

Zitat: „Denn heute gehört uns Deutschland & morgen die ganze Welt!“

aus Es zittern die morschen Knochen, NS – Propagandalied, verboten gem. §§ 86 f StGB

Siri Hustvedt im Schauspielhaus. Ausverkauft. Auf der Bühne eine sehr schlanke hochgewachsene Frau, die, beispiellos, den Unterschied zwischen Literatur, Kunstgeschichte, Psychoanalyse & Neurowissenschaften in einem essayistischen & erzählerischen Miteinander gleichberichtigt stehen läßt & es doch schafft, das eine mit dem anderen zu versöhnen. Ein Lebenswerk von außerordentlicher intellektueller Brillanz, in dem Leben & Schreiben, Denken, Beobachten, Fühlen & Verstehen zu Teilen einer ungemein inspirierenden Persönlichkeit werden. Charmant & humorvoll vorgetragen, waren diese zwei Stunden kein Kassiber aus dem Elfenbeinturm, sondern ein Ruf an das Leben. Daß im Publikum höchstens 5 % männlich waren, spricht für sich. 

Manchmal schreibe ich auch für Jemanden, der dies nicht mehr liest; Hoffnung bleibt.

Das Wissen, daß wir, wenn wir uns für das Leben entscheiden, ständig verändern, macht vielen Menschen Angst. Diese Veränderung anzunehmen & zu gestalten, erscheint denen, die dies aus unterschiedlichsten Gründen nicht können, oft als Opportunismus, Meinungswendigkeit & Ziellosigkeit. Im Zweifel für den Zweifel lautet nicht ohne Grund die Überschrift dieses Blogs. Die Texte, deren älteste Jahre vor der Einrichtung dieser Seiten entstanden sind, künden auch von dieser Entwicklung.  Manchmal bleiben die Wegmarken, die Anstöße geben, unentdeckt. Manchmal stehen bestimmte Ereignisse als Auslöser fest. Ich empfinde diese zehnte Ausgabe der Gedankensplitter als eine solche Wegmarke, genauer gesagt als einen Text, der diese Wegmarke nachträglich – & sehr bewußt –  setzt, ohne zu wissen, an welchem Punkt genau ein Zweifel geweckt wurde & ein Wandel eintrat. Jedoch: Es ist gut, wie es ist. 



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Veröffentlicht9. April 2019 von Klaus in Kategorie "Politik & Gesellschaft

1 COMMENTS :

  1. By Mascha Himmel on

    Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland

    Es kommt durch die Dielenbretter, durch den Spalt unter der Tür,
    Durch den Mauerriß, durch jeden Zwischenraum.
    Es kommt durch die Heizungsrohre, es kommt durchs Fenster zum Hof,
    Und es sieht aus wie ein guter alter Traum.
    Und es gurgelt aus dem Abfluß,
    Und es raunt im Tiefkühlfach,
    Und es wispert hinterm Kaktus,
    Und ein Vogel pfeift‘s vom Dach.
    Und dann tritt das Gerücht furchtlos hinter der Schrankwand hervor,
    Verdichtet sich zur Gewißheit und es flüstert mit im Chor:
    „Das oberste Menschenverstandskommando gibt bekannt:
    Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland!“

    Ich lauf‘ runter auf die Straße, auch der Hauswart weiß es schon,
    Sprüht es auf die Wand und gibt Vernunftalarm.
    Es kommt zu rührenden Szenen tumultart‘ger Harmonie,
    Und Wildfremde fall‘n sich schluchzend in den Arm.
    Und da kommt es auch im Fernsehn,
    Und jetzt steht‘s im Extrablatt:
    Spontanes Einander-gern-Sehn
    Erfaßt schon die ganze Stadt.
    Und ein Marsch des guten Willens hat sich auf den Weg gemacht,
    Aus Büros, Fabriken, Schulen, Häusern, aus dem U-Bahn-Schacht,
    Unaufhaltsam wie ein Beben, mächtig wie ein Flächenbrand:
    Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland!

    Und schon werden über Akte der Vernunft Meldungen laut.
    Da! Die ersten sinnvollen Dinge geschehn:
    Es treten schon hier und da vermehrt Politiker zurück,
    Ohne Leugnen, ohne Sichwinden und Dreh‘n.
    Vorbei sind die hohlen Sprüche,
    Korruption und Kungelei.
    Jetzt gibt‘s Ehrlichkeitsausbrüche.
    Alle, alle sind dabei:
    Hehler, Steuerhinterzieher, Geldwäscher und Dunkelmann
    Treten in Bahamas und in Luxemburg den Heimweg an
    Und eil‘n zum Finanzamt mit dem Schwarzgeldkoffer in der Hand!
    Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland!

    Und die Wurzeln alten Übels werden endlich aufgedeckt
    Und die Schuldigen geächtet und gebannt.
    Und ein Gangster wird ein Gangster und ein Schuft wird jetzt ein Schuft
    Und ein Rüstungsfabrikant Mörder genannt.
    Und die schlechten Selbstgerechten,
    Brandstifter und Biedermann
    Und die ganzen rechten Schlechten
    Zeigen sich von selber an.
    Und die alten und die neuen Ewiggestrigen im Land,
    Haben sich selbst abgeschoben, die Staatsbürgerschaft aberkannt.
    Mancher kommt geläutert wieder, doch diesmal als Asylant.
    Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland!

    Kriegstreiber und Kirchenfürsten haben endlich ausgespielt,
    Die Verdummungsindustrien geh‘n bankrott.
    Ab jetzt denkt man wieder selber, wir sind endlich, endlich frei,
    Dogmen und Gegängel landen auf dem Schrott.
    Schluß mit Häme und Gehetze,
    Gepetze und Korruption,
    Mit Vertuschung und Geschwätze
    Und Verarschung der Nation.
    Die gemarterte Kultur kommt langsam wieder auf den Damm:
    Anstatt Fernsehwerbung läuft auch ab sofort wieder Programm,
    Und der Mutantenstadl wird auf 1 Uhr nachts verbannt.
    Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland!

    Jetzt um alles in der Welt keine Bewegung, keinen Ton,
    Jetzt nicht aufwachen, ganz stillhalten, nicht rühr‘n.
    Nur nichts hören, nur nichts sehen, nur nichts merken und wenn doch:
    Dann nur nicht verzweifeln, nicht kapitulier‘n!
    Mit dem schönen Traum abtauchen
    In die rauhe Wirklichkeit,
    Denn ich werd‘ ihn dringend brauchen
    In dieser verbohrten Zeit.
    Ja, der Hauswart kratzt mit Bürste, Eifer, Fleiß und Terpentin
    Fluchend an der Hauswand an der kühnsten aller Utopien.
    Nur mein Pulsschlag pocht noch immer das Graffiti, das da stand:
    Vernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschland!
    ernunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschlan
    rnunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschla
    nunft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutschl
    unft breitet sich aus über die Bundesrepublik Deutsch

    Liedertext von Reinhard Mey

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