Mai 30

Fünf Tage am Rhein

. . . Tabernaculum Dei cum Hominibus . . . *

 

„Und der Engel antwortete & sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt worden zu Dir zu reden und Dir diese gute Botschaft zu verkündigen. Und siehe, Du wirst stumm sein und nicht sprechen können bis zu dem Tag, da dies geschehen wird, dafür, daß Du meinen Worten nicht geglaubt hast, die sich zu ihrer Zeit erfüllen werden.“

Lukas 1 (19, 20)                

Der erste Tag:

 

Damals, an einem trüben diesigen Oktobertag des Jahres 2011, an dem ein hauchfeiner Niesel aus den dichten tiefen Wolken fiel, erreichten wir das erste Mal die Benediktinerinnen Abtei St. Hildegard, auf einem steilen Hügelkamm, hoch über Rüdesheim gelegen. Es war kein Tag für touristische Unternehmungen, wir waren die einzigen Besucher. Als wir vorsichtig das schwere Kirchenportal öffneten, stand im Foyer, fast direkt vor uns & mannshoch, der Engel des Schweigens. Die blaue Tonplastik hielt einen Finger vor den geschlossenen Mund & einen Finger der anderen Hand vors Ohr. Er forderte von uns, den Eintretenden, Stille, Schweigen & Einkehr. Dem Täfelchen zu seinen Füßen war zu entnehmen, daß dies Gabriel sei, der vor Gott steht & eine gute Botschaft zu verkündigen hat. Hinter ihm öffnete sich der große Kirchenraum ins Dunkle hinein. Wir traten ein & schwiegen.

Mein Aufenthalt in der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein war bereits länger vereinbart. Ich hatte das Bedürfnis, der Großstadt zu entfliehen, dem Trubel & dem Streß, unfrohen Ereignissen & seelischen Belastungen. St. Hildegard ist der passende Ort, um all das zu verarbeiten, abzuschalten &, in des Wortes Bedeutung, Einkehr zu halten. Nach tagelangem Hin & Her, ob ich nun fahren will oder nicht, der Erkenntnis, daß das Alter besorgter macht & ängstlicher, der Frage, ob ich H alleine lassen kann oder will, wo sie doch wg. Paul´s Tod immer noch so leidet, bringt sie mich zur Bahn & ich steige am Dammtor in den ICE nach Frankfurt. Ihr kommen am Bahnsteig die Tränen & ich wäre nicht gefahren, wenn sie´s gesagt hätte – das war die Vereinbarung. Jetzt rollt der Zug & ich kann mich nicht freuen. Hinter den Elbbrücken beginnt für gewöhnlich der Urlaub. Heute allerdings nicht. Aber es ist ja auch kein Urlaub, nicht nur jedenfalls. Alleine fahren ist nicht das Selbe. Der Zug ist voll. Neben mir eine junge Frau, eher artig, bieder & langweilig, packt ihre BILD aus ! & hat sie auch noch als App auf dem Handy. Vielleicht arbeitet sie bei Springer, die einzig denkbare Entschuldigung. Dafür spricht, daß sie nach dem lustlosen Durchblättern der BILD Netflix schaut.

Hannover, Göttingen, Kassel, Frankfurt. Immer noch ist das Einfahren in Frankfurt etwas Besonderes. Eine Stadt, die ich kaum kenne, aber dennoch liebe. Umsteigen in den Regio, fast eine Stunde warten, in der riesigen Bahnhofshalle umher wandern, aus den Lautsprechern tönen Warnungen vor organisierten Bettler- & Diebesbanden & der Regio 12 fällt heute aus. 

Bis Wiesbaden vorwärts, danach rückwärts weiter bis Rüdesheim. Neben mir eine Gruppe junger netter Menschen, ordentlich & gebildet, auf Sauftour nach Rüdesheim. Aber zuerst Wandern, zu Fuß zum wilhelminischen Niederwalddenkmal hoch, vielleicht noch eine Schiffahrt, dann allerdings in die Drosselgasse. Das erscheint mir etwas seltsam, irgendetwas paßt nicht; die angenehme Art der jungen Menschen & ihre Zielgerichtetheit, aber auch eine gewisse Distanz zu dem, was sie heute vorhaben, nimmt für sie ein. Wenn ich zurückdenke an ähnliche Ausflüge damals, in dem Alter, in dem diese Mittzwanziger jetzt sind, wäre von Distanz nichts zu spüren gewesen. Zuweilen ist es erstaunlich, nicht vom Wege abgerutscht zu sein, damals, nachhaltig, endgültig. Jemand hat wohl die Notbremse gezogen, oder war es die Möglichkeit, unterbewußt, doch noch Verantwortung übernehmen zu können? Schon immer das Bild von Zügen, Notbremsen, Weichen, Sackbahnhöfen, aus denen es – wenn überhaupt – nur rückwärts wieder hinaus geht. 

Die winzigen Bahnhöfe, an denen die Rheingaubahn hält, namenlos, vielleicht bis auf Eltville, lassen erkennen, wer hier aussteigt, wer hier wohnt. Das Publikum entspricht den Häuserfassaden, den Dächern, den Grauschattierungen der Hinteransichten mehr oder weniger alter Bauten. 

In Rüdesheim, wo die Bahn fast direkt neben dem großen alten Fluß hält, versucht der Ort sich von dem flußzugewandten Touristendorf mit seinen billigen Weinlokalen, falschen Italienern, freudlosen alten Besuchern & angehübschten Hotels fern zu halten. Die Mitte des Monats Mai ist erreicht, es ist kalt & das Wetter gottseidank weit von den Schrecknissen des letzten Jahres entfernt, dementsprechend gelangweilt sehen auch die aus, die die paar gelangweilten Besucher bedienen müssen. Trostlos.

Ich ziehe meinen kleinen Rollkoffer die Touristenfassaden entlang bis zum Marktplatz, der zwar auch nicht ohne Andenkenläden auskommt, jedoch noch mehr Ortskern ist als Kulisse, & warte auf die Taxe, die mich hoch zur Abtei fahren soll. Vor vier Jahren, als ich zuletzt hier war, hab ich den gleichen kleinen Rollie den steilen Fußweg nach oben gezogen. Es war Mitte März & trotzdem deutlich wärmer. Heute, eine Knieverletzung später & konditionell außer Form, werde ich mir das nicht zumuten. Ist die Vernunft, auf den Kraftakt zu verzichten, in Wahrheit nur das Eingeständnis des eigenen Verfalls, der sich kaum länger leugnen läßt? 

Die Schwester an der Klosterpforte sagt, nachdem sie gefragt hat, wer Einlaß begehrt, Sie waren schon mal hier. Aber die Haare waren nicht rot. Doch, sage ich, waren sie, nur länger. Und tatsächlich auch schon rot ? Ja, sage ich. Sie scheint einen Augenblick zu überlegen, tritt dann zur Seite & strahlt mich freundlich an. Sie kennen sich ja aus, oder muß ich noch was erklären, nein, das müssen Sie nicht, danke Schwester. Diesmal gibt mein Zimmer, es heißt Johanna, Nummern gibt es nicht, den Blick auf den Rhein frei, sowie auf die Schafweide, es befindet sich an der Stirnseite des Gästeanbaus. Es ist ähnlich eingerichtet wie das, welches ich im Jahre 2015 hier bewohnt habe, nur größer. Gelegentlich streichen lange, wolkenbedingte Schattenfinger über das Rheintal, so als wollten sie erfühlen, ob alles so ist, wie es sein soll. Demnach wären die Bewohner des Himmels blind & die Oberfläche der Erde eine Art Braille – Schrift, die es zu entziffern gilt. Nachdem ich meine paar Sachen ausgepackt habe, gehe ich direkt in die Kirche. Hier drinnen, in der lichtarmen Stille des romanisch inspirierten Kirchenschiffes mit den herrlichen Fresken, die in ihrer Ornamentik deutlich dem Beuroner Stil & somit dem Art Deco zuzuordnen sind, gleichwohl jedoch eine Reminiszenz an die ottonische Kunst darstellen, während die farbigen umlaufenden Bilder aus dem Leben Jesus eine prärafaelitische Prägung aufweisen, ist nichts zu hören. Die Stille ist sofort körperlich erfahrbar. In der großen Apsis breitet ein überdimensionaler Jesus die Arme aus & heißt den Eintretenden willkommen. 2011, 2015, 2019, nichts hat sich geändert. Diese Art demonstrativen Gleichklangs von Gebäude, Ritus, Glauben & Lebensgestaltung, ja selbst die in unseren Zeitspannen unveränderliche Landschaft erschaffen ein antipodisches Erleben der Welt, einen antagonistischen Weltkontrast. Wer hier einkehrt, hat seine Gründe, niemand ist zufällig hier, & die Gründe sind so vielfältig wie die Menschen, die hier anzutreffen sind. Die Teilnahme an den Gebetszeiten ist freiwillig, der Nonnenchor, der rechtwinklig vom großen Altarraum abgeht, ist nicht einsehbar. Beim Gebet sind die Nonnen nicht zu sehen. Ihr Gesang hallt durch das große Kirchenschiff, die einzelnen Stimmen überlagern sich, bedingt durch die Interferenzen des großen Raumes, phasenweise wird der Gesang zu einem indifferenten Sinuston, der durch die Basilika schwebt, die monotonen hypnotischen Psalmgebete bieten zuweilen kaum tonale Abwechslung. Der Regel des Heiligen Benedikt aus dem sechsten Jahrhundert folgend, wird der Tag durch die Stundengebete gegliedert. D.h. er beginnt um 05.30 Uhr mit der Laudes, dem Morgengebet, um 7.30 Uhr folgen Terz & Heilige Messe, die Mittagshore um 12.00 Uhr, Vesper um 17.30 Uhr & schließlich Complet mit anschließenden Vigilien um 19.25 Uhr. Die Teilnahme an diesen Gebetszeiten ist für die Bewohner der Klöster & in allen Orden Pflicht. Wer nicht krank ist oder aus dienstlichen Gründen vom Abt oder der Äbtissin befreit ist, nimmt Teil. Der Rest des Tages dient der Arbeit zum Unterhalt des Klosters. In St. Hildegard bedeutet das, Tätigkeit in den umfangreichen Weinbergen, der anderen angeschlossenen Landwirtschaft, sowie im Gästebereich. Der Wein, der in den Abteilagen erzeugt wird, ist ausgezeichnet, es handelt sich, dem Landstrich gemäß, um Riesling & Spätburgunder, der auch in den bekannten Rotweinlagen bei Assmannshausen angebaut wird. Das Abteiweingut wurde von der Zeitschrift Feinschmecker für den Jahrgang 2018 / 2019 als eines der besten in Deutschland ausgezeichnet. Zu Recht, wie auch die diversen Riesling Kreationen eindrücklich belegen. Unter den Schwestern befinden sich studierte Önologinnen, eine europaweit ausstellende Bildhauerin, die die Kunsthochschule in Düsseldorf absolviert hat & einige andere Fachkräfte. Ihnen allen hat das Kloster die Ausbildung ermöglicht.

Das Abendbrot wird im Gästerefektorium eingenommen, es ist für jeden etwas da, reichhaltig ist es nicht, aber vollkommen ausreichend. Wer ein Hotelbuffet erwartet, ist hier falsch. Nach dem Essen gehe ich noch einmal hinaus, die Beine ein wenig vertreten. Ich nehme den Höhenweg Richtung Niederwalddenkmal, die Weinberge & den Rhein zur Linken, einen Hügelkamm zur Rechten. Auf einer Weide grasen seltsame Schafe, sie haben gedrehte, heidschnuckenähnliche Hörner, sind jedoch deutlich kleiner & schlank, kaum schäferhundgroß. Es scheinen recht ruppige Zeitgenossen zu sein, der Umgang untereinander ist offenbar von einer strengen Hierarchie geprägt. Die braunen Tiere verlieren ihr Winterfell & sehen deshalb etwas reudig aus. Auf dem Rückweg treffe ich eine Schwester, die mir erklärt, daß es sich um sog. Wildschafe handele, eine Urrasse, die ganzjährig draußen sind, weil es ihnen nichts ausmacht & sie im Stall nur aufeinander losgehen würden. Gegenwärtig befänden sie sich in der Obhut der Abtei, weil der Schäfer auch einmal Urlaub machen wollte. Nach dem Spaziergang besuche ich Complet & Vigilien, die ungefähr 45 Minuten dauern. Danach wird das Kloster abgeschlossen, Zugang  ist nun lediglich noch mit der elektronischen Signalkarte am Seiteneingang möglich. WLAN gibt es nicht, dafür eine nette kleine Bibliothek, auch das Mobiltelephon funktioniert lediglich über LTE & mobile Daten, doch schreiben kann ich auf dem Klapprechner auch ohne WLAN. Nachmittags habe ich im Klosterladen eine Flasche des wirklich ausgezeichneten Spätburgunders erworben, den ich nun, während ich dies hier schreibe, genieße. Die Dämmerung senkt sich über das Rheintal, die Stille breitet sich überall aus, die Dunkelheit deckt die Welt zu, die wenigen Wolken lassen den Sternen ihren Raum. Die Nacht kommt.

 

Der zweite Tag:

„ . . . Der Morgen strahlt über den Rhein, die Luft ist klar & frisch, & die Weite der Flußlandschaft, der Rebenreihen & des scheinbar endlosen Himmels ist friedvoll & still. Hier oben wirkt das Treiben kleiner menschlicher Ameisen derart entrückt, daß es schlicht nicht wahrnehmbar ist. Eine stille, wunderschöne Welt, in der nur der Wind die Blätter & die Gräser bewegt. Von hier oben erscheint die Welt so, wie sie sein könnte, als mindestens horizontbegrenztes Paradies. Einen winzigen Teil davon in uns selbst zu finden, bleibt eine große Aufgabe. Aber der Mensch wäre nicht gottgewollt, wenn er es nicht von Zeit zu Zeit versuchen würde. So ist die Weite des Ausblicks über die Rheinebene auch Teil des Einblicks in die Natur des Menschen, zumindest in den Teil, der stets neu gesucht & bewältigt werden will. . . . 

aus K an H am 15. Mai 2019

Ich habe gut geschlafen, der Tag beginnt mit dem Glockengeläut zur Laudes, es ist kurz vor halb sechs, ich kenne das, es stört mich nicht. Im Gegenteil. Nach dem Frühstück, dem Schreiben eines Briefes & einem kurzen Blick in die hier immer aktuell ausliegende FAZ, beschließe ich, mit dem Zug ins nahegelegene Eltville zu fahren. Die Sonne strahlt von einem nahezu wolkenfreien Himmel, also nehme ich den Weg durch die Weinberge hinab nach Rüdesheim, biege kurz vor Erreichen des Ortes links ab & erreiche über einen kleinen Friedhof die Pfarrkirche St. Hildegard. Hier werden in einem goldenen Schrein die Reliquien der Hl. Hildegard aufbewahrt. Die Kirche befindet sich, zusammen mit den angrenzenden Gebäuden, auf dem Gelände, auf dem die Heilige im Jahre 1165 das von Kaiser Barbarossa verheerte Augustinerkloster neu besiedelte. Seit 1641 befinden sich ihre Reliquien an diesem Ort. Der heutige Neubau wurde im Jahre 1935 eingeweiht. Die Präsentation in der schlichten Kirche ist auf eine unprätentiöse Art geschmackvoll, feierlich & würdig, der Schrein weit kleiner als erwartet. Hinter dem Schrein, der einige Absätze hoch hinter dem Altar aufgestellt ist, erhebt sich über die volle Höhe der Apsis das bekannte Motiv von Hildegard vor dem Labyrinth. Nachdem ich mir alles genau angeschaut habe, mache ich mich durch das touristenferne Rüdesheim mit seinen z. T. imposanten Villen aus den fünfziger Jahren, sowie den kleinen, eng aneinander geschmiegten Fachwerkhäusern auf zum Bahnhof. 

Eltville, daß trotz seines französischen Namens Wert darauf legt, deutsch ausgesprochen zu werden, ist in 15 Minuten rheinaufwärts erreicht. Wer über Bahnreisen spricht, kommt nicht darum herum, neben den üblichen Problemen auch den Zustand der kleinen Bahnhöfe landauf landab zur Kenntnis nehmen zu müssen. Es ist nahezu jegliches Stadium des Verfalls & der Verwahrlosung zu ertragen. In Eltville kontrastiert dies, besonders in Verbindung mit dem Klientel, daß von derlei Verkommenheit offenbar überall magisch angezogen wird, mit dem Erscheinungsbild des kleinen Städtchens. Nur wenige Meter südwärts in Richtung Rhein & nach Überquerung der Hauptstraße, bietet sich ein nahezu puppenstubenhaftes Ambiente aus Fachwerk, Fassaden & Häusern aus vier Jahrhunderten & ganz viel Grün. Es gibt kleine Gassen, die an Orte im Elsaß erinnern, andere, deren fürstliche Barockfassaden von feudalistischer, später großbürgerlicher Vergangenheit erzählen. 

Typisch für die kleinen Orte im Rheingau sind die zahlreichen Platanen, die durch völliges Zurückschneiden der Kronen an den dicken Enden der wenigen verbliebenen kurzen Äste Streßtriebe entwickeln. Schwanzlosen Hunden gleich wirken sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt & grotesk entstellt. Auf dem Rüdesheimer Marktplatz stehen sie genauso herum, wie in militärisch exakt ausgerichteter Doppelreihe auf der Uferpromenade von Eltville. Könnte sich hier ein unterbewußter Kastrationszwang als Kultur camoufliert haben, als Ausdruck des Beherrschens der Natur & des endgültigen Sieges über sie durch den Menschen ? Macht Euch die Natur Untertan. Dominium Terrae; dieser Satz aus dem Buch Genesis (1.28) dürfte einer der mißverstandendsten Leitsprüche aus der gesamten Bibel sein. Das damit ein verwaltender, eher hütender Auftrag gemeint war, ergibt sich bereits aus dem Folgetext, in dem es heißt, … & waltet … was in der Tat verwalten bedeutet & nicht vernichten.

Am Ende dieses Ensembles befindet sich die großherzogliche Burg aus dem 14. Jahrhundert, von der lediglich Teile erhalten, & umfänglich restauriert worden sind. In einem Teil des ehemaligen Grabens erfreut die Besucher heute ein Rosengarten, der direkt am Ende der Promenade erreichbar ist. Nördlich des Bahnhofs erstreckt sich das „neue“ Eltville, wie alle Orte in dieser Gegend geprägt von älteren Einfamilienhäusern & gedrungenen kleinen & niedrigen Wohnblocks. Die Stadt Eltville, die größte des Rheingaus, zählt etwas über 17000 Einwohner. Zumindest der Altstadtbereich ist geprägt von kleinem Einzelhandel & allerlei Hotel- & Restaurantbetrieb, durchaus gehobenen Niveaus, zumindest in preislicher Hinsicht. Ich kehre in ein mediterranes Bistro ein, dessen kleine Karte sich wohltuend vom Spargeleinerlei der Konkurrenz abhebt & auch optisch auf gediegene Bürgerlichkeit verzichtet. Das Personal ist sehr freundlich & serviert ein vorzügliches Focaccia mit Parmaschinken auf Gorgonzola & Ruccola, sowie 10 jähriges cremiges Balsamico Öl, dazu einen ausgezeichneten Blanc de Noir aus der Region, & das alles zu äußerst angemessenem Preis. Im Geschäft gibt es Exotisches aus Frankreich & Italien, i.d.R. zu weit weniger angemessenem Preis, sowie unzählige Weine & Öle aus dem Demion, jeweils ab 100 ml ausgepreist. Das Publikum besteht neben wenigen interessierten Touristen aus Damen mittleren Alters aus der gehobenen Bürgerlichkeit des Ortes, die, zusätzlich zum offensichtlich nicht unbeträchtlichen Einkommen der Ehemänner dann doch gerne auch etwas Eigenes haben, sich mit der kleinen Boutique oder dem inhabergeführten Spezialgeschäft für den gehobenen Geschmack verwirklichen & sich auf einen Capuccino zur Mittagszeit verabreden. Man kennt sich & begegnet sich auf Augenhöhe.

Zurück in Rüdesheim befördert mich ein Taxi hoch in die Abtei. Es ist warm geworden & auch ein wenig drückend. Hier oben jedoch weht immer ein mindestens leichter Wind. Nach dem Abendbrot vertrete ich mir die Beine & besuche die Wildschafe, der Himmel hat sich bezogen, Gewitter droht am Horizont. Um halb acht beginnt die Complet, das Nachtgebet, gefolgt von den Vigilien. In der großen stillen Kirche vertreibt der Gesang der Nonnen die Geschäftigkeit des Tages, Ruhe & eine friedfertige Innerlichkeit breiten sich in mir aus. Der Rhythmus der Weltabgeschiedenheit, der sich in der ständigen Wiederkehr des Immergleichen den modernen Zeiten entgegenstemmt, tief verwurzelt in der Überzeugung, daß das Ewige dem Zeitgeist nicht nur entgegensteht, sondern ihn überdauern wird, die Hektik der Moderne als Episode in der Geschichte des Menschen begreift & aus diesem Grunde die Oberflächlichkeit & die hohle Zerstreuung als Irrweg ausweist, dieses Gefühl, & sei es nur eine Ahnung davon, erfüllt diesen heiligen Raum & ein wenig auch mich. Danach sitze ich im Zimmer, schreibe & verabschiede den Tag mit einem Glas klösterlichen Spätburgunders.

 

Der dritte Tag:

„ . . . Ein neuer Tag steigt von den Hügeln herab & zeigt, daß die Schönheit dieses Ortes keinen Sonnenschein braucht, um zu strahlen. Wo Sonne ist, ist stets auch Schatten, in dem sich das versteckt, was die  Sonne nicht bescheint. Nun liegt alles klar & deutlich im Blick, das Licht ist weniger hart & in der Ferne bedeckt leichter Dunst die Hügel. Immer wenn wir denken, die Sonne bringt es an den Tag, werden wir sehen, dies ist nur die halbe Wahrheit. & deshalb sind Tage des milden Lichtes die angenehmeren. Die Welt erscheint ausgeglichener & wir sind es auch. Es ist die eigene Mitte, die diesem Wetter entspricht, denn auch, wenn nicht alle Tage voll Sonnenschein sind & nicht sein können, haben die des milden Lichtes die größere Klarheit. . . . “

aus K an H vom 16.Mai 2019

Heute bleibe ich hier. Das heißt, ich werde kein touristisches Programm absolvieren. Dieser Ort ist Programm genug, & das nicht nur äußerlich, sondern in jeder, auch seelischer Beziehung. Viele Wege führen durch die Weinberge, durch kleine Wäldchen, mal auf, mal ab, & man kann die Länge des Weges selbst bestimmen.

Zum Aufenthalt im Kloster gehört natürlich die Frage nach den eigenen Gründen, nach dem, was ich hier zu finden hoffe, oder bereits gefunden habe, denn ich bin ja nicht zum ersten Male in diesen Mauern. Zum einen ist es die abgeschiedene Ruhe, die Stille, das Gefühl, hier deutlicher mit sich selbst konfrontiert zu sein, als an anderen Orten. Es ist der Versuch, dem, was allgemein Spiritualität genannt wird, näher zu kommen, sie in sich selbst zu vertiefen & als Glauben zu konkretisieren. Auch wenn ich vor wenigen Monaten wieder in die evangelische Kirche eingetreten bin, ist dieser katholische Ort für mich kein Widerspruch. In den Jahrzehnten der Kirchenferne bin ich nicht weniger gläubig geworden, im Gegenteil. Dem Schritt in die evangelisch lutherische Kirche ist ein jahrelanges inneres Ringen vorausgegangen, weil in meinem tiefsten Inneren womöglich doch ein katholisches Herz schlägt, denn das Katholische ist mystischer, sichtbar archaischer, ritusgebundener, inhaltlich strenger & weihevoller. & 1500 Jahre älter. Weil meinem Leben, auch meinem kirchlichen, allerdings jegliche katholische Tradition & Kultur fehlt, ich zudem evangelisch getauft, konfirmiert & verheiratet bin, was möglich war, weil meine Frau stets in der evangelischen Kirche geblieben ist, hätte ich einen Eintritt ins Katholische als Kulturbruch empfunden. Darüber hinaus bin ich der festen Überzeugung, daß viele Unterschiede, auch die theologischen, auch die des Sakramentverständnisses, & auch die der Rolle der Frau in der Kirche, überwindbar wären, würde der Wille dazu bestehen. Dies ist der Punkt, an dem aus dem Glauben an den dreifaltigen Gott & auf Grundlage der selben Texte, die Macht der Institution als letztlich weltlichem Herrschaftsinstrument klar in den Vordergrund tritt. Die mehr oder weniger deutliche Auffassung der katholischen Kirche, daß es sich bei den lutherischen Häretikern letztlich nicht um eine Kirche im Sinne Christi handeln kann, denn die haben sie ja vor fünfhundert Jahren verlassen, wird zur Grundlage einer als theologisch begründeten Unvereinbarkeit. Wenn also für die Einheit der Christenheit gebetet wird, so ist damit gemeint, daß der Rückkehr der abtrünnigen protestantischen Schäflein sehr wenig im Wege stünde. Ähnlich problematisch, wenn auch aus anderen Gründen, ist das Verhältnis zu den Ostkirchen, denen nach dem großen Schisma von 1054, als sich die führenden Kirchenvertreter von Rom & Konstantinopel gegenseitig exkommunizierten, auch nur wenig Gemeinsames verblieben ist. So pflegt man heute unter dem Mäntelchen der Ökumene ein respektvolles Miteinander im theologisch organisatorischen Nebeneinander. Einend wirkt da höchstens die Macht des Faktischen, beiden Kirchen laufen in Scharen die Schäfchen davon. Daß dies noch nicht zum finanziellen Kollaps geführt hat, ist lediglich den üppigen, offenbar als unkündbar angesehenen Konkordatsverträgen zu verdanken, auf deren Grundlage beiden Kirchen jedes Jahr weiterhin Milliardenbeträge vom Staat überwiesen werden. Anlaß hierfür ist die Enteignung kirchlichen Besitzes während der Säkularisierungen im Jahr 1806. Immer noch ist die Kirche beider Konfessionen allerdings der größte Grundbesitzer & Arbeitgeber in Deutschland.

Das weit größere Problem der Kirchen scheint mir hingegen der allgemeine Glaubensverlust in der Gesellschaft zu sein, zumindest in der sog. westlichen Welt. Die Unfähigkeit vieler Menschen, hinter der Fassade der Rationalität etwas anderes als Leere zu sehen, das Fehlen eines Blicks auf letztgültige Wahrheiten, deren größte der Tod ist & der Irrtum, daß die empirische Wissenschaft tatsächlicher, umfassender Erkenntnis diametral entgegen steht, ist, verbunden mit einem geradezu irrational anmutenden Fortschrittsglauben die wichtigste Ursache für das Abwenden von den Kirchen. Gleichwohl kann dies auch ihre Chance sein, denn tatsächlich stellen immer mehr Menschen fest, daß die Antworten des Rationalen unbefriedigend sind.

Gegenwärtig jedoch hat die katholische Kirche mit dem Mißbrauch von Kindern, Jugendlichen & auch Nonnen zu kämpfen, wovon auch die Lutheraner nicht vollkommen verschont geblieben sind, jedoch etwas intelligenter damit umgehen. Gleichzeitig hingegen pflegen ihre Verantwortlichen eine zeitgeistbetonte linksgrüne Wellnesstheologie, der ihr Religionsstifter, Martin Luther, unangenehm geworden ist, & hoffen auf diesem Wege dem Massenaustritt Einhalt gebieten zu können. Bislang vergebens.

Ein wesentlicher Aspekt, wenn nicht der letztlich ausschlaggebende, ist & bleibt allerdings der persönliche Eindruck, den Menschen hinterlassen, also die Repräsentanten der Kirche. Zu einigen aus der evangelischen Landeskirche in Hamburg & speziell auch in Rothenburg ob der Tauber, habe ich über die Jahre ein persönliches Verhältnis aufgebaut & verschiedentlich auch längere Gespräche geführt, was zu einer gewissen Nähe beigetragen hat, die für meine Entscheidung letztlich nicht unerheblich gewesen ist.

So verbringe ich diesen Tag mit längeren Spaziergängen, u.a. zu einem mitten im Wald gelegenen Kloster, Nothgottes mit Namen. Es ist seit 2013 von vietnamesischen Zisterziensermönchen bewohnt, die allerdings weder zu sehen noch zu hören sind. Bis auf den Gesang der Vögel herrscht Stille, die gelegentlich durch das Gehämmer von einigen Dachdeckern am Kirchenturm  unterbrochen wird. Neben ihnen ist eine große weiße Katze, die mich mißtrauisch beäugt, scheinbar der einzige Bewohner dieser Anlage.  Zur Ruhe kommt, wer die Ruhe erträgt, wer sich ihr aussetzt & sie gleich einem willkommenen Freund begrüßt. Ich weiß von mir, daß ich damit kein Problem habe, im Alltag jedoch zu wenig dazu komme. So ist das Sitzen auf einer Bank vor der Abtei hoch über dem Rhein, mit Blick auf einen endlos erscheinenden Himmel & die Hügelketten des Hunsrück etwas, dem ich mich hier nur schwer entziehen kann. & so senkt sich auch heute wieder ein stiller Abend herab.

 

Der vierte Tag:

„ . . . Der Morgen begrüßt uns trübe, verhangen & regnerisch. Hier drinnen ist davon nichts zu spüren. Freitagmorgen, & die Heilige Messe wird, wie jeden Morgen, von einem auswärtigen Priester gelesen, heute von einem Franziskaner aus Marienthal. Zusammen saß er anschließend mit der Äbtissin bei uns am Tisch. Sehr offen & freundlich alle beide & das gilt es zu lernen, wie mir klar wurde: Freundlichkeit & Offenheit gegenüber Jedermann. Meine Lektion ! . . . “ 

    aus K an H vom 17. Mai 2019

Heute werde ich irgendwohin fahren. Das Wetter ist trübe & bedeckt, Regen liegt in der Luft. Ich beschließe, das Kloster Eberbach zu besuchen. Dazu muß ich mit der Bahn bis Eltville fahren & dann mit dem Bus weiter bis zum Kloster. Der Anschluß am Bahnhof erspart langes Warten, der Bus fährt ca. 20 Minuten bis direkt vors Kloster. Nachdem wir Eltville  hinter uns gelassen haben, windet sich die Straße durch die Hügellandschaft des Rheingau, der Blick fällt auf eine alte Kulturlandschaft, unübersehbar die Eingriffe des Menschen, die er im Rahmen einer falsch verstandenen „Kultivierung“ vorgenommen hat, doch auch diese können den lieblichen Grundcharakter einer hügeligen Weite nicht zerstören. Der Bus durchquert den Weinort Kiedrich, der sich selbst gerne als Schatzkästlein der Gotik präsentiert, ob wohl es lediglich im alten Ortskern noch sehr hübsch restaurierte alte Häuser zu entdecken gibt. Sie gruppieren sich um die tatsächlich überaus sehenswerte Basilika St. Valentin, hinter deren verspieltem schlanken aufstrebendem Äußeren sich noch eine der wenigen nahezu komplett erhaltenen gotischen Ausstattungen verbirgt. Der Himmel ist unverändert wolkenverhangen, Dunst kriecht über die Landschaft. Der Bus erreicht die Endhaltestelle direkt am Eingang. Ich war hier zuletzt im Jahre 2011, doch alles scheint vertraut. Allerdings hatte ich vergessen, wie groß diese Anlage dann doch ist. Mönche gibt es hier schon lange nicht mehr, im Jahre 1803 wurde das Kloster geschlossen. Wie am kurzen schlanken Turm der Kirche unschwer zu erkennen ist, handelt es sich um ein ehemaliges Zisterzienser Kloster. Heute beheimatet es neben dem Museum ein Hotel, sowie Tagungsstätten & den Weinanbau, für den bereits das alte Kloster berühmt war. Einfachere Rieslinge aus Eberbach finden ihren Weg sogar in gut sortierte Discounter im Norden. Der Dunst zieht sich zurück & innerhalb weniger Minuten schiebt die Sonne die Wolken fort & es wird warm. Für einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des Klosters, für Basilika, Kreuzgang, Brunnenhof, Kapitelsaal, Dormitorium & Keller benötigt man eine gute Stunde, wenn man sich Zeit läßt. Wie mir ein Mitarbeiter der Vinothek erzählt, gehört der Besitz einer Stiftung, & für die Restauration & Renovierung sind erhebliche EU – Gelder zur Verfügung gestellt worden, insgesamt 120 Millionen Euro. Gebäude & Park sind sehr gepflegt, der finanzielle Aufwand ist deutlich sichtbar. Nach zwei Stunden fahre ich mit dem Bus zurück nach Eltville & suche erneut das wunderbare kleine Bistro auf, in dem ich bereits am zweiten Tag eingekehrt bin. Die Sonne hat sich erneut verabschiedet, ein diffuses Licht bescheint die Welt & drückende, vollkommen windlose Schwüle scheint alle Bewegungen zu verlangsamen. Am Bahnhof stehen zwei große, hier noch intakte Platanen, in deren Wipfeln junge Krähen lautstark Futter von den gestreßten Eltern einfordern. Ich warte auf den Zug, der in wenigen Minuten kommt & mich nach Rüdesheim zurück bringt. Ich bin froh, daß ich meine ursprüngliche Idee, heute nach Wiesbaden zu fahren, nicht umgesetzt habe. Der Bruch zwischen klösterlicher Ruhe & dem Treiben einer Landeshauptstadt wäre dem Grundgefühl von Frieden & einer gewissen Abgeschiedenheit wenig zuträglich gewesen.

Zwischen Eltville & Rüdesheim, in dem kleinen Ort Winkel, steht das Brentano Haus, einst Wohnsitz der Familie Brentano, in dem so illustre Gäste wie Goethe, Bettina von Arnim, die Gebrüder Grimm oder der Freiherr vom Stein ein- & ausgingen & hier durchaus auch länger logierten. Bedauerlicherweise sind die entsprechenden Räume nicht ständig zu besichtigen, i.d.R. ist eine Anmeldung als Gruppe erforderlich & freie Führungen sind höchstens an besonders ausgewiesenen Samstagen möglich. Das ist genauso bedauerlich, wie die Tatsache, daß das Brentano Haus heute in erster Linie ein gehobenes Restaurant ist, dessen Innenausstattung nichts mehr mit dem ursprünglichen Charakter zu tun hat, den das Haus im 18. & 19. Jahrhundert besaß. Im Herbst 2011 saßen wir noch unter den großen Kastanien im Garten & tranken einen hervorragenden Riesling. Ebenfalls in Winkel befindet sich das Grab der Dichterin Karoline von Günderode, die eine enge Freundin Bettina von Arnim´s gewesen ist & sich im Juli 1806 in Winkel, lediglich 26 jährig, das Leben nahm. Die heute nahezu vergessene Dichterin gilt als eine der prägenden Stimmen der deutschen Romantik & hat ein für ihr kurzes Leben beachtliches Werk hinterlassen. Doch heute steige ich hier nicht aus, der Zug fährt durch eine triste Ortschaft & bestätigt den Eindruck, den wir bereits damals hatten, obwohl von der Bahnlinie aus durch das Zugfenster betrachtet, nahezu alle Ortschaften ihre schönen Seiten dem Reisenden vorenthalten. 

Vor dem Abendbrot nehme ich am Gebet teil, auch um nach den vielfältigen Eindrücken des Tages den Frieden & die Ruhe dieses Ortes zurück zu erlangen.  

 

Der fünfte Tag:

„ . . . Trutzig sehen sie aus, die Mauern des Klosters, mehr Burg als Kirche, wehrhaft & abweisend. Es stimmt. Sie trotzen dem Zeitgeist, halten den alles zersetzenden Ungeist des Relativismus fern & weisen die Zumutungen der Moderne entschieden zurück. Ihre Waffen sind die Präsenz des Glaubens & der Tradition, die älter sind als die Anfechtungen der vorgeblichen Aufklärung. Vor allem jedoch, & das ist nur scheinbar ein Widerspruch, sind es die Offenheit & die Liebe, die Hingabe & das Beispiel dieser besonderen Standhaftigkeit, die das Überleben sichern & die Faszination gewährleisten, die von diesem Ort ausgeht. Diese besondere Wehrhaftigkeit, die als Schutzlosigkeit zu leicht mißverstanden werden kann, gleicht dem harten Fels der Mauern, die diesen Ort umgeben. Letztlich ist in ihm das Herz der Liebe bewahrt. . . .“ 

  aus K an H vom 18. Mai 2019

Den heutigen Tag werde ich hier verbringen. Es gibt einige Photos zu machen, & im Klosterladen Wein zu bestellen. Das Wetter strahlt bislang von einem wolkenlosen blauen Himmel, wenngleich eine gewisse Schwüle den für den Abend vorausgesagten heftigen Regen ankündigt. Nachdem ich das Vormittagslicht für einige Aufnahmen genutzt, ein wenig gelesen & geschrieben habe, naht die Mittagshore & das Essen. Als ich danach einen kleinen Spaziergang mache, wundere ich mich über die Masse an Wanderern, die paarweise oder in größeren Gruppen den Weg bevölkern. Es ist, wie mir einfällt, Samstag. Da die Mittagszeit nicht zwingend der richtige Zeitpunkt ist, sich auf den Weg zu machen & die vollen Wege ein Übriges tun, mir das Unterwegssein zu verleiden, setze ich mich an einer Weggabelung, an der ein Gedenkstein mit der Aufschrift Hildegards Ruh  & ein Wegkreuz zum kurzen Verweilen einladen, auf eine Bank mit Blick auf den Rhein. Nach wenigen Minuten tritt eine Gruppe von ca. 15 Menschen unterschiedlichen Alters hinzu, deren Nahen durch lautes Rufen & übertriebenes Lachen sich bereits ankündigte, als sie noch 100 Meter entfernt waren. Der eine oder andere Wein wird sicherlich dazu beigetragen haben. Alle tragen weiße T – Shirts mit einer Aufschrift & Strohhüte. Die Gruppe schart sich um Kreuz, Stein & Bank & ein älterer Herr sagt, wir wollen Sie aber nicht vertreiben, was von allgemeinem Gekiecher begleitet wird. Mit einem trotzigen Das tun Sie aber . . . stehe ich auf & gehe, weil mir derartiger Massenfrohsinn schon immer zuwider war & ich keinesfalls in der Stimmung bin, zur Gruppenunterhaltung beizutragen. Ich folge dem Hügelkamm bis zu der Stelle, an der der Weg zum Niederwalddenkmal ausgeschildert ist & drehe um. Als ich die laute Gruppe an ihrem Rastpunkt erneut passiere, haben sie Kreuz & Stein zum Picknicktisch umfunktioniert, den Querbalken des Kreuzes zieren nun Plastikboxen & Getränkedosen, auf dem Stein sind Weinflaschen, Essensreste & andere Zutaten ausgebreitet. Die gleichgültige Gedankenlosigkeit, das völlige Fehlen eines ästethisch – kulturellen Grundgefühls & die Überhöhung des eigenen Ichs als Standpunkt in der Welt empfinde ich als abstoßend.

Wenig später stehe ich im Klosterladen am Weinverkaufs- & verkostungstresen & lasse mich von der freundlichen wie fachkundigen Sr. Lydia durch das umfängliche Riesling Sortiment führen. Das Weingut der Abtei umfaßt sieben Hektar, auf denen 84 % Riesling & 16 % Spätburgunder wachsen. Die Qualität ist hervorragend & zwei Kisten sind schnell gefüllt.

Mittlerweile hat sich der blaue Himmel bezogen, am Horiziont türmen sich dunkle Wolken, es ist vollkommen windstill geworden. Ich setze mich auf meine Lieblingsbank neben dem Eingang zur Kirche & blicke auf das Rheintal & den zügig näher kommenden Regen, der aus der rheinabwärts ziehenden Wolkenwand fällt. Plötzlich wird es windig, kurze Zeit später richtig stürmisch & gegenüber, auf der anderen Rheinseite in Bingen, fängt es heftig an zu regnen. Es ist faszinierend, das Naturschauspiel sich rasch vollziehender Wetterveränderungen aus nächster Nähe mitzuerleben. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich mich ins Kloster zurück, da fegt auch schon ein heftiger Schauer über die Abtei hinweg. Von all dem unberührt erklingt die Glocke & ruft zur Vesper & zum darauf folgenden Abendbrot.

Nach dem Complet gehe ich wieder hinaus, ich will möglichst wenig von dem Naturschauspiel verpassen, auch wenn es mittlerweile aufgehört hat, zu regnen. Ein Pullover ist ratsam, denn es ist deutlich kälter geworden & weiterhin windig. Mächtige, himmelfüllende Wolkentürme stehen über dem Rhein, in der dunkelblauen, fast violetten Wand verändert sich laufend die Struktur, skulpturenähnliche Formationen entstehen, lösen sich auf, bilden mit anderen Erscheinungen neue Skulpturen, alles ist ständig in Bewegung & innerhalb weniger Minuten entstehen neue Himmelsbilder. Faszinierend. Ich sitze auf einer Bank & beobachte den sich ständig verändernden Himmel, bis ich anfange zu frieren & in mittlerweile fortgeschrittener Dämmerung ins Kloster zurückkehre. Ich trinke noch zwei Gläser Riesling, dann gehe ich schlafen.

 

Der letzte Tag:

„Und ich hörte, wie mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt riefen: Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit. Doch nun sind alle Winde voll vom Moder des Laubes, und die Luft speit Schmutz aus, so daß die Leute nicht einmal mehr recht ihren Mund aufzumachen wagen. Auch welkte die grünende Lebenskraft durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen. Nur ihrer eigenen Lust folgen sie und lärmen: Wo ist denn ihr Gott, den wir niemals zu sehen bekommen?“

Hildegard von Bingen (1098-1179)

Wie bei meiner Ankunft am Dienstag, so scheint auch heute die Sonne von einem blauen klaren Himmel & es wird warm. Meinen letzten Tag, den ich heuer in diesen Mauern verbringe, beginne ich mit einem Frühstück, das heute deutlich früher gereicht wird, da danach die Heilige Messe als Hochamt gefeiert wird. Heute ist ein besonderer Tag für den Convent, denn eine Schwester feiert das 60 jährige Jubiläum ihrer Profess. Als sie diese abgelegt hat, war Konrad Adenauer deutscher Bundeskanzler & Eisenhower Präsident der USA. Unvorstellbar. Sie muß heute weit über 80 Jahre alt sein. Zur Feier des Tages wird der Gesang der Schwestern von einem Organisten begleitet. Gestern bereits habe ich über die Qualität dieser recht kleinen Orgel, die im Nonnenchor hängt, gestaunt, der Organist spielte die bekannte Toccata aus der fünften Orgelsymphonie von Charles – Marie Widor. Die Messe ist heute gut besucht, das Hochamt ist sehr feierlich, endlich erfüllt auch Weihrauchduft die Kirche. 

Ein kurzer Gang durch Weinberge, Kirche & Klosterladen gehört zum Abschied natürlich dazu. Dann hole ich meinen kleinen Rollkoffer & warte auf die Taxe, die mich zum Bahnhof bringt. Auf der Fahrt nach Frankfurt bleibt die Abtei lange sichtbar, dann verschwindet sie hinter den Bäumen, die die Gleise säumen. Was bleibt von diesen Tagen, was kann ich mitnehmen, was ggf. bewahren im Alltag in der Großstadt zwischen Arbeit, Musik, zahlreichen anderen Interessen & den zahllosen kleinen & großen Anforderungen, die die Welt an den „modernen“ Menschen stellt. Auf jeden Fall eine weitere Versicherung & Bestärkung gegen die Zumutungen des Liberalismus, gegen den individualistischen hedonistischen Zeitgeist, der letztlich als gedankenlose Uniformität daherkommt. Ferner das erneuerte Versprechen, daß der Materialismus ein zwar funkelnder, jedoch leerer Kelch ist, dessen verlogene Verheißungen die Seele töten, sowie die Gewißheit, daß auch der Relativismus an den Grundfesten der Ewigkeit nichts ändern wird. Was darüber hinaus berührt, ist die Erfahrung, nicht allein zu sein mit diesen so offensichtlich aus der Zeit gefallenen Gedanken & Empfindungen, die heutzutage zumeist als befremdlich, wenn nicht lächerlich empfunden werden. Aus diesen Gründen bleibt als Ergebnis eine tiefe Dankbarkeit. 

Als der Zug in Frankfurt einfährt & ich durch die riesige laute Bahnhofshalle zum Gleis gehe, von dem der ICE nach Hamburg fährt, überfällt mich schlagartig all das, was im Kloster hoch über dem Rhein so unwirklich weit weg schien: Enge, Lautstärke, Hektik, erneut die Warnung vor Banden von Bettlern & Taschendieben, zweifelhaftes Volk  jeglicher Herkunft, allerorten & dazwischen Reisende, mit ihren Zielen, ihren Sorgen, ihrem Blick auf die Welt & sich selbst, ihren Erwartungen, ihren Hoffnungen, Ängsten & Befürchtungen. Der Zug kommt pünktlich, auch die Wagenreihung entspricht dem Plan. Der Zug ist brechend voll, ein ICE neuester Baureihe, noch enger der Gang, noch schmaler die Sitze. Ich habe reserviert: in Fahrtrichtung, nicht neben dem breiten Fensterholm, der einen Blick nach draußen unmöglich macht. Mein Platz ist entgegen der Fahrtrichtung, direkt am Holm. Die Reservierung war kostenpflichtig. Das W – LAN funktioniert lediglich sporadisch, wie die Zugbegleiterin gleich entschuldigend anmerkt. Ich stecke meine Stöpsel in die Ohren & schaue mir lange die Photos an, die ich gemacht habe. 

Sie sind scharf. Ihre Farben strahlen.

 

*  die Wohnung, das Zelt Gottes unter den Menschen” (Offb. 21,3)



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Veröffentlicht30. Mai 2019 von Klaus in Kategorie "Kunst & Kultur

2 COMMENTS :

  1. By Mascha Rose on

    Umkehr und Einkehr

    Wie lieb und lind der Sonnenschein
    Mir wieder durch die Fenster strahlt —
    Wie sich der Himmel klar und rein
    Nach düstren Regentagen malt —
    O süße Lust! Mir glänzt aufs Neue
    Des Himmels wolkenlose Bläue,
    Und durch die Seele, die versöhnt,
    Ein Wort, ein Lied des Friedens tönt.

    Nun sag‘, was grämst Du Dich so sehr?
    Dein ist, was vormals Dich entzückt;
    Nennst Deine Welt Du darum leer,
    Weil Täuschung sie nicht länger schmückt?
    Glaub‘ mir, daß nie Dir recht gehörte,
    Was Dir der Zeiten Flug zerstörte;
    Das Wen’ge aber, was Dir blieb:
    Drück‘ es ans Herz und hab‘ es lieb!

    Die flücht’ge Gunst, den flücht’gen Ruhm
    Gieb Alles hin, was flüchtig ist.
    Ich zeige Dir ein Heiligthum,
    In welchem Du viel sel’ger bist.
    Ich nenn‘ Dir einen Ort hienieden,
    In welchem so viel stiller Frieden,
    Als Du nicht fändest anderwärts —
    Es ist Dein Herz, Dein eigen Herz!

    O hör‘ doch, wies nach Dir verlangt,
    Dem Du so lange treulos schon —
    Wie’s ihm nach Deiner Umkehr bangt
    Mit leisem, wolbekanntem Ton.
    Wie’s ruft, als ob die Mutter riefe,
    Aus seiner traumhaft dunklen Tiefe,
    Wie’s wundersam erklingt und bang,
    Als war‘ es Heimathglockenklang!

    Kehr‘ um, o Wandrer aus der Welt,
    Die Dich mit Glanz und falschem Schein
    Zu lange schon gefesselt hält —
    Kehr‘ um in’s eigne Herz, kehr‘ ein!
    Was Dir im Strom der Zeit ging nieder:
    Da findest Du es alles wieder;
    Und warst Du fremd im Weltgebraus:
    Hier fühlst Du endlich Dich zu Haus!

    Julius Rodenberg
    Aus der Sammlung Umkehr und Einkehr

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  2. By Luise Vogel on

    Innere Stimme

    Mir ist’s, als hört’ ich jemand rufen,
    Als hört’ ich eine Stimme gehn,
    Die liebe Worte zu mir spräche,
    Ich kann es aber nicht verstehn.

    Wie eines Vaters ernstes Mahnen,
    Wie einer Mutter ängstlich Flehn,
    Wie eines Freundes treues Raten,
    Ich kann es aber nicht verstehn.

    Und wie ich horch’, da zieht ein Frieden
    In meines Herzens Hader ein;
    Es wird am Ende Gottes Stimme
    In meiner Brust gewesen sein.

    Karl Ferdinand von Fircks

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