August 15

Die stille Zeit

. . .  Auszüge aus dem Lockbuch eines ungenannt bleibenden Seefahrers

. . . Prolog

Jetzt, in den Tagen des heraufziehenden Winters, in denen die Bäume kahl, & das Land leergefegt sind, in dieser Zeit, in der wir das wärmende Feuer suchen & die Fenster schließen, um das Heulen des Sturmes zu mildern, in diesen Tagen, in denen das Jahr  sich neigt & die Gedanken zur Ruhe kommen, jetzt ist es Zeit, aufzuschreiben, was geschah.  Die wundersamen & furchtbaren Ereignisse, den tiefen Schrecken, der uns seitdem wie ein dunkler Schatten begleitet, & der uns bis zu unserer letzten Stunde nicht verlassen wird, & der alle, die von den entsetzlichen Ereignissen betroffen waren, Furcht & Demut gelehrt hat.

Auszug I:

. . . die letzten Tage an Land

„Es gibt nur eines, das uns nie verläßt – die Lebensstimmung, die seit dem ersten Bewußtsein die gleiche bleibt, wie eine Melodie, die immer wiederkehrt und deren Takte noch spielen, wenn das Schiff versinkt“

Ernst Jünger aus Gärten und Straßen; Strahlungen Bd.I

Es ist das Gefühl einer besonderen Nase; so nennen es Einige, wohingegen Andere, etwas weniger geheimnisvoll, lieber von einem Gespür sprechen wollen. Gleich, wie es genannt wird, es ist die Gabe, Dinge zu erahnen, bevor sie zur Gewißheit werden. Die Erfahrung derjenigen, die über diese Gabe verfügen, besagt, daß sie nicht besonders glücklich macht. Im Gegenteil, denn die Fähigkeit, die angenehmen Dinge, die es ja im Leben der meisten Menschen gibt, zu erspüren noch bevor sie eingetreten sind, scheint nicht zu bestehen. So lernen diese Menschen frühzeitig zu erkennen, daß es besser ist, ihre besondere Fähigkeit  für sich zu behalten, wollen sie sich nicht dem Zorn, der Mißgunst & dem Gespött derjenigen ausliefern, die mit Warnungen & dunklen Gedanken lieber keinen Umgang pflegen, weil sie beständig den Alchimisten nachzueifern bestrebt sind, die ihnen versprechen, aus allem Tand & Unedlem letztlich doch Gold herstellen zu können. 

Obwohl die Luft trübe & ungewöhnlich warm für den späten Winter war, die Wolken seltsam & eigentümlich geformt über den Himmel zogen & der Wind beständig aus östlichen Richtungen blies – was für sich betrachtet noch nie Vorbote einer unbeschwerten Zeit gewesen war – gab es dennoch keinen Anlaß, auf einige besondere Feierlichkeiten zu verzichten, die, seit langer Zeit geplant, unmöglich aufgeschoben werden konnten.

Wir sind, das sei nicht unerwähnt, Mitglieder eines Ordens, einer Gilde, die sich regelmäßig zu Feiern & Handlungen versammelt, denen von der großen Masse der Uneingeweihten zumindest Mißtrauen, wenn nicht gar Verdächtigung & üble Nachrede entgegengebracht wird. Nun war es von Anbeginn der Zeiten immer so, daß der ungebildete & nur auf den schnellen Vorteil bedachte Pöbel den beengten eigenen Horizont zum Maßstab der Vermessung der Welt erklärt & sich demgemäß am liebsten in der eigenen Kloake suhlt. Davon durchaus unbeeindruckt sind die Feierlichkeiten der Gilde nicht nur Ausweis ihrer Unabhängigkeit, auch ihres Willens zu Ausschweifungen aller Art, sondern dafür, bei allem anonymen Verhältnis untereinander, die tiefe Verbundenheit in Geist & Ritus zu zelebrieren. Bestimmte Eigenheiten in der Art der Bekleidung, sowie gewisse Abzeichen & Gesten lassen die Eingeweihten einander kenntlich werden.

Die erwähnten Feierlichkeiten fanden, einem Traumtheater gleich, an den dafür genutzten Orten statt, die zu diesem Anlaß den der Gilde Zugehörigen vorbehalten sind. Die Musik, die den Höhepunkt des kultischen Geschehens ausmacht, wird von wilden Gesellen dargeboten, deren Namen nur den Eingeweihten bekannt sind. Einige benennen sich nach den metallenen Stiefeln alter Rüstungen, andere wiederum nach dem Schicksalsberg im sagenhaften Lande Mittelerde. Allen gemein ist der häufige Gebrauch des Feuers, in welchem die Sorgen & Mühen des Alltags verbrannt & die Seelen der Gläubigen geläutert werden. Wer einmal erlebt hat, wie das orgiastische Geschehen die Teilnehmer zu einer wild wogenden, außer sich geratenden Menge anschwellen läßt, wird sich entweder mit Schrecken abwenden & sein Heil in der Flucht suchen, oder um Aufnahme in die Gilde ersuchen. Dem Redlichen wird die Tür nicht verschlossen bleiben.

Als wir nach der letzten Feier vor unserer beabsichtigten Reise den Ort der Handlung verließen, konnten wir nicht ahnen, daß dieser nächtliche Reigen der vorerst letzte sein sollte, an dem wir auf wohl unabsehbare Zeit teilnehmen durften. Erschöpft aber beseelt von dem soeben Erlebten machten wir uns auf den Weg nach Hause, um den Tag mit einem Krug Wein zu beschließen. Wieder war es ungewöhnlich warm & stickig, es wehte kein Lüftchen, nur der Mond, der durch die noch kahlen Äste der Bäume hindurch schien, wirkte unnatürlich groß & zeigte sich von stark rötlicher Farbe. Blutmond nannten die einfachen Leute diese Erscheinung & sahen darin schon in uralter Zeit den Vorboten allerlei Schrecknisse.

Mit einem Male hörten wir in der Ferne ein vielstimmiges Gänsegeschrei, welches schnell näher kam & aufgrund seiner Lautstärke auf eine größere Anzahl dieser empfindsamen Tiere schließen ließ. Erstaunt sahen wir uns an, denn die Vögel wurden erst in mehreren Wochen in dieser Gegend erwartet. Das Geschrei schwoll weiter an, doch konnten wir immer noch keinen Vogel am Nachhimmel erkennen. Dann, mit einem Male, tauchte zwischen den Bäumen eine riesige dunkle Wolke auf, die sich, einem schwarzen Schatten gleich, vor den Mond schob & ihn alsbald fast vollständig verdeckte. Der Schwarm mußte aus mehreren zehntausend, wenn nicht hunderttausend Individuen bestehen, die, auf ihre gewohnte keilförmige Flugformation vollständig verzichtend, & dicht zusammengedrängt, den Nachthimmel  in ungewöhnlich geringer Höhe in Richtung Westen querte. Als die Tiere sich direkt über uns befanden, hatte ihr Geschnatter eine infernalische Lautstärke erreicht, die erst nach einigen Minuten langsam wieder leiser wurde & schließlich zusammen mit den Vögeln vom Nachthimmel verschwand. Was immer diese wachsamen Tiere weit vor ihrer gewohnten Zeit aus ihren Winterquartieren tief im Osten vertrieben haben mochte, war nicht zu ermessen.

Auszug II:

. . . der Alte

„Der blasse Hilfslehrer – zerschlissen an Rock, Seele, Leib und Hirn; ich seh ihn jetzt vor mir. Ewig war er dabei, seine alten Lexika und Grammatiken abzustauben, mit einem seltsamen Taschentuch, spöttisch geschmückt von all den prächtigen Flaggen aller bekannten Nationen der Welt. Er liebte es, seine alten Grammatiken abzustauben; es erinnerte ihn irgendwie sanft an seine eigene Sterblichkeit.“

Herman Melville aus Moby – Dick, oder: der Wal

Trotz all der seelischen Schatten, den seltsamen Vorgängen, die zu beobachten waren & einigen unerklärlichen Nachrichten, die uns erreichten, machten wir uns am Abreisetag auf den Weg. Wir waren recht früh aufgebrochen, sodaß keine Not zur Eile bestand. Wir fanden einen schmalen Pfad, der, einst mit Bohlen & Brettern belegt, einen zuverlässigen Weg durch die Dünen aus feinem weißen Sand & zuweilen mannshohen dürren Gräsern in Richtung des Meeres wies. An einer der Abzweigungen, die wir passieren mußten, stand eine morsche Bank. Auf ihr saß ein alter Mann, der aufschaute, als er uns bemerkte & uns mit tiefblauen wachen Augen aufmerksam musterte. Neben diesen Augen beherrschte ein dichter weißer Schnurrbart sein gegerbtes Gesicht. „Ich weiß, wo Ihr hinwollt,“ sagte er, als wir ihn passierten. „Wieso, wie könnt Ihr das wissen,“ fragte ich & er sagte, „weil es nicht mehr so viele Ziele gibt, wenn man diesen Weg eingeschlagen hat.“ Wir fanden diese Antwort ein wenig wunderlich & da wir noch Zeit hatten, blieben wir stehen. „Wo kommt Ihr her,“ wollte ich wissen, denn der Alte war offensichtlich nicht von hier, auch wenn er unsere Sprache ohne jeden fremdartigen Einschlag beherrschte. „Das ist eine lange Geschichte – habt Ihr soviel Zeit ?“ „Wenn sie interessant ist, Eure Geschichte, werden wir die Zeit wohl haben.“ „Ich komme aus der Arkadischen Union, sagte der Alte. „Allerdings habe ich viele Jahre an den Universitäten Eures Landes gearbeitet, doch das ist lange her. Ich habe meine Heimat gegen Ende des Zweiten Kaukasischen Krieges verlassen müssen, da lag es nahe, hierher zurück zu kehren.“ Die Arkadische Union war ein Zusammenschluß kleiner, jedoch um so wohlhabenderer Länder gewesen, die nach dem Zweiten Kaukasischen Krieg zerfallen, & unter den Mächten des Ostens aufgeteilt worden war. Das geschah allerdings vor mehr als siebzig Jahren, was uns stirnrunzelnd machte, denn wie alt sollte dieser Greis wohl sein. „Seit dieser Zeit sitze ich hier & denke nach. Wißt Ihr, es ist ein seltsames Geschick, wenn kräftige blühende Pflanzen plötzlich absterben & verdorren, denn so ist es meinem Land ergangen. Natürlich gab es Gründe, sie waren mit Händen greifbar, jeder, der sehen wollte, konnte es sehen; wir konnten es riechen,“ der Alte hob kurz seine Nase in den Wind & schien zu schnüffeln, „die Zeichen waren unmißverständlich. Aber die Menschen waren nach einhundert Jahren Frieden, nach dem Ende des Hungers & dem Reichtum, zu dem sie es gebracht hatten, zu fett, zu träge & zu faul zum Denken geworden. Die Gotteshäuser standen leer; heute steckt auf ihren Zinnen das Gestirn der Eroberer.  Warnungen hatte es genug gegeben, doch wir waren verlacht worden, die Leute schienen sich in eine Schar bockiger kleiner Kinder verwandelt zu haben. Na ja, um Euch nicht zu langweilen, Ihr werden wohl wissen, was ich meine.“ Der Greis faßte sich an den linken Oberarm & massierte dort kurz eine Stelle, die ihm Unbehagen zu bereiten schien. Wir hatten seiner Geschichte mit wachsender Neugier zugehört, & da er nicht weiter redete, fragte ich: „& dann, was geschah dann?“ Er sah mich mit einem seltsam prüfenden Blick an, seine Augen verengten sich & er sagte: „Die Wölfe verschwanden. Sie bewohnten seit den Tagen des Goldenen Königreichs das Aurelische Gebirge, man sah sie nur selten in den Tälern, vor die Städte kamen sie nie, jedenfalls nicht zur Tageszeit. Gelegentlich hörte man sie vor den Toren heulen, zumeist bevor ein Unglück geschah. Aus diesem Grunde waren sie nicht wohl gelitten. Zu der Zeit, als alles in Auflösung schien & die Leute auf den Plätzen immer noch um den Großen Baal tanzten, kamen die Wölfe bereits in der Dämmerung vor die Tore, unter ihnen auch erstmals die mächtigen Weißen Werwölfe, die bislang kaum jemand zu Gesicht bekommen hatte . . .“ Meine Begleiterin lachte kurz auf & sagte: “Es gibt keine Werwölfe, aber Eure Geschichte ist gleichwohl interessant“. Einen kurzen Augenblick schaute er meine Begleiterin an, rümpfte seine Nase & fuhr fort: „Sie fingen an, die Wölfe zu jagen, sie waren ihres Geheuls überdrüssig geworden. Sie jagten sie aus den Tälern zurück in die Berge, sie schmiedeten silberne Kugeln für die Werwölfe & führten Krieg gegen alles & jeden, der noch bei Verstand war. Unzählige Wölfe & auch einige Werwölfe blieben im Kugelhagel liegen. Die, denen die Flucht ins Aurelische Gebirge gelang, blieben dort & wurden nie wieder gesehen, andere sollen auf stillen Pfaden das Land verlassen haben. Nachdem sie die Wölfe vertrieben hatten, stürmten sie die Hallen in denen die alten Schriften aufbewahrt wurden, schichteten sie um den Großen Baal herum auf, entzündeten sie & feierten den Beginn einer Epoche der Immerwährenden Reinheit – so nannten sie das, was sie sich als ihre Zukunft vorstellten. Kurze Zeit später begann der Zweite Kaukasische Krieg. Er wütete sieben lange Jahre, solange hatte es gedauert, bis die Arkadische Union zerschlagen war & die Menschen in Elend & Verwüstung zurückließ.“ Wir schwiegen, denn die Geschichte des Alten war nicht ohne Wirkung geblieben & es schien, als sei er nicht bereit, mit seiner Erzählung weiter fortzufahren. Sein Blick senkte sich, doch nach einem Augenblick sah er erneut auf, blickte jedoch nicht zu uns, sondern zum Himmel & wieder bemerkten wir, daß er irgendetwas zu riechen schien, denn er schnüffelte kurz & sagte „Ihr solltet Eures Weges gehen, es zieht Unwetter auf.“ Wir sahen ihn mißtrauisch an, denn der Himmel vor uns war klar & hell. Der Alte jedoch blickte an uns vorbei. Wir drehten uns um & bemerkten eine tiefrote Tönung, die mit einem schmalen Streifen den Horizont über seine gesamte Breite bedeckte. „Was meint Ihr, was hat das zu bedeuten?“ fragte ich & drehte mich um. Der Alte jedoch war indes verschwunden, die Bank war leer.

Hamburg, Hafengeburtstag, Mai 2017

Auszug III:

. . . das Schiff

„Am Morgen des 16. April trat Doktor Bernard Rieux aus seiner Praxis und stolperte mitten auf dem Treppenabsatz über eine tote Ratte. Vorerst schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und ging die Treppe hinunter. Aber auf der Straße kam ihm der Gedanke, daß diese Ratte dort nicht hingehörte, und er machte kehrt, um den Concierge zu informieren.“

Albert Camus aus Die Pest

Nach einer guten halben Stunde, in der wir das Meer erreicht hatten & in der wir uns mit großer Verwunderung & auch mit einem gewissen Schrecken über den wundersamen Alten unterhalten hatten, sahen wir unser Ziel vor Augen. Vor dem Strand, in geringer Entfernung, lagen einige Schiffe vor Anker. Sie waren weit größer, als wir erwartet hatten, & erschienen auf den ersten Blick wenig einladend. Ihre hohen Aufbauten & die breiten, fast ein wenig klobig anmutenden Rümpfe ließen sie wie im Wasser liegende trutzige Festungen erscheinen. Der Strand hatte sich mittlerweile gut gefüllt, aus den Dünen kamen immer mehr Reisende hervor, einige schleppten große Gepäckstücke mit sich, andere hatten scheinbar nur wenige Sachen bei sich, wohl in der Gewißheit, daß ihre Reise nicht lange andauern würde. Von den dunklen Leibern der Schiffe hatte sich nunmehr eine Vielzahl kleiner Ruderboote gelöst, deren Aufgabe es offenbar war, die Reisenden zu ihren Schiffen zu bringen. Die Überfahrt in den kleinen schlingernden, von kräftigen Seeleuten geruderten Booten dauerte länger als erwartet & uns wurde schnell klar, daß die Schiffe noch weit größer waren, als sie vom Strand aus gewirkt hatten. Schließlich gelangten wir über schwankende Strickleitern & nach einem mühsamen Aufstieg an Bord. Ein mürrischer Matrose brachte uns zu unserer Kabine. Wir folgten ihm über das Deck, lange dunkle Gänge & hölzerne Stiegen, bis er vor einer Tür stehen blieb, sie aufschloß & uns wortlos den Schlüssel reichte. Unsere Kajüte stellte sich als halbwegs geräumig, in dunklem Holz gehalten & einfach, jedoch zweckmäßig eingerichtet heraus. Ein mit doppeltem Riegel verschlossenes Fenster gab den Blick nach draußen in Richtung Osten frei & es wurde deutlich, daß sich unsere Unterkunft im Heck des Schiffes befand. Das Meer war nun bedeckt mit zahllosen Ruderbooten, die eine ständig wachsende Anzahl Reisender an Bord ihrer Schiffe brachte. Nachdem wir unsere Kleider im Schrank verstaut hatten, beschlossen wir, an Deck zu gehen, um das Treiben um uns herum zu beobachten. & über Allem lag ein Geruch nach altem Holz, Salz, Teer & Moder.

An Deck trafen sich viele der Reisenden & standen einzeln oder paarweise, zuweilen auch in kleinen Gruppen zusammen. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich zumeist die Freude über die nun bald beginnende Reise, anderen hingegen war eine unausgesprochene Besorgnis anzusehen. Immer noch kamen neue Reisende an Bord & wurden zu ihren Kajüten gebracht. Da uns nach der Unterhaltung mit dem Alten nicht nach Gesellschaft zumute war, machten wir uns auf den Weg, das Deck des Schiffes vom Heck bis zu seinem Bug zu erkunden. Ohne auf die Weite unserer Schritte zu achten, mochten es mehrere hundert Meter sein, die wir zurücklegten, & der Blick hinab ins Wasser ließ uns schaudern angesichts der Höhe, in der wir uns befanden. Niemand hielt sich in unserer Nähe auf, sodaß das gleichmäßige Knarren des riesigen Schiffsrumpfes das einzige Geräusch war, das uns umgab. Da wir müde waren, zogen wir uns alsbald in unsere Kajüte zurück, öffneten mühsam das schwergängige Fenster & sahen hinaus. Die tiefrote Himmelsverfärbung, die den Horizont bedeckt hatte, war näher gekommen, so nahe, daß sich das Licht zu verändern begann & einen künstlich wirkenden roten Stich bekam. Es war schwül & windstill, eine drückende Wärme lag in der Luft. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, mich mit einem Blick auf meinen Taschenkalender des Datums zu versichern. Es war der achtzehnte Tag des dritten Monats. Wir hatten noch etwas Wein, Brot & Speck bei unseren Sachen &  nachdem wir gegessen hatten, legten wir uns in unsere Kojen & schliefen, vom Schlagen der Glasen begleitet, alsbald ein.

Mein Schlaf war unruhig & von wirren, fiebrigen Träumen durchsetzt, sodaß ich des Nachts aufwachte. Das leichte Schaukeln & das immerwährende Knarren des Holzes vergewisserten mich, wo ich mich befand, sodaß ich, leidlich beruhigt, bald wieder einschlief. Das letzte, was ich zu hören glaubte, war das leise, offenbar weit entfernte Heulen eines Wolfes.

Auszug IV:

. . . die gelbe Flagge

„Hört mich an. Es wird der Tag kommen, da werdet ihr auf See Land riechen, wo kein Land ist. An diesem Tag wird Ahab sein Grab finden, aber wird nach einer Stunde wiederauferstehen und euch zuwinken und alle außer einem werden ihm ins Grab folgen. Machts gut Kameraden, viel Glück, möge der Himmel euch beschützen.“

Herman Melville aus Moby – Dick, oder: der Wal

Am nächsten Morgen erwachte ich von den acht Schlägen der Schiffsglocke, die den Beginn der zweiten Tagwache anzeigten. Meine Begleiterin war bereits aufgestanden, saß am Fenster & starrte hinaus. Zu unserem Entsetzen zeigte der Himmel immer noch die tiefrote Färbung, die er am Vortage angenommen hatte. Ich bekleidete mich mit dem Notwendigsten & machte mich auf den Weg zum Deck. Hier erhoffte ich mir Aufklärung über das bedrohliche Wetterphänomen, außerdem brauchten wir etwas zu essen & einen frischen Krug Wasser. Der erste Eindruck, als ich das Deck betrat, war, daß alles um mich herum wie in ein rotes Licht getaucht aussah, & tatsächlich war nun der gesamte Himmel über Meer & Land gleichermaßen tiefrot eingefärbt. Auch stellte ich fest, daß es offenbar keinerlei Geschäftigkeit gab, das Auslaufen des Schiffes vorzubereiten, das in zwei Stunden in See stechen sollte. Stattdessen hörte ich ein lautes platschendes Geräusch, welches sich mit wenigen Sekunden Abstand vielfach wiederholte & dessen Ursache mir nicht sofort ersichtlich war. Als ich in Richtung Bug ging, erkannte ich nach einigen Schritten den Grund des seltsamen Geräusches. Eine Gruppe Matrosen, die sich schwarze Tücher vor ihre Gesichter gebunden hatte, war damit beschäftigt, große Säcke auf ein Brett zu legen & über Bord ins Meer zu kippen. Zu meinem nicht geringen Entsetzen wurde mir klar, daß es sich um in Segelplanen eingewickelte menschliche Körper handelte. Es mochten vielleicht noch zehn dieser furchtbaren Säcke auf Deck liegen, die darauf warteten, ihren Vorgängern in ihr nasses Grab zu folgen.

Als man mich bemerkte, kam einer auf mich zu gerannt & herrschte mich an, ich solle sofort wieder meine Kajüte aufsuchen. Ich versuchte, ihm zu entgegnen, daß ich Auskunft über den Vorgang begehre, dessen Zeuge ich soeben unfreiwillig geworden war, doch der Matrose schüttelte nur den Kopf, machte auch keine Anstalten, meine weiteren, mühsam hervorgebrachten Fragen zu beantworten & verwies mich erneut unter Deck. Auf das Tiefste beunruhigt, wandte ich mich gen Heck des Schiffes.

Als ich an einem Stapel aufgerollter Taue vorbeiging, sah ich dort einen Mann sitzen, den ich zuvor noch nicht bemerkt hatte. Er war klein, trug ein zerschlissenes Hemd & eine abgerissene Jacke, sowie eine alte Schiffermütze, die sein unglaublich schmutziges Gesicht halb verdeckte. Als ich an ihm vorbeiging, griff er nach meinem Bein & packte  mich mit einem überraschend festen Griff an der Hose. „Du kommst hier nicht wieder weg!“ kicherte er aus einem offenbar zahnlosen Mund, „Ihr alle kommt hier nicht wieder weg!“ Sein Kichern ging nun in ein heiseres Husten über. „Die gelbe Flagge!“ stieß er zwischen zwei Hustenanfällen hervor, „Die gelbe Flagge . . . dort oben, siehst Du sie, siehst Du sie!“ Ich sah unwillkürlich nach oben zum Mast, an dessen Fuß wir uns befanden, & tatsächlich, vielleicht zwanzig Meter über dem Deck hing eine großes gelbes Tuch, welches im Wind vielleicht als Flagge gedient haben könnte & das ich am Vortage nicht bemerkt hatte. „Du hast gedacht, das Schiff wird Dich schon zu Deinem Hafen bringen, eh Du Dich versiehst, bist Du da, meinst, Du kennst Dich aus, glaubst, alles sei wie immer . . .Er kramte in seiner Jacke, holte eine alte abgeschabte Pfeife heraus, sowie ein Streichholz & versuchte, sie zu entzünden. Als dies nicht gelang, stopfte er sie wieder zurück in die Tasche, fluchte, spuckte aus & fuhr fort: „Aber nichts ist wie immer & wird es nimmer sein, wird es nimmer sein . . .  wird es nimmer sein . . . nimmer . . .“ Seine Stimme war leise geworden & in einen seltsam fremdartigen Singsang verfallen. Er starrte nun vor sich hin, seine Hand hatte sich von meiner Hose gelöst & es schien, als würde er mich nicht mehr wahrnehmen. Ich packte ihn an seiner Jacke, riß ihn hoch & schrie ihn an: „Was geschieht hier, was weißt Du, sprich, Du elender Hurensohn oder ich prügel es aus Dir heraus!“ Doch der Kleine lachte, sah mir direkt in die Augen & lachte noch lauter: „Du Einfaltspinsel! keuchte er, „Was willst Du aus mir herausprügeln, was Du nicht selbst schon weißt! Du hättest umdrehen sollen, als es Dir noch möglich war! Hast Du den Himmel nicht gesehen, Du Narr?“ Dann krallte er seine dünnen schmutzigen Finger um meine Handgelenke, kam mit seinem Gesicht ganz nahe an das meine & flüsterte: „& hast Du den Wolf nicht gehört?“ Dann warf er den Kopf nach hinten, lachte, bis ihm die Tränen kamen und rief: „Du Narr, Ihr seid alle Narren!“ Ich stieß ihn zurück auf die Taurollen, drehte mich um & strebte zurück zu unserer Kajüte. „Du Narr! Du Einfaltspinsel!“ Er versuchte zu schreien, doch da er immer noch laut & wie halb im Wahn lachte, verschluckte er sich & bekam einen furchtbaren Hustenanfall.

„Sie haben uns Wasser, Brot, Dörrfleisch & eine Kanne mit Rum vor die Tür gestellt“ sagte meine Begleiterin, als ich unsere Kajüte erreichte, & fuhr in besorgtem Ton fort: Was ist da draußen los, was hast Du gehört, was hat Dich so erschreckt“ fragte sie & strich mir über das Gesicht. Ich erzählte ihr, was sich draußen an Deck zugetragen hatte, als ich ein Schaben an der Tür bemerkte. Jemand hatte ein Blatt Papier unter der Tür hindurchgeschoben. Ich sprang hoch, riß die Tür auf, doch es war niemand zu sehen. Die Mitteilung war kurz, in wenigen Sätzen stand darin, daß die Vorbereitungen zum Auslaufen abgebrochen wurden, daß wir in diesem Moment dazu verpflichtet würden, unsere Kajüten nicht mehr zu verlassen, uns vom Deck fernzuhalten & jedweder Kontakt zu anderen Passagieren, sowie der Mannschaft des Schiffes zu unterbleiben habe. Zuwiderhandlungen würden mit 20 Peitschenhieben vergolten. Für unsere Mahlzeiten werde in vorgefundener Weise gesorgt. Von diesem Moment an, so hieß es weiter, befände sich das Schiff unter der Gelben Flagge. Unterzeichnet war das Schreiben von Kapitän zur See H.M. Starbuck, Inhaber des Ersten Patents, sowie Dr. Wellington Yueh, Schiffsarzt.

dito

Auszug V:

. . . in der Kajüte

„Die große Einsamkeit des Einzelnen zählt zu den Kennzeichen der Zeit. Er ist umringt, ist eingeschlossen von der Furcht, die sich gleich Mauern anschiebt gegen ihn. Sie nimmt reale Formen an – in den Gefängnissen, der Sklaverei, der Kesselschlacht. Das füllt die Gedanken, die Selbstgespräche, vielleicht auch die Tagebücher in Jahren, in denen er selbst den Nächsten nicht trauen kann.“

Ernst Jünger aus Der Waldgang

Immer noch außer mir durch das Erlebte, ging ich leise zur Kajütentür, öffnete sie vorsichtig & sah in den Gang hinaus. Am Ende des Kajütenganges standen sowohl links wie auch zur Rechten je ein Matrose. Sie hielten ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in den Händen, & ihre Gesichter waren mit einem dunklen Tuch umwickelt. Offensichtlich gab es nun keine Möglichkeit mehr, das Deck zu erreichen. Leise schloß ich die Tür. Kaum, daß ich dies getan hatte, hörte ich feste Tritte im Gang, eine Tür wurde aufgeschlossen, ich hörte leise Stimmen, & etwas Schweres schien auf den Boden gefallen zu sein. Nach einigen nicht näher zu bestimmenden Geräuschen wurde die Tür wieder geschlossen. Erneut öffnete ich die Kabinentür einen Spalt weit & konnte sehen, wie vier Matrosen einen größeren Sack den Gang entlang zum Decksaufgang trugen. Von Entsetzen ergriffen,  lief ich zum Fenster, öffnete es & lauschte angestrengt nach draußen. Wenige Augenblicke später hörte ich das entsetzliche Platschen erneut, offensichtlich hatte man einen toten Reisenden aus der Kajüte geholt & ins Meer geworfen.

Vor Entsetzen zitternd hielten wir uns umklammert & rangen in der drückenden Schwüle nach Luft. Namenloses hatte von unserem Schiff Besitz ergriffen, ein unbekannter Schrecken breitete sich aus & offenbar war niemand mehr sicher. Keiner der Reisenden wußte, ob er diesem Schrecken entrinnen konnte, oder ob er selbst auch in Kürze dem Meer übergeben in ein kaltes nasses namenloses Grab stürzen würde. Von nun an begleitete uns das gelegentliche Klatschen bis in die Nacht hinein. Schweißnass lagen wir auf unseren Betten, wimmernd vor Angst, hilflos & ohne Hoffnung.

Wir müssen endlich doch eingeschlafen sein, denn gegen Morgen wurden wir von einem wüsten Gepolter & Schreien geweckt. Das Bersten von Holz war zu hören, sowie verzweifelte Rufe, schließlich ein Knall, bei dem es sich um einen Schuß gehandelt haben mag. Ich öffnete vorsichtig die Kajütentür & spähte auf den Gang hinaus. An seinem dem Decksaufgang zugewandten Ende lagen zwei leblose Körper, offenbar der wachhabende Matrose, sowie ein Reisender. Auf dem Deck waren nun das Getrampel vieler Füße & laute Rufe zu hören. Gleich darauf knallten mehrere Schüsse & wir glaubten, das Fallen lebloser Körper zu hören. Dann erstarb für eine kurze Weile jedes Geräusch. Bald darauf wurden wir erneut das Klatschen gewahr, das die Beisetzung der Toten begleitete. Einige Minuten später erschienen die nunmehr verdoppelten Wachen an den Gangenden, sowie weitere Matrosen, die sich, ebenfalls mit Gewehren bewaffnet, auf dem Gang verteilten. Offenbar hatte es einen Ausbruchsversuch hinlänglich Verzweifelter gegeben, der nun sein grausames Ende gefunden hatte.  Dieses Ereignis führte uns unmißverständlich vor Augen, wie aussichtslos es war, auf ein Entkommen zu hoffen.

So schlich der Tag dahin, die Zeit drückte wie eine zentnerschwere Last auf unsere Seelen & die einzige Abwechslung war das Klopfen des Matrosen, das uns ankündigte, daß unsere Essensration, die wie gestern aus Brot, Dörrfleisch, einem Krug Wasser & einer Kanne Rum bestand, vor unserer Tür abgestellt worden war.

Trotz des Tag & Nacht geöffneten Fensters herrschte eine undurchdringliche Schwüle in der Kajüte & die einzige Abwechslung bestand darin, hinaus zu starren & den Möwen zuzuschauen, die ihre Runden zwischen den mit einigem Abstand in der Bucht liegenden Schiffen drehten. Ein Blick durch mein kleines Taschenfernrohr zeigte an, daß auch bei den anderen Schiffen die gelbe Flagge aufgezogen worden war. & gelegentlich waren auch von den anderen Schiffen Schüsse zu hören.

Nachdem einige Zeit in dieser Öde vergangen war, hatten wir das Gefühl, nicht nur Nachts, sondern auch am Tage von Fieberträumen heimgesucht zu werden. Wir hatten auch seit Längerem keine Möglichkeit mehr, uns zu waschen, da das gereichte Wasser gerade für uns zum Trinken ausreichte. Langsam breitete sich zu der Schwüle ein ekelhafter stechender Geruch in der Kabine aus. Zumeist lagen wir auf unseren klammen, vom Schweiß durchnässten Kojen. Wir sprachen kaum & tranken den Rum zum Einbruch der Nacht, damit wir, halbwegs betäubt, Schlaf fanden. Einmal sprang ich, plötzlich vom Wahn ergriffen auf, riß meine Begleiterin aus ihrer Koje, schüttelte sie & gab ihr mehrere Schläge ins Gesicht, währenddessen ich sie anschrie: „Ich will hier raus, tu endlich was! Bring uns hier raus, ich halte das nicht länger aus!“ Dann sank ich wimmernd vor ihren Füßen zu Boden, während sie teilnahmslos vor mir stand & meine Hand hielt. Nach einer Weile ließen wir voneinander ab & sanken auf unsere Kojen.

In dieser Nacht träumte ich von einem großen Feuer. Ich sah unbekleidete Menschen, die wie von Sinnen schreiend, dabei gleichwohl beseelt & entrückt, zahllose Schriften & Bücher in das Feuer warfen. Einige fielen danach übereinander her & trieben es vor allen Anderen, & es wurden immer mehr, die es ihnen gleichtaten. Andere wiederum holten derweil Menschen aus ihren Häusern, Männer, Frauen & auch Kinder, & zerrten sie zu dem Feuer & zwangen sie, sich das blasphemische Treiben anzuschauen. Die, die sich weigerten, wurden erschlagen & ins Feuer geworfen. Unruhig warf ich mich hin & her, stammelte wie im Fieber Unverständliches & sah alsbald einen Wald, vor dessen Rand ich stand. Weit hinter mir lag die Stadt, & der Lichtschein des furchtbaren Feuers erglühte über ihr. Als ich mich abwandte, sah ich am Waldrand eine Bewegung. Am Himmel stand gr0ß & bedrohlich der Blutmond & warf seinen rötlichen Schein auf den Waldessaum, aus dem sich langsam eine Figur löste & zu mir hinüber sah. Es war ein großer weißer Wolf, & ich konnte aus der nicht unbeträchtlichen Entfernung sehen, daß er mich anschaute. Plötzlich wandte er mit einer raschen Bewegung den Kopf & leckte sich den linken Vorderlauf. Dann drehte er sich langsam um & verschwand im Wald.

Traumlos dämmerte ich dem Morgen entgegen.

Mit den folgenden Wochen nahmen die wachen, die bewußten Stunden, die, in denen es uns bislang noch möglich gewesen war, uns gegenseitig unsere rätselhaften Träume zu erzählen, sowie die Versuche, sie zu deuten, immer mehr ab. Unser Zustand begann, einem Delirium zu gleichen, an manchen Tagen waren wir selbst zu schwach, das Essen & das Trinken in die Kabine zu holen. Die Kanne mit Rum bekamen wir schon lange nicht mehr & auch die Dörrfleischportionen waren merklich kleiner geworden. Das Trinkwasser hatte einen eigentümlichen Geschmack bekommen, offenbar wurden ihm chemische Substanzen beigemengt, um das Faulen zu verhindern. An den entsetzlichen Gestank in der Kajüte hatten wir uns gewöhnt & bemerkten ihn nicht einmal mehr. Unsere Hemden waren zerschlissen, wir waren dreckig & zerlumpt, unsere Haare verfilzt & aus den Ritzen der Holzwand krochen Wanzen & anderes unbenennbares Ungeziefer hervor. So dämmerten wir einem gewissen Schicksal entgegen.

Eines Tages kroch meine Begleiterin an meine Koje, rüttelte mich, stammelte unverständliche Worte, hob ihre Hand, die mittlerweile einer verdorrten Kralle ähnlich geworden war & deutete nach draußen. Das erste, was ich spürte, war, daß durch den Gestank & die drückende Schwüle ein kurzer Luftzug fuhr. Das Rot des Himmels war verschwunden & einem tiefen dunklen, fast schwarzen Blau gewichen, in das hinein in diesem Augenblick heftige Blitze zuckten. Wenig später war ein lautes grollendes Donnern zu hören. Bald darauf hörten wir in der Stille des Schiffes ein leichtes Plätschern & aus dem Fenster heraus war zu sehen, daß es zu regnen begonnen hatte. Alsbald brach ein heftiges Unwetter los, das Meer wurde aufgepeitscht & das riesige Schiff fing an, auf den losbrechenden Wellen zu gieren & zu schlingern. Obgleich vollkommen kraftlos, war es uns gelungen, zum Fenster zu gelangen & während wir mühsam Halt fanden, sogen unsere entkräfteten Lungen begierig die frische kalte Luft ein, die zum Fenster herein blies. Das Unwetter mochte mehrere Stunden getobt haben, bis wir schließlich entkräftet in unsere Kojen sanken.

Am nächsten Morgen erwachten wir frühzeitig, weil es uns fror. Es war wohl zu der Zeit der acht Glasen zur Morgenwache & es fiel uns später auf, daß es das erste Schlagen der Schiffsglocke war, das wir seit vielen Wochen gehört hatten. Es war kalt in der Kajüte, die Schwüle war verschwunden, der Himmel war klar, tiefblau & mit weißen Wolken betupft. Zu unserem namenlosen Erstaunen stand die Kajütentür offen. Unsicher taumelten wir auf den Gang, die Wachen waren verschwunden & wir sahen nun, daß auch alle anderen Türen offen standen. Langsam, des Gehens kaum noch mächtig, krochen wir die Stiege zum Deck empor, ohne daß uns jemand zu hindern versuchte. Die reine Luft umhüllte uns wie eine kühlende Decke, eine frische Brise wehte durch die Takelage. Die gelbe Flagge war verschwunden. Überall auf dem Deck standen abgerissene Gestalten, die wie wir ungläubig umherirrten. Mit einem Mal wurden wir gewahr, daß es weit weniger waren, als vor einigen Wochen an Bord gekommen waren. Die Besatzung des Schiffes hatte die schwarzen Tücher abgelegt. Nicht nur wir versuchten, sie mit Fragen zu bestürmen, daß sie uns doch erklären wollten, was vorgefallen war, welch schreckliches Unglück uns heimgesucht hatte & wie die Ereignisse der letzten Wochen erklärlich seien. Uns schlug allerdings lediglich eisernes Schweigen entgegen.

& jetzt, in den Tagen des heraufziehenden Winters, in denen die Bäume kahl, & das Land leergefegt sind, in dieser Zeit, in der wir das wärmende Feuer suchen & die Fenster schließen, um das Heulen des Sturmes zu mildern, in diesen Tagen, in denen das Jahr  sich neigt & die Gedanken zur Ruhe kommen, jetzt ist es Zeit, aufzuschreiben, was geschah. 

. . . Epilog

„Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich nämlich daran, daß diese Freude immer bedroht war. Denn er wußte, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in Büchern lesen kann, daß nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, daß er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, daß er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und das vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Albert Camus aus Die Pest



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Veröffentlicht15. August 2020 von Klaus in Kategorie "Ballett, Kunst & Kultur

5 COMMENTS :

  1. By Runa Paul on

    Die Seefahrer

    Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen
    Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag
    Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen
    Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag.

    Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen,
    Brauste ein Sturm. Sie verbrannten, wie Blut,
    Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen
    Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.

    Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere,
    Unsere Hände brannten wie Kerzen an.
    Und wir sahen die Adern darin, und das schwere
    Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.

    Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen
    Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus.
    Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen
    In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.

    Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
    Ehe die Nacht begann, in dem ewigen Raum
    Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
    Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.

    Georg Heym (1887-1912)
    Aus der Sammlung Umbra Vitae

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  2. By Klaus Scholz on

    Hi Runa,

    danke f.d. schöne Gedicht, ich kannte es nicht & es paßt hervorragend zur Stimmung. Den Autor kannte ich zu meiner Schande ebenfalls nicht. Ich werde es gleich in die Rubrik Gedicht des Monats stellen.

    besten Dank & herzliche Grüße,

    Klaus

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  3. By Conny on

    Die Überschrift „Die Zeit der Stille“ zog mich magisch an….sicherlich in der Hoffnung und Erwartung über die Stille zu lesen, die man sich in dieser lautstarken Welt wünscht und ersehnt. Aber die Stille wartet woanders, nicht so offensichtlich, sie stupst einen beim Lesen subtil an.

    Die gewählten Auszüge tragen in sich die Bedrohlichkeit, fast möchte man schwarz sehen, gäbe es nicht auch immer wieder die lichten Hinweise. Das drohende Unheil, in den Auszügen ist es die Pest, steht für mich für die derzeitige Klimakrise, politische Verschiebungen, Corona etc. Die Pest als Sinnbild für die Unwägbarkeiten, die ein Leben in sich trägt. Ich gewinne für mich die Erkenntnis, dass man aufmerksam sein sollte mit dem was man sieht und fühlt. Wegschauen und hinnehmen ist keine gute Wahl. Unser Wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist, ist unser Kompass um uns nicht in Wege zu verstricken, die nicht die unseren sind.
    Und vielleicht muss uns das Grauen auch manchmal auf den Pelz rücken, damit wir die Möglichkeit, bekommen und erkennen, was unser aller Lebewesen-Leben wert ist. Und dass wir unser Erdwesen schützen müssen. Und dass wir alle miteinander verbunden sind….in aller Stille.

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  4. By Udo Behrendt on

    „Die stille Zeit“ haben meine Frau und ich uns abschnittsweise wechselnd, gegenseitig vorgelesen. Das hat schon mal sehr viel Spaß gemacht, keiner kannte die, ich nenne sie mal Erzählung, beide waren gespannt auf den Fortgang. Uns gefiel die sehr bildhafte Sprache, die einzelnen Episoden sind lebendig und anschaulich wie Filmsequenzen. Es gibt einen Spannungsbogen, der uns trotz hochsommerlicher Temperaturen gefesselt hat. Dass es am Ende keine (Auf-) Lösung gibt, hat den Genuss des Lesens und Zuhörens nicht getrübt. Es folgte eine Diskussion darüber, was der Autor gemeint haben könnte, ob und welche Symbole er wofür vielleicht verwendet haben könnte. Sieht er zum Beispiel eine Parallele in Sachen Pest und Corona? Sind Wacken-Fans eine Gilde? Für wen stehen symbolisch der alte Mann und der Wolf? Ist der Halbmond das Gestirn der Eroberer? Ich finde, es ist ein rätselhafter Text mit einem hohen Anteil an Selbstoffenbarung, die aber verschleiert ist, so wie beim Tintenfisch, den man glaubt, bereits geschnappt zu haben und der dann ordentlich was ablässt, um dann im Dunkel zu entkommen.

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  5. By Klaus Scholz on

    Hi Udo,

    „ein rätselhafter Text mit einem hohen Anteil an Selbstoffenbarung“ … das stimmt. & ich danke für die netten Worte, die mich besonders freuen, weil die Arbeit in dieser Form & Sprache auch für mich Neuland war. Was den alten Mann & den Wolf angeht ein Tip. Es gibt im Text zwei eindeutige Hinweise zur Lösung dieses kleinen Rätsels.

    Beste Grüße,

    Klaus

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