September 13

Die Akademie tanzt

. . . Yiddish Summer Weimar – Impressionen

Weimar ist ohne Frage eine der schönsten deutschen Städte. Diese Schönheit ist weniger vordergründig, sie erschließt sich, besonders, wenn man die Stadt öfter & länger als für das übliche Wochenende besucht, eher beiläufig. Weimar prahlt nicht, es erschließt sich dem länger Verweilenden, dem Interessierten, dem, der bereit ist, sich vom Plakativen, Offensichtlichen, dem zuweilen auch Aufdringlichen, nicht blenden zu lassen & die Ruhe zu suchen, sich auf diesen Ort einzulassen & die unglaubliche Geistesgeschichte innerhalb seiner Mauern aufzunehmen. Denn dieses Aufnehmen ist weit mehr, als das Haus am Frauenplan oder Schiller´s Wohnhaus einfach nur touristisch abzuhaken. 

Im Sommer ist Weimar von Touristen aus aller Welt nahezu überfüllt, besonders um die Wochenenden herum, was aufgrund der Beschaulichkeit des Städtchens deutlich schneller geht als anderswo. Die Frage, wer von den zahlreichen Besuchern Goethe tatsächlich gelesen, Schiller & Nietzsche verstanden, Liszt aufmerksam gehört, & in den Büsten von Wagner, Herder & Wieland mehr sieht, als historische & denkmalbewährte Vergessene, bleibt unbeantwortet. Auch ein Verständnis des Bauhauses über das Dekorative hinaus, verlangt ein Sicheinlassen,  ein Erfassen von Zeiträumen über das Tagesgeschehen hinweg, kunstgeschichtliches Grundverständnis & die Bereitschaft, hinter die Dinge zu schauen. 

Ebenfalls unbeantwortet bleibt oft auch die Frage, warum Weimar & der Ettersberg vor seinen Toren seit 82 Jahren untrennbar miteinander verbunden sind, denn Weimar ist seither eben auch die Ungeheuerlichkeit von Buchenwald. & Weimar ist die Stadt der gescheiterten ersten deutschen Republik, die ihren Namen trug. Daß Weimar eine junge, & bei aller Ruhe & Beschaulichkeit lebendige Stadt ist, dafür sorgen u.a. auch die Studenten der bekannten Musikhochschule Franz Liszt mit ihren zahlreichen Aktivitäten.

Seit diesem Jahr erinnert leider auch ein furchtbarer großer grauer Betonwürfel daran, wie leicht es ist, das fragile kulturelle Erbe zu erschlagen & seinem Sinn Hohn zu sprechen: das neue Bauhaus Museum, zur 100 – jährigen Geburtsstunde der Werk- & Designschule eröffnet, ist eine ästhetische & kulturpolitische Zumutung, eine museumspädagogische Verirrung, schlicht eine Schande. 

Jam Session vor dem Sächischen Hof, Weimar

Daß sich in dieser Stadt neben zahlreichen anderen festen kulturellen Terminen im Jahr auch ein Festival für jiddische Musik & Kultur etablieren konnte, zeugt von der ungebrochenen kreativen Ausstrahlung & Anziehungskraft dieses mit ca. 60 000 Einwohnern recht überschaubaren Städtchens, das seit dem frühen 14. Jahrhundert jüdische Einwohner verzeichnet. 

Der Yiddish Summer Weimar geht zurück auf einen Workshop für jiddische Musik im Jahre 1999. Künstlerischer Leiter des Festivals ist der Komponist, Pianist, Akkordeonspieler & Musikpädagoge Dr. Alan Bern. Dem sehr international besetzten Festival geht es um die Vermittlung der traditionellen & zeitgenössischen jiddischen Kultur & Musik. Hierzu werden diverse Workshops angeboten, in denen Kenntnisse in jiddischer Musik, Tanz &  anderen kulturellen Aspekten vermittelt werden. Zudem gibt es eine Vielzahl von Konzerten internationaler Künstler. Die Workshops richten sich sowohl an Interessierte, die mit den Themen bereits vertraut sind, wie auch an Neueinsteiger. Alan Bern meint dazu: „Ja, Yiddish Summer Weimar ist ein Musik- und Kulturfestival – aber darüber hinaus eine Chance, Grenzen zu hinterfragen, Verbindungen aufzubauen und durch die Begegnung mit anderen zu wachsen.“

In diesem Jahr war es uns leider nur möglich, zwei Konzerte des Festivals zu besuchen, die, das sei vorweg genommen, unterschiedlicher nicht sein konnten. An einem sehr heißen & stickigen Sonntagabend fand im Saal der Musikschule Johann Nepomuk Hummel das Abschlußkonzert des Workshops für Musik des Nahen Ostens statt. Die Leitung hatte der Oud Spieler Yair Dalal. Zuvor jedoch spielte Alan Bern zusammen mit dem Geiger Mark Kovnatskiy einige Kompositionen, die in ihrer formalen Schlichtheit gleichwohl eine emotionale Tiefe ausloteten, die in der geistigen Durchdringung der jiddischen Kultur & Musik durch die Interpreten begründet ist. Wie gerne hätte man diesen beiden Herzensmusikern weiterhin zugehört. 

Doch nun nahm das Ensemble für Musik des Nahen Ostens auf dem Podium Platz & schnell war klar, daß es sich hier überwiegend um Amateurmusiker handelte, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn sie die Musik, die sie sich vorgenommen hatten, halbwegs ansprechend gespielt hätten. Das Ensemble, zu dem einige Oud Spieler, Klarinettisten, Geigerinnen & Percussionistinnen gehörten, hatte Mühe, rhythmisch zusammen zu finden, fiel immer wieder auch klanglich auseinander, &, so muß ich leider sagen, buchstabierte sich durch sein viel zu langes Programm. Der Klangeindruck kam nicht über orientalische Klischees  hinaus, Harmonie & Rhythmik beschränkten sich zumeist auf Assoziationen aus Tausendundeiner Nacht. Erst gegen Ende des Konzerts fand das Ensemble zu einem gemeinsamen Groove, der, wäre er eher vorhanden gewesen, über manche instrumentelle Schwäche hinweg geholfen hätte. Daß Yair Dalal, der dem Ensemble zugewandt auf einem Stuhl saß, seine Ansagen mit dem Rücken zum Publikum machte, verstärkte den Eindruck des Unfertigen & bisweilen Fehlerhaften noch zusätzlich mit dem Gefühl der Geringschätzung. Gerade vor dem Hintergrund der großartigen Künstler, die wir in vergangenen Jahren im Rahmen des Yiddish Summer hier erleben durften, war der letzte Ton in dem nach Schließen der Fenster zu Beginn des Konzertes unerträglich heißen & stickigen Saal eine Erlösung. Daß an der improvisierten Bar statt des bestellten Weißweins ein warmer süßer Sekt eingeschenkt wurde, verwunderte vor dem Hintergrund dieser Darbietung niemanden mehr. Dem Publikum – die Veranstaltung war ausverkauft – hatte es offensichtlich gefallen, wie der begeisterte Applaus zeigte.

Ein besonderes Merkmal des Yiddish Summer Weimar war es stets, daß das Festival auch auf den Straßen & Plätzen stattfindet. Am Mittwochabend trafen sich Musiker & Absolventen des Tanzworkshops, sowie weitere Interessierte zu einer Jam Session vor dem Cafe´ am Markt. Zwei Stunden lang spielten die MusikerInnen jiddische Tanzmusik & eine kleine, sich ständig vergrößernde Gruppe von Tanzwütigen fand sich nahezu unmittelbar bereit, sich entsprechend zu bewegen. Jung & Alt, Frauen wie Männer erschufen sofort eine sehr lebendige, ansprechende & zum Verweilen zwingende Atmosphäre, die gerade durch das Improvisatorische in Musik & Tanz eine große Lebensfreude ausstrahlte. Viele Mitwirkende des unglücklichen Ensembleauftritts vom vergangenen Sonntag spielten hier nun wie befreit auf, fanden in diesem musikalischen Miteinander ihren Platz, sich angemessen auszudrücken & je nach individueller Neigung mehr oder weniger hervorzutreten. Diese Abende sind, gerade weil sie auf der Straße stattfinden, eine große Bereicherung & Ausweis für das Selbstbewußtsein des Festivals. Die Akademie tanzt. 

Triangle Orchestra, Joshua Horowitz (rechts außen), Probe, Photo: Yulia Kabakova

Gegenüber des Cafe´s am Markt befindet sich das Hotel Elephant, ein historisches Luxushotel, auf dessen Balkon Adolf Hitler zu den begeisterten Bürgern der Stadt sprach, wenn er sich in Weimar aufhielt. Daß auf diesem Platz nun jiddische Tanzmusik erklingen kann, ist etwas Besonderes & keineswegs selbstverständlich. Vielleicht aber ja eben doch, denn es zeigt die besondere Kraft der jahrtausendealten jüdischen Kultur. Es zeigt, daß selbst im langen Schatten des Glockenturms von Buchenwald die Kraft des Lebens über die totale Vernichtung siegen kann.  

Die Jam Session wiederholte sich am folgenden Tag vor dem Hotel Sächsischer Hof, am Herderplatz, wurde jedoch durch einen Gewitterschauer ein wenig aus dem Konzept gebracht. 

Ein Ereignis besonderer Art, & dieses Jahr ganz sicher der Höhepunkt des Yiddish Summer, war die konzertante Uraufführung der instrumentierten Fassung der jiddischen Oper Bas – Sheve von Henech Kon (geb. 1890 in Lodz – gest. 1972 in New York). Die Uraufführung der Klavierfassung fand am 24. Mai 1924 im Kaminski Theater in Warschau unter recht abenteuerlichen Bedingungen statt, wie einem Einführungsreferat der Judaistin Dr. Diana Matut von der Universität Halle zu entnehmen war, die auch die Entstehung der instrumentierten Fassung sprachlich & chormusikalisch betreut hatte & heute auch selbst im Chor mitsang. Für die Instrumentierung zeichnete der gegenwärtig in Kalifornien lehrende Joshua Horowitz verantwortlich. Für das Konzert hatte man den großen Saal des Kulturzentrums mon ami am Goetheplatz gebucht, der eine angemessene Bühne, sowie genügend Platz für ca. 280 Stühle bietet. Der Besucherandrang war derart groß, daß auch die hintere Balustrade geöffnet werden mußte. 

Inhaltlich geht es um die alttestamentarische Geschichte von König David, der seinen Söldner Urija ermorden läßt, weil er dessen Frau Batseba geschwängert hat & dafür nun vom Propheten Natan angeklagt wird. Für die Uraufführung hatte man ein international besetztes Ensemble aus StudentInnen verschiedener europäischer Hochschulen zusammengestellt, das Triangle Orchestra, welches von dem Franzosen James Salomon Kahane geleitet wurde & aus einem 14 – köpfigen Chor sowie einem 19 – köpfigen Orchester bestand. Selbst für eine Übertextanlage war gesorgt worden, sodaß die Besucher inhaltlich nicht im Unklaren blieben. 

Musikalisch überzeugten Chor & Orchester vom ersten Augenblick an. Der dichte Orchestersatz klang transparent & klar, auch wenn die Klangfarben aufgrund der starken Raumbedämpfung ein wenig blaß klangen. Der auf einem markanten Hauptthema beruhende Satz wurde vom Orchester dicht & mit hoher Geschlossenheit musiziert, es gab keinerlei Brüche zwischen den Instrumentalgruppen, die von Kahane mit deutlichem Dirigat sehr umsichtig geleitet wurden & selbst große Dynamiksprünge hervorragend meisterten. Gleiches galt für den Chor, bei dem besonders die solistisch Agierenden, allen voran Filippo Caluzza als König David überzeugten. Im Orchester begeisterte besonders der polnische Fagottist Michal Szydlowski. Stilistisch ist die Musik irgendwo zwischen frühem Mahler & Leos Janaczek einzuordnen, auch wenn derartige Assoziationen höchst individuell sind. Immer wieder stellt Horowitz einzelne Instrumentalgruppen in den Vordergrund, bisweilen soliert auch die Flöte, gerne nutzt er dynamische Kontraste & scheut auch vor harmonischen Reibungen nicht zurück. Kahane leitete die Aufführung mit hoher Spannung & großer Intensität. Dabei gelang ihm eine erstaunliche klangliche Homogenität von Chor & Orchester. Chapeau!  Der begeisterte Jubel am Ende der Aufführung, auch für den anwesenden Horowitz, war hochverdient, die Schlußtakte wurden als Zugabe nochmals wiederholt. 

Triangle Orchestra, Dr. Diana Matut (1. Reihe, 3. v. links), Photo: Shendl Kopitman

Ein denkwürdiges Konzert, welches in Lodz noch einmal aufgeführt werden wird & diese wunderbare Musik dorthin zurückbringt wo ihr Komponist einst herkam. Dank des großen Engagements der jungen MusikerInnen wurden die hohen Erwartungen an diese Aufführung mühelos übertroffen. Ein denkwürdiger Abend, der lange nachwirkt. Der Yiddish Summer bewies damit einmal mehr seine kreative Lebendigkeit & seine singuläre Bedeutung für das zeitgenössische kulturelle Leben in Weimar.

Danksagung: 

Mein besonderer Dank gilt Dirk Hornschuch, dem Verantwortlichen für die Pressearbeit des Yiddish Summer Weimar für seine freundliche Unterstützung bei diesem Artikel, sowie für die Freigabe der Photos von Yulia Kabakova & Shendl Kopitman.

 



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Veröffentlicht13. September 2019 von Klaus in Kategorie "Ballett, Kunst & Kultur", "Musik

1 COMMENTS :

  1. By Lotte Herder on

    Weimar

    Glücklich Weimar! – Von den Städten allen
    Bist du, kleine, wunderbar bedacht;
    Man wird stets zu deinen Toren wallen,
    Angezogen von der heil’gen Macht;
    Und man wird nach großen Männern fragen,
    Die in schönen Zeiten hier gestrebt,
    Und mit edlem Neid wird man beklagen,
    Daß man mit den Edlen nicht gelebt.

    Johann Peter Eckermann (1792 – 1854)

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