September 26

Das Pop – Ufo

. . . . das Electric Light Orchestra landet in Hamburg . . . .

 

„When I was a boy I had a dream
All about the things I’d like to be
Soon as I was in my bed, music played inside my head
When I was a boy I had a dream“

aus When I was a boy / Jeff Lynne´s ELO

 

Gelegentlich, wenn ich meinen Widerwillen überwinde, nehme ich die Pop – Kolumne der Süddeutschen Zeitung zur Hand & höre mich bis zum schnellen Erreichen der Schmerzgrenze durch das dort Angepriesene. Zeit für nachdenkliches Befremden bleibt dann kaum, zu groß ist der Ärger über das Gehörte. Das einzig Tröstliche ist, daß es sich bei den Autoren dieser Rubrik nicht um Musikkritiker im althergebrachten Sinne handelt, sondern um Zeitgeistschreiberlinge in sozialpädagogischer Funktion.  

In seiner ARD – Sendung Druckfrisch wirft der Literaturkritiker Dennis Scheck beim Abarbeiten der Spiegel – Bestsellerliste all das, was er für Mist hält, in die Mülltonne. Herrlich! Denn das ist genau der Ort, in den nahezu alles, was in der Pop – Kolumne der SZ worthülsenreich beworben wird, hineingehört. Für das zu Hörende gelten indes einige Grundregeln: mehr als zwei Akkorde sind nicht erlaubt, Songstrukturen sind dann am besten, wenn sie nicht vorkommen, Gesang ist gerne unerträgliches Genöle, oder, weil immer korrrrrekt ey, Gestammel. Ich habe allerdings mittlerweile auch gelernt, daß es hierbei gar nicht um das Metier Musik geht, sondern daß das, was dafür ausgegeben wird, in erster Linie eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen hat, also werden die gängigen Klischees von Emanzipation & Antirassismus herbeiphantasiert & die Bereicherung des musikalischen Weltgeschehens halluziniert. Im Ergebnis jedoch ist die bejammernswerte Trostlosigkeit des Dargebotenen je nach persönlichem Standpunkt höchst ärgerlich & maßlos enttäuschend, oder aber, bei eher zynischer Weltsicht, einfach nur lächerlich. 

Diese kulturpessimistisch misanthropische Einleitung ist dem Gegenstand geschuldet, um den es hier geht, nämlich Pop Musik, allerdings fortan mit dem Schwerpunkt auf dem Beiwort Musik. Angefügt sei noch, daß das scheinbar Leichte, ja seichte, das dem Pop immer noch nachgesagt wird, in Wahrheit das tatsächlich Schwerste ist. Da mag man jeden fragen, der drei Akkorde auf der Gitarre zuwege bringt & ständig merkt, daß es nicht die sind, aus denen andere Hits machen. Denn es wird im Folgenden auch um Hits gehen, um sehr viele Hits.  

Im deutschen Fernsehen lief mehrere Jahre lang eine Sendung mit dem Namen Beat Club. Wer die Ausstrahlungen damals, oder die Wiederholungen später nicht gesehen hat, sich jedoch für Pop – & Rockmusik interessiert, kann immerhin auf die leider recht teure DVD – Edition zurückgreifen. Die 83 anfangs 30 minütigen, später einstündigen Episoden, die zwischen 1965 & 1972 monatlich ausgestrahlt wurden, sind eine Enzyklopädie der Entwicklung der englischsprachigen populären Musik in diesen Jahren. Mit dem Aufkommen des sogenannten progressiven Rock spielten die Bands in der Sendung live,  damals ein Novum, & der Schwerpunkt hatte sich eindeutig vom Hitparadenpop hin zur Rockmusik verlagert. Wer Rang & Namen hatte, war im Beat Club zu Gast, auch um die Chance zu nutzen, im öffentlichen Fernsehen vor einem großen landesweiten Publikum zu spielen, auch wenn´s dafür nur, auch damals schon magere 300,- DM gab.

Eine der Bands, die mehrmals in der Sendung auftraten, waren The Move aus Birmingham, die u.a. mit Fire Brigade & Black Berry Way veritable Hits hatten & deren Musik schon damals eine größere Prise Rock enthielt. In der Pop Musik der späten 60er & frühen 70er Jahre waren die Anforderungen an das, was gemeinhin als Song verstanden wurde, ungleich größer als heute. Melodien wurden ausgearbeitet, ein Song bestand aus mindestens drei Teilen, nämlich Strophe, Refrain & Bridge, & nach der Ära der Beatmusik wurde auch auf Arrangements deutlich mehr Wert gelegt. Mitglieder der Truppe waren die Sänger & Multiinstrumentalisten Roy Wood & Jeff Lynne, sowie der Schlagzeuger Bev Bevan. Ab 1971 verfolgten diese Drei ein Nebenprojekt, mit dem sie den Kosmos aus musikalischem Ausdruck & künstlerischer Ambition deutlich erweitern wollten & gründeten das Electric Light Orchestra. 

Nach Erscheinen der ersten Langspielplatte im Jahre 1972, The Move hatte man zwischenzeitlich aufgelöst, verließ Roy Wood das ELO, & gründete die Band Wizzard, um dort seinen eher experimentellen Neigungen nachzugehen. Bev Bevan blieb bis zur Auflösung des ELO im Jahre 1986 dessen Schlagzeuger. Jeff Lynne verfolgte konsequent den Plan, anspruchsvolle Popmusik mit ausgefeilter Studiotechnik, prononciertem Einsatz von  Streichern & mehrstimmigen Vokalsätzen zu produzieren & war damit sehr schnell ziemlich angesagt. Im Jahre 1977 erschien das Doppelalbum Out of the Blue, mit dem berühmten UFO – Cover. Die Platte war, genau wie der Vorgänger A New World Record, äußerst erfolgreich & enthielt erneut etliche Hits. Jeff Lynne schrieb, arrangierte & produzierte alle Songs im Alleingang. Die Musik war eine Mischung aus an den Beatles orientierten Harmonien & Arrangements, sowie tanzbaren Disco – Rhythmen. Die Vokal – & Streichersätze waren aufwendig & eindrücklich, jedoch insgesamt gefällig genug, um ein breites Publikum nicht zu verschrecken. Bei den folgenden Platten, mit Ausnahme des Soundtracks für den Film Xanadu, gingen die Umsätze deutlich zurück, sodaß Lynne das ELO im Jahre 1986 schließlich auflöste. 

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Produzent kam es im Jahre 1988 zur Gründung der Traveling Wilburys, einer sog. Supergroup, zu der neben Lynne George Harrison, Bob Dylan, Roy Orbison & Tom Petty gehörten. Gemeinsam nahmen sie zwei Platten auf, von denen besonders die erste ungemein erfolgreich war.

Kunstausstellung NordArt 2018 in Büdelsdorf

Weit weniger erfolgreich verlief das Comeback des ELO im Jahre 2001, ganz im Gegensatz zum dritten Anlauf im Jahre 2014: die 50 000 Karten für ein Konzert im Londoner Hyde Park waren binnen weniger Minuten ausverkauft. Das ELO war plötzlich wieder ungeheuer angesagt & tourte um die Welt. Am Dienstag, den 18. September 2018 landete das Pop Ufo in der ausverkauften Barclay Card Arena in Hamburg. Das unangekündigte Vorprogramm bestritt ein entbehrlicher britischer Singer / Songwriter namens Billy Lockett, der seine wenigen Sympathiepunkte dadurch verspielte, daß er es nicht nötig hatte, seine beiden Mitstreiter vorzustellen, jedoch nicht müde wurde, etwas zu penetrant auf seine eigenen social media Präsenzen hinzuweisen.

ELO eröffneten ihren Set mit Standing in the Rain, & sofort war klar, daß dies ein besonderer Abend werden würde. Auf der Bühne stand tatsächlich ein Light Orchestra, also ein kleines Orchester, bestehend aus insgesamt drei Gitarristen, drei Keyboardern, Baß, Schlagzeug, zwei Cellistinnen, einer Geigerin & zwei Background Sänger / innen. Der Sound war transparent & klar, die Musik wurde auf riesigen Videoleinwänden von überaus aufwendigen Animationen & einer eindrucksvollen Lightshow begleitet. Die Songs hielten sich an die bekannten Aufnahmen, & bestachen mit ihren komplexen Arrangements einmal mehr durch den außergewöhnlichen kompositorischen Erfindungsgeist ihres Schöpfers. In einigen Einleitungen steckt hier zuweilen mehr musikalisches Material, als andere Bands auf einem gesamten Album unterbringen. Nun mag man einwenden, dies alles ist weder neu noch innovativ. Das ist richtig. Es ist hingegen von einer musikalischen Qualität, die es heute in dieser Art nicht mehr gibt. Das mag vor allem an zwei Faktoren liegen: niemand würde sich heute mehr trauen, derartige Songs einem Label anzubieten, weil diese über dieses Zeugs von Vorgestern nur die Nase rümpfen & den Urheber des Büros verweisen würden. Der zweite Grund ist, daß es dazu gar nicht kommen wird, weil das Wissen darüber, wie ein guter Popsong funktioniert, offensichtlich komplett abhanden gekommen ist. In einer Zeit, in der Musik, die einfach nur schön ist, automatisch als verdächtig & rückwärtsgewandt denunziert wird, ist dies auch gar nicht mehr möglich. Die Kriterien, nach denen sich der Wert von Musik, speziell von Pop Musik bemißt, haben sich grundsätzlich verschoben. Deshalb gilt für nahezu jedes Genre: die Spreu klammert sich hilflos an den Weizen. Weniges ist von Dauer, auch weil die Empathie, die es einerseits auslöst, sowie der Wert ihrer Bewahrung in diesen gesellschaftlichen Zeiten von Auflösung & Identitätsverlust verloren gegangen ist. 

In der Arena reiht das ELO derweil Hit an Hit, die Menschen hält es nicht auf den Sitzen, Euphorie breitet sich aus. Die Band ist in bewundernswerter Weise perfekt, sie ist traumwandlerisch sicher eingespielt, es gibt kleine kurze Soli, doch alles folgt diesen popmusikalisch exemplarischen Arrangements, die vor Abwechslung & Musikalität bersten, jedoch dabei niemals den Fluß eines Songs unterbrechen, oder sich im Ohr quer stellen. Der sechsstimmige a capella Chor bei Wild West Hero gelingt natürlich fehlerfrei. Es ist die hohe Kunst von Jeff Lynne, auch bei Tempo & Rhythmuswechseln, eingeschobenen Teilen oder klanglichen Auffächerungen niemals den Song aus dem Auge zu verlieren, den Groove & die Leichtigkeit zu bewahren & ihn bereits nach dem ersten Hören im Kopf des Zuhörers implantiert zu haben. Das ist nichts weniger als Weltklasse & es scheint, Lynne hat in seinem einundsiebzigsten  Lebensjahr nun endlich den Punkt erreicht, von dem aus er sagen kann, alles ist gut. Nicht zuletzt die abgeklärte Gelassenheit, mit der sich das ELO an diesem Abend durch das Programm spielt, spricht dafür. Die achtzehn Stücke des Sets, plus die Zugabe Roll over Beethoven, vergehen wie im Fluge, eine alte Nummer von The Move, Do ya, wie auch Handle with Care von den Traveling Wilburys spannen einen Bogen über fast fünfzig Jahre Musikgeschichte bis zum neuesten Album, Alone in the Universe aus dem Jahre 2015, das mit When I was a Boy vertreten ist. Nach gut neunzig Minuten hebt das Pop – Ufo wieder ab & das Publikum bleibt beseelt zurück. 

Wir verlassen die Halle voll Dankbarkeit für ein grandioses Konzert einer grandiosen Band, jedoch auch mit einer gehörigen Portion Wehmut & Nachdenklichkeit.



Copyright © 2014. All rights reserved.

Veröffentlicht26. September 2018 von Klaus in Kategorie "Musik

1 COMMENTS :

  1. By Heidrun Scholz on

    Musik
    Offenbarung
    von Unendlichkeiten
    Ewigkeiten
    ohne Zeit
    ohne Raum
    Offenbarung
    Musik
    © Dr. Carl Peter Fröhling

    (*1933), deutscher Germanist, Philosoph und Aphoristiker

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.