November 14

Das Beethoven Projekt

. . . . Aufstieg & Fall eines Ballettabends . . . .

John Neumeier, als Intendant des Hamburg Balletts gleichzeitig auch sein eigener Chefchoreograph, hat es nicht immer leicht. Der mittlerweile 79 – jährige, dem man sein Alter auch nicht ansatzweise anmerkt, wird vom Publikum in nahezu verklärender Art & Weise geliebt, muß sich allerdings von der Kritik zuweilen auch bescheinigen lassen, seine besten Zeiten als Balletterfinder lange hinter sich zu haben. Dem zu widersprechen, fällt nicht immer leicht. In den letzten Jahren wechselte Ergreifendes wie Die Winterreise aus dem Jahr 2001 oder Liliom von 2011 mit Belanglosem wie Die kleine Meerjungfrau von 2005, oder dem 2014 uraufgeführten Ballett Tatjana, das nicht annähernd mit John Cranko´s Choreographie über die gleiche Vorlage, den Versroman Eugen Onegin von Alexander Pushkin, konkurrieren kann. Besonders dann nicht, wenn man beide Ballette von der gleichen hervorragenden Companie des Hamburg Ballett gesehen hat. Der rastlose Neumeier, seit 1973 erst Direktor, dann Intendant des HB, hat nicht nur eine sehr individuelle Bewegungssprache für die Solisten & die Gruppen entwickelt, er ist auch ständig bestrebt, seine älteren Stoffe bei ihrer Wiederaufführung gründlich zu überarbeiten. Das mildert zuweilen die Fallhöhe.

Ein zentrales Anliegen Neumeier´s ist das Choreographieren musikalischer Stoffe. Ist dies bei den Werken Johann Sebastian Bach´s, z.B. dem Weihnachtsoratorium oder der Matthäuspassion aufgrund ihres sprachlichen Gehaltes noch vergleichsweise nachvollziehbar, so wird dies bei Komponisten wie Gustav Mahler, dessen symphonisches Gesamtwerk Neumeier nahezu in toto choreographiert hat, schon deutlich schwerer. Es ist eben wenig wahrscheinlich, daß die Zuschauer der Musik die gleichen Assoziationen abgewinnen werden, wie der Choreograph, denn Neumeier beschäftigt sich überaus gründlich mit seinen Stoffen, oft dauert es Jahre von der Idee bis zur Vollendung.

Nun also erstmals Ludwig van Beethoven. Wie Bach war auch Beethoven der revolutionäre Vollender einer Epoche, & wie dieser hat auch er die unterschiedlichsten musikalischen Genres bedient. So liegt dann auch nicht ein einzelnes Werk dem neuen Beethoven – Ballett zugrunde, sondern insgesamt sechs, nämlich die Eroica Variationen für Klavier op. 35, das Geistertrio für Klavier, Violine & Cello, die Klaviersonate op. 10 Nr. 3, das Streichquartett Nr. 15 op. 132, sowie die Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus op. 43, allesamt in Auszügen im ersten Teil des Balletts zu hören. Im zweiten Teil nach der Pause wird die Symphonie Nr. 3, die Eroica, in Gänze gespielt. Die inhaltliche musikalische Klammer des Balletts bildet für Neumeier ein Motiv, das in den Klaviervariationen op. 35 erstmals auftaucht, sich im Finalsatz der Geschöpfe des Prometheus wiederfindet, um schließlich auch im Finalsatz der 3. Symphonie erneut zu erklingen. Grundlage hierfür ist ein sog. Kontretanz, im frühen 19. Jahrhundert Ausdruck einer demokratischen & antifeudalistischen Gesinnung, da der Tanz mit ständig wechselnden Partnern getanzt wurde anstatt mit einem festen. 

Bronzeplastik im Jenisch Park in Hamburg

Zurück zum Bühnengeschehen. Der erste Teil des Abends ist ohne Zweifel die Stunde des Aleix Martinez, einem der Solisten des Hamburg Balletts. Der 26 – jährige eher kleine & drahtige Spanier bringt neben herausragenden tänzerischen Fähigkeiten auch das Talent eines Darstellers mit, der in der Lage ist, über die Dimension des Tänzerischen hinaus, seiner Rolle ein emotionales wie auch psychologisches Profil zu geben. Zuletzt als Wanderer in der Wiederaufnahme von Neumeier´s  Ballett Die Winterreise (siehe Beitrag: Fremd bin ich eingezogen . . .  auf diesen Seiten) in bewundernswerter Weise auffällig geworden, lotet er auch hier, in der Rolle des Beethoven sowie später in der des Prometheus, nicht nur tänzerisch – darstellerisch, sondern auch physisch die Grenzen des Machbaren aus & verschiebt sie deutlich über das Erwartbare hinaus. Warum er nicht längst in den Kreis der ersten Solisten befördert wurde, bleibt Neumeier´s Geheimnis, sowie überhaupt dessen Personalentscheidungen nicht unbedingt in Einklang mit dem Verständnis & der Wahrnehmung der Zuschauer zu bringen sind. Besonders deutlich wird dies im Zusammenspiel mit dem ersten Solisten Edvin Revazov, dem prominentesten Tänzer einer der, wie Neumeier es nennt, Figuren, Fantasien und Ängste seiner Welt, der hier genauso blaß bleibt wie in eigentlich allen Rollen, in denen wir ihn bislang gesehen haben. So bleibt es allein Martinez überlassen, mit seiner unglaublichen Präsenz den ersten Teil des Abends als Monument eines Zweifelnden, eines Suchenden & einsamen Vollenders zu einem bis zur letzten Minute spannenden, zuweilen aufwühlenden & ungewöhnlich emotionalen Akt zu gestalten. Unterbrochen wird dies durch immer wieder eingeschobene & gelegentlich deplaciert wirkende Gruppentänze. Frauenrollen erscheinen in diesem Teil nicht ausgeleuchtet,  weil schlicht unterrepräsentiert, auch so verläßliche & präzise Tänzerinnen wir Patricia Friza & Anna Laudere können die Einengung ihres Auftretens durch die zuweilen unschlüssige Choreographie nicht aufbrechen.  

Was sich an diesen Stellen im insgesamt überaus beeindruckenden ersten Teil bereits andeutet, wird im zweiten leider zur endgültigen Gewißheit. Die Spannung & das Vorwärtsdrängen bricht komplett zusammen. Zunehmend gelangweilt, gegen Ende doch eher ärgerlich verfolgen wir das Geschehen auf der Bühne. Trost bietet nach einiger Zeit nur noch die musikalisch solide Darbietung der dritten Symphonie, die, vom jederzeit verläßlichen Simon Hewitt in gewohnt kapellmeisterlicher Art & Weise dirigiert, aus dem Graben klingt. Gruppentanzbildchen in ständiger Abfolge schildern weder Handlung noch Entwicklung, eine Dramaturgie ist nicht länger erkennbar, zu sehr ähneln sich die ewig gleichen Bewegungsabfolgen der personalintensiven Tanzszenen. Selbst der Pas de Deux, im zweiten Satz, dem Marcia Funebre, mit Revazov & Laudere erstsolistisch besetzt, erweckt ob seiner hölzernen & rundweg uneleganten Anlage & Ausführung erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Choreographie, denn die Tänzer können in jeder Hinsicht ganz eindeutig mehr als das an dieser Stelle Gezeigte. 

So sind wir letztlich froh, als der Abend zu Ende ist. Wir können uns nicht erinnern, jemals zuvor in diesem Hause (mit Ausnahme vom o.g. Ballett Tatjana) derartig Uninspiriertes wie den zweiten Teil dieses Abends gesehen zu haben. Leider. Auch ein künstlerisches Gefälle, bei dem einem in weiten Teilen überwältigenden Aufstieg nach der Pause ein derart gründlicher Fehlgriff folgt, ist bislang, gottseidank, ausgeblieben. Dies mit der erst sechsten Vorstellung seit der Premiere Ende Juni diesen Jahres erklären zu wollen, oder einem Wechsel innerhalb des Ensembles, greift entschieden zu kurz & wird durch die aufsehenerrregende Leistung von Aleix Martinez auch widerlegt. Hier erscheint einzig der Choreograph der Verantwortliche für den Absturz eines Ballettabends zu sein, & das macht dann doch ein klein wenig traurig.   



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Veröffentlicht14. November 2018 von Klaus in Kategorie "Ballett, Kunst & Kultur

1 COMMENTS :

  1. By Ilse max on

    Ich lobe den Tanz,
    denn er befreit den Menschen
    von der Schwere der Dinge
    bindet den Vereinzelten
    zu Gemeinschaft.

    Ich lobe den Tanz
    der alles fordert und fördert
    Gesundheit und klaren Geist
    und eine beschwingte Seele.

    Tanz ist Verwandlung
    des Raumes, der Zeit, des Menschen
    der dauernd in Gefahr ist
    zu zerfallen ganz Hirn
    Wille oder Gefühl zu werden.

    Der Tanz dagegen fordert
    den ganzen Menschen
    der in seiner Mitte verankert ist
    der nicht besessen ist
    von der Begehrlichkeit
    nach Menschen und Dingen
    und von der Dämonie
    der Verlassenheit im eigenen Ich.

    Der Tanz fordert
    den befreiten, den schwingenden Menschen
    im Gleichgewicht aller Kräfte.

    Ich lobe den Tanz.

    O Mensch
    lerne tanzen,
    sonst wissen die Engel
    im Himmel mit Dir
    nichts anzufangen.

    Augustinus Aurelius
    (354 – 430), Bischof von Hippo, Philosoph, Kirchenvater und Heiliger

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