April 9

Gedankensplitter X

. . . oder die Liebe zur Geometrie . . . 

 

Am 7. Februar 2016 habe ich meine ersten Gedankensplitter auf diesen Seiten veröffentlicht. Das ist nun über drei Jahre her. In diesen drei Jahren haben sich die beschriebenen Zustände kaum verändert. Im Gegenteil: der moralische Imperativ absurder Realitätsverleugnung unterstreicht ungebrochen seinen totalitären Erziehungsanspruch. Habe ich mich verändert, gewiß! . . . würde ich sagen. 

Neulich fand ich auf der Netzseite des Kabarettisten Bruno Jonas folgenden kleinen Absatz, den ich hier, wie ich finde passend zur zehnten Ausgabe der Gedankensplitter, zitieren möchte:

„Schön, dass Sie mir auf die Seite gegangen sind. Jetzt weiß ich gar nicht, wer Sie sind. Sie werden es bestimmt wissen. Obwohl man sich da nie ganz sicher sein kann. Ich frag mich ja auch manchmal, wer bin ich denn eigentlich? Ich such mich oft. Und grade dann, wenn ich drüber nachdenke, wer ich bin, weiß ich oft nicht, wo ich bin. Weil ich mich da total vergessen kann. Schön, dass wenigstens Sie mich gefunden haben. Vielleicht können Sie mich gelegentlich darauf aufmerksam machen und mir sagen, wo ich grade bin.“

Dem möchte ich nichts hinzufügen. Auch dies ein Grund dafür, warum aus Gedanken Splitter werden:

 

Die der Realität abgerungene Erfahrung steht immer für sich allein. Sie ist nicht teilbar.

Einsamkeit ist die Abwesenheit des Gleichsinnigen.

Der Mensch zu sein, der man sein möchte, & der, der man sein könnte wird von der Wahrnehmung der Realität zuverlässig verhindert. Vor diesem Hintergrund bleibt der Wunsch dazu tragisch, der Versuch selten & zumeist sinnlos.

Daß die Vergangenheit keineswegs vergangen ist, auch dann nicht, wenn sie sich nicht wiederholt, beschreibt einen Zustand des Innewohnens von Emotionen, Gedächtnisfetzen & Assoziationen. Die Möglichkeit, dazu nein zu sagen, besteht nicht.

Das abgespaltene Ich findet seinen Wiederhall in der Abstraktion des Vergangenen.

Es muß sich dringend etwas ändern – vorausgesetzt, alles bleibt, wie es ist.

Neulich stand ich vor einer Weltkarte von drei mal zwei Metern Größe. Schon mit zwei Schritten Abstand war Deutschland nicht mehr zu sehen.

Der Verlust von Freunden, nicht durch Tod, sondern durch Unverständnis, gehört zweifellos zu den Obszönitäten des Daseins.

Ideologie ist der stets scheiternde Versuch, die Wirklichkeit mit dem Absurden verbinden zu wollen. Demnach sind Ideologen die Opfer ihrer eigenen, falschen,  Schlußfolgerungen.

Bereits der Versuch, selbst denken zu wollen, wird gemeinhin als Zumutung empfunden.

Es ist relativ egal, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Zumeist wird es trotzdem ausgetrunken.

Wege, so wird gesagt, entstehen beim Gehen – oft genug ist dies jedoch eher ein zielloses Herumirren.

Die Selbstverweiblichung männlicher Autoren wird zur Triebfeder der intellektuellen Selbstoptimierung. Lustig sogar in Zeiten sich auflösender Identitäten.

Noch einmal zur Staatskapelle des neuen Deutschland, Feine Sahne Fischfilet. Die hohen Weihen von Bundespräsident & Außenminister ersetzen den Echo. 

Zitat:  „Was die Fürsprecher einer gendergerechten und politisch korrekten Sprache so unerträglich macht, ist die Arroganz ihrer normativen Selbstgewissheit und der fundamentalistische Furor, mit dem sie anderen Menschen qua Sprachdiktat ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit oktroyieren wollen.“

Alexander Grau, Cicero – online, am 19.11.2018

Hamburg, Speicherstadt, Pickhuben

Parteien sind Resonanzräume, in denen der Nachhall der eigenen Stimme mit dem Beifall des Publikums verwechselt wird.

Die sog. Zivilgesellschaft hat lediglich die äußere gegen die innere Uniform getauscht.

Man darf den SPIEGEL dank Herrn Relotius jetzt auch guten Gewissens als Lügenpresse bezeichnen.

Zitat: „Das Beste, was man über AKK sagen kann: sie ist eine Frau.“ 

Bascha Mika im ARD Presseclub v. 16.12.2018

Der Absturz dieses Landes wird von Bewohnern & Verantwortlichen mit dem sanften Schwingen einer Hollywoodschaukel verwechselt.

Die Befürwortung des Brexit, das Bejubeln autoritärer Herrscher jeglicher Couleur, die Leugnung der menschengemachten Klimakatastrophe & der stets rückwärts gewandte Blick; kurz: das Festhalten am imaginierten Verlorenen, markieren Wegmarken der Häresie des menschlichen Verstandes & die Unfähigkeit zur Zukunft. 

Der Organist Jürgen Henschen spielt in der Krippenandacht im Michel am 28. Dezember das Introitus von Zoltan Kodaly. Das ist mutig in dieser zwar auf massentauglichen Wohlklang geeichten, doch trotzdem sehr verdienstvollen Reihe. Sodann improvisiert er zum Choral Vom Himmel kam der Engel Schar ein Vorspiel, in dem es einen Augenblick lang so scheint, als verliere er sich darin. Es ist einer dieser Momente, in denen eine recht weltabgewandte Rücksichtslosigkeit die Zumutung wagt. Gott sei Dank!

Der Altjahresabend ist bekanntermaßen Anlaß zu alkoholischer & pyromanischer Enthemmung. Grundsätzlich ist zu beobachten, daß die Menge der erstandenen Feuerwerkskörper beim Prekariat mit Abstand am höchsten ist. Offensichtlich handelt es sich um eine Kompensation des als weitgehend nutzlos empfundenen Daseins. Das Wegsprengen von Fingern & Augen, die Panik von Tieren & die ungeheuerliche Luftverpestung erweisen sich leider nicht als mäßigend. 

Überhaupt haben sich bislang grundsätzlich alle Appelle, auch in anderer Sache, als erfolglos erwiesen. Das zeigt, daß der sinnvolle Gebrauch des Verstandes eher die Ausnahme darstellt & Freiwilligkeit als Handlungsaufruf mißverstanden wird. Im Politischen bedeutet das Setzen auf Freiwilligkeit das Absegnen der eigenen Untätigkeit.

Endlich, sagte ich, den Roten Schal in Händen, endlich, & verbrannte die Zeitungen, auch die, deren Feuilleton mir das Buch erst vorgestellt hatte. 

Das Suchen nach Sprache ist, in einer Welt voller Worte, die Suche nach dem Sinn hinter den Dingen.

Berührtwerden von dem, was hinter den Sätzen aufleuchtet, für die, die noch sehen können das Flackern des lang Entbehrten, das Empfinden von etwas schmerzlich Vermißten, nur ihnen verständlich.

Das Ertragen jeglicher Zumutung, besonders im Namen des Fortschrittlichen, des Anständigen, des als unwiderlegbar Behaupteten, heißt heute Toleranz.

Die Einfältigen wissen zumeist nicht, daß sie vielen indigenen Völkern als heilig gelten.

Der sogenannte Fortschritt ist stets die Sache einiger Weniger, der Rest stolpert blind hinterher.

In wie weit muß man sich verständlich machen wollen, wenn es einen oft unüberwindlichen Unterschied zwischen Verstehen & Verständnis gibt.

Rothenburg ob der Tauber, Sterngasse

Ein argumentatives Pro & Contra, also der Austausch von rationalen Argumenten ist ersetzt worden durch die richtige Haltung, die einzunehmen das Denken erübrigt.

Es bedarf offensichtlich erst einer schwedischen Autistin & Horden von eventorientierten schulpflichtigen Halbgebildeten, damit in diesem Lande das Überlebensthema des Planeten zumindest wahrgenommen wird. Das Lob dafür von den Handlungsverweigerern ist vergiftet. Diese können sich hingegen des Beifalls der Konsum- & Autofetischisten sicher sein. 

Handeln müssen grundsätzlich immer die Anderen.

Robert Habeck: der Messias der saturierten Anständigen, der unbelehrbar Gutwilligen; meinungslos aber haltungsstark, herbeigeschrieben & TV – gerecht ausgestellt von unseren medialen Gesellschaftspädagogen.

Zitat: „Wenn wir mutig sind und auch mal die Regeln brechen, dann können wir zeigen: Diese Welt gehört uns und nicht denen die Sitzen- und stehen bleiben!“

Katrin Göhring Eckardt am 5.4.2019 via Twitter

Zitat: „Denn heute gehört uns Deutschland & morgen die ganze Welt!“

aus Es zittern die morschen Knochen, NS – Propagandalied, verboten gem. §§ 86 f StGB

Siri Hustvedt im Schauspielhaus. Ausverkauft. Auf der Bühne eine sehr schlanke hochgewachsene Frau, die, beispiellos, den Unterschied zwischen Literatur, Kunstgeschichte, Psychoanalyse & Neurowissenschaften in einem essayistischen & erzählerischen Miteinander gleichberichtigt stehen läßt & es doch schafft, das eine mit dem anderen zu versöhnen. Ein Lebenswerk von außerordentlicher intellektueller Brillanz, in dem Leben & Schreiben, Denken, Beobachten, Fühlen & Verstehen zu Teilen einer ungemein inspirierenden Persönlichkeit werden. Charmant & humorvoll vorgetragen, waren diese zwei Stunden kein Kassiber aus dem Elfenbeinturm, sondern ein Ruf an das Leben. Daß im Publikum höchstens 5 % männlich waren, spricht für sich. 

Manchmal schreibe ich auch für Jemanden, der dies nicht mehr liest; Hoffnung bleibt.

Das Wissen, daß wir, wenn wir uns für das Leben entscheiden, ständig verändern, macht vielen Menschen Angst. Diese Veränderung anzunehmen & zu gestalten, erscheint denen, die dies aus unterschiedlichsten Gründen nicht können, oft als Opportunismus, Meinungswendigkeit & Ziellosigkeit. Im Zweifel für den Zweifel lautet nicht ohne Grund die Überschrift dieses Blogs. Die Texte, deren älteste Jahre vor der Einrichtung dieser Seiten entstanden sind, künden auch von dieser Entwicklung.  Manchmal bleiben die Wegmarken, die Anstöße geben, unentdeckt. Manchmal stehen bestimmte Ereignisse als Auslöser fest. Ich empfinde diese zehnte Ausgabe der Gedankensplitter als eine solche Wegmarke, genauer gesagt als einen Text, der diese Wegmarke nachträglich – & sehr bewußt –  setzt, ohne zu wissen, an welchem Punkt genau ein Zweifel geweckt wurde & ein Wandel eintrat. Jedoch: Es ist gut, wie es ist. 

November 18

Ein offener Brief von Uwe Tellkamp

. . . . wider den Moralismus der Vielen . . . .

Der Mensch ist selten im ganzen gut oder böse, meist »gut« in dieser Relation, »böse« in einer anderen oder »gut« unter solchen äußeren Bedingungen, unter anderen entschieden »böse«. Interessant ist die Erfahrung, daß die kindliche Präexistenz starker »böser« Regungen oft geradezu die Bedingung wird für eine besonders deutliche Wendung des Erwachsenen zum »Guten«. Die stärksten kindlichen Egoisten können die hilfreichsten und aufopferungsfähigsten Bürger werden; die meisten Mitleidsschwärmer, Menschenfreunde, Tierschützer haben sich aus kleinen Sadisten und Tierquälern entwickelt.

Sigmund Freud, aus Zeitgemäßes über Krieg und Tod, 1915 

 

Am 13. November veröffentlichte die Sezession im Netz einen offenen Brief des Schriftstellers Uwe Tellkamp. Dieser Brief kommentiert zwei Ereignisse der letzten Tage, die symptomatisch sind für das Klima von Denunziation, Verdächtigung, Angst & selbstgerechtem Moralismus, das sich wie ein stinkendes Leichentuch über dieses Land gelegt hat. Dieses Klima wird geschaffen von einigen Wenigen, die sich anmaßen, die Vielen zu sein. 

Im Folgenden werden zwei offene Briefe dokumentiert, einer an die Buchhändlerin Susanne Dagen, verfaßt von Hans – Peter Lühr & Paul Kaiser, der andere von Uwe Tellkamp als Replik, nicht nur an diese beiden, sondern auch an den Zusammenschluß  „Die Vielen“. Es ist mir nicht notwendig, den Inhalt zu kommentieren, er steht für sich.
Die Veröffentlichung der beiden offenen Briefe auf diesen Seiten erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Antaios Verlages.

Für Leser, die mit der Materie & den handelnden Personen nicht vertraut sind, sei diese kurze Einführung vorangestellt:

Susanne Dagen, Inhaberin der Buchhandlung BuchHaus Loschwitz in Dresden. Auszeichnung als Buchhandlung des Jahres in den Jahren 2015 & 2016. Initiatorin & Erstunterzeichnerin der Charta 2017, die aufgrund der gewalttätigen Übergriffe sog. Antifaschisten gegen rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse 2017 verfaßt wurde. Mitglied des literarischen Trios Aufgeblättert, Zugeschlagen – mit Rechten Lesen, das sie zusammen mit Ellen Kositza & jeweils einem Gast zweimonatlich auf YouTube veröffentlicht. 

Hans – Peter Lühr, Publizist, von 1991 – 2016 Herausgeber der Dresdner Hefte, bis 2017 stellvertretender Vorsitzender des Sächsischen Kultursenats.

Paul Kaiser, Kultur- & Kunstwissenschaftler am Dresdner Institut für Kulturstudien, einer der führenden Experten zur Kunst in der DDR.

Die Vielen, Zusammenschluß von führenden Einrichtungen & Personen des deutschen Kulturbetriebes. In der Berliner Erklärung der Vielen sprechen sich die Unterzeichner u.a. für die offene pluralistische Gesellschaft aus, für Demokratie & gegen Rechts.

Uwe Tellkamp, Schriftsteller. Träger diverser Auszeichnungen, u.a. dem Deutschen Buchpreis, dem Ingeborg – Bachmann – Preis, dem Deutschen Nationalpreis. Autor u.a. von Der Turm.

Elbhang Kurier, lokale Kulturzeitschrift für das Dresdner Elbtal.

Weimar, Herzogin Anna – Amalia – Bibliothek

I:

Offener Brief von Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser an Susanne Dagen, veröffentlicht im Elbhang-Kurier 11/18 unter dem Titel: Mit Rechten plaudern…

Liebe Susanne,

wir kennen uns lang und wir kennen uns gut, wir haben Dich oft verteidigt. Von Deinen neuesten Allianzen sind wir allerdings schockiert und wollen Dir das öffentlich mitteilen, weil unser Konflikt viele Menschen in dieser Stadt betrifft.

Das BuchHaus Loschwitz hat auf seiner Internetseite seit gut drei Monaten eine neue Kooperation präsentiert, eine Diskussionsreihe mit dem Antaios-Verlag Schnellroda, einem einschlägigen Unternehmen der sogenannten Neuen Rechten – und so heißt auch Deine Reihe, die mit inzwischen drei Folgen auf YouTube zu besichtigen ist: Aufgeblättert, Zugeschlagen. Mit Rechten lesen.

Will man dem üblen Image des Verlages nicht ungeprüft folgen (was ist gemeint mit »zugeschlagen«?), muss man sich ein bisschen Mühe geben und z.B. obige Serie und die Internetseiten von Antaios und seiner Zeitschrift Sezession studieren. Außerdem ist auf YouTube diverses Material über den Verleger Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza und ihre Verflechtung in die rechte Szene zu besichtigen. Beide sind versierte Denker, die freilich nicht nur Widersprüche der Gesellschaft reflektieren können, sondern offen einer rechten Revolution das Wort reden, einem generellen Umsturz der Verhältnisse, was sie dann folgerichtig an die Seite jener extremen Rechten führt (auch bei Pegida), die nicht mit der Feder, sondern mit Fäusten gegen die pluralistische Gesellschaft argumentieren.

Götz Kubitschek ist vermutlich den meisten Dresdnern durch seinen martialischen Aufruf, den Riss durch die Gesellschaft zu vertiefen, bei der Tellkamp-Grünbein-Diskussion im März im Kulturpalast in Erinnerung. Das alles hat eine düstere Aura.

Mit denen also willst Du reden. O.k., aber worüber? Über die Gründe zunehmend fremdenfeindlicher Stimmungslagen? Über die problematische rechte Theorie, der zufolge der Überlastung der modernen westlichen Gesellschaft nur mit verstärkter Abschottung und ethnischer Säuberung zu begegnen sei? Redet Ihr über den Erhalt der Demokratie oder deren Abschaffung? Redet Ihr über das problematische Verhältnis der rechten Szene zur Gewalt?

Nein, solche dezidierten Themen habt Ihr nicht im Programm, schon gar nicht in kritischer Absicht. Vorerst präsentierst Du mit Ellen Kositza eine heitere Plauderstunde zur Literatur, die nur durch gelegentliche Seitenhiebe gegen die Linken rechtes Gedankengut berührt und insofern auf den ersten Blick fast harmlos daherkommt, ein bisschen wie Frühstücksfernsehen mit dem Sektglas in der Hand.

Unser großes Unbehagen, liebe Susanne Dagen, ist Deine offene Solidarisierung mit dem rechten Spektrum der Gesellschaft. Dieser Prozess einer Radikalisierung hat seit Deinem Engagement für die AFD – dass Dich zum publizistischen Stelldichein mit Alexander Gauland wie zur Übernahme des stellvertretenden Kuratoriumsvorsitzes bei der parteinahen Desiderius-Erasmus-Stiftung führte – im nun ganz offenen Werben für neurechte Inhalte und Parolen einen kritischen Punkt erreicht. Gemeint sind dabei nicht die kritischen Fragen an den Staat und seine Institutionen – die sind höchst notwendig – gemeint ist ihre Funktionalisierung für massive Ausgrenzung.

Du baust dem Antaios-Verlag eine Dresdner Plattform und stellst Dich ohne jede Distanz in diese »Außenstelle« hinein – die Botschaft ist, Ihr gehört nun zusammen. Das ist in der Demokratie ebenso erlaubt, wie Antaios selbst; die Frage für die Unterzeichner ist keine rechtliche, sondern eine des Wirklichkeitssinnes (man kann auch sagen: eine Frage des Anstands). Kein Wort über die reale Not von Flüchtlingen und über neokoloniale Abhängigkeiten als Fluchtgrund heute, kein Wort über das Rätsel einer Phantomangst vor Überfremdung in einer Landschaft mit drei Prozent Ausländeranteil. Diese ganze kompliziert-komplexe Situation kannst Du einfach beschweigen?

Mit unserer Podiumsreihe »Hanglage« haben wir seit 2006 viele gute gemeinsame Jahre in Deinem engagierten BuchHaus erlebt – das Spektrum Deiner Veranstaltungen war anspruchsvoll und weit gespannt, streitbar und zugleich von einer Offenheit gespeist, die viele Menschen unterschiedlicher Denkungsart und Herkunft produktiv zusammengeführt hat. Diesen liberalen Geist hast Du – wir meinen: ohne Not – aufgegeben. Warum? Wir waren bis ca. vor einem Jahr immer gern bei Dir, dann wurde es langsam unbehaglich – Deine heutige Positionierung ist uns verstörend und rätselhaft zugleich.

Vielleicht sollten wir unser Gespräch öffentlich fortsetzen. Zu den oben genannten Fragen kämen dann selbstverständlich jene Themen hinzu, die mit den Integrationshoffnungen engagierter Flüchtlingshilfe und dem schwierigen Kulturtransfair aus jener »Dritten Welt« verbunden sind, die seit 2015 unser Land massiv in Unruhe setzt. Unsererseits wäre das in Ordnung.

Vielleicht sollten wir Dich auch einmal ins »Café Gustav« in der alten Niederpoyritzer Schule einladen, wo einmal im Monat ein zumeist sehr heiteres Zusammensein von Afghanen, Syrern und Irakern mit Kuchen backenden Bewohnern des Elbhanges stattfindet, und wo man eine andere Variante von »Bedrohung« real studieren kann: Freundlichkeit. Bleiben wir im Gespräch?

Beste Grüße

Paul Kaiser und Hans-Peter Lühr

II:

Dresdner Erklärung der Vielen

Kunst schafft einen Raum zur Veränderung der Welt.

Als Kulturschaffende in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. Kunst wurde als „entartet“ diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Kunstschaffende.

Heute begreifen wir die Kunst und ihre Einrichtungen, die Museen, Theater, Ateliers, Clubs, die urbanen und ländlichen Orte der Kultur als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n! Der Boden, auf dem wir gemeinsam stehen, ist das Grundgesetz.

Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteure dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne und ins Programm eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur. Ihr verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kulturschaffenden, mit Andersdenkenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden.

In unserem Bundesland Sachsen arbeiten Pegida, Identitäre Bewegung und AfD Hand in Hand und polemisieren gegen die demokratische weltoffene Gesellschaft. Dem stellen wir uns entgegen.

Wir als Unterzeichnende der Dresdner Theater, Kunst- und Kultureinrichtungen und ihrer Interessensverbände begegnen diesen Versuchen mit einer klaren Haltung:

Die unterzeichnenden Kunst- und Kulturinstitutionen führen den offenen und kritischen Dialog über rechtspopulistische Strategien, die demokratische Grundwerte untergraben. Sie gestalten diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass die beteiligten Häuser den Auftrag haben, unsere demokratische Gesellschaft fortzuentwickeln.

Alle Unterzeichnenden fördern im Sinne der Demokratie Debatten, bieten aber keine Foren für Propaganda jeder Art.

Wir wehren die Versuche der Rechtspopulisten ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren

Wir solidarisieren uns mit Menschen, die durch eine rechtspopulistische Politik an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Es geht um uns Alle. Daher: Kunst für Demokratie!

Weimar, Deutsches Nationaltheater, Theaterplatz, Goethe & Schiller Denkmal

III:

Offener Brief Uwe Tellkamps an Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser

Den im Elbhangkurier 11/18 veröffentlichten Offenen Brief von Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser an Susanne Dagen lese ich als Dokument. Ich äußere mich, da ich namentlich erwähnt werde, als Mitbetroffener, da anscheinend Mitgemeinter.

Die erste Frage, die sich mir stellt, unabhängig vom Inhalt, ist die nach dem Zweck dieser Veröffentlichung. Das Gesprächsangebot soll dieser Zweck sein, behauptet der Brief; für mein Empfinden schwimmt das aber nur auf der Oberfläche der Rede – unter den Floskeln der fast schon seelsorgerischen Bekümmernis meine ich Lust an der Maßregelung, an der Zurechtweisung, an der Strafe für Abweichlertum herauszuhören.

Wie kommen Lühr und Kaiser dazu, welches Recht glauben sie zu haben, von Dagen öffentlich Selbstkritik zu fordern? Sollte ein Gespräch nicht von Angesicht zu Angesicht möglich sein? Das BuchHaus Loschwitz ist ein einladender, ohne Bannungsrituale betretbarer Ort; ich bin bei meinen vielen Besuchen noch nie auf die recht märchenhafte Düsternis gestoßen, die beide Autoren, sonst ausgewiesene Verteidiger der Aufklärungskultur, dort ausgemacht haben wollen.

Ihr Brief steht in langer Tradition. Vielleicht bin ich zu empfindlich und sehe Gespenster, dennoch: Dergleichen ist mir noch wohlvertraut, so – Klassenleitertadel, in Fürsorglichkeit gehüllt –, sprachen Funktionäre des Schriftstellerverbands gegen mißliebige Kollegen, sprachen Briefe gewisser „Werktätiger“ in den gleichgeschalteten Presseorganen längst verblichen geglaubter Zeiten; ich dachte nicht, dergleichen je wieder lesen zu müssen.

Lühr und Kaiser operieren mit Signalworten, deren Gebrauch sich für Intellektuelle eigentlich verbieten sollte. Wer sich öffentlich äußert, müsse Widerspruch vertragen, heißt es. Wohl wahr. Jedoch: Lühr und Kaiser sehen die Verhältnisse als Verhältnis nicht.

Betrachte ich den öffentlichen Diskurs, fällt mir bei bestimmten Themen immer wieder auf, daß Ursache und Wirkung vertauscht werden, erst neulich bei der Dresdner Debatte der Chefredakteure von ARD und ZDF mit Vertretern der AfD. Beide Chefredakteure beklagten sich, daß Journalisten aggressiv begegnet werde und unterstellten, daß diejenigen, die aggressiv gegen Journalisten aufträten, die Demokratie und die freie Presse abschaffen wollten. Nicht erwähnt wurden die vielen journalistischen Fehlleistungen, die vor den Protesten gegen Presse, Funk und Fernsehen lagen und erst zu Wut und Aggressivität geführt haben. Sachsen sind nicht qua Erbanlage presse- und demokratiefeindlich. Genau das wird aber implizite unterstellt, wenn man sich so manches Presse- oder Sendeerzeugnis ansieht. Ich belasse es hier bei dem Stichwort (inzwischen mit makabrem Zweitsinn) Chemnitz.

Wer ist es, der keinen Widerspruch verträgt? Oft habe ich den Eindruck, die politisch sich links oder bei den Grünen verortenden Tonangeber in weiten Teilen unserer Medien und unserer Kulturbranche sind es, nicht die paar rechten oder als rechts verschrienen Einmannunternehmen, die auf kleinen Blogs oder in kleinen Zeitschriften gegen die Wucht des Common sense anschreiben, wie ihn bei Themen wie Migration, Klimawandel, Europa, Trump Spiegel, Spiegel online, ZEIT, Zeit online, Süddeutsche, selbst BILD, vertreten, FAZ und Welt mindestens gespalten, Focus, taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Redaktionsnetzwerk Deutschland, das Regionalzeitungen wie HAZ, LVZ und DNN beliefert, Hamburger und Dresdner Morgenpost, Sächsische Zeitung usw., von Talkshows und überhaupt dem ÖRR zu schweigen.

So zu tun, als wären die Kubitschek, Patzelt, Böckelmann, Dagen und Tellkamp die medialen Diskursbeherrscher, denen eine Minderheit aufrechter Demokraten zu widersprechen wagt, geht doch an der Realität völlig vorbei.

Wer grenzt aus? Wohin neigt die Berichterstattung (so es denn eine ist) der meisten Journalisten in den meisten unserer Medien, wenn Themen wie Migration, Heimat, Nation, deutsche Kultur angesprochen werden – nach links und grün oder nach rechts? Das ist keine bloße Ansichtssache, dazu gibt es Untersuchungen, sie zeigen die Schlagseite recht deutlich.

Das Argument, eine solche Sicht der Dinge hebe auf allzu klassische Formen der öffentlichen Kommunikation ab, verkenne die Rolle der Sozialen Medien, in denen es genau anders herum zugehe, verkennt wiederum die sogenannte Gatekeeper- (Torwächter-) Funktion, die die klassischen Medien immer noch haben oder zu haben beanspruchen.

In den Sozialen Medien herrscht, soweit ich das beurteilen kann, eine ausgeglichenere Abbildung der Lage und der Meinungen als in den meisten klassischen Medien. Oft sind die Sozialen Medien ein Ventil für Stimmen, die anderswo keine Chance mehr haben, gehört zu werden. Ob diese Stimmen, was Höflichkeit und Stil betrifft, sich immer angemessen äußern, ist eine andere Frage. Auch die, ob denn die Behauptung stimmt, in den Sozialen Medien sei es genau andersherum, dort dominiere das sogenannte dunkle Deutschland.

Lühr und Kaiser erliegen allzu eilig dem Irrtum, das Attribut „dunkel“ mit einem Denken zu verbinden, das sich der gängigen Einordnung in „Fortschrittlichkeit“ (links, bunt, weltoffen) entzieht. Sind aber sogenannte konservative Positionen wirklich das, was fortschrittlich sein wollende Stimmenfischer damit verbinden? Bedeutet Bekenntnis zur Nation wirklich schon Nationalismus? Ist der, der deutsche Kultur liebt und sich für ihre Bewahrung einsetzt, tatsächlich schon rechts, ein Nazi gar, wie nicht nur Publikationen wie „Bento“, Jugendableger des „Spiegel“, allzuoft nahelegen? Ist Weltoffenheit wirklich immer nur gut? Und der, der das Eigene nicht verachtet, verachtenswert?

War nicht der Zweifel, die Ungewißheit, die Suche nach Wahrheit in der unauslotbaren Ambivalenz der Erscheinungen einmal das Kennzeichen der Intellektuellen?

Lühr und Kaiser behaupten, daß Kubitschek zur offenen Revolte gegen die Demokratie aufruft und legen, da sie Susanne Dagen mit ihm und seiner Frau Ellen Kositza in Verbindung bringen, nahe, daß Dagen dies ebenso will. Zumindest besteht nun der Verdacht, sie habe solche Absichten. Verdacht ist auch bequeme Feindmarkierung, immer mitgerechnet, daß für unkritische Geister selbst nach Zeit und Widerrede genug klebenbleibt, um der oder dem Verdächtigen in Zukunft fernzubleiben.

Da mein Name in diesem Zusammenhang auftaucht, kann auch ich mich jetzt als einer derjenigen verstehen, die zur von Lühr und Kaiser beschworenen Düsternis am Elbhang beitragen. Kubitschek und die Produkte seines Verlags Antaios mag man ablehnen oder nicht – solange er sich an die herrschenden Gesetze hält (und das tut er bislang, soweit mir bekannt ist), sollte es zur Redlichkeit unter differenziert denkenden, an Standpunkten jenseits des Korridors interessierten und also wohl tatsächlich geistig offenen Menschen gehören, ihn nicht aus dem Diskurs hinauszustigmatisieren. Die „roten Linien“ bestimmt immer noch das Strafgesetzbuch und nicht der Kotau vor dem Zeitgeist oder vor Fördermittelquellen.

Ins Phrasenschwein gehören Diskurskopeken wie Abschottung und Ausgrenzung: Gäbe es beides nicht, hätten wir nicht das Privileg, Menschen namens Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser begegnen zu können. Sie kamen beide nur mit Ausgrenzung und Abschottung zustande, ebenso ihre Werke. Schon der in einem Titel wie „Dresdner Hefte“ enthaltene Anspruch grenzt aus. Es sind eben keine Trondheimer Hefte. Lösen wir uns von den primitiven, unbedacht verdammenden, eines Diskurses, der in die Tiefe gehen möchte und wirklich an Problemlösungen interessiert ist, unwürdigen Zuschreibungen.

Der Brief behauptet, Susanne Dagen habe ihre frühere Liberalität aufgegeben und lasse sich mit immer dunkleren Gesellen ein. Abgesehen davon, daß schon eine solche Zuschreibung, die ohne Belege auszukommen meint, nur als Flucht vor dem Argument verstanden werden kann – ich sehe und kenne Frau Dagen anders: Sie bietet Positionen einen Ort, die anderweitig kein Podium mehr finden, und zwar nur deshalb nicht mehr finden, weil sie mit Attributen behängt werden, die ein Großteil unserer Kulturschaffenden und -beflissenen als anrüchig empfindet oder glatt ablehnt. Oft nur aus intellektueller Faulheit, Angst vor Liebesentzug, durchaus vorhandener Interessen wegen oder Ranküne. Dagen hat sich entschieden, sich hier nicht billig einzureihen, das empfinde ich ganz im Gegensatz zu Lühr und Kaiser als mutig, als frei, als eigentlich liberal – wie gesagt, die Grenze zu dem, was nicht mehr diskutiert und getan werden darf, zieht immer noch das Strafrecht, nicht die Moral einiger Edelignoranten in Kirche, Kultur, Medien, die glauben, auf den „Pöbel“ herabblicken zu müssen, nur weil er eine andere Meinung über Leben und Welt hat.

Dagen hat sich sehenden Auges, was die Konsequenzen betrifft, dazu entschlossen, den Diskurs offenzuhalten, immer wieder und übrigens in alle Richtungen offenzuhalten. Dafür verdient sie, meine ich, nicht die groteske Kritik, die Lühr und Kaiser für angemessen halten, sondern eine Auszeichnung.

Der Elbhangkurier nun positioniert den Brief zwar auf der Leserbriefseite, läßt aber in verschiedenen Beiträgen – dieses Hefts und vergangener Nummern – seine Sympathie für die von Lühr und Kaiser dargelegte Sicht erkennen. Zur journalistischen Sorgfalt würde es gehören, sich auch mit den Argumenten der so bezeichneten „anderen Seite“ vorurteilsfrei auseinanderzusetzen. Leider kann ich auch nur das Bestreben danach, wenigstens das, nicht erkennen.

Im gleichen Heft äußert sich Prof. Ehninger auf viel Raum aufschlußreich und überraschend inhuman über Gesunde und Kranke in unserer Gesellschaft; der Stil dieser Passagen ähnelt dem gewisser Einweisungsschreiben in sowjetische Psychiatrien. Keine Nachfrage von der Redaktion, kein Kommentar, kein Stutzigwerden beim Wortgebrauch, kein Innehalten, Nachdenken. Man weiß offenbar Bescheid über Gut und Böse und meint, der Gedanke, man könne ein Problem mit Zuwanderung haben, obwohl sie, wie Lühr und Kaiser erwähnen, hier nur etwa drei Prozent betrage, sei der verwirrter Hirne.

Abgesehen davon, daß argumentative Schlüssigkeit solche Prozentangaben nach Alterskohorten differenzieren und so demographische Entwicklungen mitbedenken würde, schauen viele Dresdner dorthin, wo die Zuwanderung nicht mehr drei, sondern dreißig Prozent beträgt. Was sie dort wahrnehmen, erscheint vielen eben nicht als zuträglich für eine Demokratie nach unseren Regeln, die von gegenseitigem Respekt, von der Einhaltung gewisser Sitten, friedlicher Konfliktlösung, vom Recht und eben auch von Grenzen lebt, weil nur Grenzen einen Staat und damit die von ihm zu verteilenden Sozialleistungen erhalten. (No border, no welfare.)

Damit es keine Mißverständnisse gibt: Rassismus darf keinen Platz haben, wer an Leib und Leben bedroht wird, dem muß nach Kräften geholfen werden, im Sinne des Gesetzes und des Mitleids, gerade Deutschland hat hier eine Verantwortung, ja, Pflicht. Zu diskutieren aber muß darüber möglich sein, ob wir in der Lage sind und sein wollen, allem Elend dieser Welt abzuhelfen; ob das Elend dieser Welt tatsächlich nichts als eine Last aus kolonialer Vergangenheit ist, für die Europa in Form von Zuwanderung nun eine Art von Buße tun muß; ob wir nicht nur Flüchtlingen helfen, sondern auch Migranten, die in Deutschland nicht in allererster Linie Zuflucht vor Verfolgung suchen, sondern das Land als Verheißung einer besseren Zukunft sehen, und nicht in dem Sinne bedroht sind, wie es Asylgesetzgebung und Grundgesetz formulieren; ob wir unser Land und unsere Kultur einfach preisgeben wollen. Sie wird aber preisgegeben, wenn sich die Einwanderung in den bisherigen Größenordnungen fortsetzt, und bis jetzt tut sie das, entgegen anderslautender und beschwichtigender „Narrative“.

Jeder Zuwanderer bringt sein Herkommen mit, seine Kultur; die oft beschworene Integration, gar Assimilation ist, blickt man auf die inzwischen etablierten Parallelgesellschaften, mehr Wunschdenken als Realität. Die von Lühr und Kaiser zum Kennenlernen empfohlenen netten Menschen im Café Gustav sind gewiß nicht die, die in Freiburg, Offenburg, Kandel, Köln und Chemnitz Einstellungen zu ihren Gastgebern offenbaren, die viele Menschen nicht von ungefähr empören. Haben #unteilbar und unsere Feministinnen gegen die Vergewaltigungen protestiert? Gegen die inzwischen alltäglich gewordenen Messerstechereien? Ich kann mich nicht erinnern. Und gab es nicht einen Artikel im Elbhangkurier, der davon sprach, daß das Gustavheim wegen Problemen vorübergehend geschlossen werden mußte?

Es ist alles also leider nicht so einfach. Und nur, weil Dagen und ich uns erlauben, nicht mit Scheuklappen durch unsere Wirklichkeit zu gehen, sind wir nicht zum Abschuß freigegeben oder zum „Widerspruch“, der in Wahrheit meist ja keiner im Sinne der so oft beschworenen Gesprächskultur ist, sondern gerne gleich seine extremste Form als Pranger annimmt. Ernstgemeinte Gesprächsangebote, lieber Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser, sehen anders aus als Ihr Offener Brief. Sie beginnen nicht mit Tribunalen, auch nicht mit solchen aus Wohlwollen, und nicht mit einer „Handreichung“, die keine ist, sondern vor ein Gesinnungsgericht führt.

Zu anderen Zeiten hieße man all das Binsen. Unsere Zeit aber ist eine, in der die „Erklärung der Vielen“ nicht nur möglich ist, sondern offenbar breiteste Unterstützung bei jenen Medien- und Kulturschaffenden erfährt, die sich einbilden, auf der richtigen, der allein guten Seite zu stehen.

Diese Erklärung, ein weiteres Dokument, für das sich einige der Unterzeichner vielleicht einmal schämen werden, zeigt den viel bestrittenen Gesinnungskorridor ebenso erschütternd wie deutlich. Man wolle diskutieren, Meinungen, die nicht passen, aber kein Forum bieten. Wer zieht die Grenze? Wie will man diskutieren, ohne ein Forum zu bieten? Wer legt fest, welche Position noch diskutabel ist – und welche bereits unter „kein Forum bieten“ fällt? Ist die freie Debatte nicht eine Grundlage der Demokratie, in deren Namen sie von den Unterzeichnern dieser Erklärung behindert, wenn nicht unterbunden werden soll? Kommt man nicht erst in freier Debatte zur Selbstvergewisserung und zu Positionen, die tragen?

Diese Erklärung, nach Aussagen einiger Interviewter bewußt am 9. November veröffentlicht, ist für mich ein Tiefpunkt der Debatten- und Toleranzkultur und zeugt von nichts anderem als dem moralischen und intellektuellen Bankrott der Initiatoren. Was bleibt, ist Hysterie – ein „Wehret den Anfängen“, dem das „Wehret dem Ende“ längst abhanden gekommen ist.

Wie soll ich es verstehen, wenn in meiner Heimatstadt Dresden (aber die Erklärung gilt auch für Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin) nahezu die gesamte öffentliche und öffentlich geförderte Kulturszene sich gegen „rechts“ (oder was man dafür hält), nicht aber gleichzeitig gegen „links“ stellt, man zwar erklärtermaßen dem Extrem auf der einen Seite, nicht aber auch dem auf der anderen eine Absage erteilt? Für wen meinen Staatsoper, Schauspielhaus, Philharmonie, Hochschulen, Museen zu sprechen, sind alle ihre Mitglieder und Mitarbeiter dazu befragt worden? Und von wem? Sieht so wirkliche Liberalität aus?

Eine solche institutionell getragene Intoleranzmaßnahme und –erklärung, ihr Auftritt allerdings mit Rettungs-Goldfolie und im Ton der lautersten Moral und Selbstgerechtigkeit, hat es seit der Biermann-Affäre nicht mehr gegeben. Das sind die Zustände, das ist das Land.

November 4

Das Imperium schlägt zurück

. . . . Chemnitz & die Folgen . . . .

Jener Ort dort, von der Dunklen Seite der Macht ist er erfüllt, dem Reich des Bösen gehört er an. Dort hin musst du.“
„Was werde ich dort finden?
„Nur was du mit dir nimmst!“

aus Starwars, Episode IV, Das Imperium schlägt zurück

„Hello . . . ? Hellooo !
Perhaps you need another shot.
There that should do it.
Sweet dreams you bastard ! . . . “
„I remember now
I remember how it started
I can’t remember yesterday
I just remember doing what they told me . . . .“

aus Queensryche / Operation Mindcrime / I remember now

„Sieger
Bleibt wer das schutzbild birgt in seinen marken
Und Herr der zukunft wer sich wandeln kann“

Stefan George aus Der Krieg, aus der Sammlung Das neue Reich

I :

Eine Stadt in Sachsen wird zum Dreh- & Angelpunkt der deutschen Innenpolitik & zum Auslöser einer Regierungskrise. Sie wird zur Metapher des Kampfes um die Deutungshoheit über die Realität im Lande & wie diese in den Medien ihren Niederschlag findet. Wir werden Zeuge, wie ein Bundesland, natürlich im Osten der Republik, in Geiselhaft genommen wird, seine Bewohner diffamiert werden & der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz seinen Hut nehmen muß, weil er dem behaupteten Realitätssurrogat widerspricht. Wir erleben, wie ein Exempel statuiert wird, um Andersdenkende künftig davon abzuhalten, sich zu äußern. Eine sich moralisch Gebärdende fordert Gehorsam & Unterwerfung;  Widerspruch von politisch Mißliebigen ist in der Demokratie der offenen Gesellschaft nicht länger vorgesehen. Nicht zuletzt erleben wir erneut die Gleichschaltung von Politik & gewissensreinem Medienkollektiv. Kaum eine Woche nach einem Mord ist dieser weitgehend vergessen & die Hierarchie der Opfer im Lande wieder hergestellt.
Das Imperium schlägt zurück.

Versuchen wir zu Beginn eine kurze Darstellung des tatsächlich Geschehenen, um es der Undurchschaubarkeit der zügig & umfänglich gezündeten Nebelkerzen zu entreißen. Die zeitliche Abfolge & die gesetzten Schwerpunkte sind der Chronologie der Ereignisse aus der online – Ausgabe der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG vom 8.9.2018 entnommen.

Sonntag, 26. August 2018, 03.15 Uhr: nach einem Streit am Rande des Chemnitzer Stadtfestes zwischen zwei Personengruppen werden drei deutsche Staatsbürger durch Messerstiche schwer verletzt, einer von ihnen, der 35 – jährige Daniel H., stirbt im Krankenhaus an den Stichverletzungen. Eine Fan- & Hooligangruppierung des FC Chemnitz, die sich Kaotic Chemnitz nennt, ruft in den sozialen Netzwerken für den Nachmittag zu einer Demonstration auf, da der oder die Täter scheinbar Flüchtlinge sein sollen. Das Chemnitzer Stadtfest wird abgebrochen, weil die Veranstalter Sicherheitsbedenken einräumen. Auch Vertreter der AfD rufen zur Teilnahme auf. Schließlich beteiligen sich ca. 800 Menschen an dieser Demonstration, unter ihnen viele Jugendliche, aber auch Familien mit Kindern. Es werden ausländerfeindliche Parolen skandiert, vereinzelt kommt es zum Zeigen des Hitlergrußes & zu Flaschenwürfen. Es kursiert ein verwackeltes Video, in dem ca. 15 Sekunden lang zu sehen ist, wie ein Mann auf einen abseits stehenden, südländisch aussehenden Mann zu rennt. Dieser flüchtet, der Mann bricht die Verfolgung jedoch nach wenigen Sekunden ab, ohne den Südländer erreicht zu haben. Das Video ist anonym, es wurde von einer angeblichen Gruppe Antifa Zeckenbiß anonym ins Netz gestellt. Es wird behauptet, es sei während dieser Demonstration entstanden.

Montag, den 27. August:  für 17.00 Uhr ruft die seit 2009 in Fraktionsstärke im Stadtrat vertretene, als rechts bezeichnete Bürgerbewegung Pro Chemnitz zu einer Demonstration auf. Auch das Bündnis Chemnitz nazifrei ruft zur selben Zeit zu einer Demonstration auf. Verschiedene Landes- & Bundespolitiker äußern sich zu angeblichen Übergriffen am Sonntag. Regierungssprecher Seibert spricht von Hetzjagden & Zusammenrottungen, die stattgefunden hätten, man habe Videos (Plural) gesehen, die dies belegen. Beweise hierfür werden allerdings nicht vorgelegt. Es fallen außerdem Begriffe wie Ausschreitungen & Pogrome. Am Abend stehen 6000 – 8000 Demonstranten (die Zahl variiert je nach Quelle) auf Seiten von Pro Chemnitz ca. 1500 Teilnehmern auf Seiten des Bündnisses gegenüber. Die Polizei ist lediglich mit 591 Beamten vor Ort. Auf beiden Seiten fliegen einige Flaschen & Feuerwerkskörper, auf beiden Seiten gibt es Verletzte, erneut wird  vereinzelt der Hitlergruß gezeigt. In den Medien werden die Demonstranten der Bürgerbewegung in toto als rechts bezeichnet. Die Polizei gibt bekannt, sie habe zwei Asylbewerber als Tatverdächtige festgenommen, gegen beide wird Haftbefehl erlassen.Am Abend wird ein jüdisches Restaurant von einer Gruppe schwarz Vermummter mit Steinen angegriffen. Daß dies aus einer Demonstration heraus erfolgt, wird nicht behauptet.

Dienstag, 28. August 2018:  der Haftbefehl gegen einen der TV kursiert in den sozialen Medien.

Mittwoch, 29. August 2018:  der stellvertretende Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Martin Dulig (SPD) spricht davon, Sachsen gegen die Rechten zu verteidigen. Der UN – Hochkommissar für Menschenrechte fordert Politiker auf, deutlich Stellung zu beziehen. Polizei, Staatsanwaltschaft & die Tageszeitung CHEMNITZER FREIE PRESSE bleiben hingegen bei ihrer Darstellung, es habe weder Pogrome noch Hetzjagden gegeben.

Donnerstag, 30. August 2018:  Ministerpräsident Michael Kretschmer warnt bei einem Bürgergespräch im Stadion des FC Chemnitz vor Fremdenfeindlichkeit & verspricht, alles zu tun, die Tat aufzuklären. Nach einem Aufruf von Pro Chemnitz demonstrieren Hunderte vor dem Stadion.

Freitag, 31. August 2018:  Medien berichten, einer der zwei TV hätte bereits vor zwei Jahren abgeschoben werden können.

Samstag, 1. September 2018:  erneut demonstrieren ca. 8500 Menschen, 4500 (andere Quellen sprechen von bis zu 8000 Teilnehmern) bei einem Trauermarsch der AfD, 4000 bei einer Friedensdemo vor der Johanniskirche. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Beim Trauermarsch der AfD ist auch der Gründer des islamkritischen Bündnisses PEGIDA, Lutz Bachmann anwesend. Der Marsch der AfD wird aufgrund einer Sitzblockade angehalten & auf Betreiben der Polizei aufgelöst.

Montag, 3. September 2018:  statt der erwarteten 20 000 Menschen kommen bundesweit angereiste 65 000 Besucher zu einem Freikonzert nach Chemnitz, bei dem unter dem Motto #wir sind mehr  u.a. die Toten Hosen, Kraftclub, Feine Sahne Fischfilet & diverse andere Bands auftreten. Ausdrücklich zur Teilnahme ermuntert hatte auch der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Die Polizei in Chemnitz sucht derweil nach einem dritten TV. Das AG Chemnitz hat eine Öffentlichkeitsfahndung angeordnet.

Mittwoch, 5. September 2018: im Rahmen einer Regierungserklärung im sächsischen Landtag bestreitet MP Kretschmer entschieden, daß es einen Mob, Hetzjagden oder Pogrome gegeben habe.

Freitag, 7. September 2018: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Hans – Georg Maaßen, sagt der BILD Zeitung, er teile die Skepsis gegenüber Medienberichten, nach denen es in Chemnitz zu rechtsextremistischen Hetzjagden gekommen sei. Das BfV habe keine belastbaren Beweise dafür, daß es tatsächlich zu solchen Hetzjagden gekommen sei. Außerdem äußert Maaßen Zweifel an der Herkunft & der Absicht des (o.g.) Videos. Er widerspricht damit der Festlegung der Kanzlerin. Die Opposition ist empört, Innenminister Seehofer spricht M. demonstrativ sein Vertrauen aus.

Soweit die Chronologie der Ereignisse bis dahin. In den folgenden Tagen fordert die Opposition, sowie der Koalitionspartner SPD die Entlassung von Maaßen. Dieser wird jedoch, ausdrücklich mit schriftlich protokollierter Zustimmung der SPD – Chefin Andrea Nahles, zum Staatssekretär im Innenministerium befördert, zuständig für die innere Sicherheit. Daraufhin bricht vor allem in der SPD ein Sturm der Entrüstung los, der Nahles dazu bringt, bei Merkel zu insistieren, man habe sich geirrt & müsse zu einer anderen Lösung kommen. Der Bruch der Koalition steht nunmehr im Raum. Man einigt sich schließlich darauf, Maaßen als Abteilungsleiter ins Innenministerium zu versetzen. Bis zur Ernennung eines Nachfolgers soll er jedoch im Amt verbleiben. Der Bruch der Koalition ist vorerst abgewendet. Es müsse geprüft werden, so heißt es nun, inwieweit zumindest Teile der AfD vom BfV zu beobachten seien.

Markgräfler Land bei Mauchen, Sommerabend

II :

Bevor von den Mechanismen des Umgangs mit dem erneuten Mord an einem Deutschen durch einen abzuschiebenden sog. Schutzsuchenden die Rede sein wird, ist es wichtig, einige Begriffe zu klären, die im Zusammenhang mit diesen & ähnlichen Ereignissen stets eine wesentliche Rolle spielen.

Beginnen wir mit dem Begriff Nazi. Das Wort leitet sich ab aus der Bezeichnung Nationalsozialist & benennt einen Anhänger oder ein Mitglied der NSDAP, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, deren Führer Adolf Hitler war. Sein inflationärer Gebrauch besonders durch sich links Fühlende jeder Couleur richtet sich in der heutigen Zeit allerdings schnell gegen jeden, der die Standpunkte & Denkmuster des links – grünen Mainstreams ablehnt, oder ihnen sogar zu widersprechen wagt. Dies betrifft ebenfalls alle Menschen, die sich kritisch zu den Postulaten des linken & grünen Meinungskartells äußern & verhalten. Besonders die Gleichsetzung der AfD mit dem Begriff Nazi ist diesem Mainstream zur Selbstverständlichkeit geworden. Natürlich ist die AfD keine nationalsozialistische Partei, sondern eine im Innern demokratisch verfaßte, in freien geheimen Wahlen in die Parlamente gewählte Partei, gegen die sich außerdem keinerlei Verbotsanträge richten & die sich zudem verfassungskonform verhält. Dieses Vokabular entlarvt nicht nur die historische & politische Ahnungslosigkeit seiner Benutzer, sondern stellt auch eine gefährliche Verharmlosung der tatsächlichen Verbrechen von tatsächlichen Nazis dar & ist somit ein Affront gegen die sechzig Millionen Opfer der NS – Diktatur. Als Kampfbegriff in der politischen Auseinandersetzung jedoch stellt das Wort den derart Bezeichneten ins politische & gesellschaftliche Aus, was zur Folge hat, das mit dem Nazi eine sachbezogene inhaltliche Diskussion nicht geführt werden darf. Gleiches gilt für die Begriffe Rassist, Sexist sowie für eine Reihe anderer Feindbildber, die zum augenblicklichen & dauerhaften Ausschluß aus dem politischen Diskurs führen. Diese Zensur verhindert zuverlässig das, was das Wesen einer demokratischen Gesellschaft ausmacht, nämlich den Austausch widerstreitender Argumente. Das Forcieren dieser Art von Ausgrenzung verhindert natürlich auch die  argumentative Niederlage, die allen ikonographierten Weltbildern droht, die als gefühliger entleerter Politkitsch die Gehirne vernebeln & keine verifizierbare politische Meinung darstellen, sondern einen Lifestyle. So legt sich ein religiös überhöhter Realitätsersatz über Teile der Bevölkerung, der, jeder argumentativen Infragestellung enthoben, allein auf Glauben & einer absurden Erlösungsvorstellung fußt, die darin besteht, Teil des Guten zu sein, das sich im permanenten Ringen mit dem Bösen in der Welt ständig erneut zu beweisen hat. Die Erklärungsversuche dieser sog. Meinungen sind tiefergehend allenfalls mit den Begriffen & den Methoden der Psychoanalyse zu leisten, sie sind direkte Folge der unbewältigten deutschen Vergangenheit seit 1933, sowie deren gesellschaftlichen & psychopathologischen Folgen. Formalisierte Gedenkkultur ist eben noch lange keine Bewältigung.

Ein weiterer dieser inflationär gebrauchten Begriffe heißt Rechts. Während z.B. Wikipedia die Abgrenzung zwischen links & rechts darin zusammenfaßt, das rechte Strömungen u.a. eine von links angestrebte aktive „emanzipatorische“ Gesellschaftsveränderung ablehnen, Rechte sich hingegen auch in diesem Punkte „fortschrittlichen“ Positionen verweigern. Es wird zumindest noch konzediert, daß es eine Vielzahl unterschiedlicher rechter Strömungen gibt, die von konservativen Einstellungen bis hin zu rechtsextremistisch revolutionären Vorstellungen reichen. In der öffentlichen Darstellung wird dieser Unterschied nicht länger herausgestellt, sondern alles dezidiert nicht Linke en bloque unter rechts subsumiert. Dies ist der Grund, warum im sog. Kampf gegen Rechts jedes Vorgehen, auch gewalttätiges, gegen abweichende Meinungen opportun erscheint, weil das Böse eben unteilbar & immer absolut ist. Ein entscheidender Unterschied zwischen links & rechts besteht für mich allerdings bereits im jeweils konträren Menschenbild. Geht die Linke von einer grundsätzlichen Gleichheit der Menschen aus, die es gilt, auch auf die Bereiche der gesamten gesellschaftlichen & sozialen Ordnung zu übertragen & ggf. in diesem Sinne sozial- & gesellschafts- sowie medienpädagogisch einzugreifen, den Menschen also utopiegerecht zu erziehen, erkennt die Rechte diese Gleichheit lediglich als eine vor dem Gesetz an & geht ansonsten vom Menschen als einem von der anthropologischen Entwicklung her problematischen Geschöpf aus. 

Historisch fragwürdig ist hingegen die Gleichsetzung des Nationalsozialismus, sowie die seiner alten & neuen Anhänger als rechts stehend. Eine der ersten Taten des NS – Regimes war das entschiedene Vorgehen gegen SPD, KPD & Gewerkschaften, genauso aber auch gegen die Vertreter der Konservativen Revolution, die sich den Nationalsozialisten größtenteils entschieden widersetzten, da sie diese in erster Linie als Sozialisten ansahen. Unbestreitbar ist die Idee des Kollektivs, des absoluten Vorrangs einer anonymisierten sog. Volksgemeinschaft vor dem Individuum ein Kennzeichen sowohl des Leninismus & Stalinismus, wie auch des Nationalsozialismus. Für ausdifferenzierte Betrachtungen fehlt jedoch neben dem historischen Wissen & der politischen Bildung vor allem der Wille, sich selbst & seine Feindbilder in einen Bezug zur Realität setzen zu können.

Gerne fällt in der „politischen“ Auseinandersetzung auch der wunderbare Begriff der Hetze. Diese findet natürlich ausschließlich von rechts statt. Im Sinne der argumentativen Exclusion, der Weigerung, mit Rechten zu diskutieren, wird deren Argumenten pauschal jedes Existenzrecht abgesprochen. Wie bereits angemerkt, entbindet auch dieser Vorwurf von jeder inhaltlichen Auseinandersetzung. Um, wie es heißt, Rechten keine Bühne zu bieten, findet eine Auseinandersetzung gar nicht erst statt. Wer die Argumente des politischen Gegners allerdings grundsätzlich für nicht existent erklärt, verabschiedet sich aus jedem Diskurs. Es geht den Linken also weder um die Überzeugung des Gegners noch einer breiten Öffentlichkeit, sondern ausschließlich um Diffamierung. Wir kennen diese Haltung aus autokratischen & diktatorischen Regimen zur Genüge. Es ist der Mechanismus z.B. der Stasi, die von Kritik grundsätzlich als staatsfeindlicher Hetze sprach. Diese war dann auch strafbar.

„Wir stellen unseren eigenen Trupp zusammen / Und schicken den Mob dann auf euch rauf / Die Bullenhelme – sie sollen fliegen / Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein / Und danach schicken wir euch nach Bayern / Denn die Ostsee soll frei von Bullen sein.“

Dieser Text der linksradikalen, bis vor kurzem vom Verfassungsschutz Mecklenburg – Vorpommern beobachteten Krawallkombo Feine Sahne Fischfilet ist natürlich keine Hetze, sondern Teil des antifaschistischen Widerstandes gegen (rechte !) Hetze. Das gilt natürlich auch für folgendes Elaborat, das ich aus naheliegenden Gründen in voller Länge hier einstellen möchte:

„Ich war in der Schule und habe nix gelernt / Doch heute habe ich ei‘ n Affen und ein Pferd / Ich mach Mus aus deiner Fresse / Boom verrecke / Wenn ich den Polenböller in deine Kapuze stecke / Die halbe Schule war querschnittsgelähmt von mei‘ n Nackenklatschern / Meine Hausaufgaben mussten irgendwelche deutschen Spasten machen / Gee Futuristic ich krieg Durchfall von die Bässe / Ich ramm die Messerklinge in die Journalistenfresse / Bullen hör’n mein Handy ab (Spricht er jetzt von Koks?) / Ich habe 50 Wörter für Schnee, wie Eskimos / Trete deiner Frau in den Bauch, fresse die Fehlgeburt / Für meine Taten werd ich wiedergebor‘ n als Regenwurm / Sei mein Gast, nimm ein Glas von mei‘ m Urin und entspann dich / Zwei Huren in jedem Arm mit Trisomie 21 / Ich reite durch die Stadt mit mei‘ m Affen an der Leine / Hab ’ne Kiste voller Gold und mach es regnen auf euch Schweine / Ist eine Frau nicht nackt, dann beschmeiss ich sie mit Scheine / Macht sie sich dann nackt, dann beschmeiss ich sie mit Steine / Ich schwänz die Schule, weil die Schwester meine Mami war / Bitch ich bezahl Urlaub nach Taka-Tuka-Land und Zanzibar / Wenn wir wieder da sind, Vierer mit Tommi und Annika / Vom Speed sieht uns’r e Pisse, mittlerweile aus wie Sangria / Eva Herman sieht mich, denkt sich: „Was‘ n Deutscher!“ / Und ich gebe ihr von hinten, wie ein Staffelläufer / Ich fick sie grün und blau, wie mein Kunterbuntes Haus / Nich alles was man oben reinsteckt kommt unten wieder raus / Ich rasiere mein Äffchen und lass es anschaffen / Tret´ so lange auf dein Kopf vier und drei acht machen / Die Missgeburt vom Jugendamt / Wird sich eine Kugel fangen / Meine Eltern sind seit neun Jahren im Urlaub, Mann / Durch meine Nasenlöcher seh ich mein Hirn / Und führe Selbstgespräche um den BND zu verwirr‘ n / Wir sind Taka-Tuka Ultras, scheißen auf Disneyland / Ich trag die Nike Shox mit eingenähter Kinderhand / In der Schule hatte ich eine 1 im Tiere quäl‘ n / Nach meinem Uppercut kannst du dein Arsch ohne Spiegel seh‘ n / Ich hoff, dass ihr bald alle abhaut in die Staaten / Zum Geburtstag wünsche ich mir, dass ihr aufhört zu atmen.“

Die Urheber dieser menschenverachtenden Gewaltpornographie nennen sich K.I.Z. Sie haben dieses „Lied“ auch auf dem Montagskonzert gespielt, wo ihnen 65 000 offensichtlich gehirngewaschene Gläubige zugejubelt, & somit gezeigt haben, wes Geistes Kind sie sind. K.I.Z. traten dort zusammen mit FSF, den Schlagersängern der Toten Hosen, & anderen wackeren Helden des grünroten Frontkämpferbundes auf. Motto der Veranstaltung: #wir sind mehr!. Zur Teilnahme ausdrücklich per Twitter aufgefordert hatte – natürlich – Frank Walter Steinmeier, Bundespräsident.

Von Ausschreitungen, Pogromen & Hetzjagden durch einen Mob war an prominenter Stelle, besonders in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, allerdings nicht nur dort, wiederholt die Rede. Besonders die Bezeichnung Pogrom ist im historischen Kontext schlicht falsch, im journalistischen Sinne böswillig &, gemessen am tatsächlichen Geschehen in Chemnitz, eine bewußte Lüge. Auch hier gilt, wer diese Gleichsetzung mit historischem Geschehen wie jahrhundertelanger Judenverfolgung in Europa, dem Völkermord an den Armeniern oder diverser Christenverfolgungen im osmanischen Einflußbereich betreibt, verhöhnt die Opfer & instrumentalisiert sie für den Kampf um die Diskurshoheit im Lande. Daß die SZ sich wiederholt & vehement für eine demokratische Sprache, vor allem auch jenseits des Hasses einsetzt, ist vor dem Hintergrund dessen, was damit tatsächlich gemeint ist, nicht verwunderlich. Begriffe zu besetzen, umzudeuten & sie damit neu auszurichten, gehört seit je zum propagandistischen Geschäft. Man  betreibt auf diese Weise nicht nur zutiefst unredlichen Journalismus, sondern macht sich zur politischen Partei.

In dieses Bild, geweitet auf die politische Ebene, fügt sich das Festhalten am Begriff Hetzjagd nahtlos ein. Steffen Seibert, als Regierungssprecher Sprachrohr der Bundeskanzlerin, benutzte dieses Wort bereits am 27.8. Er mußte allerdings am 6.9. einräumen, den Begriff aufgrund von Schilderungen in den sozialen Netzwerken gewählt zu haben. Eine Bestätigung durch die Sicherheitsbehörden konnte er dagegen nicht anführen. Als am 7.9. BfV – Präsident Maaßen seine Zweifel an diesem Begriff & an dem ihm zugrunde liegenden Video per Interview öffentlich äußert, wird ihm neben Verharmlosung auch vorgeworfen, er hätte sich vor Abschluß der Ermittlungen öffentlich geäußert, könne also die Fakten gar nicht umfänglich bewertet haben. Der Kanzlerin & ihrem Sprecher hingegen soll dies bereits über eine Woche zuvor möglich gewesen sein ? Fakt ist also, das veröffentlichte Video zeigt keine Hetzjagd, andere Videos existieren nicht, oder werden nicht veröffentlicht, was, wenn es sie denn gäbe, vor dem Hintergrund des Kampfes um die Diskurshoheit schwer vorstellbar ist.

Ausschreitungen in Chemnitz hat es auf beiden Seiten gegeben, der „linken“ wie der „rechten“ Gewalttäter. Diese bestanden jedoch weitgehend aus gelegentlichen Flaschenwürfen gegen die jeweils andere Seite & gegen die Polizei. Auch von einem Mob zu sprechen, hält der Definition nicht stand, denn dieser ist mit erheblichem Tumult & Aufruhr verbunden & nicht mit einer angemeldeten Demonstration, die trotz allen Rangeleien & Flaschenwürfen weitgehend geordnet ablief. Es sei an dieser Stelle an den G 20 Gipfel in Hamburg erinnert, über den ich auf diesen Seiten geschrieben habe (siehe: lechts & rinks). Daß der AfD nun vorgeworfen wird, zusammen mit Neonazis auf die Straße gegangen zu sein, ist vor dem Hintergrund unzähliger, von schwarzen Blöcken angeführter Demonstrationen, an denen gleichermaßen Grüne, Gewerkschafter & Sozialdemokraten unwidersprochen teilgenommen haben, so durchsichtig wie lächerlich. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, auf den zeigen stets auch drei eigene Finger zurück.

Demokratie sei das, wofür man einstehe, das, was es zu verteidigen, zu bewahren gelte gegen ihre Verächter & Feinde. Dieses wohlfeile Geschwätz ist immer dann zu hören, wenn man weiß, die Demokratie hat´s grad´ wieder schwer im Lande. Die Verwalter der Deutschen Geschichte zwischen 1933 & 1945, eine andere Deutsche Geschichte steht gegenwärtig leider nicht mehr zur Auswahl, haben nichts unversucht gelassen, ihre Vorstellung davon, was Demokratie im 21. Jahrhundert in diesem Lande bedeutet, abzusichern. Besonders seit 2015 üben Regierung, Mehrheitsopposition, Leitmedien & eine breite Phalanx aus sog. Kulturschaffenden (in der DDR die offizielle Bezeichnung für dem SED – Regime ergebene Künstler), sowie die sog. Zivilgesellschaft den Schulterschluß. Hierbei sind sie im Westteil der Republik ziemlich erfolgreich. Sie werden getragen von einer sich weltoffen & polyglott gerierenden urbanen gehobenen Mittelschicht, die ihr eigenes Biotop zwischen Schwabing, Vauban & Prenzlauer Berg zur Fortschrittszone erklärt hat & für den Rest des Landes, besonders dessen östlichen Teil, bestenfalls noch Verachtung empfindet. Das gefühlige grüne Linkssein dieses just milieu ist keine politische Meinung, sondern ein unreflektiertes Lebensgefühl, eine hedonistisch – moralische Selbstüberhöhung. Ihr Privileg ist die Möglichkeit, mit ihrer Wahrnehmung der Welt den politischen Kurs medial entscheidend mitzubestimmen. Wie eine Studie der Freien Universität Berlin mit dem sperrigen Titel Politikjournalistinnen & -journalisten – aktuelle Befunde zu Merkmalen und Einstellungen vor dem Hintergrund ökonomischer und technologischer Wandlungsprozesse im deutschen Journalismus unter Prof. Dr. Magreth Lüneborg vom Mai 2010 belegt, pflegen Journalisten ein überwiegend grünes Weltbild (PdF der Studie, Seite 50, Zusammenfassung). Das im just milieu weit verbreitete Ideal offener Grenzen hingegen ist nichts weiter als die Exekution fortgeschrittener neoliberaler Verwertungsmuster. Diese Mischung darf mindestens als naiv & darüber hinaus in Teilen als moralische Verkommenheit bezeichnet werden, als Dekadenz. Es gehört zu den Absurditäten derartiger Meinungsmuster, dem globalisierten neoliberalen Kapitalismus ein Mäntelchen aus zur Nächstenliebe verklärter Xenophilie umzuhängen, das aus der Verachtung des Eigenen & präbewußtem Selbsthaß gestrickt wurde. 

Im Osten des Landes hingegen ist die Erinnerung an die friedliche Revolution & das Ende der SED – Herrschaft noch zu lebendig, um sich erneut widerstandslos einem Gesellschaftsexperiment auszuliefern, dessen Ausgang den Menschen dort offensichtlich sehr viel klarer vor Augen steht, als denen im teilweise wohlstandsverwahrlosten Westen der Republik. Daß sie sich dabei ihre Sensibilität dafür, belogen, betrogen & bevormundet zu werden genauso vorwerfen lassen müssen wie ihren Widerstand dagegen, ist Ausdruck einer politischen & gesellschaftlichen Arroganz & Selbstgerechtigekeit in den alten Bundesländern. Ausgerechnet denen, die das SED System erfolgreich & friedlich gestürzt haben, werden Demokratiedefizite vorgeworfen; so viel politische Blindheit & geschichtsvergessene Ahnungslosigkeit darf offenbar zur Lehrmeinung erhoben werden.

Die beschriebene Entwicklung hat sich seit 2015 beschleunigt & inhaltlich erheblich verschärft. Die von weiten Teilen der Gesellschaft abgelehnte Flüchtlingspolitik  der Bundesregierung hat die Bevölkerung des  Landes tief gespalten. Diese Spaltung wird von den Anhängern des Merkel´schen Handelns offensiv vorangetrieben, u.a. dadurch, ihren Kritikern eben diese Spaltung zu unterstellen. Ursache & Wirkung werden so bewußt vertauscht. Das Lager der Merkelianer umfaßt mittlerweile sowohl die Mehrheit der CDU,  die SPD, die Grünen, die Linke, sowie die Propagandisten der meinungsbildenden öffentlich rechtlichen, wie privaten Medien. Die sog. Haller – Studie, eine Untersuchung mit dem Titel Die Flüchtlingskrise in den Medien des Kommunikationswissenschaftlers Michael Haller, erstellt im Auftrag der Otto – Brenner – Stiftung & durchgeführt von der Media School Hamburg & der Universität Leipzig hat dies hinlänglich belegt.

In diesem Zusammenhang wurde Merkel besonders nach 2015 sakrosankt. Dieser Umstand beruht nicht zuletzt auf dem fulminanten Mißverständnis, daß ihrem Handeln im Herbst 2015  humanistische Beweggründe zugrunde gelegen hätten. Wer Merkels Politik besonders in der Eurokrise gegenüber Griechenland erinnert, sollte wissen, daß es ihr herzlich egal war, ein ganzes Land ins Elend zu stürzen, nur um die Interessen deutscher & französischer Banken & Konzerne zu wahren. Der linksgrüne Mainstream hofiert eine Kanzlerin, deren einzige  konsequent durchgehaltene politische Priorität jenseits ihres gnadenlosen machterhaltenden Opportunismus das Wohl & Wehe deutscher Großkonzerne ist. Bis heute verweigert sie sich jedem wirklichen Fortschritt in der Klimapolitik, sowie jeder greifbaren Maßnahme gegen die Autohersteller. Die Liste ihres Handelns im Sinne globalisierter Kapitalströme ließe sich beliebig fortführen. Welches Maß an politischer Schizophrenie erforderlich ist, sich diese Frau linksgrün kompatibel vorzustellen, bleibt das Geheimnis ihrer Bewunderer.

Am Samstag, den 13. Oktober 2018, zog nahezu eine Viertelmillion Menschen durch Berlin, um sich gegen rechte Hetze, für eine tolerante offene & freie Gesellschaft einzusetzen. Solidarität statt Ausgrenzung, so das Motto der Veranstaltung, richtet sich explizit gegen die Gegner der gegenwärtigen Flüchtlingspolitik, unterstellt ihnen Rassismus  & Menschenverachtung, sowie Angriffe auf den Rechtsstaat. Es ist interessant & überaus lehrreich, sich den kurzen Aufruf durchzulesen (www.unteilbar.org/), denn er führt eindrücklich vor, wer Mitglied einer demokratischen Gesellschaft sein darf & wer nicht. In ihm findet sich das übliche gefühlige linksgrüne Konglomerat aus kognitiver Fehlleistung & Realitätsverweigerung, welches in der hypermoralischen Selbstüberhöhung & der daraus resultierenden Anmaßung politischer Ermächtigung sein Heil sucht. Zu den Erstunterzeichnern gehören neben Jan Böhmermann & Carolin Emcke natürlich auch Feine Sahne Fischfilet. In der Tat wird es erforderlich sein, die Demokratie gegen ihre Verächter zu verteidigen.

Basel, Münsterterrasse, Blick auf den Rhein

III:

Nach dem Mord in Chemnitz gehen Tausende auf die Straße, um Wut, Trauer & Empörung zum Ausdruck zu bringen. Sachsen wird daraufhin erneut zum Hort von Neonazis & „rechten“ Krawallbrüdern erklärt. In der Tat gibt es eine große Diskrepanz zwischen den Reaktionen der Bevölkerung in den neuen Bundesländern & in den alten, wenn es um die Reaktionen auf derartige Taten geht. In den alten Bundesländern greift nach derartigen Vorfällen sofort das Netzwerk aus Beschwichtigungsbeauftragten, Gemeindepfarrern & sofort organisierten Demos, die sich gegen die Instrumentalisierung der Tat durch Rechts wenden. Dieses Verhalten entspricht zuverlässig eingeübter Bewältigungs- & Relativierungsroutine, die um jeden Preis zu verhindern sucht, daß Empörung öffentlich Raum greift. Übersetzt bedeutet dieser bundesrepublikanische Neusprech erstens, daß es sich um eine rein kriminelle Tat handelt, die keinerlei politischen Bezug hat, zweitens, daß  es sich um Einzeltaten handelt, die kein übergeordnetes Muster erkennen lassen & drittens, daß es keine Rolle spielt, ob der Täter ein Deutscher, oder ein sog. Schutzsuchender ist. Alle drei Behauptungen sind falsch:

Das Bundeskriminalamt BKA veröffentlicht jährlich seine PKS, die polizeiliche Kriminalstatistik. Aus der aktuellen PKS, also der aus dem Jahre 2017, ergibt sich bei Tötungsdelikten folgendes Bild: Es gab insgesamt 2678 Tatverdächtige (TV), davon waren  1534 Deutsche, 365 Asylbewerber. Folglich wurde, statistisch betrachtet, täglich ein Asylbewerber eines Tötungsdeliktes verdächtigt. Gemessen an der Gesamtzahl & deren Bezugsetzung zum Bevölkerungsanteil sind Asylbewerber 89 mal häufiger TV eines Tötungsdeliktes als Deutsche. Zahlen für das laufende Jahr liegen noch nicht vor, in den Monaten vor Chemnitz wurde jedoch beinahe wöchentlich ein Deutscher Opfer eines durch Asylbewerber verübten Tötungsdelikts. Dieses Zahlenwerk ist wichtig, da die o.g. interessierten Kreise i.d.R. diese Taten totschweigen, verharmlosen & relativieren,  gleichzeitig jedoch die Opfer & diejenigen, die diese Taten benennen & sich öffentlich dagegen verwahren, diffamieren & denunzieren. Das hat durchaus Vorbildcharakter bis in die Staatsspitze hinein. Berlin, Breitscheidplatz, Dezember 2016; zwölf Tote nach einem Terroranschlag durch den islamistischen Terroristen Anis Amri: Merkel konnte sich erst nach Ablauf eines ganzen Jahres dazu durchringen, sich im Rahmen einer offiziellen Trauer- & Gedenkveranstaltung zu äußern. Dies geschah auch dann nur nach massivem öffentlichen Druck vor allem auch seitens der Angehörigen der Opfer.

Sehr früh bereits haben der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, der Präsident der Bundespolizei (BP), Dr. Dieter Romann, sowie Dr. Hans – Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) die politisch Verantwortlichen im Lande, besonders den damaligen Innenminister Thomas de Maiziere sowie die Bundeskanzlerin vor unabsehbaren Folgen für die innere Sicherheit gewarnt, die in Folge der unkontrollierten Masseneinwanderung entstünden. In seinem bemerkenswerten Buch Die Getriebenen beschreibt der WELT – Journalist Robin Alexander die Weigerung dieser Beiden, die Grenze zu schließen, bzw. die Anordnung, den von de Maiziere bereits unterschriebenen Einsatzbefehl an die Bundespolizei, diese Schließung durchzuführen, zurückzunehmen. Die Folgen sind bekannt. Es kam zum in weiten Teilen andauernden Kontrollverlust des Staates über Anzahl & Identität der illegal Eingereisten, überwiegend junger Männer ohne Papiere & unbekannter Identität & Herkunft.

Laut einem Bericht der WELT vom 24.7.2018 & der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG vom 18.9.2018 hält Merkel es seit Jahren nicht für nötig, an den wöchentlichen Sitzungen der sog. Sicherheitslage teilzunehmen, bei denen u.a. die Chefs des BfV, BKA & BP über die Situation der inneren Sicherheit in Deutschland referieren. Sie hätte in dieser Runde hören können, wie ihr Handeln seit Herbst 2015  von den zuständigen Experten bewertet wird. Dies verdeutlicht, welchen Stellenwert die innere Sicherheit in der Welt der Angela Merkel einnimmt. Gleichwohl ist ihr nicht verborgen geblieben, daß Maaßen, Romann & Münch entschiedene Gegner ihrer Flüchtlingspolitik sind. Die Äußerungen von Maaßen nach dem Mord in Chemnitz waren also der willkommene Anlaß, sich eines Kritikers zu entledigen, der, wie im o.g. NZZ Artikel beschrieben wird, auch international einen hervorragenden Ruf genießt, letztlich also einer Kampagne der SPD, der Opposition, sowie des Kanzleramtes zum Opfer gefallen ist.

Baden, Kaiserstuhl, Oberbergen

IV:

Abschließend ergibt sich demnach folgendes Bild: Der Mord in Chemnitz mußte als Ursache so schnell wie möglich aus den Medien & der Wahrnehmung der Öffentlichkeit verschwinden. Dazu erschienen die Demonstrationen als probates Mittel, mit dem der Protest, auch von in kleinen Teilen höchst unappetitlicher Seite, in Gänze diffamiert & somit diskreditiert werden konnte. Die Kampagne gegen Maaßen zielte ganz offensichtlich von vornherein auch auf Innenminister Seehofer, trotz dessen nahezu opportunistischer Wandlungsfähigkeit ein unablässiger Kritiker der Merkel´schen Flüchtlingspolitik & durchaus listiger Proteger von Maaßen. Dieser wiederum widersetzte sich hartnäckig dem Ansinnen, die AfD vom VS beobachten zu lassen, da er hierfür keinen Anlaß sah. Das brachte ihm natürlich den Vorwurf der AfD – Nähe ein, zumal er sich mit deren Vertretern auch offiziell getroffen hatte. Nun ist es allerdings so, daß von den 237 Gesprächen, die Maaßen in seiner Amtszeit seit 2012 mit Parteienvertretern geführt hat, lediglich fünf mit Vertretern der AfD geführt wurden. 

Mit der Mobilisierung der interessierten Öffentlichkeit, ihrer Medien & nicht zuletzt durch das Konzert in Chemnitz sowie die #unteilbar – Demo ist es gelungen, die Empörung über einen Mord nicht nur umfassend zu diskreditieren, sondern die Kritiker einer Politik, die diesen Mord erst möglich gemacht hat, direkt anzugreifen, bloßzustellen & in die Defensive zu drängen, die Entlassung eines mißliebigen Fachmanns durchzusetzen & den Innenminister als dessen Dienstherren zum Schuldigen einer veritablen Regierungskrise auszurufen. Dies ist ein Lehrstück knallharter machiavellistischer Machtpolitik. Hier wird sichtbar, daß den Vertretern der angeblich offenen & fortschrittlichen Gesellschaft, den Laienpredigern des Multikulturalismus & der offenen Grenzen die Realitätsanfälligkeit ihres Gesellschaftsexperimentes sehr wohl bewußt ist. Noch allerdings sind sie in der Lage, schnell & stringent zurückzuschlagen, die Ihren zu mobilisieren & die Diskurshoheit vorerst aufrecht zu erhalten. 

Der Imperator kann sich auf die Seinen jederzeit verlassen; das Imperium schlägt zurück.

V. Nachtrag:

Am Sonntag, den 4. November 2018 wird bekannt, daß Hans – Georg Maaßen bei einem Treffen von europäischen Geheimdienstchefs eine Abschiedsrede gehalten hat. Diese hat er auch ins BfV – Intranet gestellt, sodaß davon auszugehen ist, daß er beabsichtigt hat, die Rede auf diesem Wege zu veröffentlichen. Erneut bricht im politisch – medialen Komplex Empörung aus. Am Montag, den 5. November versetzt Bundesinnenminister Seehofer Maaßen mit der Begründung, er habe Mitglieder der Bundesregierung & der an ihr beteiligten Parteien in unverantwortlicher Weise angegriffen, in den einstweiligen Ruhestand. Maaßen hingegen kann sich vorstellen, zukünftig politisch tätig zu werden. In den Kommentaren zum Geschehen wird Maaßen erneut scharf angegriffen, im Kommentar der Tagesthemen wird ihm gar das Recht auf politische Betätigung abgesprochen. Die eigentliche Empörung richtet sich jedoch erneut gegen Seehofer.
Augenfällig ist hingegen eines: es gilt, die eigene Sichtweise, die eigene Version des Geschehens in Chemnitz & danach zu bestärken,  es gilt jedoch vor allem, ein für alle Mal zu manifestieren, daß die Geschehnisse & das Gesagte nicht so geschahen & gesagt wurden, wie es vielfach 
überprüfbar stattgefunden hat, sondern die Wirklichkeit durch eine umfassende Legende, eine Lüge zu ersetzen & sich derer zu entledigen, die sich der Realität verpflichtet sehen. Dies sucht im Nachkriegsdeutschland in dieser offensichtlichen Widerlegbarkeit seinesgleichen. Es ist der Vorgeschmack auf das, was kommen wird.
Die SZ veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom 6. November die Abschiedsrede von Maaßen im Wortlaut:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ich möchte mich heute aus diesem Kreis nach über sechsjähriger Zugehörigkeit von Ihnen verabschieden. Manche Abschiede sind geplant, z. B. wenn der Arbeitsvertrag befristet oder wenn eine bestimmte Altersgrenze erreicht ist, wie bei unserem Freund Rob, andere Abschiede sind nicht geplant und etwas überraschend, wie bei mir.

Die Vorsitzenden der drei Parteien, die die Bundesregierung in Deutschland bilden, Frau Merkel, CDU, Herr Seehofer, CSU, und Frau Nahles, SPD, hatten am 23. September beschlossen, dass ich als Präsident des Bundesverfassungsschutzes abgelöst werden soll. Damit ist eine Regierungskrise in Deutschland beendet worden. Die SPD hatte mit einem Bruch der Koalition gedroht, wenn ich weiter im Amt bleiben würde
Hintergrund der Regierungskrise war die Tatsache, dass ich am 7. September gegenüber der größten deutschen Tageszeitung Bild-Zeitung die Richtigkeit der von Medien und Politikern verbreiteten Berichte über rechtsextremistische „Hetzjagden“ bzw. Pogrome in Chemnitz in Zweifel gezogen hatte. Am 26. August 2018 war ein Deutscher von Asylbewerbern in Chemnitz getötet worden. Am gleichen Tage gab es Demonstrationen in Chemnitz gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung von normalen Bürgern aber auch von Rechtsextremisten. Dabei kam es vereinzelt zu Straftaten. Am folgenden Tag und an den darauffolgenden Tagen stand nicht das Tötungsdelikt im politischen und medialen Interesse, sondern rechtsextremistische „Hetzjagden gegen Ausländer“. Diese „Hetzjagden“ hatten nach Erkenntnissen der lokalen Polizei, der Staatsanwaltschaft, der Lokalpresse, des Ministerpräsidenten des Landes und meiner Mitarbeiter nicht stattgefunden. Sie waren frei erfunden.

Ich habe bereits viel an deutscher Medienmanipulation und russischer Desinformation erlebt. Dass aber Politiker und Medien „Hetzjagden“ frei erfinden oder zumindest ungeprüft diese Falschinformation verbreiten, war für mich eine neue Qualität von Falschberichterstattung in Deutschland. Ich hatte mich in der darauffolgenden Woche gegenüber der Bild-Zeitung in nur vier Sätzen dazu geäußert, indem ich klarstellte, dass es nach Erkenntnissen aller zuständigen Sicherheitsbehörden keine derartigen rechtsextremistischen „Hetzjagden“ gab. Gegenüber den zuständigen Parlamentsausschüssen stellte ich in der folgenden Woche klar, dass ein Kampf gegen Rechtsextremismus es nicht rechtfertigt, rechtsextremistische Straftaten zu erfinden. Die Medien sowie grüne und linke Politiker, die sich durch mich bei ihrer Falschberichterstattung ertappt fühlten, forderten daraufhin meine Entlassung. Aus meiner Sicht war dies für linksradikale Kräfte in der SPD, die von vorneherein dagegen waren, eine Koalition mit der CDU/CSU einzugehen, der willkommene Anlass, um einen Bruch dieser Regierungskoalition zu provozieren. Da ich in Deutschland als Kritiker einer idealistischen, naiven und linken Ausländer- und Sicherheitspolitik bekannt bin, war dies für meine politischen Gegner und für einige Medien auch ein Anlass, um mich aus meinem Amt zu drängen.

Aufgrund des schon erwähnten Beschlusses der drei Parteivorsitzenden werde ich mein Amt aufgeben, sobald ein Nachfolger bestimmt ist. Dies wird voraussichtlich in den nächsten Wochen der Fall sein. Bundesinnenminister Seehofer, der mich und meine Position in dieser politischen Auseinandersetzung sehr unterstützte und dafür selbst viel Kritik von den Medien erfuhr, möchte mich als seinen Berater bei sich behalten. Ob und unter welchen Bedingungen dies stattfinden soll, wird im Einzelnen in den nächsten Wochen geklärt werden müssen. Jedenfalls kann ich mir auch ein Leben außerhalb des Staatsdienstes zum Beispiel in der Politik oder in der Wirtschaft vorstellen. Ich hätte nie gedacht, dass die Angst vor mir und vor der Wahrheit Teile der Politik und Medien in solche Panik und Hysterie versetzt, dass vier Sätze von mir ausreichend sind, um eine Regierungskrise in Deutschland auszulösen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es fällt mir schwer, mich nach sechs Jahren von Ihnen zu verabschieden. Ich habe diesem Kreis sehr gerne angehört und habe in allen Sitzungen und bei allen Gesprächen ein hohes Maß an Kollegialität und an Solidarität festgestellt. Ich habe festgestellt, dass wir die gleichen Ziele haben, die gleichen Werte teilen und gegen die gleichen Gegner von Freiheit und Demokratie kämpfen. Ich bin der Auffassung, dass wir in den letzten sechs Jahren viel erreicht haben. Viel auch für die Sicherheit meines Landes. Ich habe in den letzten Jahren viel Unterstützung von Ihnen erfahren bei der Lösung unserer nationalen Sicherheitsprobleme und ich habe mich immer bemüht, Sie auch bei Ihrer Arbeit zu unterstützen, damit Ihre Länder und Europa sicherer werden. Ich möchte Ihnen für all das danken. Danken möchte ich Ihnen auch für die vielen persönlichen und freundschaftlichen Momente, die ich erfahren durfte. Ich würde mich sehr freuen, auch nach dieser Zeit mit manch einem von Ihnen persönlich und privat in Kontakt bleiben zu können. Zuletzt möchte ich die Bitte äußern, dass Sie mit meinem Nachfolger die Zusammenarbeit in gleich intensiver Weise partnerschaftlich fortsetzen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Juli 26

Gedankensplitter IX

„Can’t keep my eyes from the circling skies
Tongue tied and twisted just an earth bound misfit, I“

Pink Floyd

„Ich habe nach dem Prinzip gehandelt: Siehst du etwas, dann sag auch etwas.“

Madeleine Albright

 

Deutschland ähnelt immer mehr einer Bananenrepublik. Deswegen sind diese Gedankensplitter eine Polemik auf ein Land in politischer Agonie, das unendlich weit unter seinen Möglichkeiten müde & selbstzufrieden vor sich hin dämmert. Schreibend aufzubegehren hingegen ist ein Ausdruck von Leben, auch von Hoffnung, & notwendig, weil mir das dumpfe Deutschland aller Schattierungen, sowie sein scheintotes Personal ein Greuel ist, dem es zu widerstehen gilt. & weil ich die Vereinnahmung verweigere.

Zum 25. Jahrestag des Erscheinens von Botho Strauß´ bahnbrechendem Essay Anschwellender Bocksgesang bleibt neben der Feststellung seiner Erfolglosigkeit wider den linken Zeitgeist vor allem die Intention, die sich, mehr philosophisch als politisch, vehement kulturpessimistischer als aufklärerisch richtet „. . . gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will.“ Weitsichtig schrieb Strauß´ allerdings schon damals: „Der Leitbildwechsel, der längst fällig wäre, wird niemals stattfinden. Zum Sturz des faulen Befreiungszaubers, des subversiven Gemütskitsches wird es nicht kommen.“ Was hingegen bleibt, ist die ungeheuerlich beängstigende Aktualität.

Selbstgewisse arrogante Saturiertheit & Ignoranz. Das sind die Symptome der deutschen Krankheit. Behandelt wird sie mit einer hysterischen Hypermoral. Mit Heilung hat das nichts zu tun. Die Kur wird zum Symptom.

Die ökonomisch & politisch Verantwortlichen im Lande klopfen sich kräftig auf die Schultern. Zigarren werden angesteckt, der Schampus geöffnet & die Tür geschlossen.  Deutschland geht´s gut. Die Fensterläden werden herabgelassen & selbstzufrieden sinkt man in den Sessel. Derweil dreht sich draußen die Welt immer schneller, die Straße vor der Tür wurde gesperrt, der nächste Bahnhof längst geschlossen & die Züge fahren vorbei. 

Uns geht´s gut. Die Konjunktur brummt, die Arbeitslosenzahlen sind im Rekordtief nahe der Vollbeschäftigung, der Konsum ist ungebrochen & die Auftragsbücher voll. Vor einer zerfallenden Industrielandschaft sitzt ein Mann in Badehose unter einem bunten Sonnenschirm, ein kühles Getränk in der Hand. Krise ? . . . welche Krise.

Es fehlen Hunderttausende von Pflegekräften für Alte & Kranke, Mieten sind unbezahlbar, die Renten zu niedrig & für jüngere, heute noch Berufstätige, mehr als fraglich. Insekten & Vögel sterben aus, der Klimawandel begehrt unmißverständlich Einlaß, die Schere von Arm & Reich klafft atemberaubend auseinander, der gigantische Exportüberschuß beruht auf Lohndumping, Innovationen finden im Silicon Valley & in China statt. In den Autokonzernen regiert das organisierte Verbrechen, die Luft in den Städten vergiftet die Bewohner, die Massentierhaltung den Boden, das Wasser, das Klima & den Menschen. Schulen, Bahnanlagen, Brücken & Straßen verfallen, in Hamburg will man den Schulkindern wieder verstärkt Lesen & Schreiben beibringen. Schließlich die „Integration“ & der Unterhalt von weit über einer Million kulturfremder Sozialhilfeempfänger mit bestens aufgestellter medialer & politischer Lobby. Das politische Personal hat die Zugänge zu seiner Blase fest verschlossen. Grund zur Sorge besteht hingegen nicht, denn dies ist das Land, in dem wir alle gut & gerne leben.

In Abwandlung eines Zitats von Albert Camus müssen wir uns Kassandra als eine glückliche Frau vorstellen. 

Der Brunnen ist ganz sicher unerschöpflich. Schließlich wird unablässig Wasser geholt. Bei genauem Hinschauen sind die Gefäße abgenutzt, tönern & dünn. Ein Steinchen & der Unaufmerksame strauchelt, das Gefäß zerbricht & die trockene Erde verschlingt das Wasser. Die weithin leuchtende Schrift an der Wand hingegen scheint niemand zu sehen. 

Vor vollen Schüsseln muß ich Hunger´s sterben . . .“  dichtete einst Francois Villon. Das war im 15. Jahrhundert. 500 Jahre schrieb Ingeborg Bachmann: „Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Bald mußt du den Schuh schnüren und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind. Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.“ 

In Treue fest steht das Volk zur bleiernen Kanzlerin. Das Adenauer´sche Diktum, bloß keine Experimente, ist der Kern der deutschen DNA. Da ist das ehemalige FDJ Mädel bestens aufgestellt. „Sie kennen mich . . .“ meint, ich bin wie ihr & das muß eben reichen.

Sehnsuchts– & neidvolle Blicke nach Frankreich, wo Monsieur Macron sich anschickt, einen neuen frischen Wind wehen zu lassen & mit Entschiedenheit das Notwendige zu tun oder zumindest anzustoßen, helfen leider nicht weiter. Savoir vivre & eine damit einhergehende Leichtigkeit selbst noch im Entschiedenen, sind dem Deutschen fremd. En Marche in Deutschland ? Vielleicht als Alptraum der Parteien, die leer & ausgebrannt noch schneller dahinsiechen würden. Allein: der deutsche Michel bewegt sich ungern & zieht sich lieber die Decke über den Kopf. 

Es lohnt sich hingegen, die Rede Macron´s vom  26. September 2017 an der Sorbonne zu lesen. Die Französische Botschaft dokumentiert sie hier   https://de.ambafrance.org/Initiative-fur-Europa-Die-Rede-von-Staatsprasident-Macron-im-Wortlaut   in deutscher Sprache. Auch wenn man nicht mit allem einverstanden sein muß, so wird eines deutlich: Die mitreißende Begeisterung, in der sie abgefaßt ist, die tiefe Überzeugung, die aus ihr spricht & der unbedingte Wille zum Neubeginn. All dies ist den schlafwandelnden Produzenten von Sprechblasen, mit denen sie ihre Unfähigkeit & ihr Nichtstun hinter fauligen Formelkompromissen verstecken, vor sehr langer Zeit abhanden gekommen. Ein Gespenst geht um in Europa, es heißt Aufbruch. Denn wer aufbricht, bewegt sich & verläßt den status quo. & das war schon immer das Schlimmste, was im mehltaubedeckten La La Land  Merkel´scher Politikabschaffung geschehen kann.

Der Euro war & ist eine politische Entscheidung, keine ökonomische, denn in dieser Hinsicht ist er von führenden Wirtschaftswissenschaftlern stets abgelehnt worden, sie haben nachdrücklich vor seiner Einführung gewarnt, sein Scheitern als unausweichlich vorhergesagt. Sein Ende ist aufgrund unterschiedlichster  Tatsachen absehbar. Daran werden auch die Pläne Macron´s nichts ändern, im Gegenteil, sie werden die Krise lediglich verschärfen. Zu bedenken ist jedoch: Eine EU ist auch ohne den Euro denkbar, sogar langfristig wünschenswert, sie wird bereits mittelfristig ohne ihn besser dran sein. Ob die bisherigen Erweiterungsphantasien allerdings dann noch vorstellbar sind, darf zurecht bezweifelt werden. 

Der Streit um einen kleinen Teilbereich der verheerenden Flüchtlings“politik“ der CDU – Kanzlerin soll vergessen machen, daß die CSU seit 2015 alle Entscheidungen artig mitgetragen hat. Die Zeit absoluter Mehrheiten in diesem Lande ist vorerst endgültig vorbei. Sogar in Bayern, sogar für die CSU. Deren Antrieb ist vor allem eines: Panik.

Der Zwergenaufstand der CSU gegen Merkel war eine Provinzposse. Daß er sich zu einer ernsten Regierungskrise ausweitet, verdeutlicht, mit wem man es zu tun hat. Am Ende der Sackgasse steht eine Mauer. Man wird die Kratzspuren abbrechender Fingernägel daran finden. Die Verzweiflung steht jenseits der Logik.

Das Verhalten Seehofers zeigt, was für tiefe persönliche Verletzungen & Demütigungen der Politikbetrieb hinterläßt. Aber haben wir nicht immer bedauert, daß es keine Typen wie Strauß & Wehner oder Schmidt mehr gibt, Politiker mit Ecken & Kanten, sperrige Persönlichkeiten ? & ist nicht Seehofer genau so ein Typ ? Wahrscheinlich eher nicht, denn dazu fehlt es an Format. Aber die Zeiten, in denen Wehner den CDU – Abgeordneten Wohlrabe im Bundestag öffentlich Herrn Übelkrähe nennen konnte, sind vorbei. Gefordert ist Geschmeidigkeit, Unanstößigkeit. Politisch korrekt in Sprache & Gesinnung. Aber anstößig muß sein, wer etwas anstoßen will.

Dom in Aachen

Oft ist Fr. Merkel bereits für politisch tot erklärt worden. Jetzt wird’s vielleicht doch noch was: ausgerechnet in der Tagesschau fordert der ARD Korrespondent in Brüssel, Malte Pieper, am 25.6.2018 als Fazit eines wütenden Kommentars ihren Rücktritt. Das ist neu & bisher unerhört. Es zeigt, wie ernst die Lage ist.

Niemand verdreht die Fakten besser & selbstverständlicher in ihr Gegenteil, als der Bundeskanzler Frau Merkel, die für die Folgen einer Reihe von disparaten & verheerenden Entscheidungen nunmehr eine europäische Solidarität einfordert & damit ihr persönliches Scheitern  zur Schicksalsfrage Europas erklärt.

In 20 Jahren wird Merkel in den Geschichtsbüchern als die Zerstörerin Deutschlands beschrieben werden & als die  Totengräberin Europas.

Am deutschen Wesen soll (wiedermal) die Welt genesen, auch wenn niemand in Europa länger bereit ist, dem Führungsanspruch Merkel´s zu folgen & sich für ihre staats- & gesellschaftszersetzenden  Fehlentscheidungen in Mithaftung nehmen zu lassen. & schon gar nicht für die deutsche Autoindustrie.

Ein in England lebender Multimillionär  (. . . Zitat Heiko Maas) kann diesem Land tatsächlich eine Integrationsdebatte aufzwingen. Das ist zwar grotesk, andererseits sagt es viel über die Steuerung der Debattenkultur hierzulande aus. Schnell findet sich natürlich auch ein neuer Hashtag, der sich interessanterweise #metwo  nennt, & in dem Menschen im Promillebereich der Gesamtbevölkerung ihre Erfahrungen kund tun. Von den Medien begierig aufgeblasen wird uns schon wieder ein Stöckchen hingehalten, über das wir pflichtschuldigst zu springen haben. Das ist toll – es lenkt so wunderbar ab von den tatsächlichen Problemen im Land, & ist somit Teil einer allumfassenden politisch /medialen Verdummungs- & Ablenkungspolitik, die um jeden Preis verhindern soll, daß über die realen & tiefgreifenden inhaltlichen, strukturellen & personellen Mißstände gesprochen wird. Z.B. über die Kosten im nahezu fünfstelligen Milliardenbereich, die der Steuerzahler als direkte Folge der katastrophalen Fehlentscheidungen der Merkel – Regierungen in der Migrations-, Euro“rettungs“- & Energiewendepolitik zu zahlen hat. Der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Stelter hat hierzu gerade dezidierte & detaillierte Berechnungen aufgestellt. Nachzulesen in seinem eigenen Blog   https://think-beyondtheobvious.com   oder in der aktuellen Ausgabe 08 / 2018 des Cicero

Egal ob #metoo oder #metwo, ob Rassismus, Sexismus, Genderideologie oder schließlich die sog. Integration: Wenige Aktivisten in diesem Land, nach ziemlich großzügigen Schätzungen insgesamt höchstens 60 000 Menschen, also ca. 0,o8 % der Gesamtbevölkerung bestimmen die Themen des Landes & vor allem den Diskurs  in Form & Inhalt. Dazu gehören die 6 – 7000 Journalisten in den relevanten Medienredaktionen, die Vorstände der DAX – Konzerne, exponierte Parteipolitiker, Vertreter der universitären Gremien, sowie die sog. Zivilgesellschaft, also Sprecher der Kirchen, Gewerkschaften & NGO´s. Dazu kommen eine Handvoll Twitter – Aktivisten. Dieses Minoritätenkabinet, zahlenmäßig unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, hält das, was es tut, tatsächlich für lebendige Demokratie; dabei bedient es lediglich die Pfeife, nach der wir alle zu tanzen haben. 

Nach der Europavisite Trump´s ist klar: Dieser vulgäre kulturlose Bauunternehmer muß dahingehend ernstgenommen werden, daß er das, was er sagt, auch tut, wie absurd selbst den eigenen Zielen gegenüber dies auch sein mag. Ich hätte nie gedacht, im Leben jemals einem Satz von Heiko Maas zustimmen zu müssen. Doch seine Bemerkung, wonach die Antwort auf America first nur Europe united sein kann, ist uneingeschränkt richtig.

Der Journalist Wolfgang Bok im ARD Presseclub vom 22.7.2018: „Wir müssen Trump dankbar sein, daß er uns die rosarote Brille von der Nase gehauen hat. . . . . Wir müssen wieder gewahr werden, daß Politik kein evangelischer Kirchentag ist.

Die allgemeine Linke hat sich selbst abgeschafft. Selbst ihre Restzuckungen, sich als das einzig Menschliche in einer unmenschlichen Welt Anspruch & Geltung zu verschaffen, verfangen immer weniger. Die volkspädagogische Absicht ist zu durchschaubar. Die einstündige Debatte nach Wagenknecht´s Rede auf dem Parteitag der Linken offenbarte die sektiererische Realitäts- & Menschenferne großer Teile dieser Partei. Besonders eindrucksvoll, das widerwärtige Gepöbel von Elke Breitenbach. Frau B. ist Senatorin für Arbeit & Soziales im Berliner Senat. Der Zustand von Berlin, einer Art failed state inmitten dieses Landes, wird so ein wenig nachvollziehbarer.

Die Neue Rechte kann für sich in Anspruch nehmen, als einzige die richtigen Fragen gestellt zu haben. Sei es in der Flüchtlingskrise, der muslimischen Landnahme, der Genderideologie, dem geistesfernen Konsumismus & der hirnlosen Dekadenz im Lande. Sie kann nicht für sich in Anspruch nehmen, die richtigen Antworten zu geben. Im Gegenteil.

Wer Figuren wie den Psychiatriepatienten im Weißen Haus, & seine europäisch / asiatischen Spießgesellen bewundert, mag seinem eigenen, zutiefst autoritären Menschenbild genügen, zur Lösung der bestehenden Probleme sind diese Leute & das, was sie auch immer zu vertreten vorgeben, untauglich. Ihnen geht es ausschließlich darum, das Bestehende zu zerstören, ohne eine Alternative bereit zu halten. Das ist Nationalanarchismus in seiner finstersten Erscheinung.

Linken wie neurechten Weltumstürzlern ist eines gemein: Sie betrachten die Welt, die da kommen soll, aus der Warte des künftig Herrschenden.

Der Irrtum, daß ein als „rechts“ verortetes Bild vom Menschen als einer in weiten Teilen problematischen Existenz zutiefst „undemokratisch“ & „menschenfeindlich“ sei, wird ausgerechnet von denen in schrill – hysterischer Weise gepflegt, denen Erziehung & Bevormundung alles, der Mensch indessen nichts ist.

Als Patriot wird gemeinhin jemand bezeichnet, der für sein Land eintritt & das Beste erreichen will. Auch Anhänger der Neuen Rechten nennen sich gerne so. Wie nennt man dann aber Leute, die sich angesichts einer bedrohlichen Weltlage mit den USA im Westen & China im Osten meinen, in die Vereinzelung von Kleinstaaten & nationale Isolation flüchten zu wollen. Ihnen fehlt offensichtlich jedes Verständnis für Geschichte & jede ökonomische Grundkenntnis. Seltsamerweise werfen die gleichen Leute der Linken (völlig zu Recht) Utopismus vor. Das Gesicht der Neuen Rechten ist ein Januskopf. Ich selbst habe zu lange nur in eines davon geschaut.

Die Aufnahme von Bootsflüchtlingen & anderen, schleppergesteuerten illegalen Eindringlingen ist nicht zwingend eine humane Tat. Sie haben Tausende von Dollar für ihre Reise gezahlt. Sie sollten dorthin zurückgebracht werden, wo sie hergekommen sind. Human hingegen wäre es, stattdessen das Kontingent der UNHCR – betreuten Gestrandeten & Verzweifelten zu erhöhen, denen jede Flucht aus ihrem Elend unmöglich ist. Sie könnten auf gesicherten Wegen einreisen, ihre sozialverträgliche Anzahl wäre zudem regulierbar & integrierbar.

Der sog. Masterplan des Innenministers darf als ein erstes Anzeichen von einkehrender Einsicht in die Realitäten bezeichnet werden. Bekanntlich ist jedoch die Unvernunft aller Einsicht Feind. 

Ist es eigentlich nicht auch rassistisch, wenn diejenigen, die dieses Wort dauernd ins Feld führen, bestimmte Gruppen hier Lebender permanent zu Opfern erklären?

Abendhimmel in Monschau / Eifel

Erforderlich ist in der Tat ein Einwanderungsgesetz, das regelt, wer hier aus welchen Gründen, vor allem jedoch zum Nutzen dieses Landes herkommen kann. Für illegale Migranten gilt: Boote werden zurückgewiesen, die Landrouten gesperrt, das generelle Asylrecht ausgesetzt, denn es unterliegt nicht dem Bestandsschutz im Grundgesetz, & die rechtliche Trennung von Asyl, Genfer Konvention & Armutsflucht wieder hergestellt. Berüchtigte Militärdiktaturen wie Australien oder Dänemark zeigen, wie´s geht.

Der Fall des Bin – Laden – Leibwächters Sami A. macht deutlich: Auch wer den Rechtsstaat zu seiner eigenen Parodie verkommen läßt, kann das Ergebnis zwar immer noch Rechtsstaat nennen. Zustimmung darf allerdings nicht erwartet werden.

Linken wie Rechten ist der Mensch lediglich Mittel zum Zweck. 

Die so lautstark propagierte & entschieden eingeforderte Vielfalt entpuppt sich bereits bei oberflächlichem Hinschauen als Einfalt.

Wer Mütter beim Abholen ihrer Sprößlinge aus der Kita oder vor der Grundschule beobachtet, den beschleicht die Vorstellung, die Mütter hätten ihr Smartphone neun lange Monate ausgetragen & unter Schmerzen geboren, während ihre Kinder nach baldigem Ablauf des Vertrages beim nächsten Mobilfunkgeschäft abgegeben werden können.

Daß an den Hochschulen zielstrebig sowohl die Freiheit der Wissenschaft, wie auch die Pluralität des Denkens abgeschafft wird, ist mittlerweile eine vielfach publizierte & diskutierte Binsenweisheit. In einem Beitrag in der NZZ vom 6.7.2018 heißt es dazu: „Die Studierenden, die sich allem verweigern, was ihrer Weltsicht widerspricht, würden aufgehetzt von den «postmodernen Neomarxisten», die in den letzten Jahrzehnten die geisteswissenschaftlichen Fakultäten erobert hätten, behauptet Jordan Peterson (Psychologieprofessor aus Toronto, der sich dagegen wehrte, Transgender-Personen mit den von ihnen gewünschten Pronomen («ze», «xem») anzusprechen – Anm. d. Verf.). Denn sie sähen das westliche Denken nur als Machtmittel zur Unterdrückung aller nicht weissen und nicht männlichen Menschen – dieses repressive System gelte es von Sozialaktivisten zu dekonstruieren.“ Der Begriff dahinter nennt sich „social justice“, womit eine nicht – kodifizierte Form der „Recht“sprechung gemeint ist, die auf den Prinzipien von Feminismus & Bürgerrechten zu beruhen vorgibt, in Wirklichkeit jedoch der reinen Willkür vermuteter emotionaler Befindlichkeiten folgt. Das Hauptfeindbild: sog. alte weiße Männer, also genau die, die für die Stipendien für die social justice Krieger aufkommen.  

Die Ablehnung der EU in ihrer bestehenden Form ist kein Bekenntnis gegen Europa. Im Gegenteil, es ist der Wunsch nach einem demokratischen, bürgernahen & sozialen Europa. Der populistische Virus ist die Reaktion des Hilflosen auf die Weigerung der etablierten Politik, dem Wunsch nach demokratischer Gestaltung & Transparenz gerecht zu werden. Sie ist es, die die Gesellschaft spaltet, es ist das Versagen derer, die sich selbst als  seriöse & verantwortungsbewußte Demokraten bezeichnen & das, was sie tun, als „alternativlos“ bezeichnen. Es scheint, wir müssen uns zunehmend vor uns selbst schützen.

Die Pläne zur erneuten Erweiterung der EU in Richtung Montenegro & Albanien bestätigen die berechtigten Zweifel an der Lernfähigkeit der Verantwortlichen. Nach dem Zerfall der bisherigen EU wird sich ein westliches Kerneuropa konstituieren, welches aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben könnte. Bedauerlicherweise ist auch hier der Konjunktiv die einzig realistische Zukunftsaussicht.

Eine reformierte EU wird die kulturelle Identität ihrer Mitglieder zu bewahren & zu schützen haben, andernfalls wird sie scheitern. Dies ist der einzige Weg, eine europäische Identität anzustreben, die es ermöglicht, Deutscher & Europäer zu sein, oder ein deutscher Europäer oder ein europäischer Deutscher. 

Es wird geurteilt, der syrische Schläger, der auf zwei israelische Kippa – Träger in Berlin eindrosch, könne nicht wegen judenfeindlichen Verhaltens verurteilt werden, denn die Kippa – Träger seien zwar Israelis, jedoch keine Juden gewesen. Daß der Täter dies nicht wissen konnte, & davon ausging, es seien Juden, spielt keine Rolle. Der Antisemitismus trägt Robe am Amtsgericht Berlin – Tiergarten.

Die selbsternannten Eliten beweinen die Folgen ihres eigenen Unvermögens. Ein durchaus erbärmliches Schauspiel.

Die unmittelbaren Folgen des Anthropozän´s verwandeln den hehren vielstimmigen Chor der politisch & ökonomisch Verantwortlichen in die Kapelle auf der Titanic, die hilflos gegen den Untergang anspielt. Die Bevölkerung denkt derweil, sie schaut auf ihrem Breitwand TV einem Katastrophenfilm zu, ohne zu bemerken, daß sie  mit an Bord sitzt.

Mitte Juni, seit März kein Regen: Neulich mit dem Auto zur Kieler Woche. Hin & zurück gut 200 Kilometer.  Wieder zu Hause, sind Scheibe & Scheinwerfer vollkommen insektenfrei. 

Der Druck im Behälter steigt. Diverse Quellen schüren das Feuer, das Gefäß beginnt zu glühen. Je mehr dies geschieht, desto fleißiger wird nachgelegt, das Glühen ignoriert. Derweil sitzen wir alle um das Feuer herum & feiern uns selbst. Bald wird uns der Kessel um die Ohren fliegen. Was wollen wir dagegen tun. Wollen wir überhaupt etwas dagegen tun ? Der Mensch als einziges offenbar grundlegend suizidal angelegtes Wesen. 

Was auch passiert, es kommen härtere Zeiten. Die Unruhe breitet sich aus, die Angst auch. In der Spitalerstraße, einer autobefreiten Einkaufsstraße in der Hamburger Innenstadt, steht ein Mann mit einem übermannsgroßen Holzkreuz, auch bei Regen. Er predigt laut & mit fester Stimme. Er tut dies seit Jahren. Er glaubt was er sagt, er sagt was er glaubt. Die meisten Menschen gehen kiechernd oder gleichgültig vorbei. Andere bleiben stehen & verhöhnen ihn. Die Zahl derer, die stehenbleiben & schweigen, nimmt zu.

Die Angst geht um, es ist zu spüren, daß die Dinge nicht bleiben werden, wie sie sind. Lieb gewordene Gewißheiten werden bezweifelt, lösen sich in atemberaubender Geschwindigkeit auf. Selbstgewißheit & Ignoranz werden bestraft. Nichts bleibt, wie es war. Aber solange der Flieger nach Malle startet & WhatsApp & Konsorten den Blick an´s Display fesseln & die Menschen sich freiwillig in digital ferngesteuerte Zombies verwandeln lassen, ist alles gut. Die durchschnittliche Aufmerksamkeits- & Konzentrationsspanne beträgt ca. drei Minuten. Eine psychiatrische Pandemie, als gesellschaftliches Sedativum hochwillkommen. 

Trappisten – Abtei Mariawald, Heimbach / Eifel

Die Menschmaschine mit dem Markennamen DFB mühte sich durch ein Turnier, welches von der organisierten Kriminalität in Gestalt der schweizerischen FIFA – Mafia aus Gründen der Profitmaximierung regelmäßig abgehalten wird. Der Begriff „Spieler“ mag einem beim Anblick der lahmen Gestalten im deutschen Trikot nicht recht über die Lippen kommen. Humorlos, steif & spaßfrei, deutsch eben. Offizielle des DFB beleidigen nach dem Schweden – Spiel den Gegner. Der Manager Bierhoff kommt mit erfundenen Vorwürfen & Beleidigungen, wo ob des glücklichen Kroos – Tores & des Mexiko – Desasters einzig Demut angesagt gewesen wäre. Ein Sommermärchen ? Eher spießiges Volkstheater mit satirischen Anklängen. Hochverdient einzig das frühe Dahinscheiden.

Die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, besser bekannt als Bachmann – Preis, werden jedes Jahr mit einer Rede an die Literatur eröffnet. Dieses Jahr wurde sie vom Schriftsteller Feridun Zaimoglu gehalten, der seine Rede dazu nutzte, zu behaupten, daß es „keine rechten Intellektuellen geben könne“. Zwar seien „die Proleten in allen Gesellschaftsschichten zu Hause“, doch „rechte Schriftsteller & rechte Intellektuelle können per se nicht redlich sein!“ Rechte sind gemäß Zaimoglu´s Rede empathielose Hetzer. So einfach ist das eben heute. Zaimoglu führt eindrücklich vor, wie der Kampf gegen alles, was der Zeitgeist „rechts“ verortet, also gegen alles, was nicht links ist, heute geführt werden muß. Es geht nicht um den Austausch von Meinungen & Standpunkten, denn alles, was nicht dem linken Mainstream entspricht, darf weder Meinung noch Standpunkt sein. Es geht auch nicht um Disput oder Diskussion, denn der als rechts Verortete ist nicht satisfaktionsfähig. Er ist kein Mensch, per se also ein Unmensch, wohingegen der sich links Verortende ein empathievoller Mitmensch ist, der die einzig mögliche Geisteshaltung vertritt. Dabei handelt es sich allerdings nicht mehr um eine Meinung,  einen Standpunkt, sondern um ein über Allem stehendes moralisches Gebot. Es ist diese hypermoralische Hybris, diese ekelhafte Verbindung von Arroganz, Selbstgewißheit, Anmaßung & Ahnungslosigkeit, die, selbst zutiefst unpolitisch, alles, was sie zu vertreten vorgibt, sogleich wieder ad absurdum führt. Es ist, wäre das so offenkundige Ziel nicht die Vernichtung des Anderen, zuallererst einfach nur lächerlich & ein geistig – intellektueller Infantilismus. Die Verklärung dessen, womit man selbst nichts zu tun hat, zum allein Seligmachenden, ist verkitschte Religion. Es ist der Einstieg in ein faschistoides Gutmenschentum, welches nichts kostetet, & sich deshalb wohlfeil erlaubt, Andersdenkenden jedwede Daseinsberechtigung abzusprechen, sich selbst hingegen als unfehlbar herauszustellen. Von diesem Virus ist die Clownsparade der sog. Kulturschaffenden in frappierender Weise befallen. Der Applaus der vielen anderen wohlmeinenden Claqeure gleicher Provenience ist ihnen gewiß. Von Campino bis zu Frank Castorff gehört man zur Gilde der Erleuchteten im Reich der absoluten Finsternis.

Wer nun  glaubt, dies sei neurechte Propaganda, dem sei geraten, sich einerseits mit dem Begriff der Demokratie, andererseits mit dem der Diktatur etwas eingehender zu befassen. Natürlich nur dann, wenn es das geistige Vermögen noch zuläßt. Empfehlenswerte Literatur wären das Grundgesetz & die Schriften der Aufklärung von Voltaire bis Lichtenberg.

Große Zeitungen werden von außergewöhnlichen journalistischen Persönlichkeiten geprägt, die das Gesicht der Publikationen entscheidend mit prägen, so wie dies für die FAZ der 2014 viel zu früh verstorbene Frank Schirrmacher tat. Für die Neue Zürcher Zeitung ist dies der herausragende Feuilletonist Roman Bucheli & für die Süddeutsche Zeitung ohne Frage Heribert Prantl. An ihm scheiden sich die Geister. Für die Rechten ein Haßobjekt, sehen Linke & Grüne in ihm eine Art pastoralen Propheten des Guten in der Welt. Prantl erinnert stets daran, wie der Mensch sein könnte, wenn er nicht so wäre, wie er nun einmal ist: affektbehaftet & schreckhaft, unvollkommen & triebhaft, im tiefsten Grunde archaisch & somit eben nur eingeschränkt verstandesbegabt. Daß Prantl zutiefst überzeugt ist von dem was er sagt & schreibt & seine Leser mit hohlem Pathos verschont, macht es sehr lohnenswert, sich an ihm abzuarbeiten. Im zeitgeistorientierten Meinungsjournalismus ist er ein Fels in der lauten opportunistischen Brandung & deshalb umso lesenswerter. Ich schätze ihn sehr, auch wenn ich ihm nicht allzu oft zustimmen kann.

Im Jahre 1994 nahmen wir in einem kleinen Studio in Hamburg einige Songs auf. Der Tontechniker war Metal – Fan, eine ziemlich brutale Platte namens Far Beyond Driven von der texanischen Band Pantera war gerade erschienen & auf Platz eins der Billboard Charts gelandet, erstmals in der Geschichte des Metal. In diesem Studio wurde ich vom Virus befallen. Pantera spielten ungeheuer kompakt, sehr tight, wie wir das so nennen & genau auf den Punkt. Das lag nicht zuletzt am unglaublich präzisen Spiel von Drummer Vinnie Paul & den beinharten Riffs seines Bruders Dimebag Darrel an der Gitarre. Gleichzeitig hatte das harte Geknüppel der Band einen fast swingenden Groove, die Herkunft aus dem Southern Rock war deutlich wahrnehmbar. Die Energie dieser Band bleibt nahezu unerreicht. Folgendes Video verdeutlicht dies sehr eindrücklich: https://www.youtube.com/watch?v=aDACorIaxNw   
Dimebag Darrell wurde nach der Auflösung von Pantera am 8. Dezember 2004 auf offener Bühne von einem wütenden „Fan“ erschossen. Am 22. Juni diesen Jahres nun verstarb auch sein Bruder Vinnie Paul. Obwohl ich ihn nicht kannte, oder irgendwie vielleicht ja doch; ich werde ihn vermissen. 

März 27

Kulissenschieber

. . . Fragen zu einigen Antworten . . .

 

„Wenn Träume wahr werden, ist Vorsicht geboten. Denn der so entstandenen Wirklichkeit haftet das Visionäre, Kaum – Mögliche, Eigentlich – Undenkbare, ja Frivole immer noch an. Es steht quer in der Landschaft der Normalität. Aber vor allem: Träume sind zunächst eine individuelle Angelegenheit.“

Konrad Hummler

„Menschen, die zu allem ein gesundes Urteil haben, ahnen gar nicht, wie ein Urteil beschaffen sein muß, um Bestand zu haben: daß es nämlich zuerst unter Zähneklappern, zitternd und fiebernd durch den Eiswald der Sachverhalte irren muß, um zu sich zu finden.“

Botho Strauß

Erstes Bild:

„Diese Seiten sind auch & vor allem ein Ort quälender Selbstbefragung, Beschreibungen einer Reise durch die Abgründe des eigenen Ich´s, Wegmarken der Verunsicherung, Bekundungen des Schmerzes. Sie sind Stationen des Zweifels & der Verachtung des Festgefügten, angeblich Unumstößlichen, sie stellen Fragen, auch dort, wo sie als Antworten daherkommen. Gerade dort.“
So steht es in der Einleitung zu diesem Blog, so ist es gedacht & so geschieht es. Daran nichts zu ändern, ja nichts ändern zu können, vor allem dann nicht, wenn ich mir selbst gegenüber ehrlich bleiben will, ist Auftrag & zuweilen auch Bürde, wenn ich mich selbst bewahren möchte. Der Weg des Menschen ist kein gradliniger, selten ein strahlend heller & kaum ein rundum leichter. Das mag eine Binsenweisheit sein, leider gerät sie zumeist in Vergessenheit. Die moderne Welt ist nicht so, daß sie Zweifel zuläßt, an Weggabelungen den schmalen dunklen Weg dem breiten lichten vorzieht & den Nutzen von Sackgassen erkennt.
Wegmarken des Gegenwärtigen: 25 Jahre Anschwellender Bocksgesang, die Krise der Sozialdemokratie, ein Gespräch in Dresden & seine Folgen. Somit Zeit für eine vorausschauende Erinnerung. Zu Persönliches – da dreht so mancher den Spiegel um, damit nicht sichtbar wird, was doch offensichtlich ist.

Auf diesen Seiten stehen zornige Zeilen, besonders in den Gedankensplittern. Nun ist es so, daß Splitter in der Regel scharf & spitz sind, manch einer wird sich daran schneiden. Sei´s drum. Die Frage lautet, ob die Vorsicht, mit der man Splittern gemeinhin begegnet, immer gewahrt wurde. Ob ich der Neuen Rechten angehöre, wurde gefragt, ob es nichts Positives, gar Konstruktives gäbe, über das zu schreiben sich lohnen könnte. Es klang der Vorwurf des Nihilismus an, genau wie die Unterstellung, ich bewege mich in einem Takt, der in Schnellroda geschlagen wird. Das alles kann ich durchaus bedingt nachvollziehen, verweise allerdings auf den zweiten Absatz dieses Textes & werde nicht en detail Stellung beziehen. Nur soviel: man liest, was man eben lesen will & haften bleibt gerne, was, erst als ungeheuerlich angesehen, dann doch lieber unhinterfragt bleiben soll.
Die Neue Rechte ist eine kleine Gruppe von Personen rund um den Antaios Verlag & das Institut für Staatspolitik in Schnellroda / Sachsen Anhalt. Zählt man die rund 350 Aktivisten der Identitären Bewegung dazu, bleibt die Zahl der Akteure dennoch sehr überschaubar. Die scheinbar weit größere Bedeutung dieser Bewegung ist im Prinzip der linksliberalen Öffentlichkeit geschuldet, die nichts unversucht gelassen hat, den Beelzebub ins Feuer zurückzujagen & dadurch eine neurechte Breitenwirkung erzielt hat, die ohne diesen Kampagnenjournalismus nicht stattgefunden hätte. Genau wie ich haben Menschen, die nach Orientierung in offensichtlich orientierungslosen Zeiten suchten, festgestellt, daß hier über Themen gesprochen wird, die ansonsten unausgesprochen zu bleiben haben. Dies betrifft zwar besonders die Migrationsfrage, aber auch Themen wie Identität, die Genderideologie & den Verfall eines stabilen Wertesystems.
In der Tat war & ist die Neue Rechte die einzige politische Fraktion in diesem Land, die neben vielen des Rechtsseins Unverdächtigen, Intellektuellen wie Publizisten, frühzeitig & massiv auf die Probleme hingewiesen & die Folgen dieser Politik detailliert beschrieben & prognostiziert hat. Das macht es den Herrschenden so leicht, Kritik an den Verhältnissen als rechts im Sinne von rassistisch & völkisch zu diffamieren.
Jedoch: was Recht ist, sollte auch wohlfeil bleiben. Die Neuen Rechten sind weder Stiefelnazis noch Wegbereiter eines neuen Nationalsozialismus, & ich werde hier nicht leugnen, daß Götz Kubitschek zuweilen genauso inspirierend sein kann wie Martin Lichtmesz. Kubitschek faßte das, was er als Grundlage des neurechten Weltbildes ansah, in der Sezession Nr. 3 vom Oktober 2003 wie folgt zusammen:
Rechts zu sein, auf drei kurze Formeln gebracht: den Menschen von der Anthropologie her als problematisch zu verstehen, Erziehung zur Mündigkeit als über weite Strecken stets wieder scheiternden Versuch zu begreifen, die Welt in ihrer Komplexität für nicht konstruierbar zu halten. Daraus leitet sich alles andere ab: Die freie Entfaltung des Menschen zum Guten ist ein Hirngespinst, der edle Wille ein Mythos; Ordnung, ethische Verbindlichkeit, institutionelle Sicherheit sind das Ergebnis eines aufwendigen Prozesses kultureller Erziehung; Mündigkeit, das heißt: verantwortungsbewußte Selbständigkeit erreicht längst nicht jeder Mensch; Elitenbildung ist statthaft, Hierarchie eine Tatsache, Gleichheit und Freiheit sind je konkret zu bestimmen, und für jede Entwicklung sind Rahmen eine Notwendigkeit: Staat, Familie, Schule. Konstruktionen haben wenig Raum, Utopien keinen, daher kommt der Hang der Rechten zur Nüchternheit, zum Realismus, zum Erreichbaren. Den „neuen Menschen“ gibt es nicht, der Mensch ist nie neu, seine Substanz ist stets dieselbe, Lehm, Rippe und Fleisch, es kommt nichts hinzu, alles bleibt geschichtlich bedingte Ausformung; jede Gegenwart ist ein Ergebnis und zugleich eine Bedingung für den nächsten Wurf oder Schritt; die Zusammenballung der geschichtlichen Erinnerung: das ist der Mythos, das große Bild, wie überhaupt Bild und Gestalt rechter Auffassung entsprechen und der Labormethode und dem Reißbrett gegenüberstehen.
Dem kann ich 100 % – ig zustimmen. Dies ist für mich allerdings nicht vordergründig rechts, sondern eine realistische Beschreibung des Menschen, wie er alltäglich zu erleben ist, sofern man nicht den Wunsch zum Vater des Gedankens werden läßt. Keineswegs zustimmen kann ich allerdings der Ausgestaltung des hier Beschriebenen durch die, die es vertreten. Rechts sein heißt dann u.a., mit sinistren Figuren wie Trump, Putin oder Erdogan kein Problem zu haben, im Gegenteil, den Brexit als Akt einer nationalen Befreiung zu feiern & die Klimakatastrophe als Lüge abzutun. Es ist & bleibt mir zuweilen Rätsel, wie das theoretisch zusammengefaßt Beschriebene mit dem politisch Behaupteten zusammengehen soll. Trump ist seiner Gestik & Körpersprache, seiner Wortwahl & seinen Formulierungen nach ein psychiatrisch auffälliger, als pathologisch zu klassifizierender Mensch, eindeutig Patient statt Präsident, & somit hochgefährlich. Das gilt in gleicher Weise auch für seinen Kollegen am Bosporus. Das unterscheidet die beiden von Putin, der als scharf & analytisch denkender, langfristig planender Stratege ausschließlich von Machtinteressen geleitet wird, ein eiskalter Machiavellist.
Der Klimawandel ist eine Tatsache & wird von 95 % der Fachwissenschaftler als bewiesen angesehen. Anderslautende Meldungen stammen aus durch die Öl- & Energieindustrie in Auftrag gegebenen Gutachten. Die Bewältigung dieser in Teilen schon jetzt nicht revidierbaren Entwicklung sollte ganz selbstverständlich oberste Priorität im Weltgeschehen haben, doch dem ist bekanntlich nicht so. Der Brexit hingegen stellt sich keinesfalls als eine Befreiung von der EU dar, sondern als das Produkt einer Gemengelage aus Lügen & postkolonialem Chauvinismus. Das heißt keinesfalls, das die EU eine tolle Sache ist. Sie muß in vielerlei Hinsicht an Haupt & Gliedern dringlich reformiert werden. Doch angesichts der Weltlage auf sie verzichten zu wollen, ist für den europäischen Kontinent schlicht suizidal, & zwar in ökonomischer, wie in sozialer Hinsicht.

Allerdings, dennoch bleibt festzustellen: die Migrationsfrage, speziell die Zuwanderung von unausgebildeten muslimischen Armutsflüchtlingen ist ein von den Verantwortlichen & ihren medialen Meinungsträgern weiterhin abgewiegeltes & totgeschwiegenes Problem, welches das Zusammenleben in diesem Land tiefgreifend verändern, & binnen weniger Jahre zu nicht gedeckten Kosten in unbekannter Milliardenhöhe & zu massiven sozialen Unruhen führen wird. Daraus folgt, daß der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, in einen Alimentationshaushalt für Zugewanderte überführt werden muß, da Sozialstaat & Masseneinwanderung von Armutsflüchtlingen einander ausschließen, & zwar mit allen gesellschaftlichen & politischen Folgen. Die bereits jetzt bestehende & unaufgehaltene Ausbreitung & Einflußnahme des konservativen, in seinen Grundannahmen nicht mit dem Grundgesetz zu vereinbarenden Islam, wird die sozialen & gesellschaftlichen Konflikte massiv befeuern. Der Glaube an einen sog. europäischen liberalen Islam ist außerhalb einiger weniger, im akademischen Bereich angesiedelter Zirkel höchstens noch in den Redaktionsstuben & Parteizentralen als idealisierte Wunschprojektion vorhanden. Dieses Thema bereitwillig einer unausgegorenen, in Teilen obskuren Partei wie der AfD zu überlassen, ist sträflicher & gefährlicher politischer Leichtsinn. Die entsprechenden Wählerwanderungen nicht wahrnehmen zu wollen, Wirklichkeitsverweigerung.
Festzustellen bleibt: für die Lösung der zahllosen Probleme im Lande ist die Neue Rechte genauso untauglich wie die von ihr verachteten sog. Alt- & Systemparteien oder die von ihr befeuerte AfD. Doch lohnt sich zuweilen das Stolpern, denn für einen Moment kommt der Kopf der Erde näher & wird den Wolken entzogen.
Dies alles wurde auf diesen Seiten im Beitrag lechts & rinks , sowie in anderen Beiträgen bereits angedeutet. Jedoch: In einer Welt, in der plötzlich alle das Selbe denken, oder genau dies von Allen verlangt wird, kann es nur eine Haltung geben, nämlich sich ersteinmal dahin zu wenden, wo anders gedacht wird, wo das Eigene auf Bestätigung hofft, um sich dann irgendwann ggf. auch dort enttäuscht zu finden. So werden die Kulissen in einem Stück absurden & sehr deutschen Theaters hin & her geschoben, sodaß man sich unversehens gänzlich anders auf der Bühne platziert sieht, ohne sich je bewegt zu haben. Rechts als Kampfbegriff gegen das selbständige Denken, das Dagegensein aus tiefstem Verstandesgrunde heraus, ist der inquisitorische Impetus dieses geistigen Konformismusdiktates. Da ich jedoch weder Ideologe noch Irgendwem folgsames Lämmchen bin, erlaube ich mir eben dies: selbst zu denken, auch wenn das Ergebnis den Einen oder Anderen zuweilen verstören mag. Falls jemand diese Zeilen nun als ersehnte Distanzierung deuten möchte, so mag derselben hiermit genüge getan sein, doch sollte sich das Publikum nicht vorschnell zufrieden zurücklehnen. Die Sicht der etablierten Politik & der sog. Qualitätsmedien auf das Phänomen der Neuen Rechten offenbart die grundsätzliche Verweigerung, im eigenen Handeln & vor allem im eigenen Nichthandeln eine kausale Kontinuität zu Bewegungen von Rechts zu sehen & in nahezu autistischer Abkehr von der im Lande erlebten Realität sich im abgeschiedenen Tümpel rechenschaftsbefreiter Selbstgerechtigkeit zu suhlen. Selbst dann noch, wenn die Auflagen einbrechen & die Wähler davonlaufen. So wird Demokratie zu einer selbstreferenziellen Pose & Meinungsfreiheit zu einer karnevalistischen Posse. Bätschie!

Rothenburg ob der Tauber, St. Jakobs Kirche, Hotel Reichsküchenmeister

 

Zweites Bild:                                                                                             

Mein Vater war lebenslang ein überzeugter Sozialdemokrat, wenngleich nie Genosse. Unbeirrbar hielt er der SPD die Treue & verteidigte sie gegen jeden Anwurf. Schon aus Protest gegen diese Art der Ausschließlichkeit wurde ich Anarchist, denn dies war der todsichere Weg, mich an meinem Vater zu reiben, der wenig mehr verabscheute, als sich von links angegriffen zu sehen. Als Dauerleser & Cognactrinker hatte er dennoch genug Zweifel, wußte zu genau historisch zu denken, um unbedarft in Fallen zu tappen. Als wenn es dafür nicht genug Gelegenheiten gegeben hätte, zum Beispiel die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger, die mein Vater Brandt recht übel nahm. Doch 1972 war alles anders. Es war ein überaus ereignisreiches Jahr. Am 27. April scheiterte das Mißtrauensvotum der CDU / CSU unter Rainer Barzel im Bundestag an zwei Stimmen, die sich im Nachhinein als von der DDR gekauft herausstellen sollten. Die Regierung Brandt / Genscher bekam anschließend keine Mehrheit für ihren Haushalt, was zur Ankündigung von Neuwahlen führte. Während der Olympischen Spiele in München überfiel ein palästinensisches Terrorkommando die israelische Unterkunft & nahm Geiseln, die aufgrund eines dilettantischen Befreiungsversuches ums Leben kamen. Drei Terroristen wurden festgenommen, wenig später jedoch nach der Entführung einer Lufthansa Maschine wieder freigelassen. Bei den Wahlen am 19.11.1972 gewann die SPD 45,8 % der Zweitstimmen & erreichte damit ihr historisch bestes Ergebnis. Die Wahlbeteiligung nach einem von beiden Seiten hoch emotional geführten Wahlkampf lag bei sagenhaften 91,1 %. Was war geschehen? Neben der polarisierenden Ostpolitik der Brandt / Genscher Regierung, die durch die Anerkennung der Oder – Neiße – Linie als polnischer Westgrenze zu starken konservativen Affekten führte & auf Seiten der CDU / CSU das Adenauer´sche Diktum von der SPD als vaterlandslosen Gesellen fortführte, war es vor allem die Forderung Brandt´s & der SPD nach einem demokratischen Ausbau der inneren Verfaßtheit der Bundesrepublik, die unter der Schlagzeile „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ die konservativen Kreise zutiefst verunsicherte. Insofern war das Ergebnis der Wahl ein Plebiszit über die künftige Ausrichtung der deutschen Gesellschaft. Zu dieser Polarisierung hatte nicht unerheblich auch der Kniefall Brandt´s am 7. Dezember 1970 in Warschau beigetragen, der von einflußreichen Kreisen hier im Lande als eine Art Landesverrat, als eine zweite Kapitulation vor dem Bolschewismus aufgefaßt wurde. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt im Jahre 1971, den er für seine Entspannungs- & Ostpolitik erhalten hatte, war eine weitere, nicht heilende Wunde im Fleisch der unionsnahen Kreise im Lande.
Dieser kurze historische Abriß verdeutlicht, welches grundlegende Ausmaß gesellschaftlich – politischer Diskussionen die BRD vor nicht allzu langer Zeit noch prägte, & welche Spannweite an politischem Wollen möglich war. Es zeigt, wie weit diese Prozesse die politische Teilhabe & Willensbildung zu forcieren im Stande waren & welch hoher Grad politischer Mobilisierung dadurch ermöglicht wurde. Das Wort von der Alternativlosigkeit politischer Entscheidungen war hingegen unbekannt.

Am 24. September 2017 bekam die SPD 20,5 % der Stimmen, 5 Monate später sehen sie Umfragen bei 17 %, Tendenz fallend. Was ist geschehen. Kurz zusammengefaßt Folgendes:

– Die klassischen Milieus der Industriearbeiterschaft & der lohnabhängig Beschäftigten, der Stammwähler der SPD, befinden sich durch die Folgen der Globalisierung & den Strukturwandel hin zu einer Informations- & Dienstleistungsgesellschaft in Auflösung. Sichtbares Zeichen ist stellvertretend für andere der Verfall des von der SPD nahezu dauerregierten Nordrhein – Westfalen vom Industrieherz Europas zu einer hochverschuldeten, in Teilen maroden Brache, mit bankrotten Städten & Gemeinden, erheblicher Arbeitslosigkeit & z.T. massiven sozialen Verwerfungen.

– Die Politik der Schröder / Fischer Regierung führte nicht nur zur Agenda 2010 mit ihren Massenenteignungen & -entwürdigungen, sondern durch ihre Steuerpolitik auch zu einer gigantischen Umverteilung des Volksvermögens von unten nach oben, das die in der Ära Kohl begonnene Politik im Ergebnis weit übertraf. Die unter Kohl gültigen Steuertarife hingegen werden heute von der Linkspartei als Schritt hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit propagiert. Die Partei Die Linke ist der Bastard der Sozialdemokratie, Fleisch vom Fleische der SPD, & ohne das Wirken der Schröder / Fischer Regierung nicht denkbar. Gleiches gilt auch für die AfD, die ohne Merkel & deren Politik des Inhaltslosen & Zeitgeistigen, sowie ihres Rückens nach links ebenfalls schwer vorstellbar wäre.

– Der sog. Marsch durch die Institutionen, den die 1968 Sozialisierten nach dem Scheitern ihrer revolutionären Befreiungsutopien anzutreten gelobten, war überaus erfolgreich & führte nicht nur in die Hochschulen, Verwaltungen & Gerichte, sondern vor allem in die SPD, sowie zu den Grünen. Zahllose Beispiele belegen die linksradikale Sozialisation später führender Regierungsmitglieder & Staatsfunktionäre. Josef Fischer, Winfried Kretschmann, Ulla Schmidt u.v.a. sind beredte Beispiele hierfür. In der SPD haben diese Leute & ihre Zöglinge in erheblicher Weise die Funktionärsebene besetzt & ehemals proletarisch & gewerkschaftlich Sozialisierte durch ein akademisch grundiertes Milieu ersetzt, das der ehemaligen Kernklientel der SPD höchstens noch Verachtung entgegenbringt. Als Beispiel seien Dauerstudenten wie Niels Annen, sowie Juso – Chef Kevin Kühnert genannt. Der Hamburger Annen, bekannt auch als Dauerstudent ohne Abschluß – der ihm später allerdings doch noch irgendwie gelang – hat sein Leben in SPD Gremien, u.a. als Juso – Chef, in parteinahen Stiftungen & als BT – Abgeordneter verbracht. Der 26 – jährige Kühnert ist Fernstudent der Politikwissenschaften & der Soziologie, sitzt als Abgeordneter in der Bezirksversammlung Berlin – Tempelhof, ist Mitarbeiter einer Berliner Abgeordneten & mittlerweile Bundesvorsitzender der Jusos, sowie Dauerreisender i.S. NoGroKo. Derartige Biographien erschweren selbstverständlich den Blick auf die Lebenswirklichkeit der Menschen im Lande in beträchtlicher Weise. Es entstehen ideologische Blasen, die mit den Themen der Wähler rein gar nichts mehr zu tun haben. Daß ein derartiger Politikbetrieb & die daraus resultierenden Vorschläge auf massiven Widerstand treffen, ist recht nachvollziehbar. Im Falle der SPD heißt dies allerdings, daß die Themen, mit denen die Menschen vergrault wurden, in ihrer nochmaligen zugespitzten Neuauflage (siehe Familiennachzug & Europapolitik) dafür sorgen sollen, sie wieder einzufangen. Das Publikum führt ob derartiger intellektueller Zumutungen den Zeigefinder zur Stirn & wendet sich – mittlerweile laut lachend – umso zahlreicher ab. Das Seminaristenschicksal besteht dann darin, dies nicht nachvollziehen zu können & den Rechtsruck im Lande zu bejammern.

– Das Ersetzen der klassischen sozialdemokratischen Politik des Ausgleichs zwischen Kapital & Arbeit, der Unterstützung gewerkschaftlicher Forderungen sowie einer vorsichtigen Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens ist unter dem Einfluß des im vorigen Abschnitt Beschriebenen zunehmend einer sog. Identitätspolitik gewichen. Das bedeutet, daß die Aufmerksamkeit & das politische Wollen & Handeln der Sozialdemokratie sich weg von den Interessen der Arbeitnehmer, hin zu dem von Minderheiten verlagert hat. Deren Interessen wiederum stehen oft in eklatantem Gegensatz zu denen der ehemaligen Stammwählerschaft. Genannt seien hier die Standpunkte der SPD zur Migrationsfrage, dem Familiennachzug, der Europapolitik, sowie zu Geschlechterfragen & der sog. Ehe für Alle. Letztlich ist dieser Riß, der sich zwischen Stammwählern & Partei auftut, der gleiche, der – natürlich neben anderen Faktoren – zur Wahl des unsäglichen Mr. Trump zum US – Präsidenten geführt hat. Die Demokratische Partei, die ihre Stammwähler in den Industriebrachen des nördlichen Mittelwestens ihrem Schicksal überließ, sie als Overflycountry diffamierte & sich statt dessen lieber Fragen der korrekten Toilettenbenutzung sowie der illegalen Einwanderer zuwandte, wurde für diese Verachtung bitter bestraft. Es ist vor diesem Hintergrund natürlich kein Zufall, daß die SPD 2017 eine halbe Million Wähler an die AfD verloren hat, die Linke 430 000, die CDU sogar – wenn auch aus anderen Gründen – deutlich über eine Million, & daß knapp 1,3 Millionen Nichtwähler erstmals für diese Partei gestimmt haben. Analyse, nicht doch. Nachdenken, bloß nicht. Einfach nur Augen zu & durch. Die grundgesetzliche Forderung, Parteien tragen zur Willensbildung des Volkes bei, entpuppt sich als Mißverständnis.

Während in der SPD erfreulicherweise noch auf offener Bühne gerungen & gestritten wird, ganz so, als gäbe es im Land überhaupt keine Politikverdrossenheit, wird die Friedhofsruhe in der CDU, mit der Kanzlerin als oberstem Friedhofswächter, langsam brüchig. Allerdings hält sie bislang noch dem Akklamationsdruck der puren Machterhaltung stand. Die Union, eigentlich ein Kanzlerwahlverein mit regionalem Appendix, hat unter der CDU – Vorsitzenden Merkel jedwedes inhaltliche Profil aufgegeben. Es ist zu befürchten, daß gerade dieser Umstand dazu führt, daß die CDU immer noch unverändert die stärkste politische Kraft im Lande bleibt. Über den apolitischen Grundton des Volkes wurde auf diesen Seiten bereits Einiges gesagt.
Mein Vater, für den die FDP stets suspekt & jederzeit verratsverdächtig, sowie eine schräge Klientelpartei war, der die Union für eine Klassenvertretung der Großindustrie hielt, & mit beidem Recht hatte, was hätte er wohl zur jetzigen Situation gesagt. Er wäre ob des Verhaltens seiner Partei nach der Wahl wütend, hilflos & enttäuscht gewesen, nachdem er sich schon bei der Einsegnung des Vorsitzenden Schulz ob dessen Formatlosigkeit entsetzt die Augen gerieben hätte. Der erneuten Großen Koalition zähneknirschend zuzustimmen, hätte er unter den gegebenen Umständen als Wahrnehmung seiner politischen Verantwortung verstanden: zu viel war auf SPD – Seite dann doch herausverhandelt, & der Zeitpunkt zum Ausstieg aus dem Einstieg verpaßt worden. Daß es der Partei gelungen war, den Merkelschen Machterhalt in eindeutig erpresserischer Weise für sich zu nutzen, hätte ihm gut gefallen. Mein Vater war zwar ein überzeugter Parteigänger, er war jedoch kein Träumer, Phantast oder Utopist. Er sah die SPD schlicht als eine historische & gesellschaftspolitische Notwendigkeit an. Damit hatte er ebenfalls zweifellos Recht. Doch welche SPD könnte gemeint sein.

Drittes Bild:

In den letzten Gedankensplittern schrieb ich, ob die SPD nicht vielleicht eine heimliche Liebe sei, & tat diesen Gedanken als in eine andere Zeit & in ein anderes Land gehörende wehmütige Erinnerung ab. Dies ausgedrückt zu haben, stellt sicher, daß das Vergangene eben nicht vorbei ist, daß der Zweifel, die Selbstprüfung &, ja, auch die Orientierungslosigkeit virulent & bis heute wirksam sind. Wie gerne würde ich so manche Diskussion mit meinem Vater heute erneut führen, so ganz anders, als es damals gewesen ist, wo wir uns über den langen Flur hinweg anschrien, uns gegenseitig des politischen Idiotentums bezichtigten & uns wechselseitig als senil bzw. kleinkindhaft & unreif beschimpften. Manchmal fast bis an die Grenze zur Handgreiflichkeit, bis meine Mutter flehentlich dazwischen ging, daß wir doch bitte aufhörten, die Nachbarn würden sonst noch mitkriegen, was hier los sei. Erich Mühsam´s Gedicht Der Lampenputzer, vom Autor ausdrücklich der Deutschen Sozialdemokratie gewidmet, war mir Parole im Umgang mit der SPD, auch wenn ich mich erinnere, wie ich vor dem Bildschirm saß & mitfieberte, als beim Mißtrauensvotum gegen Brandt die Stimmen ausgezählt wurden & der frenetische Jubel im Plenarsaal bei Bekanntgabe des Ergebnisses auf die fassungslose Demütigung im Gesicht Rainer Barzel´s traf, der sich in diesen Stunden bereits seiner künftigen Kanzlerschaft gewiß gewesen sein mußte. Ähnlicher Jubel brandete am Wahlabend des gleichen Jahres in der Ernst – Merck – Halle auf, als Alice Cooper das Ergebnis bekannt gab, indem er an die Bühnenkante trat, ein Plakat von Barzel hochhob, um es anschließend zu zerreißen & um danach der tobenden Masse ein SPD Plakat mit dem Konterfei Willy Brandt´s entgegenzuhalten. Anschließend spielte die Band ihren aktuellen Hit Elected. Was für ein Abend.
Hätten sich diese Szenen heutzutage wiederholt, hätte ich mit Martin Schulz gezittert, ihm einen Erdrutschsieg bei der BT – Wahl gewünscht, oder wären heute, in dieser SPD des Jahres 2018 Persönlichkeiten wie Brandt, Schmidt, Wehner oder andere überhaupt noch in Führungspositionen vertreten, würden sie diese Partei noch prägen & dominieren? Wessen Plakat würde Alice Cooper heutzutage hochhalten – das von Barack Obama vielleicht. Ich bin im Politischen, wie auch sonst, nicht frei von romantischem Träumen, von sehnsuchtsvoller Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse. Dies ist so, obwohl mein analytisches Vermögen eine andere Sprache spricht & wer Visionen hat, der sollte, wie Schmidt sagte, zum Arzt gehen. Sicher ist, das auch der große Humanist & Altruist Willy Brandt, erst recht der kühle Analytiker Schmidt, wie auch der Stratege Wehner eine Politik, wie sie die SPD heute zu betreiben sucht, nicht nur strikt abgelehnt, sondern entschieden bekämpft hätten. Brandt, weil er neben dem Gesagten eben auch ein klar denkender Realist war, Schmidt, weil ihm sein Verstand die Gefolgschaft aufgekündigt hätte, Wehner, weil ihm klar gewesen wäre, daß diese Politik zum Untergang der Partei führen muß, weil man mit Seminaristen allein keine linke Volkspartei betreiben kann. Von ihm stammt auch ein erschreckend prophetisches Wort aus dem Jahre 1982(!): „Wenn wir uns weiterhin einer Steuerung des Asylproblems versagen, dann werden wir eines Tages von den Wählern, auch unseren eigenen, weggefegt.“  Zudem geht selbst mein romantisches Wünschdirwas nicht soweit, eine Kontinuität von Brandt & Grass hin zu Schulz & Zeh erkennen zu können. Interessanterweise ist genau dieser Punkt so symptomatisch für die gegenwärtige SPD, & gleichzeitig für dieses Land, & beides ist ein Problem.
Denn ist diese Zeit, in der wir leben, das Deutschland 2018, nicht ein grundlegend anderes, als die BRD der Vorwendezeit, & ist dies alles nicht, um bei Grass zu bleiben, Ein weites Feld ? Die SPD im Jahre 2018 ist eine z.T. von Panik erfüllte & getriebene Partei, die ihren Stand & ihren Weg verloren & die ungeheuerliche Fehler gemacht hat. Die Darstellung der SPD in den Medien war zudem selten eine rundherum gute & man zeigte sich allzeit bereit, Häme über dem sozialdemokratischen Haupt auszugießen, das hat in diesem Lande Tradition. Auch noch lange nach Springer. Arbeiter, die SPD will Euch Eure Häuser im Tessin wegnehmen! Diese Plakataufschrift von Klaus Staeck brachte die Propaganda gegen die SPD als Persiflage auf den Punkt. Daß Martin Schulz & mit ihm offensichtlich der gesamte Parteivorstand alles tun würde, dies noch realsatirisch zu übertreffen, war nicht Teil des Plans.

Rothenburg ob der Tauber, Franziskaner Kirche

 

Viertes Bild:

Eine Hotellobby, modern aufgehübschter Retrocharme, am Morgen nach dem Ergebnis des Mitgliederentscheids. Ich habe eine Verabredung mit einem BT – Abgeordneten der SPD, er hat Kaffee & Wasser bestellt, ist eloquent & freundlich, der Kumpeltyp mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung, aber kein Dauerredner. Anfangs interviewähnlich, entwickelt sich ein Gespräch über die gegenwärtige Lage, über Erwartungen & gewisse Interna, über Schulz & Gabriel, Merkel, Spahn & darüber, wo die Partei in 3 1/2 Jahren stehen wird. Optimismus will glaubhaft verkörpert werden, dem Abgeordneten gelingt das ganz ausgezeichnet. Nach einer Stunde bin ich nicht zwingend schlauer, es war ein sehr interessantes Gespräch, das vor allem eines gezeigt hat: es gilt, die eigene Sicht auf die Dinge zu relativieren, wenn es heißt, sich aus dem Wolkenkuckucksheim der radikalen Schmollwinkel links wie rechts zu verabschieden. Wir sprachen passenderweise auch über´s Erwachsenwerden & darüber, daß dieser Vorgang alterslos ist. & hinter allem droht die Realität.
Doch wie sieht sie aus, diese Realität; statistisch geht´s „uns“ so gut wie ewig nicht mehr. Nahe an der Vollbeschäftigung, volle Auftragsbücher, sprudelnde Steuereinnahmen, Wirtschaftswachstum, das Geld ist umsonst zu haben. Diese Feststellungen treffen allerdings auf immer mehr Menschen, die völlig anderer Meinung sind. Armutsrenten, Hartz IV, sich explosionshaft vermehrende Tafeln, unbezahlbare Mieten, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, ein Gesundheitssystem, das sich ausschließlich an der Profitmaximierung orientiert, Internetversorgung auf Drittweltniveau, Ärztemangel auf dem Land, massiver Pflegenotstand & eine Automobilindustrie, die vom organisierten Verbrechen in Vorständen & Aufsichtsräten geführt wird. Der Dieselskandal ist strafrechtlich betrachtet nichts anderes als gewerbsmäßiger bandenmäßiger Betrug, mithin eben dies, organisiertes Verbrechen, bei dem bereits der Ausdruck Schummelsoftware Teil des Problems ist & teile des Kabinetts Mittäter. Immer mehr Menschen sind der Überzeugung, daß die regierenden Parteien & deren potenzielle Koalitionsmitbewerber nicht in der Lage sind, die Probleme, die sie z.T. selbst geschaffen haben, lösen zu können. & oben drauf, als Sahnehäubchen & als der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, die Flüchtlings- & Migrationskrise. Das Jahr 2015 wird in die Deutsche Geschichte eingehen, als der Beginn der tiefgreifendsten Veränderung im Lande seit 1989. Um zu verstehen, welche Prozesse grade ablaufen, bzw. vor längerer Zeit bereits begonnen haben, beschränke ich mich auf drei Felder. Das politische, das gesellschaftlich / kulturelle, sowie das soziologische.

Politisch lösen sich die altbekannten rechts / links Koordinaten immer weiter auf. Dies geht einher mit der Auflösung der festgefügten Milieus alter Prägung. Politische Begrifflichkeiten werden neu definiert. Das altbekannte Parteiensystem steht vor seiner Ablösung. Die sogenannten Volksparteien schwinden. Bewegungen gewinnen an Raum & Interesse.

Gesellschaftlich / kulturell erleben wir einen Wertewandel. Kurz gesagt wird das alte Modell der Annahme einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Solidarität abgelöst durch eine immer detailliertere Individualisierung & die damit einhergehende Desozialisierung der Menschen im Lande. Dieser Prozeß wird durch die unkontrollierte Zuwanderung massiv befeuert. Kurz gesagt wird unter dem Vorwand scheinbar emanzipierter, sich selbst verwirklichender Lebensentwürfe eine neue Form der gesellschaftlichen Asozialität & des Desinteresses am Gemeinsinn propagiert.

Soziologisch betrachtet erleben wir einen tiefgreifenden Wandel der Mittelschicht. Bestand diese bis vor nicht allzu vielen Jahren aus gut verdienenden Beamten, Angestellten & Facharbeitern, kleinen bis mittleren Handwerksbetrieben & wohlversorgten Pensionären, so besteht sie heute zu großen Teilen aus Akademikern, sowie deren gesellschaftlichem Umfeld, was einhergeht mit einer drastischen Verjüngung dieser Schicht, sowie einem gesteigerten Interesse am eigenen Erfolg, was sich politisch wiederum in einem Erstarken des politischen Liberalismus in dieser Schicht äußert. An den Spalten der großen deutschen Tageszeitungen ist dieser Prozeß hinreichend nachzuvollziehen.

Zusätzlich kommt es zu einem zweiten großen Gegensatz, nämlich dem zwischen Globalisten & Kommunitariern. Hängen die i.d.R. urbanen akademischen Globalisten einem kosmopolitischen Weltideal an, das Diversität & Multikulturalismus für erstrebens- & wünschenswert hält, was sie deswegen als politisch links erscheinen läßt, geht dies einher mit eher wirtschaftsliberalen ökonomisch – politischen Vorstellungen, die für gewöhnlich eher rechts angesiedelt sind. Die Kommunitarier bestehen hingegen auf einem kulturell enggebundenen, kulturkreis- & heimatorientierten & in diesem Sinne eher identitären Kulturbegriff, erscheinen also hier ebenfalls eher rechts angesiedelt, was allerdings durch eine durchaus eher links zu verortende Auffassung von Sozialpolitik ergänzt wird.
Verschärft & beschleunigt werden diese Auflösungsprozesse bekannter Koordinaten durch die Digitalisierung, die zudem neue Grenzen schaffen wird zwischen denen, für die fortgeschrittene digitale Kommunikation & Arbeit selbstverständlich ist & denen, die darin eine Bedrohung sehen.

Staufen im Breisgau

 

Fünftes Bild:

Wenn man in Schwerin vom südlichen Ende des Pfaffenteichs aus rechterhand in die Friedrichstraße einbiegt, & nach wenigen Metern an der Ecke der Bischofstraße kurz verweilt, kann man auf der linken Seite der Friedrichstraße ein ziemlich großes Parteibüro der AfD sehen, & rechts, in der Bischofstraße, ein eher kleines, unscheinbares SPD Pendant, daß noch immer als Abgeordnetenbüro von Manuela Schwesig firmiert. Ich hatte mir vorgenommen, an dieser Stelle ein Weilchen stehen zu bleiben & mich selbst zu beobachten. Ich wollte wissen, was passiert beim vergleichenden Anblick, was für Gefühle & Stimmungen, was für Bilder tauchen auf. Dies metapolitisch aufwerten zu wollen, dürfte fehlgehen. Es war ein kalter windiger Montagmittag, die Straßen waren zumeist eher leer. Die Abwägung der unterschiedlichen Gefühle war sofort entschieden. Links die AfD, passend zum Tage kalt & abweisend, eine Trutzburg trotz der breiten hellen Fensterfront, rechts das kleine SPD Büro hingegen einladend & irgendwie warm & gemütlich.
Entstehen so politische Entscheidungen? Kann pure Rationalität allein uns erklären, wo wir uns eher oder weniger zugehörig fühlen? Gibt es persönliche Präpositionen, Erinnerungen, die uns mehr prägen als der ewig zweifelnde vorgeblich politische Verstand? Ich denke schon. Ich habe gelernt, daß wir weit eher emotional geprägt sind, als rational. Unsere Entscheidungen sind stets, auch wenn wir sie als rein intellektuell begründet ansehen, in Wahrheit doch emotional geprägt, bewußt oder unbewußt, oft auch gegen unseren erklärten Willen. Dies zu wissen & zuzulassen, ist sicher nicht Jedermann´s Sache & Auffassung. Das ändert allerdings nichts daran.

Der Sozialdemokratie ging es in ihrer Geschichte immer darum, neben den rechtlichen auch die materiellen Voraussetzungen der Freiheit, neben der Gleichheit des Rechts auch die Gleichheit der Teilhabe und der Lebenschancen, also soziale Gerechtigkeit, zu erkämpfen.
Konservative und Liberale spielen die Grundwerte nicht selten gegeneinander aus: je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit und umgekehrt. Im sozialdemokratischen Verständnis bilden sie eine Einheit. Sie sind gleichwertig und gleichrangig. Vor allem: Sie bedingen, ergänzen, stützen und begrenzen einander. Unser Verständnis der Grundwerte bewahrt uns davor, Freiheit auf die Freiheit des Marktes, Gerechtigkeit auf den Rechts- staat, Solidarität auf Armenfürsorge zu reduzieren.
Freiheit bedeutet die Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben. Jeder Mensch ist zur Freiheit berufen und befähigt. Ob er dieser Berufung entsprechend leben kann, entscheidet sich in der Gesellschaft. Er muss frei sein von entwürdigenden Abhängigkeiten, von Not und von Furcht, und er muss die Chance haben, seine Fähigkeiten zu entfalten und in Gesellschaft und Politik verantwortlich mitzuwirken. Nur wer sich sozial ausreichend gesichert weiß, kann seine Freiheit nutzen.
Die Freiheit des Einzelnen endet, wo sie die Freiheit des Anderen verletzt. Wer anderen Unfreiheit zumutet, kann auf Dauer selbst nicht frei sein.
Gerechtigkeit gründet in der gleichen Würde jedes Menschen. Sie bedeutet gleiche Freiheit und gleiche Lebenschancen, unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Also meint Gerechtigkeit gleiche Teilhabe an Bildung, Arbeit, sozialer Sicherheit, Kultur und Demokratie, gleichen Zugang zu allen öffentlichen Gütern. Wo die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen die Gesellschaft teilt in solche, die über andere verfügen, und solche, über die verfügt wird, verstößt sie gegen die gleiche Freiheit und ist darum ungerecht. Daher erfordert Gerechtigkeit mehr Gleichheit in der Verteilung von Einkommen, Vermögen und Macht. Denn große Ungleichheiten in deren Verteilung gefährden die Gleichheit der Lebenschancen. Deswegen ist die soziale Demokratie notwendig.
Gleiche Lebenschancen bedeuten nicht Gleichmacherei. Im Gegenteil: Sie bieten Raum für die Entfaltung individueller Neigungen und Fähigkeiten. Menschen sind und bleiben verschieden. Aber natürliche Ungleichheiten und soziale Herkünfte dürfen nicht zum sozialen Schicksal werden. Lebenswege dürfen nicht von vornherein festgelegt sein. Wir wenden uns gegen jede Form von Privilegien oder Benachteiligungen aufgrund der Herkunft, des Standes, der Hautfarbe, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Religion.
Leistung muss anerkannt und respektiert werden. Gerecht ist eine der Leistung angemessene Verteilung von Einkommen und Vermögen. Eigentum verpflichtet: Wer überdurchschnittlich verdient, mehr Vermögen besitzt als andere, muss auch mehr zum Wohl der Gesellschaft beitragen.

So steht es im Hamburger Programm, dem Grundsatzprogramm der SPD vom Oktober 2007. Wenn das von Kubitschek als rechts vereinnahmte Menschenbild als Postulat des Bestehenden anzusehen ist, bzw. angesehen werden kann, so ist das Hamburger Programm ein Angebot zu dessen Überwindung. Das Verharren im Bestehenden zu überwinden, ist Aufklärung im reinsten Sinne. Die Antwort, die Kant 1784 auf die Frage gab, was Aufklärung sei, wird im Antagonismus beider Menschenbilder deutlich:  Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Jedoch: wohlmöglich ist dies der Kubitschek´schen Lesart des Menschen sehr viel näher, als seinen Gegnern & auch ihm selbst lieb sein kann.
Das oben beschriebene Gefühl in Schwerin & das Hamburger Programm hängen eng zusammen. Denn auch das Hamburger Programm ist nicht mehr als ein Gefühl. Es ist das Gefühl einer Partei, die an das, was sie da schreibt, gut & gerne glauben mag, es jedoch nicht schafft, dies in nachvollziehbare Politik umzusetzen. Armutsrenten, Pflegenotstand & Hartz IV – Enteignung wurden von ihr z.T. initiiert, oder jahrelang mitgetragen, genauso wie privatisierte öffentliche Vorsorge & Versorgung, marode Infrastruktur & eine unheilvolle Identitätspolitik. So trifft der massive Wählerschwund auf die unerfüllten Träume des Hamburger Programms. Wenn die SPD sich ernsthaft erneuern will, dann kann sie ihr Heil nicht in einem weiteren Linksschwenk suchen, da warten die Linkspartei, die Grünen & eine nach außen sozialdemokratisch lackierte Merkel – CDU. Sie wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie anerkennt, daß die Sorgen der Menschen im Lande bislang nur rein proklamatorisch auch die Sorgen der SPD gewesen sind. 

Vorhang:

Als ich diesen Text begann, war es meine feste Absicht, das Rechte abzulösen, mich bis zu einem gewissen Grade zu reinigen, zumindest Randbewohner des einzigen Großen, des Übereinstimmenden zu werden, vielleicht endlich anzukommen, endlich einmal anzukommen – widerstrebend, voller Zweifel, zögernd herauszutreten aus dem Schattenreich, das dem Abzuspaltenden angewiesen wurde. Doch je mehr Fragen ich mir stellte, je mehr Antworten ich mir gab, desto instabiler wurde das erhoffte, das zu erlernende Gleichgewicht. Nie zuvor habe ich annährend solange an einem Text gesessen wie an diesem, nie zuvor war Schreiben als Selbstfindung, Lebenserklärung & Vergewisserung in unsicheren Zeiten gleichzeitig so bedrohlich, vergeblich & letztlich doch wieder rückführend auf das, was als Ich beschrieben werden kann. Nein, es gibt keine Partei, deren Mitglied ich sein könnte. Es gibt keine Ideologie, der ich mich fügen, der ich folgen könnte. Alles, was es gibt, ist das Gefühl von Übereinstimmung, von einem tiefen emotionalen Zugriff auf Gedanken, Ideen & An- wie Aussichten. Es gibt das Teilen des selben Phantomschmerzes, der selben Verzweiflung & der Gewißheit, daß das Eingeständnis, Gleichgewicht sei nur in der Sezession zu erlangen, der einzige Weg ist, in diesen Zeiten Haltung zu bewahren & dem moralischen Extremismus standzuhalten, 

wenn unser aller Zukunft mehr sein soll als disponible materielle Notabwendung. Ich teile all dies mit denjenigen, die wie ich daran glauben, daß es den neuen Menschen nicht gibt & mit denen, die sich dagegen wehren, sich ungefragt in den Gesinnungsgulag zu begeben. Ich teile dies mit denen, die den Mythos dem Reißbrett vorziehen, die keine Lust mehr haben, einem ethisch sich exponierenden Sozialexperiment als Laborratten zur Verfügung zu stehen. Die kulturelle Egalität wächst,…  schrieb Botho Strauß 1993 im Anschwellenden Bocksgesang, … sie drängt an den Rand des Idiotismus. Dieser so prophetische Satz findet seine Bestätigung allenthalben in Redaktionsstuben & Parteivorständen, in Politmagazinen & öffentlich rechtlichen Nachrichtensendungen, an den relevanten Fachbereichen der Universitäten genauso wie im juste milieu unter sog. Linksintellektuellen, Künstlern & Kulturschaffenden. Extremismus hat viele Gesichter, eines davon ist das moralisch anständige !
Es tut mir leid, Einigen verweigern zu müssen, was diese für eine weit bessere Antwort gehalten hätten, aber ich bin nicht bereit, die Spiegel zu verhängen.

 

 

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Januar 26

Sehr geehrter Herr Schulz

An den
Vorsitzenden der SPD
Herrn Martin Schulz
Willy Brandt Haus
Wilhelmstraße 141
10963 Berlin

o f f e n e r   B r i e f

(dieser Brief wird neben der postalischen Zustellung an den Empfänger auch auf dem Blog www.derargonaut.de veröffentlicht)

Sehr geehrter Herr Schulz,

auch wenn mir klar ist, daß Sie diesen Brief nie zu sehen bekommen, weil er – wenn überhaupt – lediglich von Ihren Mitarbeitern bearbeitet wird, ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen dennoch zu schreiben. Ich finde, Sie haben an diesem besonderen Sonntag in Bonn eine gute Rede gehalten. Vielleicht hätten Sie Herrn Macron nicht erwähnen sollen, denn Sie selbst waren sichtlich überrascht, als der eingeplante Applaus ausblieb. Ansonsten haben Sie Ihren gegenwärtigen Standpunkt gut vertreten. Auch Herr Kühnert hat eine gute, wenngleich sehr viel kürzere Rede gehalten, aber er ist ja auch (noch) kein Vorsitzender. Jedenfalls nicht der SPD. Auch er hat seinen Standpunkt gut begründet. Frau Nahles blieb es dann allerdings vorbehalten, das Ruder zugunsten des gegenwärtig gerade aktuellen Standpunktes der SPD – Führung herumzureißen. Dies war eine sehr gute Rede.

Mein Vater, von jeher ein wie man so sagt, in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat, Mitbegründer der Büchergilde Gutenberg & Bewunderer von Brandt & Schmidt, hat mir auf den Lebensweg mitgegeben, die gesellschaftliche Gerechtigkeit, den Ausgleich zwischen Kapital & Arbeit sozusagen, nie aus den Augen zu verlieren & Politik daran zu messen, was sie für diesen Ausgleich tut. Damit hat er mir mitgegeben, sozialdemokratisch zu denken. Damals hatte die SPD knapp 40 % der Stimmen. Leider hat die spätere Politik der SPD bislang zuverlässig verhindert, daß ich Ihr beitreten konnte. Heute hat Ihre Partei, aktuellen Umfragen zufolge, zwischen 17 & 19 % der Stimmanteile. Viel ist inzwischen geschrieben worden über die Ursachen, über den Wegfall der klassischen Milieus, über die Agenda 2010 & über den Wechselwähler, dieses scheue Reh, stets auf dem Sprung, wenn ihm etwas nicht paßt. Stets flüchtig, wenn seine Erwartungen enttäuscht werden. Immerhin, der Sonderparteitag in Bonn war eine Lehrstunde für andere Parteien, hat gezeigt, daß um Meinungen & Ergebnisse auch gerungen werden kann, er war – wie es so schön heißt – eine Lehrstunde  für Demokratie & Debatte. Über meinem Schreibtisch hängt bis heute ein Plakat mit dem Bild von Willy Brandt & einem Zitat von ihm: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, daß jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ (Abschiedsrede von Willy Brandt auf dem Kongress der Sozialistischen Internationale in Berlin am 15. September 1992, verlesen von Hans-Jochen Vogel).

Die Zeit, auf deren Höhe Sie sich, sehr geehrter Herr Schulz, befinden, läuft ab. Oder besser, sie läuft Ihnen davon. Die Erneuerung der SPD, die Sie wiederholt auch in Bonn erwähnt haben, leuchtete einen Augenblick lang kurz auf. Das war allerdings am Wahlabend, am 24. September, als Sie vor einer jubelnden Menge von SPD Mitgliedern – mit  Ausnahme von Frau Nahles, die jubelte erkennbar nicht mit – mit fester & entschlossener Stimme erklärten, daß die Zusammenarbeit mit der CDU ab dem heutigen Tage beendet sei. Da dachte ich für einen Moment an das Plakat über meinem Schreibtisch & freute mich, daß Sie das Zitat von Brandt verstanden hatten. Was für ein tragisches Mißverständnis. Ich will hier gar nicht über die zahllosen Pirouetten schreiben, die Sie & der Parteivorstand seitdem gedreht haben, es schwindelt einem, wenn man sich erinnert. Vielleicht jedoch weisen Ihre Mitarbeiter Sie gelegentlich auf drei Bücher hin, die das Drama des Verschwindens der Sozialdemokratie in Europa – denn genau darum handelt es sich – sehr treffend analysieren, & die deswegen auf Ihrem Nachttisch liegen sollten: Didier Eribon / Rückkehr nach Reims, Robert Pfaller / Erwachsenensprache – über ihr Verschwinden, sowie Guillaume Paoli / Die lange Nacht der Metamorphosen. In allen Dreien wird beschrieben, wie die Hinwendung zum Neoliberalismus & das Versagen der demokratischen Linken in der Verteilungsfrage ihre Wähler in die Arme rechter Perteien  treibt. Es wird beschrieben, wie die ursprüngliche Klientel von sozialdemokratischen oder sozialistischen Parteien aufgegeben & enttäuscht wurde zugunsten von  Minderheiten-, Flüchtlings-, Gender- & Identitätspolitik & so die ursprünglichen & originären Wähler zu denen überliefen, die Ihnen glaubhaft versicherten, sich nunmehr  Ihrer Interessen anzunehmen. Beschrieben wird auch, daß dieser Prozeß nicht zuletzt darin begründet liegt, daß sich die sozialen & gesellschaftlichen Milieus innerhalb der betroffenen Parteien von eher klassenspezifischer Herkunft hin zu sich globalisiert wähnenden Lifestylelinken, also  verbürgerlichten Moralisten, gewandelt haben.

Sehr geehrter Herr Schulz, ich befürchte, Sie sind nicht in der Lage, zu lernen. Sie haben nicht verstanden, worum es geht, wenn Sie von der Zukunft & der Erneuerung der SPD sprechen. Wäre es anders, hätten Sie unmöglich von den vereinigten Staaten von Europa  bis 2025 sprechen können, hätten nie eine Obergrenze für Flüchtlinge ablehnen & den Familiennachzug für lediglich subsidiär Geschützte fordern können. Sie können nicht erklären, wie Sie  eine Obergrenze (die Sie ja eigentlich ablehnen) von 200 000 Menschen jährlich (!), was einer Großstadt wie Kiel entspricht, strukturell, organisatorisch, finanziell & sozial bewältigen wollen. Sie können auch niemandem vormachen, Sie wenden sich gegen aufkommende Konkurrenzverhältnisse zwischen Deutschen & Zugewanderten, denn die sind mit Ihren Vorstellungen per Entscheidung bereits unverrückbar entstanden. Sie hätten auch nie eine erneute Koalition mit der CDU auch nur erwägen dürfen. Ich bin natürlich kein erfahrener & studierter Politologe, kein Wissenschaftler & auch kein Berufspolitiker. Ich bin nur ein ganz normaler Wähler, allerdings politisch & gesellschaftlich, geschichtlich & kulturell überaus interessiert. Gemeinhin reicht der gesunde Menschenverstand aus, wenn es gilt, aus einem Desaster, daß man erlebt hat, seine Lehren zu ziehen. Dieser Vorgang wird gewöhnlich als Lernfähigkeit bezeichnet. Der Absturz & die tiefe Zerrissenheit Ihrer Partei sind ein derartiges Desaster.

Sehr geehrter Herr Schulz, ich muß leider befürchten, daß es mir auch weiterhin nicht möglich sein wird, dem (unausgesprochenen) Wunsch meines Vaters folgend, Mitglied der SPD zu werden, auch wenn es noch so sehr meiner ursprünglichen politischen DNA,  wie man heute wohl so sagt, entspräche. Ich wünsche Ihnen persönlich & der SPD alles Gute,

mit freundlichem Gruß,

Klaus Scholz

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Dezember 21

Gedankensplitter VIII

Diese Ausgabe der Gedankensplitter ist Kevin Spacey gewidmet, einem der größten Filmschauspieler & Charakterdarsteller der letzten Jahrzehnte, zweifachem Oscar Gewinner, ausgezeichnet mit dem Golden Globe & dem British Film Award, dessen Leben & Werk durch Jahrzehnte alte unbewiesene Anschuldigungen denunziert wurde, weil es einem mediengeilen Pöbel & einer zutiefst verlogenen & heuchlerischen Industrie so gefallen hat. Sie sind ebenfalls gewidmet dem Dirigenten & Musiker James Levine, sowie dem Maler Balthus. Gleich Spacey sind sie die aktuellsten Opfer eines hysterischen, fanatisierten & paranoiden Netzwerk – Mobs, der als Floh im Pelz der Gesellschaft aufbegehrt & seinen Wirt zu immer neuen unbändigen Zuckungen zwingt.
Es wird darauf zurückzukommen sein.

 

Der Umgang mit der AfD nach der BT – Wahl fordert Antwort auf die offensichtliche Frage: Wer schützt die Demokratie eigentlich vor den Demokraten.

#i´mangry.

Umwelt & Klima sind existenzielle Fragen des Überlebens. Sie sind viel zu wichtig, um sie einem Bonusmeilenbetrüger & Balkonkiffer, sowie einer abgebrochenen Theologiestudentin zu überlassen. Selbstverständlich waren sie auch die ersten, die das ohnehin überaus fadenscheinige Mäntelchen angeblicher Überzeugungen & unverzichtbarer Inhalte an der Garderobe der Regierungsbeteiligung abgegeben haben.

Der Freakshow, die sich auf dem Balkon der Staatspolitischen Gesellschaft in Berlin versammelte, ist bereits jetzt wenigstens eines gemein: Die Verachtung des Wählers & des Landes. Daß ausgerechnet die FDP abspringt, war nicht vorhersehbar & überrascht. Honoriert werden wird es nicht.

Beste Nachricht zum Scheitern der Berliner Jamaika – Verhandlung: Cem Özdemir wird nun doch nicht Außenminister.

Toleranz verkommt zusehends zum Terror des Widernatürlichen.

Die gegenwärtige Treibjagd auf angeblich sexuell Übergriffige offenbart ein unerträgliches Maß an Heuchelei. Macht & Sex waren stets untrennbar miteinander verbunden & gereichten oft genug beiden Seiten zum Vorteil. Der neuerdings herrschende Vernichtungsimpuls gegen die vorgeblichen – natürlich männlichen – Täter beruht auf dem scheinbar allgemein akzeptierten Irrtum, Frauen könnten niemals Täter, sondern ausschließlich Opfer sein.

Unter #metoo stehen weltweit Frauen Schlange, um sich als angebliche oder tatsächliche Opfer sexueller Angriffe zu exponieren. Offensichtlich ist heutzutage jeder zeitgeistig – moralisch verbrämte Grund recht, sich öffentlich auszustellen.

Der Unterschied zwischen #metoo & der Heiligen Inquisition: bei Letzterer gab es ein reguläres Verfahren.

Ich bekenne, ich habe gesündigt. Ich habe seit Jahrzehnten wiederholt & fortgesetzt Frauen angesehen & dabei besonders auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale gestarrt – dezent natürlich, denn so bin ich erzogen – & je wärmer es wurde im Jahr, desto mehr habe ich gestarrt, ich kann einfach nicht anders. Daß ich dabei auch sexuelle Phantasien entwickelt habe, ist schlimm, aber scheinbar unvermeidlich. So könnte (m)eine Ohrenbeichte in der Katholischen Kirche lauten. Vielleicht müßte ich drei Rosenkränze beten. Doch, & das ist tröstlich, meine Sünde würde Gott vergeben. Das unterscheidet ihn von den inquisitorischen Hexenjägern des Asexuellen & ihrem hysterischen Verfolgungswahn.

Während tatsächlich & vorgeblich Betroffene allenthalben sexuelle Übergriffe – gerne jahrzehntealt & nicht nachweisbar – bejammern, finden die zahlreichen Claqeure dieser Hexenjagd an der Frühsexualisierung von Kindern ebenso wenig Verwerfliches wie an frei zugänglichen Pornoseiten im Netz. Der Unterschied: Sexualität & Macht sind anthropologische Konstanten, Frühsexualisierung & Internetporns mitnichten.

In einigen Stadtteilen von Paris, so die französische Philosophin Elisabeth Badinter in einem Interview mit der FAS vom 10.12.2017, sitzen keine Frauen mehr in den Cafe´s & schon die Fünfjährigen laufen verschleiert herum. Nicht verzeichnet werden konnte hierzu bislang der empörte Aufschrei der #metoo – Gemeinde, die offenbar muslimische vorzivilisatorische Frauenverachtung als kulturelle Eigenheit zu akzeptieren bereit ist.

Das Metropolitan Museum in New York (Met) soll ein Bild des französischen Malers Balthus abhängen, fordert auf #metoo sowie mittels einer online – Petition eine gewisse Mia Merrill. Durch das Bild, so Merrill, „romantisiere das Met den Voyeurismus“. Balthus war ein lebenslanger Teil der französischen Kunstelite, eng mit Picasso, Giacometti, Albert Camus & Jaques Lacan befreundet & ein Erneuerer & Impulsgeber der Malerei an der Grenze zwischen fortschreitendem Modernismus & klassischer Ästethik. Bislang weigert sich das Met, das Bild abzuhängen. Das von sog. linksliberaler Seite sekundierte Hexengekreisch scheint nun auch Wirkmacht im kulturellen Bereich zu beanspruchen. Vielleicht ist dies ja endlich ein Wendepunkt im Gewährenlassen pathologischer Vernichtungsphantasien. Erst brennen die Bücher, dann die Bilder, zuletzt brennen die Menschen, könnte man in Ergänzung eines Zitats von Heinrich Heine aus dem Jahr 1821 (!) hinzufügen.

Twitter statt Politik, die Welt in 140 Zeichen. Unterkomplexes Geplärre auf allen Ebenen: die Guillotine des 21. Jahrhunderts.

Die Hashtagsekten & die Befindlichkeitssoziopathen an den Unis eint vor allem eines: Wohlstandsverwahrlosung.

Wenn Bäume sich vom Tode bedroht wähnen, sei´s es durch andauernde starke Trockenheit oder übermäßige Nässe, neigen sie zur Angstblüte. Sie treiben dann Blüten parallel zu ihren Früchten. Dies ist, wie Botaniker sagen, ein Anzeichen von Panik. Das gleiche ist in dieser Gesellschaft zu beobachten, die Angstblüten tragen hier allerdings Namen wie #metoo, Willkommenskultur, Ehe für alle oder andere schöne Euphemismen, mit denen versucht wird, das Sterben eines fauligen Systems aufzuhalten.

Jede Zeitenwende hat laut kreischende Sekten hervorgebracht, die um Aufmerksamkeit buhlten & einen Erlösungs- & Heilsplan zumeist eher pathologischer Natur verkündeten. Fast alle nahmen allerdings ein schnelles & sehr unschönes Ende. Heutzutage schlagen Minderheiten im 0,0 ppm Bereich den Takt zu einem bizarren dekadenten Totentanz, bei dem niemand mehr abseits stehen möchte, der Macht & Möglichkeit hat, sich öffentlich zu äußern. Es wird höchste Zeit, die Trommelschläger endlich nachdrücklich vom Hof zu jagen.

Documenta XIV, Bücherparthenon

Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel – Hakim Ourghi, u.a. Mitbegründer der liberalen & unter Polizeischutz stehenden Berliner  Ibn – Rushd – Goethe Moschee, hat 40 Thesen zur Liberalisierung des Islam an die Tür der Neuköllner Dar – Assalam Moschee geschlagen. Er fordert eine Abkehr vom Buchstabenglauben & eine Diskussion über „die dunklen Seiten des Islam“, worunter er ausdrücklich Gewalt, Frauenunterdrückung, sowie die Verfolgung Andersdenkender versteht. Als erster Kritiker trat sofort der evangelische Pfarrer der Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche, Martin Germer, auf & warf Ourghi „eine reine Publicity Show“ vor. Ab welchem Stadium ist Selbsthass eigentlich unheilbar ?

Der alljährliche Streit um den Zwarten Piet in den Niederlanden ist ein Beispiel für den manischen Bekehrungsfuror xenophiler Gutmenschen, der sich gegen alles Traditionelle & Althergebrachte richtet, was die einheimische Kultur, der sie selbst angehören, hervorgebracht hat.

Zu den bildungsfernen Schichten zählen heutzutage auch die meisten Oberstufenschüler.

„Der Mensch wird es sich zur Aufgabe machen,“ schrieb der russische Bolschewik Leo Trotzki im Jahre 1924, „der Bewegung seiner eigenen Organe höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schönheit zu verleihen, er wird sich zum Ziel setzen, einen höheren gesellschaftlich – biologischen Typus und, wenn man so will, den Übermenschen zu schaffen“. Leider konnte & wollte der Mensch sich nicht fügen. Selbst die Vernichtungsmaschine von Gulag, Zwangsarbeit, Deportation, Massenerschießungen, Vernichtungsjustiz, Terror & Hunger machten aus dem alten Menschen keinen neuen. Sichtbar wird allein die menschenverachtende Hybris der Linken, deren behauptete humanistische Absicht von ungeheuren Leichenbergen bedeckt wurde. Die letzten Zuckungen dieses Systems sind in Venezuela & Kuba zu beobachten. & in der Linkspartei.

Die Vorgänge auf der Frankfurter Buchmesse, bei denen sich ein grölender randalierender Mob gegen die Stände des Antaios– &  Manuscriptum Verlags richtete, Lesungen & Diskussionen verhinderte, sowie Bücher zerstörte & entwendete, zeigt vor allem eines: Die Linke ist weder gewillt, noch in der Lage, der Rechten argumentativ standzuhalten, sie hat zu den Problemen des Landes keinerlei sinnvolle Beiträge zu leisten & ist geistig & inhaltlich bankrott. Die Flucht in angeblich moralisch begründbare Gewalt offenbart ihre ganze leersinnige Armseligkeit & ihr Scheitern vor der Geschichte. Aber 100 Millionen Tote begründen eben auch eine Tradition.

„Mit Rechten reden“ ist der Titel eines aktuellen Buches, welches vorgibt, die Argumentationsmuster „der Rechten“ zu analysieren & aufzuzeigen, wie sie zu unterlaufen sind. Wenn´s dann ernst wird, kneifen nicht nur die Autoren, sondern alles sich links nennende. Man wolle „den Rechten“ keine Bühne bieten, heißt es stets. Warum auch, wenn selbst man nichts zu sagen hat.

Daß Jerusalem die Hauptstadt Israels ist, bedarf eigentlich keiner weiteren Erwähnung & steht nicht zur Disposition. Das Gejammer darüber ist zum Einen Teil des internationalen wohlfeilen Antisemitismus, zum Anderen der aus diesem ständig neu erwachsenden Umkehr der Verhältnisse, nach der Israel als Kolonialmacht am Pranger steht & arabische Terroristen zu Freiheitskämpfern mutieren. Während Israel, oder auch die USA beschuldigt werden, den Friedensprozeß zu gefährden, will niemand zugeben, daß dieser längst beerdigt worden ist. Mit einer Volksgruppe, die unverbrüchliche Feindschaft geschworen hat, kann kein Frieden möglich sein. Daran werden auch weitere Hunderte Millionen europäischer Steuergelder nichts ändern, die in den sog. Palästinensergebieten alles zum Besseren wenden sollen & zu großen Teilen auf schweizerischen Nummernkonten korrupter Funktionäre landen oder die Waffenlager der Terroristen füllen helfen.

Gerne verschwiegen wird der Umstand, daß „die Palästinenser“ einen eigenen Staat, der ihnen dreimal angeboten wurde (1947 von der Uno,1967 von Israel nach dem Sechstagekrieg & im Jahre 2000 bei den Verhandlungen in Camp David) stets abgelehnt haben, & daß die von Israel besetzten Gebiete direkte Folge diverser arabischer Angriffskriege gegen Israel sind.

Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Alter von bis zu drei Jahren lag im Jahre 2008 – also lange vor der Masseninvasion des Jahres 2015 – in Frankfurt / Main bei 71,7 %, in München bei 61,4 & in Hamburg bei 47,7 %. Andere Modellrechnungen wie der Anteil der Viertklässler oder der Generationenfolge von Eltern im Jahre 2016, 30,2 % bis zu deren Urenkeln, 65,3 %, bestätigen dieses Bild. Quelle: Statistische Ämter des Bundes & der Länder, Mikrozensus, sowie IQB Bildungstrend 2016.

Sogenannte Demokraten, Vertreter der sich selbst offen nennenden Gesellschaft & Linke finden nichts dabei, Existenzen zu vernichten & Menschen der sozialen Ächtung preiszugeben, solange es im Dienste irgendeiner von ihnen als gerecht oder gut erkannten Sache geschieht. Dabei handelt es sich vornehmlich um einen Ismus, der gerade zu bekämpfen ist. Beweise sind nicht notwendig, der Verdacht & die Denunziation erweisen sich als vollkommen ausreichend. Diese Leute gefallen sich in der Trias als Ankläger, Richter & Henker.

Die allgemeine Neigung, die Regeln sozialen Zusammenlebens zu mißachten & für sich als inexistent anzusehen, geht einher mit dem stetig wachsenden Verzicht des Staates & seiner Organe, sie einzufordern & durchzusetzen. Beides trifft auf eine desinteressierte sog. Schweigende Mehrheit, die, desillusioniert & eingeschüchtert einerseits, sediert & selbstzufrieden andererseits, vor allem eben eines tut: schweigen.

Je offensichtlicher sich die Landnahme durch den Islam ausbreitet, je mehr verschwindend geringe Minderheiten zum Gegenstand eines angeblich gesamtgesellschaftlichen Interesses erhoben werden & je weiter die Ausbreitung des Widernatürlichen sich Selbstverständlichkeit auf vorgeblich wissenschaftlicher Grundlage anmaßt, desto entschiedener & wütender wird die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Dieser Wut ist das Eingeständnis des Irrtums inhärent.

Documenta XIV, Fridericianum, umbenannt

Diejenigen, die die Auswüchse des enthemmten Liberalismus mittlerweile als oberstes moralisches Menschengebot definieren & zur alternativlosen Staatsdoktrin erheben, bewegen sich auf dünnem Eis. Sie sehen die Risse nicht, die sich längst gebildet haben, hören nicht das Knacken sich ständig vertiefender Brüche, während sie sich in triefender Selbstgerechtigkeit ergehen. Ihr Einbrechen wird schnell & schmerzvoll sein. Viele, die ihren Geist der trügerischen Hypermoral geopfert haben, werden vielleicht noch versuchen, sich in den Opportunismus zu flüchten. Sie werden allerdings als Gebrandmarkte Demut lernen. Zu befürchten ist höchstens, daß diese Aussicht im Moment noch ein wenig zu optimistisch erscheint.

Die Documenta XIV zeigte in weiten Teilen zeitgenössische Kunst als einen Eklektizismus des  Banalen, selbstreferenziell & rückwärtsgewandt. Das Werk verschwindet vollständig hinter seinem Titel & der behaupteten Intention.

Kassel ist Documenta – Stadt. Die Geschichte der Ausstellung hat diese Stadt allerdings wesentlich weniger geprägt, als es den Anschein haben mag. Daran ändern auch die zahlreichen künstlerischen Hinterlassenschaften nichts, die von den Documenta – Ausstellungen im öffentlichen Raum zurückblieben.

Am Königsplatz, dem zentralen Ort der Stadt, einem großen Rund mit Einkaufszentrum, Brunnen & den üblichen Filialisten, bezeugen nur noch die Häuserfassaden einfallsloser Nachkriegsarchitektur, daß man sich nicht im osmanisch – arabischen Raum befindet. Es gibt wohlmöglich auch hier noch Menschen, die dies als kulturelle Bereicherung mißverstehen wollen.

Am späten Nachmittag fahren Mannschaftswagen der Polizei am Rande des Platzes auf. Wir erfahren, daß es neuerdings nahezu täglich zu Übergriffen, Schlägereien & Straftaten durch & zwischen sog. Jugendbanden nichtdeutscher Herkunft kommt, denen das Polizeiaufgebot geschuldet ist. Deutlich wahrnehmbar verändert sich mit bevorstehender Dämmerung das Klima, die Mannschaftswagen setzen sich in Bewegung, mal langsam, mal mit Blaulicht. Ein bizarres Katz & Maus – Spiel beginnt. All dies war vor fünf Jahren, zur Documenta XIII, unbekannt.

Mitten auf dem Königsplatz ist ein Obelisk Teil der diesjährigen Ausstellung. Der Nigerianer Olu Oguibe hat ihn mit einem Zitat aus dem Matthäus – Evangelium beschriftet. „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ – in Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch. Drumherum sitzen jugendliche Leistungsbegehrer muslimischer Herkunft. Ist das Kunst, Blasphemie oder Propaganda?

In der Documenta – Halle am Friedrichsplatz sind Teile gekenterter Flüchtlingsboote ausgestellt. Mit Glöckchen & anderem Tand behängt & mit Klaviersaiten bespannt sind sie Teil einer bizarren Inszenierung, die den linken Deutungsimperativ ins Unmenschliche verzerrt.

Auf dem Fridericianum wurde der Name durch die Aufschrift SAVEISSCARY ersetzt – Sicherheit ist erschreckend – & man fragt sich, wann die genuine Menschenverachtung der Linken plakativer hervortrat. Vorschlag; Adam Szymczyk erklärt einem Bootsflüchtling, daß Sicherheit erschreckend sei. Das Video hierzu wird auf der Dokumenta XV gezeigt.

Zitat aus dem sog. Reader zur D XIV: „Ein Name ist eine Schuld. Der Staat ist eine Maschine, die geschlechtliche Wahrheit fabriziert, und ich bin ein Bettler.“ Die begeisterte Auflösung sämtlicher anthropologischer Konstanten – noch so ein geistesferner Irrtum der Linken – führt nicht zur seelenvollen Befreiung in paradiesische Zustände, sondern zur Auflösung des Sozialen an sich. Damit hätte die Linke endlich das Gegenteil von dem erreicht, für das sie einst zu stehen vorgab. Erschütternd die Dummheit, mit der sie die Thesen Didier Eribon´s aus „Rückkehr nach Reims“ beflissentlich & umfänglich bestätigt.

Daß Geld entbehrlich sei, solange es nicht das eigene ist, zeigt das sieben Millionen Euro Defizit, mit dem die D XIV abschließt. An das Versagen sog. Aufsichts- & Kontrollgremien hat man sich mittlerweile zu gewöhnen, in Berlin & Brandenburg genauso wie in Stuttgart, so eben auch in Kassel. Nach Athen sei das Geld geflossen, hört man, in das Museum, das sich den gescheiterten D XIV Kurator Szymczyk als künftigen Direktor ins Haus holt, wie gesagt wird. Dieser hat mit dem Defizit keine Probleme, denn Schuld habe die Politik, die hätte schließlich gewußt, daß es teuer wird. So einfach ist das. Linksradikale scheitern nie an der Wirklichkeit oder sich selbst, sondern immer an den widrigen Umständen.

Wer Erholung vom überwiegend erbärmlichen Politzirkus der Documenta XIV sucht, fährt mit der Straßenbahn auf die Wilhelmshöhe & besichtigt im dortigen Schloß die umfängliche & exquisite Gemäldegalerie mit einer Vielzahl holländischer Meister wie Rubens, Van Dyck, Rembrandt, Ruisdael u.A. Nach dem überwiegend lächerlichen Tand in der Stadt eine Offenbarung.

Ist die SPD Partei am Abgrund, oder bereits im freien Fall? Zerrieben zwischen CDU auf der einen & Linkspartei & AfD auf der anderen Seite. Ist sie programmatisch entkernt, personell inkompetent, ohne Richtung? Ohne Mut, ja, & ohne Idee. Die Partei der Studienräte, Uni – Professoren, Verlagslektoren & Gewerkschaftsfunktionäre. Die Parteigarde, z.T. Jahrzehnte in der Führung vertreten, weiß nicht mehr weiter, der Vorsitzende hat versagt, die Wähler flüchten. Nein, diese Partei dient nur noch Fr. Merkel  als Mehrheitsbeschaffer. Sonst bedauerlicherweise wohl niemandem. Ist das jetzt eine heimliche, bitter enttäuschte alte Liebe? Vielleicht. Vielleicht auch gewiß. Aber war das eine andere Partei, eine andere Zeit & ein anderes Land?

Die SPD, so der EU – Funktionär Martin Schulz, müsse wieder zum Sprachrohr der sog. Kleinen Leute werden, sie habe ihre Glaubwürdigkeit verloren & werde als Teil des Establishments wahrgenommen. Die richtigen Forderungen hat er auch schon: EU – Bundesstaat bis 2025 & keine Obergrenze für sog. Flüchtlinge, sowie unbeschränkten Familiennachzug. Die Entrücktheit, der umfassende Realitätsverlust & die Lernresistenz dieser Leute ist dramatisch & besorgniserregend. Oder einfach nur lächerlich.

Eine Idee des Magazins Cicero aufgreifend, sei folgendes Loriot – Zitat an dieser Stelle Martin Schulz in den Mund gelegt: „Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, daß die Fragen des Umweltschutzes, und ich bleibe dabei. Wo kämen wir sonst hin? Wo bliebe unsere Glaubwürdigkeit? Eins steht doch fest: Und darüber gibt es keinen Zweifel. Wer das vergißt, hat den Auftrag des Wählers nicht verstanden. Meine Damen und Herren, soziale Gerechtigkeit als erste Verpflichtung. Wir wollen nicht vergessen, draußen im Lande, hier und heute stellen sich die Fragen, und damit möchte ich schließen. Letzten Endes, wer wollte das bestreiten? Danke“.

Sog. Demokraten, Linke & Gutmenschen haben sich, von den gängigen Medien lebhaft unterstützt, angewöhnt, Kritiker des Bestehenden, mit der Endung …phob zu diffamieren. Das bedeutet, sie halten Menschen, die sich ihren Imperativen widersetzen oder nicht vorbehaltlos fügen, für krank & behandlungsbedürftig. Phobien sind behandlungsrelevante Angststörungen, die letztlich auf einer Fehlwarnehmung der Wirklichkeit beruhen. Ein angenehmer Nebeneffekt: Eine auf Angststörungen beruhende Meinung ist sachlich & realitätsbezogen nicht diskutier- & debattenfähig.

Dokumenta XIV, Orangerie, „Blutmühle“ (Photo: Heidrun Scholz)

Der, die nicht erkennen kann, was sie hätte anders machen sollen, muß ein Treffen mit Terroropfern & Hinterbliebenen durch öffentlichen Druck abgerungen werden. Das ist kein Versäumnis, das ist die überaus zynische Variante des Todschweigens dessen, was als Folge der eigenen illegalen Selbstermächtigung geschehen mußte. Der Satz, das Land war darauf nicht vorbereitet, eine unerträgliche politische Bankrotterklärung & der untaugliche Versuch, von eigener Schuld abzulenken.

Zum Schluß, um das Jahr doch noch ein wenig versöhnlich zu beenden, mit einigen Empfehlungen des Schöngeistigen. Die schlimmsten Feuilletonrubriken sind die des Jahresbesten. Wer will das nach welchen Kriterien entscheiden wollen ? Ich mach´s hier trotzdem, & auch nur, weil die Lage eindeutig ist:

Die erste Empfehlung ist sogar noch aus dem dem letzten Jahr, 2016, nämlich die Platte Birdwatching der israelischen Pianistin Anat Fort & ihrem seit 15 Jahren bestehenden Trio mit Gary Wang am Baß & dem Schlagzeuger Roland Schneider. Diesmal ebenfalls mit dabei ist der italienische Klarinettist & Saxophonist Gianluigi Trovesi. Die Musik lebt von der Reduktion auf die Eckpunkte einer von den Musikern durchdachten Konstruktion. Die innere Ausgestaltung kann so Geist & Ohr des Zuhörers überlassen werden. Daß dies keinesfalls zu esoterisch anmutender Beliebigkeit führt, sondern in jedem Moment sehr spannend klingt, zeugt von der überragenden musikalischen Qualität & Spielkultur dieses Trios, das stets leicht & schwebend daherkommt. Trovesi soliert dazu kontrolliert & überwiegend frei von bläserischen Manierismen. Eine Platte für geistvolle Zuhörer, & beim Label ECM in der dort herrschenden Klangkultur bestens aufgehoben.

Der junge polnische Dirigent Krzysztof Urbanski hat zusammen mit der russischen Pianistin Anna Vinnitzkaya das zweite Klavierkonzert von Sergej Rachmaninov aufgenommen. Urbanski dirigiert in seiner Funktion als Erster Gastdirigent das NDR Elbphilharmonie Orchester. Dieses Stück mit seinen wunderbaren Melodien galt Vielen stets als parfümierte Salonmusik, besonders sog. Kritikern. Urbanski & Vinnitzkaya revidieren dieses Vorurteil auf das Vortrefflichste. Die Diktion bleibt stets kernig, frei von überflüssigen Romantizismen, allerdings ohne gewollt anders zu klingen, wie es der leidige Kollege aus Perm im fernen Sibirien zur Verzückung der Kritikergilde so gerne vorführt. Zu dieser Auffassung gehört auch, daß das Schöne umso deutlicher hervortritt, je weniger man sich bemüht, es zu betonen. Eine souveräne, klanglich hervorragende Produktion einer kongenialen musikalischen Partnerschaft.

Die Platte des Jahres ist für mich allerdings The End von Black Sabbath. Das Abschiedskonzert vom 4. Februar 2017, mittlerweile in Bild & Ton erschienen, ist ein Dokument der Lebensleistung einer Band, die wie keine andere bis heute das Genre des Metal nicht nur begründet hat, sondern immer noch unerreichtes Vorbild Hunderter junger Bands geblieben ist. Wie beim sensationell gut gelungenen Reunion – Album 13 von 2013 fehlt bei der Originalbesetzung lediglich Drummer Bill Ward, mit dem man sich scheinbar nicht einigen konnte. Am Schlagzeug sitzt hier Tommy Clufetos, der bereits öfters mit der Band gespielt hat & zu Ozzy Osborne´s Tourband gehört. Zu hören ist Musik, der jede sog. Altersmilde fehlt. Unglaublich tight & fett ergießen sich die Songs wie flüssiges Blei in kaltstählerne Formen. Keine Schnörkel, kein Getue, keine Gimmicks – einfach nur Musik. Unerreicht & bewegend!

Es gibt es manchmal eben doch, das Buch des Jahres, & es ist meilenweit entfernt von dem staatstragenden, moralinsauren & selbstreferenziellen Bekenntniskitsch der Zeh´s, Menasse´s u.a. hochgelobter Literaten. Tyll von Daniel Kehlmann ist nichts weniger als ein Meisterwerk & zeigt in seiner sprachlichen Größe, Differenziertheit & Komplexität, seiner Personenzeichnung & seinem formalen Aufbau, was Literatur zu leisten vermag. Dabei verdeutlicht es auch die öde sprachliche & intellektuelle Leere dessen, was heutzutage als deutschsprachige Literatur außerhalb weniger unbeachteter Nischen auf den Markt geworfen wird. Die Verknüpfung der fiktiven Person Eulenspiegel mit dem historischen Kontext des Dreißigjährigen Krieges ist ein sprachliches & intellektuelles Abenteuer, welches den Leser in den Sessel zwingt & berührt zurück läßt.

P.S. Für die Freunde der Flimmerkiste – beste TV Serie auch in 2017: natürlich Game of Thrones.

 

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September 14

lechts & rinks

. . . kann man nicht velwechsern . . . 

werch ein Illtum ! . . . . stellte der österreichische Dichter & Sprachakrobat Ernst Jandl einst fest. Die Doppelbödigkeit dieser Aussage führt, spürt man ihr ein wenig nach, zu durchaus überraschenden Erkenntnissen. Wenn sich heutzutage jemand, in einer angeblich stets sich weiter entideologisierenden Welt, als links bzw. rechts verortet, gleicht er einem Kunden, der einen Markt betritt & vom Propagandisten viele schöne bunte Sachen in den Korb gelegt bekommt, in der Regel, ohne sich dagegen zu wehren. Sie beobachten eine Islamisierung des Landes, wunderbar, dann hab´ ich hier noch was für Sie, nehmen Sie doch den Trump gleich mit. Daß Sie den Brexit befürworten, sehe ich Ihnen an, gut so, & dann habe ich hier auch noch eine schöne bunte, ungemein interessante Schrift über die Klima – Lüge. Menschengemacht soll sie auch noch sein, hahaha !! Zufrieden vor sich hin lächelnd schiebt der Kunde seinen Einkaufswagen zur Kasse & zahlt bereitwillig den geforderten Preis. Das Leben kann so schön einfach sein.
Zeitgleich in einem anderen Markt bekommt der linke Globalisierungsgegner eine Probepackung mit veganen Lebensmittelersatzprodukten, eine Busfahrkarte zur G 20 Demo nach Hamburg, natürlich groß, bunt, friedlich – aber laut, das neueste Wörterbuch für gendergerechte Sprache, eine Fibel mit dem Titel Eine gerechte Welt in 14 Tagen, ein Büchlein mit wichtigen Hinweisen, wie man sich als Ungläubiger in sinnvoller Weise dem Moslem unterwirft, um dessen Kultur nicht zu beleidigen, sowie ein Beitrittsformular für Pro Asyl als Dreingabe, natürlich incl. Spendenformular. Selbstverständlich hält er den Kapitalismus für das Grundübel der Welt, die Ursünde sozusagen, selbst noch mit voller Dens – Tüte im Arm, die er in seinen 2,4 Liter Turbodiesel von Volvo, Kombi natürlich, einlädt. Derart reich beschenkt, sich im Einklang mit allem Guten in der Welt wähnend, fährt er beruhigt nach Hause.
Was, wenn ich nun aber z.B. den Trump für einen schwerst persönlichkeitsgestörten Paranoiker halte, für komplett unfähig & ziemlich gefährlich – & das, obwohl ich bereit war, ihm eine Chance einzuräumen, & sei´s wegen der irrsinnigen Hetze gegen ihn. Was, wenn ich den vom Menschen verursachten Klimawandel als offensichtlich erfahrbar & wissenschaftlich hinlänglich bewiesen ansehe, den Brexit für unfaßbaren Unsinn halte, die Islamisierung des Landes hingegen für eine um nahezu jeden Preis verleugnete gefährliche Tatsache. Was, wenn ich ein entschiedener Gegner der Globalisierung bin, die Proteste gegen G 20 in jeder Form für notwendig & richtig halte, aber gendergerechte Sprache für infantilen, komplett unwissenschaftlichen & geistesvernebelnden Unsinn, vegane Lebensmittel für ungenießbar & Pro Asyl für eine höchst entbehrliche Lobbyorganisation. Ich schätze, dann habe ich ein Problem, weil beide Seiten auf mich wie auf einen hoch infektiösen Kranken starren, der sofortiger Quarantäne bedarf.
Der Mensch wird in Schubladen einsortiert & läßt dies nur allzu bereitwillig geschehen. Die meisten hat er sich dazu auch noch aus identitätsstiftenden Gründen selbst ausgesucht. Verweigert er sich, wird er als arrogant & besserwisserisch beschimpft. Man billigt ihm auch gerne jede erdenkliche Form psychischer Unzulänglichkeit zu. Er soll doch wenigstens in der anderen Schublade Platz nehmen, damit er  irgendwie noch dazu gehört, denn so stellt er sich ja außerhalb der sozialen Gemeinschaft in die Schmuddelecke. Im Mittelalter nannte man diesen Zustand vogelfrei & Francois Villon dichtete: Vor vollen Näpfen muß ich Hunger´s sterben. Außerhalb aller Schubladen wird´s ungemütlich & gefährlich, das Feld ist gedankenvermint.
Politisch betrachtet hingegen ist das Eingangs beschriebene Gedankenamalgan außerhalb des Vorstellbaren angesiedelt. Warum eigentlich ? Ist nicht die grundsätzliche Fähigkeit des freien Denkens ein herausragendes Ergebnis der menschlichen Evolution, & warum sollte man es freiwillig aufgeben ? Oder, anders gefragt, was hat die Menschen dazu gebracht, es aufzugeben. Was, wenn das Denken durch die Ideologie ersetzt wird, die freie Rede durch vorgestanzte Sprechblasen & die naturgemäß wandelbare, weil auf Erkenntnis & Entwicklung beruhende Meinung durch bereitwillig inhalierte Realitätssurrogate ? Wie weit ist es dann noch zum transformierten Menschen, der das, was er wahrnimmt, der Druckstanze seiner unwandelbaren, weil zumeist unreflektierten „Überzeugungen“ unterwirft.
Überzeugungen mit all ihren ideologischen Anhängen bieten zuerst einmal Sicherheit, sie schaffen Zugehörigkeiten, fördern eine emotionale Prägung innerhalb einer Gesellschaft von Gleichgesinnten, im schlechtesten Fall von Gleichgeschalteten. Die Überzeugung ist das Handtuch, das beizeiten auf die bequemste Liege zu werfen ist, will man sich in Ruhe sonnen & nicht im Schatten liegen müssen. Hierzu sind Feindbilder unerläßlich, denn sie sichern die Gemeinschaft der gläubigen Sonnenanbeter gegen jedwede Form der Häresie & gegen die Gestalten aus dem Schatten nach innen & außen relativ zuverlässig ab. Die Ideologie ersetzt das Denken & rechtfertigt, ja benötigt das Feindbild.

Hamburg, Graffiti im Gängeviertel

So weit, so gut. Das „politische“ Deutschland jedoch hat ein Problem. Es ist nämlich zutiefst unpolitisch. Der Deutsche versammelt sich so lange in der Mitte, bis diese längst keine mehr ist, da sie den linken wie den rechten Teil platt gedrückt & in die Abflußrinne gepreßt hat. Daß eine Mitte rein begriffsbezogen stets nur der kleinste von mindestens drei Teilen, genau genommen nur ein einziger Punkt sein kann, findet keine Beachtung. Gleichwohl wollen alle dazugehören, denn hier werden „Wahlen gewonnen“, hier wollen alle gut & gerne leben, wie man immer wieder hört. Lechts & Rinks kann man eben doch recht schnell velwechsern. Der deutsche Michel will seine Ruhe, & Inhalte stören da nur. Er arbeitet fleißig, ist autoritätsbewußt nach oben & tendenziell asozial nach unten, er ist denkfaul, & jedwede Aufregung ist ihm ein Gräuel. Er verwechselt „politische“ Talkshows mit Meinungsbildung & eine Wahl mit Entscheidung. Seine politische Schizophrenie ist legendär, jede Ausgabe des ZDF Politbarometers oder des ARD – Deutschlandtrends bestätigt dies. Dort ist abzulesen, daß er in erschreckend großer Mehrheit Personen & Parteien wählt, die Entscheidungen, die er zuvor ebenfalls mehrheitlich für falsch befunden hat, zu verantworten haben. Das Erschreckende daran ist, daß er dies scheinbar nicht einmal bemerkt. Wer stumpfe staubtrockene scheintote Bürokratenmasken ohne einen winzigen Funken Esprit, wie den Innenminister Thomas de Maiziere zum drittbeliebtesten Politiker im Lande wählt (1), sagt mehr über sich aus, als ihm lieb sein kann. Als Kanzleramtsminister stolperte er über eine Anzeige wg. Strafvereitelung im Amt aufgrund seines Verhaltens in der sog. Sachsensumpf Affaire, in der es um Korruption & Verbindungen sächsischer Politiker & Richter zum organisierten Verbrechen ging. Als Verteidigungsminister über Zulassungs- & Beschaffungsprobleme im Zusammenhang mit der Euro – Hawk Affaire. MAD – Erkenntnisse über den NSU gab er nicht weiter. Als Innenminister schließlich zog er im Herbst 2015 den bereits erteilten Einsatzbefehl an die Bundespolizei zur Grenzsicherung wieder zurück, da er keine „häßlichen Bilder“ verantworten mochte (2). Ein derartiger Versager hat es also zum drittbeliebtesten Politiker in diesem Lande gebracht. Warum, ist sachlich & persönlich unerklärlich, nicht hingegen, wenn man es im Lichte der deutschen Befindlichkeit betrachtet. Dabei mußten Generationen von Schülern an deutschen Schulen Max Frisch´ Stück Biedermann & die Brandstifter lesen. Es ist diese verhängnisvolle Melange aus Desinteresse, Gleichgültigkeit & politischer Ahnungslosigkeit, die den alles erstickenden Mehltau, der sich über dieses Land gelegt hat, verursacht.

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann schrieb in einem Beitrag für die NZZ: Die Demokratie, die gemeinhin als eine Herrschaft der Mehrheit verstanden wird, hat ihren Ursprung im Einzelnen, im Individuum, im «mündigen Bürger». Auf ihn kommt es an. Er war’s, der sich der berauschten Masse der tanzenden Böcke gegenüberstellte und das Wort ergriff. Teils mit dem Chor, teils gegen den Chor ging es um seine Sache, um die Götter, um Gesetze, um die Wahrheit, und stets ging es antagonistisch zu, das heisst, unversöhnliche Gegensätze wurden zur Sprache gebracht (3). So richtig dies in der Theorie auch ist, so notwendig selbst dieses Mindestmaß von Teilhabeverständnis wäre, so sieht´s doch anders aus im Lande. Über die Zwangs- & Selbstnormierung hierzulande ist auf diesen Seiten hinreichend geschrieben worden, die Zustände belegen, daß der „mündige Bürger“ , der sich den „tanzenden Böcken“ entgegenstellt, gerne gefordert, jedoch selten erwünscht ist. Tritt er dennoch in Erscheinung, sei´s in Dresden oder in Hamburg, so wird er mindestens zu einem politischen, viel lieber aber zu einem polizeilichen Problem.
Wenn „unversöhnliche Gegensätze zur Sprache gebracht werden“, dann hat die Mehrheit ein Problem. Wenn Ruhe & konsumorientierte Behaglichkeit auf „antagonistische“ Weise durchbrochen werden, geht es zuerst einmal um die Ausgrenzung der Störer, ihre Diffamierung & vor allem darum, ihnen jegliches Politische in Absicht & Handlung generell abzusprechen. Dieses Verständnis von Koma – Demokratie, die Tyrannei der Masse, wird weit überwiegend geteilt. Deshalb sind weder Bevölkerung, noch Politik in der Lage, die tatsächlichen Probleme lösen zu können bzw. zu wollen. Das Land wird zu einer Art Gummizelle, an deren zwar nachgiebigen, jedoch faktisch undurchdringlichen Wänden jedes Wollen abprallt bzw. seiner Energie beraubt wird. Diese wird dadurch zwar größtenteils absorbiert, sie verschwindet jedoch nicht vollständig, womit wir in Hamburg wären.

Das autonome, post – antideutsche Bündnis …ums Ganze! schreibt in seinem Aufruf zu den Feierlichkeiten des G 20 Gipfels: Unter dem Titel Civic20 beteiligt sich beim G20 auch die sogenannte Zivilgesellschaft bereitwillig an der Verwaltung der kapitalistischen Misere. Alle werden gehört, damit es am Ende eben so bleibt, wie es ist – nämlich immer schlimmer. Die Bereitschaft von Gewerkschaften und Kirchen, hier „gemeinsam mit internationalen Partnern Empfehlungen für die Präsidentschaft Deutschlands“ (www.g20.org) zu erarbeiten, zeugt von gewohntem Untertanengeist und der niederschmetternden Fortgeschrittenheit der Integration der Klassengesellschaft. (4) Hier spricht nichts mehr vom Glauben, die Verhältnisse noch ändern zu können, hier wird das Leben in der Gummizelle beschrieben.
Das Vorgehen der Polizei, zuerst gegen das Protestcamp, dann gegen die bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend & weitgehend friedliche Wellcome to Hell – Demo, zu verantworten von Polizeieinsatzleiter Hartmut Dudde, dokumentiert eindrücklich zweierlei: das taktische Vorgehen der polizeilichen Einsatzführung, die von Beginn an & schon im Vorfeld auf Eskalation gesetzt hat, um die Bilder zu produzieren, derer es zur Rechtfertigung des Bürgerkriegsszenarios bedurfte, sowie die Mißachtung von Gerichtsurteilen auch höchster Instanzen, bis hin zum BVG. Heribert Prantl nannte in einem Kommentar zum Geschehen in der SZ diese Vorgehensweise schlicht & wahrheitsgemäß Rechtsbruch (5). Ein Blick zurück auf die Demo der Roten Flora am 21.Dezember 2014, die ebenfalls vor jeglicher Ausschreitung & somit ohne jeden polizeilichen Anlaß & entgegen ausdrücklicher Gerichtsbeschlüsse vom Vortage schon vor ihrem Beginn überaus brutal zusammengeknüppelt wurde, zeigt, daß die oben beschriebenen Antagonismen zumindest von Seiten der Staatsvertreter sehr wohl verstanden werden. Einsatzleiter war auch damals Hartmut Dudde. Der Beifall der unüberschaubaren Mitte ist in diesen Fällen selbstverständlich vorauszusetzen.
Exemplarisch wurde an diesem Juniwochenende politisch & medial vorgeführt, in welchem Maße sich linker Protest an der Wirklichkeit & der Realität der Masse überwiegend vergeblich abarbeitet. Vor diesem Hintergrund ist das morgendliche Fernsehbild vom Freitag, daß unzählige Rauchwolken über Hamburg zeigte & an vorderasiatische Kriegszonen erinnerte, als politischer Erfolg zu werten. In einer Zeit, in der Bilder, die sich sekundenschnell über die Welt verbreiten, das ikonographische Gedächtnis weit umfangreicher prägen als Inhalte, fällt diese Bewertung nicht schwer. Es wurde vorgeführt, daß ein riesiger paramilitärisch organisierter Polizeiapparat auch mit über 20 000 Beamten nicht in der Lage ist, „Sicherheit“ zu gewährleisten. Es wurde vorgeführt, was für ein unverantwortbarer Irrsinn derartige Treffen sind, zumal sie kein Problem lösen. Es wurde auch vorgeführt, daß selbst 100 000 „friedliche“ Demonstranten eine journalistische Randnotiz geblieben wären. Es wurde schlicht wortgehalten. Was geschah, war lange angesagt & bekannt. Krokodilstränen sind heuchlerisch & unangebracht. Olaf Scholz schließlich, in seiner Mischung aus Selbstgefälligkeit & Größenwahn, hat sich von Fr. Merkel bereitwillig vorführen lassen, die, als sie ihm das Angebot machte, den G 20 in Hamburg auszutragen, davon ausgehen mußte, daß, lange vor der Nominierung von Martin Schulz, der Hamburger Bürgermeister Kanzlerkandidat der SPD werden würde. So ließ sie ihn kaltlächelnd ins lange schon aufgeklappte Messer laufen. Erfreulicherweise hat sich somit auch eine erneute Olympiabewerbung Hamburgs vorerst erledigt. Das erschreckendste Bild dieser Tage waren allerdings nicht die Autonomen & die zahlreichen Hobbyrandalierer in der Schanze, sondern schwer bewaffnete österreichische & sächsische Spezialeinheiten, die mit Gewehr im Anschlag ins Schanzenviertel einrückten. In diesem Moment schien ein Ereignis, wie am 2. Juni 1967 in Berlin, unmittelbar bevorzustehen. Der Staat war auf die Antagonismen, die er selbst heraufbeschwor, bestens vorbereitet.

Hamburg, Transparent im Gängeviertel

Auf rechter Seite ist – natürlich – von linksradikalem Terror die Rede. Diese Seite hat  jedoch ganz ausdrücklich kein Problem mit Figuren wie Trump, Putin oder Erdogan. Nur ein autoritärer rechter Impuls gegen die linke Weltverbesserungsdiktatur? Schaut man sich an, was in den letzten Monaten von der Sezession im Netz, also aus dem Sitz des Bösen in Deutschland, dem sachsenanhaltinischen Schnellroda, veröffentlicht wurde, ist die siegesgewisse Leichtigkeit der letzten zwei Jahre einer unverhofften Ernüchterung gewichen. Der Euphorie des Begehrtseins von den sog. Leitmedien, den zahlreichen Homestories, in denen die Familie Kubitschek zwischen selbstgemachtem Ziegenkäse & den ach so finsteren Hintermännern der Konservativen Revolution wohliges Gruseln verbreiten durfte, folgt unerwartet heftig der Kater. Solange die Stimmenanteile der AfD steil nach oben schossen, Pegida erneut Zehntausende auf die Straße brachte, solange schien der Einbruch von Rechts in die windelweiche Mitte unaufhaltsam, schien die Zeit gekommen zu sein, die Früchte vieljähriger Kärrnerarbeit im Dienste von Nation, Volk & Identität zu ernten. Doch das Volk scheißt sich derweil lieber vor sich selbst in die Hose.
Die Wahlergebnisse (der Landtagswahlen – Anm. des Verf.) stehen in keinem Verhältnis zur Lage in unseren Ländern und sind ein Offenbarungseid für das politische Gedächtnis und den Widerstandswillen der Bürger. Das Schimpfen hinter vorgehaltener Hand und das Verhalten an der Wahlurne passen nicht zusammen. Diese Schwäche, Willenlosigkeit, mangelnde Konsequenz hatten wir nicht auf dem Zettel, das müssen wir konstatieren.
Wer 1 und 1 zusammenzählen kann, weiß, daß wir unsere Gemeinwesen nur noch mit Müh und Not zusammenhalten, und daß in Deutschland noch stärker als in Frankreich an Problemlösungen deshalb nicht gearbeitet wird, weil sie nicht als solche benannt werden sollen: Wenn nämlich Problemlagen zwar benannt werden dürfen, aber jeder, der es wagt, wüst beschimpft wird, werden sie letztlich nur von jenen noch angesprochen, denen man diese Grenzüberschreitung ins politisch Anrüchige sowieso zuschreibt.“ schrieb Götz Kubitschek am 12. Mai 2017 in der Sezession im Netz (6). Der ideologisch & intellektuell überaus gefestigte & in vielerlei Hinsicht durchaus inspirierende Geist Kubitschek hat sich verführen lassen. Er hat tatsächlich nicht gesehen, was letztlich vorgeht im Lande, der erste Absatz seines Beitrages zeigt eine auffällige Nähe zu dem weiter oben zitierten Text von …ums Ganze! Der Rest ist Enttäuschung, Verbitterung. Seit dem werden die Texte & die Autoren in der Sezession im Netz beliebiger, sie zeigen das Suchen nach der Überwindung der Frustration, belegen damit jedoch auch, daß zum einen das intellektuell & politisch fähige Personal ziemlich knapp bemessen & die dauerrecycelten Themen ermüdend sind. Die Wände der Gummizelle absorbieren auch dann, wenn von außen in sie eingedrungen werden soll, jegliche Energie.
Wie immer in derartigen Phasen der Frustration steigt die Radikalität der Akteure. Kubitschek schickt einen Minenhund ins Feld, der auf den Seiten der Sezession im Netz dafür sorgt, die Möglichkeiten des Sagbaren auszuloten. Schade, daß es diesem jungen Identitären nicht gelingt, dabei das Niveau, welches diese Seite einst hatte, zu wahren.

Diese Frustration macht allerdings ebenfalls deutlich, was für ein Unsinn das Geschwätz von der Gefahr für die Demokratie, die angeblich von ihren Rändern ausgeht, ist & schon immer war. Die tatsächliche Gefahr geht von einer entpolitisierten, veränderungsunwilligen & desinteressierten Mitte aus, die die Zustände im Land für gottgegeben hält & sich selbst in saturierter Einfalt. Vor diesem „Volk“ muß niemand im politisch – medialen Komplex Angst haben. Nur zu gerne reibt es sich den Sand, der ihm in die Augen gestreut wird, noch bis unter die Lider & stopft sich bereitwillig die gereichten Sedativa in den erschlafften Leib. Eine Gesellschaft, die sich das Berliner Wachsfigurenkabinett & seine medialen Claqueure leistet, hat aufgehört, sich für sich selbst zu interessieren. Es scheint, daß mit dem Aussterben derjenigen Angehörigen der politischen Klasse, die Krieg & Hunger noch erlebt haben, jegliches Wissen um die Notwendigkeiten des Politischen abhanden gekommen ist. Die Inszenierung ist längst wichtiger geworden, als das Stück, daß ihr zugrunde liegt. Die sog. Mediendemokratie ist zu einem geistlosen & inhaltsleeren Geplapper verkommen, in dem die unheilvolle Symbiose zwischen Medien & den Vertretern des vorgeblich Politischen diese Gesellschaft als Reichslehen unter sich aufgeteilt hat & sie lückenlos zu beherrschen sucht. Das hat mit Demokratie rein gar nichts, mit Totalitarismus hingegen eine Menge zu tun. Lechts & rinks kann man in diesem Zusammenhang nicht mehr velwechsern, sie sind zu einem allgemein akzeptierten Nullsummenspiel verkommen.

Die Rauchsäulen über Hamburg waren ein lang vermißtes Fanal. Hier ging es nicht um eine Veränderung der gesellschaftlichen Zustände, hier war nichts vordergründig „politisch“, hier ging es im Kern um das Aufbegehren gegen das Große Schweigen, um eine Lehrstunde für den Kampf gegen eine als tot empfundene Gesellschaft, die den Symbolen ihrer Konsumgläubigkeit einen größeren Wert beimißt als ihrem tatsächlichen Sein. Es ging um die Rückkehr des Feuers & der Zerstörung in eine Gesellschaft, die das elementare Empfinden ihrer Existenz nicht mehr wahrnimmt & deren Bewußtsein sich im Nihilismus der Moderne erschöpft. Die Rauchsäulen über Hamburg verdeutlichten die Möglichkeit des Kriegerischen, die Existenz des Totgesagten, des überwunden Geglaubten, des Atavistischen & die vollkommene Hilflosigkeit der in der Dekadenz untergehender Reiche Gefangenen. Das Feuer & die Zerstörung sind weder lechts noch rinks. Sie sind Teil des menschlichen Wesens, der schamlos Verletzten & Ausgesonderten, der nicht Normierbaren & derer, die das Leiden an der eigenen Hilflosigkeit beenden wollen. Sie sind Einbruch der Natur in die sog. Zivilisation.
Nach den Morgennachrichten legte ich, auf ein klein wenig zynische Weise ausgesprochen gut gelaunt, eine Platte auf. Richard Wagner, Ring des Nibelungen, erster Teil, Das Rheingold, Schlußszene. Loge, der Herr des Feuers, eine der ambivalentesten Gestalten des nordischen Götterpantheons, singt dort:

Ihrem Ende eilen sie zu,
die so stark im Bestehen sich wähnen.
Fast schäm‘ ich mich, mit ihnen zu schaffen;
zur leckenden Lohe mich wieder zu wandeln,
spür‘ ich lockende Lust.
Sie aufzuzehren, die einst mich gezähmt,
statt mit den Blinden blöd‘ zu vergehn,
und wären es göttlichste Götter!
Nicht dumm dünkte mich das!
Bedenken will ich’s: wer weiß, was ich tu’!“ (7)

Das nächste Mal werde ich diese Szene am Abend des 24. September hören, direkt nach der ersten Hochrechnung.

 

Anmerkungen:

(1)  ZDF Politbarometer vom 21. Juli 2017 ( https://www.zdf.de/politik/politbarometer/deutlicher-vorsprung-von-merkel-stabilisiert-sich-102.html )

(2)  Robin Alexander, Die Getriebenen, John Verlag Nürnberg, 2017

(3)  Thomas Hürlimann: Demokratie jenseits der Mehrzahl, Neue Zürcher Zeitung vom 17. Juli 2017 ( https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/politik-und-theater-demokratie-jenseits-der-mehrzahl-ld.1305879 )

(4)  . . . ums Ganze!, Zum G20 in Hamburg: Ketten sprengen – Hafen lahmlegen!
( https://umsganze.org/zum-g20-in-hamburg-ketten-sprengen-hafen-lahmlegen/ )

(5)  Heribert Prantl: Grundrechte snd kein abstrakter Kokolores, Süddeutsche Zeitung vom
9. Juli 2017 ( http://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-grundrechte-sind-kein-abstrakter-kokolores-1.3580097 )

(6)  Götz Kubitschek: Zehn Thesen zu Boris Palmer, Sezession im Netz, 12. Mai 2017
( https://sezession.de/57251/zehn-thesen-zu-boris-palmer )

(7)  Richard Wagner, Das Rheingold, 4. Bild

 

 

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Juli 1

Traumzeit

. . . Spaziergänge an den Abbrüchen der Wirklichkeit . . . 

 

Treffpunkt:

 

„Mit Träumen meinen wir den Glauben, dass diese Wesen vor langer Zeit die menschliche Gesellschaft begannen – sie fertigten alle natürlichen Dinge und legten sie an einen besonderen Platz. Diese träumenden Wesen waren mit besonderen Orten oder Wegen und Pfaden verbunden. An vielen Stellen verwandelten sich diese Wesen selbst in Orte, in denen ihr Geist dann verblieb. Aborigines haben eine besondere Verbindung mit allem was natürlich ist. Aborigines sehen sich selbst als Teil der Natur … Es stimmt, dass Menschen, die zu einem bestimmten Gebiet gehören, wirklich Teil dieses Gebietes sind und dass, wenn dieses Gebiet zerstört wird, sie auch zerstört werden.“

Aborigines, Australien, Interview auf www.survivalinternational.de

 

Wann ist ein Land ein verwüstetes, seine Menschen verloren & das, was sie vorgaben zu sein, vergessen ? Läßt sich der Zeitpunkt bestimmen, an dem die Bedeutung dessen, was gesagt & gedacht wurde, zu dem verfiel, was gesagt & gedacht werden darf ? Wohl ahnend, daß es nicht um physisches Erodieren geht, sondern um das Verschwinden geistig seelischer Wahrnehmung, dem in toto komplexere Verheerungen folgen als dem katastrophenbedingten Absterben weiter Landstriche, könnte im Leser die Möglichkeit aufscheinen, es gäbe ein Absterben in weit größerer Tiefe als das Verwehen nicht länger knickgeschützter Äcker & Wiesen. Die Zusammenhänge sind in ihrem Verhältnis zur Masse subtil & unbemerkt, ein subkutaner Wandel am Rande der Gleichgültigkeit, deren Aufmerksamkeit sich in den Einöden der Digitalisierung verliert & die, die sehen könnten, zu sedierten Zombies mutieren läßt. Auch dies ein Prozeß einer weiteren, nicht einmal freiwilligen, weil unentschieden, jedoch wie selbstverständlich vollzogenen Unterwerfung.

 

Aussichtspunkt I:

 

„1934 erschien Revolte gegen die moderne Welt (Rivolta contro il mondo moderno), das als Evolas Hauptwerk gilt. Dieses umfangreiche Buch entwickelt eine Doktrin, die wie das seitenverkehrte Negativ zur Ideologie des Fortschritts wirkt. Danach ist die gesamte Menschheitsgeschichte eine Geschichte des langsamen Niedergangs und Verfalls, in der die männlichen und solaren Prinzipien der hyperboräischen Urtradition zunehmend in Vergessenheit geraten seien. Diese Geschichtsmetaphysik basiert auf einer zyklischen Vision des geschichtlichen Werdens und auf der traditionellen Lehre von den vier Zeitaltern.
Die moderne Welt entspricht dem Kali-Yuga, der Wolfszeit, die das Ende eines Zyklus beschließt. Die evolianische Vision der Welt ist zutiefst elitaristisch und stellt ein organisches Modell der Hierarchie in den Mittelpunkt, das von einer Polarität zwischen oben und unten, hochstehend und minderwertig geprägt wird. Evola stellt die Welt der Tradition, wie sie in der Antike geherrscht hat, in scharfer Opposition der modernen Welt gegenüber, die er als eine lange Involution beschreibt, charakterisiert durch den Aufstieg dämonischer und »unter-menschlicher« Kräfte, deren Tiefpunkte in seinen Augen die Demokratie und vor allem der Kommunismus sind.“

Staatspolitisches Handbuch, Band 3, Vordenker, Hrsg. Karlheinz Weißmann & Dr. Erich Lehnert, Verlag Antaios, Schnellroda 2012

Steilufer Brodten
Steilufer Brodten

 

Route A:

 

Am Nordwestufer der Lübecker Bucht erstreckt sich zwischen Lübeck – Travemünde & dem Ostseebad Niendorf eine Steilküste, das Brodtener Ufer. Oberhalb dieses Ufers führt ein malerischer Wanderweg knapp vier Kilometer vom Ausflugscafe´ Hermannshöhe bis nach Niendorf. Er bietet nicht nur einen wunderschönen Blick auf die rechter Hand gelegene Lübecker Bucht, sondern auch auf das in dieser Richtung leicht abschüssige Steilufer. In den letzten 20 Jahren beschleunigte sich der Prozeß des Uferabbruchs, bedingt durch zunehmende Stürme derart, daß immer mehr der verbliebenen Bäume am Steilufer ihren Halt verloren & auf den Strand stürzten. Auch mußte der Abriß eines Hauses seinem sicheren Absturz zuvorkommen. Warntafeln verweisen auf die Gefahren einer zu dichten Annährung an die Bruchkanten, derweil der Wanderweg ständig nach links verschoben werden mußte, wo er sich immer weiter in die Wiesen & Felder uralter Landwirtschaft hineinfraß. An Tagen unter der Woche & außerhalb der Ferien, am besten im Frühjahr, Herbst oder Winter, wenn kaum jemand hier anzutreffen ist außer dem Wanderer, der die Einsamkeit, das Meer & den Wind liebt, ermöglicht dieser Weg durchaus tiefe & metaphorische Einsichten. Das Abbrechen des Ufers, das so oft als ein rettendes beschrieben wurde, ein naturgegebener Vorgang von hoher Endgültigkeit, spiegelt sich in den Gedanken des Wanderers mit den zahllosen künstlichen Brüchen, die ungefragt & deswegen umso selbstverständlicher als alternativlos bezeichnet, allenthalben vollzogen werden. An den Hängen der Steilküste brüten unzählige Schwalbenvögel, weitere, in den Städten selten gewordene Singvögel, leben in den Busch- & Baumhainen auf & inmitten der Felder, an stillen Tagen übertönt ihr Rufen & Singen das gemächlich an den Strand plätschernde Meer.

Schon immer war den Menschen der Vogelzug, das Auftauchen fremder Arten & auch ihr Verschwinden, Anlaß zu eher mythischer Ausdeutung & Betrachtung. Stets gingen diese Prozesse einher mit sich subtil einstellenden Veränderungen, zuweilen ergaben sich in unmittelbarer zeitlicher Abfolge & Nähe größere Umwälzungen, Katastrophen, Hungersnöte & andere entschiedene Einschnitte ins gewohnte hergebrachte Gefüge. Ernst Jünger widmet in seiner Schrift An der Zeitmauer (1) diesen Vorgängen, Zusammenhängen & Ausdeutungen das gesamte erste Kapitel. Der moderne Mensch hingegen hat den Kontakt zur Natur, ihren inneren Ausprägungen & Zusammenhängen, sowie deren Parallelismen mit dem Leben der Menschen innerhalb des Weltenlaufs in der Regel jedoch weitgehend verloren. Überwiegend gleichgültig & somit ahnungslos steht der urbane Mensch des 21. Jahrhunderts der Natur & ihren immer währenden Abläufen & Bezügen gegenüber, & hat sowohl die Fähigkeit, wie auch den dafür nötigen Instinkt, zu Sehen, zu Deuten & zu Verstehen, in der Regel eingebüßt. Das Alte Wissen, über Jahrtausende erworben & weitergegeben, wird nunmehr von der Interpretation des Geschehens durch die empirische Wissenschaft bestimmt. Daß diese lediglich die Rahmenbedingungen ihrer eigenen Existenz definiert & somit an sich selbst verifiziert, indem sie die Methodik ihrer Erkenntnisse festlegt, & alles, was aus diesem Rahmen herausfällt, bzw. innerhalb desselben nicht erkannt werden kann, als unwissenschaftlich & somit nicht existent diffamiert, wird weit allgemein akzeptiert & zum Maßstab eines einzig relevanten Wissens erhoben. Die Sehnsucht des Menschen, sich die Welt, die er mehr oder weniger desinteressiert bevölkert, verständlich zu machen, zu analysieren & sich der Hybris hinzugeben, es gelänge, sie sich Untertan zu machen, vergrößert die Distanz zu ihrem tieferen Erleben & verhindert so eine Sicht- & Verständnisweise, die außerhalb von Hightechlaboren & Megabyte – Rechnern längst in Vergessenheit geraten ist. Die Reduktion des Weltgeschehens auf eine nicht mehr überschaubare Flut von Informationen verhindert zuverlässig jedes über den Datenfluß hinausgehende Wissen, da eine kognitive, vor allem jedoch emotionale Verarbeitung der Informationsflut dem menschlichen Gehirn nicht möglich ist. Information kann deswegen stets nur ein kleiner Teil unseres Wissens sein. In Zeiten, in denen der Mensch immer weniger bereit ist, sich dem Hamsterrad des sog. technischen Fortschritts zu verweigern, erlebt er selbst sein Scheitern in diesem Rad. Der kleine Fehltritt, das nahezu unbemerkte Stolpern, reicht aus, ihn aus der Bahn zu werfen & zu einer herumwirbelnden Ansammlung von Kohlenwasserstoffmolekülen zu machen. Er reduziert sein Scheitern jedoch letztlich nur auf einen Mangel an Information & keineswegs als die Unmöglichkeit kultureller & somit wirklich humaner Entwicklung, mit dem ständig breiter & schneller werdenden Datenstrom mitzuhalten. So wird die angeblich unaufhaltsame Digitalisierung die Menschen sich selbst & ihrer eigenen Spezies entfremden & sie zu Sklaven einer zunehmend unverständlichen & somit zugleich unbeherrschbaren Technik werden lassen, in deren Herrschaft es nur noch eine unberechenbare & somit unzuverlässige Komponente geben kann, nämlich den Menschen selbst. Die daraus zwangsläufige, stetig sich entwickelnde & zügig voranschreitend betriebene Formatierung der Maschinenperipherie, zu der sich der moderne Mensch selbst degradiert, fordert Konsequenzen im gesellschaftlichen & somit politischen Bereich, denn nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hat es in kürzerer Zeit einen tiefgreifenderen technologisch bedingten Wandel gegeben, als dessen Folge sich die Persönlichkeitsdefinition durch digitale Geräte & Netzwerke über das hergebrachte soziale Gefüge & emotionale Erleben erhoben hat.

 

Aussichtspunkt II:

 

„Spatzen gehören, ähnlich wie Saatkrähen, zu den Vögeln, die das ganze Jahr über in hochkomplexen sozialen Gruppen leben. Darin kann man einen Faktor für ihren bisherigen Erfolg sehen. Denn wie sich experimentell zeigen ließ, lösen Spatzen Problemstellungen wie das Öffnen von verschlossenen Nahrungsquellen beispielsweise zu sechst wesentlich schneller und auch besser, als wenn sie nur zu zweit ans Werk gehen. Es scheint bei Spatzen so etwas wie einen sozialen Faktor zu geben, der mit einer gewissen Gruppengröße zusammenhängt. Wie groß die im Einzelnen bei der Brut, bei der Futtersuche oder während des Schlafes sein muss, ist schwer zu benennen und noch schwerer zu beweisen. Wenn aber ein bestimmte Zahl unterschritten wird, kommt eine Population zum Erliegen. Das hat sich am Beispiel der Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen amerikanischen Wandertaube gezeigt. Die Wandertauben, einst die wohl zahlreichste Vogelart überhaupt auf der Welt, starben aus, weil sie durch hemmungslose Verfolgung stark dezimiert wurden und dadurch gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine kritische Populationszahl unterschritten hatten. Danach pflanzten sie sich einfach nicht mehr fort und ließen sich trotz aller Bemühungen auch in Zoos nicht mehr züchten. Unter Spatzen könnte ein ähnlicher Mechanismus existieren. Das könnte zumindest das fast vollständige Verschwinden der Vögel in den Parks von London erklären. Wenn sich das bestätigt, dann sähe es auch für die Spatzen in anderen Metropolen finster aus.“

Cord Riechelmann, Ein Spatz kommt selten allein, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.6.2017

Gemeinde Rosengarten, Steinkreis
Gemeinde Rosengarten, Steinkreis

 

Route B:

 

Warntafeln gänzlich anderer Art als die weiter oben beschriebenen, finden sich seit einigen Jahren außerhalb der abgeschiedenen Küsten besonders im urbanen Einflußgebiet zuhauf & Allerorten. Sie sind vornehmlich bunt, zuweilen aus Pappe, sie werden an Bahnhöfen den Fremden entgegengehalten, manche flackern über die Bildschirme heimischer Rechner, andere starren eng bedruckt den Leser der großen Zeitungen an, wieder andere werden Vielerorts von Vertretern sog. Parteien propagiert. Ihnen gemein ist die Aufforderung, das Angestammte, Hergebrachte & dessen Pfade zu verlassen, das Vertraute & scheinbar Sichere aufzugeben, das Unbekannte, Fremde & Erobernde an- & aufzunehmen & sich pflichtschuldigst von Jenen fernzuhalten, die dies als einen zerstörerischen Prozeß & rechtsfernen Akt ansehen. Der ursprünglichste aller Gründe, der Wunsch, als Individuum & als kultur- & geschichtsgebundene soziale Gemeinschaft, als Volk & Nation, zu überleben, wird zu einer unmenschlichen Abnormität erklärt. Der Begriff der Identität ist dadurch zu einem Unwort, einem zu überwindenden Makel & vielfach denunzierten Wert verkommen, dessen Abschaffung jedoch unabwendbar erscheint, auf dem Weg zu einer selbstvergessenen Weltgesellschaft, einem freien & grenzenlosen Waren-, Dienstleistungs- & Personenaustausch. Über die Hintergründe, die sich dort Exponierenden, die Profiteure & Propagandisten, sowie ihre Beweggründe hat Martin Lichtmesz in der Sezession einen hervorragend recherchierten & umfänglich belegten Artikel  geschrieben (2). Innerhalb der hergebrachten politischen Koordinaten bedeutet dies, daß die zentralen Forderungen des Neoliberalismus vor diesem Hintergrund als links zu gelten haben, ohne daß dies von der naiven, sich ebenfalls derart verortenden Masse der Identitätsverächter als Widerspruch bemerkt würde.
Jede Zeit der Menschheitsgeschichte kannte ihre Prediger, oft genug zwielichtige Halsabschneider, Exponenten kurioser Sekten, wankelmütig labile Jünger unterschiedlichster Ideologien oder halbirre Anhänger zweifelhafter Glückseligkeitspropheten. Die zeitkongruenten Figuren heißen neuerdings Experten, um zu suggerieren, sie handelten nicht im Auftrage ihrer Herren & Meister, nicht als deren willige Geschöpfe & Zauberlehrlinge, sondern, losgelöst vom politisch – ökonomischen Gefüge im Sinne eines höheren, quasi neutralen Wissens. Man wähnt sich also ausgestattet mit den Weihen des Makellosen, Unangreifbaren, des Wahren & Tatsächlichen. Vorsicht ist geboten, ihrem Auftreten ist mit äußerster Wachsamkeit zu begegnen, genau zu Hören ist Voraussetzung, ihnen nicht auf den Leim zu kriechen. Zu verlockend, zu unausweichlich zutreffend erscheint ihre Botschaft, zu umfänglich & wohlbegründet ihre Argumentation. Ihre Waffe ist die Sprache, die sie ihrer originären inhaltlichen Bedeutung berauben, die sie, im selbstgewissen Ton der Unumkehrbarkeit ihrer Sätze, zu einem Instrument einer allzu einfachen & dem bewahrenden Geist leicht durchschaubaren Zwinge ausformen. Der Status des „Experten“ läßt Widerspruch nicht zu, es wird ihnen Redlichkeit unterstellt & jede Lüge & Verdrehung als akademisch grundiertes Wissen abgenommen. Ein wohlfeiler Begriff soll an dieser Stelle reichen, das Gesagte zu verdeutlichen. Wenn die Apologeten derart blumiger & hohler Begriffe wie Weltoffenheit, Vielfalt oder Multikulturalismus von Demokratie sprechen, dann meinen sie damit lediglich – & dies sehr explizit – einen diktatorischen Impuls, der jede andere, abweichende, nicht einverstandene Meinung als unzulässig & vorwerfbar, als letztlich menschenfeindlich diffamiert. In dieser Form hochentwickelter Gedankendiktatur braucht es keine uniformierten Fackelzüge, keinen stiefelbesetzten Gleichschritt, denn eine sich willig selbst lobotomisierende sog. Zivilgesellschaft reicht als Wegweisung in den gesellschaftlichen Hypermoralismus vollkommen aus. Ein anderes Lieblingswort dieser Leute ist der Begriff der Toleranz, der in seinem inquisitorischen Diktum bestrebt ist, das Erdulden jeglicher dem freien Verstand widerläufiger Zumutungen zu ertragen. Der von der Regierungschefin dieses Landes geprägte Begriff der Alternativlosigkeit macht hingegen, wie wenige andere Wort- & Sprachkarrikaturen deutlich, in welchem Maße die Gleichgültigkeit der Beherrschten, ihre Bildungs- & Bindungslosigkeit, ihre Abgestumpftheit, ihre Geschichtsvergessenheit & die glückselig dahindämmernde Selbstbezogenheit eine Gesellschaft zu mehrheitlich zuverlässig sedierter Geistlosigkeit & Unterwerfung geführt hat. Die verbliebenen Verstandesbegabten hingegen werden diffamiert bis hin zu gerichtlich abgesegnetem Rufmord & dem Angriff auf ihre materielle & soziale Existenz (3). Die deutsche Schriftstellerin Monika Maron hat diesen Paradigmenwandel in einem brillianten & sehr persönlichen Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (4) beschrieben. Andere schweigen, kollaborieren, leisten Widerstand oder betreiben die Sezession von einer Mehrheitsgesellschaft, die nicht länger die ihre sein kann.

 

Aussichtspunkt III:

 

„Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“
Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch.
„Ich komme zu früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“
Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet:
„Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Reclam Verlag, Leibzig 1990

Weimar, Goethe´s Gartenhaus, Weltenkugel
Weimar, Goethe´s Gartenhaus, Weltenkugel

 

Route C:

 

Grenzenlos, also entgrenzt ist das Schicksal derer, die ins Offene fallen. Rückbesinnend auf den Weg am Steilufer bedeutet dies, die letzten flachen Zäune zu übersteigen, sie möglichst abzubauen & nahe genug an die Abbruchkante heranzutreten, nicht gezwungenermaßen, sondern vorgeblich freiwillig, um sich sodann freudig in die Tiefe zu stürzen, oder sich von der abbrechenden Lehmkante auf den Strand werfen zu lassen. In manischer Selbstgewißheit, in sakral anmutender Verzückung, für die Schuld der Väter das eigene Überleben auf dem Altar eines Weltgeistes zu opfern, dessen umfassende Ausbeutungsphantasien hinter einer bunten & fröhlichen Maske der Diversität unentdeckt bleiben, vollziehen sie einen bizarren & selbstmörderischen Reigen. Als Trost für den Opfergang hält man für sie das Heils- & Erlösungsversprechen einer vorgeblich gerechteren Welt bereit & läßt sie sich siegesgewiß in den Abgrund stürzen. Diese Art suizidaler Entgrenzung & Haltlosigkeit als Fortschritt zu deuten, den Verlust des Eigenen zur kulturellen Erfolgsgeschichte umzuwidmen, ist weder naturgegeben noch historisch beleg- & begründbar, sie ist vielmehr das Ergebnis einer sich in rasanter Geschwindigkeit ausbreitenden Entfremdung.
Die Geschichte der sog. Neuzeit ist, auch wenn man sie auf den hiesigen Kulturkreis beschränkt, eine Geschichte heftiger Erschütterungen, Umbrüche & Katastrophen. In unmittelbarer Folge der Reformation & als ihr erklärter Bastard dezimierte der Dreißigjährige Krieg durch Zerstörung, Hunger & Krankheit in einigen Gebieten bis zu Zweidrittel der Bevölkerung. Die Französische Revolution ertränkte die Aufklärung im Blut der Massenhinrichtungen auf der Guillotine, & wiederum als deren Folge, verwüsteten die Napoleonischen Kriege weite Teile Europas. Die Alte Ordnung endgültig zu zerschlagen blieb hingegen dem Ersten Weltkrieg, &, als dessen Resultat, dem Zweiten Weltkrieg vorbehalten. Das Schlachten & Morden erlebte in der industriellen Massentötung ganzer Volksgruppen durch den Nationalsozialismus & im Terror-, Hunger- & Gulagsystem des Kommunismus einen bislang unbekannten Höhepunkt. Die apokalyptische nukleare Bedrohung erzwang einen latent bedrohten Frieden zumindest auf den Schlachtfeldern.
Der endgültige Fall der Alten Ordnung hat, zumindest in diesen Landen, eine bislang unerreichte Spanne des Friedens zur Folge, seit nunmehr 72 Jahren hat es in Europa keinen Krieg mehr gegeben & selbst historische Erschütterungen wie der Zusammenbruch des Kommunismus oder die Scharmützel in der Ukraine verliefen regelrecht geräuschlos. Der Preis dafür ist allerdings hoch & vielfältig, wenn er auch der Masse weitgehend verborgen bleibt. Immer noch sind es Wenige, deren Aufbegehren gegen die Moderne & die Abschaffung einer hergebrachten natürlichen Ordnung wahrnehmbar wird. Der Ruf der Französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit & Brüderlichkeit hat zu einer Vielzahl innerer Verwerfungen & zu einem nihilistisch – anarchischen, jeden Vergangenheitsbezug umwertenden bzw. auslöschenden Gesellschaftsrudiment geführt, dem Fäulnis & Zerfall als treibende Kräfte inhärent geworden sind. Der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten des technischen Fortschritts, der Tanz um das Goldene Kalb des enthemmten materialistischen Hedonismus & die inhaltsleere Beschwörung sinnfreier Werte der sog. Moderne wirken wie subkutanes Gift gegen eine Gesellschaft, deren eng begrenzter Horizont eine Lösung ihrer fundamentalen Probleme & verdrängten Ängste zuverlässig & absichtsvoll verhindert.
Die Entfremdung des Menschen von sich selbst & seiner Geistes- & Kulturgeschichte geht einher mit dem unreflektierten Machbarkeitswahn & der vollkommen unbeweisbaren Behauptung, für jedes Problem werde schon eine Lösung gefunden werden. Die Unfähigkeit des westlichen Menschen, in langen Zeiträumen zu denken, sich selbst als Teil eines viele Zeitalter umfassenden Entwicklungsprozesses zu begreifen & somit eine darauf beruhende, von Erkenntnis getragene Standortbestimmung & Entwicklungsreflexion auch nur im Ansatz vornehmen zu können, entbindet keineswegs von der Tatsache, als Teil dieses Prozesses & seiner Geschichte für die Folgen ihrer Mißachtung verantwortlich zu sein. Die Entfremdung des Menschen von sich selbst geht demnach einher mit einer zügellosen Verantwortungslosigkeit, die das Machbare zum Maßstab des Handelns erhebt. Dies öffnet jeglicher Widernatürlichkeit, jeder Gott – Losigkeit sämtliche Schranken. Nietzsches Ausruf Gott ist tot ! mag neuerdings als emanzipatorisches Diktum im Sinne Kants, also als Aufruf, die selbstgewählte Unmündigkeit zu verlassen, verstanden werden. Es darf hingegen unterstellt werden, für Nietzsche´s Mahnung dürfte das Gefühl des Verlustes einer über – menschlichen Institution als Wächter, Richter & Mahner, als Sinnbild einer Moral vor allem, die der des Menschen zwangsläufig überlegen sein muß, Hintergrund des Aufbegehrens sein. Die Figur des „tollen Menschen“ (5) ist demnach philosophisch – literarischer Statthalter des eigenen Leidens am Gottestod, gegen die Zumutung & den Schmerz der Gottlosigkeit verständlich. Das Denken innerhalb uralter unabänderlicher Natur- & Gottesgebote wird ersetzt durch das Gefühl, jegliches Gesetz zu negieren, die Folgen seiner Mißachtung zu ignorieren & Gott zu leugnen, selbst dann, wenn man unter Gott lediglich eine moralisch – ethische Institution zu sehen bereit ist.

 

Aussichtspunkt IV:

 

„Für uns dagegen gilt, was in allen großen Traditionen galt: daß das Leben nicht Geist ist, und der Geist nicht Leben, daß aber der Geist dem Leben die Form gibt; und daß, was im Leben tatsächlich höheren und bezwingenden Ausdruck gewinnt, dies nicht vom Leben herkommt, sondern vom Geiste, der durch das Leben oder vermittels des Lebens sich offenbart, d.h. von etwas Übernatürlichen. Hat man in diesem Sinne das wahre Zentrum erkannt, so ist die erste Vorbedingung zu jeder wahren Überwindung, daß man das Eigenbewußtsein, das Ich – Gefühl stufenweise vom Pole Leben zum Pole Geist hin führt. Nun aber wirken heute die voluntaristischen, aktivistischen, irrationalistischen Tendenzen genau im entgegengesetzten Sinn: indem sie in jeder Weise das rein physische und vitale Ich – Gefühl verstärken, verstärken sie gleichzeitig das Gefängnis des Ichs, führen sie zu einer Erstarrung, einem Auftrumpfen, einer verrohten und entgeistigten Auffassung des Willens und der Individualität, der Gesundheit und der Macht, was ebenso vielen Hemmnissen für die innere Emanzipation gleichkommt. Hier bleiben die Stromkreise geschlossen. Es fehlt der Bezugspunkt für das Sichverwandeln des Intensiv – Lebens, des Mehr – Lebens in ein Mehr – als – Leben. Der Übermensch reicht nicht über die schöne bezwingende Bestie oder den Dämon Dostojewskij´s, diese Reduktion Nietzsche´s ins Absurde, hinaus. Hat die – innerlich – heraufbeschworene Intensität nicht die Möglichkeit, in etwas zu münden, so kann sie nur in einer übertriebenen, zerreißenden Spannung stattgeben, jener stummen Tragödie, die das Titanische immer mit sich bringt.“

Julius Evola, Überwindung des „Übermenschen“, Aufsätze & Artikel, 1936

Strand & Steilufer Brodten
Strand & Steilufer Brodten

 

Route D:

 

Dem Machbarkeitswahn zur Seite steht die ebenfalls vollständig unreflektierte Forderung nach einer allgemeinen Gleichheit. Schon ein kleiner Blick in die Natur oder in eine beliebige Schulklasse lehrt, daß es keine Gleichheit gibt. Wenn über die höchst zweifelhafte Phrase der Chancengleichheit nun versucht wird, die tatsächliche Gleichheit zu gewährleisten, führt das zwar zu einer gewissen Angleichung, die allerdings lediglich zum Preis der formalen & inhaltlichen Nivellierung der tatsächlich ja weiterhin bestehenden Ungleichheit vollzogen werden kann. Gleichheit kann also allenfalls vor dem formal fixierten Gesetz bestehen, niemals jedoch innerhalb einer Gesellschaft. In der Anerkenntnis der Ungleichheit einen größeren Fortschritt zu sehen als in seiner manisch – ideologischen, mit fadem Humanismus verbrämten Nivellierungseuphorie, wäre ein Schritt gegen die irreversible Entmenschlichung. Gegenwärtig erleben wir jedoch in der Gleichstellung des Widernatürlichen mit dem tatsächlich Natürlichen in vielerlei Hinsicht das Schaffen neuer Ungleichheiten im Namen ihrer behaupteten Bekämpfung. Hingegen ist die überlebensnotwendige Schaffung einer tatsächlichen Elite, die die geistigen, historischen & moralisch – ethischen Fähigkeiten besitzt, Wege aus der tiefgreifenden Krise zu erwägen, aufzuzeigen & zu beschreiten, weder innerhalb des bestehenden Systems, noch mit dem Entwicklungszustand der Mehrheitsgesellschaft zu verwirklichen. Die Behauptung der Freiheit beschränkt sich dergestalt auf die Freiheit des Materialismus, des Konsums & des schrankenlosen Hedonismus, dem Begriffe wie Verzicht, Auslese & Hierarchie Wortschöpfungen aus längst überwunden geglaubten  finsteren Zeiten sind. Der auf diesem pervertierten Freiheitsbegriff beruhende Individualismus erweist sich als eine Selbsttäuschung für die freiwillige Unterwerfung unter einen gleichgeschalteten Normierungszwang.

Wie bei vielen gerade aktuellen sog. zivilisatorischen Errungenschaften steht am Ende als Ergebnis lediglich das Leugnen des menschlichen Seins an sich & dessen Umwidmung in einen transhumanen Chipträger, der das trostlose Ende andauernder Fortschrittsbehauptung darstellt. Diese bislang weitgehend unwidersprochene Entwicklung wird vor allem eines bedeuten: das Ende der Moderne. Entweder der Mensch wird sich gegen die Maschinen erheben, oder die Maschinen werden sich gegen den Menschen wenden. Im ersten Falle wird das Dasein des Menschen von einer stark hierarchisch geprägten vormodernen Gesellschaft geprägt werden, in der diejenigen reüssieren werden, deren Instinkte sich als reanimierbar erweisen & die das Wissen der Altvorderen zu bewahren wußten. Im anderen Fall wird der Sieg der Maschinen den Untergang des Menschen als selbstbestimmtes Wesen, wenn nicht als Art endgültig besiegeln.

 

Ankunftsort & Aussichtspunkt V:

 

„Es gibt eine Traumzeit-Geschichte, die weit zurückreicht. Sie erzählt von den Weisen oder Stammesheilenden von einst. Früher vermochten sie in ihre besonderen Kristalle hineinzugehen. Sie sahen Bilder der Vergangenheit, Bilder von Dingen, die gerade jetzt, weit weg geschehen, und Bilder der Zukunft. Einige der Bilder der Zukunft erfüllten die Alten mit Furcht. Sie sahen eine Zeit, in der die Farbe der schwarzen Menschen blasser und blasser zu werden schien, wie die der Steine, bis überall in Australien nur noch die weißen Gesichter von den Geistern der Toten zu sehen waren. Die Aborigines verbinden weiße Haut mit Toten, da wir alle nach dem Tod zu weißen Skeletten werden. Als zum ersten Mal Weiße nach Australien kamen, vermeinten die Schwarzen, Geister von toten Menschen zu sehen, die in ihr altes Land zurückkehren, und hießen sie willkommen. Das Traumzeit-Gesetz besagt, daß die Lebenden Zeremonien abhalten und den Geistern der Toten helfen müssen; den Weg in den Himmel zu finden, wo die toten Geister leben. Die Zeremonien brachten die weißgesichtigen Menschen nicht ins Reich des Todes; vielmehr haben die Weißen das Reich des Todes auf die Erde gebracht.“

Robert Lawlor, Voices of the First Day, deutsch: Am Anfang war der Traum, 1991

 

Anmerkungen:

(1)  Ernst Jünger: An der Zeitmauer, Verlag Klett – Cotta, Stuttgart 1959

(2)  Martin Lichtmesz: Martin Schulz und die Feinde der Demokratie, Sezession im Netz, 3. Februar 2017

(3)  Stellvertretend seien hier genannt: Jörg Barberowski (Historiker & Autor), Akif Perinci (Schriftsteller), Rolf Peter   Sieferle (Historiker & Kulturphilosoph), Rüdiger Safranski (Philosoph & Autor) & Reinhard Jirgl (Schriftsteller, Büchner Preis -Träger). Zu den Genannten gibt es im weltweiten Netz eine Fülle von Artikel, Zitaten, Hintergründen & Quellen.

(4)  Monika Maron: Links bin ich schon lange nicht mehr, Neue Zürcher Zeitung, 1. Juli 2017.

(5)  Figur aus Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Reclam Verlag, Leibzig 1990

Mai 23

Marionetten

. . . einige kurze Anmerkungen darüber, daß eine Zensur nicht stattfindet . . .

 

eins . . .

„Wer Gutes tut, dem wird vergeben
So seid recht gut auf allen Wegen
Dann bekommt ihr bald Besuch
Wir kommen mit dem Liederbuch

Wir sind für die Musik geboren
Wir sind die Diener eurer Ohren
Immer wenn ihr traurig seid
Spielen wir für euch

Wenn ihr ohne Sünde lebt
Einander brav das Händchen gebt
Wenn ihr nicht zur Sonne schielt
Wird für euch ein Lied gespielt

Wir sind für die Musik geboren . . .

Wenn ihr nicht schlafen könnt
Sei euch ein Lied vergönnt
Und der Himmel bricht
Ein Lied fällt weich vom Himmelslicht

Wir sind für die Musik geboren . . .“

Ein Lied / Rammstein

 

Am 17. März 1951 erklärte Otto Grotewohl, Ministerpräsident der DDR, vor dem V. Plenum des Zentralkomitee´s der SED Folgendes:
„Literatur und bildende Künste sind der Politik untergeordnet, aber es ist klar, dass sie einen starken Einfluss auf die Politik ausüben. Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen.“
Im Rahmen des Kulturkampfes, den die Führung der DDR in den Jahren nach dem Mauerbau ausgerufen hatte, um den „westlichen Formalismus“ aus dem kulturellen Schaffen von Künstlern, Schriftstellern & allgemein Kulturschaffenden in der DDR zugunsten eines „sozialistischen Realismus“ zurückzudrängen, erklärte Walter Ulbricht, Vorsitzender des Staatsrates der DDR, auf dem XI. Plenum des ZK der SED im Dezember des Jahres 1965:
„Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“ (Originalzitat – Anm. d. Verf.)
Unschwer zu erkennen ist die Zielrichtung dieses Ausspruchs, der sich gegen die auch in der DDR immer beliebtere westliche Rock- & Popmusik richtete. Auf diesem Plenum, bei dem es eigentlich um die neue ökonomische Politik der DDR gehen sollte, kam es zu scharfen Angriffen auf die Kulturschaffenden, bei denen sich insbesondere Erich Honnecker, zu der Zeit Sicherheitssekretär des ZK der SED, hervortat, der den Künstlern & Kreativen in der DDR u.a. Unmoral, Dekadenz, spießbürgerlichen Skeptizismus, Nihilismus & Pornographie, sowie Staatsfeindlichkeit vorwarf. In Folge wurden zahlreiche Theaterstücke, Bücher, Filme & Musikgruppen verboten.
Der bedeutende Historiker & Autor Wolfgang Leonhard, ein profunder Kenner der DDR, wie des gesamten sog. Ostblocks, zitiert Ulbricht in seinem 1955 erschienenen Buch „Die Revolution entläßt ihre Kinder“ mit folgendem Satz:
„Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

Am 24.August 2016 twitterte Justizminister Heiko Maas folgenden Text an die Band Feine Sahne Fischfilet : „Tolles Zeichen gg. Fremdenhass u Rassismus. Danke“

Die Band hatte an diesem Tage in Anklam in Mecklenburg – Vorpommern an einem „Konzert gegen Rechts“ teilgenommen, welches dort aus Anlaß der bevorstehenden Landtagswahl stattfand. Die Band mit dem bescheuerten Namen, die sich nach dem Tweet des Justizministers plötzlich von völlig falscher Seite gelobt sah, taucht allerdings im Jahre 2012 im Verfassungsschutzbericht des Landes M-V mit folgendem Vermerk auf:
„Die autonome Punkband FSF entfaltet neben ihrem musikalischen Wirken auch linksextremistische Aktivitäten – sie ist daher als politischer Zusammenschluss anzusehen. Die Gruppe versteht Gewalt als legitimes Mittel der Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten und verbreitet diese Ansicht auch.“ SPIEGEL – online gegenüber teilt das Innenministerium von M – V auf Anfrage mit: „Alle derzeitigen Bandmitglieder sind als Linksextremisten bekannt, einige von ihnen sind zudem durch linksextremistisch motivierte Gewaltstraftaten wie Landfriedensbrüche, Körperverletzungen und gefährliche Körperverletzungen in Erscheinung getreten.“

Ohne jeden Zweifel gehört die Band zur autonomen AntiFa Szene in M -V. In ihrem Lied „Gefällt mir“ heißt es: „Deutschland verrecke, das wäre wunderbar (…) Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck! Gib mir ein ‚like’ gegen Deutschland / Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck!“ Aus dem Song „Wut“ stammen folgende Zeilen: „Verweis mich aus der Stadt / Ich scheiß drauf was du sagst / Wer kein Rückgrat hat, der wird vereidigt auf den Staat / Lieber Hartz 4 beziehn, im Bett bis um 4 liegen / Bier trinken, Weed dealen, Speed ziehn / Als Geld im Staatdienst verdien / Das Martinshorn in meinen Ohren nervt / Ich habe mir nichts vorzuwerfen / Bin bei weitem nicht frei von Sünde / aber trete vor zum Werfen / Polizist sein heißt das Menschen mit Meinungen Feinde sind / Ihr verprügelt gerade wieder Kinder als wärens eure Eigenen / Ich trag lieber ein pinkes Designerhemd / Bettle am Bahnhof für ein paar Cent / Zieh lieber eine Line Zement als Down zu sein mit Rainer Wendt / Ich mach mich warm weil der Dunkelheitseinbruch sich nähert / Die nächste Bullenwache ist nur einen Steinwurf entfernt“

Derartigen Zeilen ist also der Dank des deutschen Justizministers gewiß.

Funkerbude an Bord der "MS Bleichen" im Hamburger Hafenmuseum
Funkerbude an Bord der „MS Bleichen“ im Hamburger Hafenmuseum (Photo: Heidrun Scholz)

 

zwei . . .

„Wir waren namenlos und ohne Lieder
Recht wortlos waren wir nie wieder
Etwas sanglos sind wir immer noch
Dafür nicht klanglos, man hört uns doch
Nach einem Windstoß ging ein Sturm los
Einfach beispiellos es wurde Zeit !
Los !

Sie waren sprachlos, so sehr schockiert
Und sehr ratlos, was war passiert
Etwas fassungslos und garantiert
Verständnislos: Das wird zensiert
Sie sagten grundlos; schade um die Noten
So schamlos, das gehört verboten
Es ist geistlos was sie da probieren
So geschmacklos wie sie musizieren
Ist es hoffnungslos – Sinnlos – Hilflos
Sie sind gottlos !

Wir waren namenlos, wir haben einen Namen
Waren wortlos, die Worte kamen
Etwas sanglos sind wir immer noch
Dafür nicht klanglos, das hört man doch
Wir sind nicht fehlerlos, nur etwas haltlos
Ihr werdet lautlos uns nie los !

Wir waren namenlos und ohne Lieder
Recht wortlos waren wir nie wieder
Etwas sanglos sind wir immer noch
Dafür nicht klanglos, man hört uns doch
Nach einem Windstoß ging ein Sturm los
Einfach beispiellos es wurde Zeitlos“

Los / Rammstein

Als am 21. April 2017 die neue Platte MannHeim der Band Söhne Mannheims mit ihrem Sänger Xavier Naidoo erschien, brach ein Sturm der Entrüstung los. Vor allem ging es hierbei um den Song „Marionetten“. Am 3. Mai 2017 erschien in der FAZ ein Beitrag von Leonie Feuerbach, in dem sie bereits in der Überschrift dekretierte, Naidoo habe „. . . eine Reichsbürger – Hymne geschrieben“. Danach folgt im weiteren Verlauf des Artikels eine Ansammlung von Halluzinationen der 30 – jährigen Redakteurin für Gesellschaft, denen man mit einer Mischung aus steter Belustigung ob ihres Bemühens um politisch korrekte Exekution Naidoo´s folgen kann, oder mit wachsender Wut aufgrund der dabei an den Tag gelegten Ahnungslosigkeit, mit der Feuerbach den Text mit jeder ihrer Zeilen eindrücklich bestätigt. Selbstverständlich wird auch das antisemitische Schlagholz hervorgeholt, weil sich´s doppelt halt besser totschlägt. Naidoo, seit Längerem als Rechts – kontaminiert verschrien & in medialer Quarantäne gehalten, textet im Refrain des Songs:

„Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein
Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht, ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter“

Es erfordert kein Übermaß an Phantasie auf derartige Zeilen zu kommen, angesichts der Tatsache, daß Parlament & Regierung sich seit Jahrzehnten standhaft weigern, den Lobbyismus im Parlament wirksam zu bekämpfen, Karenzzeiten beim Übergang von politischen Entscheidungsträgern in die Wirtschaft festzulegen, Nebeneinkünfte von Abgeordneten offen zu legen & vollständige Transparenz bei der Parteienfinanzierung einzuführen. Die Plattform „Abgeordnetenwhatch“ stellt auf ihrer Netzseite fest:

„Insgesamt 1103 Interessenvertreter haben seit 2013 über die Fraktionen Zugang zum Bundestag erhalten. CDU und CSU bewilligten mehr als doppelt so viele Hausausweise wie die übrigen Fraktionen zusammen. Auf einem Unions – Ticket gelangen u.a. der Rüstungskonzern EADS, der Axel Springer Verlag und die Frackinglobby ins Parlament.“

All dies ist keinesfalls neu. Neu ist allerdings die Behauptung, die Feststellung des allzu Offensichtlichen sei rechts & antisemitisch.

„Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht,
Werden wir einschreiten
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten“

Aus diesen Zeilen drechselt Frau Feuerbach zum einen den „rätselhaften“ Hinweis auf Kindesmißbrauch & Kritik an der sog. Lügenpresse. Dabei gehört das Verdrehen von Tatsachen zum Standartrepertoire jedes politischen Diskurses, & das nicht nur in Wahlkampfzeiten. Wobei angemerkt sei, daß der Begriff der Lügenpresse eh nicht zielführend ist, weil offensichtliche Lügen selten, Verdrehungen, vor allem jedoch Aus- & Weglassungen dagegen an der Tagesordnung sind. Auch verkneift die Autorin sich den Hinweis nicht, daß dies (Kindesmißbrauch – Anm. d. Verf.) „im rechtsextremen Spektrum“ ein „beliebtes Thema“ sei, „wo seit Jahren die „Todesstrafe für Kinderschänder“ gefordert wird“. Demnach ist Naidoo also ein Rechtsextremer, der für die Todesstrafe plädiert.

„Alles nur peinlich und so was nennt sich dann Volksvertreter,
Teile eures Volkes nennt euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter.
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid,
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid“

Der Bauer mit der Mistgabel ist seit den reformatorischen Bauernkriegen ein Symbol des Aufstandes der unterdrückten Hilflosen gegen eine übermächtig erscheinende Obrigkeit. In der politischen Ikonographie also ein eher weit links stehendes Symbol.

„Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein´ in die Finger krieg´, dann reiß ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen“

Pizzagate ist ein Begriff aus einer US – Verschwörungstheorie, nach der angeblich ein pädophiles Netzwerk existiert, das von einer Pizzeria aus einen Pädophilenring organisiert, dem diverse Politiker angehören, u.a. auch Hilary Clinton. Das ist natürlich Blödsinn. Kein Blödsinn allerdings ist, daß Naidoo – & das hätte die eloquente Frau Feuerbach wissen können – selbst Opfer sexuellen Mißbrauchs war, woraus er seit vielen Jahren nie einen Hehl gemacht hat. Ob die Pizzagate – Metapher deswegen nun schlau gewählt ist, darf durchaus bezweifelt werden, sinnfällig ist sie allemal. Wer in diesem Zusammenhang eher an die ungeheuerlichen Vorgänge rund um den belgischen Kindermörder Marc Dutroux denkt, dürfte dabei so falsch nicht liegen.

Der Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, ein aufrechter Sozialdemokrat namens Peter Kurz, bat Naidoo & Teile seiner Band zu einem „klärenden Gespräch“, in welchem er vom Sänger Rechenschaft über dessen „antistaatliche Aussagen“ im Marionettenlied verlangte. Ganz im Geiste Honnecker´s & Ulbricht`s, denn „…mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“
Es ist eben ein großer Unterschied, ob dazu aufgerufen wird, Andersdenkende zu verprügeln & Polizisten mit Steinen zu bewerfen, oder ob einer seiner als Rechts diffamierten Wut über bestimmte Dinge & Zustände Ausdruck verleiht. Der eine wird vom Justizminister beglückwünscht, der andere vor den OB zitiert.
Radio Bremen hat mittlerweile die Präsentation eines Konzertes der SM & Naidoo´s in Bremen abgesagt, der Song wird im Programm nicht gespielt. Aus der Plattform You Tube wurde er entfernt, auf Apple Music ist er nicht greifbar. Auch dies kurze Anmerkungen darüber, daß eine Zensur nicht stattfindet.

Kunststätte Bossard, Jesteburg
Kunststätte Bossard, Jesteburg

 

drei . . .

„Lauft!

Weil der Meister uns gesandt
Verkünden wir den Untergang.
Der Reiter der Boshaftigkeit
Füttert sein Geschwür aus Neid.

Die Wahrheit ist wie ein Gewitter
Es kommt zu dir, du kannst es hören!
Es kund zu tun ist ach so bitter
Es kommt zu dir, um zu zerstören!

Weil die Nacht im Sterben lag,
Verkünden wir den jüngsten Tag:
Es wird kein Erbarmen geben
Lauft, lauft um euer Leben!

Die Wahrheit ist ein Chor aus Wind
Kein Engel kommt, um euch zu rächen.
Diese Tage eure letzten sind
Wie Stäbchen wird es euch zerbrechen!

Es kommt zu euch als das Verderben!

Die Wahrheit ist ein Chor aus Wind
Kein Engel kommt, um euch zu rächen.
Diese Tage eure letzten sind
Wie Stäbchen wird es euch zerbrechen!“

Der Meister / Rammstein

Ein kleiner dünner Mann mit viel zu engem Anzug steht am Rednerpult des Bundestages & wirbt für ein Gesetz, für sein Gesetz. Es sieht vor, daß Betreiber von Internetplattformen mit hohen Strafen rechnen müssen, wenn sie nicht von sich aus sämtliche Veröffentlichungen löschen, die beleidigenden, haßerfüllten,  gewaltauffordernden oder – verherrlichenden Inhalts sind. Sein Erfinder nennt dieses Paragraphenwerk Netzdurchsetzungsgesetz. Es verlagert die Entscheidung über strafbare Relevanz von den Gerichten weg, hin zu kommerziellen Unternehmen.
Es käme also zu einer Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols.
Das Gemeinwesen, dessen Parlament dies zu verabschieden aufgefordert wurde, nennt sich Rechtsstaat. Der Vorgang ist perfide. Bereits heute sind alle Inhalte, die in diesem Gesetz genannt werden, durchaus strafbewehrt, allerdings erst dann, wenn ein Gericht dies in einem Strafverfahren festgestellt hat. Dieser Vorgang ist ein Teil der in diesem Lande (noch) geltenden Grundsätze der Rechtssicherheit & somit elementarer Bestandteil jedes Rechtsstaates. Der dünne Mann verfolgt offenbar folgende Absichten: ordnungsgemäße Strafverfahren dauern eine gewisse Zeit, ihr Ausgang ist offen. Äußerungen, die von der Meinungsfreiheit gedeckt, also legal & strafbefreit veröffentlicht werden dürfen, sind dem dünnen Mann ein Ärgernis, für dessen Beseitigung nunmehr die Internetanbieter zuständig sein sollen, da ihm die Entscheidungen der Gerichte offenbar nicht weit genug gehen. Dies wird dazu führen, daß, sollte dieses Gesetz tatsächlich verabschiedet werden, privatwirtschaftliche Unternehmen strafrechtlich relevante Urteile aus eigenem Gutdünken, noch dazu vor dem Hintergrund sehr hoher Strafzahlungen, sprechen & auch gleich vollstrecken. Statt einer staatlichen Zensurbehörde, die nach Art. 5 GG verboten wäre, erledigen dies dann die Konzerne. Betroffene wären nunmehr gezwungen, gegen diese zu klagen, um ein Urteil bezüglich der strafrechtlichen Relevanz ihrer Veröffentlichungen zu erlangen. Absehbar wäre, daß dies nur sehr wenige wirklich tun würden. Soweit der Plan.
Die Konzerne allerdings haben gar keine Lust dazu, sodaß eine seltsame wie seltene „Allianz für Meinungsfreiheit“ aus Netzbetreibern, Journalistenverbänden, dem Chaos Computerclub, Bürgerrechtsorganisationen & Wirtschaftsverbänden sich vehement gegen dieses Gesetz wendet. Doch der dünne Mann hat´s eilig. Wer weiß, ob er nach der Wahl im September noch Justizminister sein wird. Am Freitag, den 19.Mai 2017 hat der Bundestag die Verabschiedung des Gesetzes abgelehnt.
Herr Maas hat nun also wieder ein wenig Zeit für seine speziellen Glückwunsch- & Dankestweets. Denn wie sagte einst Walter Ulbricht: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“