September 13

Die Akademie tanzt

. . . Yiddish Summer Weimar – Impressionen

Weimar ist ohne Frage eine der schönsten deutschen Städte. Diese Schönheit ist weniger vordergründig, sie erschließt sich, besonders, wenn man die Stadt öfter & länger als für das übliche Wochenende besucht, eher beiläufig. Weimar prahlt nicht, es erschließt sich dem länger Verweilenden, dem Interessierten, dem, der bereit ist, sich vom Plakativen, Offensichtlichen, dem zuweilen auch Aufdringlichen, nicht blenden zu lassen & die Ruhe zu suchen, sich auf diesen Ort einzulassen & die unglaubliche Geistesgeschichte innerhalb seiner Mauern aufzunehmen. Denn dieses Aufnehmen ist weit mehr, als das Haus am Frauenplan oder Schiller´s Wohnhaus einfach nur touristisch abzuhaken. 

Im Sommer ist Weimar von Touristen aus aller Welt nahezu überfüllt, besonders um die Wochenenden herum, was aufgrund der Beschaulichkeit des Städtchens deutlich schneller geht als anderswo. Die Frage, wer von den zahlreichen Besuchern Goethe tatsächlich gelesen, Schiller & Nietzsche verstanden, Liszt aufmerksam gehört, & in den Büsten von Wagner, Herder & Wieland mehr sieht, als historische & denkmalbewährte Vergessene, bleibt unbeantwortet. Auch ein Verständnis des Bauhauses über das Dekorative hinaus, verlangt ein Sicheinlassen,  ein Erfassen von Zeiträumen über das Tagesgeschehen hinweg, kunstgeschichtliches Grundverständnis & die Bereitschaft, hinter die Dinge zu schauen. 

Ebenfalls unbeantwortet bleibt oft auch die Frage, warum Weimar & der Ettersberg vor seinen Toren seit 82 Jahren untrennbar miteinander verbunden sind, denn Weimar ist seither eben auch die Ungeheuerlichkeit von Buchenwald. & Weimar ist die Stadt der gescheiterten ersten deutschen Republik, die ihren Namen trug. Daß Weimar eine junge, & bei aller Ruhe & Beschaulichkeit lebendige Stadt ist, dafür sorgen u.a. auch die Studenten der bekannten Musikhochschule Franz Liszt mit ihren zahlreichen Aktivitäten.

Seit diesem Jahr erinnert leider auch ein furchtbarer großer grauer Betonwürfel daran, wie leicht es ist, das fragile kulturelle Erbe zu erschlagen & seinem Sinn Hohn zu sprechen: das neue Bauhaus Museum, zur 100 – jährigen Geburtsstunde der Werk- & Designschule eröffnet, ist eine ästhetische & kulturpolitische Zumutung, eine museumspädagogische Verirrung, schlicht eine Schande. 

Jam Session vor dem Sächischen Hof, Weimar

Daß sich in dieser Stadt neben zahlreichen anderen festen kulturellen Terminen im Jahr auch ein Festival für jiddische Musik & Kultur etablieren konnte, zeugt von der ungebrochenen kreativen Ausstrahlung & Anziehungskraft dieses mit ca. 60 000 Einwohnern recht überschaubaren Städtchens, das seit dem frühen 14. Jahrhundert jüdische Einwohner verzeichnet. 

Der Yiddish Summer Weimar geht zurück auf einen Workshop für jiddische Musik im Jahre 1999. Künstlerischer Leiter des Festivals ist der Komponist, Pianist, Akkordeonspieler & Musikpädagoge Dr. Alan Bern. Dem sehr international besetzten Festival geht es um die Vermittlung der traditionellen & zeitgenössischen jiddischen Kultur & Musik. Hierzu werden diverse Workshops angeboten, in denen Kenntnisse in jiddischer Musik, Tanz &  anderen kulturellen Aspekten vermittelt werden. Zudem gibt es eine Vielzahl von Konzerten internationaler Künstler. Die Workshops richten sich sowohl an Interessierte, die mit den Themen bereits vertraut sind, wie auch an Neueinsteiger. Alan Bern meint dazu: „Ja, Yiddish Summer Weimar ist ein Musik- und Kulturfestival – aber darüber hinaus eine Chance, Grenzen zu hinterfragen, Verbindungen aufzubauen und durch die Begegnung mit anderen zu wachsen.“

In diesem Jahr war es uns leider nur möglich, zwei Konzerte des Festivals zu besuchen, die, das sei vorweg genommen, unterschiedlicher nicht sein konnten. An einem sehr heißen & stickigen Sonntagabend fand im Saal der Musikschule Johann Nepomuk Hummel das Abschlußkonzert des Workshops für Musik des Nahen Ostens statt. Die Leitung hatte der Oud Spieler Yair Dalal. Zuvor jedoch spielte Alan Bern zusammen mit dem Geiger Mark Kovnatskiy einige Kompositionen, die in ihrer formalen Schlichtheit gleichwohl eine emotionale Tiefe ausloteten, die in der geistigen Durchdringung der jiddischen Kultur & Musik durch die Interpreten begründet ist. Wie gerne hätte man diesen beiden Herzensmusikern weiterhin zugehört. 

Doch nun nahm das Ensemble für Musik des Nahen Ostens auf dem Podium Platz & schnell war klar, daß es sich hier überwiegend um Amateurmusiker handelte, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn sie die Musik, die sie sich vorgenommen hatten, halbwegs ansprechend gespielt hätten. Das Ensemble, zu dem einige Oud Spieler, Klarinettisten, Geigerinnen & Percussionistinnen gehörten, hatte Mühe, rhythmisch zusammen zu finden, fiel immer wieder auch klanglich auseinander, &, so muß ich leider sagen, buchstabierte sich durch sein viel zu langes Programm. Der Klangeindruck kam nicht über orientalische Klischees  hinaus, Harmonie & Rhythmik beschränkten sich zumeist auf Assoziationen aus Tausendundeiner Nacht. Erst gegen Ende des Konzerts fand das Ensemble zu einem gemeinsamen Groove, der, wäre er eher vorhanden gewesen, über manche instrumentelle Schwäche hinweg geholfen hätte. Daß Yair Dalal, der dem Ensemble zugewandt auf einem Stuhl saß, seine Ansagen mit dem Rücken zum Publikum machte, verstärkte den Eindruck des Unfertigen & bisweilen Fehlerhaften noch zusätzlich mit dem Gefühl der Geringschätzung. Gerade vor dem Hintergrund der großartigen Künstler, die wir in vergangenen Jahren im Rahmen des Yiddish Summer hier erleben durften, war der letzte Ton in dem nach Schließen der Fenster zu Beginn des Konzertes unerträglich heißen & stickigen Saal eine Erlösung. Daß an der improvisierten Bar statt des bestellten Weißweins ein warmer süßer Sekt eingeschenkt wurde, verwunderte vor dem Hintergrund dieser Darbietung niemanden mehr. Dem Publikum – die Veranstaltung war ausverkauft – hatte es offensichtlich gefallen, wie der begeisterte Applaus zeigte.

Ein besonderes Merkmal des Yiddish Summer Weimar war es stets, daß das Festival auch auf den Straßen & Plätzen stattfindet. Am Mittwochabend trafen sich Musiker & Absolventen des Tanzworkshops, sowie weitere Interessierte zu einer Jam Session vor dem Cafe´ am Markt. Zwei Stunden lang spielten die MusikerInnen jiddische Tanzmusik & eine kleine, sich ständig vergrößernde Gruppe von Tanzwütigen fand sich nahezu unmittelbar bereit, sich entsprechend zu bewegen. Jung & Alt, Frauen wie Männer erschufen sofort eine sehr lebendige, ansprechende & zum Verweilen zwingende Atmosphäre, die gerade durch das Improvisatorische in Musik & Tanz eine große Lebensfreude ausstrahlte. Viele Mitwirkende des unglücklichen Ensembleauftritts vom vergangenen Sonntag spielten hier nun wie befreit auf, fanden in diesem musikalischen Miteinander ihren Platz, sich angemessen auszudrücken & je nach individueller Neigung mehr oder weniger hervorzutreten. Diese Abende sind, gerade weil sie auf der Straße stattfinden, eine große Bereicherung & Ausweis für das Selbstbewußtsein des Festivals. Die Akademie tanzt. 

Triangle Orchestra, Joshua Horowitz (rechts außen), Probe, Photo: Yulia Kabakova

Gegenüber des Cafe´s am Markt befindet sich das Hotel Elephant, ein historisches Luxushotel, auf dessen Balkon Adolf Hitler zu den begeisterten Bürgern der Stadt sprach, wenn er sich in Weimar aufhielt. Daß auf diesem Platz nun jiddische Tanzmusik erklingen kann, ist etwas Besonderes & keineswegs selbstverständlich. Vielleicht aber ja eben doch, denn es zeigt die besondere Kraft der jahrtausendealten jüdischen Kultur. Es zeigt, daß selbst im langen Schatten des Glockenturms von Buchenwald die Kraft des Lebens über die totale Vernichtung siegen kann.  

Die Jam Session wiederholte sich am folgenden Tag vor dem Hotel Sächsischer Hof, am Herderplatz, wurde jedoch durch einen Gewitterschauer ein wenig aus dem Konzept gebracht. 

Ein Ereignis besonderer Art, & dieses Jahr ganz sicher der Höhepunkt des Yiddish Summer, war die konzertante Uraufführung der instrumentierten Fassung der jiddischen Oper Bas – Sheve von Henech Kon (geb. 1890 in Lodz – gest. 1972 in New York). Die Uraufführung der Klavierfassung fand am 24. Mai 1924 im Kaminski Theater in Warschau unter recht abenteuerlichen Bedingungen statt, wie einem Einführungsreferat der Judaistin Dr. Diana Matut von der Universität Halle zu entnehmen war, die auch die Entstehung der instrumentierten Fassung sprachlich & chormusikalisch betreut hatte & heute auch selbst im Chor mitsang. Für die Instrumentierung zeichnete der gegenwärtig in Kalifornien lehrende Joshua Horowitz verantwortlich. Für das Konzert hatte man den großen Saal des Kulturzentrums mon ami am Goetheplatz gebucht, der eine angemessene Bühne, sowie genügend Platz für ca. 280 Stühle bietet. Der Besucherandrang war derart groß, daß auch die hintere Balustrade geöffnet werden mußte. 

Inhaltlich geht es um die alttestamentarische Geschichte von König David, der seinen Söldner Urija ermorden läßt, weil er dessen Frau Batseba geschwängert hat & dafür nun vom Propheten Natan angeklagt wird. Für die Uraufführung hatte man ein international besetztes Ensemble aus StudentInnen verschiedener europäischer Hochschulen zusammengestellt, das Triangle Orchestra, welches von dem Franzosen James Salomon Kahane geleitet wurde & aus einem 14 – köpfigen Chor sowie einem 19 – köpfigen Orchester bestand. Selbst für eine Übertextanlage war gesorgt worden, sodaß die Besucher inhaltlich nicht im Unklaren blieben. 

Musikalisch überzeugten Chor & Orchester vom ersten Augenblick an. Der dichte Orchestersatz klang transparent & klar, auch wenn die Klangfarben aufgrund der starken Raumbedämpfung ein wenig blaß klangen. Der auf einem markanten Hauptthema beruhende Satz wurde vom Orchester dicht & mit hoher Geschlossenheit musiziert, es gab keinerlei Brüche zwischen den Instrumentalgruppen, die von Kahane mit deutlichem Dirigat sehr umsichtig geleitet wurden & selbst große Dynamiksprünge hervorragend meisterten. Gleiches galt für den Chor, bei dem besonders die solistisch Agierenden, allen voran Filippo Caluzza als König David überzeugten. Im Orchester begeisterte besonders der polnische Fagottist Michal Szydlowski. Stilistisch ist die Musik irgendwo zwischen frühem Mahler & Leos Janaczek einzuordnen, auch wenn derartige Assoziationen höchst individuell sind. Immer wieder stellt Horowitz einzelne Instrumentalgruppen in den Vordergrund, bisweilen soliert auch die Flöte, gerne nutzt er dynamische Kontraste & scheut auch vor harmonischen Reibungen nicht zurück. Kahane leitete die Aufführung mit hoher Spannung & großer Intensität. Dabei gelang ihm eine erstaunliche klangliche Homogenität von Chor & Orchester. Chapeau!  Der begeisterte Jubel am Ende der Aufführung, auch für den anwesenden Horowitz, war hochverdient, die Schlußtakte wurden als Zugabe nochmals wiederholt. 

Triangle Orchestra, Dr. Diana Matut (1. Reihe, 3. v. links), Photo: Shendl Kopitman

Ein denkwürdiges Konzert, welches in Lodz noch einmal aufgeführt werden wird & diese wunderbare Musik dorthin zurückbringt wo ihr Komponist einst herkam. Dank des großen Engagements der jungen MusikerInnen wurden die hohen Erwartungen an diese Aufführung mühelos übertroffen. Ein denkwürdiger Abend, der lange nachwirkt. Der Yiddish Summer bewies damit einmal mehr seine kreative Lebendigkeit & seine singuläre Bedeutung für das zeitgenössische kulturelle Leben in Weimar.

Danksagung: 

Mein besonderer Dank gilt Dirk Hornschuch, dem Verantwortlichen für die Pressearbeit des Yiddish Summer Weimar für seine freundliche Unterstützung bei diesem Artikel, sowie für die Freigabe der Photos von Yulia Kabakova & Shendl Kopitman.

 

August 25

Musik, Gewitter & Touristen

. . . . XXX Jahre schneller härter lauter . . . .

Ja, auch dieses Jahr wieder. Für mich mittlerweile nahezu Routine, für meine Begleitung, Wackennovizin, eine neue aufregende Erfahrung voller Erwartungen & Neugier. Lohnt es sich, darüber nun schon zum vierten Male zu schreiben? Unbedingt. & tatsächlich soll es diesmal nicht vorrangig um die Musik gehen, sie wird allerdings auch nicht zu kurz kommen, schließlich ist sie ja der Sinn dieser Veranstaltung. 

Die Tage vor der Ankunft am Mittwoch waren erfüllt von bangen Blicken auf die Wettervorhersage. Je näher die Abreise kam, desto trüber die Aussichten. Schlimme Visionen von knöcheltiefem Schlamm & Gewittern mit Starkregen trübten die Vorfreude deutlich ein, genau wie eine Sprunggelenkzerrung, der mit Bandage & Sitzstock, einem sog. Flexistick, zu Leibe gerückt werden mußte. All das zwang zur frühen Festlegung, was in diesem Jahr als unverzichtbar zu gelten hatte & was als notfalls entbehrlich. Da das Unverzichtbare zumeist eher überschaubar ist, schien die Aufgabe  selbst unter widrigen Bedingungen lösbar. 

Nachdem die Ferienwohnung in Itzehoe eingerichtet, & das Auto auf dem P & R Platz neben der Bushaltestelle am Bahnhof geparkt war, sahen wir uns einem in den letzten Jahren unbekannten Andrang von Buspassagieren ausgesetzt, die mit teils abenteuerlichen Gepäckmassen nach Wacken befördert werden wollten. Die eher asketisch Eingestellten begnügten sich mit einem winzigen Zelt & einem kleinen Rucksack, andere hingegen waren mit Sackkarren angetreten, auf denen sich neben umfänglicher Campingausrüstung auch noch diverse Paletten Dosenbier stapelten. Ein Pärchen war gleich mit großem, hochbeladenem Bollerwagen erschienen. Die Stimmung war gelöst bis fröhlich, Bierdosen machten die Runde & erste Gesänge wurden angestimmt. Die Frage, wer sich Hoffnungen auf den nächsten Bus machen konnte, wurde durch den Stand in der langen Schlange bestimmt, Drängeleien gibt es hier nicht. Unsere Hoffnung ruhte deswegen auf dem dritten Bus, der irgendwann kommen würde, angeblich, so die Auskunft des Einweisers, innerhalb „der nächsten Zeit“, was immer das heißen konnte. Die Benutzung des Wacken – Shuttle verlangt vom Passagier das Fehlen klaustrophobischer Empfindlichkeiten, denn die städtischen Doppelgelenkbusse werden – wahrscheinlich bis weit über das technisch Zulässige hinaus – vollgepreßt. Glücklich, wer einen Sitzplatz erlangt, kein Gepäck dabei hat & die halbstündige Fahrt entspannt genießen kann. Aber auch die widrigen Umstände dieses Transportes können der Stimmung nichts anhaben, denn auch Bollerwagen & Sackkarre werden noch irgendwie verstaut. Der besorgte Blick nach oben allerdings zeigt, daß die scharfe Trennlinie zwischen blauem Himmel & sich immer dunkler einfärbender Gewitterwand ziemlich genau zwischen Itzehoe & Wacken verläuft. Die Zugrichtung der Wolken weckt indes die Hoffnung, daß Wacken dem Unvermeidlichen knapp entgehen könnte. Beim Aussteigen fallen dann allerdings doch die ersten Tropfen. 

Der erste Gang auf dem Festivalgelände führt zwangsläufig zur Bändchenausgabe, wo das Ticket gegen ein Handgelenkbändchen eingetauscht wird, das künftig den Einlaß gewährleistet. Da das Infield, das riesige Feld mit den drei Hauptbühnen, am Mittwoch noch gesperrt ist, führt der Weg an Campingplätzen entlang in Richtung des gewaltigen Konzertzeltes. Gemächlichen Schrittes ist dies ein nahezu halbstündiger Spaziergang. Heute zwingen Blitz & Donner vorerst nun doch in das große Zelt der Medi – Abteilung, die sich um alles, was mit Inklusion zu tun hat, kümmert. Hier soll der Flexistick angemeldet werden & wir bekommen auch gleich sehr nettes Asyl für die Dauer des Gewitters. So schnell wie es kam, zog es wieder fort & wir können unseren Weg fortsetzen. Der angedrohte Starkregen blieb aus, die heftigen Sturmböen ebenfalls, nur ein normaler Gewitterschauer & der Boden ist trotzdem knochentrocken, von Matsch weit & breit nichts zu sehen. Das ist für den Augenblick sehr schön, ansonsten besorgniserregend, da es zeigt, wie unglaublich ausgedörrt der Boden noch immer ist. Wie stets bei derartigen Wetterwarnungen wird das Festivalgelände geräumt, die Aufführungen unterbrochen & es ergeht die Aufforderung, die Zelte zu sichern, sich in die Autos zurückzuziehen & die mitzunehmen, die ohne Auto gekommen sind. Sicherheit hat oberste Priorität in Wacken & man ist über die Festival – App jederzeit bestens informiert & ggf. rechtzeitig gewarnt & aufgefordert, sich angemessen zu verhalten. Der Rest des Tages vergeht bei strahlendem Sonnenschein. Im großen Zelt spielen UFO, die alten Recken aus noch älteren englischen Bluesrocktagen, & sie tun dies sehr ansprechend, solide & frisch, was vom Publikum im proppevollen Zelt – die Security hat zwischenzeitlich den Zugang gesperrt, auch hier Umsicht & entsprechende Mitteilung über die App – mit großer Begeisterung quittiert wird. Überhaupt bietet Wacken immer auch den alten Helden eine Bühne, Bands, die nach vielen Jahrzehnten immer noch unterwegs sind, die immer noch gute Musik spielen, auch wenn zumeist längst nicht mehr alle Ehemaligen mit an Bord sind, & die immer noch zu überzeugen wissen. Daß sie dabei auch viele junge Besucher begeistern, die diese Musik wohl höchstens aus der Plattensammlung ihrer Väter kennen, ist sehr schön. Die Szene weiß, wem sie was zu verdanken hat. Nach einem kleinen ersten Rundgang & einem Verweilen im sog. Wackinger Village, dem „Mittelalterbereich“ des Festivals, machen wir uns müdigkeitsbedingt auf den Rückweg. Nach einem Abendbrot & einem Fläschchen Wein fallen wir todmüde ins Bett. Erster Eindruck meiner Begleitung, kurz zusammengefaßt:

Lauter nette Leute, tolle Organisation & eine wunderbare ruhige, friedliche Atmosphäre, eine Insel außerhalb des Alltagsgeschehens. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wacken 2019, Campground

Der Donnerstag, der erste „richtige“ Festivaltag, beginnt für uns mit Versengold auf der Louder Stage, einer Empfehlung einer Arbeitskollegin meiner Begleitung, die eine Art norddeutschen Irishfolk mit Mittelalteranklängen spielen & zumindest uns beide nicht überzeugen, alles kommt etwas behäbig daher, der Sänger ist als Conferencier in eigener Sache wenig animierend, dafür aber politisch korrrrekt, der Anti – Nazi Song darf nicht fehlen, das alles ist insgesamt entbehrlich. Der Geiger hingegen ist wirklich klasse. Anschließend holen wir unser Bändchen für den EMP Backstagebereich, weil dort bequemes Ausruhen garantiert ist & längeres Sitzen die müden Beine entspannt. Die jährlichen zehn Euro für die entsprechende Karte lohnen sich allemal, weil damit auch Bestellungen beim größten deutschen Merch-, Metalklamotten- & Tonträgerversender nicht nur portofrei sind, sondern auch noch Rabatte beinhalten. Weiter geht´s an diesem strahlendem Sommertag mit Testament, ebenfalls auf der Louder – Stage, der dritten, etwas kleineren Hauptbühne auf dem Infield, die einen begeisternden mitreißenden Set spielen, 75 Minuten Vollgas geben & mit all ihrer jahrzehntelangen Routine, einem riesigen Portfoliio an Thrash – Granaten & sichtlichem Spaß die Zeit wie im Fluge vergehen lassen. Eine absolut großartige Band, & heuer eine derjenigen, die zu meinem persönlichen Pflichtprogramm gehört. Daß es meiner Begleitung ebenfalls gefällt, erhöht die Freude noch. 

Ein Hüngerchen treibt uns anschließend ins Wackinger Village, etwas zum Essen erstehen, ein Getränk, & dann zu Airbourne auf der Faster Stage, der linken großen Hauptbühne, das ist der Plan. Als wir an der Wackinger Stage vorbeikommen, einer Bühne, auf der eher mittelalterorientierte Bands jeglicher Art, von traditionell bis modern zu hören sind, ertönt klassische Ballettmusik, als Intro des dort nun Kommenden. Das ist ungewöhnlich & deswegen interessant. Neugierig bleiben wir stehen, mal sehen, wer da jetzt auftritt. Die Band heißt Coppelius, wir kennen sie nicht, sind jedoch interessiert, zumindest mal ein zwei Stücke anzuhören. Auf die Bühne kommen sechs Herren in Zylindern & Gehmänteln, gekleidet wie im 19. Jahrhundert & mit weiß geschminkten Gesichtern, es gibt einen Garderobenständer, die Besetzung besteht aus Schlagzeug, Cello, zwei Klarinetten & Kontrabaß. Einer der Herren, offensichtlich der Diener der anderen, der später allerdings auch singen wird, läuft eifrig hin & her, die Bewegungen gleichen denen in frühen Stummfilmen, alles wirkt irgendwie abgehackt, zu schnell & auf eigentümliche Weise fremdartig. Überhaupt ist sehr viel Bewegung auf der Bühne. Die Herren spielen mittels ihrer elektronisch stark verzerrten Instrumente lupenreine Metalriffs, & sind mit dieser Instrumentierung, mehrstimmigem Gesang, schauspielerischen Einlagen & launigen Ansagen eine unglaublich unterhaltsame Truppe. Die Musik changiert am ehesten noch ins Artrock oder Progressive Genre, ohne überladen oder aufgesetzt virtuos zu wirken. Der Hintergrund einer fundierten  musikalischen Ausbildung allerdings ist jederzeit hörbar. Wacken ist ein Ort, an dem besondere Entdeckungen jederzeit möglich sind. Dies ist eine, die Bestand haben wird & der ein breiter Erfolg wirklich zu wünschen wäre. Fasziniert hören wir das Konzert zu Ende, Airbourne ist vergessen. Der Rest von deren Konzert zeigt dann auch, daß sie ihrem offensichtlichen Vorbild AC/DC immer noch hinterher rennen, ohne es jemals erreichen zu können. Alle Bemühungen der gängigen prolligen R & R Klischees, wie Jack Daniels & ganz viel Schweiß auf nackter Haut, ändern daran nichts. 

Darf man Ohrwürmer spielen, die ausschließlich vom Krieg handeln, darf das komplette Konzept einer Band auf der Schilderung von Schlachten, von Tod & Verderben beruhen, einem Konzept, das selbst die Bühne in einen Schützengraben verwandelt, incl. Sandsackbarrieren, Stacheldraht & einem Panzer, auf dem das Schlagzeug thront? Dies sind Fragen, die gestellt werden, seit der schwedischen Band Sabaton mit ihrem vierten Album The Art of War im Jahre 2008 der internationale Durchbruch gelang. Heute dürften Sabaton die neben Iron Maiden erfolgreichste Metalband sein & sie  eröffnen ihre Shows auch heute noch gerne mit Ghost Division von diesem Album. Als ich sie erstmals auf dem Elbriot Festival 2016 in Hamburg sah, hatte ich mir vorgenommen, sie zu hassen. Eine gute Stunde später war ich durchaus ambivalent gestimmt. In einer Rezension schrieb ich damals als Fazit, mir darf das entschieden zu langweilig sein, hatte allerdings auch die unbändige Spielfreude & den Ohrwurmcharakter eingeräumt (siehe Aufstand an der Elbe). Nun ist der Kopf rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann, einige Hörstunden später hat sich Begeisterung eingestellt. Jeder Song entpuppt sich in der Tat spätestens beim Refrain als Ohrwurm. Im Prinzip ist die Musik der Band eine permanente Variation bestimmter thematischer Grundlinien, wiederkehrender rhythmischer Abfolgen & unwiderstehlicher hymnischer Refrains. Das ist einigen dann doch zu viel des Guten & somit schlagerverdächtig. Befremdlich bleibt der starke Gegensatz zwischen textlichem Inhalt & unwiderstehlich heroisch – fröhlichen Hymnen. Das trotzdem nicht der Eindruck entsteht, die Band spielt zwei Stunden lang den selben Song, belegt das hohe Maß an kompositorischer Reife. Natürlich wird von  – um im Bild zu bleiben – Heerscharen von Kritikern geklagt, das sei stumpfes Heldenpathos & Kriegsverherrlichung. Der Vorwurf greift allerdings ins Leere, denn geschildert werden militärhistorische Ereignisse, auf deren inhaltliche Genauigkeit die Band großen Wert legt & dazu neuerdings einen von Historikern begleiteten You Tube Kanal betreibt. Ganz sicher darf allerdings nach der Sinnhaftigkeit des Sujets gefragt werden, doch das Außergewöhnliche generiert eben Aufmerksamkeit.

Das alles ist den meisten Hörern nun allerdings herzlich gleichgültig, was zählt, ist der Spaß an der Musik. Die Fülle vor den Hauptbühnen spricht eine deutliche Sprache. Nahezu ganz Wacken will Sabaton sehen & die ganz große Party feiern. Dreißig Jahre Wacken & zwanzig Jahre Sabaton. Da geht mehr, & deshalb hat die Band beschlossen, heute auf zwei Bühnen gleichzeitig zu spielen. Sinnhaft oder ausgeprägter Größenwahn? Im Laufe des zweistündigen Konzertes wird klar, wie´s funktioniert. Nicht nur, daß die Band einen Männerchor angeheuert hat, der, in Uniformen der Teilnehmer des Ersten Weltkrieges gesteckt, für zusätzliche Gänsehaut sorgt. Auch werden nach & nach ehemalige Mitspieler der Band auf die Bühne geholt & versammeln sich dann zusammen auf der Harder – Stage, während Sänger Joaquin Broden mal auf der einen oder der anderen Bühne auftaucht. Schneller härter lauter: nicht kleckern, sondern klotzen. Ein tolles Konzert, für das allerdings auch eine der riesigen Bühnen vollkommen ausgereicht hätte. Es darf, denke ich, eine DVD erwartet werden, die den Anlaß angemessen in Szene setzt. Wer sich ein eigenes Bild von der Band machen will, dem sei als Einstieg das Video zu dem nur als Single erschienenen Song Bismarck empfohlen.

Danach geht´s beseelt nach Hause. Der Bus ist proppevoll, der Busfahrer bestens gelaunt, & so wartet alles auf den ersten Kreisverkehr in Itzehoe, den bei der Shell Tankstelle, denn dort wird traditionell die größtmögliche Schräglage völlig überladener städtischer Doppelgelenkbusse getestet. Jede Runde wird begeistert angezählt, Sprechchöre feiern den Busfahrer, der nach vier Runden, die Schräglage wechselnd, in die richtige Straße einbiegt & schon den nächsten Kreisverkehr, den bei der Apotheke, ansteuert, wo sich das Schauspiel wiederholt. Da sind einige bereits doch ziemlich bleich geworden & krallen sich mit geschlossenen Augen an den Sitzen oder ihren Nachbarn fest. 

Das Publikum in Wacken hat sich im Laufe der Jahre durchaus gewandelt. Es ist bürgerlicher geworden, weniger freakig, weniger außergewöhnlich. Lange Haare finden sich nur noch bei ca. 5 % der Anwesenden, der klassische Wacken – Gänger ist auch längst nicht mehr überwiegend männlich. Es gibt viele Leute, denen der Sparkassen- oder Versicherungsangestellte genauso aus dem Knopfloch hängt, wie das dringende Bedürfnis, hier die Sau rauszulassen, sich ein Paar Tage heraus zu schießen aus dem grauen Alltag & in eine wohlige Wolke aus Alkohol & Metal abzutauchen, die verhaßten sog. zivilisatorischen Regeln außer Kraft zu setzen, sich ggf. im Schlamm zu wälzen & schließlich komatös abzustürzen. Ernste mittelalte Gestalten mit Shirts i.d.R. unbekannterer Bands & kurzen Haaren verraten den Kenner, den Connaisseur & Verächter des Mainstreams, der klassische Kuttenträger ist keinesfalls ausgestorben & trägt Aufnäher von Bands, die dem Zwanzigjährigen ganz sicher unbekannt sind, & Leute, die eigentlich keinen Metal mögen, sondern höchstens Sabaton oder Powerwolf, sind deutlich erkennbar. Man begegnet ergrauten Veteranen, die weißen Haare & Bärte zusammengebunden oder geflochten, ungewöhnlich vielen Rammstein Fans,  die bei Weitem bürgerlichsten Erscheinungen auf dem Areal, aufgedrehten fahnenschwenkenden Latinos, stoischen Russen, abgeklärten Schweizern, quirligen Italienern & volltrunkenen jungen Mädels. Einigen ist selbst der Zweiwortsatz abhanden gekommen, andere starren wortlos vor sich hin, um unversehens aus vollem Hals den Namen des Ortes zu brüllen, an dem sie sich befinden. Der Eindruck, der entstehen mag, daß es sich hier um eine Ansammlung von 75000 Volltrunkenen handelt, ist jedoch grundlegend falsch. Zweifellos gibt es sie, die Volltrunkenen, die Abgestürtzten, die, die mit den psychischen & emotionalen Auswirkungen dieses Festivals nicht umgehen können, oder vorübergehend die Kontrolle verlieren, doch es ist eine sehr kleine Minderheit. Überall sind mobile Sani – Trupps unterwegs, auch die Security hat ein Auge. An den zahlreichen Wasserstellen  bilden sich lange Schlangen, niemand drängelt, jeder hat Zeit. Die peniblen Eingangskontrollen an den Eingängen des Infield lassen alle ohne Murren & Gezeter über sich ergehen, trotz der Gründlichkeit kommt es nicht zu längeren Wartezeiten. Auf den Campingplätzen sind derweil mannshohe Kühlschränke ausgeladen worden, zusammen mit surrenden stinkenden Notstromaggregaten, Fernsehern, Grillgeräten wirklich jeder Größe & Duschzelten. Liegt jemand regungslos irgendwo auf dem Acker, bildet sich sofort eine Traube von Menschen, die sich um ihn kümmern, schauen, ob er ansprechbar ist, rufen die Sanis, flößen ihm Wasser ein & kümmern sich weiter, bis er entweder wieder steht, oder aber medizinisch versorgt ist. Dafür wird auch das Konzert der Lieblingsband verpaßt. Doch alles ist auf eine besondere Weise ruhig, friedlich & teilnahmsvoll, hilfsbereit, höflich & achtsam. Es ist eine seltsame Welt, in der man sich hier bewegt.

Wackinger Stage, Coppelius

Für den Freitag sind schwere Gewitter & Starkregen angesagt. Da ist es ein Luxus, in der Ferienwohnung in Ruhe frühstücken zu können. Aufgrund der Unwetterwarnung erfahren wir über die App, daß die Konzerte unterbrochen werden & das Infield geräumt wird. Wacken wird indes verschont, das Gewitter tobt sich über Itzehoe aus. So treffen wir erst am späteren Nachmittag ein, gerade richtig, um Anthrax auf der Faster Stage zu erleben. Die 1981 in New York gegründete Thrash Metal Band wird vom einzig verbliebenen Gründungsmitglied, dem unermüdlichen Scott Ian Rosenfeld geleitet & zeigt musikalisch vom ersten Ton an, wo´s langgeht. Schnell, hart & mit Hard Core Shouts gespickt, rast der Fünfer durch´s Programm, auch der wunderbare Schlagzeuger Charlie Benante, seit 1983 dabei & gelegentlich krankheitsbedingt ersetzt, ist mit an Bord. Weniger filigran als Testament, deutlich geschmeidiger als Slayer findet die Band ihren eigenen Sound im Fach Thrash, & es macht einfach nur mächtig Spaß, ihr dabei zuzuhören. Höchst ärgerlich ist die Kameraführung, die sich nahezu ausschließlich auf Sänger Joey Belladonna konzentriert & dadurch das überaus bewegungsfreudige Bühnengeschehen auf den großen Videowänden vollständig ausblendet. Dafür gibt´s die goldene Zitrone. Mindestens. Meine Begleitung kann meine Begeisterung für Anthrax nicht teilen & wendet sich dem Wacken Village zu. Wir treffen uns dort später vor der Wackinger Stage, um einer deutschen Band namens Harpyie zuzuschauen, die mit einer Mischung aus Rammstein & Schandmaul sehr gut ankommt. Da sitzt jeder Song, rhythmisch genau & voller Spielfreude, die Texte sind düster, mit einem Hang zur Mystik, erzählen genretypische Geschichten. Der Funke will jedoch bei mir nicht zünden, zu abgegriffen die Riffs, zu einfach die Geige, &, zumindest heute Abend, zu schwach der Sänger. Mehr als eine leidlich unterhaltsame Stunde ist nicht drin. Es ist voll vor der Bühne, die Menge feiert die Band, & die gibt sich ja auch wirklich Mühe. Danach ist Zeit für ein Getränk & etwas zu beißen, sowie eine Rast im EMP Bereich. 

Gegen 22.00 Uhr gilt es, sich für das Kommende zu rüsten, sich einen guten Platz zu verschaffen, um Slayer zu sehen. Auf dem Aussichtsdach des Magenta Standes gelingt dies geradezu einzigartig, niemand nimmt die Sicht direkt auf die Bühne. Hier bekommen wir die letzte halbe Stunde von Demons & Wizards mit, & ich frage mich, wie das wohl stilistisch einzuordnen wäre, was dort gespielt wird. D & W sind eine sog. Allstarband, der Blind Guardian Sänger Hansi Kürsch, der Iced Earth Gitarrist Jon Schaffer, sowie Mitglieder beider Bands angehören. Die Musik hat etwas opernhaftes, vier Background SängerInnen verstärken diesen Eindruck. Die Stücke sind komplex & eher länger, haben neben einem hohen Speedmetalanteil stets auch ruhige balladeske Passagen, die mitunter unvermittelt wechseln, eingeworfene Vokalisen erinnern an alte Horrorfilmsoundtracks, & so entsteht ein abwechslungsreiches, wenn auch zuweilen arg konstruiert wirkendes musikalisches Geschehen, welches hier auf der Bühne weit besser klingt, als auf den etwas dünn produzierten beiden Platten, denen klanglich auch nach der remasterten Wiederveröffentlichung der nötige Druck fehlt.  

Für nicht Wenige, auch für mich, sind Slayer der Inbegriff des Metal schlechthin. Es gibt technisch versiertere Bands, es gibt handwerklich besser geschriebene Songs. Von allem bei Slayer gibt es Besseres. Aber das macht nichts, es spielt keine Rolle, es ist vollkommen gleichgültig. Slayer sind immer noch die Macht, die alles andere niederprügelt, haben immer noch die Ausstrahlung, die sie so einzigartig hat werden lassen, & deshalb wollen sie auch alle sehen. Dies ist die letzte Gelegenheit, Slayer sind auf Abschiedstour durch die Welt, die ihnen immer noch zu Füßen liegt, & wir werden sie & ihre Geschichten aus der Hölle, von Massenmördern, Verstümmelungen & anderen häßlichen Dingen, vom ewigen Kampf des Bösen gegen das Gute vermissen, denn God hates us all ist das Motto. Wir werden Tom Araya vermissen, wie er, allein im Scheinwerferkegel einfach nur stumm da steht, den bis zur Genickstarre kopfnickenden Kerry King, den zappelnden Gary Holt & den maschinengleichen Paul Bostaph. Doch es ist keine Zeit für Wehmut, es ist 90 Minuten Zeit, das zu feiern, was ins Mark von Herz & Seele geht, & es ist Zeit, jedem, der das nicht versteht, den Mittelfinger zu zeigen. Die Bühne ist in vorwiegend dunkles Rot getaucht, Flammen schießen hervor, bilden Kreuze & Feuerbälle & die Thrashmaschine haut eine nicht enden wollende Reihe ihrer unsterblichen Nummern heraus. & auf dem  schwarzen T – Shirt von Gary Holt steht in weißen Buchstaben No Lives Matter. Es ist genug gesagt, es ist alles gesagt. 

Faster Stage, vor Powerwolf

Das Wochenende ist angebrochen, & das bedeutet, daß sich Hunderte Wacken „Touristen“ in Familienstärke aufmachen, ins Dorf einzufallen, echte Metaller zu gucken & sich das Maul zu zerreißen, den im Dorf sehr günstig zu erstehenden alkoholischen Getränken zuzusprechen, den Festival Shuttle zu verstopfen, ihren Zehnjährigen WOA – Shirts überzuziehen & sich auch die Oma nicht entblödet, sich entsprechend zu verkleiden. Mit Metal haben diese Leute absolut nichts zu tun, Wacken findet hier als karnevalistisches Wochenendevent statt. Die zahllosen improvisierten Getränkestände nehmen den zusätzlichen Umsatz natürlich gerne mit. Spricht man mit Einwohnern, ist denen das zumeist gar nicht recht, denn im Gegensatz zu den Festivalbesuchern, gibt´s mit den Touristen zuweilen schon mal Ärger. Der Samstagabendshuttle ist dementsprechend von mehr oder weniger alkoholisierten Touristen durchsetzt, deren z.T. dämliches Gequatsche höchstens Augendrehen & Stirnrunzeln hervorruft. Campingplatz ganz hinten, gleich neben dem Klo, das ist das durchschnittliche Niveau. 

Der Festival – Samstag beginnt für meine Begleiterin im Dorf, sie begibt sich auf Shopping Tour in den Festivalladen. Ich schaue mir derweil Of Mice & Men an. Ich bin kein Freund von Metal Core, zu viele Bands machen daraus stumpfsinniges uninspiriertes Gebolze. Die Meister dieses Fachs sind für mich Heaven Shall Burn aus Thüringen, deren grandioses Konzert auf diesem Feld im Jahre 2017 unvergessen ist. Aber die sind aus ihrer Schaffenspause noch nicht wieder zurück. Of Mice & Men aus dem sonnigen Kalifornien, nach einem berühmten Roman von John Steinbek benannt, beschreiben den Schatten dessen, was man gewöhnlich den amerikanischen Traum nennt, die Namensgebung ist somit Programm. Depression & Verzweiflung, Trauer & Wut sind die Bestandteile ihrer Musik, der Sound eine Faust ins Gesicht des Zuhörers, Katharsis ist das Gebot, & wer sich einlassen kann auf das Geschreie & die komplexen Stakkatorhythmen kann eine Ahnung davon erfahren, was Erlösung sein könnte. Spätestens bei On the inside bekomme ich Gänsehaut & ein oder zwei gar nicht verschämte Tränchen kullern auf den Acker. Underneath, underneath the surface / I believe, I believe there´s a purpose / I hope you know we all suffer / Slipping under, but only on the inside / Our hidden fear, overtaking / We are breaking, but only on the inside / Can´t you see that this is killing me? / But only on the inside. OM&M verstehen es, komplexe Songs zu schreiben, die sie weit über das übliche Metal Core Einerlei herausheben & zeigen, was möglich ist. Sie wissen, was Harmonien sind & nutzen sie, Dynamik ist ihnen kein Fremdwort, wenn auch die vielschichtigen Soundflächen ihrer Studioproduktionen auf der Bühne nicht in vollem Maße reproduzierbar sind. Ein berührendes Konzert. 

Uriah Heep sind seit 50 Jahren unterwegs. Einzig verbliebener Gründer ist Gitarrist Mick Box, mittlerweile 72 Jahre alt. Ein Verdienst dieses Festivals ist, wie bereits gesagt, die Referenz gegenüber den Legenden, den Begründern & Veteranen.  Uriah Heep, erstmals in Wacken, spielen auf der Louder Stage, & viele, sehr viele, Junge & Alte, sind gekommen, sie zu sehen. So viele, daß die Security den Zugang sperrt & das Gelände vor der Louder Stage wegen Überfüllung schließt. Meine gerade von der Shopping Tour zurückgekehrte Begleiterin muß also draußen bleiben. Sehr schade, denn sie verpaßt ein wirklich schönes & stimmungsvolles Konzert einer Band, die ihr Handwerk immer noch auf das Vortrefflichste beherrscht, & dabei kein bißchen müde wirkt. Auch wenn der Sänger nicht das Format des unvergessenen David Byron erreicht, so versteht die Truppe durchaus zu überzeugen, auch die neuen Stücke sind Musterbeispiele für sehr gelungenen Classic Rock, ganz im Sinne des alten Sounds der Band bestimmt die Hammond Orgel das musikalische Geschehen, die mehrstimmigen hohen Vokalisen sitzen, die Songs sind fein ausgearbeitet & trefflich arrangiert, Mick Box zeigt sich bestens in Form, die Band spielt auf einem hohen Energielevel & kommt bei Alt & Jung sehr gut an. Keine Spur von Altersmüdigkeit oder desinteressierter Pflichterfüllung, hier ist alles so, wie es sein sollte. 

Danach ist das Päuschen im EMP – Bereich hochverdient, dann gilt es, sich zur Faster Stage aufzumachen, um Powerwolf zu sehen. Das sagen sich die meisten der Anwesenden auch, deshalb wird´s eng auf dem Feld vor der Bühne. Powerwolf sind ausgesprochene Publikumslieblinge. Das ist nicht verwunderlich, denn die überaus eingängige Musik hat uneingeschränkte Ohrwurmqualität. Nun gibt es immer Nörgler, Besserwisser & arrogante selbsternannte Avantgardisten, sowie „richtige“ Metaller, für die alles, was nicht schreit, grunzt & stumpf vor sich hin ballert, Verrat am Metal schlechthin darstellt. Das ist so traurig wie dumm, ahnungslos & borniert & dient wohl vor allem der eigenen Aufwertung. Gerade das metallische Genre bietet eine Vielfalt, die anderen Genres grundsätzlich abgeht, sodaß für jede Gemüts- & Stimmungslage, für jedweden Seelenzustand die richtige Musik, die richtige Band bereitsteht. Powerwolf, die ihren wunderbar durchdachten, konsequent auf Eingängigkeit abzielenden, gleichwohl handwerklich hochqualitativen Songs auch eine lebendige, bewegungsreiche & energiegeladene Show hinzufügen, kommen unglaublich gut an, haben das Publikum vom ersten Ton an fest im Griff, & lassen es, auch dank des sehr kommunikativen Sängers, nicht mehr los. Die 2004 in Saarbrücken gegründete Band benutzt Pseudonyme & eine eher an norwegische Blackmetal Bands erinnernde Maskierung. Eine aufwendige Bühnendeko & das nötige Feuerwerk runden die Angelegenheit ab. Die 75 Konzertminuten vergehen blitzschnell, Hit folgt auf Hit & es gibt nicht einen einzigen Song, der dem durchgehend hohen Niveau nicht gerecht würde. Beeindruckend. Nach einem Gang ins Wackingervillage nehmen wir letzte Eindrücke mit zum Bus & freuen uns über einen sehr gelungenen Tag.

So war auch dieses Wacken erneut eine runde Angelegenheit & meine vollends überzeugte Begleiterin wird nächstes Jahr wieder dabei sein. Es ist eine Anzahl verschiedener Faktoren, die zum Gelingen dieses Festivals beitragen. Die Treue der Metalheads zu ihrer Musik, zu ihren Bands, die selbst Jahrzehnte mühelos überdauert, dürfte im Musikbereich einmalig sein. Die Organisation ist, gemessen an der Größe der Veranstaltung, schlichtweg perfekt. Die Atmosphäre, über die schon so viel gesagt & geschrieben wurde, hat sich größtenteils erhalten. 

Kann man auf einem derart großen Festival alles sehen, alle 200 Bands? Ganz sicher nicht. Das ist schon aufgrund der Vielzahl der Bühnen & des zeitlichen Ablaufs unmöglich. Könnte man mehr Bands sehen, als wir dieses Jahr, ganz sicher. Irgendwann allerdings geht die Konzentration verloren, & das kann – zumindest für mich, für uns – nicht Sinn & Zweck sein. Von den Bands, die ich unbedingt sehen wollte, habe ich 95 % tatsächlich & in voller Länge gesehen. Was will man mehr. 

Das Wetter am Sonntag ist ausgezeichnet. So fahren wir nicht direkt nach Hause, sondern machen einen Abstecher nach Friedrichskoog, Seehunde anschauen, einen Augenblick auf dem Deich sitzen & in die endlose Ferne schauen, die Stille genießen & zum Abschluß im Restaurant Op´n Diek im nahegelegenen Neufeld einen herrlichen Fischteller mit badischem Gutedel herunterspülen. 

Das Leben kann sehr schön sein. 

April 20

Mehr Theater

. . . die Tedeschi Trucks Band in Hamburg . . .

 

Mehr Theater, . . . oder, wie es richtig heißen muß: Mehr! Theater. Der Sinn dieser etwas kryptischen Einleitung wird sich im Folgenden hoffentlich gleich doppelt erschließen. Auf dem riesigen Gelände des Großmarktes in Hamburg, zwischen Hauptbahnhof & Elbbrücken gelegen, wurde im Jahre 2015 in der denkmalgeschützten Großmarkthalle ein modernes, flexibles Multifunktionstheater eröffnet. Bestuhlt bietet die Halle 2400 Menschen Platz, unbestuhlt sind es tausend mehr. Die Zuschauerfläche zieht sich wie ein breiter Streifen durch die Halle & besteht aus Parkett, Hochparkett & Balkon. An den Seiten befinden sich die Foyers mit den Getränkeständen, die zum Zuschauerraum hin offen sind, was einen luftigen angenehmen Charakter vermittelt. Insgesamt eine sehr gelungene Konstruktion & eine echte Bereicherung der Hamburger Konzertarchitektur. Da die Parkettreihen nach hinten leicht ansteigen, ist auch für optimale Sicht gesorgt.

An diesem Ort spielte am Montag, den 15.4.2019 die Tedeschi Trucks Band. Es sollte ein denkwürdiger Abend werden. Die Sängerin, Gitarristin & Songschreiberin Susan Tedeschi, in den USA vielfach als beste Bluessängerin ausgezeichnet, & ihr Ehemann, der Slide Gitarrist Derek Trucks, veröffentlichten im Jahre 2010 ihr erstes Album unter gemeinsamem Namen. Trucks war zudem von 2000 bis zu ihrer Auflösung im Jahre 2014 Mitglied der Allman Brothers Band, in der sein Onkel, Butch Trucks, Schlagzeug spielte. Die Musik der TTB ist deshalb kaum verwunderlich eine Mischung aus Blues, Rock & Soul.
Gehört diese Musik in den USA zur tief verwurzelten kulturellen DNA quer durch alle Generationen, so ist dies hierzulande grundlegend anders. Ca. 95 % der mehrheitlich männlichen Zuschauer waren in etwa eine Generation älter als die Band auf der Bühne. Das bedeutet, wer in seiner Jugend nicht mit Musik wie dieser, also den Allman Brothers, Grateful Dead, sowie den zahlreichen Southern Rock & Bluesrockbands nordamerikanischer Herkunft aufgewachsen ist, weiß womöglich gar nicht, daß diese Musik existiert. Woher auch. In Zeiten des Formatradios, konzerngesteuerter Playlists & kurzfristigen Streamingmülls ist die Auswahl an Musik minimiert & zudem wird weit mehrheitlich konsumiert was cool ist, also nichts selbst Entdecktes & Ausgesuchtes. So sah man dann auch überwiegend zum Beamten, Angestellten oder Handwerker mutierte Ex – Hippies, die in dieser Erscheinung auch bei jedem Helene Fischer Konzert auflaufen könnten, vom Leben in die üblichen Bahnen gepreßt. Nur sehr vereinzelt fielen Allman Brothers & Grateful Dead Shirts auf, dann allerdings auch in Verbindung mit langen, zuweilen auch schütteren Haaren, deren Träger offensichtlich dem Zahn der Zeit & dem Konformitätsdruck widerstehen konnten.

Die TTB hat bislang vier Studioalben, sowie zwei Liveplatten veröffentlicht. Diese waren überaus erfolgreich & gewannen einen Grammy, sowie den Blues Music Award. Dementsprechend waren die Erwartungen ziemlich hoch. Höchst erfreulicherweise begann das Konzert pünktlich & ohne Vorprogramm (danke !!), sowie mit gutem Sound & mäßiger Lautstärke. Die zwölfköpfige Band besteht aus den beiden Protagonisten, sowie aus zwei Schlagzeugern, Baß, Keyboard, drei Bläsern & drei weiteren Stimmen. Los ging´s mit Don´t know what it means vom Album Let me get by aus dem Jahr 2016. Schon das einleitende Gitarrenmotiv offenbarte die Southern Roots dieser Musik, um dann mit Einsetzen des Gesangs in eine Mischung aus Blues & Soul einzutauchen, die für diese Band so typisch ist. Tedeschi´s Gesang ist live wesentlich rauer, ja durchaus dreckiger als auf den Studioveröffentlichungen, was sehr angemessen klingt & ein Stück Gefälligkeit aufgibt, um ein deutliches Mehr an Seele hinzuzufügen. Der Song mündete in ein Saxophonsolo des bemerkenswerten Kebbi Williams, das in dieser Art durchaus eher an Ornette Coleman erinnerte als an eine Bluesrockband, & deswegen eine starke Reibung mit dem Rest der Truppe erzeugte, was durch eine dem Groove entgegengesetzte Rhythmik noch zusätzlich betont wurde. Die Nummer ging nahtlos in The Letter über, hier eher in einer an Joe Cocker orientierten Fassung, als im Box Tops Original zu hören. Der Refrain offenbarte dann das unglaubliche Potential dieser Sängerin & erklärte, warum sie Bonnie Riatt & Janis Joplin als ihre Vorbilder bezeichnet.
Viel diskutiert wurde schon immer die Frage nach dem Sinn von zwei Schlagzeugern in einer Band. Ist die Kombination eines Drummers mit einem Percussionisten nachvollziehbar & relativ häufig zu hören, so sind zwei oder gar drei Drummer, wie jüngst bei King Crimson, doch eher selten. Grateful Dead, die Doobie Brothers &, zumindest zeitweise auch die Allman Brothers, sind die einzigen bekannten Bands, die mir grad einfallen. Die beiden Trommler der TTB sind J.J. Johnson & Tyler Greenwell. Der Abend zeigte eine klare Aufgabenteilung. Während Johnson überwiegend für den geraden Beat & den Groove zuständig ist, verdichtet Greenwell mit filigraner Snare- & Beckenarbeit den Sound. Außerdem spielt er zuweilen mit der rechten Hand diverse Shaker statt des HiHats.
Vor der Pause gab´s erneut einen ausgedehnten Doppelpack aus Leaving Trunk & Volunteered Slavery zu hören. Die ca. 20 minütige Pause gab Gelegenheit, neben der Einnahme eines Getränks auch das zu überdenken, was bislang zu hören gewesen war. Die beiden männlichen & die weibliche „Background“ Stimme: Mike Mattison, Mark Rivers & Alecia Chakour, sind vollwertige Frontleute, die sich keinesfalls hinter Tedeschi zu verstecken brauchen, & erfreulicherweise auch ausgiebig Gelegenheit erhalten, dies zu demonstrieren. Wenn sie dann zusammen die Harmonielinien hinter Tedeschi´s Stimme singen, kommt schon mal Gänsehaut auf. Saxophonist Kebbi Williams ist mit seinem, der Musik eigentlich konträren Solostil eine echte Bereicherung, genau wie Posaunistin Elizabeth Lea, die mit schönem Ton & weichem Ansatz zu überzeugen wußte. Trompeter Ephraim Owens konnte da nicht ganz mithalten. Neu in der Band sind Brandon Boone am Baß, sowie der Keyboarder Gabe Dixon, der den im Februar diesen Jahres verstorbenen Kofi Burbridge ersetzen muß.

Tedeschi Trucks Band im Mehr! Theater Hamburg (Handyphoto)

Derek Trucks dürfte der weltweit führende Slide Gitarrist sein. Seine Spielweise, gänzlich ohne Plektrum, mit einem gläsernen Bottleneck auf dem linken Ringfinger & wunderbar dynamischem & variationsreichem Sound, den er aus einem Fender Superreverb & einer Gibson SG Standard herausholt, bestimmt wesentlich den Sound dieser Band. Daß er sich dabei nie in den Vordergrund spielt ist angenehm & sympathisch. Die beiden letzten Stücken im ersten Set beinhalten längere Solopassagen & weiß er diese so zu gestalten, daß keinerlei Langatmigkeit aufkommt, sondern auch große musikalische Bögen spannungsvoll, dynamisch & hochmusikalisch, sowie mit stupender Technik gestaltet werden. Das geht weit über virtuose Zurschaustellung hinaus, das ist ein Höchstmaß an Homogenität zwischen Idee & Ausführung. Unvergleichlich. Nur sehr wenige Gitarristen sind in der Lage, ihr Instrument singen & Geschichten erzählen zu lassen. Derek Trucks ist dazu uneingeschränkt in der Lage. Seine Frau, die im gesamten Konzert zweimal den Solopart übernahm, kann durchaus als Antipodin bezeichnet werden. Ihrem Spiel geht jegliche Eleganz, alles Fließende, rundweg ab. Nach einigen Takten wird jedoch klar, daß, schlösse man die Augen, dort auf der Bühne jemand aus der alten schwarzen Bluesgarde stünde, aus dem Süden nach Chicago gezogen, & der selben archaischen, vollständig unvirtuosen Spielweise verpflichtet, der Technik nichts, Ausdruck jedoch alles bedeutet.

Das vierte Stück im zweiten Set, Somebody pick up my Pieces, widmet Tedeschi ausdrücklich den Menschen in Paris, die zu diesem Zeitpunkt hilflos mitansehen müssen, wie Notre Dame de Paris in Flammen steht. Eine sehr schöne Geste, die vom Publikum unverständlicherweise viel zu zurückhaltend aufgenommen wird. Schade, egal aus was für Gründen. Höhepunkt nicht nur dieses Sets, sondern des gesamten Konzertes ist dann eindeutig Shame, ein eigentlich typischer TTB Song, der jedoch in ausgedehnte Soli von Gitarre & Baß mündet, mit starken dynamischen Kontrasten spielt & die Band plötzlich wie Grateful Dead & Trucks wie Jerry Garcia klingen läßt. Die Tonfolgen der Gitarre erinnern nunmehr an indische Ragas, der Klang fast eher an ein Glockenspiel, als an eine Gitarre. Trucks, von dem bekannt ist, daß er sein Equipment sehr puristisch hält, benutzt dafür ganz sicher keine Effekte, sondern lediglich seine Finger. Sensationell ! Der Freiraum, der hier entsteht, & den die Band mit großer Spielfreude nutzt, macht deutlich, welches musikalische Potential hier auf der Bühne steht. Chapeau! Danach verläßt ein Großteil der Truppe die Bühne & Tedeschi singt den Bob Dylan Song Don´t think twice, it´s allright in wunderbar zurückgenommener Weise & vollkommen uneitel. Beim folgenden How blue can you get bestreitet Tedeschi noch einmal den Solopart, danach klingt das Konzert mit Show me aus. Eine kurze Zugabe, das war´s. Die Uhr zeigt 22.30.

Die Vorstellung, wozu diese Band in der Lage ist, wenn sie den Tod ihres langjährigen Weggefährten Kofi Burbridge verarbeitet & die neuen Mitglieder an Baß & Keyboard dauerhaft integriert hat, sprengt gegenwärtig mein Vorstellungsvermögen. Vielleicht ist das auch gut so, man kann sich immer auf etwas freuen. Insgesamt bleibt einfach: mehr Theater geht nicht.
Ach ja, diese Besprechung ist euphorisch, stimmt, & das ist mindestens angemessen – & deshalb das Notwendige, das gesagt werden muß.

 

März 4

Mark Hollis oder die Evolution des Schweigens

. . . ein Nachruf

Im Sommer des Jahres 1986 stand ein Mann auf der Open Air Bühne des Hamburger Stadtparks, der dort offensichtlich nicht stehen wollte. Dennoch überwand er sich, seine Songs auf eine Weise darzubieten, die keinen Zweifel daran zuließ, daß sie ihm wichtig waren. Diese Mischung aus nahezu autistisch wirkender Introvertiertheit & dem gleichzeitigen Bedürfnis nach Mitteilung war nicht ans Publikum gerichtet, es war eine Botschaft an & gleichzeitig aus ihm selbst. Die siebenköpfige Band spielte eine gelungene Mischung aus gehobenem Pop & eher an Vorbildern der frühen Siebziger orientierter Rockmusik & sie spielte sicher, gut eingespielt & vorwärtstreibend. Der Sänger trug Jeans, ein buntes Hemd, seine halblangen blonden Haare fielen wegen des stets nach unten geneigten Kopfes über die dunkle Sonnenbrille. Beide Hände umfaßten das Mikrophon, umklammerten es, grad so, als wäre dies in diesem Moment der einzige Halt außerhalb seiner Musik. Wenn er nicht sang, trat er zurück hinter seine Mitmusiker & vermied jeden Blick in die Menge vor ihm. Better parted / I see people hiding / Speech gets harder / There’s no sense in writing / Help me find a way from this maze / I can’t help myself . . .  heißt es in Living in another World. Die Kongruenz zwischen Text & Sänger war beeindruckend, & sie war gewissermaßen auch beängstigend. Dort stand jemand, der nicht nur wußte, wovon er sang, dort stand jemand, der sich in diesen Zeilen auf offensichtlich gleichermaßen quälende wie unerläßliche Weise mitteilte, sich ungeschützt & nackt einer Menge auslieferte, die nicht der Inhalte, sondern der Hits wegen an diesem Sommertag hierher gekommen war. All das ist auch heute noch gut nachzuvollziehen, wenn man die DVD des Live – Mitschnitts der Band vom Montreux Jazz Festival des gleichen Jahres anschaut.

Talk Talk (Urheberrecht picture alliance)

Im Jahre 1981 gründete Mark Hollis die Band Talk Talk. Hollis, der ursprünglich Kinderpsychologe werden wollte, entstammte der Punk Szene. Die erste Platte der Band von 1982 enthielt den zu der Zeit typischen Synthie Pop. Inhaltlich eher belanglos, sollte sich ihr Titel The Party is over allerdings noch als prophetisch herausstellen. Zwei Jahre später erschien mit It´s my life der Nachfolger. Der Keyboarder hatte die Band zwischenzeitlich verlassen, Talk Talk bestanden nun aus Mark Hollis, dem Schlagzeuger Lee Harris & dem Bassisten Paul Webb. Für Keyboard & Produktion zeichnete Tim Friese – Greene verantwortlich, der nie offizielles Mitglied wurde, auch nicht mit der Band zusammen auftrat, jedoch Zeit ihres Bestehens die Studioarbeit maßgeblich mitgestaltete. Die Musik der Platte unterschied sich deutlich vom Erstling, sie war experimenteller geworden, auch intellektueller, in Teilen avantgardistisch, & aufwendig produziert. Sie enthielt gleichwohl mit Dum Dum Girl, Renee, It´s my Life, Call in the Night Boy, Does Caroline know & vor allem Such a Shame eine übergroße Fülle potenzieller & tatsächlicher Hits. Such a Shame ist auch heute noch relativ häufig im Radio zu hören, auch wenn der Anfang & der Schluß i.d.R. ausgeblendet werden & dem Song dadurch viel von seiner Wirkung nehmen. Textlich bezieht sich der Song auf einen Roman von Luke Rineheart, The Dice Man, in dem es darum geht, daß ein Psychiater beginnt, Lebensentscheidungen buchstäblich auszuwürfeln. Bei aller vordergründigen Gefälligkeit, die das Album ausstrahlt, verweist es im Detail & bei genauem Hinhören bereits auf eine Musik, die das Vordergründige ablegen & zum Kern  musikalischer Erfindungen vordringen wird. Die Band wird diesen Weg in all seiner unerbittlichen Konsequenz zu Ende gehen & dabei auf ihren Platten eine der erstaunlichsten & bemerkenswertesten Entwicklungen der gesamten populären Musik dokumentieren. 

Im Jahre 1986 erschien The Colour of Spring, eine Platte, die sich so häufig wie kaum eine andere auf meinem Plattenteller drehte. Erneut hatte die Band stilistisch einen großen Schritt gewagt & eine vorwiegend im mittleren Tempo gehaltene Musik eingespielt, die direkt aus der Zeit zwischen 1969 & 1972 zu kommen schien & deren Neo Hippie – Attitude von Hammond Orgel & Mundharmonika unterstrichen wurde. Eine ganze Heerschar von Musikern, darunter so illustre Namen wie Steve Winwood, Mark Feltham,  Robby Mc. Intosh u.a. schufen bei den Aufnahmen einen dichten, jedoch gleichwohl transparenten Sound, der von Hollis´ drängender, leicht nasaler & zum Legato neigenden Stimme überstrahlt wurde. Auch wenn der Titel der Platte & das Cover mit den vielen Schmetterlingen Frühlingshaftes andeuten, findet sich dies in den Texten kaum wieder. Hollis´ Sicht auf die Welt & auf menschliche Beziehungen changiert zwischen melancholisch, depressiv & verzweifelt. Die Länge der einzelnen Songs hatte deutlich zugenommen, ein Grund dafür war offensichtlich, das Kurzlebige des Pop zu überwinden & dem Zuhören als dem Kern musikalischer Rezeption näher zu kommen. Erstaunlicherweise gilt diese Platte als die kommerziell erfolgreichste der Band.

1988 erschien nach Querelen mit der Plattenfirma EMI  mit The Spirit of Eden das vierte Studioalbum von Talk Talk. Die Plattenfirma vermißte Hit – kompatible Eingängigkeit & forderte Nachbesserungen, die Hollis jedoch ablehnte. Die Platte erwies sich jedoch, trotz ihrer weltabgewandten Sperrigkeit als beachtlich erfolgreich, auch wenn die Umsätze nicht an die früheren beiden Veröffentlichungen heranreichen konnten. Das ist kein Wunder. Zwischen Alben von Michael Jackson, Sting, Grönemeyer, Fleetwood Mac & dem überaus erfolgreichen Soundtrack von Dirty Dancing mußte The Spirit of Eden wie ein häßliches Entlein erscheinen. Erneut hatte sich das Personal von The Colour of Spring, diesmal noch erweitert um Nigel Kennedy & den Chor der Chelmsford Cathedral ins Studio begeben & eine Musik geschaffen, die sich in der spürbaren Reduktion des Formalen wie des Inhaltlichen den Grenzen herkömmlicher Songstrukturen annäherte. Die Musik reduzierte sich auf Instrumental- & Klangtupfer, der pastose musikalische Pinselstrich war der dünnen Linienführung fast aufgelöster sparsamer Ostinati gewichen, gelegentlich von heftigen Ausbrüchen unterbrochen. Die instrumentalen Beiträge der Mitwirkenden bleiben wenige hingehauchte Einsprengsel, die Stimme von Mark Hollis ist stark zurückgenommen, manchmal nur gehaucht, das Vorwärtsdrängen früherer Aufnahmen findet sich nur in den dynamischen Spitzen der Platte. Dies ist keine Rockmusik mehr, schon gar kein Pop, dies ist die Überwindung von Beidem, der Versuch, eine Musik jenseits der gängigen Musik zu erschaffen. 

Mark Hollis (Urheberrecht Martyn Goodcare 1990 / Getty Images)

Im September 1991 erschien das letzte Studioalbum von Talk Talk, Laughing Stock, auf dem Jazz – Label Verve. Bassist Paul Webb hatte die Band verlassen, die Aufnahmen bestanden aus stundenlangen Improvisationen der erneut zahlreichen Beteiligten, aus denen in der Phase der Produktion des Albums einzelne Teile, oft nur kleinste Klangpartikel herausgeschnitten & in unterschiedlichster Form zusammengesetzt wurden, um Musik zu erschaffen, die den Begriff Song nunmehr endgültig hinter sich gelassen hatte. Die wechselhafte Dynamik der Stimme wurde nochmals gesteigert, sie verblieb jedoch im eher Leisen, diente jetzt mehr dem Transport von Worten & wenigen Zeilen, als dem, was man als herkömmlichen Gesang bezeichnen kann. Laughing Stock ist Kammermusik, der sog. Neuen Musik näher als allen Formen zeitgenössischer Popularmusik. Der Begriff des Post – Rock manifestierte sich u.a. an dieser Platte. Nach Erscheinen des Albums löste sich die Band auf. 

1998 erschien ein Soloalbum von Mark Hollis, nach ihm betitelt, welches den Weg des Musikers ins Schweigen, in die Stille, nochmals konsequent dokumentierte. Herkömmliche Strukturen finden sich kaum, die einzelnen, zum Teil ineinander übergehenden Titel werden mithilfe pointilistischer Klangminiaturen zusammengehalten, die gehauchten Texte sind oft kaum noch verständlich. Trotzdem ist diese Musik spannend & auf eine fast verborgene Art lebendig & farbenreich, wenn man sich der Mühe unterzieht, ihr in sich selbst den Raum zur Entfaltung zu geben, das klangliche Schweigen zuzulassen & die Angst vor der Stille zu überwinden. Mark Hollis war auf seinem Weg in diese Stille an dem Punkt angekommen, von dem aus ihm ein Weitergehen nicht länger möglich schien. Die Konsequenz dieses Weges, die Evolution des Schweigens, konnte nur zu einer Musik hinter aller Musik führen. Nach dieser Platte zog er sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Er hat seitdem keine Musik produziert oder veröffentlicht & auch keine Interviews gegeben.

Am 25. Februar 2019 ist Mark Hollis im Alter von 64 Jahren gestorben.

 

Dezember 17

SchwerMetallWoche

. . . . Thrash in Hamburg . . . .

Für Außenstehende handelt es sich bei der Musik, um die es hier gehen wird, vorwiegend um Krach. Lärm ohne Form, ohne Melodie & latent gewalttätig. Das ist in sofern nachvollziehbar, als daß das menschliche Ohr, bzw. seine neuralen Rezeptoren, sich am vorgeblich Harmonischen erfreuen. Die psychische Befindlichkeit der Moderne ist derart vielen Stressoren ausgesetzt, daß ihr die Zumutung von Unbequemem, Lautem, Schnellem, in Teilen als aggressiv & monoton Empfundenem, als Angriff auf die ohnehin stetig sinkende regenerative Ressource erscheint. Es wird deshalb über diese Musik, ihre Rezeption & Aufführung sowie ihr Umfeld keinen Konsens geben können, missionarische Bemühungen werden scheitern & sind von meiner Seite auch gar nicht beabsichtigt. Metal, vor allem seine Extreme, sind einer relativ kleinen, ziemlich fanatischen & bedingungslos treuen Minderheit vorbehalten, denn was dem einen die Hölle, ist dem anderen sein Himmel. 

In Hamburg fanden in dieser Woche an drei sehr verschiedenen Orten drei sehr verschiedene Konzerte statt. Allerdings ging es bei allen Veranstaltungen vorwiegend um Thrash. 

Diese Richtung entstand in den frühen 80er Jahren an der Westküste der USA mit Bands wie Exodus, Death Angel, Slayer, Testament & Metallica, an der Ostküste wurden Anthrax & Overkill aktiv. Thrash ist eine sehr schnelle harte Musik, die von stakkatoartigen Gitarrenriffs, ultraschnellen Drums & aggressivem schreienden Gesang – im Gegensatz zu den tiefen Growls des Death Metal – gekennzeichnet ist. Zuweilen spielen auch Elemente des Hardcore, wie z.B. dessen vokale Shouts eine Rolle. Thrash ist eine im Grunde archaische Musik, man könnte sagen, es ist die Seele des Metal, sie ist wild, dreckig & laut, sie hat alle Moden überlebt & ist, ihrem Wesen nach im Grunde antimodern, der Kern handgemachter harter Musik. Bei den besten Vertretern des Genres spielt sich das handwerkliche Geschehen oft an der Grenze des technisch Spielbaren ab & vor dem Hintergrund ausgefeilter komplexer Arrangements, die allerdings nichts mit dem Gefrickel der Progressive Fraktion gemein haben. Die millionenfach immer noch verehrten Herren von Metallica sind mittlerweile längst dem künstlerischen Ausverkauf & dem Kommerz verfallen & beherzigen den Frank Zappa Ausspruch: we´re only in it for the money, was sich u.a. darin äußert, daß sie zeitweise im Studio & auf Tour einen Gruppentherapeuten benötigen, um sich nicht ständig  gegenseitig auf den Kopf zu hauen, oder sich Fan – SMS zur Abstimmung über das am Abend zu spielende Programm mit 50 Cent bezahlen lassen. Außerdem: wer wie der Sänger James Hetfield Grizzly – Bären im Winterschlaf erschießt, kann kein guter Mensch sein. Den anderen hier Genannten hingegen ist es gelungen, ihre Integrität zu wahren & in Würde nicht nur zu altern, sondern auch live (& auf Konserve sowieso) dem Nachwuchs sehr unmißverständlich zu zeigen, wo der große schwere Schmiedehammer immer noch hängt. Zu besichtigen war das alles mit sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen & Begleiterscheinungen in einer spannenden Woche in Hamburg. 

Mittlerweile ist selbst die Arena, im Moment als Barclay Card Arena auf dem Spielplan, leider nicht mehr zu groß, um Metal – Konzerte zu beherbergen. Lange angekündigt, machen Slayer hier einen Halt im Rahmen ihrer weltweiten Abschiedstournee. Im Vorprogramm finden sich so illustre Namen wie Obituary, Anthrax & Lamb of God. Grund genug, sich auf einen herrlichen Abend zu freuen. Eigentlich. Um 18.00 Uhr ist die Halle überaus mäßig gefüllt, selbst der Innenraum höchstens zu 25 %. Obituary geben sich die größte Mühe, mit ihrem Florida Death Metal den Abend angemessen zu eröffnen, allerdings sprechen zwei Umstände entschieden dagegen. Zum einen der erbärmliche Sound, den ich ohne zu zögern zum schlechtesten von mir je gehörten erkläre, matschig, dumpf, komplett intransparent. Eine Schande! Zweitens die riesige Halle, die viel zu groß ist für derartige Musik, zumal dann, wenn sie noch weitgehend leer ist. Danach folgen, die Halle füllt sich langsam, auch wenn der Oberrang zu 95 % unbesetzt bleiben wird, Anthrax, die sich sichtbar den Arsch abspielen. Angemessen hörbar wird dies leider nicht, der einzige Regler, der bewegt wird, ist der Lautstärkeregler. Diesen undifferenzierten Krach, der die Songs mehr erahnen als erklingen läßt & aus dessen Akustikbrei gelegentlich die oberen Gesangstöne, die hohen Parts der Gitarrensoli & Teile des Schlagzeugs wirklich heraushörbar (!) sind, als Musik bezeichnen zu wollen, wäre reiner Euphemismus. & ja, natürlich, hier schreibt wieder der Musiker, der Musik- & Klanggourmet, andere nehmen´s wesentlich gelassener. Vielleicht sind die ersten 10 Meter vor der Bühne besser dran, auf meinem Platz, der normalerweise ein guter ist, also in Mischpulthöhe, in den unteren Reihen nahe am Innenraum, wird es langsam eher unerträglich. Gleichwohl bleibt festzuhalten, Anthrax spielen einen engagierten guten Set, herausragend Drummer Charly Benante & der die Gemeinde durchaus polarisierende Sänger Joey Belladonna, & Gitarrist & Gründer Scott Ian gibt wieder alles. Sehr schade, Anthrax hätten einen weit besseren Mix verdient. Herausragendes haben anschließend Lamb of God leider nicht zu bieten. Die in der Konserve recht ansprechende Band, die ihre Musik selbst als pure american metal bezeichnet, hat beschlossen, heute Abend stetig das selbe Stück zu spielen. Das hört sich an wie eine mißlungene Mischung aus schlechten Pantera & müden Hatebreed, da kann der Sänger sich noch so verausgaben, bringt alles nix. Dafür wurde der Lautstärkeregler nochmals nachjustiert. Nach oben allerdings. Der Sound, man ahnt es, bleibt unterirdisch, das Foyer hingegen füllt sich, viele ziehen ein nettes Bierchen dem Geschehen in der Halle vor. Ich beschließe, wenn Slayer auch so klingen, gehe ich.

s´Chanderli, Lok der Kandertalbahn, Kandern, Südschwarzwald

Aber Slayer sind Gott. & an diesem Abend läßt die Band rein gar nichts unversucht, dies zu manifestieren, wenn´s denn sein muß, auch für die Ewigkeit. Fanden die Umbauten der bisherigen Bands auf offener Bühne statt & war das Licht eher  mäßig, so fiel nun ein dünner Vorhang vor die Bühne & verbarg die dahinter stattfindende Geschäftigkeit. Als das Licht endlich ausging & die Klänge des Intros einsetzten, war sofort klar, daß diesmal nicht nur am Lautstärkeregler gedreht worden war. Als dann der Vorhang mit dem ersten Ton von Repentless fiel, wurde der Blick auf die große Bühne frei, in tiefes Rot getaucht, aufwendig dekoriert mit Slayer – Eagles, riesigen Motivvorhängen hinten & seitwärts & mit amtlichem Licht. Der Sound war nun klar & transparent, selbst der Gesang trotz der Lautstärke verständlich, & die Frage bleibt, ob eine Band wie diese das Kaputtmischen der Vorbands tatsächlich nötig hat. In der Halle gab es nun kein Halten mehr, alles stand, vor der Bühne brodelte der Pit & auf den Brettern knallte das kalifornische Quartett einen Kracher nach dem anderen heraus. Im Bühnenhintergrund wechselten gelegentlich die Vorhänge. Die Band zeigte sich musikalisch & auch physisch in ausgezeichneter Verfassung, Bassist & Sänger Tom Araya bewies erstaunliche Stimmfestigkeit & zeigte keinerlei vokale Ermüdungserscheinungen, Drummer Paul Bostaph – ja, ich finde ihn tatsächlich „besser“ als Dave Lombardo – lieferte präzise & sehr musikalisch das rhythmische Fundament der schnellen Nackenbrecher. Gitarrist Kerry King verschmolz mit Baß & Schlagzeug zu einer sehr dichten & treibenden Einheit. Gary Holt, nach dem Tode von Jeff Hannemann im November 2013 neben seinem Hauptberuf als Exodus – Gitarrist auch festes Mitglied bei Slayer, wo er bereits die Vertretung für den kranken Hannemann übernommen hatte, bewies erneut, daß er der beste Gitarrist ist, der je in dieser Band gespielt hat.

Es gibt Momente, da wird es still, Momente, die sich einprägen & Bilder, die unvergessen bleiben. An diesem Abend war es Tom Araya, der, wenn es nach einigen Stücken dunkel wurde, allein in einem fahlen Lichtkegel stand, seinen Baß quer vor dem Körper, die Arme hingen herab, so stand er still & bewegungslos da & schaute ins Publikum, der mächtige graue Vollbart der letzten Jahre war einem Kinnbart gewichen, was ihn jünger aussehen ließ. In der Halle wurde es still, während Araya so dastand, dann fingen die Leute an zu klatschen, Jubel brandete auf, & er stand einfach nur da & schaute, grad so, als wolle er sich dieses Anblicks auf ewig versichern, jeden Moment mitnehmen in die Zeit nach Slayer, die ja nun scheinbar unwiderruflich bevorsteht. Danach ein paar Worte, ein Dank, eine Ansage & dann ging´s auch schon weiter, aber für einen kurzen Augenblick klang die Musik danach für mich weit weg, wie durch einen Wattevorhang, gedämpft, unwirklich, dann stetig lauter, bis die Erinnerung an den älteren Mann im Scheinwerferkegel zurücktrat hinter den nächsten Song. In der Halle & auf den Rängen lagen sich mittlerweile alte Metaller in den Armen & weinten, wollten nicht wahrhaben, daß dies wahrscheinlich das letzte Mal war, daß die Band nach 37 Jahren tatsächlich Abschied nehmen & auseinandergehen könnte, daß all diese unsterblichen Songs künftig nur noch als Konserve & als Erinnerung abrufbar sein könnten. Um halb elf ist es dann vorbei. Beim letzten Song, Angel of Death, fällt ein Motivvorhang mit dem Bild Jeff Hannemann´s in den Bühnenhintergrund. Spätestens jetzt ist Jedem klar, auch Götter sind sterblich.

Musik – Maschine im Tinguely Museum, Basel

Szenenwechsel, einige Tage später: die Alsterdorfer Sporthalle, fertiggestellt 1968, seitdem innen & außen noch genauso häßlich, Fassungsvermögen 7000 Menschen, berüchtigt für ihre gnadenlos schreckliche Akustik. Wenigstens kann man die Sitze an den Seitenrängen benutzen, was heute Abend sehr viele Besucher in der nahezu ausverkauften Halle auch tun. Auf dem Programm stehen Dimmu Borgir & Kreator, Support sind Bloodbath & Hatebreed. Bloodbath aus Stockholm eröffnen den Abend mit ihrem brutalen Death Metal, Sänger Nick Holmes, hauptberuflich Frontmann von Paradise Lost, der hier zu seinen musikalischen Anfängen zurückkehrt & genregerecht growlt, trägt Sakko, was irgendwie befremdlich wirkt, aber natürlich egal sein sollte. Die Band klingt besser als die Supports von Slayer, gleichwohl ist auch hier noch Luft nach oben. Während des dritten Songs fällt der Ton aus, inclusive Monitor, nur die Backline ist noch zu hören. Die Band geht nach einer Minute von der Bühne, einige weitere Minuten später kann´s weiter gehen. Allerdings ist nach fünf Songs die Show ohnehin beendet, ggf. wurde ein Songs aus Zeitgründen wg. des Tonausfalls gestrichen. Schade, das klang wirklich nett, was der schwedische Fünfer dort präsentierte. 

Hatebreed aus New York taten das, was sie immer tun: Vom ersten Ton an Vollgas geben, ihren krachenden Hardcore in die begeisterte Menge blasen & die Leute sofort zum Kochen bringen. Beim dritten Stück fällt erneut der Ton aus, ebenfalls die Monitore, nur die Backline ist noch zu hören. Aber die Band nimmt´s mit Humor, spielt einfach weiter, & animiert das geduldige Publikum zum gemeinsamen Winken. Bald ist der Sound wieder da, es wird ordentlich gehüpft & nach kurzer Zeit gibt´s bereits einen Circle Pit rund um die Pultsektion. Sänger Jamey Jasta kommt wie immer sehr freundlich & nett rüber, & die energetische Kapelle hat wieder einmal sichtlich Spaß an ihrem eigenen Treiben. Das alles ist nicht neu & schon gar nicht sonderlich originell, macht aber Spaß & ist sehr sympathisch. Der Sound ist besser geworden. Nach ca. 40 Minuten ist Schluß, die Halle feiert die Band, der folgende Umbau für Dimmu Borgir bietet ein wenig Erholung & Zeit für den Gang zum Getränkestand.  

Die Norweger mit ihrem symphonischen Black Metal polarisieren seit Jahren. Konservativen BM – Fans ist das alles viel zu poppig & weichgespült, sie sprechen von Verrat & Ausverkauf. Derweil wächst die Anhängerschar bestätig, DB sind die mit Abstand erfolgreichste BM – Band weltweit, wobei nicht Wenige sagen, mit BM hat das schon lange nichts mehr zu tun. Musikalisch sind die Grundmuster des BM allerdings nach wie vor klar erkennbar, mandolinenartig gespielte Gitarren, typischer Gesang zwischen kehligen Growls & Gekreische, Blastbeats & Bassdrum Gewitter, finsteres Outfit & viel Schminke. Die Songs sind allerdings eher melodiös & werden mit dichten orchestralen Parts aufgeladen. Bisweilen tritt die Band auch mit komplettem Symphonieorchester & Chor auf, heute Abend ersetzen Keyboard – Samples das richtige Orchester. Der Sound ist noch ein Stückchen besser geworden, die Band wird vom ersten Ton an gefeiert & spielt sich souverän durch die z.T. komplexen, wenn auch insgesamt sehr eingängigen Songs. Das ist durchaus spannend, sehr massiv, dunkel & mächtig, & macht richtig Spaß. Nach gut einer Stunde ist Schluß & ich stelle mir gerne vor, was Dimmu Borgir wohl als Headliner auf einer großen Bühne so alles anstellen würden. Insgesamt betrachtet hat die Band ihren Stil konsequent verfolgt & weiterentwickelt, mit dem aktuellen Eonian ein entsprechendes, also nahezu durchorchestriertes Album mit satten Streichern & fetten Chören aufgenommen & trotzdem die notwendige Härte beibehalten. Das muß nicht allen gefallen, denn  die Songs sind nun noch ein wenig eingängiger geworden, ohne allerdings dabei auf die Stil- & Soundmarken des Black Metal ganz zu verzichten. Dimmu Borgir haben die Phase des Experimentierens offensichtlich beendet & zu einem eigenen Sound gefunden. Dafür, & für´s Ergebnis, auch live, gibt’s ein dickes Lob.

Geräusch – Maschine im Tinguely Museum, Basel

Wie schon beim Bühnenumbau für Slayer, so fällt auch heute vor der Bühne ein dünner Vorhang. Einige Projektionen leiten mit dem obligatorischen Konservenintro ein denkwürdiges Konzert ein. Der fallende Vorhang gibt den Blick auf die komplette Bühne frei, die von vier großen LED Stellwänden für Videoprojektionen beherrscht wird.  Die Sporthalle, der nachgesagt wird, es sei unmöglich, hier einen guten Sound hinzubekommen, zeigt, es liegt nicht an ihr, sondern am Können der Leute an den Reglern. Was Kreator hier abliefern, ist das soundtechnisch Beste, was ich je bei einem Metal – Konzert gehört habe. Große Open Air Geschichten mal außen vor gelassen. Kristallklar, transparent & trotzdem mit dem nötigen Wums bringen die Essener Thrash – Ikonen den Saal nahezu augenblicklich zum Toben. Enemy of God, gefolgt von Hail to the Hordes geben die Richtung vor, der Moshpit vor der Bühne explodiert förmlich & die Band hält Energie & Tempo zügig am Laufen. An Showelementen wird nicht gespart, Flammenwerfer, Konfettikanone, alles kommt zum Einsatz & Kreator erfreuen mit einer Art Best of – Programm.

Es drängt sich unweigerlich der Vergleich mit Slayer auf, doch der, wie viele Vergleiche vor ihm, hinkt. Kreator sind ohne Frage eine handwerklich betrachtet perfekte Band, die Songs sind ein wenig abwechslungsreicher, die Arrangements ausgefeilter, die Instrumentalisten herausragend. Was hier stellenweise geboten wird, bewegt sich zuweilen durchaus an der Grenze des Spielbaren. Aber die Stimme von Tom Araya klingt sehr viel sicherer, ist modulationsfähiger & intonationsfester. Vor allem jedoch: Slayer zeigen, daß der Legendenstatus nicht nur mit kompositorisch vielleicht besseren Songs, sondern vor allem mit einem sachlich nicht immer verifizierbaren Gesamtpaket erlangt wird, & da haben die Kalifornier zwar die einfacheren, zugleich aber auch die wirkungsvolleren Songs auf ihrer Seite. Kracher wie Raining Blood, South of Heaven oder Angel of Death sind Stilikonen, gehören zur DNA des Genres. Repentless, die elfte & bislang letzte Studioplatte ist ein Hammer. Sie haben die Geschichte nicht nur des Thrash, sondern des gesamten Metal geprägt. Slayer haben das kleine, das entscheidende Etwas, das, vielleicht undefinierbar, ihnen gottähnlichen Status gewährt. Slayer sind finsterer, machtvoller, dreckiger. Wie schön, sich nicht wirklich entscheiden zu müssen.

Um eine Entscheidung ggf. zusätzlich zu erschweren, spielten drei Tage später Exodus in der Markthalle. Diese faßt in der unbestuhlten Variante ca. 1000 Personen, der Rahmen ist also vergleichsweise intim. Das Vorprogramm – ich finde insgesamt vier Bands an einem Abend deutlich zu viel, dürfte damit allerdings alleine dastehen – hielt Licht & Schatten bereit & begann mit der Athener Band Suicidal Angels. Die noch ziemlich junge Truppe gab sich große Mühe & war gar nicht mal so erfolglos dabei, das Publikum zu animieren. Bedauerlicherweise kann ich außer Sympathiepunkten nichts weiter vergeben, denn es fehlte so ziemlich an allem, was erforderlich ist, um eine gute Band zu werden. Die Songs waren langweilig & zu einfach gestrickt, die Riffs kamen über Klischees zu keinem Zeitpunkt hinaus, die Instrumentalisten, besonders der Trommler, haben eindeutig noch eine Menge Luft nach oben. So war die Ansage des letzten Songs im Prinzip eine Erlösung.  

Wenn es eine Keimzelle des Thrash gibt, dann liegt sie an der Bay Area, rund um San Francisco. Von Exodus bis Machine Head sind unzählige Bands hier nach wie vor heimisch.  Auch Death Angel stammen von dort. Das 1982 gegründete Quintett kam auf die Bühne & zeigte vom ersten Ton an, was Bay Area Thrash ausmacht & warum es so faszinierend ist, sich davon vereinnahmen zu lassen. Von Anfang an gab die Band Vollgas, spielte sich durch gute & abwechslungsreiche Songs, überzeugte mit ausgesprochen ausgefeilter Spieltechnik, überraschenden Arrangements & einem guten Sound. Die Hardcore – ähnlichen Shouts waren durchaus auch mal mehrstimmig & die Truppe war überaus tight eingespielt. Eine sehr gelungene Vorstellung, ein tolles Konzert & vom Publikum sehr gut aufgenommen. 

Daß es zuweilen doch erstaunlich ist, wie wenig auszureichen scheint, um Legendenstatus zu erlangen, zeigten danach Sodom aus Gelsenkirchen. Der erstaunlichste Widerspruch lag zwischen dem begeisterten Zuspruch für die Band & dem, was diese dafür anbot. Die neuerdings zum Quartett erweiterte Truppe um den ständig leicht assihaften Thomas Such, alias Tom Angelripper spielte keine besseren Songs als der griechische Nachwuchs Eingangs, nur eben etwas fetter. Das reicht nicht, Jungs, wirklich nicht. Die Songs kamen gegen Ende des ca. einstündigen Sets nur noch als Fragmente daher, brachen teilweise ab, ohne daß ein fertiges Arrangement zu hören gewesen wäre & die Gitarrenarbeit war handwerklich – nun, sagen wir mal: ausbaufähig. Gleiches galt für´s Schlagwerk. Die Konserven, die ich von Sodom gehört habe, sind wahrlich keine Meilensteine an Inspiration, jedoch immer noch durchaus solides Handwerk. Dieses Konzert war dagegen einfach nur schlecht. Das Image der hart malochenden bierseligen & Fan – nahen Ruhrpottruppe mit ausgeprägtem Hang zu unteren Gesellschaftsschichten scheint jedoch für die Masse das Gebotene entschuldbar zu machen. Der Saal tobte jedenfalls. 

Dann war´s endlich soweit & Exodus sprangen auf die Bühne. Was dann folgte, war nichts weniger als ein Erbeben, ein musikalisches Massaker besonderer Art. Mit unbarmherziger Geschwindigkeit, gnadenloser Härte, unfaßbarer Präzision & brachialer Lautstärke prügelte das Quintett aus Richmond seine genialen Klassiker in die Markthalle & schien fest entschlossen, die Leute aus den Schuhen zu blasen. Stilgerecht hieß der zweite Song denn auch Lessons in Violence & die gab´s am laufenden Band. Ständig in Bewegung, breit grinsend & immer in freundschaftlichem Kontakt mit den ersten Reihen, die nur eine Armlänge weit entfernt waren, & offensichtlich in allerbester Laune, feuerten Exodus den ohnehin brodelnden Thrash Kessel noch einmal ordentlich an, legten diverse Schaufeln Kohle nach & ritten auf einer alles niederwalzenden Welle von schier unerschöpflicher Energie durch den Rest des Abends. Unfaßbar; auch vor dem Hintergrund der physischen Anstrengung. Atempause: keine ! Für den gegenwärtig mit Slayer tourenden Gary Holt spielte wieder einmal Kragen Lum einen absolut vollwertigen Ersatz, & er wirkte keineswegs als Außenseiter oder Lückenbüßer, dafür kennt man sich einfach schon zu lange. Der Beweis, daß Old School Bay Area Thrash zeitlos ist & nichts, aber auch gar nichts eingebüßt hat, heißt Exodus.  

This old shit is really fuckin´ bay area thrash & it´s fuckin´ swingin´ ! 

& vielleicht trifft´s dieses Wort tatsächlich, Exodus hatten den Swing, trotz dieser ultraharten Musik ein fühlbares Element der Leichtigkeit, Lässigkeit & Lebendigkeit, daß vor allem US Bands so eigen ist, selbst wenn sie Fuckin´ Bay Area Thrash spielen. 

 

Anspieltips:

Anthrax: Caught in a Mosh:  https://www.youtube.com/watch?v=fJl7PtE0J6g 

Slayer: Raining Blood:  https://www.youtube.com/watch?v=H2OjbS_GnS4

Dimmu Borgir:  Gateways:  https://www.youtube.com/watch?v=XGoak4ISCPU

Kreator:  Hordes of Chaos:  https://www.youtube.com/watch?v=DP2JYcxk7UQ

Death Angel:  Father of Lies:  https://www.youtube.com/watch?v=GUudaIBYCQQ

Exodus:  Bonded by Blood:  https://www.youtube.com/watch?v=buo41pkHMU0 

 

 

 

 

September 26

Das Pop – Ufo

. . . . das Electric Light Orchestra landet in Hamburg . . . .

 

„When I was a boy I had a dream
All about the things I’d like to be
Soon as I was in my bed, music played inside my head
When I was a boy I had a dream“

aus When I was a boy / Jeff Lynne´s ELO

 

Gelegentlich, wenn ich meinen Widerwillen überwinde, nehme ich die Pop – Kolumne der Süddeutschen Zeitung zur Hand & höre mich bis zum schnellen Erreichen der Schmerzgrenze durch das dort Angepriesene. Zeit für nachdenkliches Befremden bleibt dann kaum, zu groß ist der Ärger über das Gehörte. Das einzig Tröstliche ist, daß es sich bei den Autoren dieser Rubrik nicht um Musikkritiker im althergebrachten Sinne handelt, sondern um Zeitgeistschreiberlinge in sozialpädagogischer Funktion.  

In seiner ARD – Sendung Druckfrisch wirft der Literaturkritiker Dennis Scheck beim Abarbeiten der Spiegel – Bestsellerliste all das, was er für Mist hält, in die Mülltonne. Herrlich! Denn das ist genau der Ort, in den nahezu alles, was in der Pop – Kolumne der SZ worthülsenreich beworben wird, hineingehört. Für das zu Hörende gelten indes einige Grundregeln: mehr als zwei Akkorde sind nicht erlaubt, Songstrukturen sind dann am besten, wenn sie nicht vorkommen, Gesang ist gerne unerträgliches Genöle, oder, weil immer korrrrrekt ey, Gestammel. Ich habe allerdings mittlerweile auch gelernt, daß es hierbei gar nicht um das Metier Musik geht, sondern daß das, was dafür ausgegeben wird, in erster Linie eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen hat, also werden die gängigen Klischees von Emanzipation & Antirassismus herbeiphantasiert & die Bereicherung des musikalischen Weltgeschehens halluziniert. Im Ergebnis jedoch ist die bejammernswerte Trostlosigkeit des Dargebotenen je nach persönlichem Standpunkt höchst ärgerlich & maßlos enttäuschend, oder aber, bei eher zynischer Weltsicht, einfach nur lächerlich. 

Diese kulturpessimistisch misanthropische Einleitung ist dem Gegenstand geschuldet, um den es hier geht, nämlich Pop Musik, allerdings fortan mit dem Schwerpunkt auf dem Beiwort Musik. Angefügt sei noch, daß das scheinbar Leichte, ja seichte, das dem Pop immer noch nachgesagt wird, in Wahrheit das tatsächlich Schwerste ist. Da mag man jeden fragen, der drei Akkorde auf der Gitarre zuwege bringt & ständig merkt, daß es nicht die sind, aus denen andere Hits machen. Denn es wird im Folgenden auch um Hits gehen, um sehr viele Hits.  

Im deutschen Fernsehen lief mehrere Jahre lang eine Sendung mit dem Namen Beat Club. Wer die Ausstrahlungen damals, oder die Wiederholungen später nicht gesehen hat, sich jedoch für Pop – & Rockmusik interessiert, kann immerhin auf die leider recht teure DVD – Edition zurückgreifen. Die 83 anfangs 30 minütigen, später einstündigen Episoden, die zwischen 1965 & 1972 monatlich ausgestrahlt wurden, sind eine Enzyklopädie der Entwicklung der englischsprachigen populären Musik in diesen Jahren. Mit dem Aufkommen des sogenannten progressiven Rock spielten die Bands in der Sendung live,  damals ein Novum, & der Schwerpunkt hatte sich eindeutig vom Hitparadenpop hin zur Rockmusik verlagert. Wer Rang & Namen hatte, war im Beat Club zu Gast, auch um die Chance zu nutzen, im öffentlichen Fernsehen vor einem großen landesweiten Publikum zu spielen, auch wenn´s dafür nur, auch damals schon magere 300,- DM gab.

Eine der Bands, die mehrmals in der Sendung auftraten, waren The Move aus Birmingham, die u.a. mit Fire Brigade & Black Berry Way veritable Hits hatten & deren Musik schon damals eine größere Prise Rock enthielt. In der Pop Musik der späten 60er & frühen 70er Jahre waren die Anforderungen an das, was gemeinhin als Song verstanden wurde, ungleich größer als heute. Melodien wurden ausgearbeitet, ein Song bestand aus mindestens drei Teilen, nämlich Strophe, Refrain & Bridge, & nach der Ära der Beatmusik wurde auch auf Arrangements deutlich mehr Wert gelegt. Mitglieder der Truppe waren die Sänger & Multiinstrumentalisten Roy Wood & Jeff Lynne, sowie der Schlagzeuger Bev Bevan. Ab 1971 verfolgten diese Drei ein Nebenprojekt, mit dem sie den Kosmos aus musikalischem Ausdruck & künstlerischer Ambition deutlich erweitern wollten & gründeten das Electric Light Orchestra. 

Nach Erscheinen der ersten Langspielplatte im Jahre 1972, The Move hatte man zwischenzeitlich aufgelöst, verließ Roy Wood das ELO, & gründete die Band Wizzard, um dort seinen eher experimentellen Neigungen nachzugehen. Bev Bevan blieb bis zur Auflösung des ELO im Jahre 1986 dessen Schlagzeuger. Jeff Lynne verfolgte konsequent den Plan, anspruchsvolle Popmusik mit ausgefeilter Studiotechnik, prononciertem Einsatz von  Streichern & mehrstimmigen Vokalsätzen zu produzieren & war damit sehr schnell ziemlich angesagt. Im Jahre 1977 erschien das Doppelalbum Out of the Blue, mit dem berühmten UFO – Cover. Die Platte war, genau wie der Vorgänger A New World Record, äußerst erfolgreich & enthielt erneut etliche Hits. Jeff Lynne schrieb, arrangierte & produzierte alle Songs im Alleingang. Die Musik war eine Mischung aus an den Beatles orientierten Harmonien & Arrangements, sowie tanzbaren Disco – Rhythmen. Die Vokal – & Streichersätze waren aufwendig & eindrücklich, jedoch insgesamt gefällig genug, um ein breites Publikum nicht zu verschrecken. Bei den folgenden Platten, mit Ausnahme des Soundtracks für den Film Xanadu, gingen die Umsätze deutlich zurück, sodaß Lynne das ELO im Jahre 1986 schließlich auflöste. 

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Produzent kam es im Jahre 1988 zur Gründung der Traveling Wilburys, einer sog. Supergroup, zu der neben Lynne George Harrison, Bob Dylan, Roy Orbison & Tom Petty gehörten. Gemeinsam nahmen sie zwei Platten auf, von denen besonders die erste ungemein erfolgreich war.

Kunstausstellung NordArt 2018 in Büdelsdorf

Weit weniger erfolgreich verlief das Comeback des ELO im Jahre 2001, ganz im Gegensatz zum dritten Anlauf im Jahre 2014: die 50 000 Karten für ein Konzert im Londoner Hyde Park waren binnen weniger Minuten ausverkauft. Das ELO war plötzlich wieder ungeheuer angesagt & tourte um die Welt. Am Dienstag, den 18. September 2018 landete das Pop Ufo in der ausverkauften Barclay Card Arena in Hamburg. Das unangekündigte Vorprogramm bestritt ein entbehrlicher britischer Singer / Songwriter namens Billy Lockett, der seine wenigen Sympathiepunkte dadurch verspielte, daß er es nicht nötig hatte, seine beiden Mitstreiter vorzustellen, jedoch nicht müde wurde, etwas zu penetrant auf seine eigenen social media Präsenzen hinzuweisen.

ELO eröffneten ihren Set mit Standing in the Rain, & sofort war klar, daß dies ein besonderer Abend werden würde. Auf der Bühne stand tatsächlich ein Light Orchestra, also ein kleines Orchester, bestehend aus insgesamt drei Gitarristen, drei Keyboardern, Baß, Schlagzeug, zwei Cellistinnen, einer Geigerin & zwei Background Sänger / innen. Der Sound war transparent & klar, die Musik wurde auf riesigen Videoleinwänden von überaus aufwendigen Animationen & einer eindrucksvollen Lightshow begleitet. Die Songs hielten sich an die bekannten Aufnahmen, & bestachen mit ihren komplexen Arrangements einmal mehr durch den außergewöhnlichen kompositorischen Erfindungsgeist ihres Schöpfers. In einigen Einleitungen steckt hier zuweilen mehr musikalisches Material, als andere Bands auf einem gesamten Album unterbringen. Nun mag man einwenden, dies alles ist weder neu noch innovativ. Das ist richtig. Es ist hingegen von einer musikalischen Qualität, die es heute in dieser Art nicht mehr gibt. Das mag vor allem an zwei Faktoren liegen: niemand würde sich heute mehr trauen, derartige Songs einem Label anzubieten, weil diese über dieses Zeugs von Vorgestern nur die Nase rümpfen & den Urheber des Büros verweisen würden. Der zweite Grund ist, daß es dazu gar nicht kommen wird, weil das Wissen darüber, wie ein guter Popsong funktioniert, offensichtlich komplett abhanden gekommen ist. In einer Zeit, in der Musik, die einfach nur schön ist, automatisch als verdächtig & rückwärtsgewandt denunziert wird, ist dies auch gar nicht mehr möglich. Die Kriterien, nach denen sich der Wert von Musik, speziell von Pop Musik bemißt, haben sich grundsätzlich verschoben. Deshalb gilt für nahezu jedes Genre: die Spreu klammert sich hilflos an den Weizen. Weniges ist von Dauer, auch weil die Empathie, die es einerseits auslöst, sowie der Wert ihrer Bewahrung in diesen gesellschaftlichen Zeiten von Auflösung & Identitätsverlust verloren gegangen ist. 

In der Arena reiht das ELO derweil Hit an Hit, die Menschen hält es nicht auf den Sitzen, Euphorie breitet sich aus. Die Band ist in bewundernswerter Weise perfekt, sie ist traumwandlerisch sicher eingespielt, es gibt kleine kurze Soli, doch alles folgt diesen popmusikalisch exemplarischen Arrangements, die vor Abwechslung & Musikalität bersten, jedoch dabei niemals den Fluß eines Songs unterbrechen, oder sich im Ohr quer stellen. Der sechsstimmige a capella Chor bei Wild West Hero gelingt natürlich fehlerfrei. Es ist die hohe Kunst von Jeff Lynne, auch bei Tempo & Rhythmuswechseln, eingeschobenen Teilen oder klanglichen Auffächerungen niemals den Song aus dem Auge zu verlieren, den Groove & die Leichtigkeit zu bewahren & ihn bereits nach dem ersten Hören im Kopf des Zuhörers implantiert zu haben. Das ist nichts weniger als Weltklasse & es scheint, Lynne hat in seinem einundsiebzigsten  Lebensjahr nun endlich den Punkt erreicht, von dem aus er sagen kann, alles ist gut. Nicht zuletzt die abgeklärte Gelassenheit, mit der sich das ELO an diesem Abend durch das Programm spielt, spricht dafür. Die achtzehn Stücke des Sets, plus die Zugabe Roll over Beethoven, vergehen wie im Fluge, eine alte Nummer von The Move, Do ya, wie auch Handle with Care von den Traveling Wilburys spannen einen Bogen über fast fünfzig Jahre Musikgeschichte bis zum neuesten Album, Alone in the Universe aus dem Jahre 2015, das mit When I was a Boy vertreten ist. Nach gut neunzig Minuten hebt das Pop – Ufo wieder ab & das Publikum bleibt beseelt zurück. 

Wir verlassen die Halle voll Dankbarkeit für ein grandioses Konzert einer grandiosen Band, jedoch auch mit einer gehörigen Portion Wehmut & Nachdenklichkeit.

August 10

Wacken 2018

. . . . die Wüste lebt . . . . 

Wer bereit ist, beim Reisen die Komfortzone zu verlassen, sollte vorbereitet sein, besonders dann, wenn es auf einen Acker im Schleswig Holsteinischen Nirgendwo geht. Gewöhnlich steht hier um diese Jahreszeit knöcheltief der Matsch, ein Zeichen, wie lange das Klima bereits vor sich hin siecht, um nun endlich den Absturz in die Agonie zu vollziehen. Heuer – es hatte seit Ende März nicht geregnet – waren Gummistiefel nicht nötig, nur besonders Vorsichtige wie ich, hatten sie trotzdem dabei, denn ein heftiges Gewitter mit entsprechendem Starkregen, bei der Hitze nicht ganz abwegig, hätte das Bild, bzw. die Bodenbeschaffenheit, schlagartig ändern können. Das Gewitter fand nicht statt, zumindest nicht am Himmel, & so konnte es beim Wanderschuh bleiben. Heiß sollte es sein, hieß es, & es wurde heiß. Die Veranstalter hatten vorgesorgt, es waren diverse Trinkwasserstellen eingerichtet, denn mehrere Liter davon waren erforderlich, um den Tag auf dem nahezu schattenfreien Feld ohne Schaden zu überstehen. 

Bekanntermaßen ist es nicht möglich, auch nur annährend alles Angebotene anzuhören, unabhängig von der Tatsache, daß die Auswahl ja zuallererst dem persönlichen Geschmack folgt. Deswegen bleibt hier vieles unerwähnt, was andere interessiert hätte, ist die Auswahl des Besprochenen rein individuell & das Urteil so objektiv wie möglich. Was nicht heißt, daß es nicht auch von persönlichen Vorlieben geprägt ist – ebenso wie von entsprechenden Abneigungen, der Leser wird es schon merken. Einige Bandnamen sind mit einem Sternchen versehen, zu diesen gibt es als Anhang des Artikels entweder einen kurzen Live – Mitschnitt oder ein Video. 

Mittwoch, den 1. August 2018

Am Voreröffnungstag, die Hauptbühnen sind noch nicht in Betrieb, schaue ich mir im großen Zelt Stiff Little Fingers an, denen man die Jahrzehnte Ihrer Existenz nicht anhört. Rotzig, frech & voller Energie spielen sie ihren punkigen Sound & reißen die Leute ordentlich mit. Danach mache ich eine Runde über den Platz, weil ich Fisher – Z, die danach kommen, noch nie besonders mochte. Vielleicht ein Fehler, denn als ich beim letzten Song wieder zum Zelt komme, ist dies rappelvoll & alle sind offensichtlich begeistert. Nun kommt der ehemalige Marillion – Sänger Fish, der ein sehr getragenes Set spielt, welches unverblümt nach theatralischem Frühachziger Progressive Retro klingt, mit gewissen Genesis – Anleihen.  Das  hat mit harter Musik, oder gar Metall absolut nichts zu tun, hat jedoch viele Freunde im Publikum. Fish selbst, mittlerweile ein fülliger älterer Herr mit Glatze & grauem Vollbart, dessen Bewegungen etwas skurril wirken, hat seine sehr gute Band fest im Griff, erweist sich zuweilen allerdings als unangenehmer Despot. Hier wird deutlich, dies ist keine Band, dies ist Fish, der zwecks Darstellung seiner – ziemlich guten – Songs eine Söldnertruppe zusammengesucht hat, die ihm blind zu gehorchen hat. Das wirft bedauerlicherweise einen Schatten auf das sonst sehr gute Konzert. Seine Ansprachen ans Publikum sind ganz anders, frei von Arroganz & Gehabe, sehr darauf bedacht, verstanden zu werden. Ich bin gespannt, wie diese Musik aus der Konserve klingt. Für beide Konzerte gilt, was in Wacken immer gilt: sehr guter Sound, straff organisierte Abläufe & Pünktlichkeit. Danach gehe ich, eingehüllt in eine gigantische Staubwolke, zum Ausgang, wo auch grad der  Shuttle – Bus kommt, & fahre nach Itzehoe zurück. In der Wohnung ist´s dann Zeit für ein Abendbrot. 

Donnerstag, den 2. August 2018

Heute fahre ich erst später nach Wacken, da zuvor nichts läuft, was mich interessiert. Auf dem Acker hat man über Nacht ordentlich gesprengt, sodaß es nicht staubt. Vorläufig jedenfalls nicht. Das Programm heute zeigt die unterschiedlichsten Facetten, bedient unzählige Vorlieben, & leider auch diverse Qualitätsstufen. Daß ich, & das ist kein Scherz, das schlechteste Konzert meines Lebens ausgerechnet hier sehen würde, hätte ich nicht gedacht, doch dazu später. Den Hauptbühnentag eröffnen Dokken, die alten Hardrockrecken, eine halbwegs inspirierte Instrumentaltruppe & ein lustloser Sänger Dan Dokken, der sich bemüht, wie Jim Morrison zu klingen & auch nicht davor zurückschreckt, sich hemmungslos am Doors – Material zu bedienen. Leider tut er das dermaßen gelangweilt & öde, daß das weitere Zuhören keinen Spaß macht. Daß dies noch deutlich unterboten werden kann, beweist hinterher der ehemalige Mötley Crue – Sänger Vince Neil. Daß man MC nicht mögen mußte, ist wohl richtig, deren Songs hatten jedoch durchaus Oldschool – Qualitäten & die Verkommenheit des dreckigen Rock´n Roll wurde von kaum jemandem besser verkörpert als von der Trümmertruppe MC. Besonders Sex & Drugs wurden konsequent ausgelebt, & die Band hatte live durchaus einen gewissen Unterhaltungswert. Vince Neil hingegen spielt mit seiner Band dermaßen schlechte Songs, daß jede bessere Schülerband sich schämen würde, so etwas im Programm zu haben. Da nützten auch die beachtlichen Slapstick- & Gymnastikeinlagen des extrovertierten Trommlers nichts, was geboten wurde, war einfach nur blamabel. 

Zur Erholung ging´s nun in das große Konzertzelt, wo Deserted Fear* aus Thüringen einen sehr engagierten & schlüssigen Death Metal spielten, der keine Wünsche offen ließ. Da sie das zudem mit sichtbar großer Freude taten, gab´s in meiner inneren Bewertungsskala drei Extrapunkte oben drauf. 

Die deutsche Metal – Legende Udo Dirkschneider spielt traditionellen deutschen Metal der alten Art, & um es kurz zu machen, das hat man schon weit besser gehört, auch hier fallen Riffs & Songs eher dürftig aus. 

Für mich eine neue & sehr positive Entdeckung waren Oomph!*, die es schafften, mit einer Mischung aus Rammstein, Skooter & den Krupps eine sehr eingängige Partymusik zu kreieren, deren stilistische Elemente sich gut zu einem tanzbaren Industrial Metal ineinander fügen. Die deutschen Texte sind nur scheinbar recht simpel, Abzählreimen nicht unähnlich, sie offenbaren jedoch beim Zuhören eine erstaunlich morbide Hintergründigkeit. Das Ganze wurde mit unbändiger Energie vorgetragen & entsprechend begeistert aufgenommen. 

Über Behemoth* könnte eine Menge gesagt werden, vor allem Kontroverses. Dazu ist es allerdings erforderlich, über die Musik hinauszuschauen:  Sänger, Songschreiber & Gitarrist Adam Michal „Nergal“ Darski & die Seinen betreiben die Darstellung eines expliziten sakralen Satanismus In Text & Optik auf professionell überaus beeindruckendem Niveau. Die 1991 gegründete polnische Band hat sich mittlerweile in die Spitzengruppe des internationalen Metal gespielt & es deswegen nicht nötig, zu knausern. Es wird eine opulente Bühnendekoration aufgefahren, das Anlegen des Make Up, das die üblichen Schwarz / weiß Bemalungen der Konkurrenz der Lächerlichkeit preisgibt, dürfte von professioneller Hand vorgenommen, seine Zeit dauern, es fehlt an nichts, auch nicht an eindrucksvollem Feuerwerk. Die Musik ist über jeden Zweifel erhaben, gespielt wird überwiegend im midtempo Bereich angesiedelter komplex strukturierter Death Metal, bei dem z.T. divergierende Klangflächen clusterhaft gegen- & übereinander gestellt werden & das handwerkliche Niveau der Band erlaubt ohne Frage derartig anspruchsvolle Strukturen. Das klangliche Konzept, das auch im Studio auf eine starke Vermischung der unterschiedlichen Klang- Kompositions- & Instrumentalebenen setzt, wird auch live in beeindruckender Weise umgesetzt. Das alles ist großes Kino für Auge & Ohr, absolut faszinierend & von hohem Reiz. Davon ausgehend, daß sich zwar die Masse der Zuhörer keine Gedanken über den Hintergrund macht, auch nicht darüber, ob die Anrufung des Satans wohlmöglich reines Theater ist, oder aber erschreckend ernstgemeint, bleibt für mich ein starkes Moment der Verunsicherung. Ich kann nicht sagen, wieviele junge Leute sich durch die Band aufgerufen fühlen, sich mit den falschen Dingen zu befassen, es geht mich auch nichts an, es ist meine Sache, zu zweifeln, die Sache Anderer, Entscheidungen zu treffen, & ich will mir keinesfalls die Rolle eines moralischen Richters anmaßen, denn Religion, ganz gleich welche, ist Privatsache. Dazu bin ich auch selbst viel zu fasziniert, da die elementare Wucht dieser Band zweifellos überaus beeindruckend ist. Ich habe Black Metal stets sehr geschätzt – als Musik – bei Behemoth scheint jedoch eine Schwelle überschritten zu werden, Türen werden geöffnet, die ggf. verschlossen bleiben sollten. Nergal ist ein intelligenter Mann, er hat sechs Jahre Geschichte & Latein studiert, er hat eine fortgeschrittene Leukämie dank Stammzellentherapie gut überstanden, ich denke, er weiß, was er tut. So oder so.

Wacken 2018

Hatebreed, die schon auf dem letzten Elb – Riot einen guten Eindruck hinterlassen haben & mit ihrem gnadenlosen Hardcore ordentlich auf die Ohren gegeben haben, konnten sich heuer noch einmal steigern, scheinbar setzt bei Einigen die Kulisse zusätzliche Energien frei. Sehr sympathisch. Was dagegen die Bedeutung von Danzig ausmacht, bleibt für mich nach wie vor rätselhaft. Mittelmäßiger langweiliger Darkwave Punk mit einem schlechten Sänger. Das mag lieben wer will, es fällt für mich unter die Rubrik zutiefst entbehrlich, also Schwamm drüber.

Es gibt vier Bands, die über die Jahrzehnte hinweg das Metal – Genre in sehr unterschiedlicher Weise geprägt haben & auf die sich wohl 95 % der Metalheads einigen können: Iron Maiden, Slayer, Metallica . . . & die, die diesen Abend in Wacken zu einem großen machen sollten; Judas Priest*. Keine andere Band verkörpert bis heute den klassischen Heavy Metal der Gründerzeit derart gradlinig & überzeugend wie das Quintett aus Birmingham. Dies gilt auch noch im 48. (!!) Jahr ihres Bestehens. Die legendäre Besetzung mit Rob Halford / Gesang, K.K. Downing & Glenn Tipton / Gitarre, sowie Ian Hill / Baß hat unsterbliche Klassiker des Genres eingespielt. Downing stieg 2011 aus & wurde durch den bis dahin ziemlich unbekannten Richie Faulkner ersetzt. Tipton, der an den Aufnahmen zum aktuellen Album Firepower noch beteiligt war, ist weiterhin Mitglied der Band, tourt jedoch nicht mehr, sondern erscheint gelegentlich für zwei oder drei Songs auf der Bühne, da das Fortschreiten seiner bereits vor zehn Jahren diagnostizierten Parkinson Erkrankung eine komplette Show nicht mehr zuläßt. Ersetzt wird er durch den Produzenten von Firepower, Andy Sneap. Es stellte sich also die Frage, wie Priest in dieser Besetzung klingen würden. Daß die Show die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte, hatte zwei Gründe. Der Sound wirkte eher flach, mitten- & höhenlastig & die Band spielte mit angezogener Handbremse. Diese wurde nach & nach gelöst, Richie Faulkner suchte den steten Kontakt zum Publikum, Andy Sneap hielt sich eher unauffällig. Deutlich wurde, weder K.K. Downing, noch Glenn Tipton sind vollwertig zu ersetzen, auch wenn besonders Faulkner ein hervorragender Gitarrist ist. Ob es allerdings – wir alle werden älter, selbst der Metal God – eine gute Idee ist, Painkiller noch in der originalen Tonhöhe zu singen, darf bezweifelt werden. Gegen Ende des Sets kam dann tatsächlich noch Glenn Tipton auf die Bühne, der es sich nicht nehmen ließ, hier in Wacken nochmal in die Saiten zu greifen. Bewegend. Was blieb, war die Frage auf der Heimfahrt, sind dies noch Judas Priest, oder sollte die Band in Ehren abtreten.  Ich finde, dies sind durchaus noch Priest, für den flachen Sound ist der Tontechniker zuständig, es war insgesamt ein weitgehend homogenes Erscheinungsbild, einige Songs, besonders Painkiller, sollten allerdings unbedingt tiefer transponiert werden. Außerdem: Legenden verzeiht man so Einiges, & es gibt nicht den geringsten Grund, dieses Konzert als mißlungen zu betrachten, im Gegenteil, The Priest sind auch 2018 noch eine Größe, an der die Wenigsten vorbeikommen & die die Meisten nie erreichen werden.

Freitag, den 3. August 2018

Heute muß ich schon Mittags auf dem Infield sein, damit ich mein Programm sehen kann. Wieder hat man ausgiebig gesprengt, noch gibt es keinen Staub, zumindest nicht hier. Cannibal Corpse* aus Buffalo / New York bestehen seit 1988. Keine andere Band dieses Planeten ist seitdem international auch nur annährend umfänglich mit Verbots-, Indizierungs- & Beschlagnahmebeschlüssen traktie rt worden. In Deutschland geschah dies weitgehend auf Betreiben der baden – württembergischen Lehrerin Christa Jenal, die in Sachen C.C. einem obsessiven Verfolgungszwang anhängt. Die Texte der Band sind vertonte explizite Splatterphantasien, die Musik geradezu exemplarischer klassischer Death Metal. In Deutschland sind insgesamt sechs Platten der Band entweder beschlagnahmt, also verboten, oder aber indiziert. & so geben die mittlerweile schon angegrauten Herren das Beste, ihrem Ruf gerecht zu werden. Bis auf Mähne schütteln gibt´s keine Showelemente, George „Corpsgrinder“ Fisher grunzt & schreit sich durch´s Programm, Trommler Paul Mazurkiewicz grinst vergnügt in sich hinein, der Rest spielt seinen Part & guckt böse. Die Musik rollt wie eine bleierne Walze satt, fett & geschmeidig über´s Feld, daß es eine wahre Freude ist & trotz der frühen Mittagsstunde hat sich eine beachtliche Menge vor der Bühne eingefunden, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen & das brachiale Quintett angemessen zu feiern. Als besonderen Gruß an Frau Jenal gibt´s zum Abschluß auch noch das verbotenste aller verbotenen Stücke, sogar mit genüßlich vorgetragener Ansage: Hammer smashed Face. Ein tolles Konzert! 

Amorphis* aus Finnland ziehen danach die Massen in ihren Bann, & das völlig zu Recht. Eher im gemäßigten Tempobereich angesiedelt, hat deren Musik einen speziellen Reiz, da es die Band schafft, unterschiedliche Stilelemente zu einem homogenen Eigenen zu verarbeiten. Das kommt gänzlich ohne protzendes Gefrickel aus, ist ziemlich individuell & schafft mit der Verbindung von brachialen Stilelementen, epischen Melodien, atmosphärischen Keyboard Teppichen & dem Wechsel von Growls & Klargesang des sehr guten Sängers Tomi Joutsen melodiöse Spannungsbögen & eine berührend melancholische Gesamtstimmung. Diese wird von den poetischen Texten zusätzlich unterstrichen. Daß dies zu keinem Zeitpunkt der folgenden 75 Minuten ins Pathetische oder gar Schwülstig – Klebrige kippt, sondern stets spannungsvoll, homogen & interessant bleibt, zeigt, wieviel Arbeit Amorphis in ihre Songs & Arrangements stecken. Auch dies ist ein Konzert, das lange nachwirken wird, denn dies ist eine Band, die auch nach 28 Jahren keinerlei Ermüdungserscheinungen zu kennen scheint. 

Heute ist der finnische Tag in Wacken, auch die folgende Band kommt aus dem hohen Norden. Korpiklaani* sind ein Phänomen. Kaum erklingt der erste Ton, sofort fangen alle Frauen an, verzückt zu tanzen, oder sich anderweitig rhythmisch zu bewegen. Wirklich phänomenal. Die von Akkordeon & Geige dominierte Musik ist reinster Folk Metal, & deshalb gibt´s jetzt Volkstanz mit Stromgitarre. Da ich das ermüdend & öde finde, auch wenn Korpiklaani ihre Sache wirklich sehr gut machen, suche ich das Weite & staune über die Reaktionen in & um die auf dem Feld tobende Masse. Außerdem staune ich über mich,  weil sich der Gedanke einschleicht …. ne, nein, nein, das will ich nicht mögen! Oder . . . . vielleicht  . . . ?

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Schandmaul, eigentlich eine sehr gute Band, die sich für ihren großen Erfolg, ähnlich wie In Extremo, jahrelang buchstäblich den Arsch abgespielt hat. Bedauerlicherweise nimmt die Band schon seit Jahren ständig die gleiche Platte mit den gleichen Stücken auf, & das ist ein Problem. Das zweite Problem ist der Sänger, Thomas Lindner, der dem Zwang unterliegt, in möglichst jeder Liedzeile viel mehr Worte unterzubringen als hineinpassen, damit aus dem tonal differenzierten Rezitieren auch Gesang entstehen kann. Folk Rap, gab´s das schon? Das ist schade, aber warum sollte man es ändern, die Songs an sich sind nicht schlecht & der Erfolg gibt dieser Methode offenbar Recht. 

Ich habe auf diesen Seiten oft vom Deutschen in der Musik geschrieben, davon, daß das Teutonische entweder eher einfalls- & inspirationslos daherkommt, wie bei Herrn Dirkschneider, oder es kommt im Gewand von Epica. Grundsätzlich kann ich das, was gewöhnlich unter dem Genre Symphonic Metal dargeboten wird, nicht ausstehen. Operngesang & Metalgitarre vertragen sich nicht. Davon später mehr. Epica kommen aus den Niederlanden, aber sie tragen das deutsche Problem vor sich her. Eingangs hört sich das nicht schlecht an, Sängerin Simone Simons schlägt ihre symphonisch metallenen Mitbewerberinnen um Längen, was emotionalen Ausdruck, Intonationssicherheit & Bühnenpräsenz angeht. Die Songs sind straff & abwechslungsreich arrangiert, die instrumentalen Fähigkeiten der Mitspieler über jeden Zweifel erhaben, aber dann kommt der Punkt, an dem das Ganze kippt. Ein Break zuviel, ein Taktwechsel zu gewollt, sodann noch ein eingeflochtenes Stilelement hier, ein rhythmisches Kabinettstückchen dort, & dann, dann treten wir den Beweis an, daß wir den Meisterkurs der Kompositionsklasse an der Juillard School mit Auszeichnung bestanden hätten. & dann, weil das auch noch nicht reicht, überholen wir uns noch gleich einmal selbst. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Band allerdings längst in ihrem akademischen Gefrickel verloren, in den Fallstricken ihrer reißbretthaften Arrangements verfangen & die Musik längst aus den Augen verloren. Um es deutlich zu sagen: das geschieht auf höchstem handwerklichen Niveau, man verliert allerdings die Lust am Zuhören, denn die Musik atmet nicht mehr, sie hat keinerlei Raum mehr zur Entfaltung, sie erzeugt keinerlei Atmosphäre, sie wird schlicht begraben unter der vollkommen überambitionierten Zurschaustellung kompositorischer & handwerklicher Allmachtsphantasien. Schade. Was könnte das für eine Band sein, wenn sie sich selbst das Spielen von Musik erlauben würde.

Wacken 2018

Eine meiner persönlichen Lieblingsbands sind Children of Bodom*, auch sie aus Finnland. Die Band um Sänger, Gitarrist & Songschreiber Alexi Laiho ist stilistisch irgendwo zwischen Thrash & Death Metal einzuordnen, der mit gelegentlichen Progressive – Elementen angereichert wird. Auch stehen die Stilistiken nicht voneinander abgegrenzt als Bausteine erkennbar nebeneinander, sondern ergeben ein homogenes Ganze. Zumeist ist das Tempo der Songs ziemlich hoch, das Keyboard dient nicht der Erzeugung von Klangflächen, sondern hat regen Anteil an diversen schnellen Sololäufen, in denen es sich den Gitarren unisono anschließt. Das verhilft der Musik zu einem virtuosen Glanz, individueller Eigenheit & sehr gut durchhörbarer Struktur. Der gut einstündige Auftritt verging wie im Fluge, einzig getrübt durch technische Probleme mit dem Keyboard, die durch die Bühnentechnik leider nicht vollständig beseitigt werden konnten. Der allgemeinen Begeisterung konnte dieser Umstand jedoch nichts anhaben. Mittlerweile hatte die Nachmittagshitze ihren Höhepunkt erreicht, & mir war der Aufenthalt in der Sonne trotz Hut nur mit zusätzlichem kalten Kopfwickel möglich. Trotzdem mußte ich diese Band fast direkt an der Bühnenabsperrung stehend erleben, so nah wie möglich, denn hier, in diesem Bereich herrscht eine besondere, sehr emotionale Atmosphäre, die dem Erleben von Musik eine nochmals höhere Intensität, ja Euphorie hinzufügt.

Auch in diesem Genre ist die Bezeichnung Legende recht schnell zur Hand. Eine Legende ist wohl jemand, der seit sehr langer Zeit sehr viel geleistet hat auf seinem Gebiet, & dabei einen gewissen Status erreicht hat. Warum Udo Dirkschneider so genannt wird, ist mir rätselhaft, warum Dorothee Pesch in diese Rubrik fällt, hingegen nicht. Dementsprechend groß ist der Andrang, als die 54 – jährige, ein neues Album im Gepäck, die Bühne betritt.  Das geht eingangs ziemlich gut zur Sache, eingängige klassische Metal Songs, eine engagierte Band & eine erstaunliche Sängerin, die ihren Namen Queen of Metal zu Recht trägt. Im Gegensatz zu Herrn Dirkschneider haben ihre Songs Qualität & Abwechslung, Energie & das Zeug zum Ohrwurm. Das ändert sich in dem Moment, in dem Sweet auf die Bühne kommen. Doro hatte Gäste angekündigt & es kommen tatsächlich Andy Scott & Peter Lincoln von Sweet auf die Bühne, um gemeinsam Ballroom Blitz zum Besten zu geben. Als nächster Gast erscheint dann Doro´s langjähriger Gitarrist Tommy Bolan, später, allerdings ist da das Set bereits abgestürzt, Johan Hegg von Amon Armath, dem es gelingt, die nächsten beiden Nummern im Duett mit Doro zu retten. Was ist passiert: Durch die Gäste & die damit verbundenen Unterbrechungen & stilistischen Wendungen ist aus dem Konzert eine Nummernrevue geworden, von Doro viel zu wortreich kommentiert, mit viel zu überschwänglich emotionalen Dank & Freude – Kommentaren versehen – & das alles auf Englisch, was einer deutschen Sängerin auf einem deutschen Festival (mit ca. 35 % internationalem Anteil – so die Veranstalter) nicht so gut ansteht. Da wirkt Vieles übertrieben, ja aufgesetzt, was es – da bin ich mir ziemlich sicher – nicht einmal war, doch für den Fluß eines bis dahin runden Konzertes war es wenig zuträglich. Schade. 

Nach dem unsäglichen Auftritt der ehemaligen Nightwish – Sängerin Tarja hier an diesem Ort im Jahr 2016 (siehe Beitrag Im Zeichen des Schädels in diesem Blog), sprach ich mit dem überaus netten Verkäufer im Metalladen meines Vertrauens darüber, ob es eine Band wie Nightwish überhaupt geben müsse. Beide waren wir der Meinung, nein, ganz sicher nicht. Wir waren uns jedoch auch einig, daß genau diese Band ungeheuer erfolgreich ist. Aber das ist Helene Fischer auch. Diese These ggf. zu widerlegen, hatten Nightwish an diesem Abend die Gelegenheit. Nun, die Band tat alles, aber auch wirklich alles, um sie eindrucksvoll zu bestätigen. So wie Unheilig Rammstein für Schlagerfreunde sind, so sind Nightwish die Metalband für Helene Fischer Fans. Die Songs sind in einem unerträglichen Maße vorhersehbar, auch wenn man sie, wie ich, nicht kennt. Man kann sofort mitsingen, denn die nächste harmonische Wendung kommt genauso, wie man sie erahnt. Die Bühnendeko ist aufwendig, aber kitschig, die Gestik von Sängerin Floor Jansen aus dem bekanntlich klitzekleinen Bewegungsrepertoire deutscher Schlagermäuse entliehen, & alles ertrinkt in vor verlogener Anbiederung triefender Seichtheit. Das ist in der Summe unerträglich & gerade deswegen so ungeheuer erfolgreich. Musikalische Zuckerwatte für ein Publikum zwischen 16 & 50, dem Metal eigentlich zu anstrengend ist & das sich von den Finnen nur zu gerne die Ohren zukleistern läßt. Das habe ich genau zweieinhalb Stücke lang ertragen, bevor ich angewidert aufgebrochen bin.  

Samstag, den 4. August 2018  

Heute ist ein schlechter Tag, ich fühle mich nicht besonders & es gibt nur zwei Bands, die mich wirklich interessieren, Helmet & Running Wild. Zuvor schau ich mir aus lauter Neugier die, Eigenbeschreibung, Deutschlands meiste Band der Welt an, Knorkator. Das wollen sehr viele andere auch, ich weiß, die Band hat seit Jahren einen guten Ruf & soll sehr lustig sein. Ist sie aber leider nicht, was wohl daher kommt, daß ich auch Helge Schneider komplett dämlich & vollkommen unlustig finde. Vielleicht bin ich auch zu alt um Texte, in denen es darum geht, daß man sich leider nicht selbst in den Arsch ficken kann, weil der Schwanz zu kurz ist, ihn sich selbst hinten rein zu stecken, lustig finden zu können. Die Musik dazu ist derart ziel- & belanglos, daß sie hier nicht weiter beschrieben wird.

Derweil mühten sich Wintersun nicht unsympathisch um Zustimmung, doch eine Musik, die wie weichgespülte Borgnagar klingt, braucht eigentlich niemand, auch waren die Keyboard Sounds zu zuckrig & die Songs zu schwach. 

Alestorm, fünf ziemlich junge Leute aus Perth in Schottland spielen sehr erfolgreich einen shantyhaften Folk Metal, der in die Beine geht & unglaublich gut ankommt. Das kann ich verstehen, er hat keine Ecken, keine Kanten, ist nicht besonders schwierig & eignet sich ganz ausgezeichnet als Partymusik. Genauso wurde die Band auch aufgenommen. Wer mochte, hatte jede Menge Spaß, Genuß ohne Reue sozusagen. Der Leser erahnt, daß ich  diese Art Spaß nicht teilen mag, aber das geht in Ordnung. Zu Helmet bin ich nicht gegangen, weil ich einfach mal raus mußte ins Dorf, um ein wenig zu sitzen, was aufgrund der nichtmetallischen Tagestouristen aller Altersklassen, die mittlerweile in Reisebussen & Sammeltaxis in die Hauptstraße einfallen, um sich zu gruseln, schwierig war. 

Wacken 2018

Running Wild* schließlich versöhnten mich mit diesem ansonsten gebrauchten Tag. 1979 gegründet, existieren sie mit nur zweijähriger Unterbrechung immer noch, & wie! Gründer, Gitarrist, Sänger & Songschreiber „Rockin´“ Rolf Kasparek & seine über die Jahre wechselnde Truppe genießen einen hervorragenden Ruf & haben eine treue Fangemeinde. Dies war ihr einziger Auftritt in diesem Jahr & er wurde entsprechend & angemessen gefeiert.  Die Band hat insgesamt 16 Studioalben herausgebracht & so gab es mehr als genug Material, für ein wunderbar altmodisches klassisches Heavy Metal Konzert. Rockin´Rolf zeigte, daß es nicht erforderlich ist, zu jedem Stück eine kleine Ansprache zu halten, wie dies gestern bei Doro der Fall war, sondern kurz & knapp, freundlich & offen nur das Nötigste, & ansonsten das bestens motivierte Quartett einfach laufen zu lassen, was es dann auch wie eine gut geölte Maschine tat. Es sind diese Konzerte, die wie im Fluge vergehen, alle haben Spaß, auch die Musiker, die Songs passen einfach, auch ohne großes Tamtam & überflüssiges Gefrickel, eher einfach, gradlinig, mit der passenden Hookline im Refrain & schönen soliden Riffs, ein feines Solo darüber, nicht abgehoben virtuos, aber mit Herz & Gefühl – so einfach können die Zutaten für ein überaus gelungenes Heavy Metal Konzert sein. Dankeschön, Wunderbar! 

Das Wetter war schwierig, aber das ist es hier ja offenbar immer, die Musik war aus meiner Sicht durchwachsen, was allerdings nicht immer an der Musik lag. Es gibt einen ungehemmten Hang zum Feiern vor der Bühne, Bands wie Korpiklaani, Schandmaul oder Alestorm stehen dafür. Warum auch nicht. Man feiert die Band, die Musik & natürlich sich selbst – was soll daran schlecht sein? Es wird eine große Bandbreite harter Musik geboten, was hoffentlich so bleiben wird. Was auf jeden Fall bleibt, ist das Gesamterlebnis, wieder einmal diese unglaubliche Größe, die einzigartige Atmosphäre & – was sonst: viele tolle Konzerte. & deshalb, bis zum nächsten Mal, Wacken, Rain or Shine!

Im Nachklang sozusagen gibt´s hier einige Videos, das Geschriebene zu illustrieren. Da das Rezeptionsverhalten von uns Konsumenten das Musikgeschäft in den letzten Jahren sehr zum Nachteil der Bands & Musiker verändert hat, weil Streaming CD & Platte mittlerweile weit hinter sich gelassen hat, für gestreamte Alben & Titel jedoch kaum Geld in die Kassen der Musiker fließt, wachen diese umso mehr über andere Dinge, an denen sie noch Rechte geltend machen können. Bis vor wenigen Jahren war es selbstverständlich, nach dem WOA Konzertmitschnitte des Wacken – TV zu finden. Dies ist nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Die Rechte dafür sind bei den sog. Medienpartnern, gegenwärtig ist das Magenta Music der Deutschen Telekom. Freie Verfügbarkeit ist damit beendet. Aus diesem Grunde gibt es im Folgenden keinen aktuellen WOA Mitschnitt zu sehen, sodaß ich entweder auf Videos oder ältere, aber nach wie vor repräsentative Mitschnitte zurückgegriffen habe.

Videos:

     * Deserted Fear / Wrath on your Wound (Video):

https://www.youtube.com/watch?v=MSGhwYEdXMk

  • Behemoth / The Satanist / aus live DVD / BR Messe Noire:

https://www.youtube.com/watch?v=bIiCCUlZNoM

  • Oomph! / Labyrinth  (Video): 

https://www.youtube.com/watch?v=CJ2u3pRpCjc

  • Judas Priest / Metal Gods / DVD / BR Battle Cry, live in Wacken 2015:

https://www.youtube.com/watch?v=pGcCAC75VeY

  • Cannibal Corpse / Scourge of Iron / live in Wacken 2015:

https://www.youtube.com/watch?v=6CxuyY7vMDw

  • Amorphis / Wrong Direction (Video):

https://www.youtube.com/watch?v=Bz9uAOM4DHo

  • Korpiklaani / Henkselipoika (Video):

https://www.youtube.com/watch?v=ZB7PyLYQyXg

  • Children of Bodom / Live in Wacken 2014:

https://www.youtube.com/watch?v=d-PjFogAKhQ

  • Running Wild / Live in Wacken 2015:

https://www.youtube.com/watch?v=pcWriDQ5aXA

 

Juni 8

Provinz

. . . eine musikalische Reisebeschreibung . . . 

„Growing up it all seems so one-sided,
Opinions all provided
The future pre-decided
Detached and subdivided in the mass production zone
Nowhere is the dreamer or the misfit so alone“

Rush aus Subdivisions

 

In Zeiten, in denen das Urbane zum Maß der Dinge & zum Entwicklungsort des sog. zivilisatorisch – kulturellen Fortschritts erklärt wird, blickt der kosmopolitisch & multikulturell Ambitionierte mit der ihm eigenen Verachtung auf das, was er abschätzig Provinz nennt. Leben außerhalb der großen Städte, von Frankfurt bis New York, sei zwar möglich, jedoch vollkommen sinnlos. In wenigen Jahren, der hier Genannte ist dann ca. 40, wird er zum Kostenfaktor für das Gesundheitssystem. Seine Nerven & die Synapsen sind dann zugrunde gerichtet vom nachtaktiven Handy, dem ewigen Jetlag, den nur von regelmäßigen Besuchen im Kraftsportraum unterbrochenen Meetings & dem suizidalen Schlafdefizit eines 16 Stunden Tages.
Derweil scheint der Tag in der Provinz einem weit längeren Zeitrahmen zu folgen. Als mißmutiger Bewohner einer dieser Fortschrittszonen, die sich anmaßend auch noch als die schönste Stadt der Welt beprahlt, sich allerdings wenig Mühe gibt, das innere Pfui hinter dem äußeren Hui zu verstecken, weiß ich, wovon ich rede. Eine Kulturpolitik, die den großen Namen jederzeit gerne über den zu erwartenden Inhalt stellt, die der Vermarktung des aufgehübschten Nichts breiten Raum zubilligt & die Auslagen allzu bereitwillig mit Tand statt mit Pretiosen vermüllt, folgt mit Überzeugung dem Pfeffersackprinzip, welches in der Hansestadt seit jeher den sog. guten Ton angibt. Als Johann Sebastian Bach sich im Jahre 1721 als Organist & Kantor an St. Jacobi  bewarb, war man sofort bereit, ihn einzustellen, vorausgesetzt allerdings, er würde 1000 Goldtaler zahlen, das sei die Stelle ja wohl wert. Wie wir wissen, lehnte Bach dankend ab & ging nach Leipzig. Womit wir beim Thema wären.
Wir waren gerade zehn Tage in der Provinz, im Fränkischen, genauer gesagt in der liebreizenden alten Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber, die neben Horden von z.T. verhaltensauffälligen asiatischen  Touristen, einem wunderschönen Umland, soliden bis hervorragenden Gasthäusern & einem sehr speziellen, eher etwas derben, jedoch gleichwohl sehr köstlichen Wein, vor allem zwei besondere Kirchen & eine neue Kantorin aufzuweisen hat, über deren Wirken noch zu sprechen sein wird. Die Behauptung, in Rothenburg jeden Fachwerkbalken zu kennen, wäre sicherlich übertrieben, aber wir waren sehr häufig in dieser Stadt, in der abseits der Touristenroute auch zwischen neun & fünf eine angenehme Ruhe & Unaufgeregtheit herrscht, in der die alten Uhren langsamer zu gehen scheinen & in der die Menschen tatsächlich noch Zeit haben, was für uns gestreßte Großstädter anfangs nicht immer leicht zu ertragen ist. Das mittelalterliche Stadtbild wird beherrscht von der Jakobskirche, der großen gotischen, seit 1544 evangelischen Stadtkirche mit imposantem hohen schlanken Langschiff & zwei aufstrebenden viereckigen Türmen, die von den typischen gotischen durchbrochenen Spitzen gekrönt werden. Grundriß & Höhe variieren leicht, die Unterschiede sind deutlich sichtbar, aber nicht wirklich störend. Vom Bildersturm der Reformation weitgehend verschont, & das, obwohl einer der prominentesten Bilderstürmer, Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, sich ab Ende 1524 in Rothenburg aufhielt, jedoch vom Rat der Stadt ausgewiesen & bei seiner Flucht von aufständischen Bauern fast erschlagen worden wäre, ist St. Jakob reich an Kunstschätzen. Im Ostchor erhebt sich der imposante Zwölfbotenaltar von 1466. Die Bilder stammen  von Friedrich Herlin, das Schnitzwerk aus der Ulmer Schule. Auf der Empore des Westchores steht der Heiligblut Altar, von 1502 bis 1505 vom bedeutenden Würzburger Bildschnitzer Tilmann Riemenschneider geschaffen. In ihm befindet sich eine Bergkristallkapsel, die angeblich einen Tropfen Wein vom letzten Abendmahl Jesu´s enthalten soll. Ebenfalls auf der Westempore, vor dem Heiligblutaltar, erhebt sich die 1968 fertiggestellte riesige Orgel der österreichischen Werkstatt Rieger mit ihren 69 Registern & 5500 Pfeifen. Naturgemäß sind moderne Orgeln in klanglicher Hinsicht keine Referenzinstrumente für barocke Kirchenmusik, sie sind i.d.R. profunde Alleskönner. Selbstverständlich hört sich Bach auf einer Silbermannorgel anders, vornehmlich weicher, zeitgerechter & irgendwie richtiger an, allerdings ist dies ein Einwand auf überaus kleinkariertem Niveau & nur der akustischen Erbsenzählerei des Autors geschuldet. Grundsätzlich gilt: je moderner die Literatur, desto angemessener erscheint der Klang. Auch wenn die Bezeichnung „Alleskönner“ hier durchaus despektierlich wirken könnte, so ist dies im Falle der Rieger – Orgel & ähnlicher Instrumente in Wahrheit ein dickes Lob, denn der Bach klingt nach Bach & die französischen Spätromantiker finden ein ideales Instrument.

St. Jakob, Rothenburg ob der Tauber, Rieger – Orgel auf der Westempore

Die Stelle des Kantors an St. Jakob ist in der kirchenmusikalischen Hierarchie der evangelischen bayerischen Landeskirche eine A – Stelle. Voraussetzungen sind ein 4 – 6 jähriges Studium der Kirchenmusik incl. A- Prüfung für eine herausgehobene Tätigkeit an Hauptkirchen. Diese umfaßt Ausbildungs- & Leitungsaufgaben, eine herausgehobene künstlerische Aufgabenstellung, sowie Chor- & Ensembleanleitung. In den letzten Jahrzehnten war Rothenburg in dieser Hinsicht mit wahrhaft großen Künstlerpersönlichkeiten gesegnet, allen voran Prof. Gerd Wachowski, der von 1979 bis 1994 an St. Jacob tätig war, sowie als Lehrbeauftragter an der Musikhochschule in Frankfurt / Main, & ab 1993 dort auch als Professor für lithurgisches Orgelspiel. Wachowski war ein ebenso begnadeter wie gnadenloser Improvisator, der keinerlei Rücksichten auf die sonntäglichen Gottesdienstbesucher nahm, wenn er aus einer bekannten Melodie ausufernde, die Grenzen des Publikumskonformen weit überschreitende Klanggebilde auftürmte, die einigen Wenigen verzücktes Lächeln, den meisten jedoch hörbares Aus- & Aufatmen entlockte, wenn der letzte mächtige Akkord im Kirchenschiff verhallte. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes war allein wegen Wachowski´s Spiel einfach unverzichtbar. Sein Nachfolger, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger freundlich, volksnah & bieder wirkende Ulrich Knörr, war der künstlerische Gegenentwurf seines Vorgängers. Seine Improvisationen waren überwiegend ohrgefällig  & frei von künstlerischem Sendungsbewußtsein, die Konzertprogramme waren eher von Wohlwollen dem normalen Orgelfreund gegenüber gekennzeichnet & verzichteten auf musikalischen Bekehrungseifer genauso wie auf avantgardistischen Anspruch. Nebenher übte er eine Lehrtätigkeit an der Musikhochschule München aus, an der er Geschichte der evangelischen Kirchenmusik & Chorliteraturkunde lehrte. Dem als schwierig geltenden Künstler Wachowski folgte der geerdete & gemeindenahe Knörr. Er wurde im Jahre 2017 zum Landeskirchenmusikdirektor ernannt, dem höchsten Amt der evangelischen Kirchenmusik in Bayern. Wachowski wie auch Knörr haben eine Reihe von CD´s veröffentlicht.

Nachfolgerin von Knörr wurde letztes Jahr die erst 36 jährige Jasmin Neubauer, eine lebhafte quirlige Person, die mit gleichwohl großem Ernst an ihre Aufgabe herangeht. Ihr Spiel ist geprägt von klanglicher Transparenz & einer eher pathosfreien Interpretationsauffassung. Wir hatten das Glück, sie innerhalb von 10 Tagen zu insgesamt vier Anlässen zu hören. Im Rahmen einer privaten Andacht spielte sie eines unser Lieblingsstücke, die Suite Gothique des französischen Spätromantikers Leon Boellmann, ein Stück, auf das wir im Rahmen eines Konzertes von Gerd Wachowski aufmerksam wurden, der es dann ein Jahr später auf unseren besonderen Wunsch auch auf unserer Hochzeit spielte. Die vier überaus unterschiedlichen Sätze dieser Suite lassen eine Vielzahl interpretatorischer Möglichkeiten zu. Viele, auch sehr unterschiedliche Herangehensweisen klingen deshalb schlüssig & konsequent. Während Wachowski in den einzelnen Sätzen die dynamischen Extreme suchte & sie weidlich ausreizte, das ganze Stück in überwiegend gemäßigtem Tempo spielte, wählte Jasmin Neubauer die straffe & schlanke, stimmlich gut durchhörbare Variante & verlieh den Sätzen dadurch bei eher flottem Tempo eine fast tänzerische Note.
Frau Neubauer spielte auch zwei Konzerte in der etwas kleineren & erst im Jahre 1993 nach langjähriger Restauration wiedereröffneten, ebenfalls gotischen Franziskaner Kirche. Diese ist der bauliche Überrest eines im Jahre 1281 gegründeten Marienklosters. Wie bei den sog. Bettelorden üblich, verzichtete man auf einen Turm, lediglich ein kleines Dachtürmchen, in dem das Geläut hängt, ziert das lange schmale Dach. Im Ostchor ist der Franziskus Altar zu sehen, ein frühes Werk Tilmann Riemenschneider´s aus dem Jahr 1490. Bei der langjährigen, überaus umsichtig & sorgfältig durchgeführten Restaurierung der Kirche setzte man im Ostchor neue moderne Glasfenster des Künstlers Johannes Schreiter ein, die dem Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi gewidmet sind & vortrefflich mit dem gotischen Erscheinungsbild des Innenraums harmonieren. Die Orgel auf der Westempore stammt aus der Werkstatt des Nürnberger Orgelbauers Johannes Strebel,  wurde 1889 fertiggestellt & im Jahre 1992 umfänglich restauriert. Sie umfaßt 14 Register & verfügt über einen weichen warmen Klang, der sich hervorragend für Renaissance- & Barockmusik eignet. Im Rahmen eines ihrer Konzerte an dieser Orgel hatte Frau Neubauer ein Programm zusammengestellt, das von den barocken Meistern  Bach, Buxtehude & Telemann geprägt war, jedoch überraschender Weise auch den dritten Satz der Suite Gothique enthielt. Der weiche Klang des Instruments verlieh diesem Satz einen kammermusikalischen, nahezu intimen Charakter, der in der weit größeren Jakobskirche schwerlich erreichbar ist.

Franziskaner Kirche, Rothenburg ob der Tauber, Strebel – Orgel auf der Westempore

In St. Jakob hingegen gab Frau Neubauer zusammen mit der jungen Sopranistin Johanna Neß ein absolut großartiges & bewegendes Konzert mit Stücken für Orgel & Sopran, welches eine kompositorische Zeitspanne von Schütz bis Rheinberger umfaßte. Überwiegend am Orgelportativ im Altarraum, begleitete Neubauer eine junge Sängerin, die, von Barbara Schlick, Emma Kirby, sowie weiteren nahmhaften Interpreten Alter Musik ausgebildet, u.a. bereits bei den Göttinger Händel Festspielen unter Nicholas Mc Gegan & Andrew Parrott zu hören war & deren schlanker, ungemein wandlungsfähiger Sopran, sowie ihr emotionaler, jedoch nie affektbelasteter Ausdruck schlicht ein Erlebnis besonderer Art darstellten. Die weichen & lyrischen, dabei gleichwohl mit bedachter Trennschärfe & makelloser Technik vorgetragenen Verzierungen & Koloraturen in Jesu mi dulcissime des italienischen Komponisten Alessandro Grandi (1577 – 1630) erklangen derart anrührend & bewegend, dabei frei von künstlichem Pathos, das es das eine oder andere Tränchen in die Augen trieb. An der Rieger Orgel spielte Neubauer das Konzert für Orgel in G – Dur von J.S. Bach, sowie zu unserer besonderen Freude – die allerdings nicht von allen Besuchern geteilt wurde – das Piece heroique des französischen Spätromantikers Cesar Franck. Insgesamt ein Konzert auf höchstem künstlerischen Niveau, dem man ein, zumindest zahlenmäßiges, Großstadtpublikum gerne gewünscht hätte.
Erneut war abseits der sog. kulturellen Zentren & eines hochsubventionierten, allerdings auch zumeist ermüdend routinierten Kulturmaschinenbetriebs Herausragendes zu hören, & erfreulicherweise auch durchaus Abseitiges. Fernab der urbanen Arroganz & Großkotzigkeit zeigt sich wieder einmal, daß Kunst keineswegs von Millionensummen & Hochglanzbetrieb abhängig ist, sondern von persönlichem Engagement, Herz & Können.

 

September 28

Solitary Man

. . . Neil Diamond in Hamburg . . . 

 

„Be 
As a page that aches for a word
Which speaks on a theme that is timeless
While the Sun God will make for your day
Sing
As a song in search of a voice that is silent
And the one God will make for your way.“

aus Jonathan Livingston Seagull / Be / Neil Diamond

 

Als empathische Ausdrucksweise hat das Pathos Bekenntnischarakter. Das Ich offenbart sich mit einer inneren Haltung, es bekennt sich zu sich selbst. Das ist in Zeiten der Coolness ganz entschieden uncool.“ schrieb Roman Bucheli in einem sehr lesenswerten Beitrag der NZZ vom 23.9.2017. „Der Pathetiker lebt auf der Rasierklinge“, sagt Bucheli im Folgenden weiter & führt als Beleg einen Ausspruch von Ingeborg Bachmann an, den diese wiederum auf den Gesang von Maria Callas gemünzt hatte, & fährt dann fort: „Aber das Pathos ist immer unterhalb der Perfektion, weil es sich eine Blöße gibt, freilich nicht im Künstlerischen, aber in den Affekten. Es lässt an den Bruchstellen in ein Inneres blicken.

In diesem Beitrag geht es in vielfältiger Weise um Beides, um Bekenntnis & Pathos.

Von den unzähligen Konzerten, die ich in meinem Leben in den unterschiedlichsten Genres gesehen habe, gab es wenige, die ich als aus irgendeinem Grunde mißlungen erinnere. Viele, ganz sicher die meisten, waren gut, auch sehr gut, obwohl nicht immer klar wurde, weswegen. Überaus wenige waren ganz besondere Höhepunkte, die sich, auch noch nach Jahrzehnten, als unvergeßlich einprägen & die ich als einen inneren Schatz mit mir herumtrage. Dazu gehören die Bruckner – Aufführungen von Günter Wand mit dem NDR – Orchester, die beiden Konzerte mit dem so früh & tragisch verstorbenen Guiseppe Sinopoli am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters, sowie das Jethro Tull Konzert zur Heavy Horses – Tour in Bremen. Auf jeden Fall auch die beiden Auftritte von Rufus Wainwright in der Musikhalle & in der Elbphilharmonie. Sie alle werden jedoch um einen kleinen Funken überstrahlt von den vier Auftritten von Neil Diamond, die wir in Kiel & Hamburg im Laufe der Jahre sehen durften. Warum ist das so, was macht diesen Sänger zu etwas derart Besonderem ? Natürlich, wird man sagen, die Musik, selbstverständlich, doch ist dies eine Banalität & somit viel zu vordergründig. Es ist dieser besondere kleine Moment, in dem der Sänger – die Band hat bereits das erste Stück intoniert – die Bühne betritt. Ich habe nie zuvor & auch sonst zu keinem Zeitpunkt erlebt, daß in diesem Moment auch große Arenen zum kleinen intimen Club sich wandeln, der Sänger auf den Besucher zugeht, ihm wie einem lang vermißten Freund begegnet & ihm das Gefühl vermittelt, er sänge nur für ihn. Es ist dieser kleine, alles entscheidende Augenblick, der eine Verbundenheit schafft, die etwas Magisches hat. Der Sänger strahlt, seine ausladenden Gesten scheinen alle 14 000 Besucher umarmen zu wollen & dann folgen zwei Stunden lang Welthits & diese zwei Stunden reichen bei weitem nicht aus, das Repertoire dieses Sängers aus Brooklyn / New York auch nur annährend abzubilden. Vielleicht haben die Beatles & Burt Bacharach zusammen nicht derart viele Welthits geschrieben. Daß Neil Diamond nicht nur für sich, sondern auch für unzählige Andere, genannt seien stellvertretend The Monkeys, Barbra Streisand, Frank Sinatra, Gilbert Becaud oder auch UB 40, Songs geschrieben hat, was allein neben der künstlerischen auch die zeitliche Dimension seines Schaffens umreißt, ist nicht zwingend Jedem bekannt.

Hamburg, Möwen an der Binnenalster

Nun war Neil Diamond anläßlich seines 50 – jährigen Bühnenjubiläums auf Europa Tournee, die den mittlerweile 76 Jahre alten Sänger auch wieder nach Hamburg führte. Der Mann, der bislang 130 Millionen Alben verkauft hat, betritt die Bühne in einem weißen Lichtkegel, gerade rechtzeitig, um nach dem Intro von In my Lifetime an der richtigen Stelle einzusteigen. Die Bewegungen sind langsam, nahezu steif geworden, das Gesicht, auf große Videowände zu beiden Seiten der Bühne projeziert, fast maskenhaft starr. Aber die Gesten haben wieder & immer noch dieses alles Umarmende, schaffen Nähe & Vertrautheit & werden mit euphorischem Jubel & spontanen Standing Ovations schon zu Beginn honoriert. Der Stimme hingegen ist ihr Alter nicht anzumerken. Der raue Ton, allenfalls in der Höhe ein wenig brüchiger geworden, kommt ohne Intonationsschwächen klar & kräftig & mit hoher Textverständlichkeit aus der gut ausgesteuerten Anlage. Die elfköpfige Band, die den Sänger größtenteils seit Jahrzehnten begleitet, spielt wunderbar schlank im Sound & mit schlafwandlerischer Sicherheit ausgefeilte Arrangements, die den Songs aus instrumentaler Sicht das notwendige Etwas hinzufügen, um sie wie glänzend schimmernde Perlen an einer Kette aufzureihen. Das ist mehr als nur Begleitung, das ist die Kunst, Inhalte hervorzuheben, zu führen, wo es notwendig ist & sich zurückzunehmen, wenn der Song es gebietet. Hier ertrinkt nichts in fettiger Klangsauce, hier wird nichts mit klebriger Zuckerwatte zugekleistert. Passagen, in denen nur Piano oder akustische Gitarre zu hören sind, wechseln mit straffen Bläsersätzen. Nichts ist hier Selbstzweck, der Song, der Fluß der Musik & der Hintergrund  des Textes verlangen es. Das ist große Kunst. Überhaupt die Texte, allesamt kleine, oft traurige Geschichten ohne jedes Trallala, der Sänger erinnert sich, denkt nach, gibt Verflossenem Raum & hat kein Problem damit, sich gelegentlich zu entblößen. Hier offenbaren sich die Bruchstellen, die ins Innere blicken lassen. Neil Diamond spricht mit fester, nahezu noch jugendlich klingender Stimme, kokettiert mit dem Jubiläum & erzählt bisweilen kleine Geschichtchen zu den einzelnen Songs. Das berühmte Duett mit seiner alten Schulfreundin Barbra Streisand, You don´t bring me Flowers, sonst immer zusammen mit Linda Press vorgetragen, genügt sich heute im Zusammenspielt mit seinem wunderbar weich & warm intonierenden Saxophonisten Larry Klimas. Überhaupt bietet das Programm vielfache Gelegenheit, die hervorragenden Musiker auch im Einzelnen ein wenig kennen zu lernen, ohne daß sie mit langen Soli das Gesamtbild aus dem Gleichgewicht bringen würden. Während Brooklyn Roads, das Diamond auf einer Podestkante sitzend in stark gedimmtem Licht singt, läuft ein Zusammenschnitt aus diversen Super 8 Filmen, die den Sänger als Baby, Kind, Jugendlichen & Erwachsenen zeigen, oft im Zusammensein mit den Eltern & dem Bruder. Erstmals weht an dieser Stelle ein Hauch von Abschied & Ewigkeitsempfinden durch die Halle, es ist absolut still geworden & das in einen einzigen Song eingebundene Empfinden einer 76 Jahre währenden Lebensspanne physisch spürbar. Es gibt noch andere dieser besonderen Momente, z.B. bei Dry your Eyes, welches der Sänger den Opfern der Terroranschläge weltweit widmet, Love on the Rocks, oder auch den Ausschnitten aus Jonathan Livingston Seagull.
Beim letzten Stück des Sets, I am … I said, die erste Strophe eher in einer Art Rap vorgetragen, erscheint das Gesicht des Sängers in Großaufnahme, als close up auf der Videowand & zeigt für einen kurzen Moment den Blick aus nach wie vor strahlenden Augen. Nur daß diese Augen nicht mehr auf  das Publikum gerichtet sind, sondern weit darüber hinaus, auf eine unbekannte Stelle hinter dieser Halle, hinter diesem Konzert, auch hinter dieser Musik. Es sind Augen, die in diesem Moment, für alle sichtbar, etwas sehen, was nur ihnen in diesem Moment wahrnehmbar ist. Sie scheinen auf dieses Leben zurück zu blicken, aber vielleicht mehr noch auch auf das vorauszuschauen, was danach kommen mag.

I am … I said
To no one there
And no one heard at all
Not even the chair
„I am … I cried
„I am … said I
And I am lost and I can’t
Even say why.“

Langsam geht der Sänger danach von der Bühne, während seine Band den Song weiterspielt. Er wird für drei Zugaben zurückkommen. Danach verschwindet er mittels einer sich absenkenden Hebebühne langsam aus dem weißen Scheinwerferkegel.

Die Kunst. . . . beendet Roman Bucheli seinen klugen Beitrag über das Pathos, . . . bringt die Erschütterung auch immer weniger aus sich selbst hervor. Denn es hieße: auf der Rasierklinge zu leben zwischen der Mediokrität und der Perfektion. Es hieße: das Ganze zu wagen, sich auszusetzen, auch auf die Gefahr hin, lächerlich zu wirken. Denn das Unvollkommene ist immer angreifbar und darum pathetisch, weil es sich preisgibt. Die Kunst könnte solches wagen, die Politiker auch. Die Zeiten aber sind andere. Sie verlangen perfekte Oberflächen.

 

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August 28

One day you will come to Montauk

. . . . . Rufus Wainwright in der Elbphilharmonie . . . 

 

One day you will come to Montauk
And see your dad wearing a kimono
And see your other dad pruning roses
Hope you won’t turn around and go

One day you will come to Montauk
And see your dad playing the piano
And see your other dad wearing glasses
Hope that you will want to stay for a while
Don’t worry, I know you’ll have to go

One day you will come to Montauk
And see your dad trying to be funny
And see your other dad seeing through me
Hope that you will protect your dad

One day you will come to Montauk
And see your dad trying to be evil
And see your other dad feeling lonely
Hope that you will protect him and stay
Don’t worry, I know you’ll have to go

One day, years ago in Montauk
Lived a woman, now a shadow
There she does wait for us in the ocean
And although we want to stay for a while
Don’t worry we all have to go

One day you will come to Montauk.

Montauk / Rufus Wainwright

 

Es ist das erste Mal, daß ich auf diesen Seiten über einen Interpreten zweimal schreibe. Vor Jahren schrieb ich einen kurzen Beitrag mit dem Titel Rufus & the passion – so tough, in dem es um Analogien zwischen der Musik Wainwright´s & der der späten Beach Boys ging. Dort sprach ich von der weltabgewandten Konsequenz des Schaffens von z.Zt. Unerhörtem. Das war im Jahre 2010, gerade war All Days are Nights – Songs for Lulu erschienen. Im November 2012 spielte Wainwright in der Hamburger Musikhalle, es war ein grandioses Konzert, leider existierte dieser Blog ( . . . oder heißt es dieses Blogg – egal) zu der Zeit noch nicht. Am Freitag, dem 25. August 2017 gastierte er nun im Rahmen einer Solo Tour in der Elbphilharmonie. Das Konzert war ausverkauft. Wainwright selbst kokettierte in seiner Begrüßung allerdings, daß Viele wohl durchaus wegen des Saales & nicht wegen ihm erschienen wären. Da mag vielleicht was dran sein, denn auch ein Quartett für Küchenmixer & Bohrmaschine wäre an diesem Ort gegenwärtig noch ausverkauft. Wainwright spielte überwiegend Songs aus seinem Judy Garland Album Rufus does Judy at Carnegy Hall, sowie aus All Days are Nights. Eröffnet wurde der Abend mit The Art Teacher, im weiteren Verlauf erklangen auch andere „Hits“, wie z.B. Montauk oder Going to a Town. Durch einen dichten grauen Vollbart ein wenig älter wirkend, hatte er doch nichts von seiner eher heiteren, zuweilen selbstironischen & kommunikativen Grundhaltung eingebüßt, sprach viel über seine Familie & wenig über die Musik. Bei den Judy Garland Songs bat Wainwright einen Pianisten auf die Bühne, Mark Hummel, der die Songs sehr angemessen & stilsicher begleitete.

Treppenaufgang in der Elbphilharmonie

Die Qualität eines Songschreibers zeigt sich vor allem dann, wenn die Stücke, ihres instrumentalen Arrangements vollkommen entkleidet, nur mittels Klavier & Stimme dargeboten werden. Daß er das in einem außergewöhnlichen Maße beherrscht, daß seine Kompositionen gleichzeitig auch vollkommen zeitlos sind, hat Wainwright mit All Days are Nights eindrucksvoll bewiesen. Auch die Garland Nummern können in derart intimer Besetzung an Intensität sogar noch zulegen. Dies ist ein Beweis für die außerordentlichen musikalischen Fähigkeiten, zu denen eben auch gehört, zurücktreten zu können & das Klavierspiel hierbei jemandem zu überlassen, der dafür ggf. der bessere Interpret ist. Hiermit soll keineswegs Kritik an Wainwrights Klavierspiel geübt werden, es soll vielmehr als Hinweis dienen, wie überaus verantwortungsbewußt der Musiker Wainwright agiert. Daß er allerdings Garland´s Do it again in der Originaltonart singen mußte, erwies sich dann doch als grenzwertig. So viel Exaltiertheit ist in diesem Falle allerdings verzeihlich. Genau wie die Neigung zu einem gewisses schwulen Pathos.

Rufus Wainwright´s Musik ist in ihren sehr zahlreichen besten Momenten, also immer dann, wenn sie den üblichen Pophorizont hinter sich läßt, von einer atemberaubenden Qualität, die sie weit aus den Kosmos der allgegenwärtigen Singer / Songwriter & Popbarden hervorhebt. In diesen Momenten ist sie der klassischen Musik weit näher, als irgendeiner anderen Richtung. Da wird innerhalb eines Songs die Tonart gewechselt, oft mehrfach, da endet keine Phrase so, wie sie gemeinhin enden würde, da changiert das musikalische Material hautnah am Text zwischen Dur & Moll, da wird alles beiseite gelegt, was einen Pop – Song gemeinhin ausmacht. Dabei verliert die Musik niemals ihren inneren Kontext, da wirkt nichts aufgesetzt oder gezwungen, da wird jedes Klischee zur Banalität verdammt. Ich kenne keinen anderen Interpreten, der dieses Metier auch nur annährend so beherrscht wie Rufus Wainwright. & wenn er alleine am Klavier sitzt, dann scheint er ganz bei sich zu sein, dann tritt das Publikum, der Saal & vielleicht auch er selbst vollständig zurück vor der Größe dieser Musik. & Ihrer Texte, die immer persönlich, z.T. sogar intim, die Lebenssituationen, die Gedanken & Emotionen ihres Autors in zumeist rückhaltloser Offenheit & lyrischer Sprache reflektieren & der Musik in ihrer originären Ernsthaftigkeit in nichts nachstehen.

Rufus Wainwright schuf am Freitag in der Elbphilharmonie eine Atmosphäre großer Nähe, er machte aus diesem riesigen Saal eine kleine Wohnstube, in der die Anzahl der Zuhörer irrelevant wurde, in der man von Anbeginn eine Stecknadel hätte fallen hören können & in der die Intimität der Darbietung die Menschen ergriff & im besten Sinne des Wortes zum Schweigen brachte. Dieses Konzert reiht sich ein in die sehr überschaubare Anzahl wirklich herausragender musikalischer Sternstunden, die ich in meinem Leben erfahren durfte & dafür bin ich sehr dankbar.

 

 

 

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