September 28

Mein Lieben ist wie Fieber . . .

Shakespeare – Sonette; ein Ballettabend

Das Hamburger Publikum, besonders jenes, das sich für kunstsinnig hält, neigt im Einzelfall durchaus schon mal zur Extase. Wen es ins Herz geschlossen hat, verehrt es abgöttisch. Dazu gehört ohne Frage der Ballettintendant John Neumeier, nunmehr 80 – jährig & offenbar umtriebig wie stets. Daß er sich, trotz gelegentlicher Kritik auch auf diesen Seiten, jede Form von Zuneigung redlich & gewissenhaft verdient hat, steht  hingegen genauso außer Frage, wie seine überragende, nahezu singuläre künstlerische Lebensleistung. 

Was allerdings geschieht, wenn ein Ballettabend nicht von ihm, sondern von dreien seiner jungen Tänzer choreographiert wird, war an einem Septembersamstag in der Staatsoper zu besichtigen. Im hinteren Parkett waren erschreckend viele Plätze unbesetzt. Das gleiche traurige Bild bot sich in den Logen, von denen viele leer blieben. Derartiges ist im in der Regel ganz oder nahezu ausverkauften Haus ein Novum. Aber ein altbekanntes Problem des Hamburger Kulturbetriebs ist es nunmal, daß der Name zählt, & weniger der Inhalt. Neugierig ist man eher auf das ohnehin Gewohnte. 

Edvin Revazov, erster Solist des Hamburg Ballett, sowie die Solisten Alex Martinez & Mark Jubete hatten sich nichts weniger vorgenommen, als Sonette von William Shakespeare auf die Bühne zu bringen. Oder das, was diese im Jahre 1609 erstmals veröffentlichten 154 Gedichte in ihnen ausgelöst haben. Während sich Mark Jubete Gedanken über die Ursache von Leid & Elend in den Sonetten macht & über die zwischenmenschlichen Probleme nachdenkt, die es hervorruft, denkt Aleix Martinez über die Schönheit nach, die als äußerer Schein die innere Leere verbirgt. Edvin Revazov interessiert sich für die Zeit, in der die Sonette geschrieben wurden, besonders vor dem Hintergrund von Theorien, daß sie gar nicht von Shakespeare selbst, sondern von mehreren, unbekannten Autoren stammen könnten. Schon anhand dieser unterschiedlichen Herangehens- & Sichtweisen wird klar, wie schwierig es gewesen sein dürfte, zu einer gemeinsamen, in sich schlüssigen Aufführung zu gelangen. Die Aneinanderfügung unterschiedlicher Choreographien geschieht keinesfalls bruchlos, & doch ist deutlich spürbar, daß sich die verschiedenen Sichtweisen der jungen Choreographen auf beeindruckende Weise nicht nur aneinander, sondern auch ineinander fügen, daß dem Zuschauer glücklicherweise zugemutet wird, das Verbindende zu erfassen & emotional für sich zu gestalten. Die Musik – insgesamt werden Werke von dreizehn Komponisten gespielt – reicht von Minimal Music über polymetrische Rockmusik bis zu Jordi Savall & John Dowland. Es ist klar, daß diese musikalische & akustische Vielfalt vom Band kommt & nicht live dargeboten werden kann. 

Yaiza Coll, Lizhang Wang, Photo: Kiran West

Da die Shakespeare Sonette kein Handlungsballett darstellen, sondern Ausdruck innerer Eindrücke & Assoziationen der drei Choreographen sind, bleibt es dem Zuschauer überlassen, das, was er auf der Bühne sieht, mit seinen eigenen inneren Bildern & Vorstellungen abzugleichen, bzw. sich seine eigenen Assoziationen zu erschaffen. Die Empfindungen & Zusammenhänge, die im Kopf entstehen, sind folglich höchst subjektiv & individuell, beruhen auf den Wahrnehmungen & Lebenserfahrungen der Zuschauer, & das ist kein Nachteil, denn es kann nur das Ziel der Choreographen sein, dies nicht nur zuzulassen, sondern mit ihrer Arbeit explizit anzuregen & einzufordern. Das ist auf eindrucksvolle Art & Weise gelungen. 

Die Bilder, die Revazov, Martinez & Jubete erschaffen haben, erzeugen Eindrücke von emotionaler Wucht & Tiefe, changieren auf höchst poetische Weise zwischen verstörender Härte, besonders in den Fabrikszenen, & feinster Innigkeit, wie in den Pas de Deux eingangs & im deutlich ruhigeren zweiten Teil, wobei sich die Tänzer auf eine intime Innerlichkeit einzulassen haben. Auch diese z.T. schroffen Wechsel emotionalen Ausdrucks & Erlebens gelingen dem wunderbaren Ensemble fein abgestuft & mit sichtbarer Hingabe. Daran ändern auch kleine, noch unpräzise Details im Forced March, dem dritten Bild des ersten Teils, rein gar nichts. Das hohe Niveau der überwiegend sehr jungen Tänzer ist beeindruckend.  

Eingangs bewegt sich ein „weißes“ Paar zuerst einzeln & zögerlich, dann immer enger umeinander herum, bis es zu einem intimen Pas de Deux findet, wobei – & das ist das Beeindruckende an diesem von Mark Jubete choreographierten Bild – stets eine letzte kleine Distanz zwischen beiden spürbar bleibt, sie bleiben am Ende allein mit sich selbst & stellen den Zweifel sowie das Alleinsein, das Alleingelassensein, das in den Sonetten so oft durchscheint, als Liebeszweifel, als den vergeblichen Versuch, sich auf den anderen letztendlich einlassen zu können, sich in letzter Konsequenz hinzugeben, dar. 

. . . Vergaß ich, da es mir fehlt am rechten Glauben,
Den vollen Text der Liebesfestandacht.
Scheint meiner Liebe selbst die Kraft zu rauben,
Zu schwer trag´ ich an meiner Liebe Last. . . .

. . . so heißt es im Sonett Nr. 23, von Yaiza Coll & Lizhang Wang mit beeindruckender tänzerischer & emotionaler Intensität getanzt.

Sylvia Azzoni (2. v.l.), Lloyd Riggins (3.v.l.), Patricia Friza (rechts vorne), Ensemble, Photo: Kiran West

Da die Sonette kein Handlungsballett sind, haben die Choreographen folgerichtig darauf verzichtet, den Figuren Namen zu geben. Durch diese Anonymisierung schaffen sie Raum für das Auftreten ihrer Tänzer als Traum- , Wunsch-, oder Sinnbilder, als poetische Inkarnationen. Der Vorhang, der die beiden Liebenden, denen wir eben zugeschaut haben, von der Welt, aus der sie kommen – oder in die sie nun gerade erst gehen – getrennt hat, hebt sich & gibt den Blick frei auf die Maschinerie einer Menschenfabrik. Menschliche Werkstücke hängen von der Decke herab, Arbeiter schaffen ständig neue, tragen Teile hin & her & in rollbaren gläsernen Schaukästen sind Musterstücke zu besichtigen. Die Liebenden durchtanzen diese Szenerie, bis sie Einlass in einen der Schaukästen finden. Sind sie selbst nicht auch nur das Musterstück eines liebenden Paares? & wer ist der kleine Junge, der durch die Bilder streift, losgelöst, nahezu teilnahmslos. Durch die Szenerie bewegt sich ein Arbeiter eher ziellos, zweifelnd; zaudernd bleibt er stehen, seine wenigen Bewegungen sind langsam & unsicher. Lloyd Riggins, dieser großartige Tänzer, nun ein Meister der Andeutung, der kleinen sparsamen, doch umso bewußteren Gesten, der zu zweifeln scheint an dem, was er sieht, dessen Teil er im Innern nicht ist. Oder eine junge Frau, energisch, zielgerichtet, fast wild scheint sie eine herausgehobene Position unter den Arbeitern einzunehmen. Patricia Friza tanzt sie  energiegeladen & doch zerbrechlich, gefährdet, ahnungsvoll. Für mich ist dieses Bild, Fabrik 1, das zentrale Stück des ersten Teils, von Aleix Martinez phantasievoll, vielschichtig & voll dunkler, abseitiger Poesie gestaltet. Die Musterstücke, Frauen in rosa Kleidern, weiß maskiert, eine fängt an sich zu bewegen, . . . I wanna be loved by you . . . & das Musterstück ahmt menschliche Bewegungen nach, ruckhaft & parodistisch, Sylvia Azzoni ist in dieser Maske nicht zu erkennen. Die ganze abgründige Tiefe der menschlichen Existenz, ihre emotionalen Verwerfungen, ihr Streben & Wollen, letztlich ihr Scheitern ist auf dieses Bild übertragen. So wie die großen Maler der niederländischen Spätrenaissance, die in ihren Bildern mittels einer metaphorisch – apokalyptischen Komik ihren Zeitgenossen den Spiegel vorhielten, so zeigt sich auch Shakespeare in seinen Sonetten mit den Abgründen der menschlichen emotionalen Existenz vertraut. Die Besucher blicken beim Betreten des Saals – ahnungsvoll – auf eine Spiegelwand. Martinez hat verstanden, daß Shakespeare, wie alle großen Dichter, die Liebe als den Brennpunkt aller menschlichen Sehnsüchte & Leidenschaften, alles Strebens, Wollens & Scheiterns begriffen hat. 

Ist die Rückverwandlung des Menschen, des Schmetterlings, in den Zustand der Verpuppung die Reinkarnation in die vorgeburtliche Unschuld als Ausdruck des Reinen, Unwiderlegbaren in der Liebe? In dem stillen poetischen Bild, das Revazov findet, um diesen Zustand zu beschreiben, & das von Olivia Betteridge & Florian Pohl sehr berührend als Pas de Deux getanzt wird, will es so scheinen, denn hier erscheint die letzte Distanz zwischen den Figuren erstmals vollkommen aufgehoben. 

 . . . Mein Lieben ist wie Fieber: es begehrt
Nach dem wodurch die Krankheit noch mehr schwillt
Nährt das noch mehr, was mich so stark verzerrt,
Damit der kranke Appetit gestillt.  . . .

. . . lautet ein Vers aus dem Sonett Nr. 147, & schon wird die Idylle beendet, bricht die Gewalt über die Unschuld herein, Vogelmenschen treten auf, unheimlich anzusehen, oder sind es nicht vielmehr Pestärzte, die durchs Land ziehen, mit riesigen Schritten die Weite durchmessen & die Kranken von den Gesunden scheiden. Shakespeare´s Zeit war von schweren Pestepidemien erfüllt & die Pestärzte trugen mit Kräutern gefüllte Schnabelmasken, die sie vor Ansteckung schützen sollten. Unser Lieben ist endlich, muß endlich sein & es ist schwer, diese Obszönität zu ertragen. Revazov hat ein tiefes poetisches Verständnis für die Dualität des Lebens & des Leidens. 

Ensemble, Photo: Kiran West

Der zweite Teil ist weitgehend geprägt von der Suche des Einsamen nach Verstehen, & nach dem Verständnis von dem, was er oder sie sich unter Erfüllung, unter Liebe vorstellt & gleichzeitig vom Eingeständnis der Unerfüllbarkeit, der Erfolglosigkeit allen menschlichen Strebens & Sehnens. In der Menschenfabrik brechen die Schranken zwischen den Musterstücken in den Glasvitrinen & den Begehrenden außerhalb auf, die Bewegungen sind langsam, zögerlich, unsicher. Lloyd Riggins sucht vergeblich, in stiller einsamer Verzweiflung, die Nähe menschlicher Wesen, in einem Bild zusammen mit Viktoria Bodahl, als Schatten gedoppelt von Yaiza Coll & Lizhang Wang. & immer wieder Florian Pohl, zusammen mit Anna Laudere im Pas de Deux, in dem die Vergeblichkeit des Liebeswunsches beiden zu noch intensiverem emotionalen Ausdruck verhilft, denn über all dem liegt stets der Schatten der Hoffnungslosigkeit. Die großartige Patricia Friza kann nicht einsehen, will sich nicht fügen in diese Vergeblichkeit. Ihre Bewegungen werden schneller & ausgreifender, je mehr ihr dies bewußt wird. 

In einem grandiosen Schlußbild vereinen sich schließlich alle zur elegischen Musik von Jordi Savall zu einer menschlichen Pyramide, zu einem letzten verzweifelten Versuch, nun dem Himmel doch noch zu entreißen, was er ihnen freiwillig nicht zu geben vermag.

Ein in jeder Hinsicht bewegender, erschütternder Abend, ein Glücksfall für diese Companie.

Die jungen Choreographen erliegen glücklicherweise nicht der Versuchung, sich auf die Tanz- & Bewegungsmuster ihres Mentors zu beziehen, sie suchen konsequent nach ihrem eigenen Ausdruck. Es gelingen Bilder von teils verstörender poetischer & dramatischer Wucht, gleichzeitig aber auch Momente großer intimer Innerlichkeit. Es ist gelungen, den Sinn, die innere Bedeutung & Aussage der Sonette zu erfassen & poetisch konsequent umzusetzen. Die Spanne der zeitgeschichtlichen Bezüge reicht von der Spätrenaissance bis in die heutige Verirrung der technischen Hybris, der Erschaffung human – technologischer Hybride. 

Der Mut zu dieser Aufführung könnte ein Aufbruch in die Moderne des zuweilen doch etwas angestaubt wirkenden Spielplans sein, das sei allen Beteiligten zu wünschen. Uns bleibt an dieser Stelle nur der große Dank für einen wunderbaren Ballettabend, bei dem allen Beteiligten die zahlreichen leeren Plätze herzlich egal sein sollten. Das Neue hat stets seine Feinde, & das vorgeblich Bewährte schafft eine lediglich trügerische Ruhe. Kunst kann niemals Stillstand sein, sie hat zu suchen, zu forschen & sich selbst zu finden. Das ist an diesem Abend auf exemplarische Weise gelungen.

 

Danksagung:

Ich danke Lisa Zillessen von der Pressestelle des Hamburg Balletts für die Erlaubnis, die Aufführungsphotos von Kiran West für diesen Beitrag verwenden zu dürfen.

September 20

Ein badischer Abend

. . . Markgräfler Reminiszenzen . . .

Augenblicke, in denen sich das scheinbar Banale zum Außergewöhnlichen wandelt, sind zumeist eine sehr persönliche & individuelle Erfahrung. Sie sind eher emotionaler Natur, gewachsen aus dem Erleben, der Erinnerung, vor allem jedoch aus dem Umstand, daß sie uns in der Tiefe unserer Erfahrungen, unserer Wünsche & der Verluste, die wir im Leben erleiden müssen, berühren. Wenn dies geschieht, werden diese Augenblicke zu unvergeßlichen Momenten, zu Bildern, die uns lebenslang begleiten & die wir vermissen, wenn wir sie lediglich noch in uns selbst oder anhand alter Photographien aufsuchen können. Dies ist der Grund für ein Gefühl, das wir als Sehnsucht kennen. Sie wird uns stets zurückführen an die Orte & zu den Menschen, die dieses Gefühl einst begründeten. Gehen hingegen die Orte, die Menschen oder die reale Entsprechung verloren, bleibt also lediglich noch die Erinnerung, oder ist uns eine Rückkehr aus anderen Gründen verwehrt, empfinden wir Trauer. Doch das, was wir unauslöschlich in uns tragen, gibt uns auch Kraft & Halt. 

Im Oktober beginnen die Tage des gebrochenen Lichtes. Oft hat die Sonne sich am frühen Vormittag durch den Hochnebel, der sich zwischen Schwarzwald & Rheinebene zuweilen hartnäckig hält, mühsam hindurch gekämpft, ohne allerdings den Dunst vollständig zu besiegen. Das Licht bleibt dann seltsam diffus, & eine ungewohnte Ruhe scheint trotz der allgemeinen Geschäftigkeit über dem Land zu liegen. Wer aus einer norddeutschen Großstadt kommt, dem gehen die Uhren hier seit jeher langsamer, die Menschen bewegen sich anders, die Zeit scheint mehr Geduld mit ihnen zu haben & was geschieht, das geschieht zumeist auf eine sanftere Art. 

Mittags, kurz bevor der große bunte Markt auf dem Freiburger Münsterplatz schließt & nur noch den Maronenröster mit seinem Handwagen vor dem Kirchenportal neben dem Georgsbrunnen & den Imbißstand an der Nordseite des Münsters zurückläßt, & der mit seiner Langen Roten auch nach Marktschluß noch Konjunktur hat, zieht sich der leichte Dunst für eine Stunde zurück. Die Sonne wärmt auch Mitte Oktober noch die Einheimischen & ihre Gäste, die zumeist daran zu erkennen sind, daß sie auf dickere Jacken noch weitgehend verzichten.

Der große Münsterplatz wird an der Südseite des Münsters rechterhand von einer historischen Häuserzeile, zu der das Stadtmuseum, das Redoutenhaus, sowie alteingesessene Wirtshausfassaden gehören begrenzt, im Osten von der historischen Alten Wache. Hier ist eine Weinhandlung untergebracht, die zahlreiche regionale Erzeugnisse unterschiedlicher Winzergenossenschaften & unabhängiger Weinbauern ausschenkt. Bei schönem Wetter sind die Plätze davor längst weitgehend besetzt. Scheinbar ziellos streift der Flaneur durch die kleinen engen Gassen, er hat eine Auswahl an Lieblingsplätzen, er kann verweilen, wo er will, er läßt sich treiben. Heute zieht es ihn & seine Begleitung durch einen schmalen Durchgang am Redoutenhaus erst in die Schusterstraße, & sodann durch ein kleines Gässchen in die Salzstraße, links hinauf in Richtung Augustinermuseum & weiter zum nun rechterhand gelegenen Augustinerplatz, hinunter zur Fischerau. Zwischen dem Gäßchen & den pittoresken, z.T. holzverzierten Häuserfronten verläuft ein je nach Wasserstand träges oder munter dahinplätscherndes Bächlein. Am westlichen Ende der Fischerau gelangt man zum Martinstor, einem der alten turmhaften Stadttore. Unmittelbar dahinter, wenige Schritte die Kaiser Josef Straße hinauf Richtung Bertoldsbrunnen, hängt ein rundes gelbes Leuchtschild mit der Aufschrift Cafe´ Kolanda über dem Eingang eines kleinen Stehcafe´s, dessen rare Sitzplätze höchstens bei Geschäftsöffnung frei sind. Es werden die unterschiedlichsten Kaffeesorten angeboten, & es ist unmöglich, das Cafe´ zu verlassen, ohne die wunderbaren Törtchen & Gebäckspezialitäten probiert zu haben, die eine Auswahl & somit eine Beschränkung eigentlich unmöglich machen. 

Buchhandlung zum Wetzstein, Salzstraße, Freiburg

Nach der kleinen Stärkung führt der Weg über die parallel zur Fischerau verlaufende Gerberau zurück zum Augustinerplatz, von dem aus unser Ziel unschwer an der altmodischen blauen Markise erkenntlich ist. Die Buchhandlung Zum Wetzstein. 

Bereits die ungemein geschmackvoll dekorierten Fenster machen deutlich, daß, wer hier eintritt, das Besondere sucht. Der geistige Anspruch korrespondiert hier vortrefflich mit seiner ästhetischen Gestaltung. Das fein sortierte Angebot, das auf den Tischen & in den Wandregalen zum Entdecken einlädt, ist garantiert bestsellerfrei. Wer die SPIEGEL Liste abarbeiten möchte, ist hier verkehrt. Auf dem Kassentisch steht eine große Glasvase mit einem prächtigen Strauß Gladiolen, aus kleinen Lautsprechern erklingt dezent Händel. Der Inhaber, Thomas Bader, gekleidet wie ein englischer Gentleman, mit modischer runder Hornbrille, wacht adlergleich über sein Reich, so auch über uns, als wir einst dieses Biotop des Geistes & der Kultur erstmals betraten & dabei in keiner Weise seinen Vorstellungen angemessener Kleidung entsprachen. Das Eis brach die Frage nach einem dünnen Ernst Jünger – Bändchen in Erstausgabe. Da huschte ein verschmitztes Lächeln über Herrn Baders Gesicht & er bekundete freundlich Verständnis für die Begrenztheit der Urlaubskasse. Im hinteren Teil des überraschend großen Ladens finden sich Gesamt- & Werkausgaben, Unmengen  signierter Bücher, sowie ein umfängliches Kunstkabinett. Der regelmäßige Besuch der Buchhandlung & die Gespräche mit seinem hochgebildeten Inhaber sind so unverzichtbar wie inspirierend, sie verdeutlichen so eindringlich wie schmerzhaft, was andernorts fehlt. 

An der Alten Wache, bei einem Kaiserstühler Gutedel & dem Blick auf den nunmehr rasch sich leerenden Münsterplatz, findet der Tag sein Ende mit der langsam untergehenden Sonne, die den oberen Teil des Sandsteins, aus dem das Münster gebaut ist, in ein  letztes warmes goldenes Licht taucht. Die Glocken läuten die blaue Stunde ein & bald wird es frisch.

Verläßt man Freiburg auf der B 3 nach Süden hin Richtung Basel, so erreicht man nach wenigen Kilometern Schallstadt, ein Dorf, das dem Durchreisenden vor allem durch seinen Bahnhof auffällt. Es sind in Deutschland eigentlich immer wieder vor allem die Bahnhöfe, die durch ihre architektonische Einfallslosigkeit, ihre zweckreduzierte Ödnis & Trostlosigkeit den Reisenden eher abschrecken, als einladen. Das ist in Schallstadt nicht anders. Verläßt man jedoch hinter dem Bahnhof die B 3 & biegt rechts in das alte Dorf ab, ist das typisch Badische der Häuser & Resthöfe sofort sichtbar. Nach wenigen hundert Metern erreicht man den Ortsrand & gelangt dort zum Kaltenbachhof, an den sich direkt eine größere, mit Reben bewachsene Fläche anschließt. Betritt man den Hof durch ein altes rostiges schmiedeeisernes Tor, das etwas altersschwach in den Angeln zwischen zwei viereckigen Steinpfosten hängt, erstreckt sich rechter Hand ein massives zweigeschossiges Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert, an das sich ein geducktes flacheres & vermutlich ursprünglich noch älteres Fachwerkhaus anlehnt. Die Bebauung umschließt den Hof mit einem Scheunen- & Unterstandgeviert, welches seinen Abschluß links der Einfahrt in einem kleineren Wohnhaus deutlich jüngeren Datums findet. Noch vor dem repräsentativ – bürgerlichen Treppenaufgang, rechterhand zum großen Wohnhaus, befindet sich eine kleinere Tür, die sich zu einem Kellergewölbe aus dem Jahr 1765 öffnet, das man durch wenige steinerne & altersbedingt ausgetretene Stufen erreicht. Schlagartig ist es mit der Ruhe & Friedfertigkeit, die den Hofbesucher hier besonders an kälteren Herbstabenden empfängt, vorbei. Dichtgedrängt sitzen Menschen an einfachen schweren langen Holztischen, Gläser & Krüge mit Wein, sowie Teller mit Brägele & Salat vor sich & in lebhafte Gespräche verstrickt. Einige blicken kurz auf, taxieren die Eintretenden kurz als Einheimische oder Reisende & wenden sich sodann gleich wieder ihren Gesprächen, Tellern & Gläsern zu. Es dauert einige Sekunden, sich an die Luft & das Lärmen des Wortrauschens & Gelächters zu gewöhnen. Lange Jahre war dieser Ort jeden Montag & Dienstag unser Ziel, wenn wir das Markgräfler Land besucht haben; die Kellerstrauße im Kaltenbachhof. 

Kaltenbachhof, Schallstadt, Breisgau, Photograph & copyright unbekannt

Das Reich von Brigitte & Max Kaltenbach erfüllt alle Anforderungen, die Einheimische & (kundige) Reisende an eine Straußwirtschaft stellen können. Es ist unbedeutend, daß bereits wenige Jahre nach Öffnung eine Gaststättenkonzession beantragt wurde, um der Masse der Einlaß & Bewirtung Begehrenden Herr zu werden. Dennoch ist es hervorragend gelungen, das, was eine Straußi ausmacht, angemessen zu bewahren. Eigentlich sind Straußen- Besen- oder Heckenwirtschaften, wie sie je nach Region heißen, von Winzern betriebene Saisonwirtschaften, die eigene Produkte vertreiben & nur eine eng begrenzte Zeit im Frühjahr & im Herbst geöffnet sind. Auch sollten ursprünglich nicht mehr als vierzig Personen Platz finden. Man erkennt sie an einem Reisig- oder Strauchbesen, der am Haus angebracht ist. Im Badischen ist die Anzahl der Straußi´s besonders hoch, an Wochenenden stehen die Menschen oft schon lange vor Öffnung an, um einen der begehrten Plätze zu erhalten. Die Qualität des Weins & der angebotenen Speisen schwankt naturgemäß nicht unbeträchtlich, die Atmosphäre ist jedoch i.d.R. urig, gemütlich & wird gewöhnlich als landestypisch empfunden. Man setzt sich einfach irgendwo dazu, & in der Regel kommt man sofort mit den unterschiedlichsten Menschen auf´s Vortrefflichste ins Gespräch. Mittlerweile schrecken einige Betreiber allerdings nicht mehr davor zurück, ganzjährig zu öffnen, was natürlich mit der Tradition des Straußi nichts mehr zu tun hat. Neben dem kulinarischen Angebot ist ein dem Gast zugewandter & stets auch für ein längeres Schwätzchen zur Verfügung stehender Winzer unverzichtbar für ein beliebtes, gut laufendes Straußi. Für viele Selbstvermarkter unter den Winzern sind die Einnahmen zu einer unverzichtbaren ökonomischen Position geworden, die die Existenz sichert. Besonders im Herbst bedeutet das allerdings doppelte Arbeit, da das Straußi zusätzlich neben der Lese betrieben wird. Arbeitszeiten von Morgens um sechs bis dreiundzwanzig Uhr Nachts sind dann durchaus normal. 

Im Gewölbe der Kaltenbachstrauße befindet sich hinten links der Ausschank, davor geht es links über eine Treppe in den Hofladen, der ebenfalls zur Gaststube erweitert wurde. Zumeist ist es hier ein klein wenig ruhiger. Die Küche befindet sich linkerhand kurz vor der Treppe. Dort werden die Vorbereitungen für die hervorragenden Brägele getroffen, die auch ein Grund für den guten Ruf des Kaltenbachschen Hofes geworden sind. Brägele als Bratkartoffeln zu bezeichnen, würde ihnen nicht gerecht. Hier werden mehlig kochende Kartoffeln der Sorte Agria aus eigenem Anbau verwendet, sie werden als Pellkartoffeln gekocht, dann geschält & in Schweineschmalz in der Pfanne gebraten. Die gängige Beilage sind Elsässer Wurstsalat, also mit Käse angereichert, sowie Bibliskäs. Hierbei handelt es sich um mit reichlich Sahne, sowie Schnittlauch, Knoblauch & Schalotten angemachten Magerquark, bei dem der Sahneanteil die Konsistenz bestimmt. Ebenfalls typisch für badische Straußi´s ist der Flammekuache, sowie ein leckerer Salat. Preislich bewegt sich dies alles auf einem Niveau, das dem Städter Freudentränen in die Augen treibt. Je nach Betrieb & Qualität bewegen sich die Preise für ein Viertele – lediglich 0,2 l in ein Glas zu füllen wäre unverzeihlich – zwischen 1,50 & 3,50 €, für eine Erwachsenenportion Brägele mit Bibliskäs & Elsässer Wurtstsalat sind selten mehr als 8,-  bis 10,- € zu zahlen.

An diesem Ort zu verweilen, Wein & Speisen zu genießen, nette & interessante Gespräche zu führen & sich auf eine ungewöhnlich intensive Art heimisch zu fühlen, ist uns an ungezählten Abenden eine besondere Freude, es ist schnell unverzichtbar geworden & erfüllt uns stets mit einer tief empfundenen Wärme & Dankbarkeit. 

Der Sender, der im Radiowecker & im Autoradio eingestellt ist, heißt SWR 1. Die Moderatoren haben angenehme Stimmen, das Laute, Beifallheischende, das den Privatfunk so unerträglich macht, die hysterische Dauerfröhlichkeit, das abstoßend Anbiedernde ist ihre Sache nicht. Sie kommen aus dem Äther als nette Bekannte, die man gern zu sich einlädt, & deren unaufgesetzte Natürlichkeit man zu schätzen weiß.  Matthias Holtmann, einst Schlagzeuger der Krautrockband Triumvirat, der keine, zumeist  auch irgendwie passende Gelegenheit ausläßt, um seine Bewunderung für John Bonham kundzutun, ist ein Meister des Augenblicks, jemand, der sich in seinen Sendungen, in denen er Hörer anruft, oder von ihnen angerufen wird, in seinem ureigensten Metier weiß. Wie kaum jemand anderem gelingt es ihm, eine unmittelbare Beziehung zum Hörer aufzubauen, auch wenn sie nur zwei Minuten dauern darf, oder auch mal unwesentlich länger. Sofort entsteht ein Gespräch, bei dem die scheinbar so leichte Nonchalance niemals ins Zotige abgleitet oder dem Anrufer zu nahe tritt. Diese fragile Balance wahren zu können, ist das Wesen von Holtmann´s Moderation. Guten Abend Baden Württemberg. Es gibt keinen besseren Begleiter durch einen späten Badischen Abend, wenn die Fahrt vom Kaltenbachhof auf der B 3 Richtung Basel nach Mauchen führt, dem kleinen versteckten Weindorf zwischen den Hügeln bei Schliengen, das hier im Ländle unsere Heimat darstellt. Im Oktober, wenn die SWR 1 Hitparade eine Woche lang durchgehend die tausend beliebtesten Songs spielt, die von den Hörern wochenlang zuvor gewählt worden sind, & die zeigen, wie weit sich das Formatradio in seiner Musikauswahl von dem Geschmack der Zuhörer entfernt hat, bleiben wir zuweilen im Auto sitzen & hören vielleicht Tubular Bells zu Ende, es wird, ein besonders schönes Merkmal dieser Hitparade, in voller Länge gespielt, so wie alle Titel stets in der zuweilen recht langen LP –  Fassung gespielt werden. Dies gilt natürlich auch für Whole Lotta Love, & Holtmann läuft zur Hochform auf, wenn er diese im Radio sonst nicht zu hörende Version ansagt, weil er gerade wieder in der entsprechenden Schicht Dienst hat, denn die Hitparade läuft eine Woche lang, von Montag bis Freitag, 24 Stunden lang. & jedes Jahr gewinnt wieder Stairway to Heaven. Aber vielleicht hat das ja auch mit Mathias Holtmann zu tun.

Weinberge in Mauchen, Markgräfler Land

Es ist durchaus möglich, daß wir, je nach Uhrzeit, noch das Straußi des uns nun schon so lange bekannten & vertrauten Winzers aufsuchen, um noch ein Weinchen & vielleicht auch noch einen Flammkuchen zu bestellen. Wenn es dann so kommt, finden wir nach intensiven Gesprächen – die letzten Gäste sind lange fort – & dem Probieren der einen oder anderen besonderen Flasche, durch das dann bereits laternenlose Dorf erst zu später Nacht heim. 

Während ich dies alles schreibe & mir alte Photos anschaue, mich zurück erinnere an diese Tage & Abende, an ihren stillen warmen Glanz, ihr spätsommerliches Licht & die zunehmend frischen Nächte, geschieht Seltsames. Ein stilles Lächeln kann die Wehmut nicht vertreiben, die Erinnerung jedoch erschließt einen Raum behaglicher Behaustheit. Allerdings stellt sich zunehmend auch eine lastende Melancholie des Abschieds ein.

Thomas Bader ist im März 2014 nach langer schwerer Krankheit verstorben, die Buchhandlung Zum Wetzstein, sein Lebenswerk, wird aufgrund einer von niemandem nachzuvollziehenden Laune seiner Erbin & Ehefrau Ende diesen Jahres schließen. Die Kellerstrauße wurde nach dem Tod von Max Kaltenbach im Jahre 2013 aufgegeben. Mathias Holtmann moderiert seit dem März des Jahres 2015 nicht mehr, da er an Parkinson erkrankt ist. 

So sind diese Erinnerungen vor allem auch eine Referenz an Vergangenes, das weiterlebt & nicht vergessen werden kann. Sie gebieten Achtung für so viele, für unzählige Augenblicke stillen Glücks, die Kraft & Halt bieten & mich auf meine Sentimentalität stolz sein lassen.

Tief in der Unrast Zonen,
eh wir die Furche ziehen,
ehe wir bauen und wohnen,
gehen wir so dahin
fast wie ungeboren
fast wie ohne Schuld,
keinem Ding verschworen,
wartend in Geduld …
Und lauschen der Stimme des andern
Tages, der in uns beginnt
und hören nicht auf zu wandern,
bis wir verwandelt sind.

. . . heißt es bei Marie Luise Kaschnitz, der großen Schriftstellerin aus Bollschweil bei Freiburg, in ihrem Gedicht Stimme des anderen Tages. Doch es gibt sie noch, die Badischen Abende, sie sind nur ärmer geworden, ihr stiller Glanz ist verblaßt, das bunte Laub fällt früher & die Nächte sind kälter geworden.

 

September 13

Die Akademie tanzt

. . . Yiddish Summer Weimar – Impressionen

Weimar ist ohne Frage eine der schönsten deutschen Städte. Diese Schönheit ist weniger vordergründig, sie erschließt sich, besonders, wenn man die Stadt öfter & länger als für das übliche Wochenende besucht, eher beiläufig. Weimar prahlt nicht, es erschließt sich dem länger Verweilenden, dem Interessierten, dem, der bereit ist, sich vom Plakativen, Offensichtlichen, dem zuweilen auch Aufdringlichen, nicht blenden zu lassen & die Ruhe zu suchen, sich auf diesen Ort einzulassen & die unglaubliche Geistesgeschichte innerhalb seiner Mauern aufzunehmen. Denn dieses Aufnehmen ist weit mehr, als das Haus am Frauenplan oder Schiller´s Wohnhaus einfach nur touristisch abzuhaken. 

Im Sommer ist Weimar von Touristen aus aller Welt nahezu überfüllt, besonders um die Wochenenden herum, was aufgrund der Beschaulichkeit des Städtchens deutlich schneller geht als anderswo. Die Frage, wer von den zahlreichen Besuchern Goethe tatsächlich gelesen, Schiller & Nietzsche verstanden, Liszt aufmerksam gehört, & in den Büsten von Wagner, Herder & Wieland mehr sieht, als historische & denkmalbewährte Vergessene, bleibt unbeantwortet. Auch ein Verständnis des Bauhauses über das Dekorative hinaus, verlangt ein Sicheinlassen,  ein Erfassen von Zeiträumen über das Tagesgeschehen hinweg, kunstgeschichtliches Grundverständnis & die Bereitschaft, hinter die Dinge zu schauen. 

Ebenfalls unbeantwortet bleibt oft auch die Frage, warum Weimar & der Ettersberg vor seinen Toren seit 82 Jahren untrennbar miteinander verbunden sind, denn Weimar ist seither eben auch die Ungeheuerlichkeit von Buchenwald. & Weimar ist die Stadt der gescheiterten ersten deutschen Republik, die ihren Namen trug. Daß Weimar eine junge, & bei aller Ruhe & Beschaulichkeit lebendige Stadt ist, dafür sorgen u.a. auch die Studenten der bekannten Musikhochschule Franz Liszt mit ihren zahlreichen Aktivitäten.

Seit diesem Jahr erinnert leider auch ein furchtbarer großer grauer Betonwürfel daran, wie leicht es ist, das fragile kulturelle Erbe zu erschlagen & seinem Sinn Hohn zu sprechen: das neue Bauhaus Museum, zur 100 – jährigen Geburtsstunde der Werk- & Designschule eröffnet, ist eine ästhetische & kulturpolitische Zumutung, eine museumspädagogische Verirrung, schlicht eine Schande. 

Jam Session vor dem Sächischen Hof, Weimar

Daß sich in dieser Stadt neben zahlreichen anderen festen kulturellen Terminen im Jahr auch ein Festival für jiddische Musik & Kultur etablieren konnte, zeugt von der ungebrochenen kreativen Ausstrahlung & Anziehungskraft dieses mit ca. 60 000 Einwohnern recht überschaubaren Städtchens, das seit dem frühen 14. Jahrhundert jüdische Einwohner verzeichnet. 

Der Yiddish Summer Weimar geht zurück auf einen Workshop für jiddische Musik im Jahre 1999. Künstlerischer Leiter des Festivals ist der Komponist, Pianist, Akkordeonspieler & Musikpädagoge Dr. Alan Bern. Dem sehr international besetzten Festival geht es um die Vermittlung der traditionellen & zeitgenössischen jiddischen Kultur & Musik. Hierzu werden diverse Workshops angeboten, in denen Kenntnisse in jiddischer Musik, Tanz &  anderen kulturellen Aspekten vermittelt werden. Zudem gibt es eine Vielzahl von Konzerten internationaler Künstler. Die Workshops richten sich sowohl an Interessierte, die mit den Themen bereits vertraut sind, wie auch an Neueinsteiger. Alan Bern meint dazu: „Ja, Yiddish Summer Weimar ist ein Musik- und Kulturfestival – aber darüber hinaus eine Chance, Grenzen zu hinterfragen, Verbindungen aufzubauen und durch die Begegnung mit anderen zu wachsen.“

In diesem Jahr war es uns leider nur möglich, zwei Konzerte des Festivals zu besuchen, die, das sei vorweg genommen, unterschiedlicher nicht sein konnten. An einem sehr heißen & stickigen Sonntagabend fand im Saal der Musikschule Johann Nepomuk Hummel das Abschlußkonzert des Workshops für Musik des Nahen Ostens statt. Die Leitung hatte der Oud Spieler Yair Dalal. Zuvor jedoch spielte Alan Bern zusammen mit dem Geiger Mark Kovnatskiy einige Kompositionen, die in ihrer formalen Schlichtheit gleichwohl eine emotionale Tiefe ausloteten, die in der geistigen Durchdringung der jiddischen Kultur & Musik durch die Interpreten begründet ist. Wie gerne hätte man diesen beiden Herzensmusikern weiterhin zugehört. 

Doch nun nahm das Ensemble für Musik des Nahen Ostens auf dem Podium Platz & schnell war klar, daß es sich hier überwiegend um Amateurmusiker handelte, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn sie die Musik, die sie sich vorgenommen hatten, halbwegs ansprechend gespielt hätten. Das Ensemble, zu dem einige Oud Spieler, Klarinettisten, Geigerinnen & Percussionistinnen gehörten, hatte Mühe, rhythmisch zusammen zu finden, fiel immer wieder auch klanglich auseinander, &, so muß ich leider sagen, buchstabierte sich durch sein viel zu langes Programm. Der Klangeindruck kam nicht über orientalische Klischees  hinaus, Harmonie & Rhythmik beschränkten sich zumeist auf Assoziationen aus Tausendundeiner Nacht. Erst gegen Ende des Konzerts fand das Ensemble zu einem gemeinsamen Groove, der, wäre er eher vorhanden gewesen, über manche instrumentelle Schwäche hinweg geholfen hätte. Daß Yair Dalal, der dem Ensemble zugewandt auf einem Stuhl saß, seine Ansagen mit dem Rücken zum Publikum machte, verstärkte den Eindruck des Unfertigen & bisweilen Fehlerhaften noch zusätzlich mit dem Gefühl der Geringschätzung. Gerade vor dem Hintergrund der großartigen Künstler, die wir in vergangenen Jahren im Rahmen des Yiddish Summer hier erleben durften, war der letzte Ton in dem nach Schließen der Fenster zu Beginn des Konzertes unerträglich heißen & stickigen Saal eine Erlösung. Daß an der improvisierten Bar statt des bestellten Weißweins ein warmer süßer Sekt eingeschenkt wurde, verwunderte vor dem Hintergrund dieser Darbietung niemanden mehr. Dem Publikum – die Veranstaltung war ausverkauft – hatte es offensichtlich gefallen, wie der begeisterte Applaus zeigte.

Ein besonderes Merkmal des Yiddish Summer Weimar war es stets, daß das Festival auch auf den Straßen & Plätzen stattfindet. Am Mittwochabend trafen sich Musiker & Absolventen des Tanzworkshops, sowie weitere Interessierte zu einer Jam Session vor dem Cafe´ am Markt. Zwei Stunden lang spielten die MusikerInnen jiddische Tanzmusik & eine kleine, sich ständig vergrößernde Gruppe von Tanzwütigen fand sich nahezu unmittelbar bereit, sich entsprechend zu bewegen. Jung & Alt, Frauen wie Männer erschufen sofort eine sehr lebendige, ansprechende & zum Verweilen zwingende Atmosphäre, die gerade durch das Improvisatorische in Musik & Tanz eine große Lebensfreude ausstrahlte. Viele Mitwirkende des unglücklichen Ensembleauftritts vom vergangenen Sonntag spielten hier nun wie befreit auf, fanden in diesem musikalischen Miteinander ihren Platz, sich angemessen auszudrücken & je nach individueller Neigung mehr oder weniger hervorzutreten. Diese Abende sind, gerade weil sie auf der Straße stattfinden, eine große Bereicherung & Ausweis für das Selbstbewußtsein des Festivals. Die Akademie tanzt. 

Triangle Orchestra, Joshua Horowitz (rechts außen), Probe, Photo: Yulia Kabakova

Gegenüber des Cafe´s am Markt befindet sich das Hotel Elephant, ein historisches Luxushotel, auf dessen Balkon Adolf Hitler zu den begeisterten Bürgern der Stadt sprach, wenn er sich in Weimar aufhielt. Daß auf diesem Platz nun jiddische Tanzmusik erklingen kann, ist etwas Besonderes & keineswegs selbstverständlich. Vielleicht aber ja eben doch, denn es zeigt die besondere Kraft der jahrtausendealten jüdischen Kultur. Es zeigt, daß selbst im langen Schatten des Glockenturms von Buchenwald die Kraft des Lebens über die totale Vernichtung siegen kann.  

Die Jam Session wiederholte sich am folgenden Tag vor dem Hotel Sächsischer Hof, am Herderplatz, wurde jedoch durch einen Gewitterschauer ein wenig aus dem Konzept gebracht. 

Ein Ereignis besonderer Art, & dieses Jahr ganz sicher der Höhepunkt des Yiddish Summer, war die konzertante Uraufführung der instrumentierten Fassung der jiddischen Oper Bas – Sheve von Henech Kon (geb. 1890 in Lodz – gest. 1972 in New York). Die Uraufführung der Klavierfassung fand am 24. Mai 1924 im Kaminski Theater in Warschau unter recht abenteuerlichen Bedingungen statt, wie einem Einführungsreferat der Judaistin Dr. Diana Matut von der Universität Halle zu entnehmen war, die auch die Entstehung der instrumentierten Fassung sprachlich & chormusikalisch betreut hatte & heute auch selbst im Chor mitsang. Für die Instrumentierung zeichnete der gegenwärtig in Kalifornien lehrende Joshua Horowitz verantwortlich. Für das Konzert hatte man den großen Saal des Kulturzentrums mon ami am Goetheplatz gebucht, der eine angemessene Bühne, sowie genügend Platz für ca. 280 Stühle bietet. Der Besucherandrang war derart groß, daß auch die hintere Balustrade geöffnet werden mußte. 

Inhaltlich geht es um die alttestamentarische Geschichte von König David, der seinen Söldner Urija ermorden läßt, weil er dessen Frau Batseba geschwängert hat & dafür nun vom Propheten Natan angeklagt wird. Für die Uraufführung hatte man ein international besetztes Ensemble aus StudentInnen verschiedener europäischer Hochschulen zusammengestellt, das Triangle Orchestra, welches von dem Franzosen James Salomon Kahane geleitet wurde & aus einem 14 – köpfigen Chor sowie einem 19 – köpfigen Orchester bestand. Selbst für eine Übertextanlage war gesorgt worden, sodaß die Besucher inhaltlich nicht im Unklaren blieben. 

Musikalisch überzeugten Chor & Orchester vom ersten Augenblick an. Der dichte Orchestersatz klang transparent & klar, auch wenn die Klangfarben aufgrund der starken Raumbedämpfung ein wenig blaß klangen. Der auf einem markanten Hauptthema beruhende Satz wurde vom Orchester dicht & mit hoher Geschlossenheit musiziert, es gab keinerlei Brüche zwischen den Instrumentalgruppen, die von Kahane mit deutlichem Dirigat sehr umsichtig geleitet wurden & selbst große Dynamiksprünge hervorragend meisterten. Gleiches galt für den Chor, bei dem besonders die solistisch Agierenden, allen voran Filippo Caluzza als König David überzeugten. Im Orchester begeisterte besonders der polnische Fagottist Michal Szydlowski. Stilistisch ist die Musik irgendwo zwischen frühem Mahler & Leos Janaczek einzuordnen, auch wenn derartige Assoziationen höchst individuell sind. Immer wieder stellt Horowitz einzelne Instrumentalgruppen in den Vordergrund, bisweilen soliert auch die Flöte, gerne nutzt er dynamische Kontraste & scheut auch vor harmonischen Reibungen nicht zurück. Kahane leitete die Aufführung mit hoher Spannung & großer Intensität. Dabei gelang ihm eine erstaunliche klangliche Homogenität von Chor & Orchester. Chapeau!  Der begeisterte Jubel am Ende der Aufführung, auch für den anwesenden Horowitz, war hochverdient, die Schlußtakte wurden als Zugabe nochmals wiederholt. 

Triangle Orchestra, Dr. Diana Matut (1. Reihe, 3. v. links), Photo: Shendl Kopitman

Ein denkwürdiges Konzert, welches in Lodz noch einmal aufgeführt werden wird & diese wunderbare Musik dorthin zurückbringt wo ihr Komponist einst herkam. Dank des großen Engagements der jungen MusikerInnen wurden die hohen Erwartungen an diese Aufführung mühelos übertroffen. Ein denkwürdiger Abend, der lange nachwirkt. Der Yiddish Summer bewies damit einmal mehr seine kreative Lebendigkeit & seine singuläre Bedeutung für das zeitgenössische kulturelle Leben in Weimar.

Danksagung: 

Mein besonderer Dank gilt Dirk Hornschuch, dem Verantwortlichen für die Pressearbeit des Yiddish Summer Weimar für seine freundliche Unterstützung bei diesem Artikel, sowie für die Freigabe der Photos von Yulia Kabakova & Shendl Kopitman.

 

Mai 30

Fünf Tage am Rhein

. . . Tabernaculum Dei cum Hominibus . . . *

 

„Und der Engel antwortete & sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt worden zu Dir zu reden und Dir diese gute Botschaft zu verkündigen. Und siehe, Du wirst stumm sein und nicht sprechen können bis zu dem Tag, da dies geschehen wird, dafür, daß Du meinen Worten nicht geglaubt hast, die sich zu ihrer Zeit erfüllen werden.“

Lukas 1 (19, 20)                

Der erste Tag:

 

Damals, an einem trüben diesigen Oktobertag des Jahres 2011, an dem ein hauchfeiner Niesel aus den dichten tiefen Wolken fiel, erreichten wir das erste Mal die Benediktinerinnen Abtei St. Hildegard, auf einem steilen Hügelkamm, hoch über Rüdesheim gelegen. Es war kein Tag für touristische Unternehmungen, wir waren die einzigen Besucher. Als wir vorsichtig das schwere Kirchenportal öffneten, stand im Foyer, fast direkt vor uns & mannshoch, der Engel des Schweigens. Die blaue Tonplastik hielt einen Finger vor den geschlossenen Mund & einen Finger der anderen Hand vors Ohr. Er forderte von uns, den Eintretenden, Stille, Schweigen & Einkehr. Dem Täfelchen zu seinen Füßen war zu entnehmen, daß dies Gabriel sei, der vor Gott steht & eine gute Botschaft zu verkündigen hat. Hinter ihm öffnete sich der große Kirchenraum ins Dunkle hinein. Wir traten ein & schwiegen.

Mein Aufenthalt in der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein war bereits länger vereinbart. Ich hatte das Bedürfnis, der Großstadt zu entfliehen, dem Trubel & dem Streß, unfrohen Ereignissen & seelischen Belastungen. St. Hildegard ist der passende Ort, um all das zu verarbeiten, abzuschalten &, in des Wortes Bedeutung, Einkehr zu halten. Nach tagelangem Hin & Her, ob ich nun fahren will oder nicht, der Erkenntnis, daß das Alter besorgter macht & ängstlicher, der Frage, ob ich H alleine lassen kann oder will, wo sie doch wg. Paul´s Tod immer noch so leidet, bringt sie mich zur Bahn & ich steige am Dammtor in den ICE nach Frankfurt. Ihr kommen am Bahnsteig die Tränen & ich wäre nicht gefahren, wenn sie´s gesagt hätte – das war die Vereinbarung. Jetzt rollt der Zug & ich kann mich nicht freuen. Hinter den Elbbrücken beginnt für gewöhnlich der Urlaub. Heute allerdings nicht. Aber es ist ja auch kein Urlaub, nicht nur jedenfalls. Alleine fahren ist nicht das Selbe. Der Zug ist voll. Neben mir eine junge Frau, eher artig, bieder & langweilig, packt ihre BILD aus ! & hat sie auch noch als App auf dem Handy. Vielleicht arbeitet sie bei Springer, die einzig denkbare Entschuldigung. Dafür spricht, daß sie nach dem lustlosen Durchblättern der BILD Netflix schaut.

Hannover, Göttingen, Kassel, Frankfurt. Immer noch ist das Einfahren in Frankfurt etwas Besonderes. Eine Stadt, die ich kaum kenne, aber dennoch liebe. Umsteigen in den Regio, fast eine Stunde warten, in der riesigen Bahnhofshalle umher wandern, aus den Lautsprechern tönen Warnungen vor organisierten Bettler- & Diebesbanden & der Regio 12 fällt heute aus. 

Bis Wiesbaden vorwärts, danach rückwärts weiter bis Rüdesheim. Neben mir eine Gruppe junger netter Menschen, ordentlich & gebildet, auf Sauftour nach Rüdesheim. Aber zuerst Wandern, zu Fuß zum wilhelminischen Niederwalddenkmal hoch, vielleicht noch eine Schiffahrt, dann allerdings in die Drosselgasse. Das erscheint mir etwas seltsam, irgendetwas paßt nicht; die angenehme Art der jungen Menschen & ihre Zielgerichtetheit, aber auch eine gewisse Distanz zu dem, was sie heute vorhaben, nimmt für sie ein. Wenn ich zurückdenke an ähnliche Ausflüge damals, in dem Alter, in dem diese Mittzwanziger jetzt sind, wäre von Distanz nichts zu spüren gewesen. Zuweilen ist es erstaunlich, nicht vom Wege abgerutscht zu sein, damals, nachhaltig, endgültig. Jemand hat wohl die Notbremse gezogen, oder war es die Möglichkeit, unterbewußt, doch noch Verantwortung übernehmen zu können? Schon immer das Bild von Zügen, Notbremsen, Weichen, Sackbahnhöfen, aus denen es – wenn überhaupt – nur rückwärts wieder hinaus geht. 

Die winzigen Bahnhöfe, an denen die Rheingaubahn hält, namenlos, vielleicht bis auf Eltville, lassen erkennen, wer hier aussteigt, wer hier wohnt. Das Publikum entspricht den Häuserfassaden, den Dächern, den Grauschattierungen der Hinteransichten mehr oder weniger alter Bauten. 

In Rüdesheim, wo die Bahn fast direkt neben dem großen alten Fluß hält, versucht der Ort sich von dem flußzugewandten Touristendorf mit seinen billigen Weinlokalen, falschen Italienern, freudlosen alten Besuchern & angehübschten Hotels fern zu halten. Die Mitte des Monats Mai ist erreicht, es ist kalt & das Wetter gottseidank weit von den Schrecknissen des letzten Jahres entfernt, dementsprechend gelangweilt sehen auch die aus, die die paar gelangweilten Besucher bedienen müssen. Trostlos.

Ich ziehe meinen kleinen Rollkoffer die Touristenfassaden entlang bis zum Marktplatz, der zwar auch nicht ohne Andenkenläden auskommt, jedoch noch mehr Ortskern ist als Kulisse, & warte auf die Taxe, die mich hoch zur Abtei fahren soll. Vor vier Jahren, als ich zuletzt hier war, hab ich den gleichen kleinen Rollie den steilen Fußweg nach oben gezogen. Es war Mitte März & trotzdem deutlich wärmer. Heute, eine Knieverletzung später & konditionell außer Form, werde ich mir das nicht zumuten. Ist die Vernunft, auf den Kraftakt zu verzichten, in Wahrheit nur das Eingeständnis des eigenen Verfalls, der sich kaum länger leugnen läßt? 

Die Schwester an der Klosterpforte sagt, nachdem sie gefragt hat, wer Einlaß begehrt, Sie waren schon mal hier. Aber die Haare waren nicht rot. Doch, sage ich, waren sie, nur länger. Und tatsächlich auch schon rot ? Ja, sage ich. Sie scheint einen Augenblick zu überlegen, tritt dann zur Seite & strahlt mich freundlich an. Sie kennen sich ja aus, oder muß ich noch was erklären, nein, das müssen Sie nicht, danke Schwester. Diesmal gibt mein Zimmer, es heißt Johanna, Nummern gibt es nicht, den Blick auf den Rhein frei, sowie auf die Schafweide, es befindet sich an der Stirnseite des Gästeanbaus. Es ist ähnlich eingerichtet wie das, welches ich im Jahre 2015 hier bewohnt habe, nur größer. Gelegentlich streichen lange, wolkenbedingte Schattenfinger über das Rheintal, so als wollten sie erfühlen, ob alles so ist, wie es sein soll. Demnach wären die Bewohner des Himmels blind & die Oberfläche der Erde eine Art Braille – Schrift, die es zu entziffern gilt. Nachdem ich meine paar Sachen ausgepackt habe, gehe ich direkt in die Kirche. Hier drinnen, in der lichtarmen Stille des romanisch inspirierten Kirchenschiffes mit den herrlichen Fresken, die in ihrer Ornamentik deutlich dem Beuroner Stil & somit dem Art Deco zuzuordnen sind, gleichwohl jedoch eine Reminiszenz an die ottonische Kunst darstellen, während die farbigen umlaufenden Bilder aus dem Leben Jesus eine prärafaelitische Prägung aufweisen, ist nichts zu hören. Die Stille ist sofort körperlich erfahrbar. In der großen Apsis breitet ein überdimensionaler Jesus die Arme aus & heißt den Eintretenden willkommen. 2011, 2015, 2019, nichts hat sich geändert. Diese Art demonstrativen Gleichklangs von Gebäude, Ritus, Glauben & Lebensgestaltung, ja selbst die in unseren Zeitspannen unveränderliche Landschaft erschaffen ein antipodisches Erleben der Welt, einen antagonistischen Weltkontrast. Wer hier einkehrt, hat seine Gründe, niemand ist zufällig hier, & die Gründe sind so vielfältig wie die Menschen, die hier anzutreffen sind. Die Teilnahme an den Gebetszeiten ist freiwillig, der Nonnenchor, der rechtwinklig vom großen Altarraum abgeht, ist nicht einsehbar. Beim Gebet sind die Nonnen nicht zu sehen. Ihr Gesang hallt durch das große Kirchenschiff, die einzelnen Stimmen überlagern sich, bedingt durch die Interferenzen des großen Raumes, phasenweise wird der Gesang zu einem indifferenten Sinuston, der durch die Basilika schwebt, die monotonen hypnotischen Psalmgebete bieten zuweilen kaum tonale Abwechslung. Der Regel des Heiligen Benedikt aus dem sechsten Jahrhundert folgend, wird der Tag durch die Stundengebete gegliedert. D.h. er beginnt um 05.30 Uhr mit der Laudes, dem Morgengebet, um 7.30 Uhr folgen Terz & Heilige Messe, die Mittagshore um 12.00 Uhr, Vesper um 17.30 Uhr & schließlich Complet mit anschließenden Vigilien um 19.25 Uhr. Die Teilnahme an diesen Gebetszeiten ist für die Bewohner der Klöster & in allen Orden Pflicht. Wer nicht krank ist oder aus dienstlichen Gründen vom Abt oder der Äbtissin befreit ist, nimmt Teil. Der Rest des Tages dient der Arbeit zum Unterhalt des Klosters. In St. Hildegard bedeutet das, Tätigkeit in den umfangreichen Weinbergen, der anderen angeschlossenen Landwirtschaft, sowie im Gästebereich. Der Wein, der in den Abteilagen erzeugt wird, ist ausgezeichnet, es handelt sich, dem Landstrich gemäß, um Riesling & Spätburgunder, der auch in den bekannten Rotweinlagen bei Assmannshausen angebaut wird. Das Abteiweingut wurde von der Zeitschrift Feinschmecker für den Jahrgang 2018 / 2019 als eines der besten in Deutschland ausgezeichnet. Zu Recht, wie auch die diversen Riesling Kreationen eindrücklich belegen. Unter den Schwestern befinden sich studierte Önologinnen, eine europaweit ausstellende Bildhauerin, die die Kunsthochschule in Düsseldorf absolviert hat & einige andere Fachkräfte. Ihnen allen hat das Kloster die Ausbildung ermöglicht.

Das Abendbrot wird im Gästerefektorium eingenommen, es ist für jeden etwas da, reichhaltig ist es nicht, aber vollkommen ausreichend. Wer ein Hotelbuffet erwartet, ist hier falsch. Nach dem Essen gehe ich noch einmal hinaus, die Beine ein wenig vertreten. Ich nehme den Höhenweg Richtung Niederwalddenkmal, die Weinberge & den Rhein zur Linken, einen Hügelkamm zur Rechten. Auf einer Weide grasen seltsame Schafe, sie haben gedrehte, heidschnuckenähnliche Hörner, sind jedoch deutlich kleiner & schlank, kaum schäferhundgroß. Es scheinen recht ruppige Zeitgenossen zu sein, der Umgang untereinander ist offenbar von einer strengen Hierarchie geprägt. Die braunen Tiere verlieren ihr Winterfell & sehen deshalb etwas reudig aus. Auf dem Rückweg treffe ich eine Schwester, die mir erklärt, daß es sich um sog. Wildschafe handele, eine Urrasse, die ganzjährig draußen sind, weil es ihnen nichts ausmacht & sie im Stall nur aufeinander losgehen würden. Gegenwärtig befänden sie sich in der Obhut der Abtei, weil der Schäfer auch einmal Urlaub machen wollte. Nach dem Spaziergang besuche ich Complet & Vigilien, die ungefähr 45 Minuten dauern. Danach wird das Kloster abgeschlossen, Zugang  ist nun lediglich noch mit der elektronischen Signalkarte am Seiteneingang möglich. WLAN gibt es nicht, dafür eine nette kleine Bibliothek, auch das Mobiltelephon funktioniert lediglich über LTE & mobile Daten, doch schreiben kann ich auf dem Klapprechner auch ohne WLAN. Nachmittags habe ich im Klosterladen eine Flasche des wirklich ausgezeichneten Spätburgunders erworben, den ich nun, während ich dies hier schreibe, genieße. Die Dämmerung senkt sich über das Rheintal, die Stille breitet sich überall aus, die Dunkelheit deckt die Welt zu, die wenigen Wolken lassen den Sternen ihren Raum. Die Nacht kommt.

 

Der zweite Tag:

„ . . . Der Morgen strahlt über den Rhein, die Luft ist klar & frisch, & die Weite der Flußlandschaft, der Rebenreihen & des scheinbar endlosen Himmels ist friedvoll & still. Hier oben wirkt das Treiben kleiner menschlicher Ameisen derart entrückt, daß es schlicht nicht wahrnehmbar ist. Eine stille, wunderschöne Welt, in der nur der Wind die Blätter & die Gräser bewegt. Von hier oben erscheint die Welt so, wie sie sein könnte, als mindestens horizontbegrenztes Paradies. Einen winzigen Teil davon in uns selbst zu finden, bleibt eine große Aufgabe. Aber der Mensch wäre nicht gottgewollt, wenn er es nicht von Zeit zu Zeit versuchen würde. So ist die Weite des Ausblicks über die Rheinebene auch Teil des Einblicks in die Natur des Menschen, zumindest in den Teil, der stets neu gesucht & bewältigt werden will. . . . 

aus K an H am 15. Mai 2019

Ich habe gut geschlafen, der Tag beginnt mit dem Glockengeläut zur Laudes, es ist kurz vor halb sechs, ich kenne das, es stört mich nicht. Im Gegenteil. Nach dem Frühstück, dem Schreiben eines Briefes & einem kurzen Blick in die hier immer aktuell ausliegende FAZ, beschließe ich, mit dem Zug ins nahegelegene Eltville zu fahren. Die Sonne strahlt von einem nahezu wolkenfreien Himmel, also nehme ich den Weg durch die Weinberge hinab nach Rüdesheim, biege kurz vor Erreichen des Ortes links ab & erreiche über einen kleinen Friedhof die Pfarrkirche St. Hildegard. Hier werden in einem goldenen Schrein die Reliquien der Hl. Hildegard aufbewahrt. Die Kirche befindet sich, zusammen mit den angrenzenden Gebäuden, auf dem Gelände, auf dem die Heilige im Jahre 1165 das von Kaiser Barbarossa verheerte Augustinerkloster neu besiedelte. Seit 1641 befinden sich ihre Reliquien an diesem Ort. Der heutige Neubau wurde im Jahre 1935 eingeweiht. Die Präsentation in der schlichten Kirche ist auf eine unprätentiöse Art geschmackvoll, feierlich & würdig, der Schrein weit kleiner als erwartet. Hinter dem Schrein, der einige Absätze hoch hinter dem Altar aufgestellt ist, erhebt sich über die volle Höhe der Apsis das bekannte Motiv von Hildegard vor dem Labyrinth. Nachdem ich mir alles genau angeschaut habe, mache ich mich durch das touristenferne Rüdesheim mit seinen z. T. imposanten Villen aus den fünfziger Jahren, sowie den kleinen, eng aneinander geschmiegten Fachwerkhäusern auf zum Bahnhof. 

Eltville, daß trotz seines französischen Namens Wert darauf legt, deutsch ausgesprochen zu werden, ist in 15 Minuten rheinaufwärts erreicht. Wer über Bahnreisen spricht, kommt nicht darum herum, neben den üblichen Problemen auch den Zustand der kleinen Bahnhöfe landauf landab zur Kenntnis nehmen zu müssen. Es ist nahezu jegliches Stadium des Verfalls & der Verwahrlosung zu ertragen. In Eltville kontrastiert dies, besonders in Verbindung mit dem Klientel, daß von derlei Verkommenheit offenbar überall magisch angezogen wird, mit dem Erscheinungsbild des kleinen Städtchens. Nur wenige Meter südwärts in Richtung Rhein & nach Überquerung der Hauptstraße, bietet sich ein nahezu puppenstubenhaftes Ambiente aus Fachwerk, Fassaden & Häusern aus vier Jahrhunderten & ganz viel Grün. Es gibt kleine Gassen, die an Orte im Elsaß erinnern, andere, deren fürstliche Barockfassaden von feudalistischer, später großbürgerlicher Vergangenheit erzählen. 

Typisch für die kleinen Orte im Rheingau sind die zahlreichen Platanen, die durch völliges Zurückschneiden der Kronen an den dicken Enden der wenigen verbliebenen kurzen Äste Streßtriebe entwickeln. Schwanzlosen Hunden gleich wirken sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt & grotesk entstellt. Auf dem Rüdesheimer Marktplatz stehen sie genauso herum, wie in militärisch exakt ausgerichteter Doppelreihe auf der Uferpromenade von Eltville. Könnte sich hier ein unterbewußter Kastrationszwang als Kultur camoufliert haben, als Ausdruck des Beherrschens der Natur & des endgültigen Sieges über sie durch den Menschen ? Macht Euch die Natur Untertan. Dominium Terrae; dieser Satz aus dem Buch Genesis (1.28) dürfte einer der mißverstandendsten Leitsprüche aus der gesamten Bibel sein. Das damit ein verwaltender, eher hütender Auftrag gemeint war, ergibt sich bereits aus dem Folgetext, in dem es heißt, … & waltet … was in der Tat verwalten bedeutet & nicht vernichten.

Am Ende dieses Ensembles befindet sich die großherzogliche Burg aus dem 14. Jahrhundert, von der lediglich Teile erhalten, & umfänglich restauriert worden sind. In einem Teil des ehemaligen Grabens erfreut die Besucher heute ein Rosengarten, der direkt am Ende der Promenade erreichbar ist. Nördlich des Bahnhofs erstreckt sich das „neue“ Eltville, wie alle Orte in dieser Gegend geprägt von älteren Einfamilienhäusern & gedrungenen kleinen & niedrigen Wohnblocks. Die Stadt Eltville, die größte des Rheingaus, zählt etwas über 17000 Einwohner. Zumindest der Altstadtbereich ist geprägt von kleinem Einzelhandel & allerlei Hotel- & Restaurantbetrieb, durchaus gehobenen Niveaus, zumindest in preislicher Hinsicht. Ich kehre in ein mediterranes Bistro ein, dessen kleine Karte sich wohltuend vom Spargeleinerlei der Konkurrenz abhebt & auch optisch auf gediegene Bürgerlichkeit verzichtet. Das Personal ist sehr freundlich & serviert ein vorzügliches Focaccia mit Parmaschinken auf Gorgonzola & Ruccola, sowie 10 jähriges cremiges Balsamico Öl, dazu einen ausgezeichneten Blanc de Noir aus der Region, & das alles zu äußerst angemessenem Preis. Im Geschäft gibt es Exotisches aus Frankreich & Italien, i.d.R. zu weit weniger angemessenem Preis, sowie unzählige Weine & Öle aus dem Demion, jeweils ab 100 ml ausgepreist. Das Publikum besteht neben wenigen interessierten Touristen aus Damen mittleren Alters aus der gehobenen Bürgerlichkeit des Ortes, die, zusätzlich zum offensichtlich nicht unbeträchtlichen Einkommen der Ehemänner dann doch gerne auch etwas Eigenes haben, sich mit der kleinen Boutique oder dem inhabergeführten Spezialgeschäft für den gehobenen Geschmack verwirklichen & sich auf einen Capuccino zur Mittagszeit verabreden. Man kennt sich & begegnet sich auf Augenhöhe.

Zurück in Rüdesheim befördert mich ein Taxi hoch in die Abtei. Es ist warm geworden & auch ein wenig drückend. Hier oben jedoch weht immer ein mindestens leichter Wind. Nach dem Abendbrot vertrete ich mir die Beine & besuche die Wildschafe, der Himmel hat sich bezogen, Gewitter droht am Horizont. Um halb acht beginnt die Complet, das Nachtgebet, gefolgt von den Vigilien. In der großen stillen Kirche vertreibt der Gesang der Nonnen die Geschäftigkeit des Tages, Ruhe & eine friedfertige Innerlichkeit breiten sich in mir aus. Der Rhythmus der Weltabgeschiedenheit, der sich in der ständigen Wiederkehr des Immergleichen den modernen Zeiten entgegenstemmt, tief verwurzelt in der Überzeugung, daß das Ewige dem Zeitgeist nicht nur entgegensteht, sondern ihn überdauern wird, die Hektik der Moderne als Episode in der Geschichte des Menschen begreift & aus diesem Grunde die Oberflächlichkeit & die hohle Zerstreuung als Irrweg ausweist, dieses Gefühl, & sei es nur eine Ahnung davon, erfüllt diesen heiligen Raum & ein wenig auch mich. Danach sitze ich im Zimmer, schreibe & verabschiede den Tag mit einem Glas klösterlichen Spätburgunders.

 

Der dritte Tag:

„ . . . Ein neuer Tag steigt von den Hügeln herab & zeigt, daß die Schönheit dieses Ortes keinen Sonnenschein braucht, um zu strahlen. Wo Sonne ist, ist stets auch Schatten, in dem sich das versteckt, was die  Sonne nicht bescheint. Nun liegt alles klar & deutlich im Blick, das Licht ist weniger hart & in der Ferne bedeckt leichter Dunst die Hügel. Immer wenn wir denken, die Sonne bringt es an den Tag, werden wir sehen, dies ist nur die halbe Wahrheit. & deshalb sind Tage des milden Lichtes die angenehmeren. Die Welt erscheint ausgeglichener & wir sind es auch. Es ist die eigene Mitte, die diesem Wetter entspricht, denn auch, wenn nicht alle Tage voll Sonnenschein sind & nicht sein können, haben die des milden Lichtes die größere Klarheit. . . . “

aus K an H vom 16.Mai 2019

Heute bleibe ich hier. Das heißt, ich werde kein touristisches Programm absolvieren. Dieser Ort ist Programm genug, & das nicht nur äußerlich, sondern in jeder, auch seelischer Beziehung. Viele Wege führen durch die Weinberge, durch kleine Wäldchen, mal auf, mal ab, & man kann die Länge des Weges selbst bestimmen.

Zum Aufenthalt im Kloster gehört natürlich die Frage nach den eigenen Gründen, nach dem, was ich hier zu finden hoffe, oder bereits gefunden habe, denn ich bin ja nicht zum ersten Male in diesen Mauern. Zum einen ist es die abgeschiedene Ruhe, die Stille, das Gefühl, hier deutlicher mit sich selbst konfrontiert zu sein, als an anderen Orten. Es ist der Versuch, dem, was allgemein Spiritualität genannt wird, näher zu kommen, sie in sich selbst zu vertiefen & als Glauben zu konkretisieren. Auch wenn ich vor wenigen Monaten wieder in die evangelische Kirche eingetreten bin, ist dieser katholische Ort für mich kein Widerspruch. In den Jahrzehnten der Kirchenferne bin ich nicht weniger gläubig geworden, im Gegenteil. Dem Schritt in die evangelisch lutherische Kirche ist ein jahrelanges inneres Ringen vorausgegangen, weil in meinem tiefsten Inneren womöglich doch ein katholisches Herz schlägt, denn das Katholische ist mystischer, sichtbar archaischer, ritusgebundener, inhaltlich strenger & weihevoller. & 1500 Jahre älter. Weil meinem Leben, auch meinem kirchlichen, allerdings jegliche katholische Tradition & Kultur fehlt, ich zudem evangelisch getauft, konfirmiert & verheiratet bin, was möglich war, weil meine Frau stets in der evangelischen Kirche geblieben ist, hätte ich einen Eintritt ins Katholische als Kulturbruch empfunden. Darüber hinaus bin ich der festen Überzeugung, daß viele Unterschiede, auch die theologischen, auch die des Sakramentverständnisses, & auch die der Rolle der Frau in der Kirche, überwindbar wären, würde der Wille dazu bestehen. Dies ist der Punkt, an dem aus dem Glauben an den dreifaltigen Gott & auf Grundlage der selben Texte, die Macht der Institution als letztlich weltlichem Herrschaftsinstrument klar in den Vordergrund tritt. Die mehr oder weniger deutliche Auffassung der katholischen Kirche, daß es sich bei den lutherischen Häretikern letztlich nicht um eine Kirche im Sinne Christi handeln kann, denn die haben sie ja vor fünfhundert Jahren verlassen, wird zur Grundlage einer als theologisch begründeten Unvereinbarkeit. Wenn also für die Einheit der Christenheit gebetet wird, so ist damit gemeint, daß der Rückkehr der abtrünnigen protestantischen Schäflein sehr wenig im Wege stünde. Ähnlich problematisch, wenn auch aus anderen Gründen, ist das Verhältnis zu den Ostkirchen, denen nach dem großen Schisma von 1054, als sich die führenden Kirchenvertreter von Rom & Konstantinopel gegenseitig exkommunizierten, auch nur wenig Gemeinsames verblieben ist. So pflegt man heute unter dem Mäntelchen der Ökumene ein respektvolles Miteinander im theologisch organisatorischen Nebeneinander. Einend wirkt da höchstens die Macht des Faktischen, beiden Kirchen laufen in Scharen die Schäfchen davon. Daß dies noch nicht zum finanziellen Kollaps geführt hat, ist lediglich den üppigen, offenbar als unkündbar angesehenen Konkordatsverträgen zu verdanken, auf deren Grundlage beiden Kirchen jedes Jahr weiterhin Milliardenbeträge vom Staat überwiesen werden. Anlaß hierfür ist die Enteignung kirchlichen Besitzes während der Säkularisierungen im Jahr 1806. Immer noch ist die Kirche beider Konfessionen allerdings der größte Grundbesitzer & Arbeitgeber in Deutschland.

Das weit größere Problem der Kirchen scheint mir hingegen der allgemeine Glaubensverlust in der Gesellschaft zu sein, zumindest in der sog. westlichen Welt. Die Unfähigkeit vieler Menschen, hinter der Fassade der Rationalität etwas anderes als Leere zu sehen, das Fehlen eines Blicks auf letztgültige Wahrheiten, deren größte der Tod ist & der Irrtum, daß die empirische Wissenschaft tatsächlicher, umfassender Erkenntnis diametral entgegen steht, ist, verbunden mit einem geradezu irrational anmutenden Fortschrittsglauben die wichtigste Ursache für das Abwenden von den Kirchen. Gleichwohl kann dies auch ihre Chance sein, denn tatsächlich stellen immer mehr Menschen fest, daß die Antworten des Rationalen unbefriedigend sind.

Gegenwärtig jedoch hat die katholische Kirche mit dem Mißbrauch von Kindern, Jugendlichen & auch Nonnen zu kämpfen, wovon auch die Lutheraner nicht vollkommen verschont geblieben sind, jedoch etwas intelligenter damit umgehen. Gleichzeitig hingegen pflegen ihre Verantwortlichen eine zeitgeistbetonte linksgrüne Wellnesstheologie, der ihr Religionsstifter, Martin Luther, unangenehm geworden ist, & hoffen auf diesem Wege dem Massenaustritt Einhalt gebieten zu können. Bislang vergebens.

Ein wesentlicher Aspekt, wenn nicht der letztlich ausschlaggebende, ist & bleibt allerdings der persönliche Eindruck, den Menschen hinterlassen, also die Repräsentanten der Kirche. Zu einigen aus der evangelischen Landeskirche in Hamburg & speziell auch in Rothenburg ob der Tauber, habe ich über die Jahre ein persönliches Verhältnis aufgebaut & verschiedentlich auch längere Gespräche geführt, was zu einer gewissen Nähe beigetragen hat, die für meine Entscheidung letztlich nicht unerheblich gewesen ist.

So verbringe ich diesen Tag mit längeren Spaziergängen, u.a. zu einem mitten im Wald gelegenen Kloster, Nothgottes mit Namen. Es ist seit 2013 von vietnamesischen Zisterziensermönchen bewohnt, die allerdings weder zu sehen noch zu hören sind. Bis auf den Gesang der Vögel herrscht Stille, die gelegentlich durch das Gehämmer von einigen Dachdeckern am Kirchenturm  unterbrochen wird. Neben ihnen ist eine große weiße Katze, die mich mißtrauisch beäugt, scheinbar der einzige Bewohner dieser Anlage.  Zur Ruhe kommt, wer die Ruhe erträgt, wer sich ihr aussetzt & sie gleich einem willkommenen Freund begrüßt. Ich weiß von mir, daß ich damit kein Problem habe, im Alltag jedoch zu wenig dazu komme. So ist das Sitzen auf einer Bank vor der Abtei hoch über dem Rhein, mit Blick auf einen endlos erscheinenden Himmel & die Hügelketten des Hunsrück etwas, dem ich mich hier nur schwer entziehen kann. & so senkt sich auch heute wieder ein stiller Abend herab.

 

Der vierte Tag:

„ . . . Der Morgen begrüßt uns trübe, verhangen & regnerisch. Hier drinnen ist davon nichts zu spüren. Freitagmorgen, & die Heilige Messe wird, wie jeden Morgen, von einem auswärtigen Priester gelesen, heute von einem Franziskaner aus Marienthal. Zusammen saß er anschließend mit der Äbtissin bei uns am Tisch. Sehr offen & freundlich alle beide & das gilt es zu lernen, wie mir klar wurde: Freundlichkeit & Offenheit gegenüber Jedermann. Meine Lektion ! . . . “ 

    aus K an H vom 17. Mai 2019

Heute werde ich irgendwohin fahren. Das Wetter ist trübe & bedeckt, Regen liegt in der Luft. Ich beschließe, das Kloster Eberbach zu besuchen. Dazu muß ich mit der Bahn bis Eltville fahren & dann mit dem Bus weiter bis zum Kloster. Der Anschluß am Bahnhof erspart langes Warten, der Bus fährt ca. 20 Minuten bis direkt vors Kloster. Nachdem wir Eltville  hinter uns gelassen haben, windet sich die Straße durch die Hügellandschaft des Rheingau, der Blick fällt auf eine alte Kulturlandschaft, unübersehbar die Eingriffe des Menschen, die er im Rahmen einer falsch verstandenen „Kultivierung“ vorgenommen hat, doch auch diese können den lieblichen Grundcharakter einer hügeligen Weite nicht zerstören. Der Bus durchquert den Weinort Kiedrich, der sich selbst gerne als Schatzkästlein der Gotik präsentiert, ob wohl es lediglich im alten Ortskern noch sehr hübsch restaurierte alte Häuser zu entdecken gibt. Sie gruppieren sich um die tatsächlich überaus sehenswerte Basilika St. Valentin, hinter deren verspieltem schlanken aufstrebendem Äußeren sich noch eine der wenigen nahezu komplett erhaltenen gotischen Ausstattungen verbirgt. Der Himmel ist unverändert wolkenverhangen, Dunst kriecht über die Landschaft. Der Bus erreicht die Endhaltestelle direkt am Eingang. Ich war hier zuletzt im Jahre 2011, doch alles scheint vertraut. Allerdings hatte ich vergessen, wie groß diese Anlage dann doch ist. Mönche gibt es hier schon lange nicht mehr, im Jahre 1803 wurde das Kloster geschlossen. Wie am kurzen schlanken Turm der Kirche unschwer zu erkennen ist, handelt es sich um ein ehemaliges Zisterzienser Kloster. Heute beheimatet es neben dem Museum ein Hotel, sowie Tagungsstätten & den Weinanbau, für den bereits das alte Kloster berühmt war. Einfachere Rieslinge aus Eberbach finden ihren Weg sogar in gut sortierte Discounter im Norden. Der Dunst zieht sich zurück & innerhalb weniger Minuten schiebt die Sonne die Wolken fort & es wird warm. Für einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des Klosters, für Basilika, Kreuzgang, Brunnenhof, Kapitelsaal, Dormitorium & Keller benötigt man eine gute Stunde, wenn man sich Zeit läßt. Wie mir ein Mitarbeiter der Vinothek erzählt, gehört der Besitz einer Stiftung, & für die Restauration & Renovierung sind erhebliche EU – Gelder zur Verfügung gestellt worden, insgesamt 120 Millionen Euro. Gebäude & Park sind sehr gepflegt, der finanzielle Aufwand ist deutlich sichtbar. Nach zwei Stunden fahre ich mit dem Bus zurück nach Eltville & suche erneut das wunderbare kleine Bistro auf, in dem ich bereits am zweiten Tag eingekehrt bin. Die Sonne hat sich erneut verabschiedet, ein diffuses Licht bescheint die Welt & drückende, vollkommen windlose Schwüle scheint alle Bewegungen zu verlangsamen. Am Bahnhof stehen zwei große, hier noch intakte Platanen, in deren Wipfeln junge Krähen lautstark Futter von den gestreßten Eltern einfordern. Ich warte auf den Zug, der in wenigen Minuten kommt & mich nach Rüdesheim zurück bringt. Ich bin froh, daß ich meine ursprüngliche Idee, heute nach Wiesbaden zu fahren, nicht umgesetzt habe. Der Bruch zwischen klösterlicher Ruhe & dem Treiben einer Landeshauptstadt wäre dem Grundgefühl von Frieden & einer gewissen Abgeschiedenheit wenig zuträglich gewesen.

Zwischen Eltville & Rüdesheim, in dem kleinen Ort Winkel, steht das Brentano Haus, einst Wohnsitz der Familie Brentano, in dem so illustre Gäste wie Goethe, Bettina von Arnim, die Gebrüder Grimm oder der Freiherr vom Stein ein- & ausgingen & hier durchaus auch länger logierten. Bedauerlicherweise sind die entsprechenden Räume nicht ständig zu besichtigen, i.d.R. ist eine Anmeldung als Gruppe erforderlich & freie Führungen sind höchstens an besonders ausgewiesenen Samstagen möglich. Das ist genauso bedauerlich, wie die Tatsache, daß das Brentano Haus heute in erster Linie ein gehobenes Restaurant ist, dessen Innenausstattung nichts mehr mit dem ursprünglichen Charakter zu tun hat, den das Haus im 18. & 19. Jahrhundert besaß. Im Herbst 2011 saßen wir noch unter den großen Kastanien im Garten & tranken einen hervorragenden Riesling. Ebenfalls in Winkel befindet sich das Grab der Dichterin Karoline von Günderode, die eine enge Freundin Bettina von Arnim´s gewesen ist & sich im Juli 1806 in Winkel, lediglich 26 jährig, das Leben nahm. Die heute nahezu vergessene Dichterin gilt als eine der prägenden Stimmen der deutschen Romantik & hat ein für ihr kurzes Leben beachtliches Werk hinterlassen. Doch heute steige ich hier nicht aus, der Zug fährt durch eine triste Ortschaft & bestätigt den Eindruck, den wir bereits damals hatten, obwohl von der Bahnlinie aus durch das Zugfenster betrachtet, nahezu alle Ortschaften ihre schönen Seiten dem Reisenden vorenthalten. 

Vor dem Abendbrot nehme ich am Gebet teil, auch um nach den vielfältigen Eindrücken des Tages den Frieden & die Ruhe dieses Ortes zurück zu erlangen.  

 

Der fünfte Tag:

„ . . . Trutzig sehen sie aus, die Mauern des Klosters, mehr Burg als Kirche, wehrhaft & abweisend. Es stimmt. Sie trotzen dem Zeitgeist, halten den alles zersetzenden Ungeist des Relativismus fern & weisen die Zumutungen der Moderne entschieden zurück. Ihre Waffen sind die Präsenz des Glaubens & der Tradition, die älter sind als die Anfechtungen der vorgeblichen Aufklärung. Vor allem jedoch, & das ist nur scheinbar ein Widerspruch, sind es die Offenheit & die Liebe, die Hingabe & das Beispiel dieser besonderen Standhaftigkeit, die das Überleben sichern & die Faszination gewährleisten, die von diesem Ort ausgeht. Diese besondere Wehrhaftigkeit, die als Schutzlosigkeit zu leicht mißverstanden werden kann, gleicht dem harten Fels der Mauern, die diesen Ort umgeben. Letztlich ist in ihm das Herz der Liebe bewahrt. . . .“ 

  aus K an H vom 18. Mai 2019

Den heutigen Tag werde ich hier verbringen. Es gibt einige Photos zu machen, & im Klosterladen Wein zu bestellen. Das Wetter strahlt bislang von einem wolkenlosen blauen Himmel, wenngleich eine gewisse Schwüle den für den Abend vorausgesagten heftigen Regen ankündigt. Nachdem ich das Vormittagslicht für einige Aufnahmen genutzt, ein wenig gelesen & geschrieben habe, naht die Mittagshore & das Essen. Als ich danach einen kleinen Spaziergang mache, wundere ich mich über die Masse an Wanderern, die paarweise oder in größeren Gruppen den Weg bevölkern. Es ist, wie mir einfällt, Samstag. Da die Mittagszeit nicht zwingend der richtige Zeitpunkt ist, sich auf den Weg zu machen & die vollen Wege ein Übriges tun, mir das Unterwegssein zu verleiden, setze ich mich an einer Weggabelung, an der ein Gedenkstein mit der Aufschrift Hildegards Ruh  & ein Wegkreuz zum kurzen Verweilen einladen, auf eine Bank mit Blick auf den Rhein. Nach wenigen Minuten tritt eine Gruppe von ca. 15 Menschen unterschiedlichen Alters hinzu, deren Nahen durch lautes Rufen & übertriebenes Lachen sich bereits ankündigte, als sie noch 100 Meter entfernt waren. Der eine oder andere Wein wird sicherlich dazu beigetragen haben. Alle tragen weiße T – Shirts mit einer Aufschrift & Strohhüte. Die Gruppe schart sich um Kreuz, Stein & Bank & ein älterer Herr sagt, wir wollen Sie aber nicht vertreiben, was von allgemeinem Gekiecher begleitet wird. Mit einem trotzigen Das tun Sie aber . . . stehe ich auf & gehe, weil mir derartiger Massenfrohsinn schon immer zuwider war & ich keinesfalls in der Stimmung bin, zur Gruppenunterhaltung beizutragen. Ich folge dem Hügelkamm bis zu der Stelle, an der der Weg zum Niederwalddenkmal ausgeschildert ist & drehe um. Als ich die laute Gruppe an ihrem Rastpunkt erneut passiere, haben sie Kreuz & Stein zum Picknicktisch umfunktioniert, den Querbalken des Kreuzes zieren nun Plastikboxen & Getränkedosen, auf dem Stein sind Weinflaschen, Essensreste & andere Zutaten ausgebreitet. Die gleichgültige Gedankenlosigkeit, das völlige Fehlen eines ästethisch – kulturellen Grundgefühls & die Überhöhung des eigenen Ichs als Standpunkt in der Welt empfinde ich als abstoßend.

Wenig später stehe ich im Klosterladen am Weinverkaufs- & verkostungstresen & lasse mich von der freundlichen wie fachkundigen Sr. Lydia durch das umfängliche Riesling Sortiment führen. Das Weingut der Abtei umfaßt sieben Hektar, auf denen 84 % Riesling & 16 % Spätburgunder wachsen. Die Qualität ist hervorragend & zwei Kisten sind schnell gefüllt.

Mittlerweile hat sich der blaue Himmel bezogen, am Horiziont türmen sich dunkle Wolken, es ist vollkommen windstill geworden. Ich setze mich auf meine Lieblingsbank neben dem Eingang zur Kirche & blicke auf das Rheintal & den zügig näher kommenden Regen, der aus der rheinabwärts ziehenden Wolkenwand fällt. Plötzlich wird es windig, kurze Zeit später richtig stürmisch & gegenüber, auf der anderen Rheinseite in Bingen, fängt es heftig an zu regnen. Es ist faszinierend, das Naturschauspiel sich rasch vollziehender Wetterveränderungen aus nächster Nähe mitzuerleben. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich mich ins Kloster zurück, da fegt auch schon ein heftiger Schauer über die Abtei hinweg. Von all dem unberührt erklingt die Glocke & ruft zur Vesper & zum darauf folgenden Abendbrot.

Nach dem Complet gehe ich wieder hinaus, ich will möglichst wenig von dem Naturschauspiel verpassen, auch wenn es mittlerweile aufgehört hat, zu regnen. Ein Pullover ist ratsam, denn es ist deutlich kälter geworden & weiterhin windig. Mächtige, himmelfüllende Wolkentürme stehen über dem Rhein, in der dunkelblauen, fast violetten Wand verändert sich laufend die Struktur, skulpturenähnliche Formationen entstehen, lösen sich auf, bilden mit anderen Erscheinungen neue Skulpturen, alles ist ständig in Bewegung & innerhalb weniger Minuten entstehen neue Himmelsbilder. Faszinierend. Ich sitze auf einer Bank & beobachte den sich ständig verändernden Himmel, bis ich anfange zu frieren & in mittlerweile fortgeschrittener Dämmerung ins Kloster zurückkehre. Ich trinke noch zwei Gläser Riesling, dann gehe ich schlafen.

 

Der letzte Tag:

„Und ich hörte, wie mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt riefen: Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit. Doch nun sind alle Winde voll vom Moder des Laubes, und die Luft speit Schmutz aus, so daß die Leute nicht einmal mehr recht ihren Mund aufzumachen wagen. Auch welkte die grünende Lebenskraft durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen. Nur ihrer eigenen Lust folgen sie und lärmen: Wo ist denn ihr Gott, den wir niemals zu sehen bekommen?“

Hildegard von Bingen (1098-1179)

Wie bei meiner Ankunft am Dienstag, so scheint auch heute die Sonne von einem blauen klaren Himmel & es wird warm. Meinen letzten Tag, den ich heuer in diesen Mauern verbringe, beginne ich mit einem Frühstück, das heute deutlich früher gereicht wird, da danach die Heilige Messe als Hochamt gefeiert wird. Heute ist ein besonderer Tag für den Convent, denn eine Schwester feiert das 60 jährige Jubiläum ihrer Profess. Als sie diese abgelegt hat, war Konrad Adenauer deutscher Bundeskanzler & Eisenhower Präsident der USA. Unvorstellbar. Sie muß heute weit über 80 Jahre alt sein. Zur Feier des Tages wird der Gesang der Schwestern von einem Organisten begleitet. Gestern bereits habe ich über die Qualität dieser recht kleinen Orgel, die im Nonnenchor hängt, gestaunt, der Organist spielte die bekannte Toccata aus der fünften Orgelsymphonie von Charles – Marie Widor. Die Messe ist heute gut besucht, das Hochamt ist sehr feierlich, endlich erfüllt auch Weihrauchduft die Kirche. 

Ein kurzer Gang durch Weinberge, Kirche & Klosterladen gehört zum Abschied natürlich dazu. Dann hole ich meinen kleinen Rollkoffer & warte auf die Taxe, die mich zum Bahnhof bringt. Auf der Fahrt nach Frankfurt bleibt die Abtei lange sichtbar, dann verschwindet sie hinter den Bäumen, die die Gleise säumen. Was bleibt von diesen Tagen, was kann ich mitnehmen, was ggf. bewahren im Alltag in der Großstadt zwischen Arbeit, Musik, zahlreichen anderen Interessen & den zahllosen kleinen & großen Anforderungen, die die Welt an den „modernen“ Menschen stellt. Auf jeden Fall eine weitere Versicherung & Bestärkung gegen die Zumutungen des Liberalismus, gegen den individualistischen hedonistischen Zeitgeist, der letztlich als gedankenlose Uniformität daherkommt. Ferner das erneuerte Versprechen, daß der Materialismus ein zwar funkelnder, jedoch leerer Kelch ist, dessen verlogene Verheißungen die Seele töten, sowie die Gewißheit, daß auch der Relativismus an den Grundfesten der Ewigkeit nichts ändern wird. Was darüber hinaus berührt, ist die Erfahrung, nicht allein zu sein mit diesen so offensichtlich aus der Zeit gefallenen Gedanken & Empfindungen, die heutzutage zumeist als befremdlich, wenn nicht lächerlich empfunden werden. Aus diesen Gründen bleibt als Ergebnis eine tiefe Dankbarkeit. 

Als der Zug in Frankfurt einfährt & ich durch die riesige laute Bahnhofshalle zum Gleis gehe, von dem der ICE nach Hamburg fährt, überfällt mich schlagartig all das, was im Kloster hoch über dem Rhein so unwirklich weit weg schien: Enge, Lautstärke, Hektik, erneut die Warnung vor Banden von Bettlern & Taschendieben, zweifelhaftes Volk  jeglicher Herkunft, allerorten & dazwischen Reisende, mit ihren Zielen, ihren Sorgen, ihrem Blick auf die Welt & sich selbst, ihren Erwartungen, ihren Hoffnungen, Ängsten & Befürchtungen. Der Zug kommt pünktlich, auch die Wagenreihung entspricht dem Plan. Der Zug ist brechend voll, ein ICE neuester Baureihe, noch enger der Gang, noch schmaler die Sitze. Ich habe reserviert: in Fahrtrichtung, nicht neben dem breiten Fensterholm, der einen Blick nach draußen unmöglich macht. Mein Platz ist entgegen der Fahrtrichtung, direkt am Holm. Die Reservierung war kostenpflichtig. Das W – LAN funktioniert lediglich sporadisch, wie die Zugbegleiterin gleich entschuldigend anmerkt. Ich stecke meine Stöpsel in die Ohren & schaue mir lange die Photos an, die ich gemacht habe. 

Sie sind scharf. Ihre Farben strahlen.

 

*  die Wohnung, das Zelt Gottes unter den Menschen” (Offb. 21,3)

November 14

Das Beethoven Projekt

. . . . Aufstieg & Fall eines Ballettabends . . . .

John Neumeier, als Intendant des Hamburg Balletts gleichzeitig auch sein eigener Chefchoreograph, hat es nicht immer leicht. Der mittlerweile 79 – jährige, dem man sein Alter auch nicht ansatzweise anmerkt, wird vom Publikum in nahezu verklärender Art & Weise geliebt, muß sich allerdings von der Kritik zuweilen auch bescheinigen lassen, seine besten Zeiten als Balletterfinder lange hinter sich zu haben. Dem zu widersprechen, fällt nicht immer leicht. In den letzten Jahren wechselte Ergreifendes wie Die Winterreise aus dem Jahr 2001 oder Liliom von 2011 mit Belanglosem wie Die kleine Meerjungfrau von 2005, oder dem 2014 uraufgeführten Ballett Tatjana, das nicht annähernd mit John Cranko´s Choreographie über die gleiche Vorlage, den Versroman Eugen Onegin von Alexander Pushkin, konkurrieren kann. Besonders dann nicht, wenn man beide Ballette von der gleichen hervorragenden Companie des Hamburg Ballett gesehen hat. Der rastlose Neumeier, seit 1973 erst Direktor, dann Intendant des HB, hat nicht nur eine sehr individuelle Bewegungssprache für die Solisten & die Gruppen entwickelt, er ist auch ständig bestrebt, seine älteren Stoffe bei ihrer Wiederaufführung gründlich zu überarbeiten. Das mildert zuweilen die Fallhöhe.

Ein zentrales Anliegen Neumeier´s ist das Choreographieren musikalischer Stoffe. Ist dies bei den Werken Johann Sebastian Bach´s, z.B. dem Weihnachtsoratorium oder der Matthäuspassion aufgrund ihres sprachlichen Gehaltes noch vergleichsweise nachvollziehbar, so wird dies bei Komponisten wie Gustav Mahler, dessen symphonisches Gesamtwerk Neumeier nahezu in toto choreographiert hat, schon deutlich schwerer. Es ist eben wenig wahrscheinlich, daß die Zuschauer der Musik die gleichen Assoziationen abgewinnen werden, wie der Choreograph, denn Neumeier beschäftigt sich überaus gründlich mit seinen Stoffen, oft dauert es Jahre von der Idee bis zur Vollendung.

Nun also erstmals Ludwig van Beethoven. Wie Bach war auch Beethoven der revolutionäre Vollender einer Epoche, & wie dieser hat auch er die unterschiedlichsten musikalischen Genres bedient. So liegt dann auch nicht ein einzelnes Werk dem neuen Beethoven – Ballett zugrunde, sondern insgesamt sechs, nämlich die Eroica Variationen für Klavier op. 35, das Geistertrio für Klavier, Violine & Cello, die Klaviersonate op. 10 Nr. 3, das Streichquartett Nr. 15 op. 132, sowie die Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus op. 43, allesamt in Auszügen im ersten Teil des Balletts zu hören. Im zweiten Teil nach der Pause wird die Symphonie Nr. 3, die Eroica, in Gänze gespielt. Die inhaltliche musikalische Klammer des Balletts bildet für Neumeier ein Motiv, das in den Klaviervariationen op. 35 erstmals auftaucht, sich im Finalsatz der Geschöpfe des Prometheus wiederfindet, um schließlich auch im Finalsatz der 3. Symphonie erneut zu erklingen. Grundlage hierfür ist ein sog. Kontretanz, im frühen 19. Jahrhundert Ausdruck einer demokratischen & antifeudalistischen Gesinnung, da der Tanz mit ständig wechselnden Partnern getanzt wurde anstatt mit einem festen. 

Bronzeplastik im Jenisch Park in Hamburg

Zurück zum Bühnengeschehen. Der erste Teil des Abends ist ohne Zweifel die Stunde des Aleix Martinez, einem der Solisten des Hamburg Balletts. Der 26 – jährige eher kleine & drahtige Spanier bringt neben herausragenden tänzerischen Fähigkeiten auch das Talent eines Darstellers mit, der in der Lage ist, über die Dimension des Tänzerischen hinaus, seiner Rolle ein emotionales wie auch psychologisches Profil zu geben. Zuletzt als Wanderer in der Wiederaufnahme von Neumeier´s  Ballett Die Winterreise (siehe Beitrag: Fremd bin ich eingezogen . . .  auf diesen Seiten) in bewundernswerter Weise auffällig geworden, lotet er auch hier, in der Rolle des Beethoven sowie später in der des Prometheus, nicht nur tänzerisch – darstellerisch, sondern auch physisch die Grenzen des Machbaren aus & verschiebt sie deutlich über das Erwartbare hinaus. Warum er nicht längst in den Kreis der ersten Solisten befördert wurde, bleibt Neumeier´s Geheimnis, sowie überhaupt dessen Personalentscheidungen nicht unbedingt in Einklang mit dem Verständnis & der Wahrnehmung der Zuschauer zu bringen sind. Besonders deutlich wird dies im Zusammenspiel mit dem ersten Solisten Edvin Revazov, dem prominentesten Tänzer einer der, wie Neumeier es nennt, Figuren, Fantasien und Ängste seiner Welt, der hier genauso blaß bleibt wie in eigentlich allen Rollen, in denen wir ihn bislang gesehen haben. So bleibt es allein Martinez überlassen, mit seiner unglaublichen Präsenz den ersten Teil des Abends als Monument eines Zweifelnden, eines Suchenden & einsamen Vollenders zu einem bis zur letzten Minute spannenden, zuweilen aufwühlenden & ungewöhnlich emotionalen Akt zu gestalten. Unterbrochen wird dies durch immer wieder eingeschobene & gelegentlich deplaciert wirkende Gruppentänze. Frauenrollen erscheinen in diesem Teil nicht ausgeleuchtet,  weil schlicht unterrepräsentiert, auch so verläßliche & präzise Tänzerinnen wir Patricia Friza & Anna Laudere können die Einengung ihres Auftretens durch die zuweilen unschlüssige Choreographie nicht aufbrechen.  

Was sich an diesen Stellen im insgesamt überaus beeindruckenden ersten Teil bereits andeutet, wird im zweiten leider zur endgültigen Gewißheit. Die Spannung & das Vorwärtsdrängen bricht komplett zusammen. Zunehmend gelangweilt, gegen Ende doch eher ärgerlich verfolgen wir das Geschehen auf der Bühne. Trost bietet nach einiger Zeit nur noch die musikalisch solide Darbietung der dritten Symphonie, die, vom jederzeit verläßlichen Simon Hewitt in gewohnt kapellmeisterlicher Art & Weise dirigiert, aus dem Graben klingt. Gruppentanzbildchen in ständiger Abfolge schildern weder Handlung noch Entwicklung, eine Dramaturgie ist nicht länger erkennbar, zu sehr ähneln sich die ewig gleichen Bewegungsabfolgen der personalintensiven Tanzszenen. Selbst der Pas de Deux, im zweiten Satz, dem Marcia Funebre, mit Revazov & Laudere erstsolistisch besetzt, erweckt ob seiner hölzernen & rundweg uneleganten Anlage & Ausführung erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Choreographie, denn die Tänzer können in jeder Hinsicht ganz eindeutig mehr als das an dieser Stelle Gezeigte. 

So sind wir letztlich froh, als der Abend zu Ende ist. Wir können uns nicht erinnern, jemals zuvor in diesem Hause (mit Ausnahme vom o.g. Ballett Tatjana) derartig Uninspiriertes wie den zweiten Teil dieses Abends gesehen zu haben. Leider. Auch ein künstlerisches Gefälle, bei dem einem in weiten Teilen überwältigenden Aufstieg nach der Pause ein derart gründlicher Fehlgriff folgt, ist bislang, gottseidank, ausgeblieben. Dies mit der erst sechsten Vorstellung seit der Premiere Ende Juni diesen Jahres erklären zu wollen, oder einem Wechsel innerhalb des Ensembles, greift entschieden zu kurz & wird durch die aufsehenerrregende Leistung von Aleix Martinez auch widerlegt. Hier erscheint einzig der Choreograph der Verantwortliche für den Absturz eines Ballettabends zu sein, & das macht dann doch ein klein wenig traurig.   

April 6

Treibsand

. . . . biographische Versuche . . . 

 

„Wir waren jene, die wußten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Roger Willemsen

 

Ich wollte ein Kind. Einen Mann brauchte ich eigentlich nicht unbedingt, aber ein Kind. Als ich ihn dann kennenlernte, fand ich ihn eher lustig, was bildete er sich ein, dieser kleine kriegsverletzte Kanonier, daß er glaubte, mir den Hof machen zu können. War ich vor den Tieffliegern in den Graben gesprungen, über Leichen gerannt, hatte ich gehungert & hatte man mich halbtot aus den Trümmern gezogen in Berlin, in meinem Berlin, damit dieser kleine Mann glaubte, ich würde mich für ihn interessieren?

Ich wußte, was zu tun war, es gab dieses Buch. Es sollte ihm an nichts fehlen, Mittags schrie er immer. Er schrie zwei Stunden lang, jeden Tag, fast ein Jahr lang & natürlich war es ein entsetzliches Versehen, als er fast ertrank. Ganz blau war er schon, aber diese kleinen Zehen, wie niedlich sie waren. Es sollte ihm an nichts fehlen. Wenn er schrie, wußte ich, er war versorgt, hatte sein Fläschchen bekommen, stand in seinem Bettchen in der Zimmerecke, die Zimmertür war geschlossen & an manchen Tagen schlief er irgendwann ein. Ich habe nie nach ihm gesehen in diesen zwei Stunden, ich wußte ja, es fehlte ihm an nichts.

Der Diwan, der oft zu frühem Dahinschlafen mich einlud, war gedankenbedeckt. Fein verwoben in den dicken Stoff der Tagesdecke hatten sich dünne Webfäden aus Angst, Verzweiflung, Neid, Haß, Liebe & Tod zu seltsamen feinen Mustern, farbigen Flächen & brüchigen Trennlinien vereinigt. Lange Sonnenlichtfinger hatten zu bestimmten Tages- & Jahreszeiten die Farben entleuchtet. Mein tiefes Ruhen wurde von einem nahen Lehnstuhl aus still bewacht & notiert. Ich schlief mich in Sicherheit. Endlich angstfrei.

Ich hatte mittlerweile gelernt, wie mein Leben verlaufen war. Weiterzuleben hatte ich nicht gelernt.

An der Decke ein weißes Segel, eine Stuckkante als Bordwand. Es gab Tage, da liefen wir aus, auch wenn der Wind kaum spürbar & in den Segeln nicht sichtbar wurde. Ein müdes gedämpftes Licht verschleierte dann die Sonne. Es gab jedoch auch Tage, an denen wir, vom Meer durchnäßt, knapp den Hafen erreichten.

Eines Tages saß mein Vater in einem Sessel bei uns. Er trank einen Cognac & las ein Buch. Wir sprachen mit ihm, doch er schaute nicht auf. Als er seinen Cognac ausgetrunken hatte, stand er auf & verließ grußlos den Raum. Vor der Tür räusperte er sich, ansonsten blieb er stumm. Fragen waren an dem Tage nicht erlaubt, sein Buch hatte er liegen gelassen. Deshalb wußten wir, er würde wieder zurückkommen. Bücher hatte er immer geliebt.

Tatsächlich sahen wir ihn schon recht bald wieder. Nachdem er seinen Cognac ausgetrunken hatte, erzählte er von den Fiebersümpfen & davon, wie sie in den zerstörten Dörfern Essen auch für die Übriggebliebenen kochten, stumm hätten sie dagestanden, zerlumpte Hungergestalten, mager & traurig geschaut hätten sie, damals, kurz vor dem Großen Winter, damals, als mein Vater seine Sprache verlor. Heute sprachen seine Bücher mit ihm & wir können nur vermuten, was er antwortete. Doch an besonderen Tagen, bei mildem Licht & wenn die Luft nicht zu kalt war, erzählte er von den Fiebersümpfen, davon, wie kleine Menschen aus brennenden Panzern sprangen & um ihr Leben rannten, bevor sie niedergemäht wurden.

Meine Mutter stand auf dem Balkon & feuerte einen fremden Jungen auf, mich ordentlich zu verprügeln. Wir beide fanden das, jeder auf seine Art, gleichermaßen befremdlich. Ich bemühte mich, nicht zu schreien, die Nachbarn durften nichts mitbekommen. Derweil suchte mein Vater den Schuhmacher bei uns am Bahnhof auf, er brauchte neue Schuhe, die Ferse, die sie ihm weggeschossen hatten, schmerzte. Ich war verliebt in die Tochter des Schusters, jeder an unserer Schule war das. Sie trug eine durchsichtige Bluse & darunter lediglich sich selbst.

Tagelang lief ich in der Stadt herum, sah die Menschen & Lichter, hörte Wortfetzen angeregter Unterhaltungen & fühlte mich einsam, wattiert & verlangsamt. Derart stumm wußte ich, es war nicht meine Welt, durch die ich mich bewegte.

Manchmal verwandelte sich das Schiff an der Decke in einen Gewehrkolben, über dessen genaue Linienführung ich mir nie klar werden konnte. Im Innenhof sangen verschiedene Vögel & immer, wenn der Wind ungünstig stand, drang Verkehrslärm von der nahen Hauptstraße zu uns in die Stille.

Hiddensee, Strand bei Neuenburg
Hiddensee, Strand bei Neuenburg

Als ich vier Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater Sonntagmorgens zum Bahnhof. Dort befand sich ein Zeitungskiosk aus  Holz, von dem die grüne Farbe bereits abblätterte. Am Sonntag wurde er, einem Altar gleich, aufgeklappt. Bedruckte Titelseiten ersetzten, ikonenähnlich, die Heiligenbilder. Der Verkäufer trug eine weiße Jacke mit silberfarbenen Knöpfen, sowie eine alte Ballonmütze gleicher Farbe. Auf dem Weiß hatte die  Druckerschwärze graue Flecken  hinterlassen. Seine Stimme war tief & rau, er war sehr freundlich & tätschelte dem Vierjährigen den Kopf. Mein Vater kaufte stets zwei Sonntagszeitungen. Meine Erinnerung daran ist genauer als das alte Photo, das mein Vater vom Verkäufer & mir gemacht hat. Ich weiß seinen Namen nicht mehr.

An schlechten Tagen nahm ich meinen Begleiter, der mir so viele Jahre treu zur Seite gestanden hatte, mit an Bord unseres Seglers. Jetzt, in diesen Tagen, wird er zum Chronisten meines Daseins. Die Gewißheit, Leid zu ertragen, besonders von denen, die ich davor zu bewahren suchte, ist seine Erfindung, sie läßt Abkehr nicht mehr zu. Mein Gefühl, meine Bedürfnisse sind des Anderen Last, hat er zur Erkenntnis gewandelt. Das Ertragen kennt als Alternative nach dem großen Schweigen & der jahrelangen Vergeblichkeit nurmehr noch den Lebensabbruch, zumindest jedoch das restlose Verschwinden, die Auslöschung. Vor allem das Beschweigen dämpft noch den Krieg. Doch gegen das Trommeln des Feindes nützt auch das Wachs nichts, mit dem Odysseus den Sirenen widerstand.

Es gibt Anmaßung, die so groß ist, das jedem Anderen nur die Kapitulation, & der Wirklichkeit das Abdanken bleibt. Immer ist es der Splitter im Auge des Anderen, der so viel größer & bedrohlicher erscheint, als der Balken im eigenen. Die Bedrohung ist unerträglich, denn sie liegt im Erkennen des eigenen Unvermögens. So, oder doch so ähnlich, sprach der Sohn des Zimmermanns. So auch der Mann, der einst Jahre unter einem Baum sitzend verbrachte. Vielleicht war der eine des anderen Jünger.

Vor dem Aufsuchen des Hafens, in dem unser Segler vor Anker liegt, ein Blick in die Süddeutsche Zeitung. Das liberale & linksliberale Menschenbild geht davon aus, daß der Mensch willens & in der Lage ist, ethisch & moralisch grundierte Verantwortung für sich zu übernehmen & somit im Rahmen eines Sozialgefüges auch für Andere. Eine leichte Brise kommt auf, & als wir die Mohle hinter uns gelassen haben erklärt der Steuermann, dem ich dies soeben erzählt hatte, daß es im Einzelfall zwar durchaus so möglich, in toto jedoch Wunschdenken sei, wie die tägliche Beobachtung allenthalben lehrt. Meine Ergänzung, in der allgemeinen Umdeutung der Begrifflichkeiten sei die Freiheit längst zum asozialen Egoismus verkommen & werde lediglich noch als mediales Trugbild am Leben erhalten, ist ihm zu eng gefaßt & zu persönlich. Außerdem zu rational, denn meine Gefühle blieben dabei unberücksichtigt. Mein Gefühl, sage ich, ist Wut. Es war einer dieser Tage, an denen die Kompaßnadel tanzte & die Pinne fester gefaßt werden mußte.

Eines Tages im Herbst, es war einer dieser dunstigen, eben noch warmen Tage, an denen es schon ein wenig nach verbranntem Laub riecht & die Sonne zu müde scheint, noch den Dunstschleier zu heben. An einem dieser Tage traf ich vor Jahren einen seltsamen Mann & dessen Freunde.. Er trug ein blaues Leinenhemd unter einem pelzbesetzten langen grauen Mantel, auf dem Kopf einen hohen Zylinder mit einer Feder dran & außerdem eine Fischmaske vor dem Gesicht. Seine Begleiter trugen ebenfalls ausgesprochen fremdartige Kleidung, einer hatte ein gestreiftes langes Nachthemd an & eine rote verwaschene Mütze auf dem Kopf. Ein weiterer sah aus, als käme er geradewegs aus dem Sherwood Forrest. Der mit dem Nachthemd hielt das Gestell einer alten Schirmlampe in der Hand, alle trugen Sonnenbrillen & sangen seltsame, sehr merkwürdig klingende Lieder. Der Mann mit der Fischmaske erzählte mir, daß die Lieder, die sie singen, direkt aus der Wüste kämen. Statt Noten benutzen sie abstrakte Ölbilder, deren kräftigen Farben ihre Töne folgen. Ich war einigermaßen erstaunt, denn soetwas hatte ich noch nie zuvor gehört. Nach einer Weile verabschiedete er sich freundlich & sagte, ich würde noch an ihn denken. In dem Moment wußte ich, daß mich diese seltenen Klänge nie wieder verlassen würden.

Als ich einmal zum Hafen hinunter ging, traf ich einen alten blinden Mann, der mich fragte, ob ich ihm einen Kaffee ausgeben könnte. Ich hatte kein Geld dabei, aber ich hatte ein wenig Zeit, mir seine Geschichte anzuhören. Er hieß August West & einst liebte er ein Mädchen noch mehr als seinen Wein & seinen Schöpfer, denn dieser war kein Freund von ihm & so hatte er Jahre mit Stehlen & Trinken verbracht. Doch eines Tages würde er schon wieder auf die Beine kommen, denn sein Mädchen sei immer treu gewesen & dann würde er wieder aufstehen & würde einfach davonfliegen. Später ging ich in die Stadt zurück & dachte darüber nach, wie schmal der Grad war, daß das Leben stets auf Messer´s Schneide dahin kroch & Wirklichkeit & Traum einander nahe waren wie Tag & Nacht & irgendwann werden wir Beides nicht mehr unterscheiden können.

Abends hörten wir Surf´s Up, wir lagen auf großen weichen Kissen tief im Süden. Wir waren gerade noch jung & sehr romantisch. Wir tranken Wein & bemalten meine Lederjacke mit bunten Federn. Wir entflohen der Welt. Dann liebten wir uns bedächtig & hofften, die Zeit stünde still. Als die Kerzen heruntergebrannt waren, schliefen wir ein. Am nächsten Morgen lag auf dem Fenstersims eine tote Taube.

Juni 16

Studie in Rot

. . . melancholische Reminiszenzen . . . 

„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den Spanischen Wänden gleichen, hinter denen man nur Kranke und Tote erwartet.“

Caspar David Friedrich

 

„Auf geheimem Waldespfade
Schleich ich gern im Abendschein
An das öde Schilfgestade,
Mädchen, und gedenke dein!

Wenn sich dann der Busch verdüstert,
Rauscht das Rohr geheimnisvoll,
Und es klaget, und es flüstert,
Daß ich weinen, weinen soll.

Und ich mein, ich höre wehen
Leise deiner Stimme Klang
Und im Weiher untergehen
Deinen lieblichen Gesang.“

Nikolaus Lenau, Schilflied III

 

Die Melancholie hat schon bessere Tage gesehen. Es gab Zeiten, in denen das Verständnis für das Melancholische & die damit verbundenen Zustände von Weltschmerz & Einsamkeit, Verlust & Nachdenklichkeit weit ausgeprägter waren als heutzutage. Die Romantiker lebten in dem Wissen um eine melancholische Grundstimmung, einem Empfinden, in dem das Schöne & Gute zwar das Ideal, dessen Bedrohung allerdings eine beständige Herausforderung darstellte, deren Bestehen als eigentliche Prüfung des Lebens angesehen wurde. Verlaß war lediglich auf das eigene Empfinden, vielleicht noch auf das der engen Freunde, Gleichgestimmter in der Regel, zu unverstanden sah man sich bereits damals dem modernen Weltenfluß ausgesetzt, dem zu entkommen so zu einer Frage des persönlichen seelischen Überlebens werden mußte. Heutzutage würden viele Romantiker als depressiv Erkrankte angesehen werden, ein Zeichen für das Abhandenkommen einer dezidiert willentlichen Gestimmtheit, deren Ableitung aus einem besonderen Natur-, Lebens- & Kunstverständnis den Menschen unserer Epoche nicht vorstellbar erscheint, da sie lernen mußten, daß die Rationalität das einzige grundlegende Werkzeug zum Weltverständnis zu sein hat. Dies gleicht einem emotionalen Imperativ, dessen Ziel die Auslöschung all jener Vorstellungen werden könnte, die dem materialistischen, & somit letztlich komsumistischen Welt- & Lebensverständnis entgegenstehen. Oder um es im romantischen Sinne eher künstlerisch auszudrücken:  Pure Vernunft darf niemals siegen ! wie Tocotronic einst sangen.

Um zu verstehen, was dieses den heutigen Menschen eher fremd & oft wohl auch lächerlich erscheinende Empfinden ausmacht, ist es hilfreich, sich Bilder von Caspar David Friedrich anzuschauen oder die Schilflieder von Nikolaus Lenau zu lesen. Sehen wir, falls überhaupt, Menschen auf den Bildern Friedrichs, dann nur als Einzelpersonen in oder vor übermächtiger Landschaft, & diese erscheint in der Regel nicht als authentisch reproduzierte Wirklichkeit, sondern als imaginierte Gestimmtheit, als eine emotionale Schicht hinter dem Gesehenen. In ihr wirkt der Mensch klein & unbedeutend (Der Mönch am Meer), als verloren & voneinander abgewandt (Herbstabend am See) oder als allegorisches Symbol (Lebensstufen). Das bekannteste Bild von Friedrich, der Wanderer über dem Nebelmeer, zeigt zwar in zentraler Position einen Menschen, allerdings von hinten. Der Blick fällt auf die unermeßlich scheinende Weite des der Figur Sichtbaren. Somit nehmen wir als Betrachter eigentlich dessen Standort ein & fühlen uns dieser Weite ausgesetzt & somit auf unsere tatsächliche Größe in diesem unendlichen Raum reduziert. In den Schilfliedern Lenau´s gleichen die Beschreibungen der Natur der Darstellung innerer Zustände, die äußere Welt wird übersetzt in eine innerliche Befindlichkeit. Diese wird bestimmt durch den Liebesverlust, die Wahrnehmung der Umgebung erfolgt also von innen nach außen & nicht andersherum. Das bedeutet, daß die Weltsicht der Romantiker selten von Freude & Frohsinn bestimmt ist, sondern ständig von Verlust, Schmerz & Tod bedroht wird. Erstaunlicherweise führt dies jedoch nicht zu Verbitterung & Abkehr, sondern wird vielmehr als Erfüllung & wahrer Weltensinn verstanden. In diesem Sinne ist selbst noch Thomas Mann´s Tod in Venedig eine eher romantische Novelle. So ist die Melancholie also sehr viel mehr, als es ihre Trivialisierung als Depression vermuten läßt.

Rothenburg ob der Tauber / Schäferkirche
Rothenburg ob der Tauber / Schäferkirche

Mein Vater war ein eher schweigsamer Mann, der viel las & dachte aber wenig sagte. Als ich ein kleiner Junge war, hatten wir kein Auto, mein Vater schien sich auch nicht sonderlich dafür zu interessieren, er hatte seit dem Krieg nicht mehr hinter einem Lenkrad gesessen, & so dachte ich, würden wir wohl die einzige Familie in der Straße bleiben, die kein Auto hatte. Auch wenn er nie über  Autos sprach, sah ich doch, wie er bisweilen halb verstohlen einem bestimmten Mercedes – Modell nachschaute, einem 220er, dessen angedeutete Heckflossen mit einem Chromstreifen versehen waren. So ein Auto war sehr teuer, es stand völlig außer Frage, daß mein Vater jemals eins kaufen konnte. An einem heißen Sommertag in den Schulferien kam Vater früher von der Arbeit nach Hause, klingelte, legte seine braune Aktentasche auf das Garderobenschränkchen im Flur & ging schweigend ins Wohnzimmer. Dort saß er auf seinem Sessel, ein kleiner Mann mit pomadisiertem fast schwarzem Haar, einer dicken Hornbrille & einem kurzärmeligen karierten Hemd, aus dessen Brusttasche ein Kamm hervorschaute, & schwieg. Das war selbst für meinen wortkargen Vater ungewöhnlich, & so gingen meine Mutter & ich zögernd ebenfalls ins Wohnzimmer, es mußte irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen sein. Als wir uns gesetzt hatten, meine Mutter, wie immer in Erwartung schlimmer Nachrichten auf die Sofakante, ich auf einen kleinen Beistellsessel, sah uns Vater eine Weile abwechselnd an & sagte dann, er müsse uns etwas zeigen. Dann stand er wieder auf, meinte, wir müßten schon mitkommen & schob meine zögerliche Mutter am Ellenbogen aus der Wohnung. Direkt vor der Tür stand ein schwarzer 220er mit verchromten Heckflossen, den ich ungläubig anstarrte. Meine Mutter verstand gar nichts, sah meinen Vater an, der langsam einen Schlüssel aus der Hosentasche zog & die Beifahrertür des Mercedes aufschloß. Während meine Mutter fassungslos neben dem Auto stand & mit großen Augen, beide Hände vor dem Mund, auf die schwarz glänzende Karosse starrte, spürte ich, wie mein Herz bis zum Hals schlug. Das Auto hatte rote Ledersitze & ein großes schwarzes Bakelitlenkrad. Vater sagte, wir würden dieses Jahr nicht in Urlaub fahren können, es wäre nun allerdings viel bequemer, Ausflüge in die nähere Umgebung zu unternehmen. Den Wagen hätte er von einem Kollegen gekauft, der ihn sehr günstig abgegeben habe, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fahren wollte. Meine immer noch fassungslose Mutter setzte sich vorsichtig auf den Beifahrersitz, so als hätte sie Angst, ihn zu beschädigen. Mein Vater aber stellte sich neben mich, legte seinen Arm um meine Schulter & sagte, nachdem wir beide das Auto eine Weile schweigend angesehen hatten: „Was sollte ich mit einem VW oder Opel anfangen; wenn Gott Auto fahren würde, er hätte einen 220er … & ausländische Autos sind doch einfach lächerlich.“

Rothenburg ob der Tauber / Klingentor
Rothenburg ob der Tauber / Klingentor

Dies ist eine schöne Geschichte & ich hätte sie gerne erlebt. Leider hatten wir nie ein Auto & Vater saß nach dem Krieg auch nie wieder hinter einem Lenkrad. Es ist deswegen eine Geschichte über meinen Vater & keinesfalls über Autos. Ich habe meinen Vater erst Jahrzehnte nach seinem Tod kennen- & wahrscheinlich auch erst lieben gelernt. Dies geschah innerhalb einer Psychoanalyse & das Ergebnis, mein Verhältnis zu meinem Vater, ist seitdem eine überaus melancholische Angelegenheit, weil sie von Verlust, Schmerz, Sehnsucht & Dankbarkeit erfüllt ist. Es erscheint nunmehr auch nicht weiter verwunderlich, daß sich überraschend viele Komponisten der populären Musik intensiv mit ihren eigenen Vater / Sohn Beziehungen auseinandergesetzt haben. Noch weniger verwunderlich ist die Melancholie, die diese sehr persönlichen Stücke zumeist durchzieht.

An einem Freitag im Juni fahre ich in die Musikhalle, um dort einen Mann zu treffen, der wie kaum ein anderer ein Meister des Songwriting ist, dazu ein unübertrefflich kongenialer Interpret des Eigenen. Daß er mit der  Anlage & Intensität seiner Stücke auch ein Meister der Melancholie ist, erscheint naheliegend. Selten hat mich Musik derart berührt, selten so zuverlässig Tränen in die Augen getrieben.

Sogenannte Singer / Songwriter haben grad Konjunktur. Kein Club, keine Bar in der Stadt, in der nicht andauernd Menschen, vorwiegend Männer, die das, was sie Songs nennen, mit Mitteln, die sie als Gesang verstanden wissen wollen, zum Vortrage bringen. Hipster mit Basecap  & Vollbart muten dort ihren überwiegend begeisterten Zuhörern Alltagsgeschichtchen zwischen Larmoyanz & Zeitgeist zu, die noch belangloser sind, als die maximal 3 Akkorde, mit denen sie sich dazu auf der Gitarre begleiten. Das Verständnis dafür, wie drei Akkorde eine Welt sein können, ist ihnen allerdings fremd. & da das zugeneigte Publikum in der Regel mit wenig zufrieden ist & pubertäres altkluges Gejammer für den Ausdruck emotionaler Empathie hält, haben S / S eben gerade Konjunktur. Oder: jedes Publikum bekommt den Mist, den es sich redlich verdient hat.

Rothenburg ob der Tauber / Hotel Reichsküchenmeister
Rothenburg ob der Tauber / Hotel Reichsküchenmeister

Die Bühne ist in dunkelrotes gedämpftes Licht getaucht, das sich auf der gewölbten Holzverkleidung der Bühnenrückwand in feinen Nuancierungen bricht. Seitens der Bühne türmt sich eine drastisch zu groß geratene PA, aber Verleiher wollen eben auch leben. Rechts stehen ein Flügel & eine Gitarre, auf der linken Seite ein nord – Keyboard. Der Saal ist voll, nur sehr wenige Plätze bleiben leer. Das Publikum ist von seltener Mischung in Alter & Erscheinung. Daß keine Hipster zu sehen sind, stimmt fröhlich. Kurz nach Acht geht’s los. Schon das Erscheinen der zwei Männer auf der Bühne bewirkt stehende Ovationen. Der eine steht an der Bühnenkante, dunkles Hemd, Jeans, kurz rasiertes Haar, was der Halbglatze einen jugendlichen Ausdruck verleiht, Dreitagebart,stämmige kräftige brust- & hüftbetonte Figur. Der andere hält sich im Hintergrund, auch er in Jeans, hellem Hemd, Glatze, Vollbart, Gatsby – Kappe & modische breitgestellige Brille. Das Licht verharrt in seinem changierenden dunklen Rot, ein wenig aufgehellt nun durch weiße & gelbe Bodenstrahler. Der Jubel nimmt kein Ende, der Mann am Bühnenrand  legt seine rechte Hand auf die linke Brusthälfte, lacht ein wenig & verbeugt sich. Dann gehen beide an ihre Instrumente. Erwartungsgemäß ist es für diese Musik zu laut, der Mixer braucht einen Augenblick, bis er den Sound etwas transparenter bekommt. Ghost Train, danach Strangers in a Car, die Songs klingen anders als auf der so wunderbaren ersten Platte von Marc Cohn, sie sind reduziert auf die Stimme, das Klavier & auf das, was der wunderbare Glenn Patscha an Hammond Sounds aus seinem nord herausholt. Gibt es ein großartigeres Instrument als eine Hammond Orgel, die wie kein anderes Instrument allein durch die klanglichen Möglichkeiten Stimmungen erzeugen & verschwinden lassen kann, die mal traurig, mal fröhlich klingt, zurückhaltend, drohend, fordernd tänzerisch & dann wieder verhangen tränenreich, leidend & schmachtend. Patscha nutzt vorwiegend die klanglichen Paletten, die man aus der Country – & Gospelmusik kennt, zuweilen durch Phaser oder andere Effekte verfeinert, ergänzt, webt er hochemotionale Akkorde & Melodiefragmente in die gebrochenen Akkorde des Klaviers, unterlegt Cohn´s Stimme mit den passenden Tönen & beide sind sich der Wirkung dessen, was sie dort tun, sehr gewiß. Sie sind eine Einheit, spielen offenbar schon endlos miteinander, selten sind Blicke erforderlich, sich zu verständigen. Zu Hause werde ich Patscha googeln & feststellen, daß er mit den Größen der amerikanischen populären Musik gespielt hat, ein Mann von 46 Jahren, jünger aussehend & der fast 57 – Jährige am Klavier, der weiß, daß er sich darauf verlassen kann, daß der Jüngere am Keyboard für den letzten melancholischen Schliff sorgt, der den Songs ihre zeitlose Größe, ihre unbestechliche Emotionalität & ihre musikalische Nachhaltigkeit verleiht. Cohn ist kein Virtuose am Klavier, & da er das weiß, beschränkt er sich eben auf Akkorde, meist synkopiert & mit wenigen Arpeggien verbunden, tonal gebrochen & rhythmisch eher den erzählenden Vortrag unterstützend. Sie setzen die passenden Akzente, mal weich & sanft, mal percussiv & hart, alles stets nah am Bruch. Zusammen mit seiner älter, rauher & in den Höhen leiser gewordenen Stimme ergeben sich daraus die Geschichten, die Cohn erzählt, die Melodien & die Worte schälen sich aus diesen Akkordfolgen heraus, das Brüchige, Verlorene bestimmt nahezu alle seiner Songs. Zum Beispiel in der Geschichte vom silbernen Thunderbird, mit dem der Vater eines Tages nach Hause kommt & dem Sohn erzählt, es könne für ihn kein anderes Auto geben, denn Gott, wenn er eines hätte, wäre es ein Thunderbird, & das ausländische Autos einfach absurd sind. Eine dieser zahlreichen Vater / Sohn Geschichten, die Cohn erzählt, über sich & seinen Vater, über den er viel spricht an diesem Abend. Das Licht ist immer noch vorwiegend dunkelrot, & Cohn erzählt vom Reisen & von der Liebe, von Hotels & von den älter gewordenen Söhnen & davon, was es bedeutet, selten zu Hause zu sein. & von Levon Helm, diesem großartigen Musiker;  Sänger & Schlagzeuger der singulären Gruppe The Band, der 2012 starb. Ihm hat er einen Song gewidmet, Listening to Levon, & es ist still im Saal, noch stiller als sonst. Gelegentlich greift Cohn zur Gitarre, die spürbar nicht sein Instrument ist. & dann, nach zwei Stunden, das Licht ist immer noch vorwiegend dunkelrot, True Companion, dieses letzte große Liebeslied, das vom Kennenlernen, Heiraten & vom Loslassen am Ende des Lebens handelt, aber auch von der Gewißheit, dort, wo auch immer, aufeinander zu warten. Mein Gott, was wäre das für ein unsäglicher Kitsch bei minder begabten Komponisten. Bei Cohn klingt es sparsam, luftig, fast ein wenig spröde, ja beiläufig & entfaltet dabei, ganz aus den wenigen Tönen & dem wunderbaren Text heraus lebend, eine umso größere Wirkung.

Als das dunkelrote Licht auf der Bühne erlischt & das Deckenlicht angeht, verlassen die Menschen den Saal sehr still & langsam. Die Berührung, das Andächtige ist spürbar. Wir haben etwas heutzutage sehr Seltenes erlebt, einen irgendwie aus der Zeit Gefallenen, einen das Verlorene noch unentwegt  Suchenden, einen Romantiker & ganz sicher einen Melancholiker. Eine Studie in Rot, diese Suche nach der Blauen Blume.

Februar 22

Seventeen seconds to Lighthouse Hill

Edward Hopper, Frank Sinatra & The Cure:  Meditationen der Einsamkeit . . . 

 

„. . . Time slips away
And the light begins to fade
Everything is quiet now . . .“

                                                               Seventeen Seconds / The Cure

„When your lonely heart has learned its lesson,
You’d be hers if only she would call,
In the wee small hours of the morning,
That’s the time you miss her most of all“

                                                              In the wee small hours / Frank Sinatra

„Great art is the outward expression of an inner life in the artist, and this inner life will result in his personal vision of the world.”

                                                             Edward Hopper

„Eleanor Rigby
Died in the church and was buried along with her name
Nobody came
Father McKenzie
Wiping the dirt from his hands as he walks from the grave
No one was saved
All the lonely people (Ah, look at all the lonely people)
Where do they all come from?
All the lonely people (Ah, look at all the lonely people)
Where do they all belong?“

                                                            Eleanor Rigby / The Beatles

 

Als ich im Jahre 2005  in Köln erstmals vor dem Bild Lighthouse Hill von Edward Hopper stand, ging ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Das Museum Ludwig zeigte erstmals in Deutschland eine Retrospektive des amerikanischen Malers (1887 – 1967), dessen Bilder viele Menschen kennen, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben, sie anzuschauen. Das Interesse war entsprechend groß, wir waren am letzten Ausstellungstag dort & es war erwartungsgemäß brechend voll. Bei der genauen Betrachtung des Bildes, dem Gefühl, ihm endlich gegenüber zu stehen, geschah Seltsames. Das Raunen in den Räumen erschien plötzlich leiser, das Drängen der Besucherfülle schien geringer zu werden, der Raum um mich herum sich zu leeren. Das Bild aus dem Jahre 1927 zeigt einen Leuchtturm, der zusammen mit einem kleinen steinernen Haus, wahrscheinlich dem des Leuchtturmwärters, auf einer Anhöhe steht. Der Betrachter schaut schräg von unten auf diese Anhöhe, die sich offensichtlich weitgehend im Schatten befindet. Der Himmel dahinter strahlt in hellem Blau, leichte Cyrruswölkchen sind sichtbar. Wir wissen nicht, ob es Morgen oder Abend ist. Menschen sind nicht sichtbar. Es entsteht der Eindruck umfassender Einsamkeit, daran ändert auch die zum Greifen nahe menschliche Behausung nichts, im Gegenteil, Fenster & Türen sind verschlossen, der Sonnenstand sorgt für Schatten auf der dem Betrachter zugewandten Seite.

Das in der Ausstellung ebenfalls zu sehende Bild Nighthawks aus dem Jahr 1942, das wohl bekannteste Bild des Malers, zeigt eine Bar an einer Straßenecke. Der Innenraum ist hell erleuchtet, durch die Scheibe sehen wir in der spartanisch eingerichteten Bar vier Menschen. Ein Mann kehrt uns den Rücken zu, ihm schräg gegenüber erblicken wir ein Paar, nebeneinander, schweigend, jeder für sich. Der Bartender schließlich, unter dem Tresen irgendwelche Handgriffe verrichtend, schaut zwischen den Menschen hindurch nach draußen auf die Straße. Dort ist allerdings nichts zu sehen. Es ist dies ein Bild von derart übermächtiger Einsamkeit, die hellerleuchtete Bar ist keinesfalls ein Ort des entspannenden Rückzugs, gar des wohlgefälligen Zusammenseins, es ist ein Ort kompletter Entfremdung & Abgewandtheit. Trotz der vier Menschen auf relativ engem Raum ist das Szenario in seiner Isolation des Einzelnen in & von der Welt zutiefst verstörend. Hopper gelingt diese Darstellung mit kräftigen Farben & sattem Pinselstrich, was den beschriebenen Eindruck in nahezu grotesker Weise noch verstärkt.

Strand von Hiddensee bei Neuenburg
Strand von Hiddensee bei Neuendorf

Im Jahre 1953 wechselte Frank Sinatra von Columbia Records zur Plattenfirma Capitol. In den folgenden neun Jahren nahm er dort 16 Platten auf, zumeist mit Arrangements von Nelson Riddle, aber auch von Billy May & Gordon Jenkins. Sehen wir von seinen späten, international erfolgreichen Hits wie Strangers in the Night oder New York ab, so ist das, was mit dem typischen Sinatra – Sound beschrieben wird, seine Arbeit für Capitol Records. Neben den unvermeidlichen Swing – Platten sind es hier vor allem die Alben mit Balladen, die die Größe des Sängers Sinatra begründen. Albumtitel wie In the wee small hours, No one cares, Only the lonely oder Songs for young lovers leben von der unvergleichlichen Art, mit der es Sinatra verstand, die Trostlosigkeit des Einsamen mit der Melancholie des Weiterlebens zu verbinden. Eines hören wir hier nicht; Verzweiflung. Immer findet sich in der Erinnerung des Verlassenen neben der Einsamkeit auch eine stille Kraft, die in der Melancholie zu liegen scheint, die auch im Schmerz nicht aufgibt, sondern zumindest eine Vorstellung mitschwingen läßt, es könnten auch einst wieder bessere Zeiten kommen, vielleicht irgendwann sogar wieder eine neue Liebe. In diesem Gefühl des Nichtaufgebens, des Weitermachens, der Überwindung, in diesem Trotzalledem, scheint eine der großen Stärken der menschlichen Seele zu liegen, daß sie, wenn sie nicht vollends zerstört wurde, zu einem Gefühl finden kann, daß wir Hoffnung nennen. In diesem Sinne war Sinatra niemals ein Sänger der Hoffnungslosigkeit. Vielleicht der Aussichtslosigkeit, aber das ist etwas anderes. Stimmlich war Sinatra nie besser als zu dieser Zeit, das warme Timbre, die großen Legatobögen, das Gefühlvolle, das niemals in blanken Kitsch abrutscht, sondern stets dem Ernst der Interpretation verpflichtet bleibt, all das also, was einen wirklich großen Sänger auszeichnet, wußte er musikalisch mit traumwandlerischer Sicherheit umzusetzen & mit der passenden Pose zu bekräftigen. Die LP Cover zeigen ihn Nächtens, zumeist rauchend & mit dem unvermeidlichen Hut, an Laternenpfähle oder Hausecken gelehnt, einsam an der Bar, aber auch als weinenden Clown. Sinatra sang im Studio seine Songs in der Regel ohne Schnitte & zumeist bei der ersten Aufnahme perfekt ein. Er hatte ein unfehlbares Gespür für Interpretation, sowie genaue Vorstellungen vom passenden Arrangement. Die im Gegensatz zu den Swingplatten streicherlastigen Orchestrierungen, zumeist abgedämpft & in langen Noten gehalten, schaffen eine ideale Grundlage für die wohltönenden Klagen des Sängers & sind, obwohl vielfach im originalen Mono, auf eine nahezu überirdische Weise zeitlos.

Blick vom leuchtturm am Dornbusch auf Hiddensee, Photo: Heidrun Scholz
Blick vom Leuchtturm am Dornbusch auf Hiddensee,
Photo: Heidrun Scholz

Einsamkeit ist ein innerer Ort, der, oft unabhängig von den äußeren Umständen, individuell wirksam ist. Der westliche Mensch ist heute selten wirklich allein, am Strand von Hiddensee Anfang März vielleicht. Einsamkeit ist ein Gefühl, ein Empfinden, ein Seelenzustand, manchmal auch eine Notwendigkeit. Man kann lieber allein, als zu zweit einsam sein. Sie ist schmerzhaft & sehnsuchtsvoll, sie ist Verzicht & Verlangen. Die großen Sänger des Einsamen, wie Bob Dylan, Frank Sinatra oder Nat King Cole, sangen auf ihre sehr unterschiedliche eigene Art immer auch von der Sehnsucht. Der moderne westliche Mensch neigt zum Romantisieren. Stehen wir heute vor Gemälden  von Caspar David Friedrich, so mag uns seine Kunst menschenentleerter, endloser Landschaften, verlassener trostloser Klosterruinen oder vom Eis zertrümmerter Schiffsrümpfe als eine Bebilderung von Schubert´s „Winterreise“ erscheinen. Friedrich´s im Jahre 1818 entstandenes Bild Der Wanderer über dem Nebelmeer  ist in diesem Kontext geradezu eine sich aufdrängende  Entsprechung für Schubert´s neun Jahre später entstandenen Liederzyklus. Daß die Romantiker in ihrer Epoche mit ihren künstlerischen Werken einem sehr viel weiter gefaßten Bedeutungskanon folgten, ist heute allerdings höchstens noch Kunsthistorikern hinlänglich bekannt.

Die Metaphorik der Einsamkeit ist auch dieser Tage noch ein höchst wirksames Stilmittel, beabsichtigt oder in ihrer Wirkung durchaus auch zufällig (?), z.B. wenn wir an Lana del Rey´s großartige Hymne Video Games denken, dieses Monument des Einsamen, in der sehr viel von eindeutigem Wunsch, jedoch nicht von dessen Erfüllung die Rede ist. Höchst bemerkenswerter Weise erscheint die Sängerin auf dem Cover wie auf einem Hopper Gemälde: ausdruckslos, mit starrem Puppengesicht, blickt sie durch uns hindurch, in blendend weißer Bluse, unter der ein roter BH schimmert, vor einem Wellblechzaun & einem viel zu strahlenden blauen Himmel, an dem vereinzelte Wölkchen sichtbar sind. Die Tageszeit bleibt – man möchte sagen, natürlich – indifferent. Hier trifft Hopper auf David Lynch. Selten gab es in jüngerer Zeit einen Auftritt, der in sich derart stringent & in seiner Wirkung, im Zusammenspiel von Text, Musik, Produktion & äußerer Erscheinung so emotional tiefenwirksam war.

Wie sich die Zeiten ändern. 1966 reichte Paul Mc Cartney für sein Ewigkeitsmomentum aller Einsamen dieser Welt, Eleanor Rigby, noch ein Streichquartett. Das verstörend Eindringliche dieses Liedes liegt darin, daß es in der Beschreibung kleiner prägnanter, genau beobachteter & mit wenigen Worten ausgedrückter Szenen aus dem verzweifelten Leben der beiden Protagonisten im Realen bleibt. Es ist somit gänzlich frei von Metaphorik & Assoziation, & deswegen vollständig unromantisch. Mc Cartney braucht zwei Minuten & sechs Sekunden, um dem Zuhörer ein Kompendium zu erschließen, aus dem andere einen Roman von 300 Seiten machen würden. Er wertet nicht, er beschreibt lediglich, auch das trägt maßgeblich zur erschütternden Wirkung des Liedes bei. Hier sitzt jedes Wort, jeder Ton & wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige, der nicht müde wird zu behaupten, daß in spätestens 100 Jahren die Beatles mit ihrem musikalischen Schaffen gleichberechtigt neben Franz Schubert stehen werden.

Wald am Strand von Hiddensee / Westküste
Wald am Strand von Hiddensee / Westküste

Im Jahre 1980 veröffentlichte das englische Quartett The Cure ihre zweite Platte, Seventeen Seconds. In diesem Jahr war der Punk längst kommerzialisiert, die Sex Pistols bereits seit zwei Jahren Geschichte & das Wilde, das Ungestüme & Dreckige des Punk in einer Richtung aufgegangen, die sich intellektueller, grüblerischer & formal offener gab, der sog. New Wave. Revolutionäre & Künstler wie die Band CRASS waren zwar noch aktiv, aber Großbritannien befand sich unter der Thatcher Ära inmitten eines tiefgreifenden sozialen Umbruches. Dieser führte musikalisch betrachtet einerseits zu untergründigem revolutionärem Aufbegehren (CRASS u.a.), andererseits jedoch zu einem entpolitisierten Hedonismus in Form der New Romantics & ihrem weichgespülten gefälligen Neopopsoul, sowie anderen geschmacklichen Entgleisungen, die in diesem schrecklichen Jahrzehnt Popmusik weitgehend unerträglich machten. Die frühen Cure standen noch in der formalen Tradition des Punk, wenngleich Ihnen das Ungestüme, das Verzerrte & Schreiende vollkommen fehlte. Die Songs sind ziemlich kurz, gitarrendominiert & rhythmisch an arpeggiohaft gespielten oder durchgeschlagenen  Achtelfiguren orientiert. Der Gitarrensound ist klar, weitgehend unverzerrt, dafür aber durchgehend mit Flanger – Effekten unterlegt. Der Baß spielt oft konfigurativ, nimmt Melodiefragmente auf oder gibt sie vor, das Schlagzeug spielt ausschließlich das minimal Erforderliche, hin & wieder von prägnantem weißen Rauschen einer Syn – Drum ergänzt. Die Gesangsstrophen sind kurz, die Stimme von Robert Smith schwankt zwischen Hysterie & Verzweiflung, die Texte sind traurig – vergrübelt. Sehr interessant, & für die emotionale Wirkung der Platte mit ausschlaggebend, sind die überaus einfach gehaltenen, aber klanglich sehr genau ausgesuchten melodischen Fragmente eines Synthesizers, die sich, manchmal eher untergründig wahrnehmbar, in die Songs hineinschleichen, das Geschehen harmonisch ergänzen & zusammenhalten & die Platte erst zu dem machen, was sie bis heute ist: Ein singulärer Versuch, Verzweiflung, Abschied, Verlust & Trauer in Töne zu fassen.  Diese Wirkung ist unabhängig vom unterschiedlichen Tempo der einzelnen Nummern, die Platte ist ein in sich komplett geschlossener Kosmos von menschlicher Einsamkeit & Verzweiflung, sternenkalt & verloren.

Dieser Eindruck hat sich mir seit dem Erscheinen der Platte bis heute losgelöst von persönlicher & musikalischer Entwicklung erhalten. Eine derartige emotionale Nachhaltigkeit gelingt nur sehr Wenigen & ist genreunabhängig. Auch The Cure selbst haben sie danach nie wieder erreicht. Es gibt diese Ereignisse singulärer musikalisch – emotionaler Vollkommenheit, dieses Erreichen & Umsetzen einer künstlerischen Vorstellung, eines vertonten emotionalen Standpunktes nicht sehr häufig. Wenn, dann entstehen allerdings zumeist Platten, die über ihre Epoche, ihren Stil & ihre  musikalisch – akademische Bedeutung weit hinausweisen. Das Cover von Seventeen Seconds zeigt, ein gewisses Vorstellungs- & Assoziationsvermögen unterstellt, einen lichten Wald, der von tiefem Nebel durchzogen ist, sodaß die Bäume kaum sichtbar sind. Der Hörer durchstreift diesen Wald, verirrt sich & wird ihn schwerlich wieder verlassen können.

In einem anderen musikalischen Kontext, dem nur scheinbar bekannten Hotel California der US – amerikanischen Band The Eagles, in dem die Sonne genau die selbe fröstelnmachende Kälte erzeugt wie wir sie in den Bildern Edward Hopper´s finden, lautet die Schlußzeile:  „You can check out any time you like – but you can never leave.“  Wer öfters in Hotels übernachtet, weiß, daß dies zumeist ziemlich einsame Orte sind & den Wald als Sinnbild innerer & äußerer Verlorenheit, als ein Abseitsgehen vom Treiben der Welt, kennen wir spätestens seit Hänsel & Gretel & finden es in philosophisch – widerständiger Tiefe bei Ernst Jünger.

In der Kölner Ausstellung war auch das letzte Bild zu sehen, das Edward Hopper im Jahre 1965 gemalt hat. Es heißt Two Commedians & zeigt zwei Schauspieler im Kostüm der Commedia dell´arte, die sich vor bereits geschlossenem Vorhang vom Publikum verabschieden. Es ist eines der sehr wenigen Bilder des Künstlers, das sich in Privatbesitz befindet. Es gehört der Witwe von Frank Sinatra.

Februar 12

Fremd bin ich eingezogen . . .

Gedanken zu John Neumeier´s Choreographie der „Winterreise“ . . .

Im Jahre 1827, ein Jahr vor seinem Tode, komponierte Franz Schubert einen Zyklus von 24 Liedern mit Klavierbegleitung nach Gedichten von Wilhelm Müller mit dem Titel „Die Winterreise“. Schubert selbst sprach von einem „Zyklus schauerlicher Lieder“. In diese Lieder ist seitdem sehr viel hineininterpretiert worden. Hier mag durchaus auch verborgen Zeitgeschichtliches mit hineinspielen, wie dem bemerkenswerten, kürzlich erschienenen Buch „Schubert´s Winterreise“ von Ian Bostridge, selbst einer der weltweit führenden Liedinterpreten, zu entnehmen ist. Das Geschehen zeigt uns einen Wanderer, der am frühen Morgen das Haus seiner noch schlafenden Geliebten verläßt, Abschied nimmt & sich auf eine Reise durch die winterlich karge Landschaft macht, deren Ziel offen bleibt. Im letzten Lied trifft er an einem zugefrorenen See auf einen einsamen Leierkastenmann, der den Tod symbolisiert. In den 24 Liedern werden unterschiedliche Seelenzustände des Wanderers beschrieben & immer wieder tauchen auch Erinnerungen an glücklichere Tage auf. Soweit zum äußeren Rahmen.

Im Jahre 2001 choreographierte John Neumeier, Intendant des Hamburg Ballett, diese Lieder für sein Ensemble. Dankenswerter & kluger Weise verwandte er die Instrumentierung der Lieder für Tenor & Kammerorchester, die der Komponist & Dirigent Hans Zender im Jahre 1993 geschaffen hat. Im eigentlichen Sinne handelt es sich um eine Neukomposition unter Beibehaltung der Gesangsstimme. Zender zerlegt die Harmonien & Figuren der Klavierstimme, setzt sie neu zusammen, verwebt sie eng mit Klangbildern Neuer Musik & schärft sie rhythmisch. Dadurch entsteht einerseits etwas Neues & Eigenständiges, andererseits gelingt es Zender dadurch aber auch, die psychischen Abgründe des Wanderers klanglich bloßzulegen. John Neumeier schreibt dazu: „Hans Zender zeigt die Brüche auf, vergrößert die Kontraste, verschärft die Akzentuierungen, sodass für uns die „Winterreise“ wieder so ungewohnt und wild klingt wie das Original zur Zeit seiner Entstehung.“ Ich möchte hinzufügen, die „Winterreise“ bekommt auf diese Art etwas bewußt Zeitloses.

Hamburg, Stadtpark
Hamburg, Stadtpark

Im Eingangsbild der Aufführung kämpft sich ein Mann in hochgeschlossenem Mantel, ausgestattet mit Zylinder & Schirm, zeitlupenartig durch Schnee & Sturm. Währenddessen sehen wir einen jungen frierenden Mann mit einem viel zu großen Pullover den Unbillen des Wetters ausgesetzt. Er hat zuvor versucht, mit Koffern eine dem Licht nach warme Behausung zu verlassen, & scheitert an der Enge des Durchlasses. Die Koffer bleiben zurück, ein starkes Bild. Der Mann ist verzweifelt. Beide nehmen keinen Kontakt zueinander auf. Dies ist einer der zentralen Eindrücke dieser Choreographie, die Einsamkeit, der immer wieder auf´s Neue unternommene Versuch, aus ihr auszubrechen & das unvermeidliche Scheitern. Verbindungen gelingen, wenn überhaupt, nur sehr kurzfristig, das Miteinander wird entweder abrupt abgebrochen oder ähnelt einem Kampf zweier Beziehungs- & Bindungsloser. Verzweifeltes Suchen trifft dann auf ebenso verzweifeltes Entfliehen. Dies wird überaus eindrucksvoll im Pas de Deux von Aleix Martinez & dem wunderbaren Alexandre Riabko deutlich. Die Bewegungsbilder entsprechen dem Neumeier´schen Repertoire, sind unschwer als seine Kreation zu erkennen. Insgesamt wird auffallend wenig getanzt im „normalen“ Sinne, viele Bewegungen & Interaktionen besitzen einen eher pantomimischen Charakter, was das Darzustellende unterstreicht, es gleichzeitig jedoch auch stark fragmentiert. Natürlich ist die „Winterreise“ kein Handlungsballett, beschrieben werden Seelenzustände. Die Vervielfältigung der Figur des Wanderers, eines von Neumeier´s gern genutzten Stilmitteln, steht für die untergründige Komplexität der Hauptfigur, oder sollte man sagen, der einzigen Figur – bis auf den schlußbildlichen Leierkastenmann, hier ein Trommler, von Ivan Urban großartig dargeboten.

Überhaupt die „Alten“, die Tänzer & Tänzerinnen, die uns seit so vielen Jahren begleiten, uns ans Herz gewachsen sind & das Gefühl vermitteln, einzigartig & unerreicht zu sein. In dieser Aufführung vor allem Alexandre Riabko, Carsten Jung & Ivan Urban. Silvia Azzoni war krankheitsbedingt leider nicht zu sehen. Es ist schwer zu beschreiben, was den Unterschied ausmacht. Wahrscheinlich ist es dieses letzte geheimnisvolle Etwas an künstlerischer Reife & Größe, ein Mysterium, das sich aus scheinbar grenzenlosem technischen Können & jahrelanger oder oft auch jahrzehntelanger Erfahrung speist. Bemerkenswert in dieser Wiederaufnahme die zentrale Figur des Wanderers, dargestellt vom 22 jährigen Aleix Martinez, dem es gelingt, dieser Figur eine erschütternde Tiefe & Ernsthaftigkeit zu verleihen, die dem Tänzer der Erstaufführung, Yukichi Hatori vollkommen abging. Wie dieser einst zum Publikumsliebling & eindeutigen Protege Neumeier´s aufzusteigen vermochte, bleibt einmal mehr rätselhaft. Wo dieser sich damals durch die Aufführung zappelte, gelingt Martinez heute eine Darstellung von ergreifender Intensität. Herausragend auch die junge Hayley Page. Im Lied „Der Lindenbaum“, der, die Spitze nach unten gekehrt, vom Schnürboden herabgelassen wird, verdeutlichen beide, wie weit dieses Lied im Kontext des Zyklus vom romantisch – kitschigen Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore“ entfernt ist. Wir hatten das Glück, sowohl die Besetzung der Erstaufführung zu sehen, bei der mit so großartigen Tänzern wie Otto Bubeniczek, Lloyd Riggins, Ivan Urban, Silvia Azzoni,  Alexandre Riabko,  Carsten Jung  u.a. schnell klar wurde, daß dieses Ballett neben „Nijinsky“ mein persönlicher Favorit im Repertoire sein würde, wie auch die Besetzung der Wiederaufnahme, bei der neben den bereits Erwähnten besonders Leslie Heylmann, Helene Bouchet & Anna Laudere (erwartungsgemäß) überzeugten. Damals stand am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Peter Hirsch, heute der so überaus zuverlässige Simon Hewitt, dem es offensichtlich gelungen ist, den stark schwankenden Leistungen des Orchesters eine auch in sehr schwierigen Partituren wie dieser adäquate & ansprechende Darbietung abzuverlangen. Der Tenor Rainer Trost profitierte von der Orchestrierung der Begleitung, allein mit Klavier wäre der Eindruck möglicherweise nicht ganz so positiv ausgefallen.

Mauchen, Stadt Schliengen / Südbaden
Mauchen, Stadt Schliengen / Südbaden

Abschließend ist festzustellen, daß die „Winterreise“ meiner Auffassung nach die bislang letzte wirklich in jeder Hinsicht überzeugende Choreographie Neumeier´s darstellt, nicht nur aufgrund der herausragenden Tänzer, über die er verfügt, sondern als Ganzes, als Gesamtkunstwerk aus Musik, Bühne, Licht, Bewegung & Tiefe. Genau das ist es, was Ballett so einzigartig macht, das Zusammenspiel dieser Faktoren.

Am Ende des Liedes vom Lindenbaum heißt es: „Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort, und immer hör´ ich´s rauschen: Du fändest Ruhe dort.“

September 26

Die Abschaffung des Menschen

… Cattle Decapitation oder die antinatalistische Vertonung …

„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

1. Buch Moses / Kap. 1

„Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben!“

Leo Tolstoi

„The human animal so similar in so many ways to our mammalian counterparts, experimented on in torturous ways. We’ve freed the „specimens“ . We’ve taken over the facility. We’ve captured these torturers. Time to teach them some humility“ (Ü 1)

Cattle Decapitation / Clandestine Ways (Krokodil Rot) / Anthropocene Instinction

„Es ist ein schlechtes Argument, daß Grausamkeit gegen Tiere zu Grausamkeit gegen Menschen führe; als ob bloß der Mensch ein unmittelbarer Gegenstand der moralischen Pflicht wäre, das Tier bloß ein mittelbarer … Die Menschen sind die Teufel der Erde und die Tiere die geplagten Seelen …“

Arthur Schopenhauer / … über das Tier (aus Wagner / Schopenhauer – Register)


„Die ungehemmte Vermehrung, als natürlicher Anspruch überall bejaht, von Kirchen und Staaten gar gefordert, ist als solche schon ein potentieller Eroberungsakt. Geburtenbeschränkung dagegen wird einst ein unumgänglicher Friedensakt sein“

Karl Jaspers

 

Dämmerung …

Dieser Artikel stellt Fragen. Er gibt keine Antworten. Er zeigt keinen Ausweg. Er benennt Fakten & überläßt den Umgang mit ihnen dem Leser. Er benennt allerdings eine Möglichkeit. Diese Möglichkeit zu bedenken ist ihm Sinn genug … Dieser Artikel stellt außerdem das Wirken einer Band vor, deren Rezeption hierzulande einer erhöhten Aufmerksamkeit bedarf, auch wenn es die Aufmerksamkeit Weniger bleiben wird … Dieser Artikel verwendet erstmals keine Photos, sondern Links zu Videos, deren Inhalt von z.T. expliziter & verstörender Grausamkeit ist. Sie zeigen, wozu Menschen in der Lage sind. Sie zeigen, was Menschen gleichmütig hinnehmen. Daß dies keine Gewaltpornographie ist, sondern vielmehr text- & absichtsbezogene Notwendigkeit, erschließt sich beim Lesen von selbst. Es sei gleichwohl daran erinnert, daß das Öffnen & Anschauen der Videos der Verantwortung des Lesers obliegt & nicht der des Autors… Dieser Artikel benennt Reaktionen zwischen Folter & Musik, letztlich zwischen Tod & Leben. Die Möglichkeit, die er benennt, mag den Tod überwinden…

Morgens ….

This soil is tainted (1) … dieser Boden ist verseucht. Es ist nicht notwendig, in diesen wenigen Worten einen metaphorischen Euphemismus sehen zu wollen, ein Blick in den Report des Club of Rome (2) aus dem Jahre 1972, sinnvoller Weise Die Grenzen des Wachstums betitelt, erweist sich als vollkommen ausreichend. Es wurde ein Kollaps des Planeten innerhalb der nächsten 100 Jahre vorhergesagt für den Fall der damals belegbaren Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltzerstörung, der Nahrungsmittelproduktion & der Ausbeutung von Rohstoffen. Dieser Report wurde erstmals durch die Auswertung der zur Verfügung stehenden Daten durch einen Großrechner erstellt, war also nicht das Ergebnis misanthropisch gesonnener Schwarzseher. Die Erhebung der Daten wurde 1992 mit ähnlichem Ergebnis aktualisiert, im Jahre 2004 kam der Club of Rome zu dem wenig überraschenden Ergebnis, daß der Kollaps bis zum Jahre 2100 eingetreten sein wird, bei Fortführung des business as usual sei dies bereits ab dem Jahr 2030 zu erwarten. Gegenwärtig liegt der vom C.o.R. aktualisierte Eintritt des Zusammenbruchs im Jahre 2052. Diesen Prognosen liegt eine Vielzahl unterschiedlich berechneter Szenarien zugrunde, deren Ergebnisse analysiert & zusammen gefaßt wurden. Die Ergebnisse der Studien wurden weltweit kontrovers diskutiert. Das Einzige, was nicht ernsthaft diskutierbar erschien, war die Qualifikation der Mitglieder des C.o.R. Darüber hinaus allerdings sind die ökonomischen Interessen multinationaler Konzerne einerseits & der hirnlose Konsumwahn des Menschen andererseits virulent & die davon beeinflußten Entscheidungen der politisch Verantwortlichen weltweit offensichtlich nicht gewillt, den beschriebenen Entwicklungen & den daraus resultierenden Szenarien Rechnung zu tragen. Dies wird schon bei den Verhandlungen zu einem Weltklimaabkommen, den Geheimverhandlungen zu TTIP & den Diskussionen & Entscheidungen rund um das Thema regenerativer Energien überdeutlich. Es ist auch nicht so, daß der C.o.R. die einzige Organisation wäre, die sich mit dem Umgang der Menschheit mit ihrem Planeten befaßt, eine große Vielzahl teils mehr oder weniger themenzentrierter Organisationen arbeitet an ökologischen & tierrechtlichen Themen & setzt sich kritisch bis ablehnend mit der politisch – ökonomischen Realität auseinander.

In Australien werden Lämmer bei lebendigem Leibe gehäutet. Das geht schneller, als sie erst noch zu töten. Felle werden im Akkord abgezogen. Die Tierschutzorganisation PETA (3) hat dies mit grauenvollen, schwer erträglichen Videos dokumentiert. Ich habe lange nachgedacht, ob ich diese Bilder, & andere, die noch folgen werden, auf dieser Seite zur Verfügung stelle. Sie sind schockierend & verstörend. Sie sind von expliziter Grausamkeit. Sie zeigen, wozu sich als aufgeklärt & zivilisiert bezeichnende Menschen in der Lage sind, als Täter oder Zuschauer, oder als Dulder, Wegschauer & Ignoranten, als Mittäter also. Ich habe mich aus genau diesen Gründen entschieden, dies zu tun.

http://wolle.peta.de/

Im arabisch- muslimischen Kulturraum sprengen angeblich gottesfürchtige Muslime andere angeblich gottesfürchtige Muslime in die Luft, enthaupten sie oder massakrieren sie – auch Frauen & Kinder – nach Belieben. Grund: ein 1300 Jahre alter Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed. Letztlich stehen die sunnitischen Mörderbanden des IS, von arabischen Fürsten- & Königshäusern bestens unterstützt, gegen das klerikal – faschistische Terrorregime im Iran.

In Afrika massakrieren Angehörige des einen Stammes Angehörige eines anderen. Bis hin zum Völkermord in Ruanda, bei dem zwischen 800 000 & 1 000 000 Menschen abgeschlachtet wurden.

In deutschen Schlachthöfen werden trächtige Kühe geschlachtet, die ungeborenen Kälber werden weggeworfen, man läßt sie vorher ersticken.

Auf den zu Dänemark gehörenden Färöer, einer Inselgruppe im Nordatlantik, werden aus traditionellen Gründen jährlich Hunderte von Grindwalen mit Motorboten an den Strand getrieben & im seichten Wasser auf grausamste Weise dahingemetzelt. Dabei wird ihnen eine Lanze durchs Atemloch gestoßen, anschließend werden die zumeist danach noch lebenden Tiere bei lebendigem Leibe zerteilt. Dies geschieht, aufgrund des massiven internationalen Protestes & des Einschreitens von Organisationen wie Sea Shepherd (4) unter dem Schutz der dänischen Kriegsmarine, also einer EU & Nato Flotte. Soviel zur sog. Wertegemeinschaft, als die sich die EU so gerne bezeichnet. Die Verwaltung der Färöer bezeichnet seit 2008 das Fleisch von Grindwalen als für den menschlichen Verzehr ungeeignet, da es mit Schwermetallen verseucht ist. D.h. das Gemetzel findet nun weiterhin aus „kulturellen“ Gründen statt. Menschen, die sich dagegen wenden, werden verhaftet. Es ist auf den Färöer strafbar, eine gesichtete Walschule nicht zu melden. Im Folgenden ist ein Video eingestellt, welches Sea Shepherd dieses Jahr am Strand der Färöer gedreht hat.

/www.sea-shepherd.de/grindstop/

Dieser kurzen Einleitung ist zu entnehmen, daß es eigentlich niemanden gibt, der sagen könnte, er habe es nicht gewußt. Kein Entscheidungsträger in Politik & Wirtschaft, kaum ein Konsument wird glaubhaft versichern können, die Fakten seien ihm nicht bekannt gewesen. Zu erklären wäre, sie ignoriert zu haben.

San Diego / Kalifornien im Jahre 1996: Als Nebenprojekt der Grindcore Band The Locust wird Cattle Decapitation (Vieh / Rinderenthauptung) gegründet. Im Jahre 1999 erscheint deren erste EP Human Jerky, auf der bereits der thematische Schwerpunkt der Band deutlich zutage tritt: explizite Szenarien von Tierquälerei in Schlachthöfen, Tierverwertungsproduktion & Laboratorien, sowie Verzweiflung & Wut über das moralische Desinterese & Versagen der menschlichen Konsumenten. „Stranded, bolted to the floor to later be basted in its own fluids chopped in half collapse from exhaustion caligular method of food preparation rusty nail-driven hooves thrown in for texture and tenderness denatured and quartered! The recipes complete lambchopped carnage appetite for death.“ (Ü 2) (Cattle Decapitation: Veal and the cult of torture / Human Jerky / 1999 ). Der zweite inhaltliche Aspekt der Texte, die zivilisatorische Inkompetenz durch das Versagen beim Umgang mit der unbeschreiblichen massenhaften Brutalität Mitgeschöpfen gegenüber & die Frage nach der moralischen Vorwerfbarkeit, verdeutlicht sich in folgendem Text: „Brainwashed. Possessed. I dont even know who you are anymore. Abducted. Pod person. Even you don´t know who you are. Regression. Metamorphosis for shit.“ (Ü 3) (Cattle Decapitation: Bodysnatcher / Human Jerky). Die Musik ist Grindcore, also extrem schnelle, harte & sehr kurze Songs mit schwer erkennbarer Struktur. Die Platte beinhaltet 18 Titel, von denen 15 deutlich kürzer als eine Minute sind. Im Jahre 2002 erscheint das Debutalbum To serve Man. Stilistisch entfernen sich C.D. hiermit vom Grindcore der Anfangstage & verweisen nun eher auf Bands wie Carcass oder Cannibal Corpse. Der wesentliche Unterschied zu diesen ist jedoch der inhaltliche Gestus. Vertonten die frühen Carcass noch Obduktionsprotokolle & Cannibal Corpse extreme Gewaltphantasien, so geht es C.D. um einen klaren inhaltlichen Standpunkt von hohem moralischen Anspruch, sowie um die Verzweiflung, nicht nur dessen umfassender Mißachtung, sondern auch um den Schmerz, sich der Gleichgültigkeit & Ignoranz ihm gegenüber ausgesetzt zu sehen. Philip Akoto hat in einer wissenschaftlichen Abhandlung über sozialethische Subversion im Death Metal über C.D. geschrieben: „Brutaler Tod und extremste Gewalt sind [bei Cattle Decapitation] nicht zur bloßen Unterhaltung zum Mittelpunkt der Texte gemacht, sondern sollen normale Fleischproduktion skandalisieren und moralisch diskreditieren.“ (5) Diese Aussage erscheint angesichts der moralisch – ethischen Radikalität & Konsequenz der Texte, ihrer Vertonung & der visuellen Aussage der Videos von C.D. eindeutig zu kurz gegriffen. Es geht vielmehr um die berechtigte Infragestellung der menschlichen Existenz & somit um eines der grundsätzlichsten & umfassendsten Tabus der menschlichen Kultur- Religions- & Geistesgeschichte.

Mittags …

Im Jahre 1920 verfaßte Sigmund Freud eine Schrift mit dem Titel Jenseits des Lustprinzips. Freud stellt hier dem Lebenstrieb (Eros) den Todestrieb (Thanatos) entgegen. Es handele sich hierbei um einen Gegensatz zwischen Leben & Tod, um die Sehnsucht & das Bestreben des Menschen, hier als Subjekt bezeichnet, nach Stillstand & Erhaltung des Geschehens, letztlich um eine Zwangsneurose durch ritualisiertes Handeln. Es geht um den Wunsch nach Vernichtung des Lebendigen. Es ist an dieser Stelle wichtig zu verstehen, daß es sich um einen unbewußten Prozess handelt. Dieser Wunsch kann gegen sich selbst, aber auch gegen andere Menschen gerichtet sein. Gegen sich selbst gerichtet, besteht ein Wunsch nach einem pränatalen Zustand, gegen andere gerichtet, nach Zerstörung & Verletzung. Die Freud´sche Theorie ist umstritten & ideologisiert worden, besonders marxistisch grundierte Analytiker wenden sich entschieden dagegen. Das ist kein Wunder, ging Marx doch unbeirrbar vom Menschen als Subjekt fortschrittlicher Entwicklung aus. Daß dies nicht nur durch die Geschichte eindrucksvoll widerlegt ist, ändert hingegen nichts am Festhalten von Marxisten an diesem (Irr-) Glauben. Der Philosoph Slavoy Zizek schließlich erkennt zwar den Freud´schen Todestrieb an sich an, erklärt ihn jedoch mit dem Gegenteil des Sterbens, nämlich als … „Name(n) für das ‘untote’, ewige Leben selbst, für das schreckliche Schicksal, im endlosen Wiederholungskreislauf des Umherwandelns in Schuld und Schmerz gefangen zu sein…“ (6).

Stellen wir uns an dieser Stelle einige einfache Fragen: Wenn wir ein Auto besitzen, nach welchen Kreterien haben wir es ausgesucht. I.d.R. werden, die Verkaufszahlen belegen dies eindrücklich, Autos nicht nach umweltrelevanten Faktoren ausgesucht, auch nicht nach den realen Bedürfnissen der Käufer, sondern nach Größe & Aussehen. Großstadtbüros bevölkernde Anzugträger & kaum noch gehfähige Rentner haben offensichtlich eines gemeinsam: Ihre Vorliebe für fette SUV´s, also Pseudogeländewagen. Ich weiß nicht, ob es analytische Untersuchungen zum Persönlichkeitsprofil dieser Autobesitzer gibt, interessant wäre es. Ein einfacher Test hingegen reicht. Setzen wir uns zusammen in ein Cafe´ im Centrum der Hamburger Innenstadt & zählen die Autos, die unter dem Begriff SUV subsumiert werden können, & schauen wir, wie viele Personen drin sitzen. Das Ergebnis ist so eindeutig wie erschreckend.

Zweite Frage: Benutzen wir Plastiktüten, &, wenn ja, fragen wir uns, warum wir das tun & was wir damit anrichten. Allein die Frage dürfte bei Vielen Achselzucken & Kopfschütteln auslösen.

Dritte Frage: Steigen wir für eine Inlandsverbindung in den Flieger oder benutzen wir die Bahn. Fragen wir uns im ersten Fall, was das bedeutet, oder sind uns die Folgen des Flugverkehrs egal. Spätestens dann, wenn bei bestimmtem Lichteinfall beim Landeanflug eines Fliegers sichtbar wird, wie über Wohngebieten überschüssiges Kerosien abgelassen wird, könnte das Nachdenken beginnen.

Eine vierte Frage: Wissen wir, was in Ställen & Schlachthöfen geschieht, oder ahnen wir, daß sich spätestens beim schockierenden Anblick dessen, was wir dort sehen, der Magen umdrehen würde. Hat dieser Anblick anschließend Einfluß auf unser Eßverhalten? Einige Zahlen: Im letzten Jahr (2014) sind den Fleischaufzuchts- & Verwertungsfabriken in diesem Lande soviel Tiere wie nie zuvor zum Opfer gefallen. Die Deutschen aßen 2014 pro Kopf 60 Kilo Fleisch. Im Jahre 2012 wurden 627 941 000 Hühner, 58 350 000 Schweine, 37 700 000 Puten, 25 460 000 Enten, 3 244 000 Rinder, 1 085 000 Schafe, 530 000 Gänse & 29 000 Ziegen allein in Deutschland geschlachtet (7). Natürlich wurde ein Teil der zerlegten Leichen exportiert. Es lohnt, an dieser Stelle einen Moment zu schweigen, inne zu halten & darüber nachzudenken, was das bedeutet, zu versuchen, zu erfassen, wie Leben & Sterben dieser Tiere aussehen könnte.

Eine letzte Frage: Wir wissen, was auf Schlachtfeldern geschieht, wie Kriege geführt werden, wir alle haben die Bilder aus Verdun, Auschwitz & My Lai gesehen, wir wissen, wie ein Atompilz aussieht & was er anrichtet. Aber interessiert uns das wirklich? Im Folgenden ist ein Video eingefügt, das einen kleinen Einblick in das „Leben“ & Sterben in der Massentierhaltung eröffnet. Es enthält, darauf sei nochmals ausdrücklich hingewiesen, Bilder expliziter Grausamkeit. Sie ist alltäglich & flächendeckend.

www.youtube.com/watch?v=1ydp0RrCXoI&index=15&list=PLE167048C7EA65C71

Abends …

Bedauerlicherweise ließe sich diese Liste mit Fragen, an das, was wir, also was Menschen tun, beliebig fortsetzen. Über die Abholzung der Regenwälder bis zur Zulassung von umfassenden Saatgut- & Reproduktionsmonopolen, vom Wegwerfen ungeheurer Mengen an Lebensmitteln, dem Überfischen der Meere, dem schon längst nicht mehr beherrsch- oder abbaubaren Müllkontinent, den die Menschheit erschafft, den lächerlich geringen Fleischpreisen bis zum Mißbrauch fossiler Brennstoffe, der Inkaufnahme der finalen Klimakatastrophe, Interventionskriegen der westlichen „Wertegemeinschaft“, dem Wüten klerikal – faschistischer Terrorregime allerlei vorgeblich religiöser Ausrichtung, bis zu antizivilisatorisch anmutenden atavistischen Sippen- & Stammesgesellschaften mit kulturellen Errungenschaften wie Genitalverstümmelung bei Frauen & Blutrache. Nicht zu vergessen eine Fülle von ethnisch aufgehetzten Bürgerkriegen mit tatkräftiger ausländischer Unterstützung, Hungersnöten, Dürrekatastrophen & Artenausrottung. Die Liste ist endlos. Nicht minder lang ist die Liste der Gründe, die für die herrschenden Zustände ins Feld geführt werden & die je nach Geistes- & Gemütslage, politischer Sozialisation, Erziehung & anderen Realitätssurrogaten zu einem bunten Strauß an Erklärungen gebunden wird. Mal ist es der Kapitalismus, der generell für alles Böse auf der Welt herhalten muß, mal sein Gegenteil, der Sozialismus, den einen ist es der Glaube an den falschen Gott, anderen hingegen die allgemeine Gottlosigkeit. Eurozentristische Zivilisations- & Entwicklungshybris wird gegen flächendeckende Unterentwicklung z.B. in Afrika ins Feld geführt, nicht zu vergessen der Imperialismus, das allgemeine Vormachtstreben, fehlende Bildung & noch Vieles andere mehr. Das mag alles dem einen oder anderen zur Erklärung dienlich sein, man bezeichnet das dann gerne als Verstehen, als Erkenntnis oder Analyse. Allerdings sollte es um die Feststellung gehen, daß der Mensch ein zutiefst amoralisches Wesen ist. Unabhängig von Geburt, Bildung, sozialer Stellung, Herkunft & Nationalität ist er das eigentliche & tatsächliche Problem dieser Welt. Deshalb sollte er abgeschafft werden. Die in diesem Sinne „humanste“ Methode zur Abschaffung des Menschen ist der Antinatalismus.

„Continents of trash of which you’ve laid your stake on a mountain of garbage, from your hands it was made. There stands the monolith of inhumanity, an indestructible testimony of a technological society. You alone are your disposal, a lifetime of stains wasting away slowly down the drain. No mercy, no reprisal, no second chance. From junk we have emerged slaves willing to serve our own damning demands from our own damning hands de-evolved man …“ (Ü 4) (Cattle Decapitation / Your Disposal / Monolith of Inhumanity / 2012 ). Der Sound von C.D. hat sich mittlerweile vom Grindcore entfernt, komplexe Death- & Thrashmetal – Strukturen in längeren durcharrangierten komplexen Stücken zeigen das große handwerkliche Können der Band. Besonders Schlagzeuger David Mc. Graw erweitert deutlich die Grenzen der technischen Spielbarkeit seines Instruments innerhalb des Metal. Die Songs sind nunmehr Ausweis eines weiterhin gestiegenen Anspruchs an die Ernsthaftigkeit der eigenen Aussage & deren Vermittlung. Es mag Szene – Autisten geben, die darin einen Verrat an der reinen Lehre des Grindcore, will meinen des musikalischen Untergrunds sehen wollen, damit muß man rechnen. Die Band wirkt allerdings immer noch, vielleicht auch gerade durch den extrem hohen strukturellen Aufwand, regelrecht verstörend, besonders live. Der Special Edition von The Anthropocene Instinction von 2015 liegt eine DVD bei, die einige Songs aus dem Set der Band auf dem Partisan Open Air aus dem Jahre 2012 in sehr guter optischer & akustischer Qualität enthält. Bislang (September 2015) ist er noch nicht auf you tube aufgetaucht. Die dort gezeigten Amateuraufnahmen sind unbrauchbar. (Nachtrag v. 29.3.2016: Die Aufnahmen vom Partisan 2012 wurden zwischenzeitlich auf You Tube veröffentlicht, hier der link:

https://www.youtube.com/watch?v=ZTUgbnmyojE  

C.D. sind sicherlich nicht die einzigste Metal – Band, die sich u.a. auch für Tierrechte einsetzt. Mille Petrozza, Songschreiber, Sänger & Gitarrist der Essener Thrash Metal Ikone Kreator z.B. ist Veganer & unterstützt PETA. Auch bei Kreator geht es vorwiegend um das Ende der sog. Zivilisation. Die umfassende Gründlichkeit & gedankliche Tiefe hingegen, mit der C.D. sich des Themas annimmt, hat eine besondere Qualität. Es folgt hier das Video zu Your Disposal.

www.youtube.com/watch?v=szOlMfoN-jU

Die Band kommentiert das Gezeigte folgendermaßen: „Director Mitch Massie has presented us all with a bizarre retelling of the story of Adam and Eve using themes from our latest album Monolith of Inhumanity. Here we see Eve giving birth to humanity, a living, breathing piece of primordial meat birthed into the dirt making its way through the Garden of Eden, hellbent on destruction… A clean and conscious monolith foretelling what could be possible given the fact that humans exhibit superior traits of intelligence, instead the earth is flooded with technological fallout and debris by the hands of man.“ (Ü 5).

Nachts …

Im Jahre 1983 veröffentlichte der Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Philosoph & Professor für englische & amerikanische Literatur der Uni Gießen, Ulrich Horstmann, ein Traktat mit dem Titel Das Untier – Konturen einer Philosophie der Menschenflucht (8). Der Text stellt eine radikale Variante der seit der Antike bekannten Philosophie des Antinatalismus, also des freiwilligen Endes der menschlichen Reproduktion, dar. Zitat: „Die Apokalypse steht ins Haus. Wir Untiere wissen es längst, und wir wissen es alle. Hinter dem Parteiengezänk, den Auf- und Abrüstungsdebatten, den Militärparaden und Anti-Kriegsmärschen, hinter der Fassade des Friedenswillens und der endlosen Waffenstillstände gibt es eine heimliche Übereinkunft, ein unausgesprochenes großes Einverständnis: daß wir ein Ende machen müssen mit uns und unseresgleichen, so bald und so gründlich wie möglich – ohne Pardon, ohne Skrupel und ohne Überlebende.“  & weiter: „Und vielleicht ist das Untier mit all seinem Erfindungsreichtum, seinem Selbstbewußtsein und seiner Philosophie nicht die Krone der Schöpfung, sondern bloß ihr Strick …“ Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß, zeitgeschichtlich betrachtet, Horstmann´s Traktat durchaus auch als Improvisation über die Themen aus der Hochzeit der Friedensbewegung gelesen werden kann & ebenfalls nicht, welche nahezu obszöne Wirkung der Text auch heute noch auf das Denken der i.d.R. anthropozentristischen Rezipienten hat. Im hier angesprochenen Kontext einer fortschreitenden globalen Vernichtung von Arten & Lebensraum nichtmenschlicher Existenzen erscheint der Antinatalismus als die einzig nachhaltige & zuende gedachte Konsequenz aus der Einsicht in die Unausweichlichkeit der Zerstörung der Lebensgrundlagen dieses Planeten. Das dies auch als die freiwillige Vorwegnahme des Ergebnisses eines ohnehin auf diese Folge ausgerichteten Verhaltens gelesen werden kann, bleibt davon unbenommen & würde demnach lediglich eine humanistische Einsicht in den zutiefst dekonstruktiven Charakter der menschlichen Art bedeuten & die radikalste, wenn auch einzig nachhaltige Lösung des Problems beinhalten. Dem Vorwurf des suizidalen Selbsthasses, der mit diesen Feststellungen automatisch im Raum steht, ist zu entgegnen, daß die antinatalistische Auflösung ein zutiefst moralischer Akt wäre. Dies als Zynismus zu diffamieren, zeugt vor diesem Hintergrund lediglich von der Unfähigkeit des Menschen zu tiefgehender Selbstreflexion seiner eigenen Art & Geschichte, die weitestgehend geprägt ist von seiner Hybris, für jedes Problem stets immer noch eine Lösung gefunden zu haben. Eine Lösung für das größte Problem, nämlich sich selbst, bleibt hingegen unerwähnt.

So gesehen kann & sollte man Cattle Decapitaion (9) letztlich auch als Appell zur finalen humanistischen Leistung hören: der Abschaffung der eigenen Art.

Anmerkungen:

(1) … aus Kingdom of Tyrants (Cattle Decapitation / Monolith of Inhumanity / 2012)

(2) der Club of Rome ist ein Zusammenschluss von Experten verschiedenster Disziplinen aus mehr als 30 Ländern. Sein Sitz ist in Winterthur / Schweiz. Siehe auch www.clubofrome.org

(3) People for the ethical Treatment of Animals (PETA) ist eine Tierrechtsorganisation aus Norfolk / Virginia. Siehe auch www.peta.de

(4) Sea Shepherd Conservation Society ist eine international agierende Umweltschutz- organisation mit Sitz in Friday Harbor / Washington mit dem Schwerpunkt Wal- & Delphinschutz. Siehe auch www.sea-shepherd.de

(5) Philip Akoto: „Menschenverachtende Untergrundmusik ? Todesfaszination zwischen Entertainment und Rebellion am Beispiel von Gothic-, Metal-, und Industrialmusik“ (Telos Verlag / Verlag für Kulturwissenschaft / Münster)

(6) Slavoy Zizek: „Parallaxe“ (Suhrkamp Verlag / Frankfurt am Main 2006)

(7) Quelle: Heinrich Böll Stiftung, Le Monde Diplomatique, Die Welt (veröffentlicht am 9.1.2014)

(8) Ulrich Horstmann: „Das Untier – Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“ ( Medusa Verlag Berlin 1983, später Suhrkamp Verlag Frankfurt 1985)

(9)  www.cattledecapitation.com & www.facebook.com/cattledecapitation

Übersetzungen (bzw. Versuche einer Nachdichtung):

(Ü 1): „Das menschliche Tier, das auf so vielfache Weise dem Säugetier ähnelt ist qualvollen Experimenten ausgesetzt. Wir haben die sog. „Proben“ befreit, wir haben die Anlagen übernommen, wir haben diese Folterknechte gefangen. Es ist an der Zeit, ihnen ein wenig Demut beizubringen.“

(Ü 2): „Gestrandet, mit Bolzen niedergestreckt, später sich in den eigenen Ausscheidungen wälzend, in Hälften gehackt, kollabiert vor Erschöpfung: Caligula Methode zur Erzeugung von Essen. Von rostigen Nägeln getriebene Hufe werden für die Maserung dazugeworfen Zärtlichkeit wird verdorben & geviertelt ! Die Rezepte für dies vollständig lammzerhackte Gemetzel machen Appetit auf den Tod.“

(Ü 3): „Gehirngewaschen. Besessen. Ich weiß nicht mal mehr, wer ihr noch seid. Entführt. In Hülsen verschlossen. Selbst ihr wißt nicht mehr, wer ihr noch seid. Degeneriert: Ihr verwandelt euch in Scheiße.“

(Ü 4): „Kontinente aus Müll; ihr schlagt eure Pfähle in Berge aus Abfall, die ihr selbst geschaffen habt. Dort steht der Monolith der Unmenschlichkeit, ein unverrückbares Zeugnis einer technologischen Gesellschaft. Ihr seid eure eigene Beseitigung, ein Leben als Dreck, der langsam im Abfluß verfault. Kein Mitleid, keine Vergeltung, keine zweite Chance. Aus dem Abfall heraus wurden wir zu willigen Sklaven für die verfluchten Anforderungen unserer eigenen verdammten degenerierten Menschheit.“

(Ü 5): „Regisseur Mitch Massie überraschte uns mit einer bizarren Nacherzählung der Geschichte von Adam & Eva, wobei er Themen unserer letzten Platte Monolit der Unmenschlichkeit verwendete. Wir sehen Eva, die die Menschheit zur Welt bringt, ein lebendes atmendes Stück vorzeitlichen Fleisches, das in den Dreck hinein geboren wird & sich seinen Weg durch den Garten Eden sucht, zerstörerisch und dem Untergang geweiht. Ein klarer & bewußter Monolith, der voraussieht, was möglich sein könnte für den Fall, daß die Menschheit auf herausragende Weise ihre Intelligenz nutzen würde, anstatt die Welt mit technologischem Abfall & Schrott zu überschütten.“