November 16

(literarische) Miniaturen

Grus Grus

Das Auto rumpelt über die Holzbohlen der alten Schwenkbrücke & das Tageslicht schwindet in die Dämmerung. Die Luft ist still & atmet Salzhauch & das Brackwasser des Boddens. Das Auto rollt auf einen Sandstreifen hinter der Brücke & vor dem Schilfgürtel bietet eine kleine sumpfige Wiese den Wartenden Platz. Gelegentlich lachen Möwen. Sonst ist es still bis auf das leise Gurgeln des Wassers an den Brückenpfeilern. Zwischen Tag & Nacht ist die Zeit ihrer Rückkehr. Steht der Wind günstig, kann man sie hören, lange bevor sie sichtbar werden. Doch heute tauchen sie lautlos auf. Die erste Gruppe löst sich aus dem Dunst & kommt in geringer Höhe auf uns zu. Einem schwerelosen Ballett gleich zieht die keilförmige Formation in unsere Richtung. Die synchronen Bewegungen ihrer Flügel erscheinen leicht, fast mühelos. Jetzt sind sie auch zu hören. Ihr Ruf hallt über den Bodden, & dann sind sie über uns, vielleicht fünfzig Meter hoch, langgestreckt die Hälse & Beine, die Flügel in gleichmäßig sanftem Schlag. Nach & nach werden weitere Formationen sichtbar. Immer zahlreicher ziehen sie über uns hinweg. Bald sind es so viele, daß sie in der Ferne noch wie ein einziger dichter Schwarm wirken & sich erst im Näherkommen in einzelne Keile auffächern. Sie lassen uns staunen; sie lassen uns weinen; sie ziehen, mythischen Boten gleich, durch die Jahrtausende. Wir können sie sehen, ihnen einen kurzen Augenblick nahe sein. & als sie vorübergezogen sind, bleiben wir allein mit unserer Sehnsucht.

Tubular Bells

Das einleitende 7/8 – Thema erklingt, als wir auf den kleinen Pfad zwischen den Reben einbiegen. Es ist vollständig dunkel hier, kein Mond, kein Leuchten. Nur der Lichtfinger der Scheinwerfer tastet die Rebstöcke ab. Ein Fuchs kreuzt den Weg, bleibt kurz stehen, & schaut ins Licht. Seine Augen funkeln unnatürlich groß. Als die Blockflöte einsetzt, trabt er gemächlichen Schrittes in den Weinberg. Nebelfetzen ziehen vom Rheintal hinauf, wischen durch den Lichtfinger. Als die ersten Häuser am Ortsrand auftauchen, beginnt das Hauptthema. Grand Piano. In der nahezu dunklen Ortsmitte huschen einige Katzen geduckt & flink ins Abseits, verschwinden in Scheunen & Gärten. Glockenspiel. Auf einer kleinen Anhöhe steht das Haus. Wir schalten den Motor aus, doch wir bleiben sitzen. Two slightly distorted Guitars. Der Chor plärrt aus dem Autoradio, seinem Zauber kann der Klang nichts anhaben. Dieses Jahr auf Platz 198, sagt Mathias Holtmann in die Nacht. Er sagt es leiser als sonst.

Die alte Dame

Die alte Dame tauchte plötzlich auf, niemand hatte sie zuvor gesehen. Sie war sehr alt & das Gehen fiel ihr schwer. Ein schwarzer hölzerner Krückstock gab ihr ein wenig Halt. Sie befand sich stets in Begleitung eines kleinen struppigen Hundes, der, nach Hundejahren betrachtet, genauso alt war wie sie. Eine dünne lederne Leine verband beide, doch diese Leine war lediglich das äußere Zeichen ihrer Verbundenheit. Der kleine struppige Hund ging immer genau einen Schritt vor ihr, alle paar Sekunden sah er sich um, & blickte zu ihr auf. Es sah aus, als wolle er sich versichern, daß die alte Dame noch bei ihm war. Auch dem Hündchen fiel das Gehen sichtlich schwer, es zog das linke Hinterbein ein wenig nach. Die alte Dame sah niemals auf, sie suchte keinen Kontakt mit den Menschen, die ihr & dem kleinen Hund entgegen kamen. Niemals sah man ihre Augen unter dem etwas fadenscheinig gewordenen Hut. Die Leute jedoch wichen den beiden aus, & oft schien es, als geschähe dies aus einer Art Ehrfurcht. Ihre Haltung hatte trotz der Beschwerden, die sie augenscheinlich quälten, etwas sehr Würdevolles. Zuweilen blieb sie unvermittelt stehen, um einen Augenblick auszuruhen, & im selben Augenblick tat dies auch das kleine struppige Hündchen. Dann sah es zu ihr empor, vielleicht einen Augenblick länger als sonst, & nach einigen Sekunden setzten sich beide im selben Moment wieder in Bewegung. Die Dame & das Hündchen schienen in den unzähligen Jahren ihres gemeinsamen Daseins einen inneren Gleichklang gefunden zu haben, in dem der eine ohne den anderen nicht mehr sein konnte. Der Anblick des Paares, denn so konnten die beiden durchaus genannt werden, rührte die Menschen. Befürchtungen wurden geäußert, was denn, im schlimmsten denkbaren Unglück, der eine ohne den anderen täte. Doch niemals wurde die alte Dame angesprochen, niemals wurde ihr Hilfe angeboten. Wahrscheinlich, so dachten die Menschen, hätte sie dies auch so freundlich wie entschieden zurückgewiesen. Etwa ein Jahr lang sahen wir die alte Dame & das kleine struppige Hündchen recht oft. Doch dann, von einem Tag auf den anderen, blieben sie verschwunden.
Das ist nun viele Jahre her, niemand weiß, was aus den beiden geworden ist. Doch ich muß oft an sie denken & dann scheint es, als ob aus der Erinnerung eine Liebe geworden ist.

Hamburg, Hammer Park, Novemberhimmel

Ivanhoe

Wenn die Zeit der fallenden Blätter anbricht, die Luft nach Rauch & nassem Laub riecht & der Wind beginnt, die Bäume kahl zu fegen, dann schlägt die Stunde der Drachen. Mein Vater baute die besten Drachen der Welt. Damals, als noch nicht alles aus dem gelieferten Karton herausgenommen & zusammengesteckt wurde, damals ging mein Vater los & kaufte Tapetenleisten & Glanzpapier. Zu Hause legte er Laubsäge, einen kleinen Bohrer, Leim & Bindfaden bereit & fing an, einen Drachen zu bauen. Er schien die Maße im Kopf zu haben, er brauchte keine Anleitung, hatte nichts notiert & ging mit der ihm eigenen langsamen Gründlichkeit, die stets etwas Pedantisches hatte, zu Werke. Die Länge der Querstrebe hatte in einem bestimmten Verhältnis zur Längsstrebe zu stehen, aus der sich sodann der Punkt ergab, an dem die Querleiste an der Längsstrebe befestigt werden mußte. Mein Vater ging sehr präzise vor. An den Enden der Leisten wurden kleine Löcher gebohrt, durch die der Bindfaden gezogen & verknotet wurde, sodaß er die vier Leistenenden verband. An ein Ende der Querleiste hatte er eine Kerbe gesägt. Vom anderen Ende der Querleiste führte ein Bindfaden zu dieser Kerbe, an dessen Ende mein Vater einen Knoten angebracht hatte. Der Faden war kürzer als die Leiste, sodaß sie mittels des Knotens, den man in die Kerbe einhängte, gespannt werden konnte. Dann legte er das Papier über das Gestell & achtete penibel darauf, daß es nicht zu fest & zu straff gezogen wurde, wenn er es verleimte. Dies, sagte er immer, sei ausschlaggebend für die Flugfähigkeit des Drachens. An das untere Ende kam ein Schwanz aus zusammengefalteten Papierstücken, die an einen weiteren Faden geknotet wurden. Sie sahen aus wie kleine bunte Fächer. Der Bau des Drachens dauerte zwei Tage. Dann wog mein Vater das auffallend leichte Fluggerät in der Hand & justierte, wenn es erforderlich war, noch einmal den Schwanz. Dann gingen wir Samstagnachmittag in den Park. Ich durfte den Drachen tragen, von meinem Vater argwöhnisch beobachtet, daß ich ihn ja nicht durch eine Unachtsamkeit beschädigte. Am Schnittpunkt der Leisten wurde eine Nylonschnur befestigt, die auf ein Spulbrett gewickelt war. Dann hielt ich den Drachen, während mein Vater die Schnur abwickelte, etwa 50 Meter. Dann schaute er, wie der Wind wehte, & auf ein Zeichen hin, gab ich dem Drachen einen Schubs nach oben, während mein Vater an der Schnur zog. Sofort drehte sich der Drachen in den Wind & stieg steil nach oben. Vater grinste, er hatte nichts anderes erwartet.

In diesen Jahren war der Park voll von Jungen & Vätern die Drachen steigen ließen. Doch unser Drachen flog auch dann, wenn die anderen nicht flogen, er stieg in große Höhen, denn die Schnur war 100 Meter lang & sehr leicht. Die Drachen, die mein Vater gebaut hatte, standen fest am Himmel, federleicht & perfekt ausbalanciert. Es war anrührend zu sehen, wie stolz mein Vater auf sein Werk war. & dann, wenn der Drachen am Himmel stand, durfte ich die Schnur halten. Ich dachte dabei an die Abenteuer des Ritters Ivanhoe, die mich damals begeisterten & die mir ebenfalls herbstlich gestimmt erschienen. Vater jedoch beobachtete seinen Drachen genau, sah, wie die anderen Drachen taumelten, abstürzten & sich nach zahlreichen Versuchen endlich in den Himmel quälten. Man konnte sehen, wie sehr er sich darüber freute.
Er hat nie viel gesprochen, aber diese Nachmittage im Park waren die wenigen Stunden, an denen ich sehen konnte, daß er glücklich war.

Schnee

Es hatte seit Tagen geschneit. Erst wurde es weiß, dann wurde es still. Der Schnee verwandelte Formen & Farben, überdeckte Autos & Sträucher, Schaltkästen & Poller, Gehwege & Fahrbahnen. Der Schnee schuf eine neue Landschaft aus Altbekanntem. Vielen Menschen fiel auf, daß nichts mehr zu hören war. Die Vögel hatten sich verkrochen oder um die Futterstellen im Park geschart. Es liefen keine Motoren mehr warm, das Autofahren war untersagt worden. Es gab Menschen, denen die Stille unheimlich war & schwer erträglich. Doch auch auf den notdürftig geräumten Fußwegen wurde das Fortkommen beschwerlich. Die Stadt erstarb unter einer dicken weißen Decke. Sie machten sich auf zu einem kleinen Ort nördlich der großen Stadt, die Bahnen fuhren ja noch, wenn auch – wetterbedingt – nicht regelmäßig. Als sie an ihrem Ziel ausstiegen hörten sie, daß dies der letzte Zug gewesen sei; weitere Fahrten würden eingestellt. Allein standen sie auf dem schlecht beleuchteten Bahnsteig. Sie wurden heute nicht abgeholt, das Fahren sei nun tatsächlich unmöglich geworden, hieß es. So machten sie sich auf, den Ort zu Fuß zu durchqueren. Als sie vor den Bahnhof traten, blickten sie auf eine weiße Wüste aus kleinen Hügeln, unter denen sich Autos befinden mußten, & große weiße Flächen, die im Licht der fahlen Straßenlaternen seltsam glitzerten. Sie suchten nach einem freigeschaufelten Weg, nach einer Möglichkeit, ihr Ziel halbwegs bequem zu erreichen. Doch mußten sie feststellen, daß es keinen Weg gab. Sie kämpften sich durch den Schnee, der stellenweise hüfthoch auf den Straßen lag. Nachdem sie einige Meter vorangekommen waren, sahen sie selbst aus wie Schneemänner, die sich mit grotesken Bewegungen durch ihr eigenes Element kämpften. Der Ort hatte sein Gesicht vollständig verändert, sie konnten sich nur noch an den Häusern orientieren. Sie benötigten zwei Stunden für eine Strecke, die an normalen Tagen in einer Viertelstunde zu bewältigen war. An ihrem Ziel angelangt, wurden sie gut vorbereitet empfangen. Heißes Wasser für ein Fußbad stand bereit & der Grog dampfte aus stabilen Henkelbechern. Sie waren so müde, daß sie nicht mehr sprechen konnten, & gingen, vom Grog & dem Fußbad wohlig erwärmt, sofort schlafen.
Am nächsten Morgen standen sie am Fenster & sahen in den Vorhang aus tanzenden weißen Flocken. Sie sahen sich an & lächelten.

Transistor

Meine erste Reise in die Welt hinaus verdankte ich einem kleinen schwarzen Kästchen. Mein Vater hatte es mir geschenkt. Er sagte, es gäbe viel zu entdecken dort draußen. Radiohören sei ein Spaziergang durch die Welt. Vielleicht war er es jedoch auch einfach leid, daß ich im Wohnzimmer saß & an dem großen alten Blaupunkt herumdrehte. Das hatte ein magisches Auge. So nannte man damals ein kleines rundes Leuchtfenster, in dem sich eine grüne Elektronenröhre befand, mit deren Hilfe die Feinabstimmung bei der Sendersuche erfolgte. Das Radio, natürlich ein Röhrengerät & vorne mit dickem Stoff bespannt, hatte einen schönen Klang & roch angenehm nach Holz. Erwärmten sich die Röhren, wurde der Geruch stärker. Ein großer schwerer Drehknopf diente der Suche nach Sendern, ein weiterer, auf der anderen Seite, der Lautstärkeregelung. Dazwischen befand sich eine Reihe großer Bakalittasten, über denen eine zweite Reihe wesentlich kleinerer Tasten angebracht war. Mit den großen wählte man einen Wellenbereich, oder schaltete den Plattenspieler frei. Die kleinen Tasten hingegen dienten der Klangeinstellung. Zwischen den beiden Drehknöpfen befand sich ein Sichtfeld mit seltsam anmutenden Namen wie Hilversum, Bruxelles, BBC, RIAS, Milano oder Strasbourg. Drehte man an dem Knopf für die Senderwahl, bewegte sich hinter dem matterleuchteten Sichtfenster ein großer senkrechter Zeiger, mit dem man die gewünschte Station anwählen konnte.
Das kleine schwarze Kästchen, das mir mein Vater dann schenkte, war ein Sechstransistor. So nannte man ein kleines handliches Radio, das nicht mehr mittels Röhren, sondern mit Transistoren betrieben wurde. Das waren kleine Schaltkreise, die nun dem Empfang der Radiowellen dienten. Oben war eine lange ausziehbare Antenne angebracht, um die Welt einzufangen. Es hatte zwei kleine Rädchen, von denen eines das An- & Ausschalten sowie die Lautstärkeregelung übernahm, das andere diente der Senderwahl. Mit einem kleinen Schieberegler wurde das benötigte Frequenzband gewählt. Das Radio hatte ein Plastikgehäuse & war bedauerlicherweise  geruchlos. Es hatte auch keinen guten Klang, sondern plärrte & quäkte vor sich hin. Es war kaum größer als eine Zigarettenschachtel & doch enthielt es für mich die gesamte, mir damals vorstellbare Welt. Oft suchte ich am Wochenende schon Morgens vor dem Aufstehen nach einer interessanten Sendung. Zumeist waren es Reiseberichte oder Beschreibungen anderer Länder & Städte. Auch entdeckte ich gerne Musik, die ich noch nicht kannte, oder lauschte gespannt einem Hörspiel. Nie hat mich mein Vater dabei gestört. Er blickte mit einem feinen Lächeln auf seinen Sohn, der damals anfing, die Welt zu erkunden.

Im Schwarzwald

Am Saum

Ein Saum trennt uns von der Welt selbst dann, wenn wir uns in ihr bewegen. Er hatte dies mehrfach betont, doch niemand von denen, die es hörten, konnte so recht etwas damit anfangen. Als sicheres Zeichen dafür empfand er das Ausbleiben von Nachfragen, denn er war der Auffassung, daß dieser seltsame Satz, schon von der Wortwahl her, nicht so eindeutig war, wie er sich anhörte. Vermutlich dachten Einige über den Satz nach, er spürte dies, wenn sie nicht sogleich das Thema wechselten, sondern eine Pause entstand. Der Satz war ihm eines Tages in den Kopf gekommen, ohne daß er sich weiter darum bemüht hätte. Die Klarheit, mit der dies geschah, duldete kein weiteres Nachdenken. Er hatte gelernt, daß derartige Sätze – er verfügte über einen stattlichen Vorrat davon – sein Gegenüber befremdeten. Erst einmal hatte er erlebt, daß ein Freund von ihm ein ehrliches Interesse an diesen Sätzen zeigte. Er nahm sie zum Anlaß eines kleinen philosophischen Disputes, oder vergewisserte sich ihres Inhalts, um sie sich zu eigen zu machen.
Gelegentlich hatte er den Irrtum aufzuklären, nicht über einen längeren Zeitraum an einer gewissen Formulierung herumgedacht zu haben. Zuweilen erschienen ihm diese Sätze jedoch selbst derart endgültig, daß er sich fragte, ob sein Gehirn, quasi in seiner Abwesenheit, Überlegungen anstellte, deren Sinn vielen Menschen verborgen blieb. Er wußte es nicht. Ihm erschienen diese Sätze als die Zusammenfassung von Erlebtem, Sichtbarem & hatten in ihrer Zwangsläufigkeit stets etwas Endgültiges. Scheinbar war es das, was die meisten Menschen abstieß. Sie wollten sich nicht von den Worten durchschaut & zu etwas verurteilt sehen, das ihnen selbst bislang verborgen geblieben war. Irgendwann hatte er verstanden, daß es so sein mußte.

Hiddensee

Der Strand ist menschenleer. Das Meer ungewöhnlich ruhig. Nur gelegentlich gluckst das Wasser um einen großen Stein herum. Im fahlen Licht des sonnenlosen Tages verschwimmen die Stunden. Die Zeit dehnt sich. Der Horizont scheint sich aufgelöst zu haben. Das bleierne Grau des Himmels verschmilzt mit dem gleichfarbigen Meer in unbestimmter Ferne. Das Gras in den flachen Dünen steht bewegungslos. Vogelrufe erklingen leise aus unsichtbaren Schnäbeln. Im Ungefähren rufen Möwen. Die Luft riecht nach Salz & Tang. Die Spuren im Sand sind verweht. Treibholz, von Sonne & Salz gebleicht, nun vom Meer am Strand vergessen. Die Szenerie gleicht einem monochromen Gewölbe. Die Landschaft hinter dem Dünenstreifen läßt im zunehmenden Dunst Kiefern erahnen. Das Diffuse wird unterbrochen durch ein gleichmäßiges Blinken. Für einen Augenblick fährt ein Lichtstrahl durch den Dunst & verliert sich im Meer. Vielleicht 500 Meter weiter steht hinter dem Dünenstreifen das Leuchtfeuer Gellen, ein kleiner gedrungener Leuchtturm. Der Sockel ist mit weißen Blechplatten verschalt. Das Gehäuse des Leuchtfeuers, sowie die umlaufende Galerie tragen Rot. Ein dunkles Spitzdach beschließt das Türmchen. Wir setzen uns an den kleinen Dünenabhang & schauen auf´s Meer. Aus dem weiten Grau ertönt von irgendwoher ein Nebelhorn. Das Licht des verhangenen Tages wird schwächer. Wir folgen dem geraden Weg zurück hinter dem langgestreckten schmalen Kiefernwäldchen. Als wir in Neuendorf ankommen, ist es dunkel. Doch in der Boje brennt noch Licht.

Die Taube 

Eines Abends warf er die Fesseln ab, die ihn zu lange gebunden hatten. Sie waren durch die Stadt im Badischen gelaufen, die ihm so fremd wie verlockend erschien. Schnell hatte sich ein Gefühl der Vertrautheit eingestellt, sodaß die Melancholie, die ihn sonst umschattete, einer unbekannten Euphorie gewichen war. Er spürte, daß sich seine Seele aus traurigen Erinnerungen befreite & den Weg vor ihm beleuchtete. Überhaupt erschien ihm in diesen Tagen kein Bild zu kitschig, um seine Gefühle zu beschreiben. Im Schloßgarten saßen sie auf einer Wiese, als die Sonne hinter der Orangerie versank & den Himmel in ein tiefrotes Abendlicht tauchte. Ein kühler Wind kam auf & vertrieb die Wärme eines sonnigen Maitages. Sie machten sich auf den Weg in die kleine Parterrewohnung, die sie seit ein paar Monaten bewohnte. Nach wenigen Stationen hielt die Tram fast vor ihrer Hautür. Bunt bedruckte Tücher bedeckten die Wände & einige wenige Sitzgelegenheiten. In der Ecke am Fenster stand eine Stereoanlage neben einer großen Kiste mit Langspielplatten. Es roch ein wenig nach Patchouli  & Zitronengras. Sie ging in die Küche, um eine Flasche Rotwein zu öffnen, während er die Plattenkiste durchstöberte. Zwischen Liedermachern & Folk, sowie einigen Klassikaufnahmen stieß er auf eine Platte, die er sofort herausnahm. Als er sie ansah, wurde ihm bewußt, wie lange er sie nicht mehr gehört hatte. Er liebte diese Platte & ihm war klar, daß er jede Zeile, jede harmonische Wendung, ja auch das kleinste aufnahmetechnische Detail jederzeit kennen würde, so vertraut war er mit der Musik. Als sie mit dem Rotwein ins Zimmer kam, fragte er, ob er die Platte auflegen könne. Sie bemerkte sein Strahlen & lächelte. Diese Platte, sagte sie, sei etwas besonderes. Als sie unter dem Hochbett zwischen den großen weichen Kissen saßen, fühlte er sich wie ein Korken, der über den Ozean tanzte, dem die Wellen nichts anhaben konnten & dem es gleichgültig war, wie tief das Meer unter ihm sein mochte. Zusammen seien sie, so stellte er sich vor, wie bunte Herbstblätter, die davonwehten.
& das alles würde so sein, bis ans Ende ihrer Tage.
Als sie am nächsten Morgen das Hochbett verließen, & den Vorhang sowie das Fenster öffneten, lag auf dem Sims eine tote Taube.

Dieser Text enthält einige frei übersetzte Fragmente aus THE BEACH BOYS / SURF´ S  UP

Herrn Wilson´s Klavier

Herr Wilson ist mittelgroß & ein wenig korpulent. Er bewegt sich tapsig & unbeholfen. Seine Haare sind grau & eigentlich sieht er aus wie ein müder alter Reifenverkäufer irgendwo in der Provinz. Herr Wilson ist zuweilen desorientiert & ungeheuer vergeßlich. Das kommt von den vielen Drogen, den Psychopharmaka & den Antidepressiva. Wenn er spricht, so hört es sich an, als versuchte ein Auto mit fast leerer Batterie endlich doch noch anzuspringen. Es ist nicht besonders freundlich, das alles über ihn sagen zu müssen. Doch so ist es nunmal & ich darf das sagen, denn ich bin sein Freund. & wahrscheinlich der einzige, den er hat. Gewiß, viele Bewunderer laufen ihm hinterher, geben sich Mühe, einen kleinen Zipfel seiner Genialität zu erhaschen. Zumeist natürlich vergeblich. Doch gab es allerdings auch diesen seltsamen Herrn aus dem Süden mit dem merkwürdigen Namen. Ich weiß noch, die beiden verstanden sich sehr gut. Seine alten Kumpel hingegen haben sich abgewandt. Tingeln durch die Lande & verdienen viel Geld mit dem, was sie ihm gestohlen haben. Einer nur ist geblieben, wollte dieses miese Spiel nicht mitmachen. Die anderen haben ihn nie verstanden, haben ihn abwechselnd ausgelacht oder angeschrien. Dabei hatte er sie zu dem gemacht, was sie nun waren. Oder dachten, daß sie es wären. Ohne ihn. Irgendwann hatte er resigniert, da war er von den Drogen bereits zu den Psychopharmaka übergegangen. Mich hatte er damals auf einen Haufen Sand in seinem Wohnzimmer gestellt. Er dachte, das würde ihm helfen bei seiner Arbeit. Dabei war er längst weiter. & als er das verstanden hatte, wollten die anderen am liebsten nichts mehr mit ihm zu tun haben, wollten, daß alles so bliebe, wie es immer war. Seine Brüder starben irgendwann, der eine blieb im Meer, & Herr Wilson empfand das als besonders zynisch, weil gerade er das Meer so geliebt hatte. Den Jüngsten holte einige Jahre später der Krebs.
Wenn wir allein sind, Herr Wilson & ich, an ruhigen Abenden, an denen ein freundlicher sanfter Seewind durch die Hügel streift, da gibt es sie noch, diese magischen Momente, diese Augenblicke, in denen Zeit stillsteht & die Ewigkeit vorbeischaut. Dann wissen wir, daß all diese häßlichen Dinge scheinbar notwendig waren, denn nichts ist umsonst. & dann lächelt Herr Wilson.

Lupo & Oskar

Lupo & Oskar sind zwei kleine Hunde. Er fand sie eines Tages, an die Mülltonne vor dem Haus gebunden, vor; einfach so, denn eigentlich wollte er keine Tiere, & schon gar keine Hunde. Er wollte einfach von der Welt in Ruhe gelassen werden. Lupo & Oskar waren so klein, daß sie eigentlich gar nicht als Hunde wahrgenommen wurden. Lupo, der größere der beiden, hatte ein glattes graues Fell & einen viel zu großen Kopf, von dem zwei schwarze Ohren herabhingen. Oskars Fell war braun & struppig, & zum Erstaunen der Menschen hatte er eine rote Nase. Beide schielten. Sie schielten dermaßen stark, daß es höchst erstaunlich war, daß sie trotzdem einem Ball hinterherlaufen konnten, wenn er nur klein genug für sie war. Gelegentlich traf ich den Besitzer der beiden seltsamen Hunde vor dem Haus oder im Park. Zumeist trug er die beiden in den ausgebeutelten Taschen eines alten geflickten Mantels. Er wohnte schon lange in unserem Haus & war zumeist nicht sehr gesprächig. Seit er die beiden Hunde bei sich aufgenommen hatte, schien er ein wenig zugänglicher geworden zu sein. Die kleinen Vierbeiner erregten so viel Aufmerksamkeit, daß er um gelegentliche kleine Gespräche nicht so ohne weiteres herumkam, & auch wenn er sichtlich keinen Gefallen daran fand, blieb er stets höflich. Früher, als Kind, erzählte er einmal, habe man zuhause Katzen gehabt. Mit denen konnte er allerdings nichts anfangen. Sie seien zu eigensinnig gewesen. Überhaupt habe er eigentlich gar keine Zeit, sich um Tiere zu kümmern. Andererseits habe er es nicht übers Herz gebracht, die beiden Hündchen, angebunden an eine Mülltonne, & noch an einem Regentag dazu, ihrem ungewissen Schicksal zu überlassen. Während ich mit ihm sprach, sahen mich die beiden mit ihren schielenden Augen unverwandt an, zumindest schien es so, da ihre Köpfe in meine Richtung wiesen.

Früh hatte ich bemerkt, daß er eigentlich ständig mit ihnen sprach. Dies geschah immer dann, wenn er sich unbeobachtet glaubte. So ging ich im Park einmal hinter ihm her & es schien so, als spräche er nicht nur mit ihnen, sondern die Hunde schienen zu antworten. Die Wortfetzen, die ich verstand, sowie die dazugehörigen Gesten & Bewegungen ließen keinen anderen Schluß zu, als den einer regen Konversation. Auf der großen Wiese nahm er die Hunde aus seiner Tasche, setzte sie auf den Rasen & kramte einen kleinen Ball zu Tage. Sofort fingen die beiden seltsamen Wesen an, auf & ab zu springen, sowie seltsame Laute auszustoßen, die entfernt an ein Hundebellen erinnerten, in denen jedoch noch irgend etwas anderes mitzuschwingen schien, etwas Seltsames, Unerhörtes. Auffällig war zudem, daß die anderen Hunde keinerlei Interesse an den beiden zeigten, sie schienen sie nicht einmal wahrzunehmen. Auch zeigten weder Oskar noch Lupo eine Regung oder Neigung zur Kontaktaufnahme. Ich kann mich ebenfalls nicht erinnern, meinen Nachbarn jemals in der Gesellschaft anderer Menschen gesehen zu haben, was verwunderlich ist, denn Hundebesitzer finden eigentlich sofort zueinander.

Etwa ein Jahr nach diesem eigenartigen Erlebnis verschwanden die drei. Niemand konnte sich erinnern, keiner hatte einen Auszug bemerkt. Kam das nachbarschaftliche Gespräch jedoch auf die seltsamen Hunde & ihren stillen Besitzer, so stellten alle, durchaus mit einer gewissen Betroffenheit fest, ihn ebenfalls länger nicht gesehen zu haben. In diesen Gesprächen wurde fast immer deutlich, daß man die Drei mit einem gewissen Wohlwollen, einer freundlichen Zuneigung fast, beobachtet & begleitet hatte.

An einem trüben Dezembermorgen fand ich im Briefkasten eine bereits etwas angestoßene Postkarte, deren Zustand auf eine längere Reise schließen ließ. Sie zeigte ein blasses Farbphoto, auf dem zwei kleine schielende Hunde zu sehen waren, hinter denen ein Mensch saß, in dem unschwer unser verschollener Nachbar zu erkennen war. Im Hintergrund war eine Baumgruppe sichtbar, bei der es sich offensichtlich um Olivenbäume zu handelte. Wir sind wieder zu Hause, stand in krakeliger Handschrift auf der Rückseite, eine Unterschrift fehlte ebenso wie ein Gruß. Auf der Karte klebte eine italienische Briefmarke.

 

Die Miniaturen werden an dieser Stelle fortgesetzt.
K.S.

 

August 15

Die stille Zeit

. . .  Auszüge aus dem Lockbuch eines ungenannt bleibenden Seefahrers

. . . Prolog

Jetzt, in den Tagen des heraufziehenden Winters, in denen die Bäume kahl, & das Land leergefegt sind, in dieser Zeit, in der wir das wärmende Feuer suchen & die Fenster schließen, um das Heulen des Sturmes zu mildern, in diesen Tagen, in denen das Jahr  sich neigt & die Gedanken zur Ruhe kommen, jetzt ist es Zeit, aufzuschreiben, was geschah.  Die wundersamen & furchtbaren Ereignisse, den tiefen Schrecken, der uns seitdem wie ein dunkler Schatten begleitet, & der uns bis zu unserer letzten Stunde nicht verlassen wird, & der alle, die von den entsetzlichen Ereignissen betroffen waren, Furcht & Demut gelehrt hat.

Auszug I:

. . . die letzten Tage an Land

„Es gibt nur eines, das uns nie verläßt – die Lebensstimmung, die seit dem ersten Bewußtsein die gleiche bleibt, wie eine Melodie, die immer wiederkehrt und deren Takte noch spielen, wenn das Schiff versinkt“

Ernst Jünger aus Gärten und Straßen; Strahlungen Bd.I

Es ist das Gefühl einer besonderen Nase; so nennen es Einige, wohingegen Andere, etwas weniger geheimnisvoll, lieber von einem Gespür sprechen wollen. Gleich, wie es genannt wird, es ist die Gabe, Dinge zu erahnen, bevor sie zur Gewißheit werden. Die Erfahrung derjenigen, die über diese Gabe verfügen, besagt, daß sie nicht besonders glücklich macht. Im Gegenteil, denn die Fähigkeit, die angenehmen Dinge, die es ja im Leben der meisten Menschen gibt, zu erspüren noch bevor sie eingetreten sind, scheint nicht zu bestehen. So lernen diese Menschen frühzeitig zu erkennen, daß es besser ist, ihre besondere Fähigkeit  für sich zu behalten, wollen sie sich nicht dem Zorn, der Mißgunst & dem Gespött derjenigen ausliefern, die mit Warnungen & dunklen Gedanken lieber keinen Umgang pflegen, weil sie beständig den Alchimisten nachzueifern bestrebt sind, die ihnen versprechen, aus allem Tand & Unedlem letztlich doch Gold herstellen zu können. 

Obwohl die Luft trübe & ungewöhnlich warm für den späten Winter war, die Wolken seltsam & eigentümlich geformt über den Himmel zogen & der Wind beständig aus östlichen Richtungen blies – was für sich betrachtet noch nie Vorbote einer unbeschwerten Zeit gewesen war – gab es dennoch keinen Anlaß, auf einige besondere Feierlichkeiten zu verzichten, die, seit langer Zeit geplant, unmöglich aufgeschoben werden konnten.

Wir sind, das sei nicht unerwähnt, Mitglieder eines Ordens, einer Gilde, die sich regelmäßig zu Feiern & Handlungen versammelt, denen von der großen Masse der Uneingeweihten zumindest Mißtrauen, wenn nicht gar Verdächtigung & üble Nachrede entgegengebracht wird. Nun war es von Anbeginn der Zeiten immer so, daß der ungebildete & nur auf den schnellen Vorteil bedachte Pöbel den beengten eigenen Horizont zum Maßstab der Vermessung der Welt erklärt & sich demgemäß am liebsten in der eigenen Kloake suhlt. Davon durchaus unbeeindruckt sind die Feierlichkeiten der Gilde nicht nur Ausweis ihrer Unabhängigkeit, auch ihres Willens zu Ausschweifungen aller Art, sondern dafür, bei allem anonymen Verhältnis untereinander, die tiefe Verbundenheit in Geist & Ritus zu zelebrieren. Bestimmte Eigenheiten in der Art der Bekleidung, sowie gewisse Abzeichen & Gesten lassen die Eingeweihten einander kenntlich werden.

Die erwähnten Feierlichkeiten fanden, einem Traumtheater gleich, an den dafür genutzten Orten statt, die zu diesem Anlaß den der Gilde Zugehörigen vorbehalten sind. Die Musik, die den Höhepunkt des kultischen Geschehens ausmacht, wird von wilden Gesellen dargeboten, deren Namen nur den Eingeweihten bekannt sind. Einige benennen sich nach den metallenen Stiefeln alter Rüstungen, andere wiederum nach dem Schicksalsberg im sagenhaften Lande Mittelerde. Allen gemein ist der häufige Gebrauch des Feuers, in welchem die Sorgen & Mühen des Alltags verbrannt & die Seelen der Gläubigen geläutert werden. Wer einmal erlebt hat, wie das orgiastische Geschehen die Teilnehmer zu einer wild wogenden, außer sich geratenden Menge anschwellen läßt, wird sich entweder mit Schrecken abwenden & sein Heil in der Flucht suchen, oder um Aufnahme in die Gilde ersuchen. Dem Redlichen wird die Tür nicht verschlossen bleiben.

Als wir nach der letzten Feier vor unserer beabsichtigten Reise den Ort der Handlung verließen, konnten wir nicht ahnen, daß dieser nächtliche Reigen der vorerst letzte sein sollte, an dem wir auf wohl unabsehbare Zeit teilnehmen durften. Erschöpft aber beseelt von dem soeben Erlebten machten wir uns auf den Weg nach Hause, um den Tag mit einem Krug Wein zu beschließen. Wieder war es ungewöhnlich warm & stickig, es wehte kein Lüftchen, nur der Mond, der durch die noch kahlen Äste der Bäume hindurch schien, wirkte unnatürlich groß & zeigte sich von stark rötlicher Farbe. Blutmond nannten die einfachen Leute diese Erscheinung & sahen darin schon in uralter Zeit den Vorboten allerlei Schrecknisse.

Mit einem Male hörten wir in der Ferne ein vielstimmiges Gänsegeschrei, welches schnell näher kam & aufgrund seiner Lautstärke auf eine größere Anzahl dieser empfindsamen Tiere schließen ließ. Erstaunt sahen wir uns an, denn die Vögel wurden erst in mehreren Wochen in dieser Gegend erwartet. Das Geschrei schwoll weiter an, doch konnten wir immer noch keinen Vogel am Nachhimmel erkennen. Dann, mit einem Male, tauchte zwischen den Bäumen eine riesige dunkle Wolke auf, die sich, einem schwarzen Schatten gleich, vor den Mond schob & ihn alsbald fast vollständig verdeckte. Der Schwarm mußte aus mehreren zehntausend, wenn nicht hunderttausend Individuen bestehen, die, auf ihre gewohnte keilförmige Flugformation vollständig verzichtend, & dicht zusammengedrängt, den Nachthimmel  in ungewöhnlich geringer Höhe in Richtung Westen querte. Als die Tiere sich direkt über uns befanden, hatte ihr Geschnatter eine infernalische Lautstärke erreicht, die erst nach einigen Minuten langsam wieder leiser wurde & schließlich zusammen mit den Vögeln vom Nachthimmel verschwand. Was immer diese wachsamen Tiere weit vor ihrer gewohnten Zeit aus ihren Winterquartieren tief im Osten vertrieben haben mochte, war nicht zu ermessen.

Auszug II:

. . . der Alte

„Der blasse Hilfslehrer – zerschlissen an Rock, Seele, Leib und Hirn; ich seh ihn jetzt vor mir. Ewig war er dabei, seine alten Lexika und Grammatiken abzustauben, mit einem seltsamen Taschentuch, spöttisch geschmückt von all den prächtigen Flaggen aller bekannten Nationen der Welt. Er liebte es, seine alten Grammatiken abzustauben; es erinnerte ihn irgendwie sanft an seine eigene Sterblichkeit.“

Herman Melville aus Moby – Dick, oder: der Wal

Trotz all der seelischen Schatten, den seltsamen Vorgängen, die zu beobachten waren & einigen unerklärlichen Nachrichten, die uns erreichten, machten wir uns am Abreisetag auf den Weg. Wir waren recht früh aufgebrochen, sodaß keine Not zur Eile bestand. Wir fanden einen schmalen Pfad, der, einst mit Bohlen & Brettern belegt, einen zuverlässigen Weg durch die Dünen aus feinem weißen Sand & zuweilen mannshohen dürren Gräsern in Richtung des Meeres wies. An einer der Abzweigungen, die wir passieren mußten, stand eine morsche Bank. Auf ihr saß ein alter Mann, der aufschaute, als er uns bemerkte & uns mit tiefblauen wachen Augen aufmerksam musterte. Neben diesen Augen beherrschte ein dichter weißer Schnurrbart sein gegerbtes Gesicht. „Ich weiß, wo Ihr hinwollt,“ sagte er, als wir ihn passierten. „Wieso, wie könnt Ihr das wissen,“ fragte ich & er sagte, „weil es nicht mehr so viele Ziele gibt, wenn man diesen Weg eingeschlagen hat.“ Wir fanden diese Antwort ein wenig wunderlich & da wir noch Zeit hatten, blieben wir stehen. „Wo kommt Ihr her,“ wollte ich wissen, denn der Alte war offensichtlich nicht von hier, auch wenn er unsere Sprache ohne jeden fremdartigen Einschlag beherrschte. „Das ist eine lange Geschichte – habt Ihr soviel Zeit ?“ „Wenn sie interessant ist, Eure Geschichte, werden wir die Zeit wohl haben.“ „Ich komme aus der Arkadischen Union, sagte der Alte. „Allerdings habe ich viele Jahre an den Universitäten Eures Landes gearbeitet, doch das ist lange her. Ich habe meine Heimat gegen Ende des Zweiten Kaukasischen Krieges verlassen müssen, da lag es nahe, hierher zurück zu kehren.“ Die Arkadische Union war ein Zusammenschluß kleiner, jedoch um so wohlhabenderer Länder gewesen, die nach dem Zweiten Kaukasischen Krieg zerfallen, & unter den Mächten des Ostens aufgeteilt worden war. Das geschah allerdings vor mehr als siebzig Jahren, was uns stirnrunzelnd machte, denn wie alt sollte dieser Greis wohl sein. „Seit dieser Zeit sitze ich hier & denke nach. Wißt Ihr, es ist ein seltsames Geschick, wenn kräftige blühende Pflanzen plötzlich absterben & verdorren, denn so ist es meinem Land ergangen. Natürlich gab es Gründe, sie waren mit Händen greifbar, jeder, der sehen wollte, konnte es sehen; wir konnten es riechen,“ der Alte hob kurz seine Nase in den Wind & schien zu schnüffeln, „die Zeichen waren unmißverständlich. Aber die Menschen waren nach einhundert Jahren Frieden, nach dem Ende des Hungers & dem Reichtum, zu dem sie es gebracht hatten, zu fett, zu träge & zu faul zum Denken geworden. Die Gotteshäuser standen leer; heute steckt auf ihren Zinnen das Gestirn der Eroberer.  Warnungen hatte es genug gegeben, doch wir waren verlacht worden, die Leute schienen sich in eine Schar bockiger kleiner Kinder verwandelt zu haben. Na ja, um Euch nicht zu langweilen, Ihr werden wohl wissen, was ich meine.“ Der Greis faßte sich an den linken Oberarm & massierte dort kurz eine Stelle, die ihm Unbehagen zu bereiten schien. Wir hatten seiner Geschichte mit wachsender Neugier zugehört, & da er nicht weiter redete, fragte ich: „& dann, was geschah dann?“ Er sah mich mit einem seltsam prüfenden Blick an, seine Augen verengten sich & er sagte: „Die Wölfe verschwanden. Sie bewohnten seit den Tagen des Goldenen Königreichs das Aurelische Gebirge, man sah sie nur selten in den Tälern, vor die Städte kamen sie nie, jedenfalls nicht zur Tageszeit. Gelegentlich hörte man sie vor den Toren heulen, zumeist bevor ein Unglück geschah. Aus diesem Grunde waren sie nicht wohl gelitten. Zu der Zeit, als alles in Auflösung schien & die Leute auf den Plätzen immer noch um den Großen Baal tanzten, kamen die Wölfe bereits in der Dämmerung vor die Tore, unter ihnen auch erstmals die mächtigen Weißen Werwölfe, die bislang kaum jemand zu Gesicht bekommen hatte . . .“ Meine Begleiterin lachte kurz auf & sagte: “Es gibt keine Werwölfe, aber Eure Geschichte ist gleichwohl interessant“. Einen kurzen Augenblick schaute er meine Begleiterin an, rümpfte seine Nase & fuhr fort: „Sie fingen an, die Wölfe zu jagen, sie waren ihres Geheuls überdrüssig geworden. Sie jagten sie aus den Tälern zurück in die Berge, sie schmiedeten silberne Kugeln für die Werwölfe & führten Krieg gegen alles & jeden, der noch bei Verstand war. Unzählige Wölfe & auch einige Werwölfe blieben im Kugelhagel liegen. Die, denen die Flucht ins Aurelische Gebirge gelang, blieben dort & wurden nie wieder gesehen, andere sollen auf stillen Pfaden das Land verlassen haben. Nachdem sie die Wölfe vertrieben hatten, stürmten sie die Hallen in denen die alten Schriften aufbewahrt wurden, schichteten sie um den Großen Baal herum auf, entzündeten sie & feierten den Beginn einer Epoche der Immerwährenden Reinheit – so nannten sie das, was sie sich als ihre Zukunft vorstellten. Kurze Zeit später begann der Zweite Kaukasische Krieg. Er wütete sieben lange Jahre, solange hatte es gedauert, bis die Arkadische Union zerschlagen war & die Menschen in Elend & Verwüstung zurückließ.“ Wir schwiegen, denn die Geschichte des Alten war nicht ohne Wirkung geblieben & es schien, als sei er nicht bereit, mit seiner Erzählung weiter fortzufahren. Sein Blick senkte sich, doch nach einem Augenblick sah er erneut auf, blickte jedoch nicht zu uns, sondern zum Himmel & wieder bemerkten wir, daß er irgendetwas zu riechen schien, denn er schnüffelte kurz & sagte „Ihr solltet Eures Weges gehen, es zieht Unwetter auf.“ Wir sahen ihn mißtrauisch an, denn der Himmel vor uns war klar & hell. Der Alte jedoch blickte an uns vorbei. Wir drehten uns um & bemerkten eine tiefrote Tönung, die mit einem schmalen Streifen den Horizont über seine gesamte Breite bedeckte. „Was meint Ihr, was hat das zu bedeuten?“ fragte ich & drehte mich um. Der Alte jedoch war indes verschwunden, die Bank war leer.

Hamburg, Hafengeburtstag, Mai 2017

Auszug III:

. . . das Schiff

„Am Morgen des 16. April trat Doktor Bernard Rieux aus seiner Praxis und stolperte mitten auf dem Treppenabsatz über eine tote Ratte. Vorerst schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und ging die Treppe hinunter. Aber auf der Straße kam ihm der Gedanke, daß diese Ratte dort nicht hingehörte, und er machte kehrt, um den Concierge zu informieren.“

Albert Camus aus Die Pest

Nach einer guten halben Stunde, in der wir das Meer erreicht hatten & in der wir uns mit großer Verwunderung & auch mit einem gewissen Schrecken über den wundersamen Alten unterhalten hatten, sahen wir unser Ziel vor Augen. Vor dem Strand, in geringer Entfernung, lagen einige Schiffe vor Anker. Sie waren weit größer, als wir erwartet hatten, & erschienen auf den ersten Blick wenig einladend. Ihre hohen Aufbauten & die breiten, fast ein wenig klobig anmutenden Rümpfe ließen sie wie im Wasser liegende trutzige Festungen erscheinen. Der Strand hatte sich mittlerweile gut gefüllt, aus den Dünen kamen immer mehr Reisende hervor, einige schleppten große Gepäckstücke mit sich, andere hatten scheinbar nur wenige Sachen bei sich, wohl in der Gewißheit, daß ihre Reise nicht lange andauern würde. Von den dunklen Leibern der Schiffe hatte sich nunmehr eine Vielzahl kleiner Ruderboote gelöst, deren Aufgabe es offenbar war, die Reisenden zu ihren Schiffen zu bringen. Die Überfahrt in den kleinen schlingernden, von kräftigen Seeleuten geruderten Booten dauerte länger als erwartet & uns wurde schnell klar, daß die Schiffe noch weit größer waren, als sie vom Strand aus gewirkt hatten. Schließlich gelangten wir über schwankende Strickleitern & nach einem mühsamen Aufstieg an Bord. Ein mürrischer Matrose brachte uns zu unserer Kabine. Wir folgten ihm über das Deck, lange dunkle Gänge & hölzerne Stiegen, bis er vor einer Tür stehen blieb, sie aufschloß & uns wortlos den Schlüssel reichte. Unsere Kajüte stellte sich als halbwegs geräumig, in dunklem Holz gehalten & einfach, jedoch zweckmäßig eingerichtet heraus. Ein mit doppeltem Riegel verschlossenes Fenster gab den Blick nach draußen in Richtung Osten frei & es wurde deutlich, daß sich unsere Unterkunft im Heck des Schiffes befand. Das Meer war nun bedeckt mit zahllosen Ruderbooten, die eine ständig wachsende Anzahl Reisender an Bord ihrer Schiffe brachte. Nachdem wir unsere Kleider im Schrank verstaut hatten, beschlossen wir, an Deck zu gehen, um das Treiben um uns herum zu beobachten. & über Allem lag ein Geruch nach altem Holz, Salz, Teer & Moder.

An Deck trafen sich viele der Reisenden & standen einzeln oder paarweise, zuweilen auch in kleinen Gruppen zusammen. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich zumeist die Freude über die nun bald beginnende Reise, anderen hingegen war eine unausgesprochene Besorgnis anzusehen. Immer noch kamen neue Reisende an Bord & wurden zu ihren Kajüten gebracht. Da uns nach der Unterhaltung mit dem Alten nicht nach Gesellschaft zumute war, machten wir uns auf den Weg, das Deck des Schiffes vom Heck bis zu seinem Bug zu erkunden. Ohne auf die Weite unserer Schritte zu achten, mochten es mehrere hundert Meter sein, die wir zurücklegten, & der Blick hinab ins Wasser ließ uns schaudern angesichts der Höhe, in der wir uns befanden. Niemand hielt sich in unserer Nähe auf, sodaß das gleichmäßige Knarren des riesigen Schiffsrumpfes das einzige Geräusch war, das uns umgab. Da wir müde waren, zogen wir uns alsbald in unsere Kajüte zurück, öffneten mühsam das schwergängige Fenster & sahen hinaus. Die tiefrote Himmelsverfärbung, die den Horizont bedeckt hatte, war näher gekommen, so nahe, daß sich das Licht zu verändern begann & einen künstlich wirkenden roten Stich bekam. Es war schwül & windstill, eine drückende Wärme lag in der Luft. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, mich mit einem Blick auf meinen Taschenkalender des Datums zu versichern. Es war der achtzehnte Tag des dritten Monats. Wir hatten noch etwas Wein, Brot & Speck bei unseren Sachen &  nachdem wir gegessen hatten, legten wir uns in unsere Kojen & schliefen, vom Schlagen der Glasen begleitet, alsbald ein.

Mein Schlaf war unruhig & von wirren, fiebrigen Träumen durchsetzt, sodaß ich des Nachts aufwachte. Das leichte Schaukeln & das immerwährende Knarren des Holzes vergewisserten mich, wo ich mich befand, sodaß ich, leidlich beruhigt, bald wieder einschlief. Das letzte, was ich zu hören glaubte, war das leise, offenbar weit entfernte Heulen eines Wolfes.

Auszug IV:

. . . die gelbe Flagge

„Hört mich an. Es wird der Tag kommen, da werdet ihr auf See Land riechen, wo kein Land ist. An diesem Tag wird Ahab sein Grab finden, aber wird nach einer Stunde wiederauferstehen und euch zuwinken und alle außer einem werden ihm ins Grab folgen. Machts gut Kameraden, viel Glück, möge der Himmel euch beschützen.“

Herman Melville aus Moby – Dick, oder: der Wal

Am nächsten Morgen erwachte ich von den acht Schlägen der Schiffsglocke, die den Beginn der zweiten Tagwache anzeigten. Meine Begleiterin war bereits aufgestanden, saß am Fenster & starrte hinaus. Zu unserem Entsetzen zeigte der Himmel immer noch die tiefrote Färbung, die er am Vortage angenommen hatte. Ich bekleidete mich mit dem Notwendigsten & machte mich auf den Weg zum Deck. Hier erhoffte ich mir Aufklärung über das bedrohliche Wetterphänomen, außerdem brauchten wir etwas zu essen & einen frischen Krug Wasser. Der erste Eindruck, als ich das Deck betrat, war, daß alles um mich herum wie in ein rotes Licht getaucht aussah, & tatsächlich war nun der gesamte Himmel über Meer & Land gleichermaßen tiefrot eingefärbt. Auch stellte ich fest, daß es offenbar keinerlei Geschäftigkeit gab, das Auslaufen des Schiffes vorzubereiten, das in zwei Stunden in See stechen sollte. Stattdessen hörte ich ein lautes platschendes Geräusch, welches sich mit wenigen Sekunden Abstand vielfach wiederholte & dessen Ursache mir nicht sofort ersichtlich war. Als ich in Richtung Bug ging, erkannte ich nach einigen Schritten den Grund des seltsamen Geräusches. Eine Gruppe Matrosen, die sich schwarze Tücher vor ihre Gesichter gebunden hatte, war damit beschäftigt, große Säcke auf ein Brett zu legen & über Bord ins Meer zu kippen. Zu meinem nicht geringen Entsetzen wurde mir klar, daß es sich um in Segelplanen eingewickelte menschliche Körper handelte. Es mochten vielleicht noch zehn dieser furchtbaren Säcke auf Deck liegen, die darauf warteten, ihren Vorgängern in ihr nasses Grab zu folgen.

Als man mich bemerkte, kam einer auf mich zu gerannt & herrschte mich an, ich solle sofort wieder meine Kajüte aufsuchen. Ich versuchte, ihm zu entgegnen, daß ich Auskunft über den Vorgang begehre, dessen Zeuge ich soeben unfreiwillig geworden war, doch der Matrose schüttelte nur den Kopf, machte auch keine Anstalten, meine weiteren, mühsam hervorgebrachten Fragen zu beantworten & verwies mich erneut unter Deck. Auf das Tiefste beunruhigt, wandte ich mich gen Heck des Schiffes.

Als ich an einem Stapel aufgerollter Taue vorbeiging, sah ich dort einen Mann sitzen, den ich zuvor noch nicht bemerkt hatte. Er war klein, trug ein zerschlissenes Hemd & eine abgerissene Jacke, sowie eine alte Schiffermütze, die sein unglaublich schmutziges Gesicht halb verdeckte. Als ich an ihm vorbeiging, griff er nach meinem Bein & packte  mich mit einem überraschend festen Griff an der Hose. „Du kommst hier nicht wieder weg!“ kicherte er aus einem offenbar zahnlosen Mund, „Ihr alle kommt hier nicht wieder weg!“ Sein Kichern ging nun in ein heiseres Husten über. „Die gelbe Flagge!“ stieß er zwischen zwei Hustenanfällen hervor, „Die gelbe Flagge . . . dort oben, siehst Du sie, siehst Du sie!“ Ich sah unwillkürlich nach oben zum Mast, an dessen Fuß wir uns befanden, & tatsächlich, vielleicht zwanzig Meter über dem Deck hing eine großes gelbes Tuch, welches im Wind vielleicht als Flagge gedient haben könnte & das ich am Vortage nicht bemerkt hatte. „Du hast gedacht, das Schiff wird Dich schon zu Deinem Hafen bringen, eh Du Dich versiehst, bist Du da, meinst, Du kennst Dich aus, glaubst, alles sei wie immer . . .Er kramte in seiner Jacke, holte eine alte abgeschabte Pfeife heraus, sowie ein Streichholz & versuchte, sie zu entzünden. Als dies nicht gelang, stopfte er sie wieder zurück in die Tasche, fluchte, spuckte aus & fuhr fort: „Aber nichts ist wie immer & wird es nimmer sein, wird es nimmer sein . . .  wird es nimmer sein . . . nimmer . . .“ Seine Stimme war leise geworden & in einen seltsam fremdartigen Singsang verfallen. Er starrte nun vor sich hin, seine Hand hatte sich von meiner Hose gelöst & es schien, als würde er mich nicht mehr wahrnehmen. Ich packte ihn an seiner Jacke, riß ihn hoch & schrie ihn an: „Was geschieht hier, was weißt Du, sprich, Du elender Hurensohn oder ich prügel es aus Dir heraus!“ Doch der Kleine lachte, sah mir direkt in die Augen & lachte noch lauter: „Du Einfaltspinsel! keuchte er, „Was willst Du aus mir herausprügeln, was Du nicht selbst schon weißt! Du hättest umdrehen sollen, als es Dir noch möglich war! Hast Du den Himmel nicht gesehen, Du Narr?“ Dann krallte er seine dünnen schmutzigen Finger um meine Handgelenke, kam mit seinem Gesicht ganz nahe an das meine & flüsterte: „& hast Du den Wolf nicht gehört?“ Dann warf er den Kopf nach hinten, lachte, bis ihm die Tränen kamen und rief: „Du Narr, Ihr seid alle Narren!“ Ich stieß ihn zurück auf die Taurollen, drehte mich um & strebte zurück zu unserer Kajüte. „Du Narr! Du Einfaltspinsel!“ Er versuchte zu schreien, doch da er immer noch laut & wie halb im Wahn lachte, verschluckte er sich & bekam einen furchtbaren Hustenanfall.

„Sie haben uns Wasser, Brot, Dörrfleisch & eine Kanne mit Rum vor die Tür gestellt“ sagte meine Begleiterin, als ich unsere Kajüte erreichte, & fuhr in besorgtem Ton fort: Was ist da draußen los, was hast Du gehört, was hat Dich so erschreckt“ fragte sie & strich mir über das Gesicht. Ich erzählte ihr, was sich draußen an Deck zugetragen hatte, als ich ein Schaben an der Tür bemerkte. Jemand hatte ein Blatt Papier unter der Tür hindurchgeschoben. Ich sprang hoch, riß die Tür auf, doch es war niemand zu sehen. Die Mitteilung war kurz, in wenigen Sätzen stand darin, daß die Vorbereitungen zum Auslaufen abgebrochen wurden, daß wir in diesem Moment dazu verpflichtet würden, unsere Kajüten nicht mehr zu verlassen, uns vom Deck fernzuhalten & jedweder Kontakt zu anderen Passagieren, sowie der Mannschaft des Schiffes zu unterbleiben habe. Zuwiderhandlungen würden mit 20 Peitschenhieben vergolten. Für unsere Mahlzeiten werde in vorgefundener Weise gesorgt. Von diesem Moment an, so hieß es weiter, befände sich das Schiff unter der Gelben Flagge. Unterzeichnet war das Schreiben von Kapitän zur See H.M. Starbuck, Inhaber des Ersten Patents, sowie Dr. Wellington Yueh, Schiffsarzt.

dito

Auszug V:

. . . in der Kajüte

„Die große Einsamkeit des Einzelnen zählt zu den Kennzeichen der Zeit. Er ist umringt, ist eingeschlossen von der Furcht, die sich gleich Mauern anschiebt gegen ihn. Sie nimmt reale Formen an – in den Gefängnissen, der Sklaverei, der Kesselschlacht. Das füllt die Gedanken, die Selbstgespräche, vielleicht auch die Tagebücher in Jahren, in denen er selbst den Nächsten nicht trauen kann.“

Ernst Jünger aus Der Waldgang

Immer noch außer mir durch das Erlebte, ging ich leise zur Kajütentür, öffnete sie vorsichtig & sah in den Gang hinaus. Am Ende des Kajütenganges standen sowohl links wie auch zur Rechten je ein Matrose. Sie hielten ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in den Händen, & ihre Gesichter waren mit einem dunklen Tuch umwickelt. Offensichtlich gab es nun keine Möglichkeit mehr, das Deck zu erreichen. Leise schloß ich die Tür. Kaum, daß ich dies getan hatte, hörte ich feste Tritte im Gang, eine Tür wurde aufgeschlossen, ich hörte leise Stimmen, & etwas Schweres schien auf den Boden gefallen zu sein. Nach einigen nicht näher zu bestimmenden Geräuschen wurde die Tür wieder geschlossen. Erneut öffnete ich die Kabinentür einen Spalt weit & konnte sehen, wie vier Matrosen einen größeren Sack den Gang entlang zum Decksaufgang trugen. Von Entsetzen ergriffen,  lief ich zum Fenster, öffnete es & lauschte angestrengt nach draußen. Wenige Augenblicke später hörte ich das entsetzliche Platschen erneut, offensichtlich hatte man einen toten Reisenden aus der Kajüte geholt & ins Meer geworfen.

Vor Entsetzen zitternd hielten wir uns umklammert & rangen in der drückenden Schwüle nach Luft. Namenloses hatte von unserem Schiff Besitz ergriffen, ein unbekannter Schrecken breitete sich aus & offenbar war niemand mehr sicher. Keiner der Reisenden wußte, ob er diesem Schrecken entrinnen konnte, oder ob er selbst auch in Kürze dem Meer übergeben in ein kaltes nasses namenloses Grab stürzen würde. Von nun an begleitete uns das gelegentliche Klatschen bis in die Nacht hinein. Schweißnass lagen wir auf unseren Betten, wimmernd vor Angst, hilflos & ohne Hoffnung.

Wir müssen endlich doch eingeschlafen sein, denn gegen Morgen wurden wir von einem wüsten Gepolter & Schreien geweckt. Das Bersten von Holz war zu hören, sowie verzweifelte Rufe, schließlich ein Knall, bei dem es sich um einen Schuß gehandelt haben mag. Ich öffnete vorsichtig die Kajütentür & spähte auf den Gang hinaus. An seinem dem Decksaufgang zugewandten Ende lagen zwei leblose Körper, offenbar der wachhabende Matrose, sowie ein Reisender. Auf dem Deck waren nun das Getrampel vieler Füße & laute Rufe zu hören. Gleich darauf knallten mehrere Schüsse & wir glaubten, das Fallen lebloser Körper zu hören. Dann erstarb für eine kurze Weile jedes Geräusch. Bald darauf wurden wir erneut das Klatschen gewahr, das die Beisetzung der Toten begleitete. Einige Minuten später erschienen die nunmehr verdoppelten Wachen an den Gangenden, sowie weitere Matrosen, die sich, ebenfalls mit Gewehren bewaffnet, auf dem Gang verteilten. Offenbar hatte es einen Ausbruchsversuch hinlänglich Verzweifelter gegeben, der nun sein grausames Ende gefunden hatte.  Dieses Ereignis führte uns unmißverständlich vor Augen, wie aussichtslos es war, auf ein Entkommen zu hoffen.

So schlich der Tag dahin, die Zeit drückte wie eine zentnerschwere Last auf unsere Seelen & die einzige Abwechslung war das Klopfen des Matrosen, das uns ankündigte, daß unsere Essensration, die wie gestern aus Brot, Dörrfleisch, einem Krug Wasser & einer Kanne Rum bestand, vor unserer Tür abgestellt worden war.

Trotz des Tag & Nacht geöffneten Fensters herrschte eine undurchdringliche Schwüle in der Kajüte & die einzige Abwechslung bestand darin, hinaus zu starren & den Möwen zuzuschauen, die ihre Runden zwischen den mit einigem Abstand in der Bucht liegenden Schiffen drehten. Ein Blick durch mein kleines Taschenfernrohr zeigte an, daß auch bei den anderen Schiffen die gelbe Flagge aufgezogen worden war. & gelegentlich waren auch von den anderen Schiffen Schüsse zu hören.

Nachdem einige Zeit in dieser Öde vergangen war, hatten wir das Gefühl, nicht nur Nachts, sondern auch am Tage von Fieberträumen heimgesucht zu werden. Wir hatten auch seit Längerem keine Möglichkeit mehr, uns zu waschen, da das gereichte Wasser gerade für uns zum Trinken ausreichte. Langsam breitete sich zu der Schwüle ein ekelhafter stechender Geruch in der Kabine aus. Zumeist lagen wir auf unseren klammen, vom Schweiß durchnässten Kojen. Wir sprachen kaum & tranken den Rum zum Einbruch der Nacht, damit wir, halbwegs betäubt, Schlaf fanden. Einmal sprang ich, plötzlich vom Wahn ergriffen auf, riß meine Begleiterin aus ihrer Koje, schüttelte sie & gab ihr mehrere Schläge ins Gesicht, währenddessen ich sie anschrie: „Ich will hier raus, tu endlich was! Bring uns hier raus, ich halte das nicht länger aus!“ Dann sank ich wimmernd vor ihren Füßen zu Boden, während sie teilnahmslos vor mir stand & meine Hand hielt. Nach einer Weile ließen wir voneinander ab & sanken auf unsere Kojen.

In dieser Nacht träumte ich von einem großen Feuer. Ich sah unbekleidete Menschen, die wie von Sinnen schreiend, dabei gleichwohl beseelt & entrückt, zahllose Schriften & Bücher in das Feuer warfen. Einige fielen danach übereinander her & trieben es vor allen Anderen, & es wurden immer mehr, die es ihnen gleichtaten. Andere wiederum holten derweil Menschen aus ihren Häusern, Männer, Frauen & auch Kinder, & zerrten sie zu dem Feuer & zwangen sie, sich das blasphemische Treiben anzuschauen. Die, die sich weigerten, wurden erschlagen & ins Feuer geworfen. Unruhig warf ich mich hin & her, stammelte wie im Fieber Unverständliches & sah alsbald einen Wald, vor dessen Rand ich stand. Weit hinter mir lag die Stadt, & der Lichtschein des furchtbaren Feuers erglühte über ihr. Als ich mich abwandte, sah ich am Waldrand eine Bewegung. Am Himmel stand gr0ß & bedrohlich der Blutmond & warf seinen rötlichen Schein auf den Waldessaum, aus dem sich langsam eine Figur löste & zu mir hinüber sah. Es war ein großer weißer Wolf, & ich konnte aus der nicht unbeträchtlichen Entfernung sehen, daß er mich anschaute. Plötzlich wandte er mit einer raschen Bewegung den Kopf & leckte sich den linken Vorderlauf. Dann drehte er sich langsam um & verschwand im Wald.

Traumlos dämmerte ich dem Morgen entgegen.

Mit den folgenden Wochen nahmen die wachen, die bewußten Stunden, die, in denen es uns bislang noch möglich gewesen war, uns gegenseitig unsere rätselhaften Träume zu erzählen, sowie die Versuche, sie zu deuten, immer mehr ab. Unser Zustand begann, einem Delirium zu gleichen, an manchen Tagen waren wir selbst zu schwach, das Essen & das Trinken in die Kabine zu holen. Die Kanne mit Rum bekamen wir schon lange nicht mehr & auch die Dörrfleischportionen waren merklich kleiner geworden. Das Trinkwasser hatte einen eigentümlichen Geschmack bekommen, offenbar wurden ihm chemische Substanzen beigemengt, um das Faulen zu verhindern. An den entsetzlichen Gestank in der Kajüte hatten wir uns gewöhnt & bemerkten ihn nicht einmal mehr. Unsere Hemden waren zerschlissen, wir waren dreckig & zerlumpt, unsere Haare verfilzt & aus den Ritzen der Holzwand krochen Wanzen & anderes unbenennbares Ungeziefer hervor. So dämmerten wir einem gewissen Schicksal entgegen.

Eines Tages kroch meine Begleiterin an meine Koje, rüttelte mich, stammelte unverständliche Worte, hob ihre Hand, die mittlerweile einer verdorrten Kralle ähnlich geworden war & deutete nach draußen. Das erste, was ich spürte, war, daß durch den Gestank & die drückende Schwüle ein kurzer Luftzug fuhr. Das Rot des Himmels war verschwunden & einem tiefen dunklen, fast schwarzen Blau gewichen, in das hinein in diesem Augenblick heftige Blitze zuckten. Wenig später war ein lautes grollendes Donnern zu hören. Bald darauf hörten wir in der Stille des Schiffes ein leichtes Plätschern & aus dem Fenster heraus war zu sehen, daß es zu regnen begonnen hatte. Alsbald brach ein heftiges Unwetter los, das Meer wurde aufgepeitscht & das riesige Schiff fing an, auf den losbrechenden Wellen zu gieren & zu schlingern. Obgleich vollkommen kraftlos, war es uns gelungen, zum Fenster zu gelangen & während wir mühsam Halt fanden, sogen unsere entkräfteten Lungen begierig die frische kalte Luft ein, die zum Fenster herein blies. Das Unwetter mochte mehrere Stunden getobt haben, bis wir schließlich entkräftet in unsere Kojen sanken.

Am nächsten Morgen erwachten wir frühzeitig, weil es uns fror. Es war wohl zu der Zeit der acht Glasen zur Morgenwache & es fiel uns später auf, daß es das erste Schlagen der Schiffsglocke war, das wir seit vielen Wochen gehört hatten. Es war kalt in der Kajüte, die Schwüle war verschwunden, der Himmel war klar, tiefblau & mit weißen Wolken betupft. Zu unserem namenlosen Erstaunen stand die Kajütentür offen. Unsicher taumelten wir auf den Gang, die Wachen waren verschwunden & wir sahen nun, daß auch alle anderen Türen offen standen. Langsam, des Gehens kaum noch mächtig, krochen wir die Stiege zum Deck empor, ohne daß uns jemand zu hindern versuchte. Die reine Luft umhüllte uns wie eine kühlende Decke, eine frische Brise wehte durch die Takelage. Die gelbe Flagge war verschwunden. Überall auf dem Deck standen abgerissene Gestalten, die wie wir ungläubig umherirrten. Mit einem Mal wurden wir gewahr, daß es weit weniger waren, als vor einigen Wochen an Bord gekommen waren. Die Besatzung des Schiffes hatte die schwarzen Tücher abgelegt. Nicht nur wir versuchten, sie mit Fragen zu bestürmen, daß sie uns doch erklären wollten, was vorgefallen war, welch schreckliches Unglück uns heimgesucht hatte & wie die Ereignisse der letzten Wochen erklärlich seien. Uns schlug allerdings lediglich eisernes Schweigen entgegen.

& jetzt, in den Tagen des heraufziehenden Winters, in denen die Bäume kahl, & das Land leergefegt sind, in dieser Zeit, in der wir das wärmende Feuer suchen & die Fenster schließen, um das Heulen des Sturmes zu mildern, in diesen Tagen, in denen das Jahr  sich neigt & die Gedanken zur Ruhe kommen, jetzt ist es Zeit, aufzuschreiben, was geschah. 

. . . Epilog

„Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt aufstiegen, erinnerte er sich nämlich daran, daß diese Freude immer bedroht war. Denn er wußte, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in Büchern lesen kann, daß nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, daß er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, daß er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und das vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Albert Camus aus Die Pest

September 28

Mein Lieben ist wie Fieber . . .

Shakespeare – Sonette; ein Ballettabend

Das Hamburger Publikum, besonders jenes, das sich für kunstsinnig hält, neigt im Einzelfall durchaus schon mal zur Extase. Wen es ins Herz geschlossen hat, verehrt es abgöttisch. Dazu gehört ohne Frage der Ballettintendant John Neumeier, nunmehr 80 – jährig & offenbar umtriebig wie stets. Daß er sich, trotz gelegentlicher Kritik auch auf diesen Seiten, jede Form von Zuneigung redlich & gewissenhaft verdient hat, steht  hingegen genauso außer Frage, wie seine überragende, nahezu singuläre künstlerische Lebensleistung. 

Was allerdings geschieht, wenn ein Ballettabend nicht von ihm, sondern von dreien seiner jungen Tänzer choreographiert wird, war an einem Septembersamstag in der Staatsoper zu besichtigen. Im hinteren Parkett waren erschreckend viele Plätze unbesetzt. Das gleiche traurige Bild bot sich in den Logen, von denen viele leer blieben. Derartiges ist im in der Regel ganz oder nahezu ausverkauften Haus ein Novum. Aber ein altbekanntes Problem des Hamburger Kulturbetriebs ist es nunmal, daß der Name zählt, & weniger der Inhalt. Neugierig ist man eher auf das ohnehin Gewohnte. 

Edvin Revazov, erster Solist des Hamburg Ballett, sowie die Solisten Alex Martinez & Mark Jubete hatten sich nichts weniger vorgenommen, als Sonette von William Shakespeare auf die Bühne zu bringen. Oder das, was diese im Jahre 1609 erstmals veröffentlichten 154 Gedichte in ihnen ausgelöst haben. Während sich Mark Jubete Gedanken über die Ursache von Leid & Elend in den Sonetten macht & über die zwischenmenschlichen Probleme nachdenkt, die es hervorruft, denkt Aleix Martinez über die Schönheit nach, die als äußerer Schein die innere Leere verbirgt. Edvin Revazov interessiert sich für die Zeit, in der die Sonette geschrieben wurden, besonders vor dem Hintergrund von Theorien, daß sie gar nicht von Shakespeare selbst, sondern von mehreren, unbekannten Autoren stammen könnten. Schon anhand dieser unterschiedlichen Herangehens- & Sichtweisen wird klar, wie schwierig es gewesen sein dürfte, zu einer gemeinsamen, in sich schlüssigen Aufführung zu gelangen. Die Aneinanderfügung unterschiedlicher Choreographien geschieht keinesfalls bruchlos, & doch ist deutlich spürbar, daß sich die verschiedenen Sichtweisen der jungen Choreographen auf beeindruckende Weise nicht nur aneinander, sondern auch ineinander fügen, daß dem Zuschauer glücklicherweise zugemutet wird, das Verbindende zu erfassen & emotional für sich zu gestalten. Die Musik – insgesamt werden Werke von dreizehn Komponisten gespielt – reicht von Minimal Music über polymetrische Rockmusik bis zu Jordi Savall & John Dowland. Es ist klar, daß diese musikalische & akustische Vielfalt vom Band kommt & nicht live dargeboten werden kann. 

Yaiza Coll, Lizhang Wang, Photo: Kiran West

Da die Shakespeare Sonette kein Handlungsballett darstellen, sondern Ausdruck innerer Eindrücke & Assoziationen der drei Choreographen sind, bleibt es dem Zuschauer überlassen, das, was er auf der Bühne sieht, mit seinen eigenen inneren Bildern & Vorstellungen abzugleichen, bzw. sich seine eigenen Assoziationen zu erschaffen. Die Empfindungen & Zusammenhänge, die im Kopf entstehen, sind folglich höchst subjektiv & individuell, beruhen auf den Wahrnehmungen & Lebenserfahrungen der Zuschauer, & das ist kein Nachteil, denn es kann nur das Ziel der Choreographen sein, dies nicht nur zuzulassen, sondern mit ihrer Arbeit explizit anzuregen & einzufordern. Das ist auf eindrucksvolle Art & Weise gelungen. 

Die Bilder, die Revazov, Martinez & Jubete erschaffen haben, erzeugen Eindrücke von emotionaler Wucht & Tiefe, changieren auf höchst poetische Weise zwischen verstörender Härte, besonders in den Fabrikszenen, & feinster Innigkeit, wie in den Pas de Deux eingangs & im deutlich ruhigeren zweiten Teil, wobei sich die Tänzer auf eine intime Innerlichkeit einzulassen haben. Auch diese z.T. schroffen Wechsel emotionalen Ausdrucks & Erlebens gelingen dem wunderbaren Ensemble fein abgestuft & mit sichtbarer Hingabe. Daran ändern auch kleine, noch unpräzise Details im Forced March, dem dritten Bild des ersten Teils, rein gar nichts. Das hohe Niveau der überwiegend sehr jungen Tänzer ist beeindruckend.  

Eingangs bewegt sich ein „weißes“ Paar zuerst einzeln & zögerlich, dann immer enger umeinander herum, bis es zu einem intimen Pas de Deux findet, wobei – & das ist das Beeindruckende an diesem von Mark Jubete choreographierten Bild – stets eine letzte kleine Distanz zwischen beiden spürbar bleibt, sie bleiben am Ende allein mit sich selbst & stellen den Zweifel sowie das Alleinsein, das Alleingelassensein, das in den Sonetten so oft durchscheint, als Liebeszweifel, als den vergeblichen Versuch, sich auf den anderen letztendlich einlassen zu können, sich in letzter Konsequenz hinzugeben, dar. 

. . . Vergaß ich, da es mir fehlt am rechten Glauben,
Den vollen Text der Liebesfestandacht.
Scheint meiner Liebe selbst die Kraft zu rauben,
Zu schwer trag´ ich an meiner Liebe Last. . . .

. . . so heißt es im Sonett Nr. 23, von Yaiza Coll & Lizhang Wang mit beeindruckender tänzerischer & emotionaler Intensität getanzt.

Sylvia Azzoni (2. v.l.), Lloyd Riggins (3.v.l.), Patricia Friza (rechts vorne), Ensemble, Photo: Kiran West

Da die Sonette kein Handlungsballett sind, haben die Choreographen folgerichtig darauf verzichtet, den Figuren Namen zu geben. Durch diese Anonymisierung schaffen sie Raum für das Auftreten ihrer Tänzer als Traum- , Wunsch-, oder Sinnbilder, als poetische Inkarnationen. Der Vorhang, der die beiden Liebenden, denen wir eben zugeschaut haben, von der Welt, aus der sie kommen – oder in die sie nun gerade erst gehen – getrennt hat, hebt sich & gibt den Blick frei auf die Maschinerie einer Menschenfabrik. Menschliche Werkstücke hängen von der Decke herab, Arbeiter schaffen ständig neue, tragen Teile hin & her & in rollbaren gläsernen Schaukästen sind Musterstücke zu besichtigen. Die Liebenden durchtanzen diese Szenerie, bis sie Einlass in einen der Schaukästen finden. Sind sie selbst nicht auch nur das Musterstück eines liebenden Paares? & wer ist der kleine Junge, der durch die Bilder streift, losgelöst, nahezu teilnahmslos. Durch die Szenerie bewegt sich ein Arbeiter eher ziellos, zweifelnd; zaudernd bleibt er stehen, seine wenigen Bewegungen sind langsam & unsicher. Lloyd Riggins, dieser großartige Tänzer, nun ein Meister der Andeutung, der kleinen sparsamen, doch umso bewußteren Gesten, der zu zweifeln scheint an dem, was er sieht, dessen Teil er im Innern nicht ist. Oder eine junge Frau, energisch, zielgerichtet, fast wild scheint sie eine herausgehobene Position unter den Arbeitern einzunehmen. Patricia Friza tanzt sie  energiegeladen & doch zerbrechlich, gefährdet, ahnungsvoll. Für mich ist dieses Bild, Fabrik 1, das zentrale Stück des ersten Teils, von Aleix Martinez phantasievoll, vielschichtig & voll dunkler, abseitiger Poesie gestaltet. Die Musterstücke, Frauen in rosa Kleidern, weiß maskiert, eine fängt an sich zu bewegen, . . . I wanna be loved by you . . . & das Musterstück ahmt menschliche Bewegungen nach, ruckhaft & parodistisch, Sylvia Azzoni ist in dieser Maske nicht zu erkennen. Die ganze abgründige Tiefe der menschlichen Existenz, ihre emotionalen Verwerfungen, ihr Streben & Wollen, letztlich ihr Scheitern ist auf dieses Bild übertragen. So wie die großen Maler der niederländischen Spätrenaissance, die in ihren Bildern mittels einer metaphorisch – apokalyptischen Komik ihren Zeitgenossen den Spiegel vorhielten, so zeigt sich auch Shakespeare in seinen Sonetten mit den Abgründen der menschlichen emotionalen Existenz vertraut. Die Besucher blicken beim Betreten des Saals – ahnungsvoll – auf eine Spiegelwand. Martinez hat verstanden, daß Shakespeare, wie alle großen Dichter, die Liebe als den Brennpunkt aller menschlichen Sehnsüchte & Leidenschaften, alles Strebens, Wollens & Scheiterns begriffen hat. 

Ist die Rückverwandlung des Menschen, des Schmetterlings, in den Zustand der Verpuppung die Reinkarnation in die vorgeburtliche Unschuld als Ausdruck des Reinen, Unwiderlegbaren in der Liebe? In dem stillen poetischen Bild, das Revazov findet, um diesen Zustand zu beschreiben, & das von Olivia Betteridge & Florian Pohl sehr berührend als Pas de Deux getanzt wird, will es so scheinen, denn hier erscheint die letzte Distanz zwischen den Figuren erstmals vollkommen aufgehoben. 

 . . . Mein Lieben ist wie Fieber: es begehrt
Nach dem wodurch die Krankheit noch mehr schwillt
Nährt das noch mehr, was mich so stark verzerrt,
Damit der kranke Appetit gestillt.  . . .

. . . lautet ein Vers aus dem Sonett Nr. 147, & schon wird die Idylle beendet, bricht die Gewalt über die Unschuld herein, Vogelmenschen treten auf, unheimlich anzusehen, oder sind es nicht vielmehr Pestärzte, die durchs Land ziehen, mit riesigen Schritten die Weite durchmessen & die Kranken von den Gesunden scheiden. Shakespeare´s Zeit war von schweren Pestepidemien erfüllt & die Pestärzte trugen mit Kräutern gefüllte Schnabelmasken, die sie vor Ansteckung schützen sollten. Unser Lieben ist endlich, muß endlich sein & es ist schwer, diese Obszönität zu ertragen. Revazov hat ein tiefes poetisches Verständnis für die Dualität des Lebens & des Leidens. 

Ensemble, Photo: Kiran West

Der zweite Teil ist weitgehend geprägt von der Suche des Einsamen nach Verstehen, & nach dem Verständnis von dem, was er oder sie sich unter Erfüllung, unter Liebe vorstellt & gleichzeitig vom Eingeständnis der Unerfüllbarkeit, der Erfolglosigkeit allen menschlichen Strebens & Sehnens. In der Menschenfabrik brechen die Schranken zwischen den Musterstücken in den Glasvitrinen & den Begehrenden außerhalb auf, die Bewegungen sind langsam, zögerlich, unsicher. Lloyd Riggins sucht vergeblich, in stiller einsamer Verzweiflung, die Nähe menschlicher Wesen, in einem Bild zusammen mit Viktoria Bodahl, als Schatten gedoppelt von Yaiza Coll & Lizhang Wang. & immer wieder Florian Pohl, zusammen mit Anna Laudere im Pas de Deux, in dem die Vergeblichkeit des Liebeswunsches beiden zu noch intensiverem emotionalen Ausdruck verhilft, denn über all dem liegt stets der Schatten der Hoffnungslosigkeit. Die großartige Patricia Friza kann nicht einsehen, will sich nicht fügen in diese Vergeblichkeit. Ihre Bewegungen werden schneller & ausgreifender, je mehr ihr dies bewußt wird. 

In einem grandiosen Schlußbild vereinen sich schließlich alle zur elegischen Musik von Jordi Savall zu einer menschlichen Pyramide, zu einem letzten verzweifelten Versuch, nun dem Himmel doch noch zu entreißen, was er ihnen freiwillig nicht zu geben vermag.

Ein in jeder Hinsicht bewegender, erschütternder Abend, ein Glücksfall für diese Companie.

Die jungen Choreographen erliegen glücklicherweise nicht der Versuchung, sich auf die Tanz- & Bewegungsmuster ihres Mentors zu beziehen, sie suchen konsequent nach ihrem eigenen Ausdruck. Es gelingen Bilder von teils verstörender poetischer & dramatischer Wucht, gleichzeitig aber auch Momente großer intimer Innerlichkeit. Es ist gelungen, den Sinn, die innere Bedeutung & Aussage der Sonette zu erfassen & poetisch konsequent umzusetzen. Die Spanne der zeitgeschichtlichen Bezüge reicht von der Spätrenaissance bis in die heutige Verirrung der technischen Hybris, der Erschaffung human – technologischer Hybride. 

Der Mut zu dieser Aufführung könnte ein Aufbruch in die Moderne des zuweilen doch etwas angestaubt wirkenden Spielplans sein, das sei allen Beteiligten zu wünschen. Uns bleibt an dieser Stelle nur der große Dank für einen wunderbaren Ballettabend, bei dem allen Beteiligten die zahlreichen leeren Plätze herzlich egal sein sollten. Das Neue hat stets seine Feinde, & das vorgeblich Bewährte schafft eine lediglich trügerische Ruhe. Kunst kann niemals Stillstand sein, sie hat zu suchen, zu forschen & sich selbst zu finden. Das ist an diesem Abend auf exemplarische Weise gelungen.

 

Danksagung:

Ich danke Lisa Zillessen von der Pressestelle des Hamburg Balletts für die Erlaubnis, die Aufführungsphotos von Kiran West für diesen Beitrag verwenden zu dürfen.

September 20

Ein badischer Abend

. . . Markgräfler Reminiszenzen . . .

Augenblicke, in denen sich das scheinbar Banale zum Außergewöhnlichen wandelt, sind zumeist eine sehr persönliche & individuelle Erfahrung. Sie sind eher emotionaler Natur, gewachsen aus dem Erleben, der Erinnerung, vor allem jedoch aus dem Umstand, daß sie uns in der Tiefe unserer Erfahrungen, unserer Wünsche & der Verluste, die wir im Leben erleiden müssen, berühren. Wenn dies geschieht, werden diese Augenblicke zu unvergeßlichen Momenten, zu Bildern, die uns lebenslang begleiten & die wir vermissen, wenn wir sie lediglich noch in uns selbst oder anhand alter Photographien aufsuchen können. Dies ist der Grund für ein Gefühl, das wir als Sehnsucht kennen. Sie wird uns stets zurückführen an die Orte & zu den Menschen, die dieses Gefühl einst begründeten. Gehen hingegen die Orte, die Menschen oder die reale Entsprechung verloren, bleibt also lediglich noch die Erinnerung, oder ist uns eine Rückkehr aus anderen Gründen verwehrt, empfinden wir Trauer. Doch das, was wir unauslöschlich in uns tragen, gibt uns auch Kraft & Halt. 

Im Oktober beginnen die Tage des gebrochenen Lichtes. Oft hat die Sonne sich am frühen Vormittag durch den Hochnebel, der sich zwischen Schwarzwald & Rheinebene zuweilen hartnäckig hält, mühsam hindurch gekämpft, ohne allerdings den Dunst vollständig zu besiegen. Das Licht bleibt dann seltsam diffus, & eine ungewohnte Ruhe scheint trotz der allgemeinen Geschäftigkeit über dem Land zu liegen. Wer aus einer norddeutschen Großstadt kommt, dem gehen die Uhren hier seit jeher langsamer, die Menschen bewegen sich anders, die Zeit scheint mehr Geduld mit ihnen zu haben & was geschieht, das geschieht zumeist auf eine sanftere Art. 

Mittags, kurz bevor der große bunte Markt auf dem Freiburger Münsterplatz schließt & nur noch den Maronenröster mit seinem Handwagen vor dem Kirchenportal neben dem Georgsbrunnen & den Imbißstand an der Nordseite des Münsters zurückläßt, & der mit seiner Langen Roten auch nach Marktschluß noch Konjunktur hat, zieht sich der leichte Dunst für eine Stunde zurück. Die Sonne wärmt auch Mitte Oktober noch die Einheimischen & ihre Gäste, die zumeist daran zu erkennen sind, daß sie auf dickere Jacken noch weitgehend verzichten.

Der große Münsterplatz wird an der Südseite des Münsters rechterhand von einer historischen Häuserzeile, zu der das Stadtmuseum, das Redoutenhaus, sowie alteingesessene Wirtshausfassaden gehören begrenzt, im Osten von der historischen Alten Wache. Hier ist eine Weinhandlung untergebracht, die zahlreiche regionale Erzeugnisse unterschiedlicher Winzergenossenschaften & unabhängiger Weinbauern ausschenkt. Bei schönem Wetter sind die Plätze davor längst weitgehend besetzt. Scheinbar ziellos streift der Flaneur durch die kleinen engen Gassen, er hat eine Auswahl an Lieblingsplätzen, er kann verweilen, wo er will, er läßt sich treiben. Heute zieht es ihn & seine Begleitung durch einen schmalen Durchgang am Redoutenhaus erst in die Schusterstraße, & sodann durch ein kleines Gässchen in die Salzstraße, links hinauf in Richtung Augustinermuseum & weiter zum nun rechterhand gelegenen Augustinerplatz, hinunter zur Fischerau. Zwischen dem Gäßchen & den pittoresken, z.T. holzverzierten Häuserfronten verläuft ein je nach Wasserstand träges oder munter dahinplätscherndes Bächlein. Am westlichen Ende der Fischerau gelangt man zum Martinstor, einem der alten turmhaften Stadttore. Unmittelbar dahinter, wenige Schritte die Kaiser Josef Straße hinauf Richtung Bertoldsbrunnen, hängt ein rundes gelbes Leuchtschild mit der Aufschrift Cafe´ Kolanda über dem Eingang eines kleinen Stehcafe´s, dessen rare Sitzplätze höchstens bei Geschäftsöffnung frei sind. Es werden die unterschiedlichsten Kaffeesorten angeboten, & es ist unmöglich, das Cafe´ zu verlassen, ohne die wunderbaren Törtchen & Gebäckspezialitäten probiert zu haben, die eine Auswahl & somit eine Beschränkung eigentlich unmöglich machen. 

Buchhandlung zum Wetzstein, Salzstraße, Freiburg

Nach der kleinen Stärkung führt der Weg über die parallel zur Fischerau verlaufende Gerberau zurück zum Augustinerplatz, von dem aus unser Ziel unschwer an der altmodischen blauen Markise erkenntlich ist. Die Buchhandlung Zum Wetzstein. 

Bereits die ungemein geschmackvoll dekorierten Fenster machen deutlich, daß, wer hier eintritt, das Besondere sucht. Der geistige Anspruch korrespondiert hier vortrefflich mit seiner ästhetischen Gestaltung. Das fein sortierte Angebot, das auf den Tischen & in den Wandregalen zum Entdecken einlädt, ist garantiert bestsellerfrei. Wer die SPIEGEL Liste abarbeiten möchte, ist hier verkehrt. Auf dem Kassentisch steht eine große Glasvase mit einem prächtigen Strauß Gladiolen, aus kleinen Lautsprechern erklingt dezent Händel. Der Inhaber, Thomas Bader, gekleidet wie ein englischer Gentleman, mit modischer runder Hornbrille, wacht adlergleich über sein Reich, so auch über uns, als wir einst dieses Biotop des Geistes & der Kultur erstmals betraten & dabei in keiner Weise seinen Vorstellungen angemessener Kleidung entsprachen. Das Eis brach die Frage nach einem dünnen Ernst Jünger – Bändchen in Erstausgabe. Da huschte ein verschmitztes Lächeln über Herrn Baders Gesicht & er bekundete freundlich Verständnis für die Begrenztheit der Urlaubskasse. Im hinteren Teil des überraschend großen Ladens finden sich Gesamt- & Werkausgaben, Unmengen  signierter Bücher, sowie ein umfängliches Kunstkabinett. Der regelmäßige Besuch der Buchhandlung & die Gespräche mit seinem hochgebildeten Inhaber sind so unverzichtbar wie inspirierend, sie verdeutlichen so eindringlich wie schmerzhaft, was andernorts fehlt. 

An der Alten Wache, bei einem Kaiserstühler Gutedel & dem Blick auf den nunmehr rasch sich leerenden Münsterplatz, findet der Tag sein Ende mit der langsam untergehenden Sonne, die den oberen Teil des Sandsteins, aus dem das Münster gebaut ist, in ein  letztes warmes goldenes Licht taucht. Die Glocken läuten die blaue Stunde ein & bald wird es frisch.

Verläßt man Freiburg auf der B 3 nach Süden hin Richtung Basel, so erreicht man nach wenigen Kilometern Schallstadt, ein Dorf, das dem Durchreisenden vor allem durch seinen Bahnhof auffällt. Es sind in Deutschland eigentlich immer wieder vor allem die Bahnhöfe, die durch ihre architektonische Einfallslosigkeit, ihre zweckreduzierte Ödnis & Trostlosigkeit den Reisenden eher abschrecken, als einladen. Das ist in Schallstadt nicht anders. Verläßt man jedoch hinter dem Bahnhof die B 3 & biegt rechts in das alte Dorf ab, ist das typisch Badische der Häuser & Resthöfe sofort sichtbar. Nach wenigen hundert Metern erreicht man den Ortsrand & gelangt dort zum Kaltenbachhof, an den sich direkt eine größere, mit Reben bewachsene Fläche anschließt. Betritt man den Hof durch ein altes rostiges schmiedeeisernes Tor, das etwas altersschwach in den Angeln zwischen zwei viereckigen Steinpfosten hängt, erstreckt sich rechter Hand ein massives zweigeschossiges Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert, an das sich ein geducktes flacheres & vermutlich ursprünglich noch älteres Fachwerkhaus anlehnt. Die Bebauung umschließt den Hof mit einem Scheunen- & Unterstandgeviert, welches seinen Abschluß links der Einfahrt in einem kleineren Wohnhaus deutlich jüngeren Datums findet. Noch vor dem repräsentativ – bürgerlichen Treppenaufgang, rechterhand zum großen Wohnhaus, befindet sich eine kleinere Tür, die sich zu einem Kellergewölbe aus dem Jahr 1765 öffnet, das man durch wenige steinerne & altersbedingt ausgetretene Stufen erreicht. Schlagartig ist es mit der Ruhe & Friedfertigkeit, die den Hofbesucher hier besonders an kälteren Herbstabenden empfängt, vorbei. Dichtgedrängt sitzen Menschen an einfachen schweren langen Holztischen, Gläser & Krüge mit Wein, sowie Teller mit Brägele & Salat vor sich & in lebhafte Gespräche verstrickt. Einige blicken kurz auf, taxieren die Eintretenden kurz als Einheimische oder Reisende & wenden sich sodann gleich wieder ihren Gesprächen, Tellern & Gläsern zu. Es dauert einige Sekunden, sich an die Luft & das Lärmen des Wortrauschens & Gelächters zu gewöhnen. Lange Jahre war dieser Ort jeden Montag & Dienstag unser Ziel, wenn wir das Markgräfler Land besucht haben; die Kellerstrauße im Kaltenbachhof. 

Kaltenbachhof, Schallstadt, Breisgau, Photograph & copyright unbekannt

Das Reich von Brigitte & Max Kaltenbach erfüllt alle Anforderungen, die Einheimische & (kundige) Reisende an eine Straußwirtschaft stellen können. Es ist unbedeutend, daß bereits wenige Jahre nach Öffnung eine Gaststättenkonzession beantragt wurde, um der Masse der Einlaß & Bewirtung Begehrenden Herr zu werden. Dennoch ist es hervorragend gelungen, das, was eine Straußi ausmacht, angemessen zu bewahren. Eigentlich sind Straußen- Besen- oder Heckenwirtschaften, wie sie je nach Region heißen, von Winzern betriebene Saisonwirtschaften, die eigene Produkte vertreiben & nur eine eng begrenzte Zeit im Frühjahr & im Herbst geöffnet sind. Auch sollten ursprünglich nicht mehr als vierzig Personen Platz finden. Man erkennt sie an einem Reisig- oder Strauchbesen, der am Haus angebracht ist. Im Badischen ist die Anzahl der Straußi´s besonders hoch, an Wochenenden stehen die Menschen oft schon lange vor Öffnung an, um einen der begehrten Plätze zu erhalten. Die Qualität des Weins & der angebotenen Speisen schwankt naturgemäß nicht unbeträchtlich, die Atmosphäre ist jedoch i.d.R. urig, gemütlich & wird gewöhnlich als landestypisch empfunden. Man setzt sich einfach irgendwo dazu, & in der Regel kommt man sofort mit den unterschiedlichsten Menschen auf´s Vortrefflichste ins Gespräch. Mittlerweile schrecken einige Betreiber allerdings nicht mehr davor zurück, ganzjährig zu öffnen, was natürlich mit der Tradition des Straußi nichts mehr zu tun hat. Neben dem kulinarischen Angebot ist ein dem Gast zugewandter & stets auch für ein längeres Schwätzchen zur Verfügung stehender Winzer unverzichtbar für ein beliebtes, gut laufendes Straußi. Für viele Selbstvermarkter unter den Winzern sind die Einnahmen zu einer unverzichtbaren ökonomischen Position geworden, die die Existenz sichert. Besonders im Herbst bedeutet das allerdings doppelte Arbeit, da das Straußi zusätzlich neben der Lese betrieben wird. Arbeitszeiten von Morgens um sechs bis dreiundzwanzig Uhr Nachts sind dann durchaus normal. 

Im Gewölbe der Kaltenbachstrauße befindet sich hinten links der Ausschank, davor geht es links über eine Treppe in den Hofladen, der ebenfalls zur Gaststube erweitert wurde. Zumeist ist es hier ein klein wenig ruhiger. Die Küche befindet sich linkerhand kurz vor der Treppe. Dort werden die Vorbereitungen für die hervorragenden Brägele getroffen, die auch ein Grund für den guten Ruf des Kaltenbachschen Hofes geworden sind. Brägele als Bratkartoffeln zu bezeichnen, würde ihnen nicht gerecht. Hier werden mehlig kochende Kartoffeln der Sorte Agria aus eigenem Anbau verwendet, sie werden als Pellkartoffeln gekocht, dann geschält & in Schweineschmalz in der Pfanne gebraten. Die gängige Beilage sind Elsässer Wurstsalat, also mit Käse angereichert, sowie Bibliskäs. Hierbei handelt es sich um mit reichlich Sahne, sowie Schnittlauch, Knoblauch & Schalotten angemachten Magerquark, bei dem der Sahneanteil die Konsistenz bestimmt. Ebenfalls typisch für badische Straußi´s ist der Flammekuache, sowie ein leckerer Salat. Preislich bewegt sich dies alles auf einem Niveau, das dem Städter Freudentränen in die Augen treibt. Je nach Betrieb & Qualität bewegen sich die Preise für ein Viertele – lediglich 0,2 l in ein Glas zu füllen wäre unverzeihlich – zwischen 1,50 & 3,50 €, für eine Erwachsenenportion Brägele mit Bibliskäs & Elsässer Wurtstsalat sind selten mehr als 8,-  bis 10,- € zu zahlen.

An diesem Ort zu verweilen, Wein & Speisen zu genießen, nette & interessante Gespräche zu führen & sich auf eine ungewöhnlich intensive Art heimisch zu fühlen, ist uns an ungezählten Abenden eine besondere Freude, es ist schnell unverzichtbar geworden & erfüllt uns stets mit einer tief empfundenen Wärme & Dankbarkeit. 

Der Sender, der im Radiowecker & im Autoradio eingestellt ist, heißt SWR 1. Die Moderatoren haben angenehme Stimmen, das Laute, Beifallheischende, das den Privatfunk so unerträglich macht, die hysterische Dauerfröhlichkeit, das abstoßend Anbiedernde ist ihre Sache nicht. Sie kommen aus dem Äther als nette Bekannte, die man gern zu sich einlädt, & deren unaufgesetzte Natürlichkeit man zu schätzen weiß.  Matthias Holtmann, einst Schlagzeuger der Krautrockband Triumvirat, der keine, zumeist  auch irgendwie passende Gelegenheit ausläßt, um seine Bewunderung für John Bonham kundzutun, ist ein Meister des Augenblicks, jemand, der sich in seinen Sendungen, in denen er Hörer anruft, oder von ihnen angerufen wird, in seinem ureigensten Metier weiß. Wie kaum jemand anderem gelingt es ihm, eine unmittelbare Beziehung zum Hörer aufzubauen, auch wenn sie nur zwei Minuten dauern darf, oder auch mal unwesentlich länger. Sofort entsteht ein Gespräch, bei dem die scheinbar so leichte Nonchalance niemals ins Zotige abgleitet oder dem Anrufer zu nahe tritt. Diese fragile Balance wahren zu können, ist das Wesen von Holtmann´s Moderation. Guten Abend Baden Württemberg. Es gibt keinen besseren Begleiter durch einen späten Badischen Abend, wenn die Fahrt vom Kaltenbachhof auf der B 3 Richtung Basel nach Mauchen führt, dem kleinen versteckten Weindorf zwischen den Hügeln bei Schliengen, das hier im Ländle unsere Heimat darstellt. Im Oktober, wenn die SWR 1 Hitparade eine Woche lang durchgehend die tausend beliebtesten Songs spielt, die von den Hörern wochenlang zuvor gewählt worden sind, & die zeigen, wie weit sich das Formatradio in seiner Musikauswahl von dem Geschmack der Zuhörer entfernt hat, bleiben wir zuweilen im Auto sitzen & hören vielleicht Tubular Bells zu Ende, es wird, ein besonders schönes Merkmal dieser Hitparade, in voller Länge gespielt, so wie alle Titel stets in der zuweilen recht langen LP –  Fassung gespielt werden. Dies gilt natürlich auch für Whole Lotta Love, & Holtmann läuft zur Hochform auf, wenn er diese im Radio sonst nicht zu hörende Version ansagt, weil er gerade wieder in der entsprechenden Schicht Dienst hat, denn die Hitparade läuft eine Woche lang, von Montag bis Freitag, 24 Stunden lang. & jedes Jahr gewinnt wieder Stairway to Heaven. Aber vielleicht hat das ja auch mit Mathias Holtmann zu tun.

Weinberge in Mauchen, Markgräfler Land

Es ist durchaus möglich, daß wir, je nach Uhrzeit, noch das Straußi des uns nun schon so lange bekannten & vertrauten Winzers aufsuchen, um noch ein Weinchen & vielleicht auch noch einen Flammkuchen zu bestellen. Wenn es dann so kommt, finden wir nach intensiven Gesprächen – die letzten Gäste sind lange fort – & dem Probieren der einen oder anderen besonderen Flasche, durch das dann bereits laternenlose Dorf erst zu später Nacht heim. 

Während ich dies alles schreibe & mir alte Photos anschaue, mich zurück erinnere an diese Tage & Abende, an ihren stillen warmen Glanz, ihr spätsommerliches Licht & die zunehmend frischen Nächte, geschieht Seltsames. Ein stilles Lächeln kann die Wehmut nicht vertreiben, die Erinnerung jedoch erschließt einen Raum behaglicher Behaustheit. Allerdings stellt sich zunehmend auch eine lastende Melancholie des Abschieds ein.

Thomas Bader ist im März 2014 nach langer schwerer Krankheit verstorben, die Buchhandlung Zum Wetzstein, sein Lebenswerk, wird aufgrund einer von niemandem nachzuvollziehenden Laune seiner Erbin & Ehefrau Ende diesen Jahres schließen. Die Kellerstrauße wurde nach dem Tod von Max Kaltenbach im Jahre 2013 aufgegeben. Mathias Holtmann moderiert seit dem März des Jahres 2015 nicht mehr, da er an Parkinson erkrankt ist. 

So sind diese Erinnerungen vor allem auch eine Referenz an Vergangenes, das weiterlebt & nicht vergessen werden kann. Sie gebieten Achtung für so viele, für unzählige Augenblicke stillen Glücks, die Kraft & Halt bieten & mich auf meine Sentimentalität stolz sein lassen.

Tief in der Unrast Zonen,
eh wir die Furche ziehen,
ehe wir bauen und wohnen,
gehen wir so dahin
fast wie ungeboren
fast wie ohne Schuld,
keinem Ding verschworen,
wartend in Geduld …
Und lauschen der Stimme des andern
Tages, der in uns beginnt
und hören nicht auf zu wandern,
bis wir verwandelt sind.

. . . heißt es bei Marie Luise Kaschnitz, der großen Schriftstellerin aus Bollschweil bei Freiburg, in ihrem Gedicht Stimme des anderen Tages. Doch es gibt sie noch, die Badischen Abende, sie sind nur ärmer geworden, ihr stiller Glanz ist verblaßt, das bunte Laub fällt früher & die Nächte sind kälter geworden.

 

September 13

Die Akademie tanzt

. . . Yiddish Summer Weimar – Impressionen

Weimar ist ohne Frage eine der schönsten deutschen Städte. Diese Schönheit ist weniger vordergründig, sie erschließt sich, besonders, wenn man die Stadt öfter & länger als für das übliche Wochenende besucht, eher beiläufig. Weimar prahlt nicht, es erschließt sich dem länger Verweilenden, dem Interessierten, dem, der bereit ist, sich vom Plakativen, Offensichtlichen, dem zuweilen auch Aufdringlichen, nicht blenden zu lassen & die Ruhe zu suchen, sich auf diesen Ort einzulassen & die unglaubliche Geistesgeschichte innerhalb seiner Mauern aufzunehmen. Denn dieses Aufnehmen ist weit mehr, als das Haus am Frauenplan oder Schiller´s Wohnhaus einfach nur touristisch abzuhaken. 

Im Sommer ist Weimar von Touristen aus aller Welt nahezu überfüllt, besonders um die Wochenenden herum, was aufgrund der Beschaulichkeit des Städtchens deutlich schneller geht als anderswo. Die Frage, wer von den zahlreichen Besuchern Goethe tatsächlich gelesen, Schiller & Nietzsche verstanden, Liszt aufmerksam gehört, & in den Büsten von Wagner, Herder & Wieland mehr sieht, als historische & denkmalbewährte Vergessene, bleibt unbeantwortet. Auch ein Verständnis des Bauhauses über das Dekorative hinaus, verlangt ein Sicheinlassen,  ein Erfassen von Zeiträumen über das Tagesgeschehen hinweg, kunstgeschichtliches Grundverständnis & die Bereitschaft, hinter die Dinge zu schauen. 

Ebenfalls unbeantwortet bleibt oft auch die Frage, warum Weimar & der Ettersberg vor seinen Toren seit 82 Jahren untrennbar miteinander verbunden sind, denn Weimar ist seither eben auch die Ungeheuerlichkeit von Buchenwald. & Weimar ist die Stadt der gescheiterten ersten deutschen Republik, die ihren Namen trug. Daß Weimar eine junge, & bei aller Ruhe & Beschaulichkeit lebendige Stadt ist, dafür sorgen u.a. auch die Studenten der bekannten Musikhochschule Franz Liszt mit ihren zahlreichen Aktivitäten.

Seit diesem Jahr erinnert leider auch ein furchtbarer großer grauer Betonwürfel daran, wie leicht es ist, das fragile kulturelle Erbe zu erschlagen & seinem Sinn Hohn zu sprechen: das neue Bauhaus Museum, zur 100 – jährigen Geburtsstunde der Werk- & Designschule eröffnet, ist eine ästhetische & kulturpolitische Zumutung, eine museumspädagogische Verirrung, schlicht eine Schande. 

Jam Session vor dem Sächischen Hof, Weimar

Daß sich in dieser Stadt neben zahlreichen anderen festen kulturellen Terminen im Jahr auch ein Festival für jiddische Musik & Kultur etablieren konnte, zeugt von der ungebrochenen kreativen Ausstrahlung & Anziehungskraft dieses mit ca. 60 000 Einwohnern recht überschaubaren Städtchens, das seit dem frühen 14. Jahrhundert jüdische Einwohner verzeichnet. 

Der Yiddish Summer Weimar geht zurück auf einen Workshop für jiddische Musik im Jahre 1999. Künstlerischer Leiter des Festivals ist der Komponist, Pianist, Akkordeonspieler & Musikpädagoge Dr. Alan Bern. Dem sehr international besetzten Festival geht es um die Vermittlung der traditionellen & zeitgenössischen jiddischen Kultur & Musik. Hierzu werden diverse Workshops angeboten, in denen Kenntnisse in jiddischer Musik, Tanz &  anderen kulturellen Aspekten vermittelt werden. Zudem gibt es eine Vielzahl von Konzerten internationaler Künstler. Die Workshops richten sich sowohl an Interessierte, die mit den Themen bereits vertraut sind, wie auch an Neueinsteiger. Alan Bern meint dazu: „Ja, Yiddish Summer Weimar ist ein Musik- und Kulturfestival – aber darüber hinaus eine Chance, Grenzen zu hinterfragen, Verbindungen aufzubauen und durch die Begegnung mit anderen zu wachsen.“

In diesem Jahr war es uns leider nur möglich, zwei Konzerte des Festivals zu besuchen, die, das sei vorweg genommen, unterschiedlicher nicht sein konnten. An einem sehr heißen & stickigen Sonntagabend fand im Saal der Musikschule Johann Nepomuk Hummel das Abschlußkonzert des Workshops für Musik des Nahen Ostens statt. Die Leitung hatte der Oud Spieler Yair Dalal. Zuvor jedoch spielte Alan Bern zusammen mit dem Geiger Mark Kovnatskiy einige Kompositionen, die in ihrer formalen Schlichtheit gleichwohl eine emotionale Tiefe ausloteten, die in der geistigen Durchdringung der jiddischen Kultur & Musik durch die Interpreten begründet ist. Wie gerne hätte man diesen beiden Herzensmusikern weiterhin zugehört. 

Doch nun nahm das Ensemble für Musik des Nahen Ostens auf dem Podium Platz & schnell war klar, daß es sich hier überwiegend um Amateurmusiker handelte, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn sie die Musik, die sie sich vorgenommen hatten, halbwegs ansprechend gespielt hätten. Das Ensemble, zu dem einige Oud Spieler, Klarinettisten, Geigerinnen & Percussionistinnen gehörten, hatte Mühe, rhythmisch zusammen zu finden, fiel immer wieder auch klanglich auseinander, &, so muß ich leider sagen, buchstabierte sich durch sein viel zu langes Programm. Der Klangeindruck kam nicht über orientalische Klischees  hinaus, Harmonie & Rhythmik beschränkten sich zumeist auf Assoziationen aus Tausendundeiner Nacht. Erst gegen Ende des Konzerts fand das Ensemble zu einem gemeinsamen Groove, der, wäre er eher vorhanden gewesen, über manche instrumentelle Schwäche hinweg geholfen hätte. Daß Yair Dalal, der dem Ensemble zugewandt auf einem Stuhl saß, seine Ansagen mit dem Rücken zum Publikum machte, verstärkte den Eindruck des Unfertigen & bisweilen Fehlerhaften noch zusätzlich mit dem Gefühl der Geringschätzung. Gerade vor dem Hintergrund der großartigen Künstler, die wir in vergangenen Jahren im Rahmen des Yiddish Summer hier erleben durften, war der letzte Ton in dem nach Schließen der Fenster zu Beginn des Konzertes unerträglich heißen & stickigen Saal eine Erlösung. Daß an der improvisierten Bar statt des bestellten Weißweins ein warmer süßer Sekt eingeschenkt wurde, verwunderte vor dem Hintergrund dieser Darbietung niemanden mehr. Dem Publikum – die Veranstaltung war ausverkauft – hatte es offensichtlich gefallen, wie der begeisterte Applaus zeigte.

Ein besonderes Merkmal des Yiddish Summer Weimar war es stets, daß das Festival auch auf den Straßen & Plätzen stattfindet. Am Mittwochabend trafen sich Musiker & Absolventen des Tanzworkshops, sowie weitere Interessierte zu einer Jam Session vor dem Cafe´ am Markt. Zwei Stunden lang spielten die MusikerInnen jiddische Tanzmusik & eine kleine, sich ständig vergrößernde Gruppe von Tanzwütigen fand sich nahezu unmittelbar bereit, sich entsprechend zu bewegen. Jung & Alt, Frauen wie Männer erschufen sofort eine sehr lebendige, ansprechende & zum Verweilen zwingende Atmosphäre, die gerade durch das Improvisatorische in Musik & Tanz eine große Lebensfreude ausstrahlte. Viele Mitwirkende des unglücklichen Ensembleauftritts vom vergangenen Sonntag spielten hier nun wie befreit auf, fanden in diesem musikalischen Miteinander ihren Platz, sich angemessen auszudrücken & je nach individueller Neigung mehr oder weniger hervorzutreten. Diese Abende sind, gerade weil sie auf der Straße stattfinden, eine große Bereicherung & Ausweis für das Selbstbewußtsein des Festivals. Die Akademie tanzt. 

Triangle Orchestra, Joshua Horowitz (rechts außen), Probe, Photo: Yulia Kabakova

Gegenüber des Cafe´s am Markt befindet sich das Hotel Elephant, ein historisches Luxushotel, auf dessen Balkon Adolf Hitler zu den begeisterten Bürgern der Stadt sprach, wenn er sich in Weimar aufhielt. Daß auf diesem Platz nun jiddische Tanzmusik erklingen kann, ist etwas Besonderes & keineswegs selbstverständlich. Vielleicht aber ja eben doch, denn es zeigt die besondere Kraft der jahrtausendealten jüdischen Kultur. Es zeigt, daß selbst im langen Schatten des Glockenturms von Buchenwald die Kraft des Lebens über die totale Vernichtung siegen kann.  

Die Jam Session wiederholte sich am folgenden Tag vor dem Hotel Sächsischer Hof, am Herderplatz, wurde jedoch durch einen Gewitterschauer ein wenig aus dem Konzept gebracht. 

Ein Ereignis besonderer Art, & dieses Jahr ganz sicher der Höhepunkt des Yiddish Summer, war die konzertante Uraufführung der instrumentierten Fassung der jiddischen Oper Bas – Sheve von Henech Kon (geb. 1890 in Lodz – gest. 1972 in New York). Die Uraufführung der Klavierfassung fand am 24. Mai 1924 im Kaminski Theater in Warschau unter recht abenteuerlichen Bedingungen statt, wie einem Einführungsreferat der Judaistin Dr. Diana Matut von der Universität Halle zu entnehmen war, die auch die Entstehung der instrumentierten Fassung sprachlich & chormusikalisch betreut hatte & heute auch selbst im Chor mitsang. Für die Instrumentierung zeichnete der gegenwärtig in Kalifornien lehrende Joshua Horowitz verantwortlich. Für das Konzert hatte man den großen Saal des Kulturzentrums mon ami am Goetheplatz gebucht, der eine angemessene Bühne, sowie genügend Platz für ca. 280 Stühle bietet. Der Besucherandrang war derart groß, daß auch die hintere Balustrade geöffnet werden mußte. 

Inhaltlich geht es um die alttestamentarische Geschichte von König David, der seinen Söldner Urija ermorden läßt, weil er dessen Frau Batseba geschwängert hat & dafür nun vom Propheten Natan angeklagt wird. Für die Uraufführung hatte man ein international besetztes Ensemble aus StudentInnen verschiedener europäischer Hochschulen zusammengestellt, das Triangle Orchestra, welches von dem Franzosen James Salomon Kahane geleitet wurde & aus einem 14 – köpfigen Chor sowie einem 19 – köpfigen Orchester bestand. Selbst für eine Übertextanlage war gesorgt worden, sodaß die Besucher inhaltlich nicht im Unklaren blieben. 

Musikalisch überzeugten Chor & Orchester vom ersten Augenblick an. Der dichte Orchestersatz klang transparent & klar, auch wenn die Klangfarben aufgrund der starken Raumbedämpfung ein wenig blaß klangen. Der auf einem markanten Hauptthema beruhende Satz wurde vom Orchester dicht & mit hoher Geschlossenheit musiziert, es gab keinerlei Brüche zwischen den Instrumentalgruppen, die von Kahane mit deutlichem Dirigat sehr umsichtig geleitet wurden & selbst große Dynamiksprünge hervorragend meisterten. Gleiches galt für den Chor, bei dem besonders die solistisch Agierenden, allen voran Filippo Caluzza als König David überzeugten. Im Orchester begeisterte besonders der polnische Fagottist Michal Szydlowski. Stilistisch ist die Musik irgendwo zwischen frühem Mahler & Leos Janaczek einzuordnen, auch wenn derartige Assoziationen höchst individuell sind. Immer wieder stellt Horowitz einzelne Instrumentalgruppen in den Vordergrund, bisweilen soliert auch die Flöte, gerne nutzt er dynamische Kontraste & scheut auch vor harmonischen Reibungen nicht zurück. Kahane leitete die Aufführung mit hoher Spannung & großer Intensität. Dabei gelang ihm eine erstaunliche klangliche Homogenität von Chor & Orchester. Chapeau!  Der begeisterte Jubel am Ende der Aufführung, auch für den anwesenden Horowitz, war hochverdient, die Schlußtakte wurden als Zugabe nochmals wiederholt. 

Triangle Orchestra, Dr. Diana Matut (1. Reihe, 3. v. links), Photo: Shendl Kopitman

Ein denkwürdiges Konzert, welches in Lodz noch einmal aufgeführt werden wird & diese wunderbare Musik dorthin zurückbringt wo ihr Komponist einst herkam. Dank des großen Engagements der jungen MusikerInnen wurden die hohen Erwartungen an diese Aufführung mühelos übertroffen. Ein denkwürdiger Abend, der lange nachwirkt. Der Yiddish Summer bewies damit einmal mehr seine kreative Lebendigkeit & seine singuläre Bedeutung für das zeitgenössische kulturelle Leben in Weimar.

Danksagung: 

Mein besonderer Dank gilt Dirk Hornschuch, dem Verantwortlichen für die Pressearbeit des Yiddish Summer Weimar für seine freundliche Unterstützung bei diesem Artikel, sowie für die Freigabe der Photos von Yulia Kabakova & Shendl Kopitman.

 

Mai 30

Fünf Tage am Rhein

. . . Tabernaculum Dei cum Hominibus . . . *

 

„Und der Engel antwortete & sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt worden zu Dir zu reden und Dir diese gute Botschaft zu verkündigen. Und siehe, Du wirst stumm sein und nicht sprechen können bis zu dem Tag, da dies geschehen wird, dafür, daß Du meinen Worten nicht geglaubt hast, die sich zu ihrer Zeit erfüllen werden.“

Lukas 1 (19, 20)                

Der erste Tag:

 

Damals, an einem trüben diesigen Oktobertag des Jahres 2011, an dem ein hauchfeiner Niesel aus den dichten tiefen Wolken fiel, erreichten wir das erste Mal die Benediktinerinnen Abtei St. Hildegard, auf einem steilen Hügelkamm, hoch über Rüdesheim gelegen. Es war kein Tag für touristische Unternehmungen, wir waren die einzigen Besucher. Als wir vorsichtig das schwere Kirchenportal öffneten, stand im Foyer, fast direkt vor uns & mannshoch, der Engel des Schweigens. Die blaue Tonplastik hielt einen Finger vor den geschlossenen Mund & einen Finger der anderen Hand vors Ohr. Er forderte von uns, den Eintretenden, Stille, Schweigen & Einkehr. Dem Täfelchen zu seinen Füßen war zu entnehmen, daß dies Gabriel sei, der vor Gott steht & eine gute Botschaft zu verkündigen hat. Hinter ihm öffnete sich der große Kirchenraum ins Dunkle hinein. Wir traten ein & schwiegen.

Mein Aufenthalt in der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein war bereits länger vereinbart. Ich hatte das Bedürfnis, der Großstadt zu entfliehen, dem Trubel & dem Streß, unfrohen Ereignissen & seelischen Belastungen. St. Hildegard ist der passende Ort, um all das zu verarbeiten, abzuschalten &, in des Wortes Bedeutung, Einkehr zu halten. Nach tagelangem Hin & Her, ob ich nun fahren will oder nicht, der Erkenntnis, daß das Alter besorgter macht & ängstlicher, der Frage, ob ich H alleine lassen kann oder will, wo sie doch wg. Paul´s Tod immer noch so leidet, bringt sie mich zur Bahn & ich steige am Dammtor in den ICE nach Frankfurt. Ihr kommen am Bahnsteig die Tränen & ich wäre nicht gefahren, wenn sie´s gesagt hätte – das war die Vereinbarung. Jetzt rollt der Zug & ich kann mich nicht freuen. Hinter den Elbbrücken beginnt für gewöhnlich der Urlaub. Heute allerdings nicht. Aber es ist ja auch kein Urlaub, nicht nur jedenfalls. Alleine fahren ist nicht das Selbe. Der Zug ist voll. Neben mir eine junge Frau, eher artig, bieder & langweilig, packt ihre BILD aus ! & hat sie auch noch als App auf dem Handy. Vielleicht arbeitet sie bei Springer, die einzig denkbare Entschuldigung. Dafür spricht, daß sie nach dem lustlosen Durchblättern der BILD Netflix schaut.

Hannover, Göttingen, Kassel, Frankfurt. Immer noch ist das Einfahren in Frankfurt etwas Besonderes. Eine Stadt, die ich kaum kenne, aber dennoch liebe. Umsteigen in den Regio, fast eine Stunde warten, in der riesigen Bahnhofshalle umher wandern, aus den Lautsprechern tönen Warnungen vor organisierten Bettler- & Diebesbanden & der Regio 12 fällt heute aus. 

Bis Wiesbaden vorwärts, danach rückwärts weiter bis Rüdesheim. Neben mir eine Gruppe junger netter Menschen, ordentlich & gebildet, auf Sauftour nach Rüdesheim. Aber zuerst Wandern, zu Fuß zum wilhelminischen Niederwalddenkmal hoch, vielleicht noch eine Schiffahrt, dann allerdings in die Drosselgasse. Das erscheint mir etwas seltsam, irgendetwas paßt nicht; die angenehme Art der jungen Menschen & ihre Zielgerichtetheit, aber auch eine gewisse Distanz zu dem, was sie heute vorhaben, nimmt für sie ein. Wenn ich zurückdenke an ähnliche Ausflüge damals, in dem Alter, in dem diese Mittzwanziger jetzt sind, wäre von Distanz nichts zu spüren gewesen. Zuweilen ist es erstaunlich, nicht vom Wege abgerutscht zu sein, damals, nachhaltig, endgültig. Jemand hat wohl die Notbremse gezogen, oder war es die Möglichkeit, unterbewußt, doch noch Verantwortung übernehmen zu können? Schon immer das Bild von Zügen, Notbremsen, Weichen, Sackbahnhöfen, aus denen es – wenn überhaupt – nur rückwärts wieder hinaus geht. 

Die winzigen Bahnhöfe, an denen die Rheingaubahn hält, namenlos, vielleicht bis auf Eltville, lassen erkennen, wer hier aussteigt, wer hier wohnt. Das Publikum entspricht den Häuserfassaden, den Dächern, den Grauschattierungen der Hinteransichten mehr oder weniger alter Bauten. 

In Rüdesheim, wo die Bahn fast direkt neben dem großen alten Fluß hält, versucht der Ort sich von dem flußzugewandten Touristendorf mit seinen billigen Weinlokalen, falschen Italienern, freudlosen alten Besuchern & angehübschten Hotels fern zu halten. Die Mitte des Monats Mai ist erreicht, es ist kalt & das Wetter gottseidank weit von den Schrecknissen des letzten Jahres entfernt, dementsprechend gelangweilt sehen auch die aus, die die paar gelangweilten Besucher bedienen müssen. Trostlos.

Ich ziehe meinen kleinen Rollkoffer die Touristenfassaden entlang bis zum Marktplatz, der zwar auch nicht ohne Andenkenläden auskommt, jedoch noch mehr Ortskern ist als Kulisse, & warte auf die Taxe, die mich hoch zur Abtei fahren soll. Vor vier Jahren, als ich zuletzt hier war, hab ich den gleichen kleinen Rollie den steilen Fußweg nach oben gezogen. Es war Mitte März & trotzdem deutlich wärmer. Heute, eine Knieverletzung später & konditionell außer Form, werde ich mir das nicht zumuten. Ist die Vernunft, auf den Kraftakt zu verzichten, in Wahrheit nur das Eingeständnis des eigenen Verfalls, der sich kaum länger leugnen läßt? 

Die Schwester an der Klosterpforte sagt, nachdem sie gefragt hat, wer Einlaß begehrt, Sie waren schon mal hier. Aber die Haare waren nicht rot. Doch, sage ich, waren sie, nur länger. Und tatsächlich auch schon rot ? Ja, sage ich. Sie scheint einen Augenblick zu überlegen, tritt dann zur Seite & strahlt mich freundlich an. Sie kennen sich ja aus, oder muß ich noch was erklären, nein, das müssen Sie nicht, danke Schwester. Diesmal gibt mein Zimmer, es heißt Johanna, Nummern gibt es nicht, den Blick auf den Rhein frei, sowie auf die Schafweide, es befindet sich an der Stirnseite des Gästeanbaus. Es ist ähnlich eingerichtet wie das, welches ich im Jahre 2015 hier bewohnt habe, nur größer. Gelegentlich streichen lange, wolkenbedingte Schattenfinger über das Rheintal, so als wollten sie erfühlen, ob alles so ist, wie es sein soll. Demnach wären die Bewohner des Himmels blind & die Oberfläche der Erde eine Art Braille – Schrift, die es zu entziffern gilt. Nachdem ich meine paar Sachen ausgepackt habe, gehe ich direkt in die Kirche. Hier drinnen, in der lichtarmen Stille des romanisch inspirierten Kirchenschiffes mit den herrlichen Fresken, die in ihrer Ornamentik deutlich dem Beuroner Stil & somit dem Art Deco zuzuordnen sind, gleichwohl jedoch eine Reminiszenz an die ottonische Kunst darstellen, während die farbigen umlaufenden Bilder aus dem Leben Jesus eine prärafaelitische Prägung aufweisen, ist nichts zu hören. Die Stille ist sofort körperlich erfahrbar. In der großen Apsis breitet ein überdimensionaler Jesus die Arme aus & heißt den Eintretenden willkommen. 2011, 2015, 2019, nichts hat sich geändert. Diese Art demonstrativen Gleichklangs von Gebäude, Ritus, Glauben & Lebensgestaltung, ja selbst die in unseren Zeitspannen unveränderliche Landschaft erschaffen ein antipodisches Erleben der Welt, einen antagonistischen Weltkontrast. Wer hier einkehrt, hat seine Gründe, niemand ist zufällig hier, & die Gründe sind so vielfältig wie die Menschen, die hier anzutreffen sind. Die Teilnahme an den Gebetszeiten ist freiwillig, der Nonnenchor, der rechtwinklig vom großen Altarraum abgeht, ist nicht einsehbar. Beim Gebet sind die Nonnen nicht zu sehen. Ihr Gesang hallt durch das große Kirchenschiff, die einzelnen Stimmen überlagern sich, bedingt durch die Interferenzen des großen Raumes, phasenweise wird der Gesang zu einem indifferenten Sinuston, der durch die Basilika schwebt, die monotonen hypnotischen Psalmgebete bieten zuweilen kaum tonale Abwechslung. Der Regel des Heiligen Benedikt aus dem sechsten Jahrhundert folgend, wird der Tag durch die Stundengebete gegliedert. D.h. er beginnt um 05.30 Uhr mit der Laudes, dem Morgengebet, um 7.30 Uhr folgen Terz & Heilige Messe, die Mittagshore um 12.00 Uhr, Vesper um 17.30 Uhr & schließlich Complet mit anschließenden Vigilien um 19.25 Uhr. Die Teilnahme an diesen Gebetszeiten ist für die Bewohner der Klöster & in allen Orden Pflicht. Wer nicht krank ist oder aus dienstlichen Gründen vom Abt oder der Äbtissin befreit ist, nimmt Teil. Der Rest des Tages dient der Arbeit zum Unterhalt des Klosters. In St. Hildegard bedeutet das, Tätigkeit in den umfangreichen Weinbergen, der anderen angeschlossenen Landwirtschaft, sowie im Gästebereich. Der Wein, der in den Abteilagen erzeugt wird, ist ausgezeichnet, es handelt sich, dem Landstrich gemäß, um Riesling & Spätburgunder, der auch in den bekannten Rotweinlagen bei Assmannshausen angebaut wird. Das Abteiweingut wurde von der Zeitschrift Feinschmecker für den Jahrgang 2018 / 2019 als eines der besten in Deutschland ausgezeichnet. Zu Recht, wie auch die diversen Riesling Kreationen eindrücklich belegen. Unter den Schwestern befinden sich studierte Önologinnen, eine europaweit ausstellende Bildhauerin, die die Kunsthochschule in Düsseldorf absolviert hat & einige andere Fachkräfte. Ihnen allen hat das Kloster die Ausbildung ermöglicht.

Das Abendbrot wird im Gästerefektorium eingenommen, es ist für jeden etwas da, reichhaltig ist es nicht, aber vollkommen ausreichend. Wer ein Hotelbuffet erwartet, ist hier falsch. Nach dem Essen gehe ich noch einmal hinaus, die Beine ein wenig vertreten. Ich nehme den Höhenweg Richtung Niederwalddenkmal, die Weinberge & den Rhein zur Linken, einen Hügelkamm zur Rechten. Auf einer Weide grasen seltsame Schafe, sie haben gedrehte, heidschnuckenähnliche Hörner, sind jedoch deutlich kleiner & schlank, kaum schäferhundgroß. Es scheinen recht ruppige Zeitgenossen zu sein, der Umgang untereinander ist offenbar von einer strengen Hierarchie geprägt. Die braunen Tiere verlieren ihr Winterfell & sehen deshalb etwas reudig aus. Auf dem Rückweg treffe ich eine Schwester, die mir erklärt, daß es sich um sog. Wildschafe handele, eine Urrasse, die ganzjährig draußen sind, weil es ihnen nichts ausmacht & sie im Stall nur aufeinander losgehen würden. Gegenwärtig befänden sie sich in der Obhut der Abtei, weil der Schäfer auch einmal Urlaub machen wollte. Nach dem Spaziergang besuche ich Complet & Vigilien, die ungefähr 45 Minuten dauern. Danach wird das Kloster abgeschlossen, Zugang  ist nun lediglich noch mit der elektronischen Signalkarte am Seiteneingang möglich. WLAN gibt es nicht, dafür eine nette kleine Bibliothek, auch das Mobiltelephon funktioniert lediglich über LTE & mobile Daten, doch schreiben kann ich auf dem Klapprechner auch ohne WLAN. Nachmittags habe ich im Klosterladen eine Flasche des wirklich ausgezeichneten Spätburgunders erworben, den ich nun, während ich dies hier schreibe, genieße. Die Dämmerung senkt sich über das Rheintal, die Stille breitet sich überall aus, die Dunkelheit deckt die Welt zu, die wenigen Wolken lassen den Sternen ihren Raum. Die Nacht kommt.

 

Der zweite Tag:

„ . . . Der Morgen strahlt über den Rhein, die Luft ist klar & frisch, & die Weite der Flußlandschaft, der Rebenreihen & des scheinbar endlosen Himmels ist friedvoll & still. Hier oben wirkt das Treiben kleiner menschlicher Ameisen derart entrückt, daß es schlicht nicht wahrnehmbar ist. Eine stille, wunderschöne Welt, in der nur der Wind die Blätter & die Gräser bewegt. Von hier oben erscheint die Welt so, wie sie sein könnte, als mindestens horizontbegrenztes Paradies. Einen winzigen Teil davon in uns selbst zu finden, bleibt eine große Aufgabe. Aber der Mensch wäre nicht gottgewollt, wenn er es nicht von Zeit zu Zeit versuchen würde. So ist die Weite des Ausblicks über die Rheinebene auch Teil des Einblicks in die Natur des Menschen, zumindest in den Teil, der stets neu gesucht & bewältigt werden will. . . . 

aus K an H am 15. Mai 2019

Ich habe gut geschlafen, der Tag beginnt mit dem Glockengeläut zur Laudes, es ist kurz vor halb sechs, ich kenne das, es stört mich nicht. Im Gegenteil. Nach dem Frühstück, dem Schreiben eines Briefes & einem kurzen Blick in die hier immer aktuell ausliegende FAZ, beschließe ich, mit dem Zug ins nahegelegene Eltville zu fahren. Die Sonne strahlt von einem nahezu wolkenfreien Himmel, also nehme ich den Weg durch die Weinberge hinab nach Rüdesheim, biege kurz vor Erreichen des Ortes links ab & erreiche über einen kleinen Friedhof die Pfarrkirche St. Hildegard. Hier werden in einem goldenen Schrein die Reliquien der Hl. Hildegard aufbewahrt. Die Kirche befindet sich, zusammen mit den angrenzenden Gebäuden, auf dem Gelände, auf dem die Heilige im Jahre 1165 das von Kaiser Barbarossa verheerte Augustinerkloster neu besiedelte. Seit 1641 befinden sich ihre Reliquien an diesem Ort. Der heutige Neubau wurde im Jahre 1935 eingeweiht. Die Präsentation in der schlichten Kirche ist auf eine unprätentiöse Art geschmackvoll, feierlich & würdig, der Schrein weit kleiner als erwartet. Hinter dem Schrein, der einige Absätze hoch hinter dem Altar aufgestellt ist, erhebt sich über die volle Höhe der Apsis das bekannte Motiv von Hildegard vor dem Labyrinth. Nachdem ich mir alles genau angeschaut habe, mache ich mich durch das touristenferne Rüdesheim mit seinen z. T. imposanten Villen aus den fünfziger Jahren, sowie den kleinen, eng aneinander geschmiegten Fachwerkhäusern auf zum Bahnhof. 

Eltville, daß trotz seines französischen Namens Wert darauf legt, deutsch ausgesprochen zu werden, ist in 15 Minuten rheinaufwärts erreicht. Wer über Bahnreisen spricht, kommt nicht darum herum, neben den üblichen Problemen auch den Zustand der kleinen Bahnhöfe landauf landab zur Kenntnis nehmen zu müssen. Es ist nahezu jegliches Stadium des Verfalls & der Verwahrlosung zu ertragen. In Eltville kontrastiert dies, besonders in Verbindung mit dem Klientel, daß von derlei Verkommenheit offenbar überall magisch angezogen wird, mit dem Erscheinungsbild des kleinen Städtchens. Nur wenige Meter südwärts in Richtung Rhein & nach Überquerung der Hauptstraße, bietet sich ein nahezu puppenstubenhaftes Ambiente aus Fachwerk, Fassaden & Häusern aus vier Jahrhunderten & ganz viel Grün. Es gibt kleine Gassen, die an Orte im Elsaß erinnern, andere, deren fürstliche Barockfassaden von feudalistischer, später großbürgerlicher Vergangenheit erzählen. 

Typisch für die kleinen Orte im Rheingau sind die zahlreichen Platanen, die durch völliges Zurückschneiden der Kronen an den dicken Enden der wenigen verbliebenen kurzen Äste Streßtriebe entwickeln. Schwanzlosen Hunden gleich wirken sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt & grotesk entstellt. Auf dem Rüdesheimer Marktplatz stehen sie genauso herum, wie in militärisch exakt ausgerichteter Doppelreihe auf der Uferpromenade von Eltville. Könnte sich hier ein unterbewußter Kastrationszwang als Kultur camoufliert haben, als Ausdruck des Beherrschens der Natur & des endgültigen Sieges über sie durch den Menschen ? Macht Euch die Natur Untertan. Dominium Terrae; dieser Satz aus dem Buch Genesis (1.28) dürfte einer der mißverstandendsten Leitsprüche aus der gesamten Bibel sein. Das damit ein verwaltender, eher hütender Auftrag gemeint war, ergibt sich bereits aus dem Folgetext, in dem es heißt, … & waltet … was in der Tat verwalten bedeutet & nicht vernichten.

Am Ende dieses Ensembles befindet sich die großherzogliche Burg aus dem 14. Jahrhundert, von der lediglich Teile erhalten, & umfänglich restauriert worden sind. In einem Teil des ehemaligen Grabens erfreut die Besucher heute ein Rosengarten, der direkt am Ende der Promenade erreichbar ist. Nördlich des Bahnhofs erstreckt sich das „neue“ Eltville, wie alle Orte in dieser Gegend geprägt von älteren Einfamilienhäusern & gedrungenen kleinen & niedrigen Wohnblocks. Die Stadt Eltville, die größte des Rheingaus, zählt etwas über 17000 Einwohner. Zumindest der Altstadtbereich ist geprägt von kleinem Einzelhandel & allerlei Hotel- & Restaurantbetrieb, durchaus gehobenen Niveaus, zumindest in preislicher Hinsicht. Ich kehre in ein mediterranes Bistro ein, dessen kleine Karte sich wohltuend vom Spargeleinerlei der Konkurrenz abhebt & auch optisch auf gediegene Bürgerlichkeit verzichtet. Das Personal ist sehr freundlich & serviert ein vorzügliches Focaccia mit Parmaschinken auf Gorgonzola & Ruccola, sowie 10 jähriges cremiges Balsamico Öl, dazu einen ausgezeichneten Blanc de Noir aus der Region, & das alles zu äußerst angemessenem Preis. Im Geschäft gibt es Exotisches aus Frankreich & Italien, i.d.R. zu weit weniger angemessenem Preis, sowie unzählige Weine & Öle aus dem Demion, jeweils ab 100 ml ausgepreist. Das Publikum besteht neben wenigen interessierten Touristen aus Damen mittleren Alters aus der gehobenen Bürgerlichkeit des Ortes, die, zusätzlich zum offensichtlich nicht unbeträchtlichen Einkommen der Ehemänner dann doch gerne auch etwas Eigenes haben, sich mit der kleinen Boutique oder dem inhabergeführten Spezialgeschäft für den gehobenen Geschmack verwirklichen & sich auf einen Capuccino zur Mittagszeit verabreden. Man kennt sich & begegnet sich auf Augenhöhe.

Zurück in Rüdesheim befördert mich ein Taxi hoch in die Abtei. Es ist warm geworden & auch ein wenig drückend. Hier oben jedoch weht immer ein mindestens leichter Wind. Nach dem Abendbrot vertrete ich mir die Beine & besuche die Wildschafe, der Himmel hat sich bezogen, Gewitter droht am Horizont. Um halb acht beginnt die Complet, das Nachtgebet, gefolgt von den Vigilien. In der großen stillen Kirche vertreibt der Gesang der Nonnen die Geschäftigkeit des Tages, Ruhe & eine friedfertige Innerlichkeit breiten sich in mir aus. Der Rhythmus der Weltabgeschiedenheit, der sich in der ständigen Wiederkehr des Immergleichen den modernen Zeiten entgegenstemmt, tief verwurzelt in der Überzeugung, daß das Ewige dem Zeitgeist nicht nur entgegensteht, sondern ihn überdauern wird, die Hektik der Moderne als Episode in der Geschichte des Menschen begreift & aus diesem Grunde die Oberflächlichkeit & die hohle Zerstreuung als Irrweg ausweist, dieses Gefühl, & sei es nur eine Ahnung davon, erfüllt diesen heiligen Raum & ein wenig auch mich. Danach sitze ich im Zimmer, schreibe & verabschiede den Tag mit einem Glas klösterlichen Spätburgunders.

 

Der dritte Tag:

„ . . . Ein neuer Tag steigt von den Hügeln herab & zeigt, daß die Schönheit dieses Ortes keinen Sonnenschein braucht, um zu strahlen. Wo Sonne ist, ist stets auch Schatten, in dem sich das versteckt, was die  Sonne nicht bescheint. Nun liegt alles klar & deutlich im Blick, das Licht ist weniger hart & in der Ferne bedeckt leichter Dunst die Hügel. Immer wenn wir denken, die Sonne bringt es an den Tag, werden wir sehen, dies ist nur die halbe Wahrheit. & deshalb sind Tage des milden Lichtes die angenehmeren. Die Welt erscheint ausgeglichener & wir sind es auch. Es ist die eigene Mitte, die diesem Wetter entspricht, denn auch, wenn nicht alle Tage voll Sonnenschein sind & nicht sein können, haben die des milden Lichtes die größere Klarheit. . . . “

aus K an H vom 16.Mai 2019

Heute bleibe ich hier. Das heißt, ich werde kein touristisches Programm absolvieren. Dieser Ort ist Programm genug, & das nicht nur äußerlich, sondern in jeder, auch seelischer Beziehung. Viele Wege führen durch die Weinberge, durch kleine Wäldchen, mal auf, mal ab, & man kann die Länge des Weges selbst bestimmen.

Zum Aufenthalt im Kloster gehört natürlich die Frage nach den eigenen Gründen, nach dem, was ich hier zu finden hoffe, oder bereits gefunden habe, denn ich bin ja nicht zum ersten Male in diesen Mauern. Zum einen ist es die abgeschiedene Ruhe, die Stille, das Gefühl, hier deutlicher mit sich selbst konfrontiert zu sein, als an anderen Orten. Es ist der Versuch, dem, was allgemein Spiritualität genannt wird, näher zu kommen, sie in sich selbst zu vertiefen & als Glauben zu konkretisieren. Auch wenn ich vor wenigen Monaten wieder in die evangelische Kirche eingetreten bin, ist dieser katholische Ort für mich kein Widerspruch. In den Jahrzehnten der Kirchenferne bin ich nicht weniger gläubig geworden, im Gegenteil. Dem Schritt in die evangelisch lutherische Kirche ist ein jahrelanges inneres Ringen vorausgegangen, weil in meinem tiefsten Inneren womöglich doch ein katholisches Herz schlägt, denn das Katholische ist mystischer, sichtbar archaischer, ritusgebundener, inhaltlich strenger & weihevoller. & 1500 Jahre älter. Weil meinem Leben, auch meinem kirchlichen, allerdings jegliche katholische Tradition & Kultur fehlt, ich zudem evangelisch getauft, konfirmiert & verheiratet bin, was möglich war, weil meine Frau stets in der evangelischen Kirche geblieben ist, hätte ich einen Eintritt ins Katholische als Kulturbruch empfunden. Darüber hinaus bin ich der festen Überzeugung, daß viele Unterschiede, auch die theologischen, auch die des Sakramentverständnisses, & auch die der Rolle der Frau in der Kirche, überwindbar wären, würde der Wille dazu bestehen. Dies ist der Punkt, an dem aus dem Glauben an den dreifaltigen Gott & auf Grundlage der selben Texte, die Macht der Institution als letztlich weltlichem Herrschaftsinstrument klar in den Vordergrund tritt. Die mehr oder weniger deutliche Auffassung der katholischen Kirche, daß es sich bei den lutherischen Häretikern letztlich nicht um eine Kirche im Sinne Christi handeln kann, denn die haben sie ja vor fünfhundert Jahren verlassen, wird zur Grundlage einer als theologisch begründeten Unvereinbarkeit. Wenn also für die Einheit der Christenheit gebetet wird, so ist damit gemeint, daß der Rückkehr der abtrünnigen protestantischen Schäflein sehr wenig im Wege stünde. Ähnlich problematisch, wenn auch aus anderen Gründen, ist das Verhältnis zu den Ostkirchen, denen nach dem großen Schisma von 1054, als sich die führenden Kirchenvertreter von Rom & Konstantinopel gegenseitig exkommunizierten, auch nur wenig Gemeinsames verblieben ist. So pflegt man heute unter dem Mäntelchen der Ökumene ein respektvolles Miteinander im theologisch organisatorischen Nebeneinander. Einend wirkt da höchstens die Macht des Faktischen, beiden Kirchen laufen in Scharen die Schäfchen davon. Daß dies noch nicht zum finanziellen Kollaps geführt hat, ist lediglich den üppigen, offenbar als unkündbar angesehenen Konkordatsverträgen zu verdanken, auf deren Grundlage beiden Kirchen jedes Jahr weiterhin Milliardenbeträge vom Staat überwiesen werden. Anlaß hierfür ist die Enteignung kirchlichen Besitzes während der Säkularisierungen im Jahr 1806. Immer noch ist die Kirche beider Konfessionen allerdings der größte Grundbesitzer & Arbeitgeber in Deutschland.

Das weit größere Problem der Kirchen scheint mir hingegen der allgemeine Glaubensverlust in der Gesellschaft zu sein, zumindest in der sog. westlichen Welt. Die Unfähigkeit vieler Menschen, hinter der Fassade der Rationalität etwas anderes als Leere zu sehen, das Fehlen eines Blicks auf letztgültige Wahrheiten, deren größte der Tod ist & der Irrtum, daß die empirische Wissenschaft tatsächlicher, umfassender Erkenntnis diametral entgegen steht, ist, verbunden mit einem geradezu irrational anmutenden Fortschrittsglauben die wichtigste Ursache für das Abwenden von den Kirchen. Gleichwohl kann dies auch ihre Chance sein, denn tatsächlich stellen immer mehr Menschen fest, daß die Antworten des Rationalen unbefriedigend sind.

Gegenwärtig jedoch hat die katholische Kirche mit dem Mißbrauch von Kindern, Jugendlichen & auch Nonnen zu kämpfen, wovon auch die Lutheraner nicht vollkommen verschont geblieben sind, jedoch etwas intelligenter damit umgehen. Gleichzeitig hingegen pflegen ihre Verantwortlichen eine zeitgeistbetonte linksgrüne Wellnesstheologie, der ihr Religionsstifter, Martin Luther, unangenehm geworden ist, & hoffen auf diesem Wege dem Massenaustritt Einhalt gebieten zu können. Bislang vergebens.

Ein wesentlicher Aspekt, wenn nicht der letztlich ausschlaggebende, ist & bleibt allerdings der persönliche Eindruck, den Menschen hinterlassen, also die Repräsentanten der Kirche. Zu einigen aus der evangelischen Landeskirche in Hamburg & speziell auch in Rothenburg ob der Tauber, habe ich über die Jahre ein persönliches Verhältnis aufgebaut & verschiedentlich auch längere Gespräche geführt, was zu einer gewissen Nähe beigetragen hat, die für meine Entscheidung letztlich nicht unerheblich gewesen ist.

So verbringe ich diesen Tag mit längeren Spaziergängen, u.a. zu einem mitten im Wald gelegenen Kloster, Nothgottes mit Namen. Es ist seit 2013 von vietnamesischen Zisterziensermönchen bewohnt, die allerdings weder zu sehen noch zu hören sind. Bis auf den Gesang der Vögel herrscht Stille, die gelegentlich durch das Gehämmer von einigen Dachdeckern am Kirchenturm  unterbrochen wird. Neben ihnen ist eine große weiße Katze, die mich mißtrauisch beäugt, scheinbar der einzige Bewohner dieser Anlage.  Zur Ruhe kommt, wer die Ruhe erträgt, wer sich ihr aussetzt & sie gleich einem willkommenen Freund begrüßt. Ich weiß von mir, daß ich damit kein Problem habe, im Alltag jedoch zu wenig dazu komme. So ist das Sitzen auf einer Bank vor der Abtei hoch über dem Rhein, mit Blick auf einen endlos erscheinenden Himmel & die Hügelketten des Hunsrück etwas, dem ich mich hier nur schwer entziehen kann. & so senkt sich auch heute wieder ein stiller Abend herab.

 

Der vierte Tag:

„ . . . Der Morgen begrüßt uns trübe, verhangen & regnerisch. Hier drinnen ist davon nichts zu spüren. Freitagmorgen, & die Heilige Messe wird, wie jeden Morgen, von einem auswärtigen Priester gelesen, heute von einem Franziskaner aus Marienthal. Zusammen saß er anschließend mit der Äbtissin bei uns am Tisch. Sehr offen & freundlich alle beide & das gilt es zu lernen, wie mir klar wurde: Freundlichkeit & Offenheit gegenüber Jedermann. Meine Lektion ! . . . “ 

    aus K an H vom 17. Mai 2019

Heute werde ich irgendwohin fahren. Das Wetter ist trübe & bedeckt, Regen liegt in der Luft. Ich beschließe, das Kloster Eberbach zu besuchen. Dazu muß ich mit der Bahn bis Eltville fahren & dann mit dem Bus weiter bis zum Kloster. Der Anschluß am Bahnhof erspart langes Warten, der Bus fährt ca. 20 Minuten bis direkt vors Kloster. Nachdem wir Eltville  hinter uns gelassen haben, windet sich die Straße durch die Hügellandschaft des Rheingau, der Blick fällt auf eine alte Kulturlandschaft, unübersehbar die Eingriffe des Menschen, die er im Rahmen einer falsch verstandenen „Kultivierung“ vorgenommen hat, doch auch diese können den lieblichen Grundcharakter einer hügeligen Weite nicht zerstören. Der Bus durchquert den Weinort Kiedrich, der sich selbst gerne als Schatzkästlein der Gotik präsentiert, ob wohl es lediglich im alten Ortskern noch sehr hübsch restaurierte alte Häuser zu entdecken gibt. Sie gruppieren sich um die tatsächlich überaus sehenswerte Basilika St. Valentin, hinter deren verspieltem schlanken aufstrebendem Äußeren sich noch eine der wenigen nahezu komplett erhaltenen gotischen Ausstattungen verbirgt. Der Himmel ist unverändert wolkenverhangen, Dunst kriecht über die Landschaft. Der Bus erreicht die Endhaltestelle direkt am Eingang. Ich war hier zuletzt im Jahre 2011, doch alles scheint vertraut. Allerdings hatte ich vergessen, wie groß diese Anlage dann doch ist. Mönche gibt es hier schon lange nicht mehr, im Jahre 1803 wurde das Kloster geschlossen. Wie am kurzen schlanken Turm der Kirche unschwer zu erkennen ist, handelt es sich um ein ehemaliges Zisterzienser Kloster. Heute beheimatet es neben dem Museum ein Hotel, sowie Tagungsstätten & den Weinanbau, für den bereits das alte Kloster berühmt war. Einfachere Rieslinge aus Eberbach finden ihren Weg sogar in gut sortierte Discounter im Norden. Der Dunst zieht sich zurück & innerhalb weniger Minuten schiebt die Sonne die Wolken fort & es wird warm. Für einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des Klosters, für Basilika, Kreuzgang, Brunnenhof, Kapitelsaal, Dormitorium & Keller benötigt man eine gute Stunde, wenn man sich Zeit läßt. Wie mir ein Mitarbeiter der Vinothek erzählt, gehört der Besitz einer Stiftung, & für die Restauration & Renovierung sind erhebliche EU – Gelder zur Verfügung gestellt worden, insgesamt 120 Millionen Euro. Gebäude & Park sind sehr gepflegt, der finanzielle Aufwand ist deutlich sichtbar. Nach zwei Stunden fahre ich mit dem Bus zurück nach Eltville & suche erneut das wunderbare kleine Bistro auf, in dem ich bereits am zweiten Tag eingekehrt bin. Die Sonne hat sich erneut verabschiedet, ein diffuses Licht bescheint die Welt & drückende, vollkommen windlose Schwüle scheint alle Bewegungen zu verlangsamen. Am Bahnhof stehen zwei große, hier noch intakte Platanen, in deren Wipfeln junge Krähen lautstark Futter von den gestreßten Eltern einfordern. Ich warte auf den Zug, der in wenigen Minuten kommt & mich nach Rüdesheim zurück bringt. Ich bin froh, daß ich meine ursprüngliche Idee, heute nach Wiesbaden zu fahren, nicht umgesetzt habe. Der Bruch zwischen klösterlicher Ruhe & dem Treiben einer Landeshauptstadt wäre dem Grundgefühl von Frieden & einer gewissen Abgeschiedenheit wenig zuträglich gewesen.

Zwischen Eltville & Rüdesheim, in dem kleinen Ort Winkel, steht das Brentano Haus, einst Wohnsitz der Familie Brentano, in dem so illustre Gäste wie Goethe, Bettina von Arnim, die Gebrüder Grimm oder der Freiherr vom Stein ein- & ausgingen & hier durchaus auch länger logierten. Bedauerlicherweise sind die entsprechenden Räume nicht ständig zu besichtigen, i.d.R. ist eine Anmeldung als Gruppe erforderlich & freie Führungen sind höchstens an besonders ausgewiesenen Samstagen möglich. Das ist genauso bedauerlich, wie die Tatsache, daß das Brentano Haus heute in erster Linie ein gehobenes Restaurant ist, dessen Innenausstattung nichts mehr mit dem ursprünglichen Charakter zu tun hat, den das Haus im 18. & 19. Jahrhundert besaß. Im Herbst 2011 saßen wir noch unter den großen Kastanien im Garten & tranken einen hervorragenden Riesling. Ebenfalls in Winkel befindet sich das Grab der Dichterin Karoline von Günderode, die eine enge Freundin Bettina von Arnim´s gewesen ist & sich im Juli 1806 in Winkel, lediglich 26 jährig, das Leben nahm. Die heute nahezu vergessene Dichterin gilt als eine der prägenden Stimmen der deutschen Romantik & hat ein für ihr kurzes Leben beachtliches Werk hinterlassen. Doch heute steige ich hier nicht aus, der Zug fährt durch eine triste Ortschaft & bestätigt den Eindruck, den wir bereits damals hatten, obwohl von der Bahnlinie aus durch das Zugfenster betrachtet, nahezu alle Ortschaften ihre schönen Seiten dem Reisenden vorenthalten. 

Vor dem Abendbrot nehme ich am Gebet teil, auch um nach den vielfältigen Eindrücken des Tages den Frieden & die Ruhe dieses Ortes zurück zu erlangen.  

 

Der fünfte Tag:

„ . . . Trutzig sehen sie aus, die Mauern des Klosters, mehr Burg als Kirche, wehrhaft & abweisend. Es stimmt. Sie trotzen dem Zeitgeist, halten den alles zersetzenden Ungeist des Relativismus fern & weisen die Zumutungen der Moderne entschieden zurück. Ihre Waffen sind die Präsenz des Glaubens & der Tradition, die älter sind als die Anfechtungen der vorgeblichen Aufklärung. Vor allem jedoch, & das ist nur scheinbar ein Widerspruch, sind es die Offenheit & die Liebe, die Hingabe & das Beispiel dieser besonderen Standhaftigkeit, die das Überleben sichern & die Faszination gewährleisten, die von diesem Ort ausgeht. Diese besondere Wehrhaftigkeit, die als Schutzlosigkeit zu leicht mißverstanden werden kann, gleicht dem harten Fels der Mauern, die diesen Ort umgeben. Letztlich ist in ihm das Herz der Liebe bewahrt. . . .“ 

  aus K an H vom 18. Mai 2019

Den heutigen Tag werde ich hier verbringen. Es gibt einige Photos zu machen, & im Klosterladen Wein zu bestellen. Das Wetter strahlt bislang von einem wolkenlosen blauen Himmel, wenngleich eine gewisse Schwüle den für den Abend vorausgesagten heftigen Regen ankündigt. Nachdem ich das Vormittagslicht für einige Aufnahmen genutzt, ein wenig gelesen & geschrieben habe, naht die Mittagshore & das Essen. Als ich danach einen kleinen Spaziergang mache, wundere ich mich über die Masse an Wanderern, die paarweise oder in größeren Gruppen den Weg bevölkern. Es ist, wie mir einfällt, Samstag. Da die Mittagszeit nicht zwingend der richtige Zeitpunkt ist, sich auf den Weg zu machen & die vollen Wege ein Übriges tun, mir das Unterwegssein zu verleiden, setze ich mich an einer Weggabelung, an der ein Gedenkstein mit der Aufschrift Hildegards Ruh  & ein Wegkreuz zum kurzen Verweilen einladen, auf eine Bank mit Blick auf den Rhein. Nach wenigen Minuten tritt eine Gruppe von ca. 15 Menschen unterschiedlichen Alters hinzu, deren Nahen durch lautes Rufen & übertriebenes Lachen sich bereits ankündigte, als sie noch 100 Meter entfernt waren. Der eine oder andere Wein wird sicherlich dazu beigetragen haben. Alle tragen weiße T – Shirts mit einer Aufschrift & Strohhüte. Die Gruppe schart sich um Kreuz, Stein & Bank & ein älterer Herr sagt, wir wollen Sie aber nicht vertreiben, was von allgemeinem Gekiecher begleitet wird. Mit einem trotzigen Das tun Sie aber . . . stehe ich auf & gehe, weil mir derartiger Massenfrohsinn schon immer zuwider war & ich keinesfalls in der Stimmung bin, zur Gruppenunterhaltung beizutragen. Ich folge dem Hügelkamm bis zu der Stelle, an der der Weg zum Niederwalddenkmal ausgeschildert ist & drehe um. Als ich die laute Gruppe an ihrem Rastpunkt erneut passiere, haben sie Kreuz & Stein zum Picknicktisch umfunktioniert, den Querbalken des Kreuzes zieren nun Plastikboxen & Getränkedosen, auf dem Stein sind Weinflaschen, Essensreste & andere Zutaten ausgebreitet. Die gleichgültige Gedankenlosigkeit, das völlige Fehlen eines ästethisch – kulturellen Grundgefühls & die Überhöhung des eigenen Ichs als Standpunkt in der Welt empfinde ich als abstoßend.

Wenig später stehe ich im Klosterladen am Weinverkaufs- & verkostungstresen & lasse mich von der freundlichen wie fachkundigen Sr. Lydia durch das umfängliche Riesling Sortiment führen. Das Weingut der Abtei umfaßt sieben Hektar, auf denen 84 % Riesling & 16 % Spätburgunder wachsen. Die Qualität ist hervorragend & zwei Kisten sind schnell gefüllt.

Mittlerweile hat sich der blaue Himmel bezogen, am Horiziont türmen sich dunkle Wolken, es ist vollkommen windstill geworden. Ich setze mich auf meine Lieblingsbank neben dem Eingang zur Kirche & blicke auf das Rheintal & den zügig näher kommenden Regen, der aus der rheinabwärts ziehenden Wolkenwand fällt. Plötzlich wird es windig, kurze Zeit später richtig stürmisch & gegenüber, auf der anderen Rheinseite in Bingen, fängt es heftig an zu regnen. Es ist faszinierend, das Naturschauspiel sich rasch vollziehender Wetterveränderungen aus nächster Nähe mitzuerleben. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich mich ins Kloster zurück, da fegt auch schon ein heftiger Schauer über die Abtei hinweg. Von all dem unberührt erklingt die Glocke & ruft zur Vesper & zum darauf folgenden Abendbrot.

Nach dem Complet gehe ich wieder hinaus, ich will möglichst wenig von dem Naturschauspiel verpassen, auch wenn es mittlerweile aufgehört hat, zu regnen. Ein Pullover ist ratsam, denn es ist deutlich kälter geworden & weiterhin windig. Mächtige, himmelfüllende Wolkentürme stehen über dem Rhein, in der dunkelblauen, fast violetten Wand verändert sich laufend die Struktur, skulpturenähnliche Formationen entstehen, lösen sich auf, bilden mit anderen Erscheinungen neue Skulpturen, alles ist ständig in Bewegung & innerhalb weniger Minuten entstehen neue Himmelsbilder. Faszinierend. Ich sitze auf einer Bank & beobachte den sich ständig verändernden Himmel, bis ich anfange zu frieren & in mittlerweile fortgeschrittener Dämmerung ins Kloster zurückkehre. Ich trinke noch zwei Gläser Riesling, dann gehe ich schlafen.

 

Der letzte Tag:

„Und ich hörte, wie mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt riefen: Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit. Doch nun sind alle Winde voll vom Moder des Laubes, und die Luft speit Schmutz aus, so daß die Leute nicht einmal mehr recht ihren Mund aufzumachen wagen. Auch welkte die grünende Lebenskraft durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen. Nur ihrer eigenen Lust folgen sie und lärmen: Wo ist denn ihr Gott, den wir niemals zu sehen bekommen?“

Hildegard von Bingen (1098-1179)

Wie bei meiner Ankunft am Dienstag, so scheint auch heute die Sonne von einem blauen klaren Himmel & es wird warm. Meinen letzten Tag, den ich heuer in diesen Mauern verbringe, beginne ich mit einem Frühstück, das heute deutlich früher gereicht wird, da danach die Heilige Messe als Hochamt gefeiert wird. Heute ist ein besonderer Tag für den Convent, denn eine Schwester feiert das 60 jährige Jubiläum ihrer Profess. Als sie diese abgelegt hat, war Konrad Adenauer deutscher Bundeskanzler & Eisenhower Präsident der USA. Unvorstellbar. Sie muß heute weit über 80 Jahre alt sein. Zur Feier des Tages wird der Gesang der Schwestern von einem Organisten begleitet. Gestern bereits habe ich über die Qualität dieser recht kleinen Orgel, die im Nonnenchor hängt, gestaunt, der Organist spielte die bekannte Toccata aus der fünften Orgelsymphonie von Charles – Marie Widor. Die Messe ist heute gut besucht, das Hochamt ist sehr feierlich, endlich erfüllt auch Weihrauchduft die Kirche. 

Ein kurzer Gang durch Weinberge, Kirche & Klosterladen gehört zum Abschied natürlich dazu. Dann hole ich meinen kleinen Rollkoffer & warte auf die Taxe, die mich zum Bahnhof bringt. Auf der Fahrt nach Frankfurt bleibt die Abtei lange sichtbar, dann verschwindet sie hinter den Bäumen, die die Gleise säumen. Was bleibt von diesen Tagen, was kann ich mitnehmen, was ggf. bewahren im Alltag in der Großstadt zwischen Arbeit, Musik, zahlreichen anderen Interessen & den zahllosen kleinen & großen Anforderungen, die die Welt an den „modernen“ Menschen stellt. Auf jeden Fall eine weitere Versicherung & Bestärkung gegen die Zumutungen des Liberalismus, gegen den individualistischen hedonistischen Zeitgeist, der letztlich als gedankenlose Uniformität daherkommt. Ferner das erneuerte Versprechen, daß der Materialismus ein zwar funkelnder, jedoch leerer Kelch ist, dessen verlogene Verheißungen die Seele töten, sowie die Gewißheit, daß auch der Relativismus an den Grundfesten der Ewigkeit nichts ändern wird. Was darüber hinaus berührt, ist die Erfahrung, nicht allein zu sein mit diesen so offensichtlich aus der Zeit gefallenen Gedanken & Empfindungen, die heutzutage zumeist als befremdlich, wenn nicht lächerlich empfunden werden. Aus diesen Gründen bleibt als Ergebnis eine tiefe Dankbarkeit. 

Als der Zug in Frankfurt einfährt & ich durch die riesige laute Bahnhofshalle zum Gleis gehe, von dem der ICE nach Hamburg fährt, überfällt mich schlagartig all das, was im Kloster hoch über dem Rhein so unwirklich weit weg schien: Enge, Lautstärke, Hektik, erneut die Warnung vor Banden von Bettlern & Taschendieben, zweifelhaftes Volk  jeglicher Herkunft, allerorten & dazwischen Reisende, mit ihren Zielen, ihren Sorgen, ihrem Blick auf die Welt & sich selbst, ihren Erwartungen, ihren Hoffnungen, Ängsten & Befürchtungen. Der Zug kommt pünktlich, auch die Wagenreihung entspricht dem Plan. Der Zug ist brechend voll, ein ICE neuester Baureihe, noch enger der Gang, noch schmaler die Sitze. Ich habe reserviert: in Fahrtrichtung, nicht neben dem breiten Fensterholm, der einen Blick nach draußen unmöglich macht. Mein Platz ist entgegen der Fahrtrichtung, direkt am Holm. Die Reservierung war kostenpflichtig. Das W – LAN funktioniert lediglich sporadisch, wie die Zugbegleiterin gleich entschuldigend anmerkt. Ich stecke meine Stöpsel in die Ohren & schaue mir lange die Photos an, die ich gemacht habe. 

Sie sind scharf. Ihre Farben strahlen.

 

*  die Wohnung, das Zelt Gottes unter den Menschen” (Offb. 21,3)

November 14

Das Beethoven Projekt

. . . . Aufstieg & Fall eines Ballettabends . . . .

John Neumeier, als Intendant des Hamburg Balletts gleichzeitig auch sein eigener Chefchoreograph, hat es nicht immer leicht. Der mittlerweile 79 – jährige, dem man sein Alter auch nicht ansatzweise anmerkt, wird vom Publikum in nahezu verklärender Art & Weise geliebt, muß sich allerdings von der Kritik zuweilen auch bescheinigen lassen, seine besten Zeiten als Balletterfinder lange hinter sich zu haben. Dem zu widersprechen, fällt nicht immer leicht. In den letzten Jahren wechselte Ergreifendes wie Die Winterreise aus dem Jahr 2001 oder Liliom von 2011 mit Belanglosem wie Die kleine Meerjungfrau von 2005, oder dem 2014 uraufgeführten Ballett Tatjana, das nicht annähernd mit John Cranko´s Choreographie über die gleiche Vorlage, den Versroman Eugen Onegin von Alexander Pushkin, konkurrieren kann. Besonders dann nicht, wenn man beide Ballette von der gleichen hervorragenden Companie des Hamburg Ballett gesehen hat. Der rastlose Neumeier, seit 1973 erst Direktor, dann Intendant des HB, hat nicht nur eine sehr individuelle Bewegungssprache für die Solisten & die Gruppen entwickelt, er ist auch ständig bestrebt, seine älteren Stoffe bei ihrer Wiederaufführung gründlich zu überarbeiten. Das mildert zuweilen die Fallhöhe.

Ein zentrales Anliegen Neumeier´s ist das Choreographieren musikalischer Stoffe. Ist dies bei den Werken Johann Sebastian Bach´s, z.B. dem Weihnachtsoratorium oder der Matthäuspassion aufgrund ihres sprachlichen Gehaltes noch vergleichsweise nachvollziehbar, so wird dies bei Komponisten wie Gustav Mahler, dessen symphonisches Gesamtwerk Neumeier nahezu in toto choreographiert hat, schon deutlich schwerer. Es ist eben wenig wahrscheinlich, daß die Zuschauer der Musik die gleichen Assoziationen abgewinnen werden, wie der Choreograph, denn Neumeier beschäftigt sich überaus gründlich mit seinen Stoffen, oft dauert es Jahre von der Idee bis zur Vollendung.

Nun also erstmals Ludwig van Beethoven. Wie Bach war auch Beethoven der revolutionäre Vollender einer Epoche, & wie dieser hat auch er die unterschiedlichsten musikalischen Genres bedient. So liegt dann auch nicht ein einzelnes Werk dem neuen Beethoven – Ballett zugrunde, sondern insgesamt sechs, nämlich die Eroica Variationen für Klavier op. 35, das Geistertrio für Klavier, Violine & Cello, die Klaviersonate op. 10 Nr. 3, das Streichquartett Nr. 15 op. 132, sowie die Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus op. 43, allesamt in Auszügen im ersten Teil des Balletts zu hören. Im zweiten Teil nach der Pause wird die Symphonie Nr. 3, die Eroica, in Gänze gespielt. Die inhaltliche musikalische Klammer des Balletts bildet für Neumeier ein Motiv, das in den Klaviervariationen op. 35 erstmals auftaucht, sich im Finalsatz der Geschöpfe des Prometheus wiederfindet, um schließlich auch im Finalsatz der 3. Symphonie erneut zu erklingen. Grundlage hierfür ist ein sog. Kontretanz, im frühen 19. Jahrhundert Ausdruck einer demokratischen & antifeudalistischen Gesinnung, da der Tanz mit ständig wechselnden Partnern getanzt wurde anstatt mit einem festen. 

Bronzeplastik im Jenisch Park in Hamburg

Zurück zum Bühnengeschehen. Der erste Teil des Abends ist ohne Zweifel die Stunde des Aleix Martinez, einem der Solisten des Hamburg Balletts. Der 26 – jährige eher kleine & drahtige Spanier bringt neben herausragenden tänzerischen Fähigkeiten auch das Talent eines Darstellers mit, der in der Lage ist, über die Dimension des Tänzerischen hinaus, seiner Rolle ein emotionales wie auch psychologisches Profil zu geben. Zuletzt als Wanderer in der Wiederaufnahme von Neumeier´s  Ballett Die Winterreise (siehe Beitrag: Fremd bin ich eingezogen . . .  auf diesen Seiten) in bewundernswerter Weise auffällig geworden, lotet er auch hier, in der Rolle des Beethoven sowie später in der des Prometheus, nicht nur tänzerisch – darstellerisch, sondern auch physisch die Grenzen des Machbaren aus & verschiebt sie deutlich über das Erwartbare hinaus. Warum er nicht längst in den Kreis der ersten Solisten befördert wurde, bleibt Neumeier´s Geheimnis, sowie überhaupt dessen Personalentscheidungen nicht unbedingt in Einklang mit dem Verständnis & der Wahrnehmung der Zuschauer zu bringen sind. Besonders deutlich wird dies im Zusammenspiel mit dem ersten Solisten Edvin Revazov, dem prominentesten Tänzer einer der, wie Neumeier es nennt, Figuren, Fantasien und Ängste seiner Welt, der hier genauso blaß bleibt wie in eigentlich allen Rollen, in denen wir ihn bislang gesehen haben. So bleibt es allein Martinez überlassen, mit seiner unglaublichen Präsenz den ersten Teil des Abends als Monument eines Zweifelnden, eines Suchenden & einsamen Vollenders zu einem bis zur letzten Minute spannenden, zuweilen aufwühlenden & ungewöhnlich emotionalen Akt zu gestalten. Unterbrochen wird dies durch immer wieder eingeschobene & gelegentlich deplaciert wirkende Gruppentänze. Frauenrollen erscheinen in diesem Teil nicht ausgeleuchtet,  weil schlicht unterrepräsentiert, auch so verläßliche & präzise Tänzerinnen wir Patricia Friza & Anna Laudere können die Einengung ihres Auftretens durch die zuweilen unschlüssige Choreographie nicht aufbrechen.  

Was sich an diesen Stellen im insgesamt überaus beeindruckenden ersten Teil bereits andeutet, wird im zweiten leider zur endgültigen Gewißheit. Die Spannung & das Vorwärtsdrängen bricht komplett zusammen. Zunehmend gelangweilt, gegen Ende doch eher ärgerlich verfolgen wir das Geschehen auf der Bühne. Trost bietet nach einiger Zeit nur noch die musikalisch solide Darbietung der dritten Symphonie, die, vom jederzeit verläßlichen Simon Hewitt in gewohnt kapellmeisterlicher Art & Weise dirigiert, aus dem Graben klingt. Gruppentanzbildchen in ständiger Abfolge schildern weder Handlung noch Entwicklung, eine Dramaturgie ist nicht länger erkennbar, zu sehr ähneln sich die ewig gleichen Bewegungsabfolgen der personalintensiven Tanzszenen. Selbst der Pas de Deux, im zweiten Satz, dem Marcia Funebre, mit Revazov & Laudere erstsolistisch besetzt, erweckt ob seiner hölzernen & rundweg uneleganten Anlage & Ausführung erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Choreographie, denn die Tänzer können in jeder Hinsicht ganz eindeutig mehr als das an dieser Stelle Gezeigte. 

So sind wir letztlich froh, als der Abend zu Ende ist. Wir können uns nicht erinnern, jemals zuvor in diesem Hause (mit Ausnahme vom o.g. Ballett Tatjana) derartig Uninspiriertes wie den zweiten Teil dieses Abends gesehen zu haben. Leider. Auch ein künstlerisches Gefälle, bei dem einem in weiten Teilen überwältigenden Aufstieg nach der Pause ein derart gründlicher Fehlgriff folgt, ist bislang, gottseidank, ausgeblieben. Dies mit der erst sechsten Vorstellung seit der Premiere Ende Juni diesen Jahres erklären zu wollen, oder einem Wechsel innerhalb des Ensembles, greift entschieden zu kurz & wird durch die aufsehenerrregende Leistung von Aleix Martinez auch widerlegt. Hier erscheint einzig der Choreograph der Verantwortliche für den Absturz eines Ballettabends zu sein, & das macht dann doch ein klein wenig traurig.   

April 6

Treibsand

. . . . biographische Versuche . . . 

 

„Wir waren jene, die wußten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Roger Willemsen

 

Ich wollte ein Kind. Einen Mann brauchte ich eigentlich nicht unbedingt, aber ein Kind. Als ich ihn dann kennenlernte, fand ich ihn eher lustig, was bildete er sich ein, dieser kleine kriegsverletzte Kanonier, daß er glaubte, mir den Hof machen zu können. War ich vor den Tieffliegern in den Graben gesprungen, über Leichen gerannt, hatte ich gehungert & hatte man mich halbtot aus den Trümmern gezogen in Berlin, in meinem Berlin, damit dieser kleine Mann glaubte, ich würde mich für ihn interessieren?

Ich wußte, was zu tun war, es gab dieses Buch. Es sollte ihm an nichts fehlen, Mittags schrie er immer. Er schrie zwei Stunden lang, jeden Tag, fast ein Jahr lang & natürlich war es ein entsetzliches Versehen, als er fast ertrank. Ganz blau war er schon, aber diese kleinen Zehen, wie niedlich sie waren. Es sollte ihm an nichts fehlen. Wenn er schrie, wußte ich, er war versorgt, hatte sein Fläschchen bekommen, stand in seinem Bettchen in der Zimmerecke, die Zimmertür war geschlossen & an manchen Tagen schlief er irgendwann ein. Ich habe nie nach ihm gesehen in diesen zwei Stunden, ich wußte ja, es fehlte ihm an nichts.

Der Diwan, der oft zu frühem Dahinschlafen mich einlud, war gedankenbedeckt. Fein verwoben in den dicken Stoff der Tagesdecke hatten sich dünne Webfäden aus Angst, Verzweiflung, Neid, Haß, Liebe & Tod zu seltsamen feinen Mustern, farbigen Flächen & brüchigen Trennlinien vereinigt. Lange Sonnenlichtfinger hatten zu bestimmten Tages- & Jahreszeiten die Farben entleuchtet. Mein tiefes Ruhen wurde von einem nahen Lehnstuhl aus still bewacht & notiert. Ich schlief mich in Sicherheit. Endlich angstfrei.

Ich hatte mittlerweile gelernt, wie mein Leben verlaufen war. Weiterzuleben hatte ich nicht gelernt.

An der Decke ein weißes Segel, eine Stuckkante als Bordwand. Es gab Tage, da liefen wir aus, auch wenn der Wind kaum spürbar & in den Segeln nicht sichtbar wurde. Ein müdes gedämpftes Licht verschleierte dann die Sonne. Es gab jedoch auch Tage, an denen wir, vom Meer durchnäßt, knapp den Hafen erreichten.

Eines Tages saß mein Vater in einem Sessel bei uns. Er trank einen Cognac & las ein Buch. Wir sprachen mit ihm, doch er schaute nicht auf. Als er seinen Cognac ausgetrunken hatte, stand er auf & verließ grußlos den Raum. Vor der Tür räusperte er sich, ansonsten blieb er stumm. Fragen waren an dem Tage nicht erlaubt, sein Buch hatte er liegen gelassen. Deshalb wußten wir, er würde wieder zurückkommen. Bücher hatte er immer geliebt.

Tatsächlich sahen wir ihn schon recht bald wieder. Nachdem er seinen Cognac ausgetrunken hatte, erzählte er von den Fiebersümpfen & davon, wie sie in den zerstörten Dörfern Essen auch für die Übriggebliebenen kochten, stumm hätten sie dagestanden, zerlumpte Hungergestalten, mager & traurig geschaut hätten sie, damals, kurz vor dem Großen Winter, damals, als mein Vater seine Sprache verlor. Heute sprachen seine Bücher mit ihm & wir können nur vermuten, was er antwortete. Doch an besonderen Tagen, bei mildem Licht & wenn die Luft nicht zu kalt war, erzählte er von den Fiebersümpfen, davon, wie kleine Menschen aus brennenden Panzern sprangen & um ihr Leben rannten, bevor sie niedergemäht wurden.

Meine Mutter stand auf dem Balkon & feuerte einen fremden Jungen auf, mich ordentlich zu verprügeln. Wir beide fanden das, jeder auf seine Art, gleichermaßen befremdlich. Ich bemühte mich, nicht zu schreien, die Nachbarn durften nichts mitbekommen. Derweil suchte mein Vater den Schuhmacher bei uns am Bahnhof auf, er brauchte neue Schuhe, die Ferse, die sie ihm weggeschossen hatten, schmerzte. Ich war verliebt in die Tochter des Schusters, jeder an unserer Schule war das. Sie trug eine durchsichtige Bluse & darunter lediglich sich selbst.

Tagelang lief ich in der Stadt herum, sah die Menschen & Lichter, hörte Wortfetzen angeregter Unterhaltungen & fühlte mich einsam, wattiert & verlangsamt. Derart stumm wußte ich, es war nicht meine Welt, durch die ich mich bewegte.

Manchmal verwandelte sich das Schiff an der Decke in einen Gewehrkolben, über dessen genaue Linienführung ich mir nie klar werden konnte. Im Innenhof sangen verschiedene Vögel & immer, wenn der Wind ungünstig stand, drang Verkehrslärm von der nahen Hauptstraße zu uns in die Stille.

Hiddensee, Strand bei Neuenburg
Hiddensee, Strand bei Neuenburg

Als ich vier Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater Sonntagmorgens zum Bahnhof. Dort befand sich ein Zeitungskiosk aus  Holz, von dem die grüne Farbe bereits abblätterte. Am Sonntag wurde er, einem Altar gleich, aufgeklappt. Bedruckte Titelseiten ersetzten, ikonenähnlich, die Heiligenbilder. Der Verkäufer trug eine weiße Jacke mit silberfarbenen Knöpfen, sowie eine alte Ballonmütze gleicher Farbe. Auf dem Weiß hatte die  Druckerschwärze graue Flecken  hinterlassen. Seine Stimme war tief & rau, er war sehr freundlich & tätschelte dem Vierjährigen den Kopf. Mein Vater kaufte stets zwei Sonntagszeitungen. Meine Erinnerung daran ist genauer als das alte Photo, das mein Vater vom Verkäufer & mir gemacht hat. Ich weiß seinen Namen nicht mehr.

An schlechten Tagen nahm ich meinen Begleiter, der mir so viele Jahre treu zur Seite gestanden hatte, mit an Bord unseres Seglers. Jetzt, in diesen Tagen, wird er zum Chronisten meines Daseins. Die Gewißheit, Leid zu ertragen, besonders von denen, die ich davor zu bewahren suchte, ist seine Erfindung, sie läßt Abkehr nicht mehr zu. Mein Gefühl, meine Bedürfnisse sind des Anderen Last, hat er zur Erkenntnis gewandelt. Das Ertragen kennt als Alternative nach dem großen Schweigen & der jahrelangen Vergeblichkeit nurmehr noch den Lebensabbruch, zumindest jedoch das restlose Verschwinden, die Auslöschung. Vor allem das Beschweigen dämpft noch den Krieg. Doch gegen das Trommeln des Feindes nützt auch das Wachs nichts, mit dem Odysseus den Sirenen widerstand.

Es gibt Anmaßung, die so groß ist, das jedem Anderen nur die Kapitulation, & der Wirklichkeit das Abdanken bleibt. Immer ist es der Splitter im Auge des Anderen, der so viel größer & bedrohlicher erscheint, als der Balken im eigenen. Die Bedrohung ist unerträglich, denn sie liegt im Erkennen des eigenen Unvermögens. So, oder doch so ähnlich, sprach der Sohn des Zimmermanns. So auch der Mann, der einst Jahre unter einem Baum sitzend verbrachte. Vielleicht war der eine des anderen Jünger.

Vor dem Aufsuchen des Hafens, in dem unser Segler vor Anker liegt, ein Blick in die Süddeutsche Zeitung. Das liberale & linksliberale Menschenbild geht davon aus, daß der Mensch willens & in der Lage ist, ethisch & moralisch grundierte Verantwortung für sich zu übernehmen & somit im Rahmen eines Sozialgefüges auch für Andere. Eine leichte Brise kommt auf, & als wir die Mohle hinter uns gelassen haben erklärt der Steuermann, dem ich dies soeben erzählt hatte, daß es im Einzelfall zwar durchaus so möglich, in toto jedoch Wunschdenken sei, wie die tägliche Beobachtung allenthalben lehrt. Meine Ergänzung, in der allgemeinen Umdeutung der Begrifflichkeiten sei die Freiheit längst zum asozialen Egoismus verkommen & werde lediglich noch als mediales Trugbild am Leben erhalten, ist ihm zu eng gefaßt & zu persönlich. Außerdem zu rational, denn meine Gefühle blieben dabei unberücksichtigt. Mein Gefühl, sage ich, ist Wut. Es war einer dieser Tage, an denen die Kompaßnadel tanzte & die Pinne fester gefaßt werden mußte.

Eines Tages im Herbst, es war einer dieser dunstigen, eben noch warmen Tage, an denen es schon ein wenig nach verbranntem Laub riecht & die Sonne zu müde scheint, noch den Dunstschleier zu heben. An einem dieser Tage traf ich vor Jahren einen seltsamen Mann & dessen Freunde.. Er trug ein blaues Leinenhemd unter einem pelzbesetzten langen grauen Mantel, auf dem Kopf einen hohen Zylinder mit einer Feder dran & außerdem eine Fischmaske vor dem Gesicht. Seine Begleiter trugen ebenfalls ausgesprochen fremdartige Kleidung, einer hatte ein gestreiftes langes Nachthemd an & eine rote verwaschene Mütze auf dem Kopf. Ein weiterer sah aus, als käme er geradewegs aus dem Sherwood Forrest. Der mit dem Nachthemd hielt das Gestell einer alten Schirmlampe in der Hand, alle trugen Sonnenbrillen & sangen seltsame, sehr merkwürdig klingende Lieder. Der Mann mit der Fischmaske erzählte mir, daß die Lieder, die sie singen, direkt aus der Wüste kämen. Statt Noten benutzen sie abstrakte Ölbilder, deren kräftigen Farben ihre Töne folgen. Ich war einigermaßen erstaunt, denn soetwas hatte ich noch nie zuvor gehört. Nach einer Weile verabschiedete er sich freundlich & sagte, ich würde noch an ihn denken. In dem Moment wußte ich, daß mich diese seltenen Klänge nie wieder verlassen würden.

Als ich einmal zum Hafen hinunter ging, traf ich einen alten blinden Mann, der mich fragte, ob ich ihm einen Kaffee ausgeben könnte. Ich hatte kein Geld dabei, aber ich hatte ein wenig Zeit, mir seine Geschichte anzuhören. Er hieß August West & einst liebte er ein Mädchen noch mehr als seinen Wein & seinen Schöpfer, denn dieser war kein Freund von ihm & so hatte er Jahre mit Stehlen & Trinken verbracht. Doch eines Tages würde er schon wieder auf die Beine kommen, denn sein Mädchen sei immer treu gewesen & dann würde er wieder aufstehen & würde einfach davonfliegen. Später ging ich in die Stadt zurück & dachte darüber nach, wie schmal der Grad war, daß das Leben stets auf Messer´s Schneide dahin kroch & Wirklichkeit & Traum einander nahe waren wie Tag & Nacht & irgendwann werden wir Beides nicht mehr unterscheiden können.

Abends hörten wir Surf´s Up, wir lagen auf großen weichen Kissen tief im Süden. Wir waren gerade noch jung & sehr romantisch. Wir tranken Wein & bemalten meine Lederjacke mit bunten Federn. Wir entflohen der Welt. Dann liebten wir uns bedächtig & hofften, die Zeit stünde still. Als die Kerzen heruntergebrannt waren, schliefen wir ein. Am nächsten Morgen lag auf dem Fenstersims eine tote Taube.

Juni 16

Studie in Rot

. . . melancholische Reminiszenzen . . . 

„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den Spanischen Wänden gleichen, hinter denen man nur Kranke und Tote erwartet.“

Caspar David Friedrich

 

„Auf geheimem Waldespfade
Schleich ich gern im Abendschein
An das öde Schilfgestade,
Mädchen, und gedenke dein!

Wenn sich dann der Busch verdüstert,
Rauscht das Rohr geheimnisvoll,
Und es klaget, und es flüstert,
Daß ich weinen, weinen soll.

Und ich mein, ich höre wehen
Leise deiner Stimme Klang
Und im Weiher untergehen
Deinen lieblichen Gesang.“

Nikolaus Lenau, Schilflied III

 

Die Melancholie hat schon bessere Tage gesehen. Es gab Zeiten, in denen das Verständnis für das Melancholische & die damit verbundenen Zustände von Weltschmerz & Einsamkeit, Verlust & Nachdenklichkeit weit ausgeprägter waren als heutzutage. Die Romantiker lebten in dem Wissen um eine melancholische Grundstimmung, einem Empfinden, in dem das Schöne & Gute zwar das Ideal, dessen Bedrohung allerdings eine beständige Herausforderung darstellte, deren Bestehen als eigentliche Prüfung des Lebens angesehen wurde. Verlaß war lediglich auf das eigene Empfinden, vielleicht noch auf das der engen Freunde, Gleichgestimmter in der Regel, zu unverstanden sah man sich bereits damals dem modernen Weltenfluß ausgesetzt, dem zu entkommen so zu einer Frage des persönlichen seelischen Überlebens werden mußte. Heutzutage würden viele Romantiker als depressiv Erkrankte angesehen werden, ein Zeichen für das Abhandenkommen einer dezidiert willentlichen Gestimmtheit, deren Ableitung aus einem besonderen Natur-, Lebens- & Kunstverständnis den Menschen unserer Epoche nicht vorstellbar erscheint, da sie lernen mußten, daß die Rationalität das einzige grundlegende Werkzeug zum Weltverständnis zu sein hat. Dies gleicht einem emotionalen Imperativ, dessen Ziel die Auslöschung all jener Vorstellungen werden könnte, die dem materialistischen, & somit letztlich komsumistischen Welt- & Lebensverständnis entgegenstehen. Oder um es im romantischen Sinne eher künstlerisch auszudrücken:  Pure Vernunft darf niemals siegen ! wie Tocotronic einst sangen.

Um zu verstehen, was dieses den heutigen Menschen eher fremd & oft wohl auch lächerlich erscheinende Empfinden ausmacht, ist es hilfreich, sich Bilder von Caspar David Friedrich anzuschauen oder die Schilflieder von Nikolaus Lenau zu lesen. Sehen wir, falls überhaupt, Menschen auf den Bildern Friedrichs, dann nur als Einzelpersonen in oder vor übermächtiger Landschaft, & diese erscheint in der Regel nicht als authentisch reproduzierte Wirklichkeit, sondern als imaginierte Gestimmtheit, als eine emotionale Schicht hinter dem Gesehenen. In ihr wirkt der Mensch klein & unbedeutend (Der Mönch am Meer), als verloren & voneinander abgewandt (Herbstabend am See) oder als allegorisches Symbol (Lebensstufen). Das bekannteste Bild von Friedrich, der Wanderer über dem Nebelmeer, zeigt zwar in zentraler Position einen Menschen, allerdings von hinten. Der Blick fällt auf die unermeßlich scheinende Weite des der Figur Sichtbaren. Somit nehmen wir als Betrachter eigentlich dessen Standort ein & fühlen uns dieser Weite ausgesetzt & somit auf unsere tatsächliche Größe in diesem unendlichen Raum reduziert. In den Schilfliedern Lenau´s gleichen die Beschreibungen der Natur der Darstellung innerer Zustände, die äußere Welt wird übersetzt in eine innerliche Befindlichkeit. Diese wird bestimmt durch den Liebesverlust, die Wahrnehmung der Umgebung erfolgt also von innen nach außen & nicht andersherum. Das bedeutet, daß die Weltsicht der Romantiker selten von Freude & Frohsinn bestimmt ist, sondern ständig von Verlust, Schmerz & Tod bedroht wird. Erstaunlicherweise führt dies jedoch nicht zu Verbitterung & Abkehr, sondern wird vielmehr als Erfüllung & wahrer Weltensinn verstanden. In diesem Sinne ist selbst noch Thomas Mann´s Tod in Venedig eine eher romantische Novelle. So ist die Melancholie also sehr viel mehr, als es ihre Trivialisierung als Depression vermuten läßt.

Rothenburg ob der Tauber / Schäferkirche
Rothenburg ob der Tauber / Schäferkirche

Mein Vater war ein eher schweigsamer Mann, der viel las & dachte aber wenig sagte. Als ich ein kleiner Junge war, hatten wir kein Auto, mein Vater schien sich auch nicht sonderlich dafür zu interessieren, er hatte seit dem Krieg nicht mehr hinter einem Lenkrad gesessen, & so dachte ich, würden wir wohl die einzige Familie in der Straße bleiben, die kein Auto hatte. Auch wenn er nie über  Autos sprach, sah ich doch, wie er bisweilen halb verstohlen einem bestimmten Mercedes – Modell nachschaute, einem 220er, dessen angedeutete Heckflossen mit einem Chromstreifen versehen waren. So ein Auto war sehr teuer, es stand völlig außer Frage, daß mein Vater jemals eins kaufen konnte. An einem heißen Sommertag in den Schulferien kam Vater früher von der Arbeit nach Hause, klingelte, legte seine braune Aktentasche auf das Garderobenschränkchen im Flur & ging schweigend ins Wohnzimmer. Dort saß er auf seinem Sessel, ein kleiner Mann mit pomadisiertem fast schwarzem Haar, einer dicken Hornbrille & einem kurzärmeligen karierten Hemd, aus dessen Brusttasche ein Kamm hervorschaute, & schwieg. Das war selbst für meinen wortkargen Vater ungewöhnlich, & so gingen meine Mutter & ich zögernd ebenfalls ins Wohnzimmer, es mußte irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen sein. Als wir uns gesetzt hatten, meine Mutter, wie immer in Erwartung schlimmer Nachrichten auf die Sofakante, ich auf einen kleinen Beistellsessel, sah uns Vater eine Weile abwechselnd an & sagte dann, er müsse uns etwas zeigen. Dann stand er wieder auf, meinte, wir müßten schon mitkommen & schob meine zögerliche Mutter am Ellenbogen aus der Wohnung. Direkt vor der Tür stand ein schwarzer 220er mit verchromten Heckflossen, den ich ungläubig anstarrte. Meine Mutter verstand gar nichts, sah meinen Vater an, der langsam einen Schlüssel aus der Hosentasche zog & die Beifahrertür des Mercedes aufschloß. Während meine Mutter fassungslos neben dem Auto stand & mit großen Augen, beide Hände vor dem Mund, auf die schwarz glänzende Karosse starrte, spürte ich, wie mein Herz bis zum Hals schlug. Das Auto hatte rote Ledersitze & ein großes schwarzes Bakelitlenkrad. Vater sagte, wir würden dieses Jahr nicht in Urlaub fahren können, es wäre nun allerdings viel bequemer, Ausflüge in die nähere Umgebung zu unternehmen. Den Wagen hätte er von einem Kollegen gekauft, der ihn sehr günstig abgegeben habe, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fahren wollte. Meine immer noch fassungslose Mutter setzte sich vorsichtig auf den Beifahrersitz, so als hätte sie Angst, ihn zu beschädigen. Mein Vater aber stellte sich neben mich, legte seinen Arm um meine Schulter & sagte, nachdem wir beide das Auto eine Weile schweigend angesehen hatten: „Was sollte ich mit einem VW oder Opel anfangen; wenn Gott Auto fahren würde, er hätte einen 220er … & ausländische Autos sind doch einfach lächerlich.“

Rothenburg ob der Tauber / Klingentor
Rothenburg ob der Tauber / Klingentor

Dies ist eine schöne Geschichte & ich hätte sie gerne erlebt. Leider hatten wir nie ein Auto & Vater saß nach dem Krieg auch nie wieder hinter einem Lenkrad. Es ist deswegen eine Geschichte über meinen Vater & keinesfalls über Autos. Ich habe meinen Vater erst Jahrzehnte nach seinem Tod kennen- & wahrscheinlich auch erst lieben gelernt. Dies geschah innerhalb einer Psychoanalyse & das Ergebnis, mein Verhältnis zu meinem Vater, ist seitdem eine überaus melancholische Angelegenheit, weil sie von Verlust, Schmerz, Sehnsucht & Dankbarkeit erfüllt ist. Es erscheint nunmehr auch nicht weiter verwunderlich, daß sich überraschend viele Komponisten der populären Musik intensiv mit ihren eigenen Vater / Sohn Beziehungen auseinandergesetzt haben. Noch weniger verwunderlich ist die Melancholie, die diese sehr persönlichen Stücke zumeist durchzieht.

An einem Freitag im Juni fahre ich in die Musikhalle, um dort einen Mann zu treffen, der wie kaum ein anderer ein Meister des Songwriting ist, dazu ein unübertrefflich kongenialer Interpret des Eigenen. Daß er mit der  Anlage & Intensität seiner Stücke auch ein Meister der Melancholie ist, erscheint naheliegend. Selten hat mich Musik derart berührt, selten so zuverlässig Tränen in die Augen getrieben.

Sogenannte Singer / Songwriter haben grad Konjunktur. Kein Club, keine Bar in der Stadt, in der nicht andauernd Menschen, vorwiegend Männer, die das, was sie Songs nennen, mit Mitteln, die sie als Gesang verstanden wissen wollen, zum Vortrage bringen. Hipster mit Basecap  & Vollbart muten dort ihren überwiegend begeisterten Zuhörern Alltagsgeschichtchen zwischen Larmoyanz & Zeitgeist zu, die noch belangloser sind, als die maximal 3 Akkorde, mit denen sie sich dazu auf der Gitarre begleiten. Das Verständnis dafür, wie drei Akkorde eine Welt sein können, ist ihnen allerdings fremd. & da das zugeneigte Publikum in der Regel mit wenig zufrieden ist & pubertäres altkluges Gejammer für den Ausdruck emotionaler Empathie hält, haben S / S eben gerade Konjunktur. Oder: jedes Publikum bekommt den Mist, den es sich redlich verdient hat.

Rothenburg ob der Tauber / Hotel Reichsküchenmeister
Rothenburg ob der Tauber / Hotel Reichsküchenmeister

Die Bühne ist in dunkelrotes gedämpftes Licht getaucht, das sich auf der gewölbten Holzverkleidung der Bühnenrückwand in feinen Nuancierungen bricht. Seitens der Bühne türmt sich eine drastisch zu groß geratene PA, aber Verleiher wollen eben auch leben. Rechts stehen ein Flügel & eine Gitarre, auf der linken Seite ein nord – Keyboard. Der Saal ist voll, nur sehr wenige Plätze bleiben leer. Das Publikum ist von seltener Mischung in Alter & Erscheinung. Daß keine Hipster zu sehen sind, stimmt fröhlich. Kurz nach Acht geht’s los. Schon das Erscheinen der zwei Männer auf der Bühne bewirkt stehende Ovationen. Der eine steht an der Bühnenkante, dunkles Hemd, Jeans, kurz rasiertes Haar, was der Halbglatze einen jugendlichen Ausdruck verleiht, Dreitagebart,stämmige kräftige brust- & hüftbetonte Figur. Der andere hält sich im Hintergrund, auch er in Jeans, hellem Hemd, Glatze, Vollbart, Gatsby – Kappe & modische breitgestellige Brille. Das Licht verharrt in seinem changierenden dunklen Rot, ein wenig aufgehellt nun durch weiße & gelbe Bodenstrahler. Der Jubel nimmt kein Ende, der Mann am Bühnenrand  legt seine rechte Hand auf die linke Brusthälfte, lacht ein wenig & verbeugt sich. Dann gehen beide an ihre Instrumente. Erwartungsgemäß ist es für diese Musik zu laut, der Mixer braucht einen Augenblick, bis er den Sound etwas transparenter bekommt. Ghost Train, danach Strangers in a Car, die Songs klingen anders als auf der so wunderbaren ersten Platte von Marc Cohn, sie sind reduziert auf die Stimme, das Klavier & auf das, was der wunderbare Glenn Patscha an Hammond Sounds aus seinem nord herausholt. Gibt es ein großartigeres Instrument als eine Hammond Orgel, die wie kein anderes Instrument allein durch die klanglichen Möglichkeiten Stimmungen erzeugen & verschwinden lassen kann, die mal traurig, mal fröhlich klingt, zurückhaltend, drohend, fordernd tänzerisch & dann wieder verhangen tränenreich, leidend & schmachtend. Patscha nutzt vorwiegend die klanglichen Paletten, die man aus der Country – & Gospelmusik kennt, zuweilen durch Phaser oder andere Effekte verfeinert, ergänzt, webt er hochemotionale Akkorde & Melodiefragmente in die gebrochenen Akkorde des Klaviers, unterlegt Cohn´s Stimme mit den passenden Tönen & beide sind sich der Wirkung dessen, was sie dort tun, sehr gewiß. Sie sind eine Einheit, spielen offenbar schon endlos miteinander, selten sind Blicke erforderlich, sich zu verständigen. Zu Hause werde ich Patscha googeln & feststellen, daß er mit den Größen der amerikanischen populären Musik gespielt hat, ein Mann von 46 Jahren, jünger aussehend & der fast 57 – Jährige am Klavier, der weiß, daß er sich darauf verlassen kann, daß der Jüngere am Keyboard für den letzten melancholischen Schliff sorgt, der den Songs ihre zeitlose Größe, ihre unbestechliche Emotionalität & ihre musikalische Nachhaltigkeit verleiht. Cohn ist kein Virtuose am Klavier, & da er das weiß, beschränkt er sich eben auf Akkorde, meist synkopiert & mit wenigen Arpeggien verbunden, tonal gebrochen & rhythmisch eher den erzählenden Vortrag unterstützend. Sie setzen die passenden Akzente, mal weich & sanft, mal percussiv & hart, alles stets nah am Bruch. Zusammen mit seiner älter, rauher & in den Höhen leiser gewordenen Stimme ergeben sich daraus die Geschichten, die Cohn erzählt, die Melodien & die Worte schälen sich aus diesen Akkordfolgen heraus, das Brüchige, Verlorene bestimmt nahezu alle seiner Songs. Zum Beispiel in der Geschichte vom silbernen Thunderbird, mit dem der Vater eines Tages nach Hause kommt & dem Sohn erzählt, es könne für ihn kein anderes Auto geben, denn Gott, wenn er eines hätte, wäre es ein Thunderbird, & das ausländische Autos einfach absurd sind. Eine dieser zahlreichen Vater / Sohn Geschichten, die Cohn erzählt, über sich & seinen Vater, über den er viel spricht an diesem Abend. Das Licht ist immer noch vorwiegend dunkelrot, & Cohn erzählt vom Reisen & von der Liebe, von Hotels & von den älter gewordenen Söhnen & davon, was es bedeutet, selten zu Hause zu sein. & von Levon Helm, diesem großartigen Musiker;  Sänger & Schlagzeuger der singulären Gruppe The Band, der 2012 starb. Ihm hat er einen Song gewidmet, Listening to Levon, & es ist still im Saal, noch stiller als sonst. Gelegentlich greift Cohn zur Gitarre, die spürbar nicht sein Instrument ist. & dann, nach zwei Stunden, das Licht ist immer noch vorwiegend dunkelrot, True Companion, dieses letzte große Liebeslied, das vom Kennenlernen, Heiraten & vom Loslassen am Ende des Lebens handelt, aber auch von der Gewißheit, dort, wo auch immer, aufeinander zu warten. Mein Gott, was wäre das für ein unsäglicher Kitsch bei minder begabten Komponisten. Bei Cohn klingt es sparsam, luftig, fast ein wenig spröde, ja beiläufig & entfaltet dabei, ganz aus den wenigen Tönen & dem wunderbaren Text heraus lebend, eine umso größere Wirkung.

Als das dunkelrote Licht auf der Bühne erlischt & das Deckenlicht angeht, verlassen die Menschen den Saal sehr still & langsam. Die Berührung, das Andächtige ist spürbar. Wir haben etwas heutzutage sehr Seltenes erlebt, einen irgendwie aus der Zeit Gefallenen, einen das Verlorene noch unentwegt  Suchenden, einen Romantiker & ganz sicher einen Melancholiker. Eine Studie in Rot, diese Suche nach der Blauen Blume.

Februar 22

Seventeen seconds to Lighthouse Hill

Edward Hopper, Frank Sinatra & The Cure:  Meditationen der Einsamkeit . . . 

 

„. . . Time slips away
And the light begins to fade
Everything is quiet now . . .“

                                                               Seventeen Seconds / The Cure

„When your lonely heart has learned its lesson,
You’d be hers if only she would call,
In the wee small hours of the morning,
That’s the time you miss her most of all“

                                                              In the wee small hours / Frank Sinatra

„Great art is the outward expression of an inner life in the artist, and this inner life will result in his personal vision of the world.”

                                                             Edward Hopper

„Eleanor Rigby
Died in the church and was buried along with her name
Nobody came
Father McKenzie
Wiping the dirt from his hands as he walks from the grave
No one was saved
All the lonely people (Ah, look at all the lonely people)
Where do they all come from?
All the lonely people (Ah, look at all the lonely people)
Where do they all belong?“

                                                            Eleanor Rigby / The Beatles

 

Als ich im Jahre 2005  in Köln erstmals vor dem Bild Lighthouse Hill von Edward Hopper stand, ging ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Das Museum Ludwig zeigte erstmals in Deutschland eine Retrospektive des amerikanischen Malers (1887 – 1967), dessen Bilder viele Menschen kennen, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben, sie anzuschauen. Das Interesse war entsprechend groß, wir waren am letzten Ausstellungstag dort & es war erwartungsgemäß brechend voll. Bei der genauen Betrachtung des Bildes, dem Gefühl, ihm endlich gegenüber zu stehen, geschah Seltsames. Das Raunen in den Räumen erschien plötzlich leiser, das Drängen der Besucherfülle schien geringer zu werden, der Raum um mich herum sich zu leeren. Das Bild aus dem Jahre 1927 zeigt einen Leuchtturm, der zusammen mit einem kleinen steinernen Haus, wahrscheinlich dem des Leuchtturmwärters, auf einer Anhöhe steht. Der Betrachter schaut schräg von unten auf diese Anhöhe, die sich offensichtlich weitgehend im Schatten befindet. Der Himmel dahinter strahlt in hellem Blau, leichte Cyrruswölkchen sind sichtbar. Wir wissen nicht, ob es Morgen oder Abend ist. Menschen sind nicht sichtbar. Es entsteht der Eindruck umfassender Einsamkeit, daran ändert auch die zum Greifen nahe menschliche Behausung nichts, im Gegenteil, Fenster & Türen sind verschlossen, der Sonnenstand sorgt für Schatten auf der dem Betrachter zugewandten Seite.

Das in der Ausstellung ebenfalls zu sehende Bild Nighthawks aus dem Jahr 1942, das wohl bekannteste Bild des Malers, zeigt eine Bar an einer Straßenecke. Der Innenraum ist hell erleuchtet, durch die Scheibe sehen wir in der spartanisch eingerichteten Bar vier Menschen. Ein Mann kehrt uns den Rücken zu, ihm schräg gegenüber erblicken wir ein Paar, nebeneinander, schweigend, jeder für sich. Der Bartender schließlich, unter dem Tresen irgendwelche Handgriffe verrichtend, schaut zwischen den Menschen hindurch nach draußen auf die Straße. Dort ist allerdings nichts zu sehen. Es ist dies ein Bild von derart übermächtiger Einsamkeit, die hellerleuchtete Bar ist keinesfalls ein Ort des entspannenden Rückzugs, gar des wohlgefälligen Zusammenseins, es ist ein Ort kompletter Entfremdung & Abgewandtheit. Trotz der vier Menschen auf relativ engem Raum ist das Szenario in seiner Isolation des Einzelnen in & von der Welt zutiefst verstörend. Hopper gelingt diese Darstellung mit kräftigen Farben & sattem Pinselstrich, was den beschriebenen Eindruck in nahezu grotesker Weise noch verstärkt.

Strand von Hiddensee bei Neuenburg
Strand von Hiddensee bei Neuendorf

Im Jahre 1953 wechselte Frank Sinatra von Columbia Records zur Plattenfirma Capitol. In den folgenden neun Jahren nahm er dort 16 Platten auf, zumeist mit Arrangements von Nelson Riddle, aber auch von Billy May & Gordon Jenkins. Sehen wir von seinen späten, international erfolgreichen Hits wie Strangers in the Night oder New York ab, so ist das, was mit dem typischen Sinatra – Sound beschrieben wird, seine Arbeit für Capitol Records. Neben den unvermeidlichen Swing – Platten sind es hier vor allem die Alben mit Balladen, die die Größe des Sängers Sinatra begründen. Albumtitel wie In the wee small hours, No one cares, Only the lonely oder Songs for young lovers leben von der unvergleichlichen Art, mit der es Sinatra verstand, die Trostlosigkeit des Einsamen mit der Melancholie des Weiterlebens zu verbinden. Eines hören wir hier nicht; Verzweiflung. Immer findet sich in der Erinnerung des Verlassenen neben der Einsamkeit auch eine stille Kraft, die in der Melancholie zu liegen scheint, die auch im Schmerz nicht aufgibt, sondern zumindest eine Vorstellung mitschwingen läßt, es könnten auch einst wieder bessere Zeiten kommen, vielleicht irgendwann sogar wieder eine neue Liebe. In diesem Gefühl des Nichtaufgebens, des Weitermachens, der Überwindung, in diesem Trotzalledem, scheint eine der großen Stärken der menschlichen Seele zu liegen, daß sie, wenn sie nicht vollends zerstört wurde, zu einem Gefühl finden kann, daß wir Hoffnung nennen. In diesem Sinne war Sinatra niemals ein Sänger der Hoffnungslosigkeit. Vielleicht der Aussichtslosigkeit, aber das ist etwas anderes. Stimmlich war Sinatra nie besser als zu dieser Zeit, das warme Timbre, die großen Legatobögen, das Gefühlvolle, das niemals in blanken Kitsch abrutscht, sondern stets dem Ernst der Interpretation verpflichtet bleibt, all das also, was einen wirklich großen Sänger auszeichnet, wußte er musikalisch mit traumwandlerischer Sicherheit umzusetzen & mit der passenden Pose zu bekräftigen. Die LP Cover zeigen ihn Nächtens, zumeist rauchend & mit dem unvermeidlichen Hut, an Laternenpfähle oder Hausecken gelehnt, einsam an der Bar, aber auch als weinenden Clown. Sinatra sang im Studio seine Songs in der Regel ohne Schnitte & zumeist bei der ersten Aufnahme perfekt ein. Er hatte ein unfehlbares Gespür für Interpretation, sowie genaue Vorstellungen vom passenden Arrangement. Die im Gegensatz zu den Swingplatten streicherlastigen Orchestrierungen, zumeist abgedämpft & in langen Noten gehalten, schaffen eine ideale Grundlage für die wohltönenden Klagen des Sängers & sind, obwohl vielfach im originalen Mono, auf eine nahezu überirdische Weise zeitlos.

Blick vom leuchtturm am Dornbusch auf Hiddensee, Photo: Heidrun Scholz
Blick vom Leuchtturm am Dornbusch auf Hiddensee,
Photo: Heidrun Scholz

Einsamkeit ist ein innerer Ort, der, oft unabhängig von den äußeren Umständen, individuell wirksam ist. Der westliche Mensch ist heute selten wirklich allein, am Strand von Hiddensee Anfang März vielleicht. Einsamkeit ist ein Gefühl, ein Empfinden, ein Seelenzustand, manchmal auch eine Notwendigkeit. Man kann lieber allein, als zu zweit einsam sein. Sie ist schmerzhaft & sehnsuchtsvoll, sie ist Verzicht & Verlangen. Die großen Sänger des Einsamen, wie Bob Dylan, Frank Sinatra oder Nat King Cole, sangen auf ihre sehr unterschiedliche eigene Art immer auch von der Sehnsucht. Der moderne westliche Mensch neigt zum Romantisieren. Stehen wir heute vor Gemälden  von Caspar David Friedrich, so mag uns seine Kunst menschenentleerter, endloser Landschaften, verlassener trostloser Klosterruinen oder vom Eis zertrümmerter Schiffsrümpfe als eine Bebilderung von Schubert´s „Winterreise“ erscheinen. Friedrich´s im Jahre 1818 entstandenes Bild Der Wanderer über dem Nebelmeer  ist in diesem Kontext geradezu eine sich aufdrängende  Entsprechung für Schubert´s neun Jahre später entstandenen Liederzyklus. Daß die Romantiker in ihrer Epoche mit ihren künstlerischen Werken einem sehr viel weiter gefaßten Bedeutungskanon folgten, ist heute allerdings höchstens noch Kunsthistorikern hinlänglich bekannt.

Die Metaphorik der Einsamkeit ist auch dieser Tage noch ein höchst wirksames Stilmittel, beabsichtigt oder in ihrer Wirkung durchaus auch zufällig (?), z.B. wenn wir an Lana del Rey´s großartige Hymne Video Games denken, dieses Monument des Einsamen, in der sehr viel von eindeutigem Wunsch, jedoch nicht von dessen Erfüllung die Rede ist. Höchst bemerkenswerter Weise erscheint die Sängerin auf dem Cover wie auf einem Hopper Gemälde: ausdruckslos, mit starrem Puppengesicht, blickt sie durch uns hindurch, in blendend weißer Bluse, unter der ein roter BH schimmert, vor einem Wellblechzaun & einem viel zu strahlenden blauen Himmel, an dem vereinzelte Wölkchen sichtbar sind. Die Tageszeit bleibt – man möchte sagen, natürlich – indifferent. Hier trifft Hopper auf David Lynch. Selten gab es in jüngerer Zeit einen Auftritt, der in sich derart stringent & in seiner Wirkung, im Zusammenspiel von Text, Musik, Produktion & äußerer Erscheinung so emotional tiefenwirksam war.

Wie sich die Zeiten ändern. 1966 reichte Paul Mc Cartney für sein Ewigkeitsmomentum aller Einsamen dieser Welt, Eleanor Rigby, noch ein Streichquartett. Das verstörend Eindringliche dieses Liedes liegt darin, daß es in der Beschreibung kleiner prägnanter, genau beobachteter & mit wenigen Worten ausgedrückter Szenen aus dem verzweifelten Leben der beiden Protagonisten im Realen bleibt. Es ist somit gänzlich frei von Metaphorik & Assoziation, & deswegen vollständig unromantisch. Mc Cartney braucht zwei Minuten & sechs Sekunden, um dem Zuhörer ein Kompendium zu erschließen, aus dem andere einen Roman von 300 Seiten machen würden. Er wertet nicht, er beschreibt lediglich, auch das trägt maßgeblich zur erschütternden Wirkung des Liedes bei. Hier sitzt jedes Wort, jeder Ton & wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige, der nicht müde wird zu behaupten, daß in spätestens 100 Jahren die Beatles mit ihrem musikalischen Schaffen gleichberechtigt neben Franz Schubert stehen werden.

Wald am Strand von Hiddensee / Westküste
Wald am Strand von Hiddensee / Westküste

Im Jahre 1980 veröffentlichte das englische Quartett The Cure ihre zweite Platte, Seventeen Seconds. In diesem Jahr war der Punk längst kommerzialisiert, die Sex Pistols bereits seit zwei Jahren Geschichte & das Wilde, das Ungestüme & Dreckige des Punk in einer Richtung aufgegangen, die sich intellektueller, grüblerischer & formal offener gab, der sog. New Wave. Revolutionäre & Künstler wie die Band CRASS waren zwar noch aktiv, aber Großbritannien befand sich unter der Thatcher Ära inmitten eines tiefgreifenden sozialen Umbruches. Dieser führte musikalisch betrachtet einerseits zu untergründigem revolutionärem Aufbegehren (CRASS u.a.), andererseits jedoch zu einem entpolitisierten Hedonismus in Form der New Romantics & ihrem weichgespülten gefälligen Neopopsoul, sowie anderen geschmacklichen Entgleisungen, die in diesem schrecklichen Jahrzehnt Popmusik weitgehend unerträglich machten. Die frühen Cure standen noch in der formalen Tradition des Punk, wenngleich Ihnen das Ungestüme, das Verzerrte & Schreiende vollkommen fehlte. Die Songs sind ziemlich kurz, gitarrendominiert & rhythmisch an arpeggiohaft gespielten oder durchgeschlagenen  Achtelfiguren orientiert. Der Gitarrensound ist klar, weitgehend unverzerrt, dafür aber durchgehend mit Flanger – Effekten unterlegt. Der Baß spielt oft konfigurativ, nimmt Melodiefragmente auf oder gibt sie vor, das Schlagzeug spielt ausschließlich das minimal Erforderliche, hin & wieder von prägnantem weißen Rauschen einer Syn – Drum ergänzt. Die Gesangsstrophen sind kurz, die Stimme von Robert Smith schwankt zwischen Hysterie & Verzweiflung, die Texte sind traurig – vergrübelt. Sehr interessant, & für die emotionale Wirkung der Platte mit ausschlaggebend, sind die überaus einfach gehaltenen, aber klanglich sehr genau ausgesuchten melodischen Fragmente eines Synthesizers, die sich, manchmal eher untergründig wahrnehmbar, in die Songs hineinschleichen, das Geschehen harmonisch ergänzen & zusammenhalten & die Platte erst zu dem machen, was sie bis heute ist: Ein singulärer Versuch, Verzweiflung, Abschied, Verlust & Trauer in Töne zu fassen.  Diese Wirkung ist unabhängig vom unterschiedlichen Tempo der einzelnen Nummern, die Platte ist ein in sich komplett geschlossener Kosmos von menschlicher Einsamkeit & Verzweiflung, sternenkalt & verloren.

Dieser Eindruck hat sich mir seit dem Erscheinen der Platte bis heute losgelöst von persönlicher & musikalischer Entwicklung erhalten. Eine derartige emotionale Nachhaltigkeit gelingt nur sehr Wenigen & ist genreunabhängig. Auch The Cure selbst haben sie danach nie wieder erreicht. Es gibt diese Ereignisse singulärer musikalisch – emotionaler Vollkommenheit, dieses Erreichen & Umsetzen einer künstlerischen Vorstellung, eines vertonten emotionalen Standpunktes nicht sehr häufig. Wenn, dann entstehen allerdings zumeist Platten, die über ihre Epoche, ihren Stil & ihre  musikalisch – akademische Bedeutung weit hinausweisen. Das Cover von Seventeen Seconds zeigt, ein gewisses Vorstellungs- & Assoziationsvermögen unterstellt, einen lichten Wald, der von tiefem Nebel durchzogen ist, sodaß die Bäume kaum sichtbar sind. Der Hörer durchstreift diesen Wald, verirrt sich & wird ihn schwerlich wieder verlassen können.

In einem anderen musikalischen Kontext, dem nur scheinbar bekannten Hotel California der US – amerikanischen Band The Eagles, in dem die Sonne genau die selbe fröstelnmachende Kälte erzeugt wie wir sie in den Bildern Edward Hopper´s finden, lautet die Schlußzeile:  „You can check out any time you like – but you can never leave.“  Wer öfters in Hotels übernachtet, weiß, daß dies zumeist ziemlich einsame Orte sind & den Wald als Sinnbild innerer & äußerer Verlorenheit, als ein Abseitsgehen vom Treiben der Welt, kennen wir spätestens seit Hänsel & Gretel & finden es in philosophisch – widerständiger Tiefe bei Ernst Jünger.

In der Kölner Ausstellung war auch das letzte Bild zu sehen, das Edward Hopper im Jahre 1965 gemalt hat. Es heißt Two Commedians & zeigt zwei Schauspieler im Kostüm der Commedia dell´arte, die sich vor bereits geschlossenem Vorhang vom Publikum verabschieden. Es ist eines der sehr wenigen Bilder des Künstlers, das sich in Privatbesitz befindet. Es gehört der Witwe von Frank Sinatra.