Februar 14

Abschied

. . . . zum Gedenken an Paul  (14. Juli 2005 bis 11. Februar 2019) . . . .

 

Ich will Dir ein kleines Kätzchen für eine Weile leihen
hat Gott gesagt.
Damit Du es lieben kannst, solange es lebt
und trauern, wenn es tot ist.Vielleicht für zwölf oder vierzehn Jahre,
vielleicht auch zwei oder drei.
Wirst Du darauf aufpassen, für mich,
bis ich es zurückrufe?Er wird Dich bezaubern
um Dich zu erfreuen
und sollte sein Bleiben nur kurz sein,
Du hast immer die Erinnerungen,
um Dich zu trösten.
Ich kann Dir nicht versprechen, daß er bleiben wird
weil alles von der Erde zurückkehren muß,
aber es gibt eine Aufgabe, die
dieses Kätzchen lernen muß.Ich habe auf der ganzen Welt
nach dem richtigen Lehrer gesucht.
Und von allen Leuten, die die Erde bevölkern
hab ich Dich auserwählt.Willst du ihm alle deine Liebe geben
und nicht denken, daß Deine Arbeit umsonst war?
Und mich auch nicht hassen,
wenn ich das Kätzchen zu mir heim hole?
Mein Herz antwortete:
„Mein Herr, dies soll geschehen.”
Für all die Freuden, die dieses Kätzchen bringt ,
werde ich das Risiko der Trauer eingehen.
Wir werden ihn mit Zärtlichkeit beschützen
und ihn lieben, solange wir dürfen.
Und für das Glück, das wir erfahren durften,
werden wir für immer dankbar sein.
Aber solltest Du ihn früher zurückrufen,
viel früher, als geplant,
werden wir die tiefe Trauer meistern
und versuchen, zu verstehen.
Wenn wir es mit unserer Liebe geschafft haben,
Deine Wünsche zu erfüllen,
in Erinnerung an seine süße Liebe.
Bitte hilf uns in unserer Trauer.
Wenn unser geliebtes Kätzchen
diese Welt voll von Spannung und Zwietracht verläßt,
schicke uns doch bitte eine andere bedürftige Seele,
um sie ihr Leben lang zu lieben.
(Autor unbekannt)

 

Januar 27

Märchenzeit

Ich erinn’re mich gut an die Zeit unterm Dach,
den Ofen, Mama und mich.
Und träumte ich schlecht, dann rief sie mich wach,
daß das Böse schnell von mir wich.

Ich erinn’re mich gut, hat sie Märchen erzählt,
kroch tiefer ich in ihren Schoß.
Und der Wolf konnt‘ mir nichts und die Hex‘ war verbrannt,
und ich war gleich stark und groß.

Ach wie schön, wenn man weiß, wo man birgt sein Gesicht,
Kind, wenn sie kommt, die Angst.
Ach wie schön, wenn man weiß, allein ist man nicht
Das ist, was du verlangst.

Ich erinn’re mich gut und bin bei dir, mein Kind,
wenn einfällt die Dunkelheit.
Und der Wolf kann dir nichts und die Hex‘ stirbt geschwind
am Abend zur Märchenzeit.

Karat

Dezember 28

erste

Sieh, die zeit zieht sich zusammen
hier drinnen im zimmer,
erfundener freund du,
sie zwängt die tage bis sie ersticken.
Dies ist mein leben
und aus diesem tu ich dir schreiben.
Ich habe nichts anderes,
von mir geht nichts anderes aus.
Lies mich also. Bleib und sitz.
Im grunde frag ich nichts anderes
als angeschaut werden ins gesicht
und die augen die aufgerissenen.

Roberta Dapunt
aus dem Zyklus die engen begegnungen
aus dem Ladinischen, übersetzt von Versatorium
Folio Verlag Bozen

Katgeorie:Gedicht des Monats | Kommentare deaktiviert für erste
Oktober 19

Wolken im Licht

Was von segnenden
Seelen Ewiges
Aus dem Vergänglichen
Aufwärts stieg:
Siehe, das wandelt
In schwebenden Landen
Feurig
Über den Suchenden hin,
Und zu seines Volkes
Lichteskindern
Blickt der Umdunkelte
Dankbar auf.

Ferdinand Ernst Albert Avenarius
Aus der Sammlung Stimmungen

Katgeorie:Gedicht des Monats | Kommentare deaktiviert für Wolken im Licht
April 6

Von der Freiheit

Und ein Redner sagte: Sprich uns von der Freiheit.

Und er antwortete: Am Stadttor und an eurem Herd habe ich euch unterwürfig und in Anbetung eurer Freiheit gesehen,
wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie tötet.
Ja, im Hain des Tempels und im Schatten der Zitadelle
habe ich die Freiesten unter euch ihre Freiheit als Joch und Handschellen tragen sehen.
Und das Herz blutete mir, denn ihr könnt nur frei sein, wenn selbst der Wunsch,
die Freiheit zu suchen, euch zum Zügel wird und wenn ihr aufhört,
von Freiheit als Ziel und Erfüllung zu reden.
Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind
und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann,
wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.

Und wie wollt ihr euch über eure Tage und Nächte erheben,
wenn ihr nicht die Ketten brecht,
die ihr im Morgengrauen eures Verstehens eurer Mittagsstunde angelegt habt?
In Wahrheit ist das, was ihr Freiheit nennt, die stärkste dieser Ketten,
wenn auch ihre Glieder in der Sonne glitzern und eure Augen blenden.
Und was sind es anders als Teile eures eigenen Ichs,
die ihr ablegen wollt, um frei zu werden? Wenn es ungerechtes Gesetz ist,
das ihr abschaffen wollt, dann habt ihr es mit eigener Hand auf eure Stirn geschrieben.
Ihr könnt es nicht auslöschen, indem ihr eure Gesetzesbücher verbrennt,
oder die Stirn eurer Richter wascht, und wenn ihr das Meer darauf gießt.

Und wenn es ein Despot ist, den ihr vom Thron stürzen wollt,
seht zu, dass sein Thron zerstört wird, den ihr in euch errichtet habt.
Denn wie kann ein Tyrann die Freien und Stolzen regieren,
außer durch eine Tyrannei ihrer eigenen Freiheit und eine Scham über ihren eigenen Stolz? Und wenn es eine Sorge ist, die ihr ablegen wollt,
ist sie eher von euch gewählt als euch auferlegt.
Und wenn es eine Angst ist, die ihr verjagen wollt, ist der Sitz dieser Furcht in eurem Herzen und nicht in der Hand des Gefürchteten. Wahrhaftig, all das umarmt sich ständig in euch,das Ersehnte und das Gefürchtete, das Abstoßende und das Geschätzte,
das Erstrebte und das, dem ihr ausweichen wollt.
All das bewegt sich paarweise in euch wie Licht und Schatten, die einander verhaftet sind. Und wenn der Schatten verblasst und nicht mehr da ist,
wird das Licht, das verweilt, zum Schatten eines anderen Lichts.
Und so wird eure Freiheit, wenn sie ihre Fesseln ablegt,
selbst zur Fessel einer größeren Freiheit.

 

Khalil Gibran

März 7

Die weiße Blume

In Vaters Garten heimlich steht
Ein Blümchen traurig und bleich;
Der Winter zieht fort, der Frühling weht,
Bleich Blümchen bleibt immer so bleich.
Die bleiche Blume schaut
Wie eine kranke Braut.

Zu mir bleich Blümchen leise spricht:
Lieb Brüderchen, pflücke mich!
Zu Blümchen sprech ich: Das tu ich nicht,
Ich pflücke nimmermehr dich;
Ich such mit Müh und Not
Die Blume purpurrot.

Bleich Blümchen spricht: Such hin, such her,
Bis an deinen kühlen Tod,
Du suchst umsonst, findst nimmermehr
Die Blume purpurrot;
Mich aber pflücken tu,
Ich bin so krank wie du.

So lispelt bleich Blümchen, und bittet sehr –
Da zag ich, und pflück ich es schnell.
Und plötzlich blutet mein Herze nicht mehr,
Mein inneres Auge wird hell.
In meine wunde Brust
Kommt stille Engellust.

 

Heinrich Heine

Februar 17

Fertig bin ich längst noch nicht

Vieles möchte, wenn ich mich nicht täusche,
Noch von meinem Mund besungen sein:
All die wortlos dröhnenden Geräusche,
Was im dunklen Erdreich höhlt den Stein,
Was im Rauch erahne ich allein.
Fertig bin ich längst noch nicht geworden
Mit der Glut, dem Wasser und der Luft…
Meine Träume öffnen mir die Pforten
Zu so vielen unbekannten Orten,
Wenn von fern der Morgenstern mich ruft.

Anna Achmatowa

Januar 10

Gegenende

Gegen Ende
dem Gleis entgegen
der Zug wartet nicht
das Signal auf Rot
das Gepäck zu schwer
verlorener Tage Worte
Kiesel am Wegesrand
Wolken aus Blei

Ein grauer Vogel schön
friedvoll & weich
das Genick ist gebrochen
schaut friedlich & sanft
die Angst überwunden
die uns noch gereicht
gegen Ende
nach dem Sturm

Gegen Ende
nach dem Sturm
in den Pfützen blinkt Eis
Schnee steht bevor
im Feld flieht ein Reh
im Wald bricht ein Ast
ein Rabe kräht
am Knick schnürt ein Fuchs

Gegen Ende der Schnee
eine Furche bricht auf
die Luft kalt & naß
von fern klopft ein Specht
das Gestern mein Schatten
die Erde gefror´n
eine Glocke ruft leis´
gebt acht – haltet Wacht

Kurt Pingler

Dezember 19

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

 

Georg Trakl

November 1

W. B.

 

Einmal dämmert Abend wieder,
Nacht fällt nieder von den Sternen,
Liegen wir gestreckte Glieder
In den Nähen, in den Fernen.

Aus den Dunkelheiten tönen
Sanfte kleine Melodeien.
Lauschen wir uns zu entwöhnen,
Lockern endlich wir die Reihen.

Ferne Stimmen, naher Kummer –:
Jene Stimmen jener Toten,
Die wir vorgeschickt als Boten
Uns zu leiten in den Schlummer.

 

Hannah Arendt

(im Gedenken an Walter Benjamin)