November 16

(literarische) Miniaturen

Grus Grus

Das Auto rumpelt über die Holzbohlen der alten Schwenkbrücke & das Tageslicht schwindet in die Dämmerung. Die Luft ist still & atmet Salzhauch & das Brackwasser des Boddens. Das Auto rollt auf einen Sandstreifen hinter der Brücke & vor dem Schilfgürtel bietet eine kleine sumpfige Wiese den Wartenden Platz. Gelegentlich lachen Möwen. Sonst ist es still bis auf das leise Gurgeln des Wassers an den Brückenpfeilern. Zwischen Tag & Nacht ist die Zeit ihrer Rückkehr. Steht der Wind günstig, kann man sie hören, lange bevor sie sichtbar werden. Doch heute tauchen sie lautlos auf. Die erste Gruppe löst sich aus dem Dunst & kommt in geringer Höhe auf uns zu. Einem schwerelosen Ballett gleich zieht die keilförmige Formation in unsere Richtung. Die synchronen Bewegungen ihrer Flügel erscheinen leicht, fast mühelos. Jetzt sind sie auch zu hören. Ihr Ruf hallt über den Bodden, & dann sind sie über uns, vielleicht fünfzig Meter hoch, langgestreckt die Hälse & Beine, die Flügel in gleichmäßig sanftem Schlag. Nach & nach werden weitere Formationen sichtbar. Immer zahlreicher ziehen sie über uns hinweg. Bald sind es so viele, daß sie in der Ferne noch wie ein einziger dichter Schwarm wirken & sich erst im Näherkommen in einzelne Keile auffächern. Sie lassen uns staunen; sie lassen uns weinen; sie ziehen, mythischen Boten gleich, durch die Jahrtausende. Wir können sie sehen, ihnen einen kurzen Augenblick nahe sein. & als sie vorübergezogen sind, bleiben wir allein mit unserer Sehnsucht.

Tubular Bells

Das einleitende 7/8 – Thema erklingt, als wir auf den kleinen Pfad zwischen den Reben einbiegen. Es ist vollständig dunkel hier, kein Mond, kein Leuchten. Nur der Lichtfinger der Scheinwerfer tastet die Rebstöcke ab. Ein Fuchs kreuzt den Weg, bleibt kurz stehen, & schaut ins Licht. Seine Augen funkeln unnatürlich groß. Als die Blockflöte einsetzt, trabt er gemächlichen Schrittes in den Weinberg. Nebelfetzen ziehen vom Rheintal hinauf, wischen durch den Lichtfinger. Als die ersten Häuser am Ortsrand auftauchen, beginnt das Hauptthema. Grand Piano. In der nahezu dunklen Ortsmitte huschen einige Katzen geduckt & flink ins Abseits, verschwinden in Scheunen & Gärten. Glockenspiel. Auf einer kleinen Anhöhe steht das Haus. Wir schalten den Motor aus, doch wir bleiben sitzen. Two slightly distorted Guitars. Der Chor plärrt aus dem Autoradio, seinem Zauber kann der Klang nichts anhaben. Dieses Jahr auf Platz 198, sagt Mathias Holtmann in die Nacht. Er sagt es leiser als sonst.

Die alte Dame

Die alte Dame tauchte plötzlich auf, niemand hatte sie zuvor gesehen. Sie war sehr alt & das Gehen fiel ihr schwer. Ein schwarzer hölzerner Krückstock gab ihr ein wenig Halt. Sie befand sich stets in Begleitung eines kleinen struppigen Hundes, der, nach Hundejahren betrachtet, genauso alt war wie sie. Eine dünne lederne Leine verband beide, doch diese Leine war lediglich das äußere Zeichen ihrer Verbundenheit. Der kleine struppige Hund ging immer genau einen Schritt vor ihr, alle paar Sekunden sah er sich um, & blickte zu ihr auf. Es sah aus, als wolle er sich versichern, daß die alte Dame noch bei ihm war. Auch dem Hündchen fiel das Gehen sichtlich schwer, es zog das linke Hinterbein ein wenig nach. Die alte Dame sah niemals auf, sie suchte keinen Kontakt mit den Menschen, die ihr & dem kleinen Hund entgegen kamen. Niemals sah man ihre Augen unter dem etwas fadenscheinig gewordenen Hut. Die Leute jedoch wichen den beiden aus, & oft schien es, als geschähe dies aus einer Art Ehrfurcht. Ihre Haltung hatte trotz der Beschwerden, die sie augenscheinlich quälten, etwas sehr Würdevolles. Zuweilen blieb sie unvermittelt stehen, um einen Augenblick auszuruhen, & im selben Augenblick tat dies auch das kleine struppige Hündchen. Dann sah es zu ihr empor, vielleicht einen Augenblick länger als sonst, & nach einigen Sekunden setzten sich beide im selben Moment wieder in Bewegung. Die Dame & das Hündchen schienen in den unzähligen Jahren ihres gemeinsamen Daseins einen inneren Gleichklang gefunden zu haben, in dem der eine ohne den anderen nicht mehr sein konnte. Der Anblick des Paares, denn so konnten die beiden durchaus genannt werden, rührte die Menschen. Befürchtungen wurden geäußert, was denn, im schlimmsten denkbaren Unglück, der eine ohne den anderen täte. Doch niemals wurde die alte Dame angesprochen, niemals wurde ihr Hilfe angeboten. Wahrscheinlich, so dachten die Menschen, hätte sie dies auch so freundlich wie entschieden zurückgewiesen. Etwa ein Jahr lang sahen wir die alte Dame & das kleine struppige Hündchen recht oft. Doch dann, von einem Tag auf den anderen, blieben sie verschwunden.
Das ist nun viele Jahre her, niemand weiß, was aus den beiden geworden ist. Doch ich muß oft an sie denken & dann scheint es, als ob aus der Erinnerung eine Liebe geworden ist.

Hamburg, Hammer Park, Novemberhimmel

Ivanhoe

Wenn die Zeit der fallenden Blätter anbricht, die Luft nach Rauch & nassem Laub riecht & der Wind beginnt, die Bäume kahl zu fegen, dann schlägt die Stunde der Drachen. Mein Vater baute die besten Drachen der Welt. Damals, als noch nicht alles aus dem gelieferten Karton herausgenommen & zusammengesteckt wurde, damals ging mein Vater los & kaufte Tapetenleisten & Glanzpapier. Zu Hause legte er Laubsäge, einen kleinen Bohrer, Leim & Bindfaden bereit & fing an, einen Drachen zu bauen. Er schien die Maße im Kopf zu haben, er brauchte keine Anleitung, hatte nichts notiert & ging mit der ihm eigenen langsamen Gründlichkeit, die stets etwas Pedantisches hatte, zu Werke. Die Länge der Querstrebe hatte in einem bestimmten Verhältnis zur Längsstrebe zu stehen, aus der sich sodann der Punkt ergab, an dem die Querleiste an der Längsstrebe befestigt werden mußte. Mein Vater ging sehr präzise vor. An den Enden der Leisten wurden kleine Löcher gebohrt, durch die der Bindfaden gezogen & verknotet wurde, sodaß er die vier Leistenenden verband. An ein Ende der Querleiste hatte er eine Kerbe gesägt. Vom anderen Ende der Querleiste führte ein Bindfaden zu dieser Kerbe, an dessen Ende mein Vater einen Knoten angebracht hatte. Der Faden war kürzer als die Leiste, sodaß sie mittels des Knotens, den man in die Kerbe einhängte, gespannt werden konnte. Dann legte er das Papier über das Gestell & achtete penibel darauf, daß es nicht zu fest & zu straff gezogen wurde, wenn er es verleimte. Dies, sagte er immer, sei ausschlaggebend für die Flugfähigkeit des Drachens. An das untere Ende kam ein Schwanz aus zusammengefalteten Papierstücken, die an einen weiteren Faden geknotet wurden. Sie sahen aus wie kleine bunte Fächer. Der Bau des Drachens dauerte zwei Tage. Dann wog mein Vater das auffallend leichte Fluggerät in der Hand & justierte, wenn es erforderlich war, noch einmal den Schwanz. Dann gingen wir Samstagnachmittag in den Park. Ich durfte den Drachen tragen, von meinem Vater argwöhnisch beobachtet, daß ich ihn ja nicht durch eine Unachtsamkeit beschädigte. Am Schnittpunkt der Leisten wurde eine Nylonschnur befestigt, die auf ein Spulbrett gewickelt war. Dann hielt ich den Drachen, während mein Vater die Schnur abwickelte, etwa 50 Meter. Dann schaute er, wie der Wind wehte, & auf ein Zeichen hin, gab ich dem Drachen einen Schubs nach oben, während mein Vater an der Schnur zog. Sofort drehte sich der Drachen in den Wind & stieg steil nach oben. Vater grinste, er hatte nichts anderes erwartet.

In diesen Jahren war der Park voll von Jungen & Vätern die Drachen steigen ließen. Doch unser Drachen flog auch dann, wenn die anderen nicht flogen, er stieg in große Höhen, denn die Schnur war 100 Meter lang & sehr leicht. Die Drachen, die mein Vater gebaut hatte, standen fest am Himmel, federleicht & perfekt ausbalanciert. Es war anrührend zu sehen, wie stolz mein Vater auf sein Werk war. & dann, wenn der Drachen am Himmel stand, durfte ich die Schnur halten. Ich dachte dabei an die Abenteuer des Ritters Ivanhoe, die mich damals begeisterten & die mir ebenfalls herbstlich gestimmt erschienen. Vater jedoch beobachtete seinen Drachen genau, sah, wie die anderen Drachen taumelten, abstürzten & sich nach zahlreichen Versuchen endlich in den Himmel quälten. Man konnte sehen, wie sehr er sich darüber freute.
Er hat nie viel gesprochen, aber diese Nachmittage im Park waren die wenigen Stunden, an denen ich sehen konnte, daß er glücklich war.

Schnee

Es hatte seit Tagen geschneit. Erst wurde es weiß, dann wurde es still. Der Schnee verwandelte Formen & Farben, überdeckte Autos & Sträucher, Schaltkästen & Poller, Gehwege & Fahrbahnen. Der Schnee schuf eine neue Landschaft aus Altbekanntem. Vielen Menschen fiel auf, daß nichts mehr zu hören war. Die Vögel hatten sich verkrochen oder um die Futterstellen im Park geschart. Es liefen keine Motoren mehr warm, das Autofahren war untersagt worden. Es gab Menschen, denen die Stille unheimlich war & schwer erträglich. Doch auch auf den notdürftig geräumten Fußwegen wurde das Fortkommen beschwerlich. Die Stadt erstarb unter einer dicken weißen Decke. Sie machten sich auf zu einem kleinen Ort nördlich der großen Stadt, die Bahnen fuhren ja noch, wenn auch – wetterbedingt – nicht regelmäßig. Als sie an ihrem Ziel ausstiegen hörten sie, daß dies der letzte Zug gewesen sei; weitere Fahrten würden eingestellt. Allein standen sie auf dem schlecht beleuchteten Bahnsteig. Sie wurden heute nicht abgeholt, das Fahren sei nun tatsächlich unmöglich geworden, hieß es. So machten sie sich auf, den Ort zu Fuß zu durchqueren. Als sie vor den Bahnhof traten, blickten sie auf eine weiße Wüste aus kleinen Hügeln, unter denen sich Autos befinden mußten, & große weiße Flächen, die im Licht der fahlen Straßenlaternen seltsam glitzerten. Sie suchten nach einem freigeschaufelten Weg, nach einer Möglichkeit, ihr Ziel halbwegs bequem zu erreichen. Doch mußten sie feststellen, daß es keinen Weg gab. Sie kämpften sich durch den Schnee, der stellenweise hüfthoch auf den Straßen lag. Nachdem sie einige Meter vorangekommen waren, sahen sie selbst aus wie Schneemänner, die sich mit grotesken Bewegungen durch ihr eigenes Element kämpften. Der Ort hatte sein Gesicht vollständig verändert, sie konnten sich nur noch an den Häusern orientieren. Sie benötigten zwei Stunden für eine Strecke, die an normalen Tagen in einer Viertelstunde zu bewältigen war. An ihrem Ziel angelangt, wurden sie gut vorbereitet empfangen. Heißes Wasser für ein Fußbad stand bereit & der Grog dampfte aus stabilen Henkelbechern. Sie waren so müde, daß sie nicht mehr sprechen konnten, & gingen, vom Grog & dem Fußbad wohlig erwärmt, sofort schlafen.
Am nächsten Morgen standen sie am Fenster & sahen in den Vorhang aus tanzenden weißen Flocken. Sie sahen sich an & lächelten.

Transistor

Meine erste Reise in die Welt hinaus verdankte ich einem kleinen schwarzen Kästchen. Mein Vater hatte es mir geschenkt. Er sagte, es gäbe viel zu entdecken dort draußen. Radiohören sei ein Spaziergang durch die Welt. Vielleicht war er es jedoch auch einfach leid, daß ich im Wohnzimmer saß & an dem großen alten Blaupunkt herumdrehte. Das hatte ein magisches Auge. So nannte man damals ein kleines rundes Leuchtfenster, in dem sich eine grüne Elektronenröhre befand, mit deren Hilfe die Feinabstimmung bei der Sendersuche erfolgte. Das Radio, natürlich ein Röhrengerät & vorne mit dickem Stoff bespannt, hatte einen schönen Klang & roch angenehm nach Holz. Erwärmten sich die Röhren, wurde der Geruch stärker. Ein großer schwerer Drehknopf diente der Suche nach Sendern, ein weiterer, auf der anderen Seite, der Lautstärkeregelung. Dazwischen befand sich eine Reihe großer Bakalittasten, über denen eine zweite Reihe wesentlich kleinerer Tasten angebracht war. Mit den großen wählte man einen Wellenbereich, oder schaltete den Plattenspieler frei. Die kleinen Tasten hingegen dienten der Klangeinstellung. Zwischen den beiden Drehknöpfen befand sich ein Sichtfeld mit seltsam anmutenden Namen wie Hilversum, Bruxelles, BBC, RIAS, Milano oder Strasbourg. Drehte man an dem Knopf für die Senderwahl, bewegte sich hinter dem matterleuchteten Sichtfenster ein großer senkrechter Zeiger, mit dem man die gewünschte Station anwählen konnte.
Das kleine schwarze Kästchen, das mir mein Vater dann schenkte, war ein Sechstransistor. So nannte man ein kleines handliches Radio, das nicht mehr mittels Röhren, sondern mit Transistoren betrieben wurde. Das waren kleine Schaltkreise, die nun dem Empfang der Radiowellen dienten. Oben war eine lange ausziehbare Antenne angebracht, um die Welt einzufangen. Es hatte zwei kleine Rädchen, von denen eines das An- & Ausschalten sowie die Lautstärkeregelung übernahm, das andere diente der Senderwahl. Mit einem kleinen Schieberegler wurde das benötigte Frequenzband gewählt. Das Radio hatte ein Plastikgehäuse & war bedauerlicherweise  geruchlos. Es hatte auch keinen guten Klang, sondern plärrte & quäkte vor sich hin. Es war kaum größer als eine Zigarettenschachtel & doch enthielt es für mich die gesamte, mir damals vorstellbare Welt. Oft suchte ich am Wochenende schon Morgens vor dem Aufstehen nach einer interessanten Sendung. Zumeist waren es Reiseberichte oder Beschreibungen anderer Länder & Städte. Auch entdeckte ich gerne Musik, die ich noch nicht kannte, oder lauschte gespannt einem Hörspiel. Nie hat mich mein Vater dabei gestört. Er blickte mit einem feinen Lächeln auf seinen Sohn, der damals anfing, die Welt zu erkunden.

Im Schwarzwald

Am Saum

Ein Saum trennt uns von der Welt selbst dann, wenn wir uns in ihr bewegen. Er hatte dies mehrfach betont, doch niemand von denen, die es hörten, konnte so recht etwas damit anfangen. Als sicheres Zeichen dafür empfand er das Ausbleiben von Nachfragen, denn er war der Auffassung, daß dieser seltsame Satz, schon von der Wortwahl her, nicht so eindeutig war, wie er sich anhörte. Vermutlich dachten Einige über den Satz nach, er spürte dies, wenn sie nicht sogleich das Thema wechselten, sondern eine Pause entstand. Der Satz war ihm eines Tages in den Kopf gekommen, ohne daß er sich weiter darum bemüht hätte. Die Klarheit, mit der dies geschah, duldete kein weiteres Nachdenken. Er hatte gelernt, daß derartige Sätze – er verfügte über einen stattlichen Vorrat davon – sein Gegenüber befremdeten. Erst einmal hatte er erlebt, daß ein Freund von ihm ein ehrliches Interesse an diesen Sätzen zeigte. Er nahm sie zum Anlaß eines kleinen philosophischen Disputes, oder vergewisserte sich ihres Inhalts, um sie sich zu eigen zu machen.
Gelegentlich hatte er den Irrtum aufzuklären, nicht über einen längeren Zeitraum an einer gewissen Formulierung herumgedacht zu haben. Zuweilen erschienen ihm diese Sätze jedoch selbst derart endgültig, daß er sich fragte, ob sein Gehirn, quasi in seiner Abwesenheit, Überlegungen anstellte, deren Sinn vielen Menschen verborgen blieb. Er wußte es nicht. Ihm erschienen diese Sätze als die Zusammenfassung von Erlebtem, Sichtbarem & hatten in ihrer Zwangsläufigkeit stets etwas Endgültiges. Scheinbar war es das, was die meisten Menschen abstieß. Sie wollten sich nicht von den Worten durchschaut & zu etwas verurteilt sehen, das ihnen selbst bislang verborgen geblieben war. Irgendwann hatte er verstanden, daß es so sein mußte.

Hiddensee

Der Strand ist menschenleer. Das Meer ungewöhnlich ruhig. Nur gelegentlich gluckst das Wasser um einen großen Stein herum. Im fahlen Licht des sonnenlosen Tages verschwimmen die Stunden. Die Zeit dehnt sich. Der Horizont scheint sich aufgelöst zu haben. Das bleierne Grau des Himmels verschmilzt mit dem gleichfarbigen Meer in unbestimmter Ferne. Das Gras in den flachen Dünen steht bewegungslos. Vogelrufe erklingen leise aus unsichtbaren Schnäbeln. Im Ungefähren rufen Möwen. Die Luft riecht nach Salz & Tang. Die Spuren im Sand sind verweht. Treibholz, von Sonne & Salz gebleicht, nun vom Meer am Strand vergessen. Die Szenerie gleicht einem monochromen Gewölbe. Die Landschaft hinter dem Dünenstreifen läßt im zunehmenden Dunst Kiefern erahnen. Das Diffuse wird unterbrochen durch ein gleichmäßiges Blinken. Für einen Augenblick fährt ein Lichtstrahl durch den Dunst & verliert sich im Meer. Vielleicht 500 Meter weiter steht hinter dem Dünenstreifen das Leuchtfeuer Gellen, ein kleiner gedrungener Leuchtturm. Der Sockel ist mit weißen Blechplatten verschalt. Das Gehäuse des Leuchtfeuers, sowie die umlaufende Galerie tragen Rot. Ein dunkles Spitzdach beschließt das Türmchen. Wir setzen uns an den kleinen Dünenabhang & schauen auf´s Meer. Aus dem weiten Grau ertönt von irgendwoher ein Nebelhorn. Das Licht des verhangenen Tages wird schwächer. Wir folgen dem geraden Weg zurück hinter dem langgestreckten schmalen Kiefernwäldchen. Als wir in Neuendorf ankommen, ist es dunkel. Doch in der Boje brennt noch Licht.

Die Taube 

Eines Abends warf er die Fesseln ab, die ihn zu lange gebunden hatten. Sie waren durch die Stadt im Badischen gelaufen, die ihm so fremd wie verlockend erschien. Schnell hatte sich ein Gefühl der Vertrautheit eingestellt, sodaß die Melancholie, die ihn sonst umschattete, einer unbekannten Euphorie gewichen war. Er spürte, daß sich seine Seele aus traurigen Erinnerungen befreite & den Weg vor ihm beleuchtete. Überhaupt erschien ihm in diesen Tagen kein Bild zu kitschig, um seine Gefühle zu beschreiben. Im Schloßgarten saßen sie auf einer Wiese, als die Sonne hinter der Orangerie versank & den Himmel in ein tiefrotes Abendlicht tauchte. Ein kühler Wind kam auf & vertrieb die Wärme eines sonnigen Maitages. Sie machten sich auf den Weg in die kleine Parterrewohnung, die sie seit ein paar Monaten bewohnte. Nach wenigen Stationen hielt die Tram fast vor ihrer Hautür. Bunt bedruckte Tücher bedeckten die Wände & einige wenige Sitzgelegenheiten. In der Ecke am Fenster stand eine Stereoanlage neben einer großen Kiste mit Langspielplatten. Es roch ein wenig nach Patchouli  & Zitronengras. Sie ging in die Küche, um eine Flasche Rotwein zu öffnen, während er die Plattenkiste durchstöberte. Zwischen Liedermachern & Folk, sowie einigen Klassikaufnahmen stieß er auf eine Platte, die er sofort herausnahm. Als er sie ansah, wurde ihm bewußt, wie lange er sie nicht mehr gehört hatte. Er liebte diese Platte & ihm war klar, daß er jede Zeile, jede harmonische Wendung, ja auch das kleinste aufnahmetechnische Detail jederzeit kennen würde, so vertraut war er mit der Musik. Als sie mit dem Rotwein ins Zimmer kam, fragte er, ob er die Platte auflegen könne. Sie bemerkte sein Strahlen & lächelte. Diese Platte, sagte sie, sei etwas besonderes. Als sie unter dem Hochbett zwischen den großen weichen Kissen saßen, fühlte er sich wie ein Korken, der über den Ozean tanzte, dem die Wellen nichts anhaben konnten & dem es gleichgültig war, wie tief das Meer unter ihm sein mochte. Zusammen seien sie, so stellte er sich vor, wie bunte Herbstblätter, die davonwehten.
& das alles würde so sein, bis ans Ende ihrer Tage.
Als sie am nächsten Morgen das Hochbett verließen, & den Vorhang sowie das Fenster öffneten, lag auf dem Sims eine tote Taube.

Dieser Text enthält einige frei übersetzte Fragmente aus THE BEACH BOYS / SURF´ S  UP

Herrn Wilson´s Klavier

Herr Wilson ist mittelgroß & ein wenig korpulent. Er bewegt sich tapsig & unbeholfen. Seine Haare sind grau & eigentlich sieht er aus wie ein müder alter Reifenverkäufer irgendwo in der Provinz. Herr Wilson ist zuweilen desorientiert & ungeheuer vergeßlich. Das kommt von den vielen Drogen, den Psychopharmaka & den Antidepressiva. Wenn er spricht, so hört es sich an, als versuchte ein Auto mit fast leerer Batterie endlich doch noch anzuspringen. Es ist nicht besonders freundlich, das alles über ihn sagen zu müssen. Doch so ist es nunmal & ich darf das sagen, denn ich bin sein Freund. & wahrscheinlich der einzige, den er hat. Gewiß, viele Bewunderer laufen ihm hinterher, geben sich Mühe, einen kleinen Zipfel seiner Genialität zu erhaschen. Zumeist natürlich vergeblich. Doch gab es allerdings auch diesen seltsamen Herrn aus dem Süden mit dem merkwürdigen Namen. Ich weiß noch, die beiden verstanden sich sehr gut. Seine alten Kumpel hingegen haben sich abgewandt. Tingeln durch die Lande & verdienen viel Geld mit dem, was sie ihm gestohlen haben. Einer nur ist geblieben, wollte dieses miese Spiel nicht mitmachen. Die anderen haben ihn nie verstanden, haben ihn abwechselnd ausgelacht oder angeschrien. Dabei hatte er sie zu dem gemacht, was sie nun waren. Oder dachten, daß sie es wären. Ohne ihn. Irgendwann hatte er resigniert, da war er von den Drogen bereits zu den Psychopharmaka übergegangen. Mich hatte er damals auf einen Haufen Sand in seinem Wohnzimmer gestellt. Er dachte, das würde ihm helfen bei seiner Arbeit. Dabei war er längst weiter. & als er das verstanden hatte, wollten die anderen am liebsten nichts mehr mit ihm zu tun haben, wollten, daß alles so bliebe, wie es immer war. Seine Brüder starben irgendwann, der eine blieb im Meer, & Herr Wilson empfand das als besonders zynisch, weil gerade er das Meer so geliebt hatte. Den Jüngsten holte einige Jahre später der Krebs.
Wenn wir allein sind, Herr Wilson & ich, an ruhigen Abenden, an denen ein freundlicher sanfter Seewind durch die Hügel streift, da gibt es sie noch, diese magischen Momente, diese Augenblicke, in denen Zeit stillsteht & die Ewigkeit vorbeischaut. Dann wissen wir, daß all diese häßlichen Dinge scheinbar notwendig waren, denn nichts ist umsonst. & dann lächelt Herr Wilson.

 

Die Miniaturen werden an dieser Stelle fortgesetzt.
K.S.