Oktober 25

Das Narrenschiff

Das Quecksilber fällt, die Zeichen stehen auf Sturm,
Nur blödes Kichern und Keifen vom Kommandoturm
Und ein dumpfes Mahlen grollt aus der Maschine.
Und rollen und Stampfen und schwere See,
Die Bordkapelle spielt „Humbatäterä“,
Und ein irres Lachen dringt aus der Latrine.

Die Ladung ist faul, die Papiere fingiert,
Die Lenzpumpen leck und die Schotten blockiert,
Die Luken weit offen und alle Alarmglocken läuten.
Die Seen schlagen mannshoch in den Laderaum
Und Elmsfeuer züngeln vom Ladebaum,
Doch keiner an Bord vermag die Zeichen zu deuten!

Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
Der Funker zu feig‘ um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs auf‘s Riff.

Am Horizont wetterleuchten die Zeichen der Zeit
Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit.
Auf der Brücke tummeln sich Tölpel und Einfaltspinsel.
Im Trüben fischt der scharfgezahnte Hai,
Bringt seinen Fang ins Trockne, an der Steuer vorbei,
Auf die Sandbank, bei der wohlbekannten Schatzinsel.

Die andern Geldwäscher und Zuhälter, die warten schon,
Bordellkönig, Spielautomatenbaron,
Im hellen Licht, niemand muß sich im Dunkeln rumdrücken
In der Bananenrepublik, wo selbst der Präsident
Die Scham verloren hat und keine Skrupel kennt,
Sich mit dem Steuerdieb im Gefolge zu schmücken.

Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
Der Funker zu feig‘ um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs auf‘s Riff.

Man hat sich glatt gemacht, man hat sich arrangiert.
All die hohen Ideale sind havariert,
Und der große Rebell, der nicht müd‘ wurde zu streiten,
Mutiert zu einem servilen, gift‘gen Gnom
Und singt lammfromm vor dem schlimmen alten Mann in Rom
Seine Lieder, fürwahr: Es ändern sich die Zeiten!

Einst junge Wilde sind gefügig, fromm und zahm,
Gekauft, narkotisiert und flügellahm,
Tauschen Samtpfötchen für die einst so scharfen Klauen.
Und eitle Greise präsentier‘n sich keck
Mit immer viel zu jungen Frauen auf dem Oberdeck,
Die ihre schlaffen Glieder wärmen und ihnen das Essen vorkauen.

Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
Der Funker zu feig‘ um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs auf‘s Riff.

Sie rüsten gegen den Feind, doch der Feind ist längst hier.
Er hat die Hand an deiner Gurgel, er steht hinter dir.
Im Schutz der Paragraphen mischt er die gezinkten Karten.
Jeder kann es sehen, aber alle sehen weg,
Und der Dunkelmann kommt aus seinem Versteck
Und dealt unter aller Augen vor dem Kindergarten.

Der Ausguck ruft vom höchsten Mast: Endzeit in Sicht!
Doch sie sind wie versteinert und sie hören ihn nicht.
Sie zieh‘n wie Lemminge in willenlosen Horden.
Es ist, als hätten alle den Verstand verlor‘n,
Sich zum Niedergang und zum Verfall verschwor‘n,
Und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.

Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
Der Funker zu feig‘ um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs auf‘s Riff.

Reinhard Mey

Oktober 22

Krumme Gestalten, vom Wind gebissen *

. . . der S. Fischer Verlag trennt sich von Monika Maron – ein offener Brief:

Klaus Scholz
Hamburg

An den
S. Fischer Verlag
Hedderichstraße 114
60596 Frankfurt am Main
Z. Hd. Frau Siv Bublitz

Sehr geehrte Frau Bublitz,

Ihr Haus hat es für richtig befunden, die Zusammenarbeit mit Monika Maron zu beenden.
Sie werfen Ihr eine Zusammenarbeit mit dem Buchhaus Loschwitz sowie indirekt mit dem Antaios Verlag vor. Diese Zusammenarbeit sei mit dem Publizieren beim S. Fischer Verlag unvereinbar. In der frühen Adenauer – Ära, sowie später in den siebziger Jahren während der schlimmsten Auswirkungen des sog. Radikalenerlasses, existierte der Begriff der Kontaktschuld, der auch den beiden Diktaturen auf deutschem Boden nicht fremd war. Wer als „politisch unzuverlässig“ galt, hatte persönliche & berufliche Nachteile zu befürchten. Diese Kontaktschuld wenden Sie bzw. Ihr Verlag nun auf eine Autorin an, die in der DDR gelebt hat & deswegen mit der Unbotmäßigkeit abweichender Meinungen bestens vertraut ist. Der offensichtliche Zynismus dieser Koinzidenz mag auch Ihnen möglicherweise nicht verborgen bleiben.

Frau Maron hat in der Edition Loschwitz einen Band mit Essays veröffentlicht, die u.a. die zunehmende geistige Enge & die exclusive linke Diskurshoheit in diesem Lande thematisieren. Für deren Inhalt hat der S. Fischer Verlag mit der Trennung von der Autorin, vor allem jedoch mit Ihrer expliziten Begründung derselben eine umfängliche Bestätigung nachgereicht.
In gewisser Weise ist Ihrem Verlag für diese Entscheidung zu danken, kann sie doch fortan als ein weiterer Beleg dafür angeführt werden, was in diesem Land von wem noch angstfrei gesagt & geschrieben werden darf, oder eben auch nicht, da massive Einschnitte in die soziale & materielle Existenz zu befürchten sind.

Eine Zensur findet nicht statt (GG, Art 5). Das ist richtig; es gibt keine Zensurbehörde & auch die Justiz verteidigt zumeist in sehr klarer Sprache das Recht auf freie Meinungsäußerung. Was es gibt, ist allerdings weit schlimmer & gefährlicher: es gibt ein Klima sich ständig weiter ausbreitender Angst, dem, was von einer verschwindend kleinen Minderheit als „politisch korrekt“ vorgegeben, & dem politisch – medialen Komplex zu eifriger Exekution hingeworfen wird, zu widersprechen. Laut einer repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts IfD in Allensbach sind 65% der Befragten der Meinung, in diesem Lande besser zu „bestimmten“ Themen zu schweigen, weil sie sonst persönliche Nachteile befürchten. Das IfD sah sich daraufhin in der ZEIT dem Vorwurf ausgesetzt, „rechte Klischees“ zu bedienen. Das spricht für sich. Daß der Verlag von Thomas Mann, Hermann Hesse, Arthur Schnitzler & Sigmund Freud sich an der unseligen Cancel Culture, der Entsorgung des Unangepaßten & Unerwünschten beteiligt, ist ein Zeichen demokratischer & geistiger Regression. Ein Nachschlagen bei Ihrem Autor Sigmund Freud lohnt sich.

Selbstverständlich ist Ihnen klar, daß Monika Maron nach dem Rauswurf durch Ihr Haus in keinem anderen renommierten Verlag ein Unterkommen finden wird, da niemand bereit sein dürfte, sich dem Haß der Twitter – Gestapo auszusetzen.
Vielleicht herrscht ja auch mehr oder weniger unterdrückte Freude in einer Szene, in der sich die Sprecherin der Jury des Deutschen Buchpreises, Frau Hanna Engelmeier, bei der diesjährigen Preisverleihung in einem T – Shirt zeigte, auf dem das linksradikale Antifa – Logo zu sehen war. Die Träger dieses Logos in Connewitz, Kreuzberg & anderswo werden dieses deutliche Signal ihrer Aufwertung zu würdigen & zu nutzen wissen.

Schön, auch das als eine inhaltliche Bestätigung der Maron – Essays werten zu dürfen.

Mit freundlichem Gruß

Klaus Scholz

P.S. dieser Brief wird auf meinem Blog der Argonaut veröffentlicht.

* Krumme Gestalten, vom Wind gebissen ist der Titel des bei der Edition Loschwitz veröffentlichten Essay – Bandes von Monika Maron

Oktober 4

Totentanz


Sie brauchen kein Tanz-Orchester;
sie hören in sich ein Geheule
als wären sie Eulennester.
Ihr Ängsten näßt wie eine Beule,
und der Vorgeruch ihrer Fäule
ist noch ihr bester Geruch.



Sie fassen den Tänzer fester,
den rippenbetreßten Tänzer,
den Galan, den echten Ergänzer
zu einem ganzen Paar.
Und er lockert der Ordensschwester
über
dem Haar das Tuch;
sie tanzen ja unter Gleichen.
Und er zieht der wachslichtbleichen
leise die Lesezeichen
aus ihrem Stunden-Buch.



Bald wird ihnen allen zu heiß,
sie sind zu reich gekleidet;
beißender Schweiß verleidet
ihnen Stirne und Steiß
und Schauben und Hauben und Steine;
sie wünschen, sie wären nackt
wie ein Kind, ein Verrückter und Eine

die tanzen noch immer im Takt.

Rainer Maria Rilke