September 28

Mein Lieben ist wie Fieber . . .

Shakespeare – Sonette; ein Ballettabend

Das Hamburger Publikum, besonders jenes, das sich für kunstsinnig hält, neigt im Einzelfall durchaus schon mal zur Extase. Wen es ins Herz geschlossen hat, verehrt es abgöttisch. Dazu gehört ohne Frage der Ballettintendant John Neumeier, nunmehr 80 – jährig & offenbar umtriebig wie stets. Daß er sich, trotz gelegentlicher Kritik auch auf diesen Seiten, jede Form von Zuneigung redlich & gewissenhaft verdient hat, steht  hingegen genauso außer Frage, wie seine überragende, nahezu singuläre künstlerische Lebensleistung. 

Was allerdings geschieht, wenn ein Ballettabend nicht von ihm, sondern von dreien seiner jungen Tänzer choreographiert wird, war an einem Septembersamstag in der Staatsoper zu besichtigen. Im hinteren Parkett waren erschreckend viele Plätze unbesetzt. Das gleiche traurige Bild bot sich in den Logen, von denen viele leer blieben. Derartiges ist im in der Regel ganz oder nahezu ausverkauften Haus ein Novum. Aber ein altbekanntes Problem des Hamburger Kulturbetriebs ist es nunmal, daß der Name zählt, & weniger der Inhalt. Neugierig ist man eher auf das ohnehin Gewohnte. 

Edvin Revazov, erster Solist des Hamburg Ballett, sowie die Solisten Alex Martinez & Mark Jubete hatten sich nichts weniger vorgenommen, als Sonette von William Shakespeare auf die Bühne zu bringen. Oder das, was diese im Jahre 1609 erstmals veröffentlichten 154 Gedichte in ihnen ausgelöst haben. Während sich Mark Jubete Gedanken über die Ursache von Leid & Elend in den Sonetten macht & über die zwischenmenschlichen Probleme nachdenkt, die es hervorruft, denkt Aleix Martinez über die Schönheit nach, die als äußerer Schein die innere Leere verbirgt. Edvin Revazov interessiert sich für die Zeit, in der die Sonette geschrieben wurden, besonders vor dem Hintergrund von Theorien, daß sie gar nicht von Shakespeare selbst, sondern von mehreren, unbekannten Autoren stammen könnten. Schon anhand dieser unterschiedlichen Herangehens- & Sichtweisen wird klar, wie schwierig es gewesen sein dürfte, zu einer gemeinsamen, in sich schlüssigen Aufführung zu gelangen. Die Aneinanderfügung unterschiedlicher Choreographien geschieht keinesfalls bruchlos, & doch ist deutlich spürbar, daß sich die verschiedenen Sichtweisen der jungen Choreographen auf beeindruckende Weise nicht nur aneinander, sondern auch ineinander fügen, daß dem Zuschauer glücklicherweise zugemutet wird, das Verbindende zu erfassen & emotional für sich zu gestalten. Die Musik – insgesamt werden Werke von dreizehn Komponisten gespielt – reicht von Minimal Music über polymetrische Rockmusik bis zu Jordi Savall & John Dowland. Es ist klar, daß diese musikalische & akustische Vielfalt vom Band kommt & nicht live dargeboten werden kann. 

Yaiza Coll, Lizhang Wang, Photo: Kiran West

Da die Shakespeare Sonette kein Handlungsballett darstellen, sondern Ausdruck innerer Eindrücke & Assoziationen der drei Choreographen sind, bleibt es dem Zuschauer überlassen, das, was er auf der Bühne sieht, mit seinen eigenen inneren Bildern & Vorstellungen abzugleichen, bzw. sich seine eigenen Assoziationen zu erschaffen. Die Empfindungen & Zusammenhänge, die im Kopf entstehen, sind folglich höchst subjektiv & individuell, beruhen auf den Wahrnehmungen & Lebenserfahrungen der Zuschauer, & das ist kein Nachteil, denn es kann nur das Ziel der Choreographen sein, dies nicht nur zuzulassen, sondern mit ihrer Arbeit explizit anzuregen & einzufordern. Das ist auf eindrucksvolle Art & Weise gelungen. 

Die Bilder, die Revazov, Martinez & Jubete erschaffen haben, erzeugen Eindrücke von emotionaler Wucht & Tiefe, changieren auf höchst poetische Weise zwischen verstörender Härte, besonders in den Fabrikszenen, & feinster Innigkeit, wie in den Pas de Deux eingangs & im deutlich ruhigeren zweiten Teil, wobei sich die Tänzer auf eine intime Innerlichkeit einzulassen haben. Auch diese z.T. schroffen Wechsel emotionalen Ausdrucks & Erlebens gelingen dem wunderbaren Ensemble fein abgestuft & mit sichtbarer Hingabe. Daran ändern auch kleine, noch unpräzise Details im Forced March, dem dritten Bild des ersten Teils, rein gar nichts. Das hohe Niveau der überwiegend sehr jungen Tänzer ist beeindruckend.  

Eingangs bewegt sich ein „weißes“ Paar zuerst einzeln & zögerlich, dann immer enger umeinander herum, bis es zu einem intimen Pas de Deux findet, wobei – & das ist das Beeindruckende an diesem von Mark Jubete choreographierten Bild – stets eine letzte kleine Distanz zwischen beiden spürbar bleibt, sie bleiben am Ende allein mit sich selbst & stellen den Zweifel sowie das Alleinsein, das Alleingelassensein, das in den Sonetten so oft durchscheint, als Liebeszweifel, als den vergeblichen Versuch, sich auf den anderen letztendlich einlassen zu können, sich in letzter Konsequenz hinzugeben, dar. 

. . . Vergaß ich, da es mir fehlt am rechten Glauben,
Den vollen Text der Liebesfestandacht.
Scheint meiner Liebe selbst die Kraft zu rauben,
Zu schwer trag´ ich an meiner Liebe Last. . . .

. . . so heißt es im Sonett Nr. 23, von Yaiza Coll & Lizhang Wang mit beeindruckender tänzerischer & emotionaler Intensität getanzt.

Sylvia Azzoni (2. v.l.), Lloyd Riggins (3.v.l.), Patricia Friza (rechts vorne), Ensemble, Photo: Kiran West

Da die Sonette kein Handlungsballett sind, haben die Choreographen folgerichtig darauf verzichtet, den Figuren Namen zu geben. Durch diese Anonymisierung schaffen sie Raum für das Auftreten ihrer Tänzer als Traum- , Wunsch-, oder Sinnbilder, als poetische Inkarnationen. Der Vorhang, der die beiden Liebenden, denen wir eben zugeschaut haben, von der Welt, aus der sie kommen – oder in die sie nun gerade erst gehen – getrennt hat, hebt sich & gibt den Blick frei auf die Maschinerie einer Menschenfabrik. Menschliche Werkstücke hängen von der Decke herab, Arbeiter schaffen ständig neue, tragen Teile hin & her & in rollbaren gläsernen Schaukästen sind Musterstücke zu besichtigen. Die Liebenden durchtanzen diese Szenerie, bis sie Einlass in einen der Schaukästen finden. Sind sie selbst nicht auch nur das Musterstück eines liebenden Paares? & wer ist der kleine Junge, der durch die Bilder streift, losgelöst, nahezu teilnahmslos. Durch die Szenerie bewegt sich ein Arbeiter eher ziellos, zweifelnd; zaudernd bleibt er stehen, seine wenigen Bewegungen sind langsam & unsicher. Lloyd Riggins, dieser großartige Tänzer, nun ein Meister der Andeutung, der kleinen sparsamen, doch umso bewußteren Gesten, der zu zweifeln scheint an dem, was er sieht, dessen Teil er im Innern nicht ist. Oder eine junge Frau, energisch, zielgerichtet, fast wild scheint sie eine herausgehobene Position unter den Arbeitern einzunehmen. Patricia Friza tanzt sie  energiegeladen & doch zerbrechlich, gefährdet, ahnungsvoll. Für mich ist dieses Bild, Fabrik 1, das zentrale Stück des ersten Teils, von Aleix Martinez phantasievoll, vielschichtig & voll dunkler, abseitiger Poesie gestaltet. Die Musterstücke, Frauen in rosa Kleidern, weiß maskiert, eine fängt an sich zu bewegen, . . . I wanna be loved by you . . . & das Musterstück ahmt menschliche Bewegungen nach, ruckhaft & parodistisch, Sylvia Azzoni ist in dieser Maske nicht zu erkennen. Die ganze abgründige Tiefe der menschlichen Existenz, ihre emotionalen Verwerfungen, ihr Streben & Wollen, letztlich ihr Scheitern ist auf dieses Bild übertragen. So wie die großen Maler der niederländischen Spätrenaissance, die in ihren Bildern mittels einer metaphorisch – apokalyptischen Komik ihren Zeitgenossen den Spiegel vorhielten, so zeigt sich auch Shakespeare in seinen Sonetten mit den Abgründen der menschlichen emotionalen Existenz vertraut. Die Besucher blicken beim Betreten des Saals – ahnungsvoll – auf eine Spiegelwand. Martinez hat verstanden, daß Shakespeare, wie alle großen Dichter, die Liebe als den Brennpunkt aller menschlichen Sehnsüchte & Leidenschaften, alles Strebens, Wollens & Scheiterns begriffen hat. 

Ist die Rückverwandlung des Menschen, des Schmetterlings, in den Zustand der Verpuppung die Reinkarnation in die vorgeburtliche Unschuld als Ausdruck des Reinen, Unwiderlegbaren in der Liebe? In dem stillen poetischen Bild, das Revazov findet, um diesen Zustand zu beschreiben, & das von Olivia Betteridge & Florian Pohl sehr berührend als Pas de Deux getanzt wird, will es so scheinen, denn hier erscheint die letzte Distanz zwischen den Figuren erstmals vollkommen aufgehoben. 

 . . . Mein Lieben ist wie Fieber: es begehrt
Nach dem wodurch die Krankheit noch mehr schwillt
Nährt das noch mehr, was mich so stark verzerrt,
Damit der kranke Appetit gestillt.  . . .

. . . lautet ein Vers aus dem Sonett Nr. 147, & schon wird die Idylle beendet, bricht die Gewalt über die Unschuld herein, Vogelmenschen treten auf, unheimlich anzusehen, oder sind es nicht vielmehr Pestärzte, die durchs Land ziehen, mit riesigen Schritten die Weite durchmessen & die Kranken von den Gesunden scheiden. Shakespeare´s Zeit war von schweren Pestepidemien erfüllt & die Pestärzte trugen mit Kräutern gefüllte Schnabelmasken, die sie vor Ansteckung schützen sollten. Unser Lieben ist endlich, muß endlich sein & es ist schwer, diese Obszönität zu ertragen. Revazov hat ein tiefes poetisches Verständnis für die Dualität des Lebens & des Leidens. 

Ensemble, Photo: Kiran West

Der zweite Teil ist weitgehend geprägt von der Suche des Einsamen nach Verstehen, & nach dem Verständnis von dem, was er oder sie sich unter Erfüllung, unter Liebe vorstellt & gleichzeitig vom Eingeständnis der Unerfüllbarkeit, der Erfolglosigkeit allen menschlichen Strebens & Sehnens. In der Menschenfabrik brechen die Schranken zwischen den Musterstücken in den Glasvitrinen & den Begehrenden außerhalb auf, die Bewegungen sind langsam, zögerlich, unsicher. Lloyd Riggins sucht vergeblich, in stiller einsamer Verzweiflung, die Nähe menschlicher Wesen, in einem Bild zusammen mit Viktoria Bodahl, als Schatten gedoppelt von Yaiza Coll & Lizhang Wang. & immer wieder Florian Pohl, zusammen mit Anna Laudere im Pas de Deux, in dem die Vergeblichkeit des Liebeswunsches beiden zu noch intensiverem emotionalen Ausdruck verhilft, denn über all dem liegt stets der Schatten der Hoffnungslosigkeit. Die großartige Patricia Friza kann nicht einsehen, will sich nicht fügen in diese Vergeblichkeit. Ihre Bewegungen werden schneller & ausgreifender, je mehr ihr dies bewußt wird. 

In einem grandiosen Schlußbild vereinen sich schließlich alle zur elegischen Musik von Jordi Savall zu einer menschlichen Pyramide, zu einem letzten verzweifelten Versuch, nun dem Himmel doch noch zu entreißen, was er ihnen freiwillig nicht zu geben vermag.

Ein in jeder Hinsicht bewegender, erschütternder Abend, ein Glücksfall für diese Companie.

Die jungen Choreographen erliegen glücklicherweise nicht der Versuchung, sich auf die Tanz- & Bewegungsmuster ihres Mentors zu beziehen, sie suchen konsequent nach ihrem eigenen Ausdruck. Es gelingen Bilder von teils verstörender poetischer & dramatischer Wucht, gleichzeitig aber auch Momente großer intimer Innerlichkeit. Es ist gelungen, den Sinn, die innere Bedeutung & Aussage der Sonette zu erfassen & poetisch konsequent umzusetzen. Die Spanne der zeitgeschichtlichen Bezüge reicht von der Spätrenaissance bis in die heutige Verirrung der technischen Hybris, der Erschaffung human – technologischer Hybride. 

Der Mut zu dieser Aufführung könnte ein Aufbruch in die Moderne des zuweilen doch etwas angestaubt wirkenden Spielplans sein, das sei allen Beteiligten zu wünschen. Uns bleibt an dieser Stelle nur der große Dank für einen wunderbaren Ballettabend, bei dem allen Beteiligten die zahlreichen leeren Plätze herzlich egal sein sollten. Das Neue hat stets seine Feinde, & das vorgeblich Bewährte schafft eine lediglich trügerische Ruhe. Kunst kann niemals Stillstand sein, sie hat zu suchen, zu forschen & sich selbst zu finden. Das ist an diesem Abend auf exemplarische Weise gelungen.

 

Danksagung:

Ich danke Lisa Zillessen von der Pressestelle des Hamburg Balletts für die Erlaubnis, die Aufführungsphotos von Kiran West für diesen Beitrag verwenden zu dürfen.

September 20

Ein badischer Abend

. . . Markgräfler Reminiszenzen . . .

Augenblicke, in denen sich das scheinbar Banale zum Außergewöhnlichen wandelt, sind zumeist eine sehr persönliche & individuelle Erfahrung. Sie sind eher emotionaler Natur, gewachsen aus dem Erleben, der Erinnerung, vor allem jedoch aus dem Umstand, daß sie uns in der Tiefe unserer Erfahrungen, unserer Wünsche & der Verluste, die wir im Leben erleiden müssen, berühren. Wenn dies geschieht, werden diese Augenblicke zu unvergeßlichen Momenten, zu Bildern, die uns lebenslang begleiten & die wir vermissen, wenn wir sie lediglich noch in uns selbst oder anhand alter Photographien aufsuchen können. Dies ist der Grund für ein Gefühl, das wir als Sehnsucht kennen. Sie wird uns stets zurückführen an die Orte & zu den Menschen, die dieses Gefühl einst begründeten. Gehen hingegen die Orte, die Menschen oder die reale Entsprechung verloren, bleibt also lediglich noch die Erinnerung, oder ist uns eine Rückkehr aus anderen Gründen verwehrt, empfinden wir Trauer. Doch das, was wir unauslöschlich in uns tragen, gibt uns auch Kraft & Halt. 

Im Oktober beginnen die Tage des gebrochenen Lichtes. Oft hat die Sonne sich am frühen Vormittag durch den Hochnebel, der sich zwischen Schwarzwald & Rheinebene zuweilen hartnäckig hält, mühsam hindurch gekämpft, ohne allerdings den Dunst vollständig zu besiegen. Das Licht bleibt dann seltsam diffus, & eine ungewohnte Ruhe scheint trotz der allgemeinen Geschäftigkeit über dem Land zu liegen. Wer aus einer norddeutschen Großstadt kommt, dem gehen die Uhren hier seit jeher langsamer, die Menschen bewegen sich anders, die Zeit scheint mehr Geduld mit ihnen zu haben & was geschieht, das geschieht zumeist auf eine sanftere Art. 

Mittags, kurz bevor der große bunte Markt auf dem Freiburger Münsterplatz schließt & nur noch den Maronenröster mit seinem Handwagen vor dem Kirchenportal neben dem Georgsbrunnen & den Imbißstand an der Nordseite des Münsters zurückläßt, & der mit seiner Langen Roten auch nach Marktschluß noch Konjunktur hat, zieht sich der leichte Dunst für eine Stunde zurück. Die Sonne wärmt auch Mitte Oktober noch die Einheimischen & ihre Gäste, die zumeist daran zu erkennen sind, daß sie auf dickere Jacken noch weitgehend verzichten.

Der große Münsterplatz wird an der Südseite des Münsters rechterhand von einer historischen Häuserzeile, zu der das Stadtmuseum, das Redoutenhaus, sowie alteingesessene Wirtshausfassaden gehören begrenzt, im Osten von der historischen Alten Wache. Hier ist eine Weinhandlung untergebracht, die zahlreiche regionale Erzeugnisse unterschiedlicher Winzergenossenschaften & unabhängiger Weinbauern ausschenkt. Bei schönem Wetter sind die Plätze davor längst weitgehend besetzt. Scheinbar ziellos streift der Flaneur durch die kleinen engen Gassen, er hat eine Auswahl an Lieblingsplätzen, er kann verweilen, wo er will, er läßt sich treiben. Heute zieht es ihn & seine Begleitung durch einen schmalen Durchgang am Redoutenhaus erst in die Schusterstraße, & sodann durch ein kleines Gässchen in die Salzstraße, links hinauf in Richtung Augustinermuseum & weiter zum nun rechterhand gelegenen Augustinerplatz, hinunter zur Fischerau. Zwischen dem Gäßchen & den pittoresken, z.T. holzverzierten Häuserfronten verläuft ein je nach Wasserstand träges oder munter dahinplätscherndes Bächlein. Am westlichen Ende der Fischerau gelangt man zum Martinstor, einem der alten turmhaften Stadttore. Unmittelbar dahinter, wenige Schritte die Kaiser Josef Straße hinauf Richtung Bertoldsbrunnen, hängt ein rundes gelbes Leuchtschild mit der Aufschrift Cafe´ Kolanda über dem Eingang eines kleinen Stehcafe´s, dessen rare Sitzplätze höchstens bei Geschäftsöffnung frei sind. Es werden die unterschiedlichsten Kaffeesorten angeboten, & es ist unmöglich, das Cafe´ zu verlassen, ohne die wunderbaren Törtchen & Gebäckspezialitäten probiert zu haben, die eine Auswahl & somit eine Beschränkung eigentlich unmöglich machen. 

Buchhandlung zum Wetzstein, Salzstraße, Freiburg

Nach der kleinen Stärkung führt der Weg über die parallel zur Fischerau verlaufende Gerberau zurück zum Augustinerplatz, von dem aus unser Ziel unschwer an der altmodischen blauen Markise erkenntlich ist. Die Buchhandlung Zum Wetzstein. 

Bereits die ungemein geschmackvoll dekorierten Fenster machen deutlich, daß, wer hier eintritt, das Besondere sucht. Der geistige Anspruch korrespondiert hier vortrefflich mit seiner ästhetischen Gestaltung. Das fein sortierte Angebot, das auf den Tischen & in den Wandregalen zum Entdecken einlädt, ist garantiert bestsellerfrei. Wer die SPIEGEL Liste abarbeiten möchte, ist hier verkehrt. Auf dem Kassentisch steht eine große Glasvase mit einem prächtigen Strauß Gladiolen, aus kleinen Lautsprechern erklingt dezent Händel. Der Inhaber, Thomas Bader, gekleidet wie ein englischer Gentleman, mit modischer runder Hornbrille, wacht adlergleich über sein Reich, so auch über uns, als wir einst dieses Biotop des Geistes & der Kultur erstmals betraten & dabei in keiner Weise seinen Vorstellungen angemessener Kleidung entsprachen. Das Eis brach die Frage nach einem dünnen Ernst Jünger – Bändchen in Erstausgabe. Da huschte ein verschmitztes Lächeln über Herrn Baders Gesicht & er bekundete freundlich Verständnis für die Begrenztheit der Urlaubskasse. Im hinteren Teil des überraschend großen Ladens finden sich Gesamt- & Werkausgaben, Unmengen  signierter Bücher, sowie ein umfängliches Kunstkabinett. Der regelmäßige Besuch der Buchhandlung & die Gespräche mit seinem hochgebildeten Inhaber sind so unverzichtbar wie inspirierend, sie verdeutlichen so eindringlich wie schmerzhaft, was andernorts fehlt. 

An der Alten Wache, bei einem Kaiserstühler Gutedel & dem Blick auf den nunmehr rasch sich leerenden Münsterplatz, findet der Tag sein Ende mit der langsam untergehenden Sonne, die den oberen Teil des Sandsteins, aus dem das Münster gebaut ist, in ein  letztes warmes goldenes Licht taucht. Die Glocken läuten die blaue Stunde ein & bald wird es frisch.

Verläßt man Freiburg auf der B 3 nach Süden hin Richtung Basel, so erreicht man nach wenigen Kilometern Schallstadt, ein Dorf, das dem Durchreisenden vor allem durch seinen Bahnhof auffällt. Es sind in Deutschland eigentlich immer wieder vor allem die Bahnhöfe, die durch ihre architektonische Einfallslosigkeit, ihre zweckreduzierte Ödnis & Trostlosigkeit den Reisenden eher abschrecken, als einladen. Das ist in Schallstadt nicht anders. Verläßt man jedoch hinter dem Bahnhof die B 3 & biegt rechts in das alte Dorf ab, ist das typisch Badische der Häuser & Resthöfe sofort sichtbar. Nach wenigen hundert Metern erreicht man den Ortsrand & gelangt dort zum Kaltenbachhof, an den sich direkt eine größere, mit Reben bewachsene Fläche anschließt. Betritt man den Hof durch ein altes rostiges schmiedeeisernes Tor, das etwas altersschwach in den Angeln zwischen zwei viereckigen Steinpfosten hängt, erstreckt sich rechter Hand ein massives zweigeschossiges Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert, an das sich ein geducktes flacheres & vermutlich ursprünglich noch älteres Fachwerkhaus anlehnt. Die Bebauung umschließt den Hof mit einem Scheunen- & Unterstandgeviert, welches seinen Abschluß links der Einfahrt in einem kleineren Wohnhaus deutlich jüngeren Datums findet. Noch vor dem repräsentativ – bürgerlichen Treppenaufgang, rechterhand zum großen Wohnhaus, befindet sich eine kleinere Tür, die sich zu einem Kellergewölbe aus dem Jahr 1765 öffnet, das man durch wenige steinerne & altersbedingt ausgetretene Stufen erreicht. Schlagartig ist es mit der Ruhe & Friedfertigkeit, die den Hofbesucher hier besonders an kälteren Herbstabenden empfängt, vorbei. Dichtgedrängt sitzen Menschen an einfachen schweren langen Holztischen, Gläser & Krüge mit Wein, sowie Teller mit Brägele & Salat vor sich & in lebhafte Gespräche verstrickt. Einige blicken kurz auf, taxieren die Eintretenden kurz als Einheimische oder Reisende & wenden sich sodann gleich wieder ihren Gesprächen, Tellern & Gläsern zu. Es dauert einige Sekunden, sich an die Luft & das Lärmen des Wortrauschens & Gelächters zu gewöhnen. Lange Jahre war dieser Ort jeden Montag & Dienstag unser Ziel, wenn wir das Markgräfler Land besucht haben; die Kellerstrauße im Kaltenbachhof. 

Kaltenbachhof, Schallstadt, Breisgau, Photograph & copyright unbekannt

Das Reich von Brigitte & Max Kaltenbach erfüllt alle Anforderungen, die Einheimische & (kundige) Reisende an eine Straußwirtschaft stellen können. Es ist unbedeutend, daß bereits wenige Jahre nach Öffnung eine Gaststättenkonzession beantragt wurde, um der Masse der Einlaß & Bewirtung Begehrenden Herr zu werden. Dennoch ist es hervorragend gelungen, das, was eine Straußi ausmacht, angemessen zu bewahren. Eigentlich sind Straußen- Besen- oder Heckenwirtschaften, wie sie je nach Region heißen, von Winzern betriebene Saisonwirtschaften, die eigene Produkte vertreiben & nur eine eng begrenzte Zeit im Frühjahr & im Herbst geöffnet sind. Auch sollten ursprünglich nicht mehr als vierzig Personen Platz finden. Man erkennt sie an einem Reisig- oder Strauchbesen, der am Haus angebracht ist. Im Badischen ist die Anzahl der Straußi´s besonders hoch, an Wochenenden stehen die Menschen oft schon lange vor Öffnung an, um einen der begehrten Plätze zu erhalten. Die Qualität des Weins & der angebotenen Speisen schwankt naturgemäß nicht unbeträchtlich, die Atmosphäre ist jedoch i.d.R. urig, gemütlich & wird gewöhnlich als landestypisch empfunden. Man setzt sich einfach irgendwo dazu, & in der Regel kommt man sofort mit den unterschiedlichsten Menschen auf´s Vortrefflichste ins Gespräch. Mittlerweile schrecken einige Betreiber allerdings nicht mehr davor zurück, ganzjährig zu öffnen, was natürlich mit der Tradition des Straußi nichts mehr zu tun hat. Neben dem kulinarischen Angebot ist ein dem Gast zugewandter & stets auch für ein längeres Schwätzchen zur Verfügung stehender Winzer unverzichtbar für ein beliebtes, gut laufendes Straußi. Für viele Selbstvermarkter unter den Winzern sind die Einnahmen zu einer unverzichtbaren ökonomischen Position geworden, die die Existenz sichert. Besonders im Herbst bedeutet das allerdings doppelte Arbeit, da das Straußi zusätzlich neben der Lese betrieben wird. Arbeitszeiten von Morgens um sechs bis dreiundzwanzig Uhr Nachts sind dann durchaus normal. 

Im Gewölbe der Kaltenbachstrauße befindet sich hinten links der Ausschank, davor geht es links über eine Treppe in den Hofladen, der ebenfalls zur Gaststube erweitert wurde. Zumeist ist es hier ein klein wenig ruhiger. Die Küche befindet sich linkerhand kurz vor der Treppe. Dort werden die Vorbereitungen für die hervorragenden Brägele getroffen, die auch ein Grund für den guten Ruf des Kaltenbachschen Hofes geworden sind. Brägele als Bratkartoffeln zu bezeichnen, würde ihnen nicht gerecht. Hier werden mehlig kochende Kartoffeln der Sorte Agria aus eigenem Anbau verwendet, sie werden als Pellkartoffeln gekocht, dann geschält & in Schweineschmalz in der Pfanne gebraten. Die gängige Beilage sind Elsässer Wurstsalat, also mit Käse angereichert, sowie Bibliskäs. Hierbei handelt es sich um mit reichlich Sahne, sowie Schnittlauch, Knoblauch & Schalotten angemachten Magerquark, bei dem der Sahneanteil die Konsistenz bestimmt. Ebenfalls typisch für badische Straußi´s ist der Flammekuache, sowie ein leckerer Salat. Preislich bewegt sich dies alles auf einem Niveau, das dem Städter Freudentränen in die Augen treibt. Je nach Betrieb & Qualität bewegen sich die Preise für ein Viertele – lediglich 0,2 l in ein Glas zu füllen wäre unverzeihlich – zwischen 1,50 & 3,50 €, für eine Erwachsenenportion Brägele mit Bibliskäs & Elsässer Wurtstsalat sind selten mehr als 8,-  bis 10,- € zu zahlen.

An diesem Ort zu verweilen, Wein & Speisen zu genießen, nette & interessante Gespräche zu führen & sich auf eine ungewöhnlich intensive Art heimisch zu fühlen, ist uns an ungezählten Abenden eine besondere Freude, es ist schnell unverzichtbar geworden & erfüllt uns stets mit einer tief empfundenen Wärme & Dankbarkeit. 

Der Sender, der im Radiowecker & im Autoradio eingestellt ist, heißt SWR 1. Die Moderatoren haben angenehme Stimmen, das Laute, Beifallheischende, das den Privatfunk so unerträglich macht, die hysterische Dauerfröhlichkeit, das abstoßend Anbiedernde ist ihre Sache nicht. Sie kommen aus dem Äther als nette Bekannte, die man gern zu sich einlädt, & deren unaufgesetzte Natürlichkeit man zu schätzen weiß.  Matthias Holtmann, einst Schlagzeuger der Krautrockband Triumvirat, der keine, zumeist  auch irgendwie passende Gelegenheit ausläßt, um seine Bewunderung für John Bonham kundzutun, ist ein Meister des Augenblicks, jemand, der sich in seinen Sendungen, in denen er Hörer anruft, oder von ihnen angerufen wird, in seinem ureigensten Metier weiß. Wie kaum jemand anderem gelingt es ihm, eine unmittelbare Beziehung zum Hörer aufzubauen, auch wenn sie nur zwei Minuten dauern darf, oder auch mal unwesentlich länger. Sofort entsteht ein Gespräch, bei dem die scheinbar so leichte Nonchalance niemals ins Zotige abgleitet oder dem Anrufer zu nahe tritt. Diese fragile Balance wahren zu können, ist das Wesen von Holtmann´s Moderation. Guten Abend Baden Württemberg. Es gibt keinen besseren Begleiter durch einen späten Badischen Abend, wenn die Fahrt vom Kaltenbachhof auf der B 3 Richtung Basel nach Mauchen führt, dem kleinen versteckten Weindorf zwischen den Hügeln bei Schliengen, das hier im Ländle unsere Heimat darstellt. Im Oktober, wenn die SWR 1 Hitparade eine Woche lang durchgehend die tausend beliebtesten Songs spielt, die von den Hörern wochenlang zuvor gewählt worden sind, & die zeigen, wie weit sich das Formatradio in seiner Musikauswahl von dem Geschmack der Zuhörer entfernt hat, bleiben wir zuweilen im Auto sitzen & hören vielleicht Tubular Bells zu Ende, es wird, ein besonders schönes Merkmal dieser Hitparade, in voller Länge gespielt, so wie alle Titel stets in der zuweilen recht langen LP –  Fassung gespielt werden. Dies gilt natürlich auch für Whole Lotta Love, & Holtmann läuft zur Hochform auf, wenn er diese im Radio sonst nicht zu hörende Version ansagt, weil er gerade wieder in der entsprechenden Schicht Dienst hat, denn die Hitparade läuft eine Woche lang, von Montag bis Freitag, 24 Stunden lang. & jedes Jahr gewinnt wieder Stairway to Heaven. Aber vielleicht hat das ja auch mit Mathias Holtmann zu tun.

Weinberge in Mauchen, Markgräfler Land

Es ist durchaus möglich, daß wir, je nach Uhrzeit, noch das Straußi des uns nun schon so lange bekannten & vertrauten Winzers aufsuchen, um noch ein Weinchen & vielleicht auch noch einen Flammkuchen zu bestellen. Wenn es dann so kommt, finden wir nach intensiven Gesprächen – die letzten Gäste sind lange fort – & dem Probieren der einen oder anderen besonderen Flasche, durch das dann bereits laternenlose Dorf erst zu später Nacht heim. 

Während ich dies alles schreibe & mir alte Photos anschaue, mich zurück erinnere an diese Tage & Abende, an ihren stillen warmen Glanz, ihr spätsommerliches Licht & die zunehmend frischen Nächte, geschieht Seltsames. Ein stilles Lächeln kann die Wehmut nicht vertreiben, die Erinnerung jedoch erschließt einen Raum behaglicher Behaustheit. Allerdings stellt sich zunehmend auch eine lastende Melancholie des Abschieds ein.

Thomas Bader ist im März 2014 nach langer schwerer Krankheit verstorben, die Buchhandlung Zum Wetzstein, sein Lebenswerk, wird aufgrund einer von niemandem nachzuvollziehenden Laune seiner Erbin & Ehefrau Ende diesen Jahres schließen. Die Kellerstrauße wurde nach dem Tod von Max Kaltenbach im Jahre 2013 aufgegeben. Mathias Holtmann moderiert seit dem März des Jahres 2015 nicht mehr, da er an Parkinson erkrankt ist. 

So sind diese Erinnerungen vor allem auch eine Referenz an Vergangenes, das weiterlebt & nicht vergessen werden kann. Sie gebieten Achtung für so viele, für unzählige Augenblicke stillen Glücks, die Kraft & Halt bieten & mich auf meine Sentimentalität stolz sein lassen.

Tief in der Unrast Zonen,
eh wir die Furche ziehen,
ehe wir bauen und wohnen,
gehen wir so dahin
fast wie ungeboren
fast wie ohne Schuld,
keinem Ding verschworen,
wartend in Geduld …
Und lauschen der Stimme des andern
Tages, der in uns beginnt
und hören nicht auf zu wandern,
bis wir verwandelt sind.

. . . heißt es bei Marie Luise Kaschnitz, der großen Schriftstellerin aus Bollschweil bei Freiburg, in ihrem Gedicht Stimme des anderen Tages. Doch es gibt sie noch, die Badischen Abende, sie sind nur ärmer geworden, ihr stiller Glanz ist verblaßt, das bunte Laub fällt früher & die Nächte sind kälter geworden.

 

September 19

Ich bin ein Stern

Ich bin ein Stern am Firmament,
Der die Welt betrachtet, die Welt verachtet,
Und in der eignen Glut verbrennt.

Ich bin das Meer, das nächtens stürmt,
Das klagende Meer, das opferschwer
Zu alten Sünden neue türmt.

Ich bin von Eurer Welt verbannt
Vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
Ich bin ein König ohne Land.

Ich bin die stumme Leidenschaft,
Im Haus ohne Herd, im Krieg ohne Schwert,
Und krank an meiner eignen Kraft.

Hermann Hesse

September 13

Die Akademie tanzt

. . . Yiddish Summer Weimar – Impressionen

Weimar ist ohne Frage eine der schönsten deutschen Städte. Diese Schönheit ist weniger vordergründig, sie erschließt sich, besonders, wenn man die Stadt öfter & länger als für das übliche Wochenende besucht, eher beiläufig. Weimar prahlt nicht, es erschließt sich dem länger Verweilenden, dem Interessierten, dem, der bereit ist, sich vom Plakativen, Offensichtlichen, dem zuweilen auch Aufdringlichen, nicht blenden zu lassen & die Ruhe zu suchen, sich auf diesen Ort einzulassen & die unglaubliche Geistesgeschichte innerhalb seiner Mauern aufzunehmen. Denn dieses Aufnehmen ist weit mehr, als das Haus am Frauenplan oder Schiller´s Wohnhaus einfach nur touristisch abzuhaken. 

Im Sommer ist Weimar von Touristen aus aller Welt nahezu überfüllt, besonders um die Wochenenden herum, was aufgrund der Beschaulichkeit des Städtchens deutlich schneller geht als anderswo. Die Frage, wer von den zahlreichen Besuchern Goethe tatsächlich gelesen, Schiller & Nietzsche verstanden, Liszt aufmerksam gehört, & in den Büsten von Wagner, Herder & Wieland mehr sieht, als historische & denkmalbewährte Vergessene, bleibt unbeantwortet. Auch ein Verständnis des Bauhauses über das Dekorative hinaus, verlangt ein Sicheinlassen,  ein Erfassen von Zeiträumen über das Tagesgeschehen hinweg, kunstgeschichtliches Grundverständnis & die Bereitschaft, hinter die Dinge zu schauen. 

Ebenfalls unbeantwortet bleibt oft auch die Frage, warum Weimar & der Ettersberg vor seinen Toren seit 82 Jahren untrennbar miteinander verbunden sind, denn Weimar ist seither eben auch die Ungeheuerlichkeit von Buchenwald. & Weimar ist die Stadt der gescheiterten ersten deutschen Republik, die ihren Namen trug. Daß Weimar eine junge, & bei aller Ruhe & Beschaulichkeit lebendige Stadt ist, dafür sorgen u.a. auch die Studenten der bekannten Musikhochschule Franz Liszt mit ihren zahlreichen Aktivitäten.

Seit diesem Jahr erinnert leider auch ein furchtbarer großer grauer Betonwürfel daran, wie leicht es ist, das fragile kulturelle Erbe zu erschlagen & seinem Sinn Hohn zu sprechen: das neue Bauhaus Museum, zur 100 – jährigen Geburtsstunde der Werk- & Designschule eröffnet, ist eine ästhetische & kulturpolitische Zumutung, eine museumspädagogische Verirrung, schlicht eine Schande. 

Jam Session vor dem Sächischen Hof, Weimar

Daß sich in dieser Stadt neben zahlreichen anderen festen kulturellen Terminen im Jahr auch ein Festival für jiddische Musik & Kultur etablieren konnte, zeugt von der ungebrochenen kreativen Ausstrahlung & Anziehungskraft dieses mit ca. 60 000 Einwohnern recht überschaubaren Städtchens, das seit dem frühen 14. Jahrhundert jüdische Einwohner verzeichnet. 

Der Yiddish Summer Weimar geht zurück auf einen Workshop für jiddische Musik im Jahre 1999. Künstlerischer Leiter des Festivals ist der Komponist, Pianist, Akkordeonspieler & Musikpädagoge Dr. Alan Bern. Dem sehr international besetzten Festival geht es um die Vermittlung der traditionellen & zeitgenössischen jiddischen Kultur & Musik. Hierzu werden diverse Workshops angeboten, in denen Kenntnisse in jiddischer Musik, Tanz &  anderen kulturellen Aspekten vermittelt werden. Zudem gibt es eine Vielzahl von Konzerten internationaler Künstler. Die Workshops richten sich sowohl an Interessierte, die mit den Themen bereits vertraut sind, wie auch an Neueinsteiger. Alan Bern meint dazu: „Ja, Yiddish Summer Weimar ist ein Musik- und Kulturfestival – aber darüber hinaus eine Chance, Grenzen zu hinterfragen, Verbindungen aufzubauen und durch die Begegnung mit anderen zu wachsen.“

In diesem Jahr war es uns leider nur möglich, zwei Konzerte des Festivals zu besuchen, die, das sei vorweg genommen, unterschiedlicher nicht sein konnten. An einem sehr heißen & stickigen Sonntagabend fand im Saal der Musikschule Johann Nepomuk Hummel das Abschlußkonzert des Workshops für Musik des Nahen Ostens statt. Die Leitung hatte der Oud Spieler Yair Dalal. Zuvor jedoch spielte Alan Bern zusammen mit dem Geiger Mark Kovnatskiy einige Kompositionen, die in ihrer formalen Schlichtheit gleichwohl eine emotionale Tiefe ausloteten, die in der geistigen Durchdringung der jiddischen Kultur & Musik durch die Interpreten begründet ist. Wie gerne hätte man diesen beiden Herzensmusikern weiterhin zugehört. 

Doch nun nahm das Ensemble für Musik des Nahen Ostens auf dem Podium Platz & schnell war klar, daß es sich hier überwiegend um Amateurmusiker handelte, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn sie die Musik, die sie sich vorgenommen hatten, halbwegs ansprechend gespielt hätten. Das Ensemble, zu dem einige Oud Spieler, Klarinettisten, Geigerinnen & Percussionistinnen gehörten, hatte Mühe, rhythmisch zusammen zu finden, fiel immer wieder auch klanglich auseinander, &, so muß ich leider sagen, buchstabierte sich durch sein viel zu langes Programm. Der Klangeindruck kam nicht über orientalische Klischees  hinaus, Harmonie & Rhythmik beschränkten sich zumeist auf Assoziationen aus Tausendundeiner Nacht. Erst gegen Ende des Konzerts fand das Ensemble zu einem gemeinsamen Groove, der, wäre er eher vorhanden gewesen, über manche instrumentelle Schwäche hinweg geholfen hätte. Daß Yair Dalal, der dem Ensemble zugewandt auf einem Stuhl saß, seine Ansagen mit dem Rücken zum Publikum machte, verstärkte den Eindruck des Unfertigen & bisweilen Fehlerhaften noch zusätzlich mit dem Gefühl der Geringschätzung. Gerade vor dem Hintergrund der großartigen Künstler, die wir in vergangenen Jahren im Rahmen des Yiddish Summer hier erleben durften, war der letzte Ton in dem nach Schließen der Fenster zu Beginn des Konzertes unerträglich heißen & stickigen Saal eine Erlösung. Daß an der improvisierten Bar statt des bestellten Weißweins ein warmer süßer Sekt eingeschenkt wurde, verwunderte vor dem Hintergrund dieser Darbietung niemanden mehr. Dem Publikum – die Veranstaltung war ausverkauft – hatte es offensichtlich gefallen, wie der begeisterte Applaus zeigte.

Ein besonderes Merkmal des Yiddish Summer Weimar war es stets, daß das Festival auch auf den Straßen & Plätzen stattfindet. Am Mittwochabend trafen sich Musiker & Absolventen des Tanzworkshops, sowie weitere Interessierte zu einer Jam Session vor dem Cafe´ am Markt. Zwei Stunden lang spielten die MusikerInnen jiddische Tanzmusik & eine kleine, sich ständig vergrößernde Gruppe von Tanzwütigen fand sich nahezu unmittelbar bereit, sich entsprechend zu bewegen. Jung & Alt, Frauen wie Männer erschufen sofort eine sehr lebendige, ansprechende & zum Verweilen zwingende Atmosphäre, die gerade durch das Improvisatorische in Musik & Tanz eine große Lebensfreude ausstrahlte. Viele Mitwirkende des unglücklichen Ensembleauftritts vom vergangenen Sonntag spielten hier nun wie befreit auf, fanden in diesem musikalischen Miteinander ihren Platz, sich angemessen auszudrücken & je nach individueller Neigung mehr oder weniger hervorzutreten. Diese Abende sind, gerade weil sie auf der Straße stattfinden, eine große Bereicherung & Ausweis für das Selbstbewußtsein des Festivals. Die Akademie tanzt. 

Triangle Orchestra, Joshua Horowitz (rechts außen), Probe, Photo: Yulia Kabakova

Gegenüber des Cafe´s am Markt befindet sich das Hotel Elephant, ein historisches Luxushotel, auf dessen Balkon Adolf Hitler zu den begeisterten Bürgern der Stadt sprach, wenn er sich in Weimar aufhielt. Daß auf diesem Platz nun jiddische Tanzmusik erklingen kann, ist etwas Besonderes & keineswegs selbstverständlich. Vielleicht aber ja eben doch, denn es zeigt die besondere Kraft der jahrtausendealten jüdischen Kultur. Es zeigt, daß selbst im langen Schatten des Glockenturms von Buchenwald die Kraft des Lebens über die totale Vernichtung siegen kann.  

Die Jam Session wiederholte sich am folgenden Tag vor dem Hotel Sächsischer Hof, am Herderplatz, wurde jedoch durch einen Gewitterschauer ein wenig aus dem Konzept gebracht. 

Ein Ereignis besonderer Art, & dieses Jahr ganz sicher der Höhepunkt des Yiddish Summer, war die konzertante Uraufführung der instrumentierten Fassung der jiddischen Oper Bas – Sheve von Henech Kon (geb. 1890 in Lodz – gest. 1972 in New York). Die Uraufführung der Klavierfassung fand am 24. Mai 1924 im Kaminski Theater in Warschau unter recht abenteuerlichen Bedingungen statt, wie einem Einführungsreferat der Judaistin Dr. Diana Matut von der Universität Halle zu entnehmen war, die auch die Entstehung der instrumentierten Fassung sprachlich & chormusikalisch betreut hatte & heute auch selbst im Chor mitsang. Für die Instrumentierung zeichnete der gegenwärtig in Kalifornien lehrende Joshua Horowitz verantwortlich. Für das Konzert hatte man den großen Saal des Kulturzentrums mon ami am Goetheplatz gebucht, der eine angemessene Bühne, sowie genügend Platz für ca. 280 Stühle bietet. Der Besucherandrang war derart groß, daß auch die hintere Balustrade geöffnet werden mußte. 

Inhaltlich geht es um die alttestamentarische Geschichte von König David, der seinen Söldner Urija ermorden läßt, weil er dessen Frau Batseba geschwängert hat & dafür nun vom Propheten Natan angeklagt wird. Für die Uraufführung hatte man ein international besetztes Ensemble aus StudentInnen verschiedener europäischer Hochschulen zusammengestellt, das Triangle Orchestra, welches von dem Franzosen James Salomon Kahane geleitet wurde & aus einem 14 – köpfigen Chor sowie einem 19 – köpfigen Orchester bestand. Selbst für eine Übertextanlage war gesorgt worden, sodaß die Besucher inhaltlich nicht im Unklaren blieben. 

Musikalisch überzeugten Chor & Orchester vom ersten Augenblick an. Der dichte Orchestersatz klang transparent & klar, auch wenn die Klangfarben aufgrund der starken Raumbedämpfung ein wenig blaß klangen. Der auf einem markanten Hauptthema beruhende Satz wurde vom Orchester dicht & mit hoher Geschlossenheit musiziert, es gab keinerlei Brüche zwischen den Instrumentalgruppen, die von Kahane mit deutlichem Dirigat sehr umsichtig geleitet wurden & selbst große Dynamiksprünge hervorragend meisterten. Gleiches galt für den Chor, bei dem besonders die solistisch Agierenden, allen voran Filippo Caluzza als König David überzeugten. Im Orchester begeisterte besonders der polnische Fagottist Michal Szydlowski. Stilistisch ist die Musik irgendwo zwischen frühem Mahler & Leos Janaczek einzuordnen, auch wenn derartige Assoziationen höchst individuell sind. Immer wieder stellt Horowitz einzelne Instrumentalgruppen in den Vordergrund, bisweilen soliert auch die Flöte, gerne nutzt er dynamische Kontraste & scheut auch vor harmonischen Reibungen nicht zurück. Kahane leitete die Aufführung mit hoher Spannung & großer Intensität. Dabei gelang ihm eine erstaunliche klangliche Homogenität von Chor & Orchester. Chapeau!  Der begeisterte Jubel am Ende der Aufführung, auch für den anwesenden Horowitz, war hochverdient, die Schlußtakte wurden als Zugabe nochmals wiederholt. 

Triangle Orchestra, Dr. Diana Matut (1. Reihe, 3. v. links), Photo: Shendl Kopitman

Ein denkwürdiges Konzert, welches in Lodz noch einmal aufgeführt werden wird & diese wunderbare Musik dorthin zurückbringt wo ihr Komponist einst herkam. Dank des großen Engagements der jungen MusikerInnen wurden die hohen Erwartungen an diese Aufführung mühelos übertroffen. Ein denkwürdiger Abend, der lange nachwirkt. Der Yiddish Summer bewies damit einmal mehr seine kreative Lebendigkeit & seine singuläre Bedeutung für das zeitgenössische kulturelle Leben in Weimar.

Danksagung: 

Mein besonderer Dank gilt Dirk Hornschuch, dem Verantwortlichen für die Pressearbeit des Yiddish Summer Weimar für seine freundliche Unterstützung bei diesem Artikel, sowie für die Freigabe der Photos von Yulia Kabakova & Shendl Kopitman.