März 4

Mark Hollis oder die Evolution des Schweigens

. . . ein Nachruf

Im Sommer des Jahres 1986 stand ein Mann auf der Open Air Bühne des Hamburger Stadtparks, der dort offensichtlich nicht stehen wollte. Dennoch überwand er sich, seine Songs auf eine Weise darzubieten, die keinen Zweifel daran zuließ, daß sie ihm wichtig waren. Diese Mischung aus nahezu autistisch wirkender Introvertiertheit & dem gleichzeitigen Bedürfnis nach Mitteilung war nicht ans Publikum gerichtet, es war eine Botschaft an & gleichzeitig aus ihm selbst. Die siebenköpfige Band spielte eine gelungene Mischung aus gehobenem Pop & eher an Vorbildern der frühen Siebziger orientierter Rockmusik & sie spielte sicher, gut eingespielt & vorwärtstreibend. Der Sänger trug Jeans, ein buntes Hemd, seine halblangen blonden Haare fielen wegen des stets nach unten geneigten Kopfes über die dunkle Sonnenbrille. Beide Hände umfaßten das Mikrophon, umklammerten es, grad so, als wäre dies in diesem Moment der einzige Halt außerhalb seiner Musik. Wenn er nicht sang, trat er zurück hinter seine Mitmusiker & vermied jeden Blick in die Menge vor ihm. Better parted / I see people hiding / Speech gets harder / There’s no sense in writing / Help me find a way from this maze / I can’t help myself . . .  heißt es in Living in another World. Die Kongruenz zwischen Text & Sänger war beeindruckend, & sie war gewissermaßen auch beängstigend. Dort stand jemand, der nicht nur wußte, wovon er sang, dort stand jemand, der sich in diesen Zeilen auf offensichtlich gleichermaßen quälende wie unerläßliche Weise mitteilte, sich ungeschützt & nackt einer Menge auslieferte, die nicht der Inhalte, sondern der Hits wegen an diesem Sommertag hierher gekommen war. All das ist auch heute noch gut nachzuvollziehen, wenn man die DVD des Live – Mitschnitts der Band vom Montreux Jazz Festival des gleichen Jahres anschaut.

Talk Talk (Urheberrecht picture alliance)

Im Jahre 1981 gründete Mark Hollis die Band Talk Talk. Hollis, der ursprünglich Kinderpsychologe werden wollte, entstammte der Punk Szene. Die erste Platte der Band von 1982 enthielt den zu der Zeit typischen Synthie Pop. Inhaltlich eher belanglos, sollte sich ihr Titel The Party is over allerdings noch als prophetisch herausstellen. Zwei Jahre später erschien mit It´s my life der Nachfolger. Der Keyboarder hatte die Band zwischenzeitlich verlassen, Talk Talk bestanden nun aus Mark Hollis, dem Schlagzeuger Lee Harris & dem Bassisten Paul Webb. Für Keyboard & Produktion zeichnete Tim Friese – Greene verantwortlich, der nie offizielles Mitglied wurde, auch nicht mit der Band zusammen auftrat, jedoch Zeit ihres Bestehens die Studioarbeit maßgeblich mitgestaltete. Die Musik der Platte unterschied sich deutlich vom Erstling, sie war experimenteller geworden, auch intellektueller, in Teilen avantgardistisch, & aufwendig produziert. Sie enthielt gleichwohl mit Dum Dum Girl, Renee, It´s my Life, Call in the Night Boy, Does Caroline know & vor allem Such a Shame eine übergroße Fülle potenzieller & tatsächlicher Hits. Such a Shame ist auch heute noch relativ häufig im Radio zu hören, auch wenn der Anfang & der Schluß i.d.R. ausgeblendet werden & dem Song dadurch viel von seiner Wirkung nehmen. Textlich bezieht sich der Song auf einen Roman von Luke Rineheart, The Dice Man, in dem es darum geht, daß ein Psychiater beginnt, Lebensentscheidungen buchstäblich auszuwürfeln. Bei aller vordergründigen Gefälligkeit, die das Album ausstrahlt, verweist es im Detail & bei genauem Hinhören bereits auf eine Musik, die das Vordergründige ablegen & zum Kern  musikalischer Erfindungen vordringen wird. Die Band wird diesen Weg in all seiner unerbittlichen Konsequenz zu Ende gehen & dabei auf ihren Platten eine der erstaunlichsten & bemerkenswertesten Entwicklungen der gesamten populären Musik dokumentieren. 

Im Jahre 1986 erschien The Colour of Spring, eine Platte, die sich so häufig wie kaum eine andere auf meinem Plattenteller drehte. Erneut hatte die Band stilistisch einen großen Schritt gewagt & eine vorwiegend im mittleren Tempo gehaltene Musik eingespielt, die direkt aus der Zeit zwischen 1969 & 1972 zu kommen schien & deren Neo Hippie – Attitude von Hammond Orgel & Mundharmonika unterstrichen wurde. Eine ganze Heerschar von Musikern, darunter so illustre Namen wie Steve Winwood, Mark Feltham,  Robby Mc. Intosh u.a. schufen bei den Aufnahmen einen dichten, jedoch gleichwohl transparenten Sound, der von Hollis´ drängender, leicht nasaler & zum Legato neigenden Stimme überstrahlt wurde. Auch wenn der Titel der Platte & das Cover mit den vielen Schmetterlingen Frühlingshaftes andeuten, findet sich dies in den Texten kaum wieder. Hollis´ Sicht auf die Welt & auf menschliche Beziehungen changiert zwischen melancholisch, depressiv & verzweifelt. Die Länge der einzelnen Songs hatte deutlich zugenommen, ein Grund dafür war offensichtlich, das Kurzlebige des Pop zu überwinden & dem Zuhören als dem Kern musikalischer Rezeption näher zu kommen. Erstaunlicherweise gilt diese Platte als die kommerziell erfolgreichste der Band.

1988 erschien nach Querelen mit der Plattenfirma EMI  mit The Spirit of Eden das vierte Studioalbum von Talk Talk. Die Plattenfirma vermißte Hit – kompatible Eingängigkeit & forderte Nachbesserungen, die Hollis jedoch ablehnte. Die Platte erwies sich jedoch, trotz ihrer weltabgewandten Sperrigkeit als beachtlich erfolgreich, auch wenn die Umsätze nicht an die früheren beiden Veröffentlichungen heranreichen konnten. Das ist kein Wunder. Zwischen Alben von Michael Jackson, Sting, Grönemeyer, Fleetwood Mac & dem überaus erfolgreichen Soundtrack von Dirty Dancing mußte The Spirit of Eden wie ein häßliches Entlein erscheinen. Erneut hatte sich das Personal von The Colour of Spring, diesmal noch erweitert um Nigel Kennedy & den Chor der Chelmsford Cathedral ins Studio begeben & eine Musik geschaffen, die sich in der spürbaren Reduktion des Formalen wie des Inhaltlichen den Grenzen herkömmlicher Songstrukturen annäherte. Die Musik reduzierte sich auf Instrumental- & Klangtupfer, der pastose musikalische Pinselstrich war der dünnen Linienführung fast aufgelöster sparsamer Ostinati gewichen, gelegentlich von heftigen Ausbrüchen unterbrochen. Die instrumentalen Beiträge der Mitwirkenden bleiben wenige hingehauchte Einsprengsel, die Stimme von Mark Hollis ist stark zurückgenommen, manchmal nur gehaucht, das Vorwärtsdrängen früherer Aufnahmen findet sich nur in den dynamischen Spitzen der Platte. Dies ist keine Rockmusik mehr, schon gar kein Pop, dies ist die Überwindung von Beidem, der Versuch, eine Musik jenseits der gängigen Musik zu erschaffen. 

Mark Hollis (Urheberrecht Martyn Goodcare 1990 / Getty Images)

Im September 1991 erschien das letzte Studioalbum von Talk Talk, Laughing Stock, auf dem Jazz – Label Verve. Bassist Paul Webb hatte die Band verlassen, die Aufnahmen bestanden aus stundenlangen Improvisationen der erneut zahlreichen Beteiligten, aus denen in der Phase der Produktion des Albums einzelne Teile, oft nur kleinste Klangpartikel herausgeschnitten & in unterschiedlichster Form zusammengesetzt wurden, um Musik zu erschaffen, die den Begriff Song nunmehr endgültig hinter sich gelassen hatte. Die wechselhafte Dynamik der Stimme wurde nochmals gesteigert, sie verblieb jedoch im eher Leisen, diente jetzt mehr dem Transport von Worten & wenigen Zeilen, als dem, was man als herkömmlichen Gesang bezeichnen kann. Laughing Stock ist Kammermusik, der sog. Neuen Musik näher als allen Formen zeitgenössischer Popularmusik. Der Begriff des Post – Rock manifestierte sich u.a. an dieser Platte. Nach Erscheinen des Albums löste sich die Band auf. 

1998 erschien ein Soloalbum von Mark Hollis, nach ihm betitelt, welches den Weg des Musikers ins Schweigen, in die Stille, nochmals konsequent dokumentierte. Herkömmliche Strukturen finden sich kaum, die einzelnen, zum Teil ineinander übergehenden Titel werden mithilfe pointilistischer Klangminiaturen zusammengehalten, die gehauchten Texte sind oft kaum noch verständlich. Trotzdem ist diese Musik spannend & auf eine fast verborgene Art lebendig & farbenreich, wenn man sich der Mühe unterzieht, ihr in sich selbst den Raum zur Entfaltung zu geben, das klangliche Schweigen zuzulassen & die Angst vor der Stille zu überwinden. Mark Hollis war auf seinem Weg in diese Stille an dem Punkt angekommen, von dem aus ihm ein Weitergehen nicht länger möglich schien. Die Konsequenz dieses Weges, die Evolution des Schweigens, konnte nur zu einer Musik hinter aller Musik führen. Nach dieser Platte zog er sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Er hat seitdem keine Musik produziert oder veröffentlicht & auch keine Interviews gegeben.

Am 25. Februar 2019 ist Mark Hollis im Alter von 64 Jahren gestorben.