Dezember 17

SchwerMetallWoche

. . . . Thrash in Hamburg . . . .

Für Außenstehende handelt es sich bei der Musik, um die es hier gehen wird, vorwiegend um Krach. Lärm ohne Form, ohne Melodie & latent gewalttätig. Das ist in sofern nachvollziehbar, als daß das menschliche Ohr, bzw. seine neuralen Rezeptoren, sich am vorgeblich Harmonischen erfreuen. Die psychische Befindlichkeit der Moderne ist derart vielen Stressoren ausgesetzt, daß ihr die Zumutung von Unbequemem, Lautem, Schnellem, in Teilen als aggressiv & monoton Empfundenem, als Angriff auf die ohnehin stetig sinkende regenerative Ressource erscheint. Es wird deshalb über diese Musik, ihre Rezeption & Aufführung sowie ihr Umfeld keinen Konsens geben können, missionarische Bemühungen werden scheitern & sind von meiner Seite auch gar nicht beabsichtigt. Metal, vor allem seine Extreme, sind einer relativ kleinen, ziemlich fanatischen & bedingungslos treuen Minderheit vorbehalten, denn was dem einen die Hölle, ist dem anderen sein Himmel. 

In Hamburg fanden in dieser Woche an drei sehr verschiedenen Orten drei sehr verschiedene Konzerte statt. Allerdings ging es bei allen Veranstaltungen vorwiegend um Thrash. 

Diese Richtung entstand in den frühen 80er Jahren an der Westküste der USA mit Bands wie Exodus, Death Angel, Slayer, Testament & Metallica, an der Ostküste wurden Anthrax & Overkill aktiv. Thrash ist eine sehr schnelle harte Musik, die von stakkatoartigen Gitarrenriffs, ultraschnellen Drums & aggressivem schreienden Gesang – im Gegensatz zu den tiefen Growls des Death Metal – gekennzeichnet ist. Zuweilen spielen auch Elemente des Hardcore, wie z.B. dessen vokale Shouts eine Rolle. Thrash ist eine im Grunde archaische Musik, man könnte sagen, es ist die Seele des Metal, sie ist wild, dreckig & laut, sie hat alle Moden überlebt & ist, ihrem Wesen nach im Grunde antimodern, der Kern handgemachter harter Musik. Bei den besten Vertretern des Genres spielt sich das handwerkliche Geschehen oft an der Grenze des technisch Spielbaren ab & vor dem Hintergrund ausgefeilter komplexer Arrangements, die allerdings nichts mit dem Gefrickel der Progressive Fraktion gemein haben. Die millionenfach immer noch verehrten Herren von Metallica sind mittlerweile längst dem künstlerischen Ausverkauf & dem Kommerz verfallen & beherzigen den Frank Zappa Ausspruch: we´re only in it for the money, was sich u.a. darin äußert, daß sie zeitweise im Studio & auf Tour einen Gruppentherapeuten benötigen, um sich nicht ständig  gegenseitig auf den Kopf zu hauen, oder sich Fan – SMS zur Abstimmung über das am Abend zu spielende Programm mit 50 Cent bezahlen lassen. Außerdem: wer wie der Sänger James Hetfield Grizzly – Bären im Winterschlaf erschießt, kann kein guter Mensch sein. Den anderen hier Genannten hingegen ist es gelungen, ihre Integrität zu wahren & in Würde nicht nur zu altern, sondern auch live (& auf Konserve sowieso) dem Nachwuchs sehr unmißverständlich zu zeigen, wo der große schwere Schmiedehammer immer noch hängt. Zu besichtigen war das alles mit sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen & Begleiterscheinungen in einer spannenden Woche in Hamburg. 

Mittlerweile ist selbst die Arena, im Moment als Barclay Card Arena auf dem Spielplan, leider nicht mehr zu groß, um Metal – Konzerte zu beherbergen. Lange angekündigt, machen Slayer hier einen Halt im Rahmen ihrer weltweiten Abschiedstournee. Im Vorprogramm finden sich so illustre Namen wie Obituary, Anthrax & Lamb of God. Grund genug, sich auf einen herrlichen Abend zu freuen. Eigentlich. Um 18.00 Uhr ist die Halle überaus mäßig gefüllt, selbst der Innenraum höchstens zu 25 %. Obituary geben sich die größte Mühe, mit ihrem Florida Death Metal den Abend angemessen zu eröffnen, allerdings sprechen zwei Umstände entschieden dagegen. Zum einen der erbärmliche Sound, den ich ohne zu zögern zum schlechtesten von mir je gehörten erkläre, matschig, dumpf, komplett intransparent. Eine Schande! Zweitens die riesige Halle, die viel zu groß ist für derartige Musik, zumal dann, wenn sie noch weitgehend leer ist. Danach folgen, die Halle füllt sich langsam, auch wenn der Oberrang zu 95 % unbesetzt bleiben wird, Anthrax, die sich sichtbar den Arsch abspielen. Angemessen hörbar wird dies leider nicht, der einzige Regler, der bewegt wird, ist der Lautstärkeregler. Diesen undifferenzierten Krach, der die Songs mehr erahnen als erklingen läßt & aus dessen Akustikbrei gelegentlich die oberen Gesangstöne, die hohen Parts der Gitarrensoli & Teile des Schlagzeugs wirklich heraushörbar (!) sind, als Musik bezeichnen zu wollen, wäre reiner Euphemismus. & ja, natürlich, hier schreibt wieder der Musiker, der Musik- & Klanggourmet, andere nehmen´s wesentlich gelassener. Vielleicht sind die ersten 10 Meter vor der Bühne besser dran, auf meinem Platz, der normalerweise ein guter ist, also in Mischpulthöhe, in den unteren Reihen nahe am Innenraum, wird es langsam eher unerträglich. Gleichwohl bleibt festzuhalten, Anthrax spielen einen engagierten guten Set, herausragend Drummer Charly Benante & der die Gemeinde durchaus polarisierende Sänger Joey Belladonna, & Gitarrist & Gründer Scott Ian gibt wieder alles. Sehr schade, Anthrax hätten einen weit besseren Mix verdient. Herausragendes haben anschließend Lamb of God leider nicht zu bieten. Die in der Konserve recht ansprechende Band, die ihre Musik selbst als pure american metal bezeichnet, hat beschlossen, heute Abend stetig das selbe Stück zu spielen. Das hört sich an wie eine mißlungene Mischung aus schlechten Pantera & müden Hatebreed, da kann der Sänger sich noch so verausgaben, bringt alles nix. Dafür wurde der Lautstärkeregler nochmals nachjustiert. Nach oben allerdings. Der Sound, man ahnt es, bleibt unterirdisch, das Foyer hingegen füllt sich, viele ziehen ein nettes Bierchen dem Geschehen in der Halle vor. Ich beschließe, wenn Slayer auch so klingen, gehe ich.

s´Chanderli, Lok der Kandertalbahn, Kandern, Südschwarzwald

Aber Slayer sind Gott. & an diesem Abend läßt die Band rein gar nichts unversucht, dies zu manifestieren, wenn´s denn sein muß, auch für die Ewigkeit. Fanden die Umbauten der bisherigen Bands auf offener Bühne statt & war das Licht eher  mäßig, so fiel nun ein dünner Vorhang vor die Bühne & verbarg die dahinter stattfindende Geschäftigkeit. Als das Licht endlich ausging & die Klänge des Intros einsetzten, war sofort klar, daß diesmal nicht nur am Lautstärkeregler gedreht worden war. Als dann der Vorhang mit dem ersten Ton von Repentless fiel, wurde der Blick auf die große Bühne frei, in tiefes Rot getaucht, aufwendig dekoriert mit Slayer – Eagles, riesigen Motivvorhängen hinten & seitwärts & mit amtlichem Licht. Der Sound war nun klar & transparent, selbst der Gesang trotz der Lautstärke verständlich, & die Frage bleibt, ob eine Band wie diese das Kaputtmischen der Vorbands tatsächlich nötig hat. In der Halle gab es nun kein Halten mehr, alles stand, vor der Bühne brodelte der Pit & auf den Brettern knallte das kalifornische Quartett einen Kracher nach dem anderen heraus. Im Bühnenhintergrund wechselten gelegentlich die Vorhänge. Die Band zeigte sich musikalisch & auch physisch in ausgezeichneter Verfassung, Bassist & Sänger Tom Araya bewies erstaunliche Stimmfestigkeit & zeigte keinerlei vokale Ermüdungserscheinungen, Drummer Paul Bostaph – ja, ich finde ihn tatsächlich „besser“ als Dave Lombardo – lieferte präzise & sehr musikalisch das rhythmische Fundament der schnellen Nackenbrecher. Gitarrist Kerry King verschmolz mit Baß & Schlagzeug zu einer sehr dichten & treibenden Einheit. Gary Holt, nach dem Tode von Jeff Hannemann im November 2013 neben seinem Hauptberuf als Exodus – Gitarrist auch festes Mitglied bei Slayer, wo er bereits die Vertretung für den kranken Hannemann übernommen hatte, bewies erneut, daß er der beste Gitarrist ist, der je in dieser Band gespielt hat.

Es gibt Momente, da wird es still, Momente, die sich einprägen & Bilder, die unvergessen bleiben. An diesem Abend war es Tom Araya, der, wenn es nach einigen Stücken dunkel wurde, allein in einem fahlen Lichtkegel stand, seinen Baß quer vor dem Körper, die Arme hingen herab, so stand er still & bewegungslos da & schaute ins Publikum, der mächtige graue Vollbart der letzten Jahre war einem Kinnbart gewichen, was ihn jünger aussehen ließ. In der Halle wurde es still, während Araya so dastand, dann fingen die Leute an zu klatschen, Jubel brandete auf, & er stand einfach nur da & schaute, grad so, als wolle er sich dieses Anblicks auf ewig versichern, jeden Moment mitnehmen in die Zeit nach Slayer, die ja nun scheinbar unwiderruflich bevorsteht. Danach ein paar Worte, ein Dank, eine Ansage & dann ging´s auch schon weiter, aber für einen kurzen Augenblick klang die Musik danach für mich weit weg, wie durch einen Wattevorhang, gedämpft, unwirklich, dann stetig lauter, bis die Erinnerung an den älteren Mann im Scheinwerferkegel zurücktrat hinter den nächsten Song. In der Halle & auf den Rängen lagen sich mittlerweile alte Metaller in den Armen & weinten, wollten nicht wahrhaben, daß dies wahrscheinlich das letzte Mal war, daß die Band nach 37 Jahren tatsächlich Abschied nehmen & auseinandergehen könnte, daß all diese unsterblichen Songs künftig nur noch als Konserve & als Erinnerung abrufbar sein könnten. Um halb elf ist es dann vorbei. Beim letzten Song, Angel of Death, fällt ein Motivvorhang mit dem Bild Jeff Hannemann´s in den Bühnenhintergrund. Spätestens jetzt ist Jedem klar, auch Götter sind sterblich.

Musik – Maschine im Tinguely Museum, Basel

Szenenwechsel, einige Tage später: die Alsterdorfer Sporthalle, fertiggestellt 1968, seitdem innen & außen noch genauso häßlich, Fassungsvermögen 7000 Menschen, berüchtigt für ihre gnadenlos schreckliche Akustik. Wenigstens kann man die Sitze an den Seitenrängen benutzen, was heute Abend sehr viele Besucher in der nahezu ausverkauften Halle auch tun. Auf dem Programm stehen Dimmu Borgir & Kreator, Support sind Bloodbath & Hatebreed. Bloodbath aus Stockholm eröffnen den Abend mit ihrem brutalen Death Metal, Sänger Nick Holmes, hauptberuflich Frontmann von Paradise Lost, der hier zu seinen musikalischen Anfängen zurückkehrt & genregerecht growlt, trägt Sakko, was irgendwie befremdlich wirkt, aber natürlich egal sein sollte. Die Band klingt besser als die Supports von Slayer, gleichwohl ist auch hier noch Luft nach oben. Während des dritten Songs fällt der Ton aus, inclusive Monitor, nur die Backline ist noch zu hören. Die Band geht nach einer Minute von der Bühne, einige weitere Minuten später kann´s weiter gehen. Allerdings ist nach fünf Songs die Show ohnehin beendet, ggf. wurde ein Songs aus Zeitgründen wg. des Tonausfalls gestrichen. Schade, das klang wirklich nett, was der schwedische Fünfer dort präsentierte. 

Hatebreed aus New York taten das, was sie immer tun: Vom ersten Ton an Vollgas geben, ihren krachenden Hardcore in die begeisterte Menge blasen & die Leute sofort zum Kochen bringen. Beim dritten Stück fällt erneut der Ton aus, ebenfalls die Monitore, nur die Backline ist noch zu hören. Aber die Band nimmt´s mit Humor, spielt einfach weiter, & animiert das geduldige Publikum zum gemeinsamen Winken. Bald ist der Sound wieder da, es wird ordentlich gehüpft & nach kurzer Zeit gibt´s bereits einen Circle Pit rund um die Pultsektion. Sänger Jamey Jasta kommt wie immer sehr freundlich & nett rüber, & die energetische Kapelle hat wieder einmal sichtlich Spaß an ihrem eigenen Treiben. Das alles ist nicht neu & schon gar nicht sonderlich originell, macht aber Spaß & ist sehr sympathisch. Der Sound ist besser geworden. Nach ca. 40 Minuten ist Schluß, die Halle feiert die Band, der folgende Umbau für Dimmu Borgir bietet ein wenig Erholung & Zeit für den Gang zum Getränkestand.  

Die Norweger mit ihrem symphonischen Black Metal polarisieren seit Jahren. Konservativen BM – Fans ist das alles viel zu poppig & weichgespült, sie sprechen von Verrat & Ausverkauf. Derweil wächst die Anhängerschar bestätig, DB sind die mit Abstand erfolgreichste BM – Band weltweit, wobei nicht Wenige sagen, mit BM hat das schon lange nichts mehr zu tun. Musikalisch sind die Grundmuster des BM allerdings nach wie vor klar erkennbar, mandolinenartig gespielte Gitarren, typischer Gesang zwischen kehligen Growls & Gekreische, Blastbeats & Bassdrum Gewitter, finsteres Outfit & viel Schminke. Die Songs sind allerdings eher melodiös & werden mit dichten orchestralen Parts aufgeladen. Bisweilen tritt die Band auch mit komplettem Symphonieorchester & Chor auf, heute Abend ersetzen Keyboard – Samples das richtige Orchester. Der Sound ist noch ein Stückchen besser geworden, die Band wird vom ersten Ton an gefeiert & spielt sich souverän durch die z.T. komplexen, wenn auch insgesamt sehr eingängigen Songs. Das ist durchaus spannend, sehr massiv, dunkel & mächtig, & macht richtig Spaß. Nach gut einer Stunde ist Schluß & ich stelle mir gerne vor, was Dimmu Borgir wohl als Headliner auf einer großen Bühne so alles anstellen würden. Insgesamt betrachtet hat die Band ihren Stil konsequent verfolgt & weiterentwickelt, mit dem aktuellen Eonian ein entsprechendes, also nahezu durchorchestriertes Album mit satten Streichern & fetten Chören aufgenommen & trotzdem die notwendige Härte beibehalten. Das muß nicht allen gefallen, denn  die Songs sind nun noch ein wenig eingängiger geworden, ohne allerdings dabei auf die Stil- & Soundmarken des Black Metal ganz zu verzichten. Dimmu Borgir haben die Phase des Experimentierens offensichtlich beendet & zu einem eigenen Sound gefunden. Dafür, & für´s Ergebnis, auch live, gibt’s ein dickes Lob.

Geräusch – Maschine im Tinguely Museum, Basel

Wie schon beim Bühnenumbau für Slayer, so fällt auch heute vor der Bühne ein dünner Vorhang. Einige Projektionen leiten mit dem obligatorischen Konservenintro ein denkwürdiges Konzert ein. Der fallende Vorhang gibt den Blick auf die komplette Bühne frei, die von vier großen LED Stellwänden für Videoprojektionen beherrscht wird.  Die Sporthalle, der nachgesagt wird, es sei unmöglich, hier einen guten Sound hinzubekommen, zeigt, es liegt nicht an ihr, sondern am Können der Leute an den Reglern. Was Kreator hier abliefern, ist das soundtechnisch Beste, was ich je bei einem Metal – Konzert gehört habe. Große Open Air Geschichten mal außen vor gelassen. Kristallklar, transparent & trotzdem mit dem nötigen Wums bringen die Essener Thrash – Ikonen den Saal nahezu augenblicklich zum Toben. Enemy of God, gefolgt von Hail to the Hordes geben die Richtung vor, der Moshpit vor der Bühne explodiert förmlich & die Band hält Energie & Tempo zügig am Laufen. An Showelementen wird nicht gespart, Flammenwerfer, Konfettikanone, alles kommt zum Einsatz & Kreator erfreuen mit einer Art Best of – Programm.

Es drängt sich unweigerlich der Vergleich mit Slayer auf, doch der, wie viele Vergleiche vor ihm, hinkt. Kreator sind ohne Frage eine handwerklich betrachtet perfekte Band, die Songs sind ein wenig abwechslungsreicher, die Arrangements ausgefeilter, die Instrumentalisten herausragend. Was hier stellenweise geboten wird, bewegt sich zuweilen durchaus an der Grenze des Spielbaren. Aber die Stimme von Tom Araya klingt sehr viel sicherer, ist modulationsfähiger & intonationsfester. Vor allem jedoch: Slayer zeigen, daß der Legendenstatus nicht nur mit kompositorisch vielleicht besseren Songs, sondern vor allem mit einem sachlich nicht immer verifizierbaren Gesamtpaket erlangt wird, & da haben die Kalifornier zwar die einfacheren, zugleich aber auch die wirkungsvolleren Songs auf ihrer Seite. Kracher wie Raining Blood, South of Heaven oder Angel of Death sind Stilikonen, gehören zur DNA des Genres. Repentless, die elfte & bislang letzte Studioplatte ist ein Hammer. Sie haben die Geschichte nicht nur des Thrash, sondern des gesamten Metal geprägt. Slayer haben das kleine, das entscheidende Etwas, das, vielleicht undefinierbar, ihnen gottähnlichen Status gewährt. Slayer sind finsterer, machtvoller, dreckiger. Wie schön, sich nicht wirklich entscheiden zu müssen.

Um eine Entscheidung ggf. zusätzlich zu erschweren, spielten drei Tage später Exodus in der Markthalle. Diese faßt in der unbestuhlten Variante ca. 1000 Personen, der Rahmen ist also vergleichsweise intim. Das Vorprogramm – ich finde insgesamt vier Bands an einem Abend deutlich zu viel, dürfte damit allerdings alleine dastehen – hielt Licht & Schatten bereit & begann mit der Athener Band Suicidal Angels. Die noch ziemlich junge Truppe gab sich große Mühe & war gar nicht mal so erfolglos dabei, das Publikum zu animieren. Bedauerlicherweise kann ich außer Sympathiepunkten nichts weiter vergeben, denn es fehlte so ziemlich an allem, was erforderlich ist, um eine gute Band zu werden. Die Songs waren langweilig & zu einfach gestrickt, die Riffs kamen über Klischees zu keinem Zeitpunkt hinaus, die Instrumentalisten, besonders der Trommler, haben eindeutig noch eine Menge Luft nach oben. So war die Ansage des letzten Songs im Prinzip eine Erlösung.  

Wenn es eine Keimzelle des Thrash gibt, dann liegt sie an der Bay Area, rund um San Francisco. Von Exodus bis Machine Head sind unzählige Bands hier nach wie vor heimisch.  Auch Death Angel stammen von dort. Das 1982 gegründete Quintett kam auf die Bühne & zeigte vom ersten Ton an, was Bay Area Thrash ausmacht & warum es so faszinierend ist, sich davon vereinnahmen zu lassen. Von Anfang an gab die Band Vollgas, spielte sich durch gute & abwechslungsreiche Songs, überzeugte mit ausgesprochen ausgefeilter Spieltechnik, überraschenden Arrangements & einem guten Sound. Die Hardcore – ähnlichen Shouts waren durchaus auch mal mehrstimmig & die Truppe war überaus tight eingespielt. Eine sehr gelungene Vorstellung, ein tolles Konzert & vom Publikum sehr gut aufgenommen. 

Daß es zuweilen doch erstaunlich ist, wie wenig auszureichen scheint, um Legendenstatus zu erlangen, zeigten danach Sodom aus Gelsenkirchen. Der erstaunlichste Widerspruch lag zwischen dem begeisterten Zuspruch für die Band & dem, was diese dafür anbot. Die neuerdings zum Quartett erweiterte Truppe um den ständig leicht assihaften Thomas Such, alias Tom Angelripper spielte keine besseren Songs als der griechische Nachwuchs Eingangs, nur eben etwas fetter. Das reicht nicht, Jungs, wirklich nicht. Die Songs kamen gegen Ende des ca. einstündigen Sets nur noch als Fragmente daher, brachen teilweise ab, ohne daß ein fertiges Arrangement zu hören gewesen wäre & die Gitarrenarbeit war handwerklich – nun, sagen wir mal: ausbaufähig. Gleiches galt für´s Schlagwerk. Die Konserven, die ich von Sodom gehört habe, sind wahrlich keine Meilensteine an Inspiration, jedoch immer noch durchaus solides Handwerk. Dieses Konzert war dagegen einfach nur schlecht. Das Image der hart malochenden bierseligen & Fan – nahen Ruhrpottruppe mit ausgeprägtem Hang zu unteren Gesellschaftsschichten scheint jedoch für die Masse das Gebotene entschuldbar zu machen. Der Saal tobte jedenfalls. 

Dann war´s endlich soweit & Exodus sprangen auf die Bühne. Was dann folgte, war nichts weniger als ein Erbeben, ein musikalisches Massaker besonderer Art. Mit unbarmherziger Geschwindigkeit, gnadenloser Härte, unfaßbarer Präzision & brachialer Lautstärke prügelte das Quintett aus Richmond seine genialen Klassiker in die Markthalle & schien fest entschlossen, die Leute aus den Schuhen zu blasen. Stilgerecht hieß der zweite Song denn auch Lessons in Violence & die gab´s am laufenden Band. Ständig in Bewegung, breit grinsend & immer in freundschaftlichem Kontakt mit den ersten Reihen, die nur eine Armlänge weit entfernt waren, & offensichtlich in allerbester Laune, feuerten Exodus den ohnehin brodelnden Thrash Kessel noch einmal ordentlich an, legten diverse Schaufeln Kohle nach & ritten auf einer alles niederwalzenden Welle von schier unerschöpflicher Energie durch den Rest des Abends. Unfaßbar; auch vor dem Hintergrund der physischen Anstrengung. Atempause: keine ! Für den gegenwärtig mit Slayer tourenden Gary Holt spielte wieder einmal Kragen Lum einen absolut vollwertigen Ersatz, & er wirkte keineswegs als Außenseiter oder Lückenbüßer, dafür kennt man sich einfach schon zu lange. Der Beweis, daß Old School Bay Area Thrash zeitlos ist & nichts, aber auch gar nichts eingebüßt hat, heißt Exodus.  

This old shit is really fuckin´ bay area thrash & it´s fuckin´ swingin´ ! 

& vielleicht trifft´s dieses Wort tatsächlich, Exodus hatten den Swing, trotz dieser ultraharten Musik ein fühlbares Element der Leichtigkeit, Lässigkeit & Lebendigkeit, daß vor allem US Bands so eigen ist, selbst wenn sie Fuckin´ Bay Area Thrash spielen. 

 

Anspieltips:

Anthrax: Caught in a Mosh:  https://www.youtube.com/watch?v=fJl7PtE0J6g 

Slayer: Raining Blood:  https://www.youtube.com/watch?v=H2OjbS_GnS4

Dimmu Borgir:  Gateways:  https://www.youtube.com/watch?v=XGoak4ISCPU

Kreator:  Hordes of Chaos:  https://www.youtube.com/watch?v=DP2JYcxk7UQ

Death Angel:  Father of Lies:  https://www.youtube.com/watch?v=GUudaIBYCQQ

Exodus:  Bonded by Blood:  https://www.youtube.com/watch?v=buo41pkHMU0