August 10

Wacken 2018

. . . . die Wüste lebt . . . . 

Wer bereit ist, beim Reisen die Komfortzone zu verlassen, sollte vorbereitet sein, besonders dann, wenn es auf einen Acker im Schleswig Holsteinischen Nirgendwo geht. Gewöhnlich steht hier um diese Jahreszeit knöcheltief der Matsch, ein Zeichen, wie lange das Klima bereits vor sich hin siecht, um nun endlich den Absturz in die Agonie zu vollziehen. Heuer – es hatte seit Ende März nicht geregnet – waren Gummistiefel nicht nötig, nur besonders Vorsichtige wie ich, hatten sie trotzdem dabei, denn ein heftiges Gewitter mit entsprechendem Starkregen, bei der Hitze nicht ganz abwegig, hätte das Bild, bzw. die Bodenbeschaffenheit, schlagartig ändern können. Das Gewitter fand nicht statt, zumindest nicht am Himmel, & so konnte es beim Wanderschuh bleiben. Heiß sollte es sein, hieß es, & es wurde heiß. Die Veranstalter hatten vorgesorgt, es waren diverse Trinkwasserstellen eingerichtet, denn mehrere Liter davon waren erforderlich, um den Tag auf dem nahezu schattenfreien Feld ohne Schaden zu überstehen. 

Bekanntermaßen ist es nicht möglich, auch nur annährend alles Angebotene anzuhören, unabhängig von der Tatsache, daß die Auswahl ja zuallererst dem persönlichen Geschmack folgt. Deswegen bleibt hier vieles unerwähnt, was andere interessiert hätte, ist die Auswahl des Besprochenen rein individuell & das Urteil so objektiv wie möglich. Was nicht heißt, daß es nicht auch von persönlichen Vorlieben geprägt ist – ebenso wie von entsprechenden Abneigungen, der Leser wird es schon merken. Einige Bandnamen sind mit einem Sternchen versehen, zu diesen gibt es als Anhang des Artikels entweder einen kurzen Live – Mitschnitt oder ein Video. 

Mittwoch, den 1. August 2018

Am Voreröffnungstag, die Hauptbühnen sind noch nicht in Betrieb, schaue ich mir im großen Zelt Stiff Little Fingers an, denen man die Jahrzehnte Ihrer Existenz nicht anhört. Rotzig, frech & voller Energie spielen sie ihren punkigen Sound & reißen die Leute ordentlich mit. Danach mache ich eine Runde über den Platz, weil ich Fisher – Z, die danach kommen, noch nie besonders mochte. Vielleicht ein Fehler, denn als ich beim letzten Song wieder zum Zelt komme, ist dies rappelvoll & alle sind offensichtlich begeistert. Nun kommt der ehemalige Marillion – Sänger Fish, der ein sehr getragenes Set spielt, welches unverblümt nach theatralischem Frühachziger Progressive Retro klingt, mit gewissen Genesis – Anleihen.  Das  hat mit harter Musik, oder gar Metall absolut nichts zu tun, hat jedoch viele Freunde im Publikum. Fish selbst, mittlerweile ein fülliger älterer Herr mit Glatze & grauem Vollbart, dessen Bewegungen etwas skurril wirken, hat seine sehr gute Band fest im Griff, erweist sich zuweilen allerdings als unangenehmer Despot. Hier wird deutlich, dies ist keine Band, dies ist Fish, der zwecks Darstellung seiner – ziemlich guten – Songs eine Söldnertruppe zusammengesucht hat, die ihm blind zu gehorchen hat. Das wirft bedauerlicherweise einen Schatten auf das sonst sehr gute Konzert. Seine Ansprachen ans Publikum sind ganz anders, frei von Arroganz & Gehabe, sehr darauf bedacht, verstanden zu werden. Ich bin gespannt, wie diese Musik aus der Konserve klingt. Für beide Konzerte gilt, was in Wacken immer gilt: sehr guter Sound, straff organisierte Abläufe & Pünktlichkeit. Danach gehe ich, eingehüllt in eine gigantische Staubwolke, zum Ausgang, wo auch grad der  Shuttle – Bus kommt, & fahre nach Itzehoe zurück. In der Wohnung ist´s dann Zeit für ein Abendbrot. 

Donnerstag, den 2. August 2018

Heute fahre ich erst später nach Wacken, da zuvor nichts läuft, was mich interessiert. Auf dem Acker hat man über Nacht ordentlich gesprengt, sodaß es nicht staubt. Vorläufig jedenfalls nicht. Das Programm heute zeigt die unterschiedlichsten Facetten, bedient unzählige Vorlieben, & leider auch diverse Qualitätsstufen. Daß ich, & das ist kein Scherz, das schlechteste Konzert meines Lebens ausgerechnet hier sehen würde, hätte ich nicht gedacht, doch dazu später. Den Hauptbühnentag eröffnen Dokken, die alten Hardrockrecken, eine halbwegs inspirierte Instrumentaltruppe & ein lustloser Sänger Dan Dokken, der sich bemüht, wie Jim Morrison zu klingen & auch nicht davor zurückschreckt, sich hemmungslos am Doors – Material zu bedienen. Leider tut er das dermaßen gelangweilt & öde, daß das weitere Zuhören keinen Spaß macht. Daß dies noch deutlich unterboten werden kann, beweist hinterher der ehemalige Mötley Crue – Sänger Vince Neil. Daß man MC nicht mögen mußte, ist wohl richtig, deren Songs hatten jedoch durchaus Oldschool – Qualitäten & die Verkommenheit des dreckigen Rock´n Roll wurde von kaum jemandem besser verkörpert als von der Trümmertruppe MC. Besonders Sex & Drugs wurden konsequent ausgelebt, & die Band hatte live durchaus einen gewissen Unterhaltungswert. Vince Neil hingegen spielt mit seiner Band dermaßen schlechte Songs, daß jede bessere Schülerband sich schämen würde, so etwas im Programm zu haben. Da nützten auch die beachtlichen Slapstick- & Gymnastikeinlagen des extrovertierten Trommlers nichts, was geboten wurde, war einfach nur blamabel. 

Zur Erholung ging´s nun in das große Konzertzelt, wo Deserted Fear* aus Thüringen einen sehr engagierten & schlüssigen Death Metal spielten, der keine Wünsche offen ließ. Da sie das zudem mit sichtbar großer Freude taten, gab´s in meiner inneren Bewertungsskala drei Extrapunkte oben drauf. 

Die deutsche Metal – Legende Udo Dirkschneider spielt traditionellen deutschen Metal der alten Art, & um es kurz zu machen, das hat man schon weit besser gehört, auch hier fallen Riffs & Songs eher dürftig aus. 

Für mich eine neue & sehr positive Entdeckung waren Oomph!*, die es schafften, mit einer Mischung aus Rammstein, Skooter & den Krupps eine sehr eingängige Partymusik zu kreieren, deren stilistische Elemente sich gut zu einem tanzbaren Industrial Metal ineinander fügen. Die deutschen Texte sind nur scheinbar recht simpel, Abzählreimen nicht unähnlich, sie offenbaren jedoch beim Zuhören eine erstaunlich morbide Hintergründigkeit. Das Ganze wurde mit unbändiger Energie vorgetragen & entsprechend begeistert aufgenommen. 

Über Behemoth* könnte eine Menge gesagt werden, vor allem Kontroverses. Dazu ist es allerdings erforderlich, über die Musik hinauszuschauen:  Sänger, Songschreiber & Gitarrist Adam Michal „Nergal“ Darski & die Seinen betreiben die Darstellung eines expliziten sakralen Satanismus In Text & Optik auf professionell überaus beeindruckendem Niveau. Die 1991 gegründete polnische Band hat sich mittlerweile in die Spitzengruppe des internationalen Metal gespielt & es deswegen nicht nötig, zu knausern. Es wird eine opulente Bühnendekoration aufgefahren, das Anlegen des Make Up, das die üblichen Schwarz / weiß Bemalungen der Konkurrenz der Lächerlichkeit preisgibt, dürfte von professioneller Hand vorgenommen, seine Zeit dauern, es fehlt an nichts, auch nicht an eindrucksvollem Feuerwerk. Die Musik ist über jeden Zweifel erhaben, gespielt wird überwiegend im midtempo Bereich angesiedelter komplex strukturierter Death Metal, bei dem z.T. divergierende Klangflächen clusterhaft gegen- & übereinander gestellt werden & das handwerkliche Niveau der Band erlaubt ohne Frage derartig anspruchsvolle Strukturen. Das klangliche Konzept, das auch im Studio auf eine starke Vermischung der unterschiedlichen Klang- Kompositions- & Instrumentalebenen setzt, wird auch live in beeindruckender Weise umgesetzt. Das alles ist großes Kino für Auge & Ohr, absolut faszinierend & von hohem Reiz. Davon ausgehend, daß sich zwar die Masse der Zuhörer keine Gedanken über den Hintergrund macht, auch nicht darüber, ob die Anrufung des Satans wohlmöglich reines Theater ist, oder aber erschreckend ernstgemeint, bleibt für mich ein starkes Moment der Verunsicherung. Ich kann nicht sagen, wieviele junge Leute sich durch die Band aufgerufen fühlen, sich mit den falschen Dingen zu befassen, es geht mich auch nichts an, es ist meine Sache, zu zweifeln, die Sache Anderer, Entscheidungen zu treffen, & ich will mir keinesfalls die Rolle eines moralischen Richters anmaßen, denn Religion, ganz gleich welche, ist Privatsache. Dazu bin ich auch selbst viel zu fasziniert, da die elementare Wucht dieser Band zweifellos überaus beeindruckend ist. Ich habe Black Metal stets sehr geschätzt – als Musik – bei Behemoth scheint jedoch eine Schwelle überschritten zu werden, Türen werden geöffnet, die ggf. verschlossen bleiben sollten. Nergal ist ein intelligenter Mann, er hat sechs Jahre Geschichte & Latein studiert, er hat eine fortgeschrittene Leukämie dank Stammzellentherapie gut überstanden, ich denke, er weiß, was er tut. So oder so.

Wacken 2018

Hatebreed, die schon auf dem letzten Elb – Riot einen guten Eindruck hinterlassen haben & mit ihrem gnadenlosen Hardcore ordentlich auf die Ohren gegeben haben, konnten sich heuer noch einmal steigern, scheinbar setzt bei Einigen die Kulisse zusätzliche Energien frei. Sehr sympathisch. Was dagegen die Bedeutung von Danzig ausmacht, bleibt für mich nach wie vor rätselhaft. Mittelmäßiger langweiliger Darkwave Punk mit einem schlechten Sänger. Das mag lieben wer will, es fällt für mich unter die Rubrik zutiefst entbehrlich, also Schwamm drüber.

Es gibt vier Bands, die über die Jahrzehnte hinweg das Metal – Genre in sehr unterschiedlicher Weise geprägt haben & auf die sich wohl 95 % der Metalheads einigen können: Iron Maiden, Slayer, Metallica . . . & die, die diesen Abend in Wacken zu einem großen machen sollten; Judas Priest*. Keine andere Band verkörpert bis heute den klassischen Heavy Metal der Gründerzeit derart gradlinig & überzeugend wie das Quintett aus Birmingham. Dies gilt auch noch im 48. (!!) Jahr ihres Bestehens. Die legendäre Besetzung mit Rob Halford / Gesang, K.K. Downing & Glenn Tipton / Gitarre, sowie Ian Hill / Baß hat unsterbliche Klassiker des Genres eingespielt. Downing stieg 2011 aus & wurde durch den bis dahin ziemlich unbekannten Richie Faulkner ersetzt. Tipton, der an den Aufnahmen zum aktuellen Album Firepower noch beteiligt war, ist weiterhin Mitglied der Band, tourt jedoch nicht mehr, sondern erscheint gelegentlich für zwei oder drei Songs auf der Bühne, da das Fortschreiten seiner bereits vor zehn Jahren diagnostizierten Parkinson Erkrankung eine komplette Show nicht mehr zuläßt. Ersetzt wird er durch den Produzenten von Firepower, Andy Sneap. Es stellte sich also die Frage, wie Priest in dieser Besetzung klingen würden. Daß die Show die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte, hatte zwei Gründe. Der Sound wirkte eher flach, mitten- & höhenlastig & die Band spielte mit angezogener Handbremse. Diese wurde nach & nach gelöst, Richie Faulkner suchte den steten Kontakt zum Publikum, Andy Sneap hielt sich eher unauffällig. Deutlich wurde, weder K.K. Downing, noch Glenn Tipton sind vollwertig zu ersetzen, auch wenn besonders Faulkner ein hervorragender Gitarrist ist. Ob es allerdings – wir alle werden älter, selbst der Metal God – eine gute Idee ist, Painkiller noch in der originalen Tonhöhe zu singen, darf bezweifelt werden. Gegen Ende des Sets kam dann tatsächlich noch Glenn Tipton auf die Bühne, der es sich nicht nehmen ließ, hier in Wacken nochmal in die Saiten zu greifen. Bewegend. Was blieb, war die Frage auf der Heimfahrt, sind dies noch Judas Priest, oder sollte die Band in Ehren abtreten.  Ich finde, dies sind durchaus noch Priest, für den flachen Sound ist der Tontechniker zuständig, es war insgesamt ein weitgehend homogenes Erscheinungsbild, einige Songs, besonders Painkiller, sollten allerdings unbedingt tiefer transponiert werden. Außerdem: Legenden verzeiht man so Einiges, & es gibt nicht den geringsten Grund, dieses Konzert als mißlungen zu betrachten, im Gegenteil, The Priest sind auch 2018 noch eine Größe, an der die Wenigsten vorbeikommen & die die Meisten nie erreichen werden.

Freitag, den 3. August 2018

Heute muß ich schon Mittags auf dem Infield sein, damit ich mein Programm sehen kann. Wieder hat man ausgiebig gesprengt, noch gibt es keinen Staub, zumindest nicht hier. Cannibal Corpse* aus Buffalo / New York bestehen seit 1988. Keine andere Band dieses Planeten ist seitdem international auch nur annährend umfänglich mit Verbots-, Indizierungs- & Beschlagnahmebeschlüssen traktie rt worden. In Deutschland geschah dies weitgehend auf Betreiben der baden – württembergischen Lehrerin Christa Jenal, die in Sachen C.C. einem obsessiven Verfolgungszwang anhängt. Die Texte der Band sind vertonte explizite Splatterphantasien, die Musik geradezu exemplarischer klassischer Death Metal. In Deutschland sind insgesamt sechs Platten der Band entweder beschlagnahmt, also verboten, oder aber indiziert. & so geben die mittlerweile schon angegrauten Herren das Beste, ihrem Ruf gerecht zu werden. Bis auf Mähne schütteln gibt´s keine Showelemente, George „Corpsgrinder“ Fisher grunzt & schreit sich durch´s Programm, Trommler Paul Mazurkiewicz grinst vergnügt in sich hinein, der Rest spielt seinen Part & guckt böse. Die Musik rollt wie eine bleierne Walze satt, fett & geschmeidig über´s Feld, daß es eine wahre Freude ist & trotz der frühen Mittagsstunde hat sich eine beachtliche Menge vor der Bühne eingefunden, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen & das brachiale Quintett angemessen zu feiern. Als besonderen Gruß an Frau Jenal gibt´s zum Abschluß auch noch das verbotenste aller verbotenen Stücke, sogar mit genüßlich vorgetragener Ansage: Hammer smashed Face. Ein tolles Konzert! 

Amorphis* aus Finnland ziehen danach die Massen in ihren Bann, & das völlig zu Recht. Eher im gemäßigten Tempobereich angesiedelt, hat deren Musik einen speziellen Reiz, da es die Band schafft, unterschiedliche Stilelemente zu einem homogenen Eigenen zu verarbeiten. Das kommt gänzlich ohne protzendes Gefrickel aus, ist ziemlich individuell & schafft mit der Verbindung von brachialen Stilelementen, epischen Melodien, atmosphärischen Keyboard Teppichen & dem Wechsel von Growls & Klargesang des sehr guten Sängers Tomi Joutsen melodiöse Spannungsbögen & eine berührend melancholische Gesamtstimmung. Diese wird von den poetischen Texten zusätzlich unterstrichen. Daß dies zu keinem Zeitpunkt der folgenden 75 Minuten ins Pathetische oder gar Schwülstig – Klebrige kippt, sondern stets spannungsvoll, homogen & interessant bleibt, zeigt, wieviel Arbeit Amorphis in ihre Songs & Arrangements stecken. Auch dies ist ein Konzert, das lange nachwirken wird, denn dies ist eine Band, die auch nach 28 Jahren keinerlei Ermüdungserscheinungen zu kennen scheint. 

Heute ist der finnische Tag in Wacken, auch die folgende Band kommt aus dem hohen Norden. Korpiklaani* sind ein Phänomen. Kaum erklingt der erste Ton, sofort fangen alle Frauen an, verzückt zu tanzen, oder sich anderweitig rhythmisch zu bewegen. Wirklich phänomenal. Die von Akkordeon & Geige dominierte Musik ist reinster Folk Metal, & deshalb gibt´s jetzt Volkstanz mit Stromgitarre. Da ich das ermüdend & öde finde, auch wenn Korpiklaani ihre Sache wirklich sehr gut machen, suche ich das Weite & staune über die Reaktionen in & um die auf dem Feld tobende Masse. Außerdem staune ich über mich,  weil sich der Gedanke einschleicht …. ne, nein, nein, das will ich nicht mögen! Oder . . . . vielleicht  . . . ?

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Schandmaul, eigentlich eine sehr gute Band, die sich für ihren großen Erfolg, ähnlich wie In Extremo, jahrelang buchstäblich den Arsch abgespielt hat. Bedauerlicherweise nimmt die Band schon seit Jahren ständig die gleiche Platte mit den gleichen Stücken auf, & das ist ein Problem. Das zweite Problem ist der Sänger, Thomas Lindner, der dem Zwang unterliegt, in möglichst jeder Liedzeile viel mehr Worte unterzubringen als hineinpassen, damit aus dem tonal differenzierten Rezitieren auch Gesang entstehen kann. Folk Rap, gab´s das schon? Das ist schade, aber warum sollte man es ändern, die Songs an sich sind nicht schlecht & der Erfolg gibt dieser Methode offenbar Recht. 

Ich habe auf diesen Seiten oft vom Deutschen in der Musik geschrieben, davon, daß das Teutonische entweder eher einfalls- & inspirationslos daherkommt, wie bei Herrn Dirkschneider, oder es kommt im Gewand von Epica. Grundsätzlich kann ich das, was gewöhnlich unter dem Genre Symphonic Metal dargeboten wird, nicht ausstehen. Operngesang & Metalgitarre vertragen sich nicht. Davon später mehr. Epica kommen aus den Niederlanden, aber sie tragen das deutsche Problem vor sich her. Eingangs hört sich das nicht schlecht an, Sängerin Simone Simons schlägt ihre symphonisch metallenen Mitbewerberinnen um Längen, was emotionalen Ausdruck, Intonationssicherheit & Bühnenpräsenz angeht. Die Songs sind straff & abwechslungsreich arrangiert, die instrumentalen Fähigkeiten der Mitspieler über jeden Zweifel erhaben, aber dann kommt der Punkt, an dem das Ganze kippt. Ein Break zuviel, ein Taktwechsel zu gewollt, sodann noch ein eingeflochtenes Stilelement hier, ein rhythmisches Kabinettstückchen dort, & dann, dann treten wir den Beweis an, daß wir den Meisterkurs der Kompositionsklasse an der Juillard School mit Auszeichnung bestanden hätten. & dann, weil das auch noch nicht reicht, überholen wir uns noch gleich einmal selbst. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Band allerdings längst in ihrem akademischen Gefrickel verloren, in den Fallstricken ihrer reißbretthaften Arrangements verfangen & die Musik längst aus den Augen verloren. Um es deutlich zu sagen: das geschieht auf höchstem handwerklichen Niveau, man verliert allerdings die Lust am Zuhören, denn die Musik atmet nicht mehr, sie hat keinerlei Raum mehr zur Entfaltung, sie erzeugt keinerlei Atmosphäre, sie wird schlicht begraben unter der vollkommen überambitionierten Zurschaustellung kompositorischer & handwerklicher Allmachtsphantasien. Schade. Was könnte das für eine Band sein, wenn sie sich selbst das Spielen von Musik erlauben würde.

Wacken 2018

Eine meiner persönlichen Lieblingsbands sind Children of Bodom*, auch sie aus Finnland. Die Band um Sänger, Gitarrist & Songschreiber Alexi Laiho ist stilistisch irgendwo zwischen Thrash & Death Metal einzuordnen, der mit gelegentlichen Progressive – Elementen angereichert wird. Auch stehen die Stilistiken nicht voneinander abgegrenzt als Bausteine erkennbar nebeneinander, sondern ergeben ein homogenes Ganze. Zumeist ist das Tempo der Songs ziemlich hoch, das Keyboard dient nicht der Erzeugung von Klangflächen, sondern hat regen Anteil an diversen schnellen Sololäufen, in denen es sich den Gitarren unisono anschließt. Das verhilft der Musik zu einem virtuosen Glanz, individueller Eigenheit & sehr gut durchhörbarer Struktur. Der gut einstündige Auftritt verging wie im Fluge, einzig getrübt durch technische Probleme mit dem Keyboard, die durch die Bühnentechnik leider nicht vollständig beseitigt werden konnten. Der allgemeinen Begeisterung konnte dieser Umstand jedoch nichts anhaben. Mittlerweile hatte die Nachmittagshitze ihren Höhepunkt erreicht, & mir war der Aufenthalt in der Sonne trotz Hut nur mit zusätzlichem kalten Kopfwickel möglich. Trotzdem mußte ich diese Band fast direkt an der Bühnenabsperrung stehend erleben, so nah wie möglich, denn hier, in diesem Bereich herrscht eine besondere, sehr emotionale Atmosphäre, die dem Erleben von Musik eine nochmals höhere Intensität, ja Euphorie hinzufügt.

Auch in diesem Genre ist die Bezeichnung Legende recht schnell zur Hand. Eine Legende ist wohl jemand, der seit sehr langer Zeit sehr viel geleistet hat auf seinem Gebiet, & dabei einen gewissen Status erreicht hat. Warum Udo Dirkschneider so genannt wird, ist mir rätselhaft, warum Dorothee Pesch in diese Rubrik fällt, hingegen nicht. Dementsprechend groß ist der Andrang, als die 54 – jährige, ein neues Album im Gepäck, die Bühne betritt.  Das geht eingangs ziemlich gut zur Sache, eingängige klassische Metal Songs, eine engagierte Band & eine erstaunliche Sängerin, die ihren Namen Queen of Metal zu Recht trägt. Im Gegensatz zu Herrn Dirkschneider haben ihre Songs Qualität & Abwechslung, Energie & das Zeug zum Ohrwurm. Das ändert sich in dem Moment, in dem Sweet auf die Bühne kommen. Doro hatte Gäste angekündigt & es kommen tatsächlich Andy Scott & Peter Lincoln von Sweet auf die Bühne, um gemeinsam Ballroom Blitz zum Besten zu geben. Als nächster Gast erscheint dann Doro´s langjähriger Gitarrist Tommy Bolan, später, allerdings ist da das Set bereits abgestürzt, Johan Hegg von Amon Armath, dem es gelingt, die nächsten beiden Nummern im Duett mit Doro zu retten. Was ist passiert: Durch die Gäste & die damit verbundenen Unterbrechungen & stilistischen Wendungen ist aus dem Konzert eine Nummernrevue geworden, von Doro viel zu wortreich kommentiert, mit viel zu überschwänglich emotionalen Dank & Freude – Kommentaren versehen – & das alles auf Englisch, was einer deutschen Sängerin auf einem deutschen Festival (mit ca. 35 % internationalem Anteil – so die Veranstalter) nicht so gut ansteht. Da wirkt Vieles übertrieben, ja aufgesetzt, was es – da bin ich mir ziemlich sicher – nicht einmal war, doch für den Fluß eines bis dahin runden Konzertes war es wenig zuträglich. Schade. 

Nach dem unsäglichen Auftritt der ehemaligen Nightwish – Sängerin Tarja hier an diesem Ort im Jahr 2016 (siehe Beitrag Im Zeichen des Schädels in diesem Blog), sprach ich mit dem überaus netten Verkäufer im Metalladen meines Vertrauens darüber, ob es eine Band wie Nightwish überhaupt geben müsse. Beide waren wir der Meinung, nein, ganz sicher nicht. Wir waren uns jedoch auch einig, daß genau diese Band ungeheuer erfolgreich ist. Aber das ist Helene Fischer auch. Diese These ggf. zu widerlegen, hatten Nightwish an diesem Abend die Gelegenheit. Nun, die Band tat alles, aber auch wirklich alles, um sie eindrucksvoll zu bestätigen. So wie Unheilig Rammstein für Schlagerfreunde sind, so sind Nightwish die Metalband für Helene Fischer Fans. Die Songs sind in einem unerträglichen Maße vorhersehbar, auch wenn man sie, wie ich, nicht kennt. Man kann sofort mitsingen, denn die nächste harmonische Wendung kommt genauso, wie man sie erahnt. Die Bühnendeko ist aufwendig, aber kitschig, die Gestik von Sängerin Floor Jansen aus dem bekanntlich klitzekleinen Bewegungsrepertoire deutscher Schlagermäuse entliehen, & alles ertrinkt in vor verlogener Anbiederung triefender Seichtheit. Das ist in der Summe unerträglich & gerade deswegen so ungeheuer erfolgreich. Musikalische Zuckerwatte für ein Publikum zwischen 16 & 50, dem Metal eigentlich zu anstrengend ist & das sich von den Finnen nur zu gerne die Ohren zukleistern läßt. Das habe ich genau zweieinhalb Stücke lang ertragen, bevor ich angewidert aufgebrochen bin.  

Samstag, den 4. August 2018  

Heute ist ein schlechter Tag, ich fühle mich nicht besonders & es gibt nur zwei Bands, die mich wirklich interessieren, Helmet & Running Wild. Zuvor schau ich mir aus lauter Neugier die, Eigenbeschreibung, Deutschlands meiste Band der Welt an, Knorkator. Das wollen sehr viele andere auch, ich weiß, die Band hat seit Jahren einen guten Ruf & soll sehr lustig sein. Ist sie aber leider nicht, was wohl daher kommt, daß ich auch Helge Schneider komplett dämlich & vollkommen unlustig finde. Vielleicht bin ich auch zu alt um Texte, in denen es darum geht, daß man sich leider nicht selbst in den Arsch ficken kann, weil der Schwanz zu kurz ist, ihn sich selbst hinten rein zu stecken, lustig finden zu können. Die Musik dazu ist derart ziel- & belanglos, daß sie hier nicht weiter beschrieben wird.

Derweil mühten sich Wintersun nicht unsympathisch um Zustimmung, doch eine Musik, die wie weichgespülte Borgnagar klingt, braucht eigentlich niemand, auch waren die Keyboard Sounds zu zuckrig & die Songs zu schwach. 

Alestorm, fünf ziemlich junge Leute aus Perth in Schottland spielen sehr erfolgreich einen shantyhaften Folk Metal, der in die Beine geht & unglaublich gut ankommt. Das kann ich verstehen, er hat keine Ecken, keine Kanten, ist nicht besonders schwierig & eignet sich ganz ausgezeichnet als Partymusik. Genauso wurde die Band auch aufgenommen. Wer mochte, hatte jede Menge Spaß, Genuß ohne Reue sozusagen. Der Leser erahnt, daß ich  diese Art Spaß nicht teilen mag, aber das geht in Ordnung. Zu Helmet bin ich nicht gegangen, weil ich einfach mal raus mußte ins Dorf, um ein wenig zu sitzen, was aufgrund der nichtmetallischen Tagestouristen aller Altersklassen, die mittlerweile in Reisebussen & Sammeltaxis in die Hauptstraße einfallen, um sich zu gruseln, schwierig war. 

Wacken 2018

Running Wild* schließlich versöhnten mich mit diesem ansonsten gebrauchten Tag. 1979 gegründet, existieren sie mit nur zweijähriger Unterbrechung immer noch, & wie! Gründer, Gitarrist, Sänger & Songschreiber „Rockin´“ Rolf Kasparek & seine über die Jahre wechselnde Truppe genießen einen hervorragenden Ruf & haben eine treue Fangemeinde. Dies war ihr einziger Auftritt in diesem Jahr & er wurde entsprechend & angemessen gefeiert.  Die Band hat insgesamt 16 Studioalben herausgebracht & so gab es mehr als genug Material, für ein wunderbar altmodisches klassisches Heavy Metal Konzert. Rockin´Rolf zeigte, daß es nicht erforderlich ist, zu jedem Stück eine kleine Ansprache zu halten, wie dies gestern bei Doro der Fall war, sondern kurz & knapp, freundlich & offen nur das Nötigste, & ansonsten das bestens motivierte Quartett einfach laufen zu lassen, was es dann auch wie eine gut geölte Maschine tat. Es sind diese Konzerte, die wie im Fluge vergehen, alle haben Spaß, auch die Musiker, die Songs passen einfach, auch ohne großes Tamtam & überflüssiges Gefrickel, eher einfach, gradlinig, mit der passenden Hookline im Refrain & schönen soliden Riffs, ein feines Solo darüber, nicht abgehoben virtuos, aber mit Herz & Gefühl – so einfach können die Zutaten für ein überaus gelungenes Heavy Metal Konzert sein. Dankeschön, Wunderbar! 

Das Wetter war schwierig, aber das ist es hier ja offenbar immer, die Musik war aus meiner Sicht durchwachsen, was allerdings nicht immer an der Musik lag. Es gibt einen ungehemmten Hang zum Feiern vor der Bühne, Bands wie Korpiklaani, Schandmaul oder Alestorm stehen dafür. Warum auch nicht. Man feiert die Band, die Musik & natürlich sich selbst – was soll daran schlecht sein? Es wird eine große Bandbreite harter Musik geboten, was hoffentlich so bleiben wird. Was auf jeden Fall bleibt, ist das Gesamterlebnis, wieder einmal diese unglaubliche Größe, die einzigartige Atmosphäre & – was sonst: viele tolle Konzerte. & deshalb, bis zum nächsten Mal, Wacken, Rain or Shine!

Im Nachklang sozusagen gibt´s hier einige Videos, das Geschriebene zu illustrieren. Da das Rezeptionsverhalten von uns Konsumenten das Musikgeschäft in den letzten Jahren sehr zum Nachteil der Bands & Musiker verändert hat, weil Streaming CD & Platte mittlerweile weit hinter sich gelassen hat, für gestreamte Alben & Titel jedoch kaum Geld in die Kassen der Musiker fließt, wachen diese umso mehr über andere Dinge, an denen sie noch Rechte geltend machen können. Bis vor wenigen Jahren war es selbstverständlich, nach dem WOA Konzertmitschnitte des Wacken – TV zu finden. Dies ist nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Die Rechte dafür sind bei den sog. Medienpartnern, gegenwärtig ist das Magenta Music der Deutschen Telekom. Freie Verfügbarkeit ist damit beendet. Aus diesem Grunde gibt es im Folgenden keinen aktuellen WOA Mitschnitt zu sehen, sodaß ich entweder auf Videos oder ältere, aber nach wie vor repräsentative Mitschnitte zurückgegriffen habe.

Videos:

     * Deserted Fear / Wrath on your Wound (Video):

https://www.youtube.com/watch?v=MSGhwYEdXMk

  • Behemoth / The Satanist / aus live DVD / BR Messe Noire:

https://www.youtube.com/watch?v=bIiCCUlZNoM

  • Oomph! / Labyrinth  (Video): 

https://www.youtube.com/watch?v=CJ2u3pRpCjc

  • Judas Priest / Metal Gods / DVD / BR Battle Cry, live in Wacken 2015:

https://www.youtube.com/watch?v=pGcCAC75VeY

  • Cannibal Corpse / Scourge of Iron / live in Wacken 2015:

https://www.youtube.com/watch?v=6CxuyY7vMDw

  • Amorphis / Wrong Direction (Video):

https://www.youtube.com/watch?v=Bz9uAOM4DHo

  • Korpiklaani / Henkselipoika (Video):

https://www.youtube.com/watch?v=ZB7PyLYQyXg

  • Children of Bodom / Live in Wacken 2014:

https://www.youtube.com/watch?v=d-PjFogAKhQ

  • Running Wild / Live in Wacken 2015:

https://www.youtube.com/watch?v=pcWriDQ5aXA