September 28

Solitary Man

. . . Neil Diamond in Hamburg . . . 

 

„Be 
As a page that aches for a word
Which speaks on a theme that is timeless
While the Sun God will make for your day
Sing
As a song in search of a voice that is silent
And the one God will make for your way.“

aus Jonathan Livingston Seagull / Be / Neil Diamond

 

Als empathische Ausdrucksweise hat das Pathos Bekenntnischarakter. Das Ich offenbart sich mit einer inneren Haltung, es bekennt sich zu sich selbst. Das ist in Zeiten der Coolness ganz entschieden uncool.“ schrieb Roman Bucheli in einem sehr lesenswerten Beitrag der NZZ vom 23.9.2017. „Der Pathetiker lebt auf der Rasierklinge“, sagt Bucheli im Folgenden weiter & führt als Beleg einen Ausspruch von Ingeborg Bachmann an, den diese wiederum auf den Gesang von Maria Callas gemünzt hatte, & fährt dann fort: „Aber das Pathos ist immer unterhalb der Perfektion, weil es sich eine Blöße gibt, freilich nicht im Künstlerischen, aber in den Affekten. Es lässt an den Bruchstellen in ein Inneres blicken.

In diesem Beitrag geht es in vielfältiger Weise um Beides, um Bekenntnis & Pathos.

Von den unzähligen Konzerten, die ich in meinem Leben in den unterschiedlichsten Genres gesehen habe, gab es wenige, die ich als aus irgendeinem Grunde mißlungen erinnere. Viele, ganz sicher die meisten, waren gut, auch sehr gut, obwohl nicht immer klar wurde, weswegen. Überaus wenige waren ganz besondere Höhepunkte, die sich, auch noch nach Jahrzehnten, als unvergeßlich einprägen & die ich als einen inneren Schatz mit mir herumtrage. Dazu gehören die Bruckner – Aufführungen von Günter Wand mit dem NDR – Orchester, die beiden Konzerte mit dem so früh & tragisch verstorbenen Guiseppe Sinopoli am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters, sowie das Jethro Tull Konzert zur Heavy Horses – Tour in Bremen. Auf jeden Fall auch die beiden Auftritte von Rufus Wainwright in der Musikhalle & in der Elbphilharmonie. Sie alle werden jedoch um einen kleinen Funken überstrahlt von den vier Auftritten von Neil Diamond, die wir in Kiel & Hamburg im Laufe der Jahre sehen durften. Warum ist das so, was macht diesen Sänger zu etwas derart Besonderem ? Natürlich, wird man sagen, die Musik, selbstverständlich, doch ist dies eine Banalität & somit viel zu vordergründig. Es ist dieser besondere kleine Moment, in dem der Sänger – die Band hat bereits das erste Stück intoniert – die Bühne betritt. Ich habe nie zuvor & auch sonst zu keinem Zeitpunkt erlebt, daß in diesem Moment auch große Arenen zum kleinen intimen Club sich wandeln, der Sänger auf den Besucher zugeht, ihm wie einem lang vermißten Freund begegnet & ihm das Gefühl vermittelt, er sänge nur für ihn. Es ist dieser kleine, alles entscheidende Augenblick, der eine Verbundenheit schafft, die etwas Magisches hat. Der Sänger strahlt, seine ausladenden Gesten scheinen alle 14 000 Besucher umarmen zu wollen & dann folgen zwei Stunden lang Welthits & diese zwei Stunden reichen bei weitem nicht aus, das Repertoire dieses Sängers aus Brooklyn / New York auch nur annährend abzubilden. Vielleicht haben die Beatles & Burt Bacharach zusammen nicht derart viele Welthits geschrieben. Daß Neil Diamond nicht nur für sich, sondern auch für unzählige Andere, genannt seien stellvertretend The Monkeys, Barbra Streisand, Frank Sinatra, Gilbert Becaud oder auch UB 40, Songs geschrieben hat, was allein neben der künstlerischen auch die zeitliche Dimension seines Schaffens umreißt, ist nicht zwingend Jedem bekannt.

Hamburg, Möwen an der Binnenalster

Nun war Neil Diamond anläßlich seines 50 – jährigen Bühnenjubiläums auf Europa Tournee, die den mittlerweile 76 Jahre alten Sänger auch wieder nach Hamburg führte. Der Mann, der bislang 130 Millionen Alben verkauft hat, betritt die Bühne in einem weißen Lichtkegel, gerade rechtzeitig, um nach dem Intro von In my Lifetime an der richtigen Stelle einzusteigen. Die Bewegungen sind langsam, nahezu steif geworden, das Gesicht, auf große Videowände zu beiden Seiten der Bühne projeziert, fast maskenhaft starr. Aber die Gesten haben wieder & immer noch dieses alles Umarmende, schaffen Nähe & Vertrautheit & werden mit euphorischem Jubel & spontanen Standing Ovations schon zu Beginn honoriert. Der Stimme hingegen ist ihr Alter nicht anzumerken. Der raue Ton, allenfalls in der Höhe ein wenig brüchiger geworden, kommt ohne Intonationsschwächen klar & kräftig & mit hoher Textverständlichkeit aus der gut ausgesteuerten Anlage. Die elfköpfige Band, die den Sänger größtenteils seit Jahrzehnten begleitet, spielt wunderbar schlank im Sound & mit schlafwandlerischer Sicherheit ausgefeilte Arrangements, die den Songs aus instrumentaler Sicht das notwendige Etwas hinzufügen, um sie wie glänzend schimmernde Perlen an einer Kette aufzureihen. Das ist mehr als nur Begleitung, das ist die Kunst, Inhalte hervorzuheben, zu führen, wo es notwendig ist & sich zurückzunehmen, wenn der Song es gebietet. Hier ertrinkt nichts in fettiger Klangsauce, hier wird nichts mit klebriger Zuckerwatte zugekleistert. Passagen, in denen nur Piano oder akustische Gitarre zu hören sind, wechseln mit straffen Bläsersätzen. Nichts ist hier Selbstzweck, der Song, der Fluß der Musik & der Hintergrund  des Textes verlangen es. Das ist große Kunst. Überhaupt die Texte, allesamt kleine, oft traurige Geschichten ohne jedes Trallala, der Sänger erinnert sich, denkt nach, gibt Verflossenem Raum & hat kein Problem damit, sich gelegentlich zu entblößen. Hier offenbaren sich die Bruchstellen, die ins Innere blicken lassen. Neil Diamond spricht mit fester, nahezu noch jugendlich klingender Stimme, kokettiert mit dem Jubiläum & erzählt bisweilen kleine Geschichtchen zu den einzelnen Songs. Das berühmte Duett mit seiner alten Schulfreundin Barbra Streisand, You don´t bring me Flowers, sonst immer zusammen mit Linda Press vorgetragen, genügt sich heute im Zusammenspielt mit seinem wunderbar weich & warm intonierenden Saxophonisten Larry Klimas. Überhaupt bietet das Programm vielfache Gelegenheit, die hervorragenden Musiker auch im Einzelnen ein wenig kennen zu lernen, ohne daß sie mit langen Soli das Gesamtbild aus dem Gleichgewicht bringen würden. Während Brooklyn Roads, das Diamond auf einer Podestkante sitzend in stark gedimmtem Licht singt, läuft ein Zusammenschnitt aus diversen Super 8 Filmen, die den Sänger als Baby, Kind, Jugendlichen & Erwachsenen zeigen, oft im Zusammensein mit den Eltern & dem Bruder. Erstmals weht an dieser Stelle ein Hauch von Abschied & Ewigkeitsempfinden durch die Halle, es ist absolut still geworden & das in einen einzigen Song eingebundene Empfinden einer 76 Jahre währenden Lebensspanne physisch spürbar. Es gibt noch andere dieser besonderen Momente, z.B. bei Dry your Eyes, welches der Sänger den Opfern der Terroranschläge weltweit widmet, Love on the Rocks, oder auch den Ausschnitten aus Jonathan Livingston Seagull.
Beim letzten Stück des Sets, I am … I said, die erste Strophe eher in einer Art Rap vorgetragen, erscheint das Gesicht des Sängers in Großaufnahme, als close up auf der Videowand & zeigt für einen kurzen Moment den Blick aus nach wie vor strahlenden Augen. Nur daß diese Augen nicht mehr auf  das Publikum gerichtet sind, sondern weit darüber hinaus, auf eine unbekannte Stelle hinter dieser Halle, hinter diesem Konzert, auch hinter dieser Musik. Es sind Augen, die in diesem Moment, für alle sichtbar, etwas sehen, was nur ihnen in diesem Moment wahrnehmbar ist. Sie scheinen auf dieses Leben zurück zu blicken, aber vielleicht mehr noch auch auf das vorauszuschauen, was danach kommen mag.

I am … I said
To no one there
And no one heard at all
Not even the chair
„I am … I cried
„I am … said I
And I am lost and I can’t
Even say why.“

Langsam geht der Sänger danach von der Bühne, während seine Band den Song weiterspielt. Er wird für drei Zugaben zurückkommen. Danach verschwindet er mittels einer sich absenkenden Hebebühne langsam aus dem weißen Scheinwerferkegel.

Die Kunst. . . . beendet Roman Bucheli seinen klugen Beitrag über das Pathos, . . . bringt die Erschütterung auch immer weniger aus sich selbst hervor. Denn es hieße: auf der Rasierklinge zu leben zwischen der Mediokrität und der Perfektion. Es hieße: das Ganze zu wagen, sich auszusetzen, auch auf die Gefahr hin, lächerlich zu wirken. Denn das Unvollkommene ist immer angreifbar und darum pathetisch, weil es sich preisgibt. Die Kunst könnte solches wagen, die Politiker auch. Die Zeiten aber sind andere. Sie verlangen perfekte Oberflächen.

 

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September 14

lechts & rinks

. . . kann man nicht velwechsern . . . 

werch ein Illtum ! . . . . stellte der österreichische Dichter & Sprachakrobat Ernst Jandl einst fest. Die Doppelbödigkeit dieser Aussage führt, spürt man ihr ein wenig nach, zu durchaus überraschenden Erkenntnissen. Wenn sich heutzutage jemand, in einer angeblich stets sich weiter entideologisierenden Welt, als links bzw. rechts verortet, gleicht er einem Kunden, der einen Markt betritt & vom Propagandisten viele schöne bunte Sachen in den Korb gelegt bekommt, in der Regel, ohne sich dagegen zu wehren. Sie beobachten eine Islamisierung des Landes, wunderbar, dann hab´ ich hier noch was für Sie, nehmen Sie doch den Trump gleich mit. Daß Sie den Brexit befürworten, sehe ich Ihnen an, gut so, & dann habe ich hier auch noch eine schöne bunte, ungemein interessante Schrift über die Klima – Lüge. Menschengemacht soll sie auch noch sein, hahaha !! Zufrieden vor sich hin lächelnd schiebt der Kunde seinen Einkaufswagen zur Kasse & zahlt bereitwillig den geforderten Preis. Das Leben kann so schön einfach sein.
Zeitgleich in einem anderen Markt bekommt der linke Globalisierungsgegner eine Probepackung mit veganen Lebensmittelersatzprodukten, eine Busfahrkarte zur G 20 Demo nach Hamburg, natürlich groß, bunt, friedlich – aber laut, das neueste Wörterbuch für gendergerechte Sprache, eine Fibel mit dem Titel Eine gerechte Welt in 14 Tagen, ein Büchlein mit wichtigen Hinweisen, wie man sich als Ungläubiger in sinnvoller Weise dem Moslem unterwirft, um dessen Kultur nicht zu beleidigen, sowie ein Beitrittsformular für Pro Asyl als Dreingabe, natürlich incl. Spendenformular. Selbstverständlich hält er den Kapitalismus für das Grundübel der Welt, die Ursünde sozusagen, selbst noch mit voller Dens – Tüte im Arm, die er in seinen 2,4 Liter Turbodiesel von Volvo, Kombi natürlich, einlädt. Derart reich beschenkt, sich im Einklang mit allem Guten in der Welt wähnend, fährt er beruhigt nach Hause.
Was, wenn ich nun aber z.B. den Trump für einen schwerst persönlichkeitsgestörten Paranoiker halte, für komplett unfähig & ziemlich gefährlich – & das, obwohl ich bereit war, ihm eine Chance einzuräumen, & sei´s wegen der irrsinnigen Hetze gegen ihn. Was, wenn ich den vom Menschen verursachten Klimawandel als offensichtlich erfahrbar & wissenschaftlich hinlänglich bewiesen ansehe, den Brexit für unfaßbaren Unsinn halte, die Islamisierung des Landes hingegen für eine um nahezu jeden Preis verleugnete gefährliche Tatsache. Was, wenn ich ein entschiedener Gegner der Globalisierung bin, die Proteste gegen G 20 in jeder Form für notwendig & richtig halte, aber gendergerechte Sprache für infantilen, komplett unwissenschaftlichen & geistesvernebelnden Unsinn, vegane Lebensmittel für ungenießbar & Pro Asyl für eine höchst entbehrliche Lobbyorganisation. Ich schätze, dann habe ich ein Problem, weil beide Seiten auf mich wie auf einen hoch infektiösen Kranken starren, der sofortiger Quarantäne bedarf.
Der Mensch wird in Schubladen einsortiert & läßt dies nur allzu bereitwillig geschehen. Die meisten hat er sich dazu auch noch aus identitätsstiftenden Gründen selbst ausgesucht. Verweigert er sich, wird er als arrogant & besserwisserisch beschimpft. Man billigt ihm auch gerne jede erdenkliche Form psychischer Unzulänglichkeit zu. Er soll doch wenigstens in der anderen Schublade Platz nehmen, damit er  irgendwie noch dazu gehört, denn so stellt er sich ja außerhalb der sozialen Gemeinschaft in die Schmuddelecke. Im Mittelalter nannte man diesen Zustand vogelfrei & Francois Villon dichtete: Vor vollen Näpfen muß ich Hunger´s sterben. Außerhalb aller Schubladen wird´s ungemütlich & gefährlich, das Feld ist gedankenvermint.
Politisch betrachtet hingegen ist das Eingangs beschriebene Gedankenamalgan außerhalb des Vorstellbaren angesiedelt. Warum eigentlich ? Ist nicht die grundsätzliche Fähigkeit des freien Denkens ein herausragendes Ergebnis der menschlichen Evolution, & warum sollte man es freiwillig aufgeben ? Oder, anders gefragt, was hat die Menschen dazu gebracht, es aufzugeben. Was, wenn das Denken durch die Ideologie ersetzt wird, die freie Rede durch vorgestanzte Sprechblasen & die naturgemäß wandelbare, weil auf Erkenntnis & Entwicklung beruhende Meinung durch bereitwillig inhalierte Realitätssurrogate ? Wie weit ist es dann noch zum transformierten Menschen, der das, was er wahrnimmt, der Druckstanze seiner unwandelbaren, weil zumeist unreflektierten „Überzeugungen“ unterwirft.
Überzeugungen mit all ihren ideologischen Anhängen bieten zuerst einmal Sicherheit, sie schaffen Zugehörigkeiten, fördern eine emotionale Prägung innerhalb einer Gesellschaft von Gleichgesinnten, im schlechtesten Fall von Gleichgeschalteten. Die Überzeugung ist das Handtuch, das beizeiten auf die bequemste Liege zu werfen ist, will man sich in Ruhe sonnen & nicht im Schatten liegen müssen. Hierzu sind Feindbilder unerläßlich, denn sie sichern die Gemeinschaft der gläubigen Sonnenanbeter gegen jedwede Form der Häresie & gegen die Gestalten aus dem Schatten nach innen & außen relativ zuverlässig ab. Die Ideologie ersetzt das Denken & rechtfertigt, ja benötigt das Feindbild.

Hamburg, Graffiti im Gängeviertel

So weit, so gut. Das „politische“ Deutschland jedoch hat ein Problem. Es ist nämlich zutiefst unpolitisch. Der Deutsche versammelt sich so lange in der Mitte, bis diese längst keine mehr ist, da sie den linken wie den rechten Teil platt gedrückt & in die Abflußrinne gepreßt hat. Daß eine Mitte rein begriffsbezogen stets nur der kleinste von mindestens drei Teilen, genau genommen nur ein einziger Punkt sein kann, findet keine Beachtung. Gleichwohl wollen alle dazugehören, denn hier werden „Wahlen gewonnen“, hier wollen alle gut & gerne leben, wie man immer wieder hört. Lechts & Rinks kann man eben doch recht schnell velwechsern. Der deutsche Michel will seine Ruhe, & Inhalte stören da nur. Er arbeitet fleißig, ist autoritätsbewußt nach oben & tendenziell asozial nach unten, er ist denkfaul, & jedwede Aufregung ist ihm ein Gräuel. Er verwechselt „politische“ Talkshows mit Meinungsbildung & eine Wahl mit Entscheidung. Seine politische Schizophrenie ist legendär, jede Ausgabe des ZDF Politbarometers oder des ARD – Deutschlandtrends bestätigt dies. Dort ist abzulesen, daß er in erschreckend großer Mehrheit Personen & Parteien wählt, die Entscheidungen, die er zuvor ebenfalls mehrheitlich für falsch befunden hat, zu verantworten haben. Das Erschreckende daran ist, daß er dies scheinbar nicht einmal bemerkt. Wer stumpfe staubtrockene scheintote Bürokratenmasken ohne einen winzigen Funken Esprit, wie den Innenminister Thomas de Maiziere zum drittbeliebtesten Politiker im Lande wählt (1), sagt mehr über sich aus, als ihm lieb sein kann. Als Kanzleramtsminister stolperte er über eine Anzeige wg. Strafvereitelung im Amt aufgrund seines Verhaltens in der sog. Sachsensumpf Affaire, in der es um Korruption & Verbindungen sächsischer Politiker & Richter zum organisierten Verbrechen ging. Als Verteidigungsminister über Zulassungs- & Beschaffungsprobleme im Zusammenhang mit der Euro – Hawk Affaire. MAD – Erkenntnisse über den NSU gab er nicht weiter. Als Innenminister schließlich zog er im Herbst 2015 den bereits erteilten Einsatzbefehl an die Bundespolizei zur Grenzsicherung wieder zurück, da er keine „häßlichen Bilder“ verantworten mochte (2). Ein derartiger Versager hat es also zum drittbeliebtesten Politiker in diesem Lande gebracht. Warum, ist sachlich & persönlich unerklärlich, nicht hingegen, wenn man es im Lichte der deutschen Befindlichkeit betrachtet. Dabei mußten Generationen von Schülern an deutschen Schulen Max Frisch´ Stück Biedermann & die Brandstifter lesen. Es ist diese verhängnisvolle Melange aus Desinteresse, Gleichgültigkeit & politischer Ahnungslosigkeit, die den alles erstickenden Mehltau, der sich über dieses Land gelegt hat, verursacht.

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann schrieb in einem Beitrag für die NZZ: Die Demokratie, die gemeinhin als eine Herrschaft der Mehrheit verstanden wird, hat ihren Ursprung im Einzelnen, im Individuum, im «mündigen Bürger». Auf ihn kommt es an. Er war’s, der sich der berauschten Masse der tanzenden Böcke gegenüberstellte und das Wort ergriff. Teils mit dem Chor, teils gegen den Chor ging es um seine Sache, um die Götter, um Gesetze, um die Wahrheit, und stets ging es antagonistisch zu, das heisst, unversöhnliche Gegensätze wurden zur Sprache gebracht (3). So richtig dies in der Theorie auch ist, so notwendig selbst dieses Mindestmaß von Teilhabeverständnis wäre, so sieht´s doch anders aus im Lande. Über die Zwangs- & Selbstnormierung hierzulande ist auf diesen Seiten hinreichend geschrieben worden, die Zustände belegen, daß der „mündige Bürger“ , der sich den „tanzenden Böcken“ entgegenstellt, gerne gefordert, jedoch selten erwünscht ist. Tritt er dennoch in Erscheinung, sei´s in Dresden oder in Hamburg, so wird er mindestens zu einem politischen, viel lieber aber zu einem polizeilichen Problem.
Wenn „unversöhnliche Gegensätze zur Sprache gebracht werden“, dann hat die Mehrheit ein Problem. Wenn Ruhe & konsumorientierte Behaglichkeit auf „antagonistische“ Weise durchbrochen werden, geht es zuerst einmal um die Ausgrenzung der Störer, ihre Diffamierung & vor allem darum, ihnen jegliches Politische in Absicht & Handlung generell abzusprechen. Dieses Verständnis von Koma – Demokratie, die Tyrannei der Masse, wird weit überwiegend geteilt. Deshalb sind weder Bevölkerung, noch Politik in der Lage, die tatsächlichen Probleme lösen zu können bzw. zu wollen. Das Land wird zu einer Art Gummizelle, an deren zwar nachgiebigen, jedoch faktisch undurchdringlichen Wänden jedes Wollen abprallt bzw. seiner Energie beraubt wird. Diese wird dadurch zwar größtenteils absorbiert, sie verschwindet jedoch nicht vollständig, womit wir in Hamburg wären.

Das autonome, post – antideutsche Bündnis …ums Ganze! schreibt in seinem Aufruf zu den Feierlichkeiten des G 20 Gipfels: Unter dem Titel Civic20 beteiligt sich beim G20 auch die sogenannte Zivilgesellschaft bereitwillig an der Verwaltung der kapitalistischen Misere. Alle werden gehört, damit es am Ende eben so bleibt, wie es ist – nämlich immer schlimmer. Die Bereitschaft von Gewerkschaften und Kirchen, hier „gemeinsam mit internationalen Partnern Empfehlungen für die Präsidentschaft Deutschlands“ (www.g20.org) zu erarbeiten, zeugt von gewohntem Untertanengeist und der niederschmetternden Fortgeschrittenheit der Integration der Klassengesellschaft. (4) Hier spricht nichts mehr vom Glauben, die Verhältnisse noch ändern zu können, hier wird das Leben in der Gummizelle beschrieben.
Das Vorgehen der Polizei, zuerst gegen das Protestcamp, dann gegen die bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend & weitgehend friedliche Wellcome to Hell – Demo, zu verantworten von Polizeieinsatzleiter Hartmut Dudde, dokumentiert eindrücklich zweierlei: das taktische Vorgehen der polizeilichen Einsatzführung, die von Beginn an & schon im Vorfeld auf Eskalation gesetzt hat, um die Bilder zu produzieren, derer es zur Rechtfertigung des Bürgerkriegsszenarios bedurfte, sowie die Mißachtung von Gerichtsurteilen auch höchster Instanzen, bis hin zum BVG. Heribert Prantl nannte in einem Kommentar zum Geschehen in der SZ diese Vorgehensweise schlicht & wahrheitsgemäß Rechtsbruch (5). Ein Blick zurück auf die Demo der Roten Flora am 21.Dezember 2014, die ebenfalls vor jeglicher Ausschreitung & somit ohne jeden polizeilichen Anlaß & entgegen ausdrücklicher Gerichtsbeschlüsse vom Vortage schon vor ihrem Beginn überaus brutal zusammengeknüppelt wurde, zeigt, daß die oben beschriebenen Antagonismen zumindest von Seiten der Staatsvertreter sehr wohl verstanden werden. Einsatzleiter war auch damals Hartmut Dudde. Der Beifall der unüberschaubaren Mitte ist in diesen Fällen selbstverständlich vorauszusetzen.
Exemplarisch wurde an diesem Juniwochenende politisch & medial vorgeführt, in welchem Maße sich linker Protest an der Wirklichkeit & der Realität der Masse überwiegend vergeblich abarbeitet. Vor diesem Hintergrund ist das morgendliche Fernsehbild vom Freitag, daß unzählige Rauchwolken über Hamburg zeigte & an vorderasiatische Kriegszonen erinnerte, als politischer Erfolg zu werten. In einer Zeit, in der Bilder, die sich sekundenschnell über die Welt verbreiten, das ikonographische Gedächtnis weit umfangreicher prägen als Inhalte, fällt diese Bewertung nicht schwer. Es wurde vorgeführt, daß ein riesiger paramilitärisch organisierter Polizeiapparat auch mit über 20 000 Beamten nicht in der Lage ist, „Sicherheit“ zu gewährleisten. Es wurde vorgeführt, was für ein unverantwortbarer Irrsinn derartige Treffen sind, zumal sie kein Problem lösen. Es wurde auch vorgeführt, daß selbst 100 000 „friedliche“ Demonstranten eine journalistische Randnotiz geblieben wären. Es wurde schlicht wortgehalten. Was geschah, war lange angesagt & bekannt. Krokodilstränen sind heuchlerisch & unangebracht. Olaf Scholz schließlich, in seiner Mischung aus Selbstgefälligkeit & Größenwahn, hat sich von Fr. Merkel bereitwillig vorführen lassen, die, als sie ihm das Angebot machte, den G 20 in Hamburg auszutragen, davon ausgehen mußte, daß, lange vor der Nominierung von Martin Schulz, der Hamburger Bürgermeister Kanzlerkandidat der SPD werden würde. So ließ sie ihn kaltlächelnd ins lange schon aufgeklappte Messer laufen. Erfreulicherweise hat sich somit auch eine erneute Olympiabewerbung Hamburgs vorerst erledigt. Das erschreckendste Bild dieser Tage waren allerdings nicht die Autonomen & die zahlreichen Hobbyrandalierer in der Schanze, sondern schwer bewaffnete österreichische & sächsische Spezialeinheiten, die mit Gewehr im Anschlag ins Schanzenviertel einrückten. In diesem Moment schien ein Ereignis, wie am 2. Juni 1967 in Berlin, unmittelbar bevorzustehen. Der Staat war auf die Antagonismen, die er selbst heraufbeschwor, bestens vorbereitet.

Hamburg, Transparent im Gängeviertel

Auf rechter Seite ist – natürlich – von linksradikalem Terror die Rede. Diese Seite hat  jedoch ganz ausdrücklich kein Problem mit Figuren wie Trump, Putin oder Erdogan. Nur ein autoritärer rechter Impuls gegen die linke Weltverbesserungsdiktatur? Schaut man sich an, was in den letzten Monaten von der Sezession im Netz, also aus dem Sitz des Bösen in Deutschland, dem sachsenanhaltinischen Schnellroda, veröffentlicht wurde, ist die siegesgewisse Leichtigkeit der letzten zwei Jahre einer unverhofften Ernüchterung gewichen. Der Euphorie des Begehrtseins von den sog. Leitmedien, den zahlreichen Homestories, in denen die Familie Kubitschek zwischen selbstgemachtem Ziegenkäse & den ach so finsteren Hintermännern der Konservativen Revolution wohliges Gruseln verbreiten durfte, folgt unerwartet heftig der Kater. Solange die Stimmenanteile der AfD steil nach oben schossen, Pegida erneut Zehntausende auf die Straße brachte, solange schien der Einbruch von Rechts in die windelweiche Mitte unaufhaltsam, schien die Zeit gekommen zu sein, die Früchte vieljähriger Kärrnerarbeit im Dienste von Nation, Volk & Identität zu ernten. Doch das Volk scheißt sich derweil lieber vor sich selbst in die Hose.
Die Wahlergebnisse (der Landtagswahlen – Anm. des Verf.) stehen in keinem Verhältnis zur Lage in unseren Ländern und sind ein Offenbarungseid für das politische Gedächtnis und den Widerstandswillen der Bürger. Das Schimpfen hinter vorgehaltener Hand und das Verhalten an der Wahlurne passen nicht zusammen. Diese Schwäche, Willenlosigkeit, mangelnde Konsequenz hatten wir nicht auf dem Zettel, das müssen wir konstatieren.
Wer 1 und 1 zusammenzählen kann, weiß, daß wir unsere Gemeinwesen nur noch mit Müh und Not zusammenhalten, und daß in Deutschland noch stärker als in Frankreich an Problemlösungen deshalb nicht gearbeitet wird, weil sie nicht als solche benannt werden sollen: Wenn nämlich Problemlagen zwar benannt werden dürfen, aber jeder, der es wagt, wüst beschimpft wird, werden sie letztlich nur von jenen noch angesprochen, denen man diese Grenzüberschreitung ins politisch Anrüchige sowieso zuschreibt.“ schrieb Götz Kubitschek am 12. Mai 2017 in der Sezession im Netz (6). Der ideologisch & intellektuell überaus gefestigte & in vielerlei Hinsicht durchaus inspirierende Geist Kubitschek hat sich verführen lassen. Er hat tatsächlich nicht gesehen, was letztlich vorgeht im Lande, der erste Absatz seines Beitrages zeigt eine auffällige Nähe zu dem weiter oben zitierten Text von …ums Ganze! Der Rest ist Enttäuschung, Verbitterung. Seit dem werden die Texte & die Autoren in der Sezession im Netz beliebiger, sie zeigen das Suchen nach der Überwindung der Frustration, belegen damit jedoch auch, daß zum einen das intellektuell & politisch fähige Personal ziemlich knapp bemessen & die dauerrecycelten Themen ermüdend sind. Die Wände der Gummizelle absorbieren auch dann, wenn von außen in sie eingedrungen werden soll, jegliche Energie.
Wie immer in derartigen Phasen der Frustration steigt die Radikalität der Akteure. Kubitschek schickt einen Minenhund ins Feld, der auf den Seiten der Sezession im Netz dafür sorgt, die Möglichkeiten des Sagbaren auszuloten. Schade, daß es diesem jungen Identitären nicht gelingt, dabei das Niveau, welches diese Seite einst hatte, zu wahren.

Diese Frustration macht allerdings ebenfalls deutlich, was für ein Unsinn das Geschwätz von der Gefahr für die Demokratie, die angeblich von ihren Rändern ausgeht, ist & schon immer war. Die tatsächliche Gefahr geht von einer entpolitisierten, veränderungsunwilligen & desinteressierten Mitte aus, die die Zustände im Land für gottgegeben hält & sich selbst in saturierter Einfalt. Vor diesem „Volk“ muß niemand im politisch – medialen Komplex Angst haben. Nur zu gerne reibt es sich den Sand, der ihm in die Augen gestreut wird, noch bis unter die Lider & stopft sich bereitwillig die gereichten Sedativa in den erschlafften Leib. Eine Gesellschaft, die sich das Berliner Wachsfigurenkabinett & seine medialen Claqueure leistet, hat aufgehört, sich für sich selbst zu interessieren. Es scheint, daß mit dem Aussterben derjenigen Angehörigen der politischen Klasse, die Krieg & Hunger noch erlebt haben, jegliches Wissen um die Notwendigkeiten des Politischen abhanden gekommen ist. Die Inszenierung ist längst wichtiger geworden, als das Stück, daß ihr zugrunde liegt. Die sog. Mediendemokratie ist zu einem geistlosen & inhaltsleeren Geplapper verkommen, in dem die unheilvolle Symbiose zwischen Medien & den Vertretern des vorgeblich Politischen diese Gesellschaft als Reichslehen unter sich aufgeteilt hat & sie lückenlos zu beherrschen sucht. Das hat mit Demokratie rein gar nichts, mit Totalitarismus hingegen eine Menge zu tun. Lechts & rinks kann man in diesem Zusammenhang nicht mehr velwechsern, sie sind zu einem allgemein akzeptierten Nullsummenspiel verkommen.

Die Rauchsäulen über Hamburg waren ein lang vermißtes Fanal. Hier ging es nicht um eine Veränderung der gesellschaftlichen Zustände, hier war nichts vordergründig „politisch“, hier ging es im Kern um das Aufbegehren gegen das Große Schweigen, um eine Lehrstunde für den Kampf gegen eine als tot empfundene Gesellschaft, die den Symbolen ihrer Konsumgläubigkeit einen größeren Wert beimißt als ihrem tatsächlichen Sein. Es ging um die Rückkehr des Feuers & der Zerstörung in eine Gesellschaft, die das elementare Empfinden ihrer Existenz nicht mehr wahrnimmt & deren Bewußtsein sich im Nihilismus der Moderne erschöpft. Die Rauchsäulen über Hamburg verdeutlichten die Möglichkeit des Kriegerischen, die Existenz des Totgesagten, des überwunden Geglaubten, des Atavistischen & die vollkommene Hilflosigkeit der in der Dekadenz untergehender Reiche Gefangenen. Das Feuer & die Zerstörung sind weder lechts noch rinks. Sie sind Teil des menschlichen Wesens, der schamlos Verletzten & Ausgesonderten, der nicht Normierbaren & derer, die das Leiden an der eigenen Hilflosigkeit beenden wollen. Sie sind Einbruch der Natur in die sog. Zivilisation.
Nach den Morgennachrichten legte ich, auf ein klein wenig zynische Weise ausgesprochen gut gelaunt, eine Platte auf. Richard Wagner, Ring des Nibelungen, erster Teil, Das Rheingold, Schlußszene. Loge, der Herr des Feuers, eine der ambivalentesten Gestalten des nordischen Götterpantheons, singt dort:

Ihrem Ende eilen sie zu,
die so stark im Bestehen sich wähnen.
Fast schäm‘ ich mich, mit ihnen zu schaffen;
zur leckenden Lohe mich wieder zu wandeln,
spür‘ ich lockende Lust.
Sie aufzuzehren, die einst mich gezähmt,
statt mit den Blinden blöd‘ zu vergehn,
und wären es göttlichste Götter!
Nicht dumm dünkte mich das!
Bedenken will ich’s: wer weiß, was ich tu’!“ (7)

Das nächste Mal werde ich diese Szene am Abend des 24. September hören, direkt nach der ersten Hochrechnung.

 

Anmerkungen:

(1)  ZDF Politbarometer vom 21. Juli 2017 ( https://www.zdf.de/politik/politbarometer/deutlicher-vorsprung-von-merkel-stabilisiert-sich-102.html )

(2)  Robin Alexander, Die Getriebenen, John Verlag Nürnberg, 2017

(3)  Thomas Hürlimann: Demokratie jenseits der Mehrzahl, Neue Zürcher Zeitung vom 17. Juli 2017 ( https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/politik-und-theater-demokratie-jenseits-der-mehrzahl-ld.1305879 )

(4)  . . . ums Ganze!, Zum G20 in Hamburg: Ketten sprengen – Hafen lahmlegen!
( https://umsganze.org/zum-g20-in-hamburg-ketten-sprengen-hafen-lahmlegen/ )

(5)  Heribert Prantl: Grundrechte snd kein abstrakter Kokolores, Süddeutsche Zeitung vom
9. Juli 2017 ( http://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-grundrechte-sind-kein-abstrakter-kokolores-1.3580097 )

(6)  Götz Kubitschek: Zehn Thesen zu Boris Palmer, Sezession im Netz, 12. Mai 2017
( https://sezession.de/57251/zehn-thesen-zu-boris-palmer )

(7)  Richard Wagner, Das Rheingold, 4. Bild

 

 

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