August 28

One day you will come to Montauk

. . . . . Rufus Wainwright in der Elbphilharmonie . . . 

 

One day you will come to Montauk
And see your dad wearing a kimono
And see your other dad pruning roses
Hope you won’t turn around and go

One day you will come to Montauk
And see your dad playing the piano
And see your other dad wearing glasses
Hope that you will want to stay for a while
Don’t worry, I know you’ll have to go

One day you will come to Montauk
And see your dad trying to be funny
And see your other dad seeing through me
Hope that you will protect your dad

One day you will come to Montauk
And see your dad trying to be evil
And see your other dad feeling lonely
Hope that you will protect him and stay
Don’t worry, I know you’ll have to go

One day, years ago in Montauk
Lived a woman, now a shadow
There she does wait for us in the ocean
And although we want to stay for a while
Don’t worry we all have to go

One day you will come to Montauk.

Montauk / Rufus Wainwright

 

Es ist das erste Mal, daß ich auf diesen Seiten über einen Interpreten zweimal schreibe. Vor Jahren schrieb ich einen kurzen Beitrag mit dem Titel Rufus & the passion – so tough, in dem es um Analogien zwischen der Musik Wainwright´s & der der späten Beach Boys ging. Dort sprach ich von der weltabgewandten Konsequenz des Schaffens von z.Zt. Unerhörtem. Das war im Jahre 2010, gerade war All Days are Nights – Songs for Lulu erschienen. Im November 2012 spielte Wainwright in der Hamburger Musikhalle, es war ein grandioses Konzert, leider existierte dieser Blog ( . . . oder heißt es dieses Blogg – egal) zu der Zeit noch nicht. Am Freitag, dem 25. August 2017 gastierte er nun im Rahmen einer Solo Tour in der Elbphilharmonie. Das Konzert war ausverkauft. Wainwright selbst kokettierte in seiner Begrüßung allerdings, daß Viele wohl durchaus wegen des Saales & nicht wegen ihm erschienen wären. Da mag vielleicht was dran sein, denn auch ein Quartett für Küchenmixer & Bohrmaschine wäre an diesem Ort gegenwärtig noch ausverkauft. Wainwright spielte überwiegend Songs aus seinem Judy Garland Album Rufus does Judy at Carnegy Hall, sowie aus All Days are Nights. Eröffnet wurde der Abend mit The Art Teacher, im weiteren Verlauf erklangen auch andere „Hits“, wie z.B. Montauk oder Going to a Town. Durch einen dichten grauen Vollbart ein wenig älter wirkend, hatte er doch nichts von seiner eher heiteren, zuweilen selbstironischen & kommunikativen Grundhaltung eingebüßt, sprach viel über seine Familie & wenig über die Musik. Bei den Judy Garland Songs bat Wainwright einen Pianisten auf die Bühne, Mark Hummel, der die Songs sehr angemessen & stilsicher begleitete.

Treppenaufgang in der Elbphilharmonie

Die Qualität eines Songschreibers zeigt sich vor allem dann, wenn die Stücke, ihres instrumentalen Arrangements vollkommen entkleidet, nur mittels Klavier & Stimme dargeboten werden. Daß er das in einem außergewöhnlichen Maße beherrscht, daß seine Kompositionen gleichzeitig auch vollkommen zeitlos sind, hat Wainwright mit All Days are Nights eindrucksvoll bewiesen. Auch die Garland Nummern können in derart intimer Besetzung an Intensität sogar noch zulegen. Dies ist ein Beweis für die außerordentlichen musikalischen Fähigkeiten, zu denen eben auch gehört, zurücktreten zu können & das Klavierspiel hierbei jemandem zu überlassen, der dafür ggf. der bessere Interpret ist. Hiermit soll keineswegs Kritik an Wainwrights Klavierspiel geübt werden, es soll vielmehr als Hinweis dienen, wie überaus verantwortungsbewußt der Musiker Wainwright agiert. Daß er allerdings Garland´s Do it again in der Originaltonart singen mußte, erwies sich dann doch als grenzwertig. So viel Exaltiertheit ist in diesem Falle allerdings verzeihlich. Genau wie die Neigung zu einem gewisses schwulen Pathos.

Rufus Wainwright´s Musik ist in ihren sehr zahlreichen besten Momenten, also immer dann, wenn sie den üblichen Pophorizont hinter sich läßt, von einer atemberaubenden Qualität, die sie weit aus den Kosmos der allgegenwärtigen Singer / Songwriter & Popbarden hervorhebt. In diesen Momenten ist sie der klassischen Musik weit näher, als irgendeiner anderen Richtung. Da wird innerhalb eines Songs die Tonart gewechselt, oft mehrfach, da endet keine Phrase so, wie sie gemeinhin enden würde, da changiert das musikalische Material hautnah am Text zwischen Dur & Moll, da wird alles beiseite gelegt, was einen Pop – Song gemeinhin ausmacht. Dabei verliert die Musik niemals ihren inneren Kontext, da wirkt nichts aufgesetzt oder gezwungen, da wird jedes Klischee zur Banalität verdammt. Ich kenne keinen anderen Interpreten, der dieses Metier auch nur annährend so beherrscht wie Rufus Wainwright. & wenn er alleine am Klavier sitzt, dann scheint er ganz bei sich zu sein, dann tritt das Publikum, der Saal & vielleicht auch er selbst vollständig zurück vor der Größe dieser Musik. & Ihrer Texte, die immer persönlich, z.T. sogar intim, die Lebenssituationen, die Gedanken & Emotionen ihres Autors in zumeist rückhaltloser Offenheit & lyrischer Sprache reflektieren & der Musik in ihrer originären Ernsthaftigkeit in nichts nachstehen.

Rufus Wainwright schuf am Freitag in der Elbphilharmonie eine Atmosphäre großer Nähe, er machte aus diesem riesigen Saal eine kleine Wohnstube, in der die Anzahl der Zuhörer irrelevant wurde, in der man von Anbeginn eine Stecknadel hätte fallen hören können & in der die Intimität der Darbietung die Menschen ergriff & im besten Sinne des Wortes zum Schweigen brachte. Dieses Konzert reiht sich ein in die sehr überschaubare Anzahl wirklich herausragender musikalischer Sternstunden, die ich in meinem Leben erfahren durfte & dafür bin ich sehr dankbar.

 

 

 

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August 22

Wacken 2017

. . . . & ein klein wenig Elbriot:  Eine Nachlese . . . 

 

„Mommy where’s daddy?
He’s been gone for so long.
Do you think he’ll ever come home?

I was gone for fourteen days
I coulda been gone for more
Held up in the intensive care ward
Lyin‘ on the floor
I was gone for all those days
But I was not all alone
I made friends with a lot of people
In the danger zone.

See my lonely life unfold
I see it every day
See my lonely mind explode
Since I’ve gone away.“

aus: Alice Cooper / Ballad of Dwight Fry

 

Die Banalität, nach Wacken ist immer auch vor Wacken, ist Nichtwackenfahrern schwerlich vermittelbar. Auch wenn ich selbst mit erst zwei Besuchen noch absoluter Novize bin, ist es unmöglich vorstellbar, nicht mehr hinzufahren. Zu einzigartig sind die Erlebnisse dort, die Atmosphäre, die Menschen, die man trifft, & dann habe ich von der Musik noch gar nicht gesprochen. Da sich bis auf Kleinigkeiten wie die Umbenennung der drei Hauptbühnen nichts wesentliches verändert, Einiges jedoch deutlich verbessert hat, sei vor allem eine zweite PA incl. großer Videowand ca. 100 Meter vor der Bühne erwähnt, die für die Besuchermassen einen besseren Sound & bessere Sicht bieten soll. Dies funktioniert hervorragend, der Klang hat mächtig zugelegt, die Lautstärke auch, ohne allerdings jemals nervig zu werden. Außerdem hat man eine Bierpipeline verlegt, damit die schweren LKW nicht die nach dem Regen richtig aufgeweichten Böden zusätzlich durchpflügen müssen. Alles weitere habe ich letztes Jahr in dem Beitrag „Im Zeichen des Schädels“ ausführlich beschrieben, weshalb es hier nicht wiederholt wird. Aufgrund des tage- wenn nicht wochenlangen Regens habe ich diesmal ein Refugium in Itzehoe gefunden, & benutze den Shuttle Bus vom Bahnhof zum Festivalgelände.

Zur Musik: Vor einem wolkenbruchartigen, von heftigen Sturmböen begleiteten Schauer flüchte ich mich in den Bullhead Circus, das riesige Konzertzelt, in dem der offenbar unvermeidliche Mambo Kurt sich erstaunlicherweise erfolgreich müht, gute Laune zu verbreiten. Unverständlich, daß dieser Mensch hier jedes Jahr diverse Auftritte hat. Er müht sich, an einer elektronischen Orgel Schlager aller Art darzubieten, was so peinlich schlecht wie nervig ist. Ich kann daran nicht einmal Satirisches entdecken, das liegt aber wohl an mir. Später müht sich auf dem Infield der ehemalige Manowar Gitarrist Ross Friedman mit einer Combo namens Ross the Boss ebenfalls um gute Laune, die bei den belanglosen Songs & dem Dauergekreisch des Sängers jedoch nicht aufkommen will. So gehe ich zurück in den Bullhead Circus, wo Dawn of Desease aus Osnabrück einen satten fetten & schnellen Death Metal spielen, der auf den Punkt kommt & nun endlich auch gute Laune herbei zwingt. Das Zelt ist zu 2/3 gut gefüllt & alle haben Spaß. Auf der Nachbarbühne zeigen danach Imperium Dekadenz, was man so spielt, wenn man aus dem Südschwarzwald kommt, nämlich hymnischen Neo Black Metal, auch sauber & ordentlich dargeboten, sodaß die Laune sich noch weiter bessert. Da ich aber unbedingt Status Quo sehen will, muß ich ID nach deren halbem Set verlassen & auf´s Hauptfeld, wo Quo soeben begonnen haben. Natürlich hat das nichts mit Metal zu tun, allerdings ganz viel mit Legenden, & dementsprechend begeistert zeigt sich generationenübergreifend die Masse, auch wenn einige wenige Misanthropen & selbst ernannte Wächter über das musikalische Reinheitsgebot die Nase rümpfen. Scheiß drauf. Wer 75 Minuten lang Hits spielen kann, die Masse textsicher mitgröhlen läßt & ganze Reihen zum Schunkeln bringt, kann hier so verkehrt nicht sein. Die Band spielt überaus tight & aus einem Guß, hat offensichtlich immer noch großen Spaß an dem, was sie da tut & ist einfach mitreißend. Da kullert so manches Tränchen der Rührung aus des harten Metallers Auge & es ist klar, daß keine andere Band einen derart rasiermesserscharfen Boogie intoniert, dessen einzigartige Magie durch die perfekte Beherrschung kleinster Betonungen im Bereich der Mikrorhythmik entsteht. Stillstehen geht nicht. Das weiß auch die Sonne & läßt sich diesen Auftritt nicht entgehen. Francis Rossi ist bestens bei Stimme, die Telecaster singt & Status Quo zeigen, was man aus 12 Takten & drei Akkorden alles machen kann – wenn man kann. Ganz sicher jetzt schon eine der Sternstunden in diesem Jahr. Wer das anders sieht, wird mit drei Stunden Mambo Kurt bestraft. Irgendwie bin ich platt & erspare mir Accept plus Symphonieorchester & erst recht Volbeat, die ganz sicher eine herausragende Partyband sind, die ich aber trotzdem nicht haben muß. Der Shuttle ist grad fort, & da viele keine Lust haben, eine Stunde zu warten, nehmen wir ein Sammeltaxi nach Itzehoe.

Der zweite Tag beginnt mit einem heftigen Schauer, den ich im Dorf unter einem großen Schirm mit einem netten Plausch mit einem Wacken – Einwohner zubringe, der erzählt, daß man hier findet, es kämen zu viele Tagestouristen ohne Eintrittskarte, die nerven, unfreundlich sind & auch gerne mal stinkig, wollen nur saufen & Leute gucken & machen Streß. Alles Sachen, die bei den Metalfans nicht vorkommen, sagt er, &, man will diese Leute hier nicht. Es ist kalt geworden & ich habe nichts Warmes mit, sodaß erstmal ein Kapu aus dem Wackenstore her muß. Dann geht´s auf´s noch weiter aufgeweichte Infield, allerdings wird es den Rest des Tages trocken bleiben. Auf der Faster – Stage bemühen sich Europe (ja genau die . . . .) ausgesprochen erfolgreich um den Titel des Langweilers des Tages. Danach zeigen Sonata Artica, das man handwerklich wirklich solide & gut geschriebene wie auch gespielte Musik machen kann, einen überaus freundlichen netten Frontmann haben, & trotzdem den Funken nicht so richtig springen lassen kann. Schade. Sehr viel besser gelingt das anschließend Saltatio Mortis, die, ein Nummer eins Album im Rücken & auf der Mittelalter – trifft – Metal Welle überaus erfolgreich reitend, das Feld zum Toben bringen. Der Vergleich zu In Extremo drängt sich förmlich auf, das Konzept ist dasselbe: Dudelsack trifft verzerrte Stromgitarre. Das in diesem Vergleich In Extremo eindeutig besser abschneiden, liegt daran, daß sie in allen Belangen einfach besser sind. Sie schreiben die besseren Songs, sind älter & erfahrener & haben – vor allem – das Gespür für die richtigen Akkordfolgen & die damit verbundenen hymnischen Riffs. Der Masse ist´s egal, Spaß ist Spaß. Ich kann mich noch gut erinnern, SM auf dem Weihnachtsmarkt im Dresdner Schloß vor Jahren noch als reine Mittelalterband gesehen zu haben.

Danach hatten es Trivium aus Orlando / Florida mit ihrem modernen & sehr melodischen, mit Klarstimme gesungenen Thrash Metal Anfangs durchaus schwer, aber Qualität setzt sich durch, besonders wenn sie derart kompromißlos ins Publikum geprügelt wird. Handwerklich ausgezeichnet, aus einem Guß & mit Vollgas beeindruckten die sympathischen Amerikaner in jeder Hinsicht. Irgendwann wechselte ich zur dritten Hauptbühne, denn ich wollte Paradise Lost sehen, die mit ihren düsteren & melancholischen, zumeist eher getragenen & dennoch sehr wuchtigen Songs mir an bestimmten Tagen emotional sehr nahe gehen. Heute ist so ein Tag & PL enttäuschen mich nicht. Sie haben auch Songs ihrer neuen Platte Medusa dabei, die z.T. sehr Doom – lastig sind & von Aufbau & Gesangsstil an die Frühwerke der Band erinnern. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal Gitarreneffekte wie Flanger oder Wah Wah gehört. Tolles Konzert.

Bevor es weitergeht, ein Päuschen im EMP Bereich, Sitzen, ein Bierchen, Marion treffen. Aus einem kleinen Städtchen bei Frankfurt ist sie mit einer Horde junger Männer hier & das erste Mal, also vorwiegend gucken, wie sie sagt. Das Gespräch dreht sich um die Feierlichkeiten anläßlich des G 20 & der EZB Eröffnung, um eine Arktisfahrt, bei der ihr die Verheerungen des Klimawandels erschreckend offenbar wurden, um die Gleichgültigkeit & den sinnlosen Hedonismus der Massen & die Veränderungsunfähigkeit der sog. Entscheidungseliten. Nach einer halben Stunde breche ich auf, Umarmungen wegen des so seltenen gegenseitigen Verstehens. Dann muß ich los. Ich will, nein ich muß Emperor sehen. Leser dieser Seiten wissen, daß ich (u.v.a.) Black Metal Liebhaber bin. Emperor werden ihre zweite Platte Anthems to the Welkin at Dusk aus dem Jahre 1997 spielen. Von damals noch dabei Sänger, Gitarrist & Frontmann Vegard „Ihsahn“ Tveitan, sowie der damalige Schlagzeuger & heutige Gitarrist Tomas „Samoth“ Haugen. Emperor´s erste & zweite Platte sind Meilensteine & Meisterwerke des Black Metal, keine andere Band hat zu der Zeit aufwendigere & zuweilen an Prog – Bands, bzw. Art Rock Bands wie die frühen Genesis erinnernde, oft geradezu symphonische Arrangements geschrieben. Ganz sicher ist dies keine leichte Kost, & so ist es auch heute Abend bei starkem Wind, fast stürmischem Wetter schwer, den komplexen Strukturen dieser Musik angemessen folgen zu können. Nichts desto weniger ist dies ein herausragender Auftritt einer herausragenden Band, eine mit großer Perfektion & beeindruckendem Lichtspiel angemessen dargebotene Hymne an die dunkle Seite, die das Genre, dem sie entstammt zu keiner Sekunde verleugnet, aber dennoch jederzeit weit darüber hinausweist. Anthems to the Welkin at Dusk ist eine tiefgehende Meditation über die Abgründe der menschlichen Seele, ohne daß dazu Massenmörder & Psychopathen bemüht werden müssen, ein Stück komplexer großartiger Musik. Eine Band, die das ganze Teufelstheater nicht nötig hat & klugerweise auf alles Theatralische vollkommen verzichtet, denn die Musik steht für sich & braucht das Genre – Tammtamm nicht. Musikalisch war sie dem herkömmlichen Black Metal & seiner Ikonographie bereits bei Erscheinen des Albums längst entwachsen. Grandios & bewegend. Dazu droht der Himmel mit schweren schwarzen Nachtwolken, es bleibt jedoch trocken, kalt & stürmisch.

Himmel über Wacken, Freitagabend

Der dritte Tag bringt zuerst einmal blanken & warmen Sonnenschein, der Schlamm ist überraschend weit abgetrocknet & nur noch an wenigen Stellen tief & naß, viele Passagen sind bereits vollkommen trocken bzw. eher moorig geworden. Der musikalische Teil dieses mit einer einzigen Abfolge von Höhepunkten vollgestopften Tages beginnt mit den Brüdern Max & Igor Cavalera, die einst die brasilianische Thrashmetalband Sepultura gründeten, & diese sehr innovativ entwickelten. Das letzte Album der Band, an dem die Brüder Cavalera mitwirkten, war das 1996 erschienene Roots. Die alten Sepultura waren nie eine Band des musikalischen Feingeistes & der instrumentalen Finesse. Sie waren wild, brutal & vor Energie berstend. Das Roots Album, das von Ethno – Beats & Hardcore Riffs bestimmt wurde, war der Höhepunkt dieser Band, der Endpunkt einer Entwicklung. Dieses Album führen die Cavalera´s heute auf. & das tun sie so, als hätten sie´s grad auf den Markt gebracht. Max Cavalera schreit sich die Wut aus dem Bauch, bis er – dank Videoleinwand bestens sichtbar – Schaum vor dem Mund hat. Die Brüder & ihre beiden Mitstreiter platzen vor Energie, kotzen ihre Wut- & Haßbrocken heraus & haben dabei beste Laune & offensichtlich viel Spaß. Das ist roh, wild, im besten Sinne primitiv & von unbändiger Emotionalität. Eine stellenweise vorzivilisatorisch anmutende Krachorgie. Großartig. Zum Abschluß gibt´s noch eine würdige Fassung von Ace of Spades.

Im Infield einen Sitzplatz zu erlangen, ist ein schwieriges Unterfangen, es gibt keine. Mit Ausnahme einiger Plätze im Jägermeisterhirsch, heiß begehrt & mit Bühnenblick. Ich habe Glück & ergattere einen, von dem ich mich für den Rest des Tages nicht mehr fortbewegen werde. Neben mir ein sehr nettes kanadisches Pärchen, das zeigt, daß der Weg in die Volltrunkenheit ein überaus lustiger sein kann. Auf der Bühne zeigen derweil Heaven Shall Burn aus Saalfeld in Thüringen vor allem zweierlei: Metalcore muß nicht aus Eintonriffs & sinnlosem Geschreie bestehen, & deutsche Bands brauchen heutzutage keinerlei Vergleich mit englischen oder US Combos zu fürchten. HSB sind ungeheuer erfolgreich, auch international, ihre fünfte Platte, Wanderer, aus dem Jahre 2016, belegte fünf Wochen lang Platz drei der Charts, für derartige Extremmusik eine erstaunliche Feststellung. HSB spielen ausgefeilten, einfallsreich arrangierten Metalcore mit Elementen aus Thrash & Prog Metal, rasend schnell, knallhart & brachial. Trotzdem hört man der Musik an, daß sie aufgrund der kompositorischen & handwerklichen Fähigkeiten der Band Herz & Geist hat, & daß in dem scheinbar gnadenlosen Gehämmer eine Seele steckt. Dies wird unterstrichen durch die freundlichen & netten Ansagen des Sängers Marcus Bischoff, der auf die üblichen Shouter – Attituden weitgehend verzichtet. Sehr sympathisch.
Danach fragen Powerwolf, ob das Volk bereit sei, mit ihnen die größte Heavy Metal Messe in Europa zu zelebrieren, & das Volk stimmt begeistert & geschlossen dafür. Eine Entscheidung, die niemand bereuen kann, denn das Quintett aus Saarbrücken hat einen garantiert hohen Unterhaltungswert. Sänger Karsten Brill, der die Rolle eines rumänischen Priesters einnimmt, der höchstwahrscheinlich gerade aus Transylvanien eingereist ist, verfügt über eine offensichtlich klassisch ausgebildete Stimme, die mühelos über drei Oktaven verfügt, sowie über einen lustigen „rumänischen“ Akzent. Die überaus melodische Musik mit eingängigen, klug & differenziert erdachten Melodien & herzallerliebsten Refrains, die nicht nur schön anzuhören sind, sondern sich auch sofort im Ohr festsetzen, vertreibt wirklich jede schlechte Laune. Gerne werden Bruchstücke der lateinischen Lithurgie verwendet & mehrstimmig vorgetragen. Das Quintett spielt ohne Baß, der vom Keyboard übernommen wird, & der Auftritt wird zurecht allgemein abgefeiert. Eine sehr gelungene Messe.
Auch mit 70 Jahren steigt Alice Cooper noch auf die Bühne & macht das, was er schon immer getan hat, Hits singen & sie mit allerlei Mätzchen garnieren. Was allerdings Anfang der 70er Jahre neu & für Viele tatsächlich vielleicht auch schockierend gewesen sein mag, ist heute lediglich noch – wie ich finde – entbehrliches Beiwerk, das niemanden überrascht, geschweige denn schockiert. Das Positive: Cooper hätte dieses Drumherum keinesfalls nötig. Die Musik spricht für sich, eine sehr gute Band, besonders herausragend Leadgitarristin (!) Nita Strauss & Trommler Glen Sobel, findet mühelos den typischen Cooper – Sound, & der Meister selbst ist bestens bei Stimme. Nach einer knappen Stunde ertönt dann auch dieses Intro aus den Boxen, diese Kleinmädchenstimme, die zumindest mir auch heute noch Gänsehaut verursacht: Mommy, where´s Daddy, he´s been gone for so long – do you think he´d ever come home ? welches  Ballad of Dwight Fry einleitet, denn Daddy sitzt derweil in der Irrenanstalt & fängt an zu erzählen. Dieser Song aus dem Jahr 1971, von Cooper´s dritter, wie ich finde, bester Platte Love it to Death, wird musikalisch sehr angemessen vorgetragen, auch wenn leider ständig eine leicht bekleidete Krankenschwester mit riesiger Spritze & von einem platzenden Mieder bedroht, sich um ihn herumschlengeln mußte. Weniger wäre eindeutig mehr. Sehr gut: als Abschluß gibt´s auch hier eine gute Fassung von Ace of Spades.

Wacken, Samstagabend

Für viele, wohl auch für mich, der Höhepunkt des heutigen Tages folgt danach: Amon Amarth aus der Nähe von Stockholm zeigen bestens aufgelegt & endlich wieder mit festem Trommler, was sie unter Viking Metal verstehen. Die Bühne ziert eine Mischung aus Wikinger Schiff & Helm, auf dem das Drumset thront, & dann geht die Post ab. Ein Killer – Riff jagt das nächste, hymnische Refrains & einfache, aber sehr eingängige Gitarrenmelodien, ein bleischwerer fetter Sound & eine unbändige Wucht bestätigen die Tatsache, daß diese Kapelle seit Jahren definiert, was man sich unter Melodic Death Metal vorzustellen hat. Unglaublich, wie die seit 1992 bestehende Combo mit äußerst wenigen Personalwechseln zielstrebig ihre Musik zum unverkennbaren Markenzeichen etabliert hat, ohne langweilig zu werden, dafür jedoch aber immer wieder qualitativ Hochwertiges abliefert. Frontmann Johan Hegg grunzt sich mit breitem Lächeln durch die folgenden 75 Minuten & die Zeit vergeht wie im Fluge. Es sind Bands wie diese, die Herz, Geist & Seele des Metals ausmachen & klarstellen, warum diese Musik für ihre Liebhaber so vollkommen einzigartig ist.

Man soll gehen, wenn´s am Schönsten ist. Ich hätte vielleicht noch sehr gerne Kreator angeschaut, wenn ich dazu nicht Avantasia hätte ertragen müssen. Diese Schlagerkombo des Edguy – Sängers Tobias Sammet, die genauso klingt wie ein schlechtes Meat Loaf Album (also wie alle Meat Loaf Alben) ist eigentlich nur ärgerlich. Allerdings erfreut sie sich unverständlicherweise nicht unerheblicher Beliebtheit, sodaß sie die Veranstalter zum Hauptact des Samstags erkoren haben. Da hilft nur Flucht. & Ohrenstöpsel.

Dieses Jahr hat die Telekom für ihren Streaming – Kanal Magenta 360 viele Konzerte aufgezeichnet. Sie sind im Netz in sehr guter Qualität abrufbar.

Meine persönlichen Empfehlungen lauten:

Status Quo:  https://streaming-magenta-music-360.akamaized.net/#/concert/9208205928595012987

Emperor:  https://streaming-magenta-music-360.akamaized.net/#/concert/9208205928595012998

Max & Igor Cavalera:  https://streaming-magenta-music-360.akamaized.net/#/concert/9208205928595012976

Amon Amarth:  https://streaming-magenta-music-360.akamaized.net/#/concert/9208205928595013002

Darüberhinaus seien dem Musikfreund auch die Mitschnitte von Heaven Shall Burn, Powerwolf & Alice Cooper eindringlich ans Herz gelegt.

PS: den Auftritt von Megadeth habe ich mir geschenkt, da die Band Headliner beim diesjährigen ELB – RIOT ist, worüber in aller Kürze hier noch berichtet werden muß:
Ärgerlich, von neun Bands spielten die ersten vier alle möglichen Schattierungen von dem bei jungen Leuten gerade so angesagten Metalcore. Das sollte man denen überlassen, die damit was anfangen können, Heaven Shall Burn z.B. Später des Abends dann auch noch Bullet For My Valentine, die, da besteht kein Zweifel, eine technisch & handwerklich sehr gute Band sind & immens erfolgreich, ja die selbst Metalcore noch andere Facetten hinzuzufügen wissen – die ich aber trotzdem nicht mag. So ist das eben manchmal. Eigentlich war ich nur wegen drei Bands gekommen: Children Of Bodom, Trivium & eben Megadeth. Zwischendurch gab´s noch Hatebreed, die mit Crossover lastigem Hardcore die Masse zum Toben brachten, aber eben auch nur relativ – im besten Sinne des Wortes – eintönig zur Sache gingen.
Children of Bodom aus Finnland waren nach viermal Metalcore sicht- & spürbar eine Erlösung. Endlich Musik ! Es gibt wenige Kapellen, die einen Stilmix aus Thrash, Melodic, Black, Death & Prog – Elementen zu einem wunderbar organischen, individuellen & stimmigen Sound zu verbinden wissen, wie die Finnen aus Espoo. Vertrackte einfallsreiche Arrangements, die jedoch zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder beliebig wirken, & den organisch atmenden Fluß der Musik bereichern statt ihn zu behindern, zweistimmige Parallelläufe von Gitarren & Keyboard & eine unbändige Spielfreude, das war einfach großartig. Warum CoB nicht zu den ganz Großen gehören, bleibt unverständlich. Chapeau !
Trivium untermauerten den sehr guten & sympathischen Eindruck, den sie jüngst bereits in Wacken hinterlassen hatten (siehe oben).
Megadeth sind eine Legende. Gegründet 1983 von Dave Mustain, der zuvor die völlig überbewerteten Metallica verlassen hatte, & Teil der Big Four des US – Thrashmetal (zusammen mit Slayer, Metallica & Anthrax), haben sie letztes Jahr ihr 15. Studioalbum Dystopia veröffentlicht. Der Auftritt wurde beeindruckend unterstützt durch eine riesige Videowand hinter der Band, auf der für jeden Song aufwendig animierte Comics abliefen. Die Thematik der Songs ist unverändert geprägt von apokalyptischen gesellschaftlichen Szenarien. Hier stimmte jedes Riff, treffsichere Melodien, stimmige Refrains & abwechslungsreiche Breaks machten klar, warum diese Band ihren Stand immer noch mühelos hält, & dem Nachwuchs mit jedem Song Lehren erteilt, wie´s gehen kann, wenn man´s kann. Deshalb werden Bands wie Megadeth auch noch Legenden sein, wenn sich an die Namen der ersten vier Combos heute, sowie an viele andere Bands, niemand mehr erinnern kann.
Die Videos, die Megadeth in Wacken zeigten, beschränkten sich, wie ich im Nachhinein sehen konnte, auf Lichteffekte. Die z.T. sehr heftigen Animationen vom Elbriot sind dort nicht zu sehen, die Musik ist allerdings weitgehend identisch. Deswegen hier der Magenta – link zum Wacken Konzert, sowie zu Children of Bodom´s´ Wackenauftritt aus dem Jahr 2014.

Children of Bodom:  https://www.youtube.com/watch?v=CFemG12cFfc

Megadeth:  https://streaming-magenta-music-360.akamaized.net/#/concert/9208205928595013000

 

Viel Spaß beim Anschauen, Reinschauen oder Ignorieren. In Metal we trust !

 

 

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