Juli 1

Traumzeit

. . . Spaziergänge an den Abbrüchen der Wirklichkeit . . . 

 

Treffpunkt:

 

„Mit Träumen meinen wir den Glauben, dass diese Wesen vor langer Zeit die menschliche Gesellschaft begannen – sie fertigten alle natürlichen Dinge und legten sie an einen besonderen Platz. Diese träumenden Wesen waren mit besonderen Orten oder Wegen und Pfaden verbunden. An vielen Stellen verwandelten sich diese Wesen selbst in Orte, in denen ihr Geist dann verblieb. Aborigines haben eine besondere Verbindung mit allem was natürlich ist. Aborigines sehen sich selbst als Teil der Natur … Es stimmt, dass Menschen, die zu einem bestimmten Gebiet gehören, wirklich Teil dieses Gebietes sind und dass, wenn dieses Gebiet zerstört wird, sie auch zerstört werden.“

Aborigines, Australien, Interview auf www.survivalinternational.de

 

Wann ist ein Land ein verwüstetes, seine Menschen verloren & das, was sie vorgaben zu sein, vergessen ? Läßt sich der Zeitpunkt bestimmen, an dem die Bedeutung dessen, was gesagt & gedacht wurde, zu dem verfiel, was gesagt & gedacht werden darf ? Wohl ahnend, daß es nicht um physisches Erodieren geht, sondern um das Verschwinden geistig seelischer Wahrnehmung, dem in toto komplexere Verheerungen folgen als dem katastrophenbedingten Absterben weiter Landstriche, könnte im Leser die Möglichkeit aufscheinen, es gäbe ein Absterben in weit größerer Tiefe als das Verwehen nicht länger knickgeschützter Äcker & Wiesen. Die Zusammenhänge sind in ihrem Verhältnis zur Masse subtil & unbemerkt, ein subkutaner Wandel am Rande der Gleichgültigkeit, deren Aufmerksamkeit sich in den Einöden der Digitalisierung verliert & die, die sehen könnten, zu sedierten Zombies mutieren läßt. Auch dies ein Prozeß einer weiteren, nicht einmal freiwilligen, weil unentschieden, jedoch wie selbstverständlich vollzogenen Unterwerfung.

 

Aussichtspunkt I:

 

„1934 erschien Revolte gegen die moderne Welt (Rivolta contro il mondo moderno), das als Evolas Hauptwerk gilt. Dieses umfangreiche Buch entwickelt eine Doktrin, die wie das seitenverkehrte Negativ zur Ideologie des Fortschritts wirkt. Danach ist die gesamte Menschheitsgeschichte eine Geschichte des langsamen Niedergangs und Verfalls, in der die männlichen und solaren Prinzipien der hyperboräischen Urtradition zunehmend in Vergessenheit geraten seien. Diese Geschichtsmetaphysik basiert auf einer zyklischen Vision des geschichtlichen Werdens und auf der traditionellen Lehre von den vier Zeitaltern.
Die moderne Welt entspricht dem Kali-Yuga, der Wolfszeit, die das Ende eines Zyklus beschließt. Die evolianische Vision der Welt ist zutiefst elitaristisch und stellt ein organisches Modell der Hierarchie in den Mittelpunkt, das von einer Polarität zwischen oben und unten, hochstehend und minderwertig geprägt wird. Evola stellt die Welt der Tradition, wie sie in der Antike geherrscht hat, in scharfer Opposition der modernen Welt gegenüber, die er als eine lange Involution beschreibt, charakterisiert durch den Aufstieg dämonischer und »unter-menschlicher« Kräfte, deren Tiefpunkte in seinen Augen die Demokratie und vor allem der Kommunismus sind.“

Staatspolitisches Handbuch, Band 3, Vordenker, Hrsg. Karlheinz Weißmann & Dr. Erich Lehnert, Verlag Antaios, Schnellroda 2012

Steilufer Brodten
Steilufer Brodten

 

Route A:

 

Am Nordwestufer der Lübecker Bucht erstreckt sich zwischen Lübeck – Travemünde & dem Ostseebad Niendorf eine Steilküste, das Brodtener Ufer. Oberhalb dieses Ufers führt ein malerischer Wanderweg knapp vier Kilometer vom Ausflugscafe´ Hermannshöhe bis nach Niendorf. Er bietet nicht nur einen wunderschönen Blick auf die rechter Hand gelegene Lübecker Bucht, sondern auch auf das in dieser Richtung leicht abschüssige Steilufer. In den letzten 20 Jahren beschleunigte sich der Prozeß des Uferabbruchs, bedingt durch zunehmende Stürme derart, daß immer mehr der verbliebenen Bäume am Steilufer ihren Halt verloren & auf den Strand stürzten. Auch mußte der Abriß eines Hauses seinem sicheren Absturz zuvorkommen. Warntafeln verweisen auf die Gefahren einer zu dichten Annährung an die Bruchkanten, derweil der Wanderweg ständig nach links verschoben werden mußte, wo er sich immer weiter in die Wiesen & Felder uralter Landwirtschaft hineinfraß. An Tagen unter der Woche & außerhalb der Ferien, am besten im Frühjahr, Herbst oder Winter, wenn kaum jemand hier anzutreffen ist außer dem Wanderer, der die Einsamkeit, das Meer & den Wind liebt, ermöglicht dieser Weg durchaus tiefe & metaphorische Einsichten. Das Abbrechen des Ufers, das so oft als ein rettendes beschrieben wurde, ein naturgegebener Vorgang von hoher Endgültigkeit, spiegelt sich in den Gedanken des Wanderers mit den zahllosen künstlichen Brüchen, die ungefragt & deswegen umso selbstverständlicher als alternativlos bezeichnet, allenthalben vollzogen werden. An den Hängen der Steilküste brüten unzählige Schwalbenvögel, weitere, in den Städten selten gewordene Singvögel, leben in den Busch- & Baumhainen auf & inmitten der Felder, an stillen Tagen übertönt ihr Rufen & Singen das gemächlich an den Strand plätschernde Meer.

Schon immer war den Menschen der Vogelzug, das Auftauchen fremder Arten & auch ihr Verschwinden, Anlaß zu eher mythischer Ausdeutung & Betrachtung. Stets gingen diese Prozesse einher mit sich subtil einstellenden Veränderungen, zuweilen ergaben sich in unmittelbarer zeitlicher Abfolge & Nähe größere Umwälzungen, Katastrophen, Hungersnöte & andere entschiedene Einschnitte ins gewohnte hergebrachte Gefüge. Ernst Jünger widmet in seiner Schrift An der Zeitmauer (1) diesen Vorgängen, Zusammenhängen & Ausdeutungen das gesamte erste Kapitel. Der moderne Mensch hingegen hat den Kontakt zur Natur, ihren inneren Ausprägungen & Zusammenhängen, sowie deren Parallelismen mit dem Leben der Menschen innerhalb des Weltenlaufs in der Regel jedoch weitgehend verloren. Überwiegend gleichgültig & somit ahnungslos steht der urbane Mensch des 21. Jahrhunderts der Natur & ihren immer währenden Abläufen & Bezügen gegenüber, & hat sowohl die Fähigkeit, wie auch den dafür nötigen Instinkt, zu Sehen, zu Deuten & zu Verstehen, in der Regel eingebüßt. Das Alte Wissen, über Jahrtausende erworben & weitergegeben, wird nunmehr von der Interpretation des Geschehens durch die empirische Wissenschaft bestimmt. Daß diese lediglich die Rahmenbedingungen ihrer eigenen Existenz definiert & somit an sich selbst verifiziert, indem sie die Methodik ihrer Erkenntnisse festlegt, & alles, was aus diesem Rahmen herausfällt, bzw. innerhalb desselben nicht erkannt werden kann, als unwissenschaftlich & somit nicht existent diffamiert, wird weit allgemein akzeptiert & zum Maßstab eines einzig relevanten Wissens erhoben. Die Sehnsucht des Menschen, sich die Welt, die er mehr oder weniger desinteressiert bevölkert, verständlich zu machen, zu analysieren & sich der Hybris hinzugeben, es gelänge, sie sich Untertan zu machen, vergrößert die Distanz zu ihrem tieferen Erleben & verhindert so eine Sicht- & Verständnisweise, die außerhalb von Hightechlaboren & Megabyte – Rechnern längst in Vergessenheit geraten ist. Die Reduktion des Weltgeschehens auf eine nicht mehr überschaubare Flut von Informationen verhindert zuverlässig jedes über den Datenfluß hinausgehende Wissen, da eine kognitive, vor allem jedoch emotionale Verarbeitung der Informationsflut dem menschlichen Gehirn nicht möglich ist. Information kann deswegen stets nur ein kleiner Teil unseres Wissens sein. In Zeiten, in denen der Mensch immer weniger bereit ist, sich dem Hamsterrad des sog. technischen Fortschritts zu verweigern, erlebt er selbst sein Scheitern in diesem Rad. Der kleine Fehltritt, das nahezu unbemerkte Stolpern, reicht aus, ihn aus der Bahn zu werfen & zu einer herumwirbelnden Ansammlung von Kohlenwasserstoffmolekülen zu machen. Er reduziert sein Scheitern jedoch letztlich nur auf einen Mangel an Information & keineswegs als die Unmöglichkeit kultureller & somit wirklich humaner Entwicklung, mit dem ständig breiter & schneller werdenden Datenstrom mitzuhalten. So wird die angeblich unaufhaltsame Digitalisierung die Menschen sich selbst & ihrer eigenen Spezies entfremden & sie zu Sklaven einer zunehmend unverständlichen & somit zugleich unbeherrschbaren Technik werden lassen, in deren Herrschaft es nur noch eine unberechenbare & somit unzuverlässige Komponente geben kann, nämlich den Menschen selbst. Die daraus zwangsläufige, stetig sich entwickelnde & zügig voranschreitend betriebene Formatierung der Maschinenperipherie, zu der sich der moderne Mensch selbst degradiert, fordert Konsequenzen im gesellschaftlichen & somit politischen Bereich, denn nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hat es in kürzerer Zeit einen tiefgreifenderen technologisch bedingten Wandel gegeben, als dessen Folge sich die Persönlichkeitsdefinition durch digitale Geräte & Netzwerke über das hergebrachte soziale Gefüge & emotionale Erleben erhoben hat.

 

Aussichtspunkt II:

 

„Spatzen gehören, ähnlich wie Saatkrähen, zu den Vögeln, die das ganze Jahr über in hochkomplexen sozialen Gruppen leben. Darin kann man einen Faktor für ihren bisherigen Erfolg sehen. Denn wie sich experimentell zeigen ließ, lösen Spatzen Problemstellungen wie das Öffnen von verschlossenen Nahrungsquellen beispielsweise zu sechst wesentlich schneller und auch besser, als wenn sie nur zu zweit ans Werk gehen. Es scheint bei Spatzen so etwas wie einen sozialen Faktor zu geben, der mit einer gewissen Gruppengröße zusammenhängt. Wie groß die im Einzelnen bei der Brut, bei der Futtersuche oder während des Schlafes sein muss, ist schwer zu benennen und noch schwerer zu beweisen. Wenn aber ein bestimmte Zahl unterschritten wird, kommt eine Population zum Erliegen. Das hat sich am Beispiel der Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen amerikanischen Wandertaube gezeigt. Die Wandertauben, einst die wohl zahlreichste Vogelart überhaupt auf der Welt, starben aus, weil sie durch hemmungslose Verfolgung stark dezimiert wurden und dadurch gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine kritische Populationszahl unterschritten hatten. Danach pflanzten sie sich einfach nicht mehr fort und ließen sich trotz aller Bemühungen auch in Zoos nicht mehr züchten. Unter Spatzen könnte ein ähnlicher Mechanismus existieren. Das könnte zumindest das fast vollständige Verschwinden der Vögel in den Parks von London erklären. Wenn sich das bestätigt, dann sähe es auch für die Spatzen in anderen Metropolen finster aus.“

Cord Riechelmann, Ein Spatz kommt selten allein, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.6.2017

Gemeinde Rosengarten, Steinkreis
Gemeinde Rosengarten, Steinkreis

 

Route B:

 

Warntafeln gänzlich anderer Art als die weiter oben beschriebenen, finden sich seit einigen Jahren außerhalb der abgeschiedenen Küsten besonders im urbanen Einflußgebiet zuhauf & Allerorten. Sie sind vornehmlich bunt, zuweilen aus Pappe, sie werden an Bahnhöfen den Fremden entgegengehalten, manche flackern über die Bildschirme heimischer Rechner, andere starren eng bedruckt den Leser der großen Zeitungen an, wieder andere werden Vielerorts von Vertretern sog. Parteien propagiert. Ihnen gemein ist die Aufforderung, das Angestammte, Hergebrachte & dessen Pfade zu verlassen, das Vertraute & scheinbar Sichere aufzugeben, das Unbekannte, Fremde & Erobernde an- & aufzunehmen & sich pflichtschuldigst von Jenen fernzuhalten, die dies als einen zerstörerischen Prozeß & rechtsfernen Akt ansehen. Der ursprünglichste aller Gründe, der Wunsch, als Individuum & als kultur- & geschichtsgebundene soziale Gemeinschaft, als Volk & Nation, zu überleben, wird zu einer unmenschlichen Abnormität erklärt. Der Begriff der Identität ist dadurch zu einem Unwort, einem zu überwindenden Makel & vielfach denunzierten Wert verkommen, dessen Abschaffung jedoch unabwendbar erscheint, auf dem Weg zu einer selbstvergessenen Weltgesellschaft, einem freien & grenzenlosen Waren-, Dienstleistungs- & Personenaustausch. Über die Hintergründe, die sich dort Exponierenden, die Profiteure & Propagandisten, sowie ihre Beweggründe hat Martin Lichtmesz in der Sezession einen hervorragend recherchierten & umfänglich belegten Artikel  geschrieben (2). Innerhalb der hergebrachten politischen Koordinaten bedeutet dies, daß die zentralen Forderungen des Neoliberalismus vor diesem Hintergrund als links zu gelten haben, ohne daß dies von der naiven, sich ebenfalls derart verortenden Masse der Identitätsverächter als Widerspruch bemerkt würde.
Jede Zeit der Menschheitsgeschichte kannte ihre Prediger, oft genug zwielichtige Halsabschneider, Exponenten kurioser Sekten, wankelmütig labile Jünger unterschiedlichster Ideologien oder halbirre Anhänger zweifelhafter Glückseligkeitspropheten. Die zeitkongruenten Figuren heißen neuerdings Experten, um zu suggerieren, sie handelten nicht im Auftrage ihrer Herren & Meister, nicht als deren willige Geschöpfe & Zauberlehrlinge, sondern, losgelöst vom politisch – ökonomischen Gefüge im Sinne eines höheren, quasi neutralen Wissens. Man wähnt sich also ausgestattet mit den Weihen des Makellosen, Unangreifbaren, des Wahren & Tatsächlichen. Vorsicht ist geboten, ihrem Auftreten ist mit äußerster Wachsamkeit zu begegnen, genau zu Hören ist Voraussetzung, ihnen nicht auf den Leim zu kriechen. Zu verlockend, zu unausweichlich zutreffend erscheint ihre Botschaft, zu umfänglich & wohlbegründet ihre Argumentation. Ihre Waffe ist die Sprache, die sie ihrer originären inhaltlichen Bedeutung berauben, die sie, im selbstgewissen Ton der Unumkehrbarkeit ihrer Sätze, zu einem Instrument einer allzu einfachen & dem bewahrenden Geist leicht durchschaubaren Zwinge ausformen. Der Status des „Experten“ läßt Widerspruch nicht zu, es wird ihnen Redlichkeit unterstellt & jede Lüge & Verdrehung als akademisch grundiertes Wissen abgenommen. Ein wohlfeiler Begriff soll an dieser Stelle reichen, das Gesagte zu verdeutlichen. Wenn die Apologeten derart blumiger & hohler Begriffe wie Weltoffenheit, Vielfalt oder Multikulturalismus von Demokratie sprechen, dann meinen sie damit lediglich – & dies sehr explizit – einen diktatorischen Impuls, der jede andere, abweichende, nicht einverstandene Meinung als unzulässig & vorwerfbar, als letztlich menschenfeindlich diffamiert. In dieser Form hochentwickelter Gedankendiktatur braucht es keine uniformierten Fackelzüge, keinen stiefelbesetzten Gleichschritt, denn eine sich willig selbst lobotomisierende sog. Zivilgesellschaft reicht als Wegweisung in den gesellschaftlichen Hypermoralismus vollkommen aus. Ein anderes Lieblingswort dieser Leute ist der Begriff der Toleranz, der in seinem inquisitorischen Diktum bestrebt ist, das Erdulden jeglicher dem freien Verstand widerläufiger Zumutungen zu ertragen. Der von der Regierungschefin dieses Landes geprägte Begriff der Alternativlosigkeit macht hingegen, wie wenige andere Wort- & Sprachkarrikaturen deutlich, in welchem Maße die Gleichgültigkeit der Beherrschten, ihre Bildungs- & Bindungslosigkeit, ihre Abgestumpftheit, ihre Geschichtsvergessenheit & die glückselig dahindämmernde Selbstbezogenheit eine Gesellschaft zu mehrheitlich zuverlässig sedierter Geistlosigkeit & Unterwerfung geführt hat. Die verbliebenen Verstandesbegabten hingegen werden diffamiert bis hin zu gerichtlich abgesegnetem Rufmord & dem Angriff auf ihre materielle & soziale Existenz (3). Die deutsche Schriftstellerin Monika Maron hat diesen Paradigmenwandel in einem brillianten & sehr persönlichen Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (4) beschrieben. Andere schweigen, kollaborieren, leisten Widerstand oder betreiben die Sezession von einer Mehrheitsgesellschaft, die nicht länger die ihre sein kann.

 

Aussichtspunkt III:

 

„Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“
Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch.
„Ich komme zu früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“
Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet:
„Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Reclam Verlag, Leibzig 1990

Weimar, Goethe´s Gartenhaus, Weltenkugel
Weimar, Goethe´s Gartenhaus, Weltenkugel

 

Route C:

 

Grenzenlos, also entgrenzt ist das Schicksal derer, die ins Offene fallen. Rückbesinnend auf den Weg am Steilufer bedeutet dies, die letzten flachen Zäune zu übersteigen, sie möglichst abzubauen & nahe genug an die Abbruchkante heranzutreten, nicht gezwungenermaßen, sondern vorgeblich freiwillig, um sich sodann freudig in die Tiefe zu stürzen, oder sich von der abbrechenden Lehmkante auf den Strand werfen zu lassen. In manischer Selbstgewißheit, in sakral anmutender Verzückung, für die Schuld der Väter das eigene Überleben auf dem Altar eines Weltgeistes zu opfern, dessen umfassende Ausbeutungsphantasien hinter einer bunten & fröhlichen Maske der Diversität unentdeckt bleiben, vollziehen sie einen bizarren & selbstmörderischen Reigen. Als Trost für den Opfergang hält man für sie das Heils- & Erlösungsversprechen einer vorgeblich gerechteren Welt bereit & läßt sie sich siegesgewiß in den Abgrund stürzen. Diese Art suizidaler Entgrenzung & Haltlosigkeit als Fortschritt zu deuten, den Verlust des Eigenen zur kulturellen Erfolgsgeschichte umzuwidmen, ist weder naturgegeben noch historisch beleg- & begründbar, sie ist vielmehr das Ergebnis einer sich in rasanter Geschwindigkeit ausbreitenden Entfremdung.
Die Geschichte der sog. Neuzeit ist, auch wenn man sie auf den hiesigen Kulturkreis beschränkt, eine Geschichte heftiger Erschütterungen, Umbrüche & Katastrophen. In unmittelbarer Folge der Reformation & als ihr erklärter Bastard dezimierte der Dreißigjährige Krieg durch Zerstörung, Hunger & Krankheit in einigen Gebieten bis zu Zweidrittel der Bevölkerung. Die Französische Revolution ertränkte die Aufklärung im Blut der Massenhinrichtungen auf der Guillotine, & wiederum als deren Folge, verwüsteten die Napoleonischen Kriege weite Teile Europas. Die Alte Ordnung endgültig zu zerschlagen blieb hingegen dem Ersten Weltkrieg, &, als dessen Resultat, dem Zweiten Weltkrieg vorbehalten. Das Schlachten & Morden erlebte in der industriellen Massentötung ganzer Volksgruppen durch den Nationalsozialismus & im Terror-, Hunger- & Gulagsystem des Kommunismus einen bislang unbekannten Höhepunkt. Die apokalyptische nukleare Bedrohung erzwang einen latent bedrohten Frieden zumindest auf den Schlachtfeldern.
Der endgültige Fall der Alten Ordnung hat, zumindest in diesen Landen, eine bislang unerreichte Spanne des Friedens zur Folge, seit nunmehr 72 Jahren hat es in Europa keinen Krieg mehr gegeben & selbst historische Erschütterungen wie der Zusammenbruch des Kommunismus oder die Scharmützel in der Ukraine verliefen regelrecht geräuschlos. Der Preis dafür ist allerdings hoch & vielfältig, wenn er auch der Masse weitgehend verborgen bleibt. Immer noch sind es Wenige, deren Aufbegehren gegen die Moderne & die Abschaffung einer hergebrachten natürlichen Ordnung wahrnehmbar wird. Der Ruf der Französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit & Brüderlichkeit hat zu einer Vielzahl innerer Verwerfungen & zu einem nihilistisch – anarchischen, jeden Vergangenheitsbezug umwertenden bzw. auslöschenden Gesellschaftsrudiment geführt, dem Fäulnis & Zerfall als treibende Kräfte inhärent geworden sind. Der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten des technischen Fortschritts, der Tanz um das Goldene Kalb des enthemmten materialistischen Hedonismus & die inhaltsleere Beschwörung sinnfreier Werte der sog. Moderne wirken wie subkutanes Gift gegen eine Gesellschaft, deren eng begrenzter Horizont eine Lösung ihrer fundamentalen Probleme & verdrängten Ängste zuverlässig & absichtsvoll verhindert.
Die Entfremdung des Menschen von sich selbst & seiner Geistes- & Kulturgeschichte geht einher mit dem unreflektierten Machbarkeitswahn & der vollkommen unbeweisbaren Behauptung, für jedes Problem werde schon eine Lösung gefunden werden. Die Unfähigkeit des westlichen Menschen, in langen Zeiträumen zu denken, sich selbst als Teil eines viele Zeitalter umfassenden Entwicklungsprozesses zu begreifen & somit eine darauf beruhende, von Erkenntnis getragene Standortbestimmung & Entwicklungsreflexion auch nur im Ansatz vornehmen zu können, entbindet keineswegs von der Tatsache, als Teil dieses Prozesses & seiner Geschichte für die Folgen ihrer Mißachtung verantwortlich zu sein. Die Entfremdung des Menschen von sich selbst geht demnach einher mit einer zügellosen Verantwortungslosigkeit, die das Machbare zum Maßstab des Handelns erhebt. Dies öffnet jeglicher Widernatürlichkeit, jeder Gott – Losigkeit sämtliche Schranken. Nietzsches Ausruf Gott ist tot ! mag neuerdings als emanzipatorisches Diktum im Sinne Kants, also als Aufruf, die selbstgewählte Unmündigkeit zu verlassen, verstanden werden. Es darf hingegen unterstellt werden, für Nietzsche´s Mahnung dürfte das Gefühl des Verlustes einer über – menschlichen Institution als Wächter, Richter & Mahner, als Sinnbild einer Moral vor allem, die der des Menschen zwangsläufig überlegen sein muß, Hintergrund des Aufbegehrens sein. Die Figur des „tollen Menschen“ (5) ist demnach philosophisch – literarischer Statthalter des eigenen Leidens am Gottestod, gegen die Zumutung & den Schmerz der Gottlosigkeit verständlich. Das Denken innerhalb uralter unabänderlicher Natur- & Gottesgebote wird ersetzt durch das Gefühl, jegliches Gesetz zu negieren, die Folgen seiner Mißachtung zu ignorieren & Gott zu leugnen, selbst dann, wenn man unter Gott lediglich eine moralisch – ethische Institution zu sehen bereit ist.

 

Aussichtspunkt IV:

 

„Für uns dagegen gilt, was in allen großen Traditionen galt: daß das Leben nicht Geist ist, und der Geist nicht Leben, daß aber der Geist dem Leben die Form gibt; und daß, was im Leben tatsächlich höheren und bezwingenden Ausdruck gewinnt, dies nicht vom Leben herkommt, sondern vom Geiste, der durch das Leben oder vermittels des Lebens sich offenbart, d.h. von etwas Übernatürlichen. Hat man in diesem Sinne das wahre Zentrum erkannt, so ist die erste Vorbedingung zu jeder wahren Überwindung, daß man das Eigenbewußtsein, das Ich – Gefühl stufenweise vom Pole Leben zum Pole Geist hin führt. Nun aber wirken heute die voluntaristischen, aktivistischen, irrationalistischen Tendenzen genau im entgegengesetzten Sinn: indem sie in jeder Weise das rein physische und vitale Ich – Gefühl verstärken, verstärken sie gleichzeitig das Gefängnis des Ichs, führen sie zu einer Erstarrung, einem Auftrumpfen, einer verrohten und entgeistigten Auffassung des Willens und der Individualität, der Gesundheit und der Macht, was ebenso vielen Hemmnissen für die innere Emanzipation gleichkommt. Hier bleiben die Stromkreise geschlossen. Es fehlt der Bezugspunkt für das Sichverwandeln des Intensiv – Lebens, des Mehr – Lebens in ein Mehr – als – Leben. Der Übermensch reicht nicht über die schöne bezwingende Bestie oder den Dämon Dostojewskij´s, diese Reduktion Nietzsche´s ins Absurde, hinaus. Hat die – innerlich – heraufbeschworene Intensität nicht die Möglichkeit, in etwas zu münden, so kann sie nur in einer übertriebenen, zerreißenden Spannung stattgeben, jener stummen Tragödie, die das Titanische immer mit sich bringt.“

Julius Evola, Überwindung des „Übermenschen“, Aufsätze & Artikel, 1936

Strand & Steilufer Brodten
Strand & Steilufer Brodten

 

Route D:

 

Dem Machbarkeitswahn zur Seite steht die ebenfalls vollständig unreflektierte Forderung nach einer allgemeinen Gleichheit. Schon ein kleiner Blick in die Natur oder in eine beliebige Schulklasse lehrt, daß es keine Gleichheit gibt. Wenn über die höchst zweifelhafte Phrase der Chancengleichheit nun versucht wird, die tatsächliche Gleichheit zu gewährleisten, führt das zwar zu einer gewissen Angleichung, die allerdings lediglich zum Preis der formalen & inhaltlichen Nivellierung der tatsächlich ja weiterhin bestehenden Ungleichheit vollzogen werden kann. Gleichheit kann also allenfalls vor dem formal fixierten Gesetz bestehen, niemals jedoch innerhalb einer Gesellschaft. In der Anerkenntnis der Ungleichheit einen größeren Fortschritt zu sehen als in seiner manisch – ideologischen, mit fadem Humanismus verbrämten Nivellierungseuphorie, wäre ein Schritt gegen die irreversible Entmenschlichung. Gegenwärtig erleben wir jedoch in der Gleichstellung des Widernatürlichen mit dem tatsächlich Natürlichen in vielerlei Hinsicht das Schaffen neuer Ungleichheiten im Namen ihrer behaupteten Bekämpfung. Hingegen ist die überlebensnotwendige Schaffung einer tatsächlichen Elite, die die geistigen, historischen & moralisch – ethischen Fähigkeiten besitzt, Wege aus der tiefgreifenden Krise zu erwägen, aufzuzeigen & zu beschreiten, weder innerhalb des bestehenden Systems, noch mit dem Entwicklungszustand der Mehrheitsgesellschaft zu verwirklichen. Die Behauptung der Freiheit beschränkt sich dergestalt auf die Freiheit des Materialismus, des Konsums & des schrankenlosen Hedonismus, dem Begriffe wie Verzicht, Auslese & Hierarchie Wortschöpfungen aus längst überwunden geglaubten  finsteren Zeiten sind. Der auf diesem pervertierten Freiheitsbegriff beruhende Individualismus erweist sich als eine Selbsttäuschung für die freiwillige Unterwerfung unter einen gleichgeschalteten Normierungszwang.

Wie bei vielen gerade aktuellen sog. zivilisatorischen Errungenschaften steht am Ende als Ergebnis lediglich das Leugnen des menschlichen Seins an sich & dessen Umwidmung in einen transhumanen Chipträger, der das trostlose Ende andauernder Fortschrittsbehauptung darstellt. Diese bislang weitgehend unwidersprochene Entwicklung wird vor allem eines bedeuten: das Ende der Moderne. Entweder der Mensch wird sich gegen die Maschinen erheben, oder die Maschinen werden sich gegen den Menschen wenden. Im ersten Falle wird das Dasein des Menschen von einer stark hierarchisch geprägten vormodernen Gesellschaft geprägt werden, in der diejenigen reüssieren werden, deren Instinkte sich als reanimierbar erweisen & die das Wissen der Altvorderen zu bewahren wußten. Im anderen Fall wird der Sieg der Maschinen den Untergang des Menschen als selbstbestimmtes Wesen, wenn nicht als Art endgültig besiegeln.

 

Ankunftsort & Aussichtspunkt V:

 

„Es gibt eine Traumzeit-Geschichte, die weit zurückreicht. Sie erzählt von den Weisen oder Stammesheilenden von einst. Früher vermochten sie in ihre besonderen Kristalle hineinzugehen. Sie sahen Bilder der Vergangenheit, Bilder von Dingen, die gerade jetzt, weit weg geschehen, und Bilder der Zukunft. Einige der Bilder der Zukunft erfüllten die Alten mit Furcht. Sie sahen eine Zeit, in der die Farbe der schwarzen Menschen blasser und blasser zu werden schien, wie die der Steine, bis überall in Australien nur noch die weißen Gesichter von den Geistern der Toten zu sehen waren. Die Aborigines verbinden weiße Haut mit Toten, da wir alle nach dem Tod zu weißen Skeletten werden. Als zum ersten Mal Weiße nach Australien kamen, vermeinten die Schwarzen, Geister von toten Menschen zu sehen, die in ihr altes Land zurückkehren, und hießen sie willkommen. Das Traumzeit-Gesetz besagt, daß die Lebenden Zeremonien abhalten und den Geistern der Toten helfen müssen; den Weg in den Himmel zu finden, wo die toten Geister leben. Die Zeremonien brachten die weißgesichtigen Menschen nicht ins Reich des Todes; vielmehr haben die Weißen das Reich des Todes auf die Erde gebracht.“

Robert Lawlor, Voices of the First Day, deutsch: Am Anfang war der Traum, 1991

 

Anmerkungen:

(1)  Ernst Jünger: An der Zeitmauer, Verlag Klett – Cotta, Stuttgart 1959

(2)  Martin Lichtmesz: Martin Schulz und die Feinde der Demokratie, Sezession im Netz, 3. Februar 2017

(3)  Stellvertretend seien hier genannt: Jörg Barberowski (Historiker & Autor), Akif Perinci (Schriftsteller), Rolf Peter   Sieferle (Historiker & Kulturphilosoph), Rüdiger Safranski (Philosoph & Autor) & Reinhard Jirgl (Schriftsteller, Büchner Preis -Träger). Zu den Genannten gibt es im weltweiten Netz eine Fülle von Artikel, Zitaten, Hintergründen & Quellen.

(4)  Monika Maron: Links bin ich schon lange nicht mehr, Neue Zürcher Zeitung, 1. Juli 2017.

(5)  Figur aus Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Reclam Verlag, Leibzig 1990