April 6

Von der Freiheit

Und ein Redner sagte: Sprich uns von der Freiheit.

Und er antwortete: Am Stadttor und an eurem Herd habe ich euch unterwürfig und in Anbetung eurer Freiheit gesehen,
wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie tötet.
Ja, im Hain des Tempels und im Schatten der Zitadelle
habe ich die Freiesten unter euch ihre Freiheit als Joch und Handschellen tragen sehen.
Und das Herz blutete mir, denn ihr könnt nur frei sein, wenn selbst der Wunsch,
die Freiheit zu suchen, euch zum Zügel wird und wenn ihr aufhört,
von Freiheit als Ziel und Erfüllung zu reden.
Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind
und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann,
wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.

Und wie wollt ihr euch über eure Tage und Nächte erheben,
wenn ihr nicht die Ketten brecht,
die ihr im Morgengrauen eures Verstehens eurer Mittagsstunde angelegt habt?
In Wahrheit ist das, was ihr Freiheit nennt, die stärkste dieser Ketten,
wenn auch ihre Glieder in der Sonne glitzern und eure Augen blenden.
Und was sind es anders als Teile eures eigenen Ichs,
die ihr ablegen wollt, um frei zu werden? Wenn es ungerechtes Gesetz ist,
das ihr abschaffen wollt, dann habt ihr es mit eigener Hand auf eure Stirn geschrieben.
Ihr könnt es nicht auslöschen, indem ihr eure Gesetzesbücher verbrennt,
oder die Stirn eurer Richter wascht, und wenn ihr das Meer darauf gießt.

Und wenn es ein Despot ist, den ihr vom Thron stürzen wollt,
seht zu, dass sein Thron zerstört wird, den ihr in euch errichtet habt.
Denn wie kann ein Tyrann die Freien und Stolzen regieren,
außer durch eine Tyrannei ihrer eigenen Freiheit und eine Scham über ihren eigenen Stolz? Und wenn es eine Sorge ist, die ihr ablegen wollt,
ist sie eher von euch gewählt als euch auferlegt.
Und wenn es eine Angst ist, die ihr verjagen wollt, ist der Sitz dieser Furcht in eurem Herzen und nicht in der Hand des Gefürchteten. Wahrhaftig, all das umarmt sich ständig in euch,das Ersehnte und das Gefürchtete, das Abstoßende und das Geschätzte,
das Erstrebte und das, dem ihr ausweichen wollt.
All das bewegt sich paarweise in euch wie Licht und Schatten, die einander verhaftet sind. Und wenn der Schatten verblasst und nicht mehr da ist,
wird das Licht, das verweilt, zum Schatten eines anderen Lichts.
Und so wird eure Freiheit, wenn sie ihre Fesseln ablegt,
selbst zur Fessel einer größeren Freiheit.

 

Khalil Gibran

April 6

Treibsand

. . . . biographische Versuche . . . 

 

„Wir waren jene, die wußten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Roger Willemsen

 

Ich wollte ein Kind. Einen Mann brauchte ich eigentlich nicht unbedingt, aber ein Kind. Als ich ihn dann kennenlernte, fand ich ihn eher lustig, was bildete er sich ein, dieser kleine kriegsverletzte Kanonier, daß er glaubte, mir den Hof machen zu können. War ich vor den Tieffliegern in den Graben gesprungen, über Leichen gerannt, hatte ich gehungert & hatte man mich halbtot aus den Trümmern gezogen in Berlin, in meinem Berlin, damit dieser kleine Mann glaubte, ich würde mich für ihn interessieren?

Ich wußte, was zu tun war, es gab dieses Buch. Es sollte ihm an nichts fehlen, Mittags schrie er immer. Er schrie zwei Stunden lang, jeden Tag, fast ein Jahr lang & natürlich war es ein entsetzliches Versehen, als er fast ertrank. Ganz blau war er schon, aber diese kleinen Zehen, wie niedlich sie waren. Es sollte ihm an nichts fehlen. Wenn er schrie, wußte ich, er war versorgt, hatte sein Fläschchen bekommen, stand in seinem Bettchen in der Zimmerecke, die Zimmertür war geschlossen & an manchen Tagen schlief er irgendwann ein. Ich habe nie nach ihm gesehen in diesen zwei Stunden, ich wußte ja, es fehlte ihm an nichts.

Der Diwan, der oft zu frühem Dahinschlafen mich einlud, war gedankenbedeckt. Fein verwoben in den dicken Stoff der Tagesdecke hatten sich dünne Webfäden aus Angst, Verzweiflung, Neid, Haß, Liebe & Tod zu seltsamen feinen Mustern, farbigen Flächen & brüchigen Trennlinien vereinigt. Lange Sonnenlichtfinger hatten zu bestimmten Tages- & Jahreszeiten die Farben entleuchtet. Mein tiefes Ruhen wurde von einem nahen Lehnstuhl aus still bewacht & notiert. Ich schlief mich in Sicherheit. Endlich angstfrei.

Ich hatte mittlerweile gelernt, wie mein Leben verlaufen war. Weiterzuleben hatte ich nicht gelernt.

An der Decke ein weißes Segel, eine Stuckkante als Bordwand. Es gab Tage, da liefen wir aus, auch wenn der Wind kaum spürbar & in den Segeln nicht sichtbar wurde. Ein müdes gedämpftes Licht verschleierte dann die Sonne. Es gab jedoch auch Tage, an denen wir, vom Meer durchnäßt, knapp den Hafen erreichten.

Eines Tages saß mein Vater in einem Sessel bei uns. Er trank einen Cognac & las ein Buch. Wir sprachen mit ihm, doch er schaute nicht auf. Als er seinen Cognac ausgetrunken hatte, stand er auf & verließ grußlos den Raum. Vor der Tür räusperte er sich, ansonsten blieb er stumm. Fragen waren an dem Tage nicht erlaubt, sein Buch hatte er liegen gelassen. Deshalb wußten wir, er würde wieder zurückkommen. Bücher hatte er immer geliebt.

Tatsächlich sahen wir ihn schon recht bald wieder. Nachdem er seinen Cognac ausgetrunken hatte, erzählte er von den Fiebersümpfen & davon, wie sie in den zerstörten Dörfern Essen auch für die Übriggebliebenen kochten, stumm hätten sie dagestanden, zerlumpte Hungergestalten, mager & traurig geschaut hätten sie, damals, kurz vor dem Großen Winter, damals, als mein Vater seine Sprache verlor. Heute sprachen seine Bücher mit ihm & wir können nur vermuten, was er antwortete. Doch an besonderen Tagen, bei mildem Licht & wenn die Luft nicht zu kalt war, erzählte er von den Fiebersümpfen, davon, wie kleine Menschen aus brennenden Panzern sprangen & um ihr Leben rannten, bevor sie niedergemäht wurden.

Meine Mutter stand auf dem Balkon & feuerte einen fremden Jungen auf, mich ordentlich zu verprügeln. Wir beide fanden das, jeder auf seine Art, gleichermaßen befremdlich. Ich bemühte mich, nicht zu schreien, die Nachbarn durften nichts mitbekommen. Derweil suchte mein Vater den Schuhmacher bei uns am Bahnhof auf, er brauchte neue Schuhe, die Ferse, die sie ihm weggeschossen hatten, schmerzte. Ich war verliebt in die Tochter des Schusters, jeder an unserer Schule war das. Sie trug eine durchsichtige Bluse & darunter lediglich sich selbst.

Tagelang lief ich in der Stadt herum, sah die Menschen & Lichter, hörte Wortfetzen angeregter Unterhaltungen & fühlte mich einsam, wattiert & verlangsamt. Derart stumm wußte ich, es war nicht meine Welt, durch die ich mich bewegte.

Manchmal verwandelte sich das Schiff an der Decke in einen Gewehrkolben, über dessen genaue Linienführung ich mir nie klar werden konnte. Im Innenhof sangen verschiedene Vögel & immer, wenn der Wind ungünstig stand, drang Verkehrslärm von der nahen Hauptstraße zu uns in die Stille.

Hiddensee, Strand bei Neuenburg
Hiddensee, Strand bei Neuenburg

Als ich vier Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater Sonntagmorgens zum Bahnhof. Dort befand sich ein Zeitungskiosk aus  Holz, von dem die grüne Farbe bereits abblätterte. Am Sonntag wurde er, einem Altar gleich, aufgeklappt. Bedruckte Titelseiten ersetzten, ikonenähnlich, die Heiligenbilder. Der Verkäufer trug eine weiße Jacke mit silberfarbenen Knöpfen, sowie eine alte Ballonmütze gleicher Farbe. Auf dem Weiß hatte die  Druckerschwärze graue Flecken  hinterlassen. Seine Stimme war tief & rau, er war sehr freundlich & tätschelte dem Vierjährigen den Kopf. Mein Vater kaufte stets zwei Sonntagszeitungen. Meine Erinnerung daran ist genauer als das alte Photo, das mein Vater vom Verkäufer & mir gemacht hat. Ich weiß seinen Namen nicht mehr.

An schlechten Tagen nahm ich meinen Begleiter, der mir so viele Jahre treu zur Seite gestanden hatte, mit an Bord unseres Seglers. Jetzt, in diesen Tagen, wird er zum Chronisten meines Daseins. Die Gewißheit, Leid zu ertragen, besonders von denen, die ich davor zu bewahren suchte, ist seine Erfindung, sie läßt Abkehr nicht mehr zu. Mein Gefühl, meine Bedürfnisse sind des Anderen Last, hat er zur Erkenntnis gewandelt. Das Ertragen kennt als Alternative nach dem großen Schweigen & der jahrelangen Vergeblichkeit nurmehr noch den Lebensabbruch, zumindest jedoch das restlose Verschwinden, die Auslöschung. Vor allem das Beschweigen dämpft noch den Krieg. Doch gegen das Trommeln des Feindes nützt auch das Wachs nichts, mit dem Odysseus den Sirenen widerstand.

Es gibt Anmaßung, die so groß ist, das jedem Anderen nur die Kapitulation, & der Wirklichkeit das Abdanken bleibt. Immer ist es der Splitter im Auge des Anderen, der so viel größer & bedrohlicher erscheint, als der Balken im eigenen. Die Bedrohung ist unerträglich, denn sie liegt im Erkennen des eigenen Unvermögens. So, oder doch so ähnlich, sprach der Sohn des Zimmermanns. So auch der Mann, der einst Jahre unter einem Baum sitzend verbrachte. Vielleicht war der eine des anderen Jünger.

Vor dem Aufsuchen des Hafens, in dem unser Segler vor Anker liegt, ein Blick in die Süddeutsche Zeitung. Das liberale & linksliberale Menschenbild geht davon aus, daß der Mensch willens & in der Lage ist, ethisch & moralisch grundierte Verantwortung für sich zu übernehmen & somit im Rahmen eines Sozialgefüges auch für Andere. Eine leichte Brise kommt auf, & als wir die Mohle hinter uns gelassen haben erklärt der Steuermann, dem ich dies soeben erzählt hatte, daß es im Einzelfall zwar durchaus so möglich, in toto jedoch Wunschdenken sei, wie die tägliche Beobachtung allenthalben lehrt. Meine Ergänzung, in der allgemeinen Umdeutung der Begrifflichkeiten sei die Freiheit längst zum asozialen Egoismus verkommen & werde lediglich noch als mediales Trugbild am Leben erhalten, ist ihm zu eng gefaßt & zu persönlich. Außerdem zu rational, denn meine Gefühle blieben dabei unberücksichtigt. Mein Gefühl, sage ich, ist Wut. Es war einer dieser Tage, an denen die Kompaßnadel tanzte & die Pinne fester gefaßt werden mußte.

Eines Tages im Herbst, es war einer dieser dunstigen, eben noch warmen Tage, an denen es schon ein wenig nach verbranntem Laub riecht & die Sonne zu müde scheint, noch den Dunstschleier zu heben. An einem dieser Tage traf ich vor Jahren einen seltsamen Mann & dessen Freunde.. Er trug ein blaues Leinenhemd unter einem pelzbesetzten langen grauen Mantel, auf dem Kopf einen hohen Zylinder mit einer Feder dran & außerdem eine Fischmaske vor dem Gesicht. Seine Begleiter trugen ebenfalls ausgesprochen fremdartige Kleidung, einer hatte ein gestreiftes langes Nachthemd an & eine rote verwaschene Mütze auf dem Kopf. Ein weiterer sah aus, als käme er geradewegs aus dem Sherwood Forrest. Der mit dem Nachthemd hielt das Gestell einer alten Schirmlampe in der Hand, alle trugen Sonnenbrillen & sangen seltsame, sehr merkwürdig klingende Lieder. Der Mann mit der Fischmaske erzählte mir, daß die Lieder, die sie singen, direkt aus der Wüste kämen. Statt Noten benutzen sie abstrakte Ölbilder, deren kräftigen Farben ihre Töne folgen. Ich war einigermaßen erstaunt, denn soetwas hatte ich noch nie zuvor gehört. Nach einer Weile verabschiedete er sich freundlich & sagte, ich würde noch an ihn denken. In dem Moment wußte ich, daß mich diese seltenen Klänge nie wieder verlassen würden.

Als ich einmal zum Hafen hinunter ging, traf ich einen alten blinden Mann, der mich fragte, ob ich ihm einen Kaffee ausgeben könnte. Ich hatte kein Geld dabei, aber ich hatte ein wenig Zeit, mir seine Geschichte anzuhören. Er hieß August West & einst liebte er ein Mädchen noch mehr als seinen Wein & seinen Schöpfer, denn dieser war kein Freund von ihm & so hatte er Jahre mit Stehlen & Trinken verbracht. Doch eines Tages würde er schon wieder auf die Beine kommen, denn sein Mädchen sei immer treu gewesen & dann würde er wieder aufstehen & würde einfach davonfliegen. Später ging ich in die Stadt zurück & dachte darüber nach, wie schmal der Grad war, daß das Leben stets auf Messer´s Schneide dahin kroch & Wirklichkeit & Traum einander nahe waren wie Tag & Nacht & irgendwann werden wir Beides nicht mehr unterscheiden können.

Abends hörten wir Surf´s Up, wir lagen auf großen weichen Kissen tief im Süden. Wir waren gerade noch jung & sehr romantisch. Wir tranken Wein & bemalten meine Lederjacke mit bunten Federn. Wir entflohen der Welt. Dann liebten wir uns bedächtig & hofften, die Zeit stünde still. Als die Kerzen heruntergebrannt waren, schliefen wir ein. Am nächsten Morgen lag auf dem Fenstersims eine tote Taube.