Dezember 19

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

 

Georg Trakl

Dezember 12

Lieben Sie Gould ?

„Großartig wirklich phantastisch!“
„Das finde ich auch! Hervorragend!“
Er hatte gerade vier Glenn Gould CD´s auf den Tresen gelegt, als eine Frau vorbei kam und mit angenehm warmer Stimme ihre Begeisterung kundtat. Sie war wohl Mitte 30, gekleidet wie in den vierziger Jahren, mit einem hoch geschlossenem schwarzen Mantel mit Pelzkragen. Darunter wurden schwarze Stiefeletten mit großer silberner Schnalle sichtbar, die Beine wurden von groben Wollstrumpfhosen umhüllt & auf dem Kopf trug sie eine ebenfalls schwarze Baskenmütze unter der ein roter Haarschopf hervorschaute. Das Gesicht wurde von einer altmodischen aber elegant geschwungenen Brille beherrscht &  passenderweise hatte sie Chanel aufgetragen Er fand diese Art der Aufmachung schon immer ausgesprochen apart & bedauerte, sie nur noch so selten zu sehen. Er selbst trug dem späten Herbsttag angemessen eine grüne Wachsjacke, unter der ein Tweetsakko & eine bordeauxrote Cordhose hervorschauten. Auf dem Kopf saß eine leichte Schirmmütze in braunrotem Schottenkaro. Er trug einen kurz geschnittenen Kinnbart & eine randlose Brille mit ovalen Gläsern.
Die Frau ging mit einem offenen freundlichen Lachen an ihm vorbei in den hinteren, auf einem Treppenabsatz gelegenen Teil des vor kurzem neu eröffneten Ladens. Endlich gab es auch eine Filiale des Schallplattengeschäftes in der Innenstadt, so daß man nicht länger ins Universitätsviertel fahren musste, um in dem riesigen Angebot an reduzierten CD´s stöbern zu können. Obwohl er den Laden eigentlich gerade verlassen wollte, war er von der Erscheinung dieser Frau so angetan, daß er ihr folgte. Sie stand erwartungsgemäß am Klassikregal vor dem Buchstaben G.

Radfahrerin in Freiburg / Breisgau
Radfahrerin in Freiburg / Breisgau

„Verzeihen Sie, lieben Sie Gould?“ Sie sah kurz zu ihm auf, schaute dann wieder in die Reihe der CD´s & sagte, ihn erneut anblickend, „Ich würde nicht unbedingt das Wort lieben gebrauchen, ich fürchte, das trifft es nicht ganz, außerdem . . . .“  –  sie zögerte einen Moment, um dann mit einem frechen Augenaufschlag hinzuzufügen „Der Gute ist seit Jahrzehnten tot. Schon deshalb wäre der von Ihnen vorgeschlagene Begriff wohl doch ein wenig unpassend.“
„Ja, der gute Glenn. Was hat er uns für großartige Aufnahmen hinterlassen.“ sagte er.
„Nicht wahr, Sie sind auch der Meinung, dass er einfach unübertroffen ist.“
„Nun, sagen wir, meine Bewunderung gilt vor allem seinen Bach – Einspielungen, seinen Mozart dagegen finde ich, vorsichtig formuliert, etwas fragwürdig.“
„Oh,“ meinte sie, nachdenklich zur Decke blickend. Dann spitzte sie ihren roten Mund ein wenig, sah ihn unvermittelt an & sagte:
„Er war vielleicht etwas grob bei der Entzauberung eines Geheimnisses, Sie haben Recht, er hätte vorsichtiger sein sollen.“
„Kennen Sie seine Aufnahme der englischen Virginalisten, Byrd, Gibbons, Sie sollten Sie unbedingt mitnehmen!“
„Finden Sie? Sie scheinen mir ein Gould – Experte zu sein. Was erwartet mich? Bei den Virginalisten meine ich.“
„Strukturelle Transparenz, das Freilegen der Mittelstimmen, atemberaubende Technik & ein für Gould geradezu zärtliches Hineinhören und Nachfühlen in elisabethanische Lustbarkeiten.“
„Sie halten diese Zärtlichkeiten für nachvollziehbar? . . . Interessant!“
„Ich halte vor allem die Struktur für nachvollziehbar.“
„Der Zärtlichkeiten? – Verzeihen Sie, Sie müssen denken, ich nehme sie nicht ernst.“
Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an & kapitulierte vor ihrem strahlenden Lächeln, dem sie einen bedauernden Ausdruck zu geben verstand, der dadurch, daß sie ihre behandschuhte Rechte kurz auf seinen Arm legte, noch verstärkt wurde.
„Wissen Sie, es ist so selten, kompetente Gesprächspartner zu finden, die in der Lage sind, Verständnis für die kleinen Leidenschaften des Abseitigen aufzubringen. Meine Bekannten sind entweder desinteressiert an diesen Themen oder nur im Stande, die Welt der Musik durch die akademische Brille zu betrachten. Etwas einseitig, wie ich finde.“
Er gab ihr Recht und sie wandte sich wieder dem Fach der Gould CD´s zu, dem sie nun kurz entschlossen die Kunst der Fuge, die zwei- & dreistimmigen Inventionen, sowie, dabei kurz zu ihm aufschauend, die englischen Virginalisten entnahm.
„Ich sollte mich vielleicht etwas schneller entscheiden können, was meinen Sie?“
„Es nimmt stets mehr Zeit in Anspruch, falsche Entscheidungen zu bereuen, als richtige zu treffen. Deshalb kenne ich dieses Gefühl sehr gut. Sie sollten, wenn Sie mir den Rat erlauben, nicht an der Zeit das Überlegens sparen.“
„Ich danke Ihnen, Sie machen mir Mut! Sagen Sie, woran erinnert mich dieses Wort –Virginalisten – Ich weiß, das Virginal war ein einfaches, cembalonähnliches kleines Tasteninstrument. Aber wie leitet es sich aus dem Wortstamm des Jungfräulichen her?“ Sie sah ihn nachdenklich an.
„Vielleicht weil es vorwiegend von Jungfrauen, oder jungen Frauen, damals zumeist dasselbe, gespielt wurde?“
„Die unter ihren zarten Fingern zärtliche elisabethanische Komposition zum Leben erweckten? Fallen Ihnen noch mehr derart, ich möchte fast sagen, frivole Erklärungen zu den großen Geheimnissen der Musikgeschichte ein? Sie müssen Sie mir mitteilen, ich bin ganz wild danach.“
Sie gingen zusammen zur Kasse, an der Sie Ihre CD´s bezahlte & sie dann in einen großen schwarzen Beutel steckte, der aus dem gleichen Stoff wie ihr Mantel zu sein schien. Dann verließen sie den Laden. Sie standen einen kleinen Moment etwas unschlüssig in der kleinen Straße, einer Gründerzeitpassage, deren Häuserfronten letztlich gerade renoviert worden waren & zu den Schönsten in der Innenstadt zählten.
„Erlauben Sie vielleicht, daß ich sie zum Essen einlade?“ fragte er, etwas unsicher, da er eine Absage befürchtete & sich ehrlicherweise über seinen Mut wunderte.
„Aber ja, gerne. Ich finde, das ist eine ausgezeichnete Idee, wir können unsere amüsante kleine Unterhaltung dabei etwas vertiefen. Es gibt hier ein paar Schritte weiter ein elsässisches Restaurant. Mögen Sie diese Küche?“
„Ich liebe sie geradezu.“ entgegnete er.
„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, ich denke das gehört sich so. Ich heiße Max Reinhardt.“
„Oh, wie der Theatermann! Guten Tag, Max Reinhardt. & Sie können Sophie zu mir sagen. Sophie Herder.“
Nachdem die notwendigen Formalitäten nunmehr erledigt waren, gingen Sie die wenigen Schritte bis zu dem im Souterrain befindlichen Restaurant, das um diese Zeit, es war siebzehn Uhr, noch nicht sonderlich gut besucht war. Sie wählten einen kleinen Tisch am Fenster, der einen guten Blick auf die Passage ermöglichte. Sie schlüpfte mit einer eleganten Drehung aus dem Mantel, den er ihr abnahm und zur Garderobe brachte. Darunter trug sie ein kunstvoll geripptes schwarzes Strickkleid, das die Details ihrer fülligen Figur ausgesprochen vorteilhaft zur Geltung brachte. Die Baskenmütze behielt sie auf, nahm den dicken schwarzroten Seidenschal, den sie trug, jedoch ab. Dann kramte sie in ihrem Stoffbeutel & brachte ein silbernes Zigarettenetui, sowie ein altmodisches schweres silbernes Feuerzeug hervor. Dem Etui entnahm sie eine kurze filterlose Zigarette, die er ihr sodann mit ihrem Feuerzeug anzündete.
„Oh, Verzeihung, wie unaufmerksam von mir, möchten Sie auch eine?“
„Danke, nach dem Essen vielleicht.“
„Es stört sie aber nicht?“
„Oh, . . . nein!“
„Danke, sehr freundlich!“
Der Kellner kam & brachte zwei Speisekarten.
„Darf ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?“
Reinhardt sah sie über den Rand der Speisekarte hinweg erwartungsvoll an. Mit einem Ruck ließ Sie die Karte sinken & sagte, ihm zugewandt: „Ein Glas Champagner bitte.“
„Zwei Glas Champagner dann bitte.“
Der Kellner entfernte sich mit einer leichten Verbeugung.

Colonnaden, Hamburg
Colonnaden, Hamburg

„Sie befassen sich schon länger mit Klaviermusik, mir schien es, als seien Sie nicht ganz unvorbereitet im Geschäft gewesen.“
„Ach, wirkte das so?“ entgegnete sie, „ich liebe Klaviermusik! In erster Linie natürlich Gould. Aber es gibt so viele hervorragende Pianisten, denke ich. Wie soll man sich da entscheiden. Nehmen Sie die Beethoven – Sonaten. Wem würden Sie den Vorzug geben: Brendel, Kempff oder doch nicht etwa Barenboim?“
„Schnabel!“
„Bitte?“
„Arthur Schnabel. Gestorben 1952. Leider hinterließ er deswegen nur verrauschte Mono Aufnahmen von 1935.“
„Wie schade!“
„Ganz in Gegenteil. Unerreicht! Seine Interpretation findet einen Inhalt zwischen den Noten und ist in der Lage, in zu vermitteln & hörbar zu machen. Danach kam nur noch Kempff, der Mystiker, da haben Sie schon Recht“
„Was hat er denn gefunden? War es nicht Richter, der sagte, Musik ist bloß das Spielen der Noten & nichts als das?“
„Er sagte, es sei nicht richtig, etwas anderes zu spielen, als das, was in den Noten steht. Dort stünde alles. Interpretation sei persönliche Eitelkeit des Ausführenden & deshalb fragwürdig.“
„Armer Glenn.“ sagte sie traurig.
„In der Tat.“
„Verabscheuen Sie den Ausdruck, die emotionale Ebene? Was finden Sie zwischen den Noten?“ fragte sie.
„Ich bin der Meinung – als Hörer, daß eine Interpretation den emotionalen Gehalt eines Stückes, oder dessen geistige Dimension erlebbar zu machen hat. Ansonsten ist sie sinnlos.“
„Also mögen Sie Richter nicht.“
„Oh doch, er gab der Musik die Transzendenz zurück, solange es nicht Chopin ist, den er spielt!“
Der Champagner kam & sie stießen an.
„Trinken wir auf die Transzendenz oder auf die Emotionen?“ fragte er.
„Ich bevorzuge eindeutig die Emotionen!“ erwiderte sie & nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas. Der Kellner erschien erneut & erkundigte sich, ob man bereits gewählt habe. Sophie bestellte drei Austern & anschließend eine Lachstarte, sowie einen kleinen Salat. Max hatte sich für Schnecken & Pastete entschieden. Dazu orderte er einen fruchtigen Riesling d´Alsace. Zum Dessert sollte eine Auswahl verschiedener Rohmilch Ziegenkäse serviert werden.
„Denken Sie nur an Chopin! Sie können sich wie Richter durch den Text buchstabieren & dem guten Frederic damit eine bleierne Erdenschwere aufbürden unter der sein zartes Kreuz zerbrechen muß, oder Sie können ihn perlen lassen, wie Rubinstein, genau mit dieser Art spritzigem Humor versehen . . . . “
„Wie dieser Champagner!“ unterbrach sie ihn.
„ . . . & ihn damit als parfümierten, Salonlöwen exekutieren.“ erwiderte er ein wenig provokativ & fuhr fort, „Ist es nicht gerade die Ernsthaftigkeit, mit der Richter Chopin spielt, die uns erschrecken lässt?“ Er machte eine kleine Pause & fuhr fort:
„Haben Sie je das Glück gehabt, die Argerich Chopin spielen zu hören – & vor allen Dingen zu sehen? Diese einzigartige Mischung aus klassizistischer Strenge & zeitloser Eleganz. Eine Leichtigkeit des Anschlags, die Sie so nur noch höchstens bei Arrau oder Horowitz zu hören bekommen. Dazu dieses zerbrechlich wirkende Persönchen, das sich auf den Wellen dieser Klänge davontragen lässt. & doch – keine Selbstvergessenheit, kein Zufall. Kontrollierte . . . “
„Extase?“ vollendete Sie seinen Satz & sah ihn mit halb geöffneten Lippen & leicht nach hinten geneigten Kopf an.
„Ja, kontrollierte Ekstase, ich denke das trifft zu.“
„Mir scheint, Sie lieben leichtes Fingerspiel?“ bemerkte sie scheinbar beiläufig & blickte dabei in ihr Glas, doch seiner Antwort kam der Kellner zuvor, der den Wein brachte & zum Begutachten vorbereitete. Nachdem er ihn probiert hatte & anmerkte, er sei vielleicht ein klein wenig zu kühl, was jedoch aufgrund der Raumtemperatur kein allzu großes Problem darstelle, sagte sie, ihn ein wenig neckend:
„Offenbar sind sie nicht nur Klavier– sondern auch Weinexperte. Womöglich gar ein kleiner Gourmet? Zumindest in mancherlei Hinsicht?“ Dabei drehte sie das Champagnerglas zwischen ihren Fingern leicht hin & her & sah ihn darüber hinweg versonnen an.

Colonnaden, Hamburg
Colonnaden, Hamburg

„Wissen Sie, zum Gourmet fehlt mir leider das Geld, der Gourmand hingegen widerspricht meinen Eßgewohnheiten. Deshalb fröne ich einem gewissen proletarischen Hedonismus . . . in mancherlei Hinsicht.“ fügte er lächelnd hinzu.
„Ach ja? Obwohl ich, abgesehen von Ihrer, wie ich allerdings zugeben muß, etwas sonderbaren & auch ambivalenten Liebe für Richter, nichts Proletarisches an Ihnen zu finden vermag – nach allem, was sie so erzählt haben.“
„Habe ich das? Gestehen Sie mir doch freundlicherweise noch ein oder zwei kleine Geheimnisse zu.“
„Ich liebe Geheimnisse, Sie offenbar auch.“
„Ich bin allerdings neugierig genug, Sie auch ergründen zu wollen.“ sagte er.
Inzwischen waren die Vorspeisen serviert worden und sie fuhr fort:
„Nehmen Sie zum Beispiel diese Auster hier. Jahrelang hat sie ihr kleines Geheimnis fest vor uns verschlossen gehalten. Wenn wir nur fest genug in sie dringen, wird sie es allerdings preisgeben müssen.“ Sie nahm mit einer eleganten Bewegung den Austernbrecher, hatte mit einem leichten Druck die Schalen geöffnet, klappte die Muschel auseinander & sagte: „Nur ein leichtes Eindringen an der richtigen Stelle, & schon muss sie Ihr süßes Geheimnis preisgeben.“ Sie nahm die untere Schale & schlurfte das Fleisch, während sie ihn unverwandt über ihre Brille hinweg ansah, „So einfach ist das – manchmal . . . “ fügte sie hinzu.
„Wenn wir das nun auf die Musik übertragen wollen, werden wir gezwungen sein, die Pianisten nach ihrer Fähigkeit zu unterscheiden, uns die Geheimnisse der Musik möglichst anschaulich zu offenbaren.“ erwiderte er.
„Haben wir nicht vorhin festgestellt, daß unser gemeinsamer Freund bei seiner Mozart Entzauberung ein wenig zu grob vorgegangen ist, & gibt es nicht auch Musik, die uns so gar kein Geheimnis vorzuenthalten bereit ist, ja geradezu vulgär offen vor uns liegt?“ fragte sie zurück, um dann fortzufahren: „Nehmen Sie die Prokofiev – Toccata . . . “
„ . . . Ah, Richter!“ rief er aus, „der bruitistische Charakter dieser Musik ist niemals wahrer vermittelt worden!“
„Sie überraschen mich, bis eben dachte ich, Ihre Vorliebe gelte zärtlichen Fingerspielen. Eine Toccata, wenn sie nicht gerade von Bach ist, hat etwas Wildes, ich möchte sagen, Animalisches, erscheint mir zumeist hemmungslos vorwärts drängend, atemlos einem unbekannten Gipfel zueilend.“
„Ich bat sie doch, auch mir noch ein oder zwei kleine Geheimnisse zu gönnen.“ erwiderte er.
„Jedenfalls scheinen Sie die Ihren leichter hergeben zu können, als es die Auster vermochte, doch sollten wir uns nicht zu frühzeitig verausgaben.“
Inzwischen war man beim Hauptgang angekommen & die Flasche Riesling zur Hälfte geleert.
„Verfolgen wir die Musik nicht immer auf ein bestimmtes Ziel hin, erwarten wir nicht förmlich bei jedem Stück, daß wir kennenlernen, eine Art . . . “ er zögerte, „Höhepunkt?“ führte sie die Frage zu Ende.
„Ja genau, wir horchen auf ein bestimmtes Ziel, nennen Sie es wie Sie wollen, & ich glaube, wir sind enttäuscht, wenn wir es nicht erreichen.“
„Und wie!“ sagte sie nachdrücklich und fuhr fort: „Ich habe aus genau diesem Grunde eine ausgesprochene Vorliebe für Präludien. Oh, wenn ich den klaren Melodien folge & immer atemloser werde vor Begeisterung; wenn geschickte Finger auf der Tastatur beinahe unbeschränkte Möglichkeiten finden, mich durch dieses wundervolle Erleben zu führen, dann bin ich hingerissen – einfach vollständig im Bann dieses Fortschreitens, noch unbekannten weiteren, noch größeren Genüssen entgegen, & . . . “
„Der Fuge zum Beispiel.“ unterbrach er sie, sich mit der Serviette den Mund abwischend, um einen Schluck Wein zu trinken.
„Ja! Sind Sie auch der Meinung, daß die Fuge die höchste Form der Vereinigung darstellt, zu der zwei unterschiedliche musikalische Charaktere fähig sind? Mich überkommt jederzeit eine Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, wie die einzelnen Stimmen miteinander ringen, sich um– & in einander verschlingen, um sich letztlich vom Kampfe erschöpft einanderer zu ergeben, ja in einander aufzugehen als etwas Unbekanntes, Großes! Welch eine Vorstellung!“
Ihre Rede hatte sie derart in Erregung versetzt, daß sie, ein wenig atemlos, in ihren Stuhl zurücksank & nach dem Glas griff, um ihre leicht geröteten Wangen durch einen kräftigen Schluck zu kühlen.
„Aber bleibt nicht doch zuweilen ein fader Nachgeschmack, wenn es vorbei ist & die hochgesteckten Erwartungen enttäuscht worden sind, wie es ja leider auch hin & wieder geschieht?“ wollte er von ihr wissen.
„Oh nein, denn sehen Sie, Musik hat einen äußerst sensiblen Charakter & ich bin zwangsläufig gezwungen, mich auf sie einzustellen, mich vorzubereiten & hinzugeben, denn wenn ich das tue, bin ich allen Eventualitäten gegenüber offen. Das reduziert die Enttäuschungen auf ein immer noch tragisches, jedoch erträgliches Ausmaß.“
Nachdem der Wein geleert worden war & jeder noch eine Zigarette geraucht hatte, verließen sie das Lokal. Einen Moment lang standen Beide unschlüssig im Herbstwind. Schließlich jedoch blickte er sie an und fragte: „Toccata?“
& lachend antwortete sie: „Präludium und Fuge!“

Widmung:  Dieser Beitrag ist den genannten Interpreten & Werken gewidmet, sowie all denen, die nicht ausdrücklich genannt wurden. Er ist ebenfalls einer Zeit gewidmet, in der Schallplatten- & CD – Geschäfte noch nicht von seelenlosen Großmärkten verdrängt wurden.