November 30

. . . . ins Offene: Ulver

. . . . vom finsteren Tann zum weißen Rauschen

 

„Angels of memory
they point to the death of time,
not themselves timeless,
and without recall.
Their strength is to stand still,
afterglow of an old religion.“

aus Ulver / Stone Angels (War of the Roses)

Eine der unausweichlichen Eigenschaften des menschlichen Daseins ist die Veränderung. Gleichzeitig ist sie auch eine derjenigen, die heftigste Ablehnung erfährt. Dies mag darin Begründung finden, daß die Entwicklung des Menschen von Geburt an auf sein Ende ausgerichtet ist. Im Laufe dieser Lebensspanne erfahren wir eine Abfolge permanenter Veränderung, die unserer Lebensumstände, biochemischer & hormoneller Art, hoffentlich eine Zunahme unseres Wissens. In der Regel folgt einer längeren Phase der Gesundheit die Erfahrung diverser Zipperlein, Krankheiten & manchmal auch des Siechtums. Gegen all dies können wir uns schwerlich wehren, allenfalls lassen sich einige dieser Prozesse in unserem Sinne beeinflussen, aufzuhalten sind sie im Allgemeinen nicht.
Etwas anders stellt sich ein Blick auf den Begriff der Entwicklung dar. Hier scheinen die Möglichkeiten unserer Einflußnahme ungleich größer zu sein, hier sind in vielen Bereichen wir selbst das Maß dessen, was wir erreichen können. Voraussetzung ist allerdings die Anerkennung & das Nutzen der Möglichkeiten, die wir haben. Ob wir das tun oder nicht, ob wir uns „den Umständen“ überlassen, ob wir uns durch das Leben treiben lassen, oder ob wir es im Rahmen unserer Möglichkeiten – & oft auch darüber hinaus – gestalten, ob wir also Objekt oder Subjekt sein wollen, das bestimmen wir weitgehend selber. Es gibt Menschen, deren Opferrolle ihnen zum Refugium gerät, ja eine für sie durchaus stabilisierende Funktion abgibt, & es gibt Menschen, deren Streben nach Höherem nur dazu dient, ihre Herkunft zu verleugnen, ihr zu entrinnen. Da dies nicht möglich ist, sondern unsere Herkunft stets den Schlüssel zum Verständnis unseres Seins bereit hält, ist ihre Anerkenntnis unverzichtbar. Der Kampf gegen unsere Herkunft kann nicht gewonnen, er sollte überwunden werden. Das Wort von einer gesunden Entwicklung bekommt so eine wahre Bedeutung.
Die Entwicklung ist also zu einem großen Teil ein individueller Prozeß, der unzählige Möglichkeiten bereit hält, die genutzt werden können. Daß die Ergebnisse dieses Entwicklungsprozesses Anderen nicht zwingend erstrebenswert, nachvollziehbar oder begrüßenswert erscheinen, liegt somit ebenfalls auf der Hand.
In besonderer Weise gilt dies für Künstler, da diese aufgrund ihrer Kreativität eigentlich permanent nicht nur entwicklungsfähig, sonder auch -willig sind, es sei denn, der Erfolg, den sie ggf. erlangt haben, bedingt permanente Reproduktion. Daß mit dem Aufkommen der klassischen Epoche in der Musik, spätestens jedoch mit dem Einsetzen der Romantik, die Komponisten aus dem Fron der Fürsten- & Bischofshäuser & somit dem Diktat der Auftragsarbeiten entrinnen konnten, hat in nicht unerheblicher Weise die Entwicklung der Musik befördert & befreit. Das Publikum hingegen erwartet zumeist das Immergleiche, will Vereinnahmung durch Wiederholung, überträgt also seine eigene Unlust zur Entwicklung als Wunsch & kommerzielle Anforderung auf den Künstler, dem die Gefolgschaft verweigert wird, sollte er sich im Unterlaufen der Erwartung gefallen. Das ist der Grund, warum es Bands gibt, die seit Jahren die gleiche Platte mit den gleichen Stücken darauf aufnehmen & auch ungeheuer erfolgreich verkaufen. Scheinbar ist die Langeweile kein sehr häufiger Begleiter dieses Publikums. Es gibt wenige Bands, die sich diesem im Grunde regressiven Prozess radikal entziehen. Eine der bekanntesten dürfte die britische Pop Band Talk Talk gewesen sein, die es schaffte, sich in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von neun Jahren & fünf Alben von einer sehr erfolgreichen chartorientierten Synthie – Popband zu einem kammermusikalischen Postrock Projekt zu entwickeln, daß schließlich auf herkömmliche Songstrukturen weitgehend verzichtete. Daß sie auf diesem Wege auch noch eine herausragende Neohippie – Platte veröffentlichten, kann nicht verwundern. Daß dieser Prozeß unter bewußter Aufgabe des kommerziellen Erfolgs geschah, schon eher.

Wald im Rosengarten - Nebel (Photo: Heidrun Scholz)
Wald im Rosengarten – Nebel (Photo: Heidrun Scholz)

Anfang der Neunziger Jahre rollte von Norwegen aus die sog. zweite Welle des Black Metal über die interessierte Welt hinweg. Diese war allerdings weit mehr an den unschönen Begleiterscheinungen wie Kirchenbrandstiftungen, Morden & Selbstmorden interessiert, als an der Musik. So gingen nicht nur für Eingeweihte wegweisende & herausragende Bands & Platten, von Darkthrone / A Blaze in the northern Sky (1992), Emperor / In the Nightside Eclipse (1994) oder von Mayhem / De Mystiriis Dom Sathanas (1994) im Getöse des Feuilletons & der Sensationspresse unter.
Im Jahre 1995 erschien Bergtatt – Et Eeventyr i 5 Capitler, die erste Platte von Ulver (norw. für Wölfe). Kurz zuvor war ein Demo, Vargnatt, sowie die Split – EP Ulverytternes Kamp/Mourning zusammen mit Mysticum erschienen. Das Vargnatt – Demo soll angeblich in einem Trollwald, also dunkel & finster, aufgenommen worden sein. Ulver erhielten einen Vorschuß von 5000 Kronen, mit dem sie dann ihr erstes Album finanzieren konnten.
Bergtatt wurde vom Fachmagazin Rock Hard unter die 25 besten Black Metal Platten aller Zeiten gewählt. Neben den stilistischen & klanglichen Besonderheiten des norwegischen BM zu dieser Zeit, also schrillen schnellen Akkorden, mandolinenartig gespielter Leadgitarre, kreischendem hohen Gesang sowie Doublebass & Blastbeats, finden sich hier auch gregorianisch anmutender, zuweilen mehrstimmiger Klargesang & ruhige gezupfte Akustikgitarren. Auch beinhalten die norwegisch gesungenen Texte keine blasphemischen & satanistischen Ausfälle, sondern handeln von der Einsamkeit & Leere der Landschaft, von alten Bräuchen & dem Leben der Menschen in alter Zeit. Auch die Produktion war im Gegensatz zu anderen BM Bands sehr viel voller & wärmer, als die i.d.R. bewußt mit billigem Equipment & stark begrenztem Frequenzspektrum aufgenommenen Platten der Konkurrenz. Inhaltlich wurde mit Bergtatt eine neue Richtung im BM eingeschlagen, die einige Jahre später u.a. von Bands wie Blodhemn oder Taake, die Stabreime in altnorwegischer Sprache vertonen, sehr erfolgreich fortgeführt wurde. Die Aufseher des Gedankengulags sehen hierin, wie auch bei englischen Bands wie Winterfylleth oder Wodensthrone aus diesem Grunde Böses & unterstellen geistige Nähe zu nationalistischem & rassistischem Gedankengut. Ich erspare mir & dem Leser weitere Erörterungen dieser intellektuellen Bankrotterklärungen.
Zurück zu Ulver. Ein Jahr später, 1995, erschien mit Kveldssanger die zweite Platte, ein rein akustisch instrumentiertes Folkalbum, das überwiegend, von Cello & gelegentlicher Flöte begleitet, Instrumentalstücke enthält, sowie ausschließlich Klargesang mit choralartigen Overdubs. Die Stücke basieren auf alten klassischen norwegischen Folkweisen, deren Themen auf Bergtatt bereits angedeutet wurden.
Wieder ein Jahr später, 1996 erschien die dritte Platte, Nattens MadrigalAatte Hymne Til Ulven i Manden. Diese Platte ist ein reines traditionelles BM Album, roh & monoton, & erinnert mit Klang & der Stilistik an die Frühwerke von Darkthrone. Diese drei Platten zusammen wurden von der Band als „eine Trilogie über die finsteren Aspekte der norwegischen Folklore“ bezeichnet, erschienen im Jahre 1997 als The Trilogy – Three Journeyes through the Norwegian Netherworlde. Diese Kompilation ist bedauerlicherweise längst vergriffen, genau wie die um die entsprechenden Demos erweiterte Box mit dem Titel Trolsk Sortmetall 1993 – 1997 aus dem Jahre 2014, die, ebenfalls vergriffen, gelegentlich noch nach längerem Suchen bei  einem kundigen Händler stehen könnte, ohne dafür die bei Amazon oder e-bay geforderten Phantasiepreise zahlen zu müssen.

Die Trilogie ist ein Dokument hoher gedanklicher & stilistischer Eigenständigkeit & Unabhängigkeit, dem bewußten Unterlaufen bekannter Hörgewohnheiten & dem Aufbrechen eines bestimmten Image. Daß der Gestus der Musik dem Beabsichtigten verblüffend nahe kommt, daß der Geist des norwegischen BM hier keinesfalls verraten, sondern in bewundernswerter Weise quasi transzendiert wird, ist innerhalb dieser Musik & aus ihrer Mitte heraus, eindrucksvoller Beweis kreativer Möglichkeit & radikaler Konsequenz. Dem Leser dieser Seiten kann nicht entgangen sein, daß der Autor (neben vielem Anderem) ein großer Liebhaber des Black Metal ist. Was mich daran in besonderer Weise fasziniert, ist das Primitive in einem sehr archaischen Sinn, das Grundsätzliche, die Verweigerung des Konsens, der Abscheu vor der Masse, also das Elitäre, der Antimodernismus & die spirituelle Kraft. Es gibt kaum andere Musik, auf die die genannten Kriterien anwendbar sind. Hört man die Trilogie hintereinander, wird man Teil einer Reise in unbekannte nordische Welten, entstehen Bilder von Kälte, großer Weite, Schnee & Einsamkeit. Wem dies zu plakativ ist, dem sei gesagt, daß dies eine auf Äußerlichkeiten reduzierte Anschauung ist, da die innere Empfindung weit mehr einem tiefen grundsätzlichen Erleben gleicht. Diese Musik berührt Geist & Seele gleichermaßen, sie bereichert & erweitert den emotionalen Raum, weitet das Vorstellbare.

Dieser Artikel wird nicht alle Platten von Ulver einfach chronologisch abarbeiten, das ist mir selbst zu langweilig, sondern anhand der regulären Studioalben eine erstaunliche Entwicklung nachzeichnen. Wie bei vielen Bands, gerade aus dem genannten Umfeld, war auch Ulver von ständigen Personalwechseln geprägt. Seit Gründung dabei, Kopf & Antrieb gleichermaßen, ist Kristoffer Rygg. Daß im weiteren Verlauf der Bandgeschichte sehr viele Musiker der norwegischen Black Metal & Post Black Metal Szene eine Musik bereichern, die mit ihren eigentlichen Bands nichts mehr zu tun hat, ist ein Zeichen für das kreative Potenzial dieser Stilrichtung. So tauchen immer wieder einmal Mitglieder von Bands wie Mayhem, Darkthrone oder Borknagar in den Besetzungslisten auf.

Wald im Rosengarten (Photo: Heidrun Scholz)
Wald im Rosengarten – Heimstatt (Photo: Heidrun Scholz)

Rückblickend hat Kristoffer Rygg die Trilogie als Ausdruck einer bestimmten Phase seines Lebens bezeichnet, die für ihn im Jahre 1996 abgeschlossen war. Im Folgenden wird deutlich werden, daß der Wunsch, sich weiter zu entwickeln, dazu führen kann, ab einem gewissen Punkt an Grenzen zu stoßen, deren Überschreitung Konsequenzen hat, deren Folgen nicht absehbar sind, & wo der weitere Weg ins noch Unbeschreibbare, ins Offene führt. An diesem Punkt muß die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, beinhalten, sämtliche erworbenen & erlangten Sicherheiten, wie z.B. die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene, aufzugeben. Da dies auch die Aufgabe ökonomischer Verläßlichkeiten beinhaltet & nicht vorausgesetzt werden kann, diese erneut zu erlangen, ist zu einem derartigen Schritt durchaus großer Mut erforderlich. Dieser Mut speist sich aus dem Wissen um die eigenen Fähigkeiten & aus der Überzeugung, Entscheidungen zu treffen, die man unabhängig von ihren Folgen für richtig hält. Man bezeichnet dies gerne als Ehrlichkeit oder künstlerische Aufrichtigkeit. Die meisten Menschen, die in irgendeiner Weise kreativ tätig sind, kennen diese Gedanken, haben vielleicht selbst schon vor ähnlichen Entscheidungen gestanden & sich entweder für oder gegen das Risiko entschieden. Auch erscheint in der Wahrnehmung des unzuverlässigsten Maßstabs künstlerischer Tätigkeit, der des Publikums, Vieles als unverständlich, was dem Ausführenden Bedürfnis ist. So ist die genannte Grenze auch ein Wendepunkt im Leben des Künstlers, da ein Weitergehen dieses in entscheidender Weise verändern wird. Zum einen ökonomisch, da nicht klar sein kann, ob die finanziellen Sicherheiten, seien sie auch noch so gering, erhalten bleiben, zum anderen menschlich, da am neu entstehenden kreativen Prozeß in der Regel andere Personen beteiligt sein werden, als im bekannten, nun überwundenen Gefüge. So sind die ersten Schritte ins neue Gelände hinter der Grenze, ins Niemandsland, ins Unbekannte, ins Offene, zuerst tastende, unsichere Gehversuche, die zunehmend einem festeren Tritt weichen werden & sodann einen zusehens sicheren Schritt ermöglichen.
Themes from William Blake´s The Marriage of Heaven and Hell, erschien als Doppelalbum im Jahre 1998. Es ist eine Platte, die den Hörer ratlos zurückläßt, zu sehr wirkt dieses Werk überambitioniert, gleichzeitig aber auch tastend, Stile & Sounds auslotend, sich jedoch an keinem nachhaltig orientierend, nicht festgelegt. Ein Feldversuch, ausgestattet als Versuchsanordnung zwischen Ambient & Experiment, Elektronik, Folk, Metal, Trip Hop in deren unterschiedlichsten Interpretationen. Daß diese Platte Album des Monates Januar 1999 im Metal Hammer wurde, dürfte eher der mittlerweile legendären Geschichte der Band, als der Musik geschuldet sein. Da traf der Rezensent des Rock Hard Magazins den Sachverhalt schon eher, als er Themes . . . mit Pink Floyd verglich. Er kann allerdings nur die frühen PF bis einschließlich Ummagumma gemeint haben.
Ein sicherer Schritt auf fester werdendem Grund gelang Ulver mit dem im Jahre 2001 erschienenen Album Perdition City – Music to an interior Film. Auf Wikipedia findet sich folgendes Zitat von Arlette Huguenin, die im Vampster Magazin schrieb, daß dies ein Album sei, das sie „mit gutem Gewissen all jenen empfehlen kann, die darüber hinweggekommen sind, dass der Name ‘Ulver’ nicht mehr nur für Black Metal steht, sondern auch für innovativen, düsteren Trip Hop, der nicht unter dem Zwang steht, mit klaren Songumrissen in die Hitparade zu kommen“. Diese Formulierung scheint mir aus heutiger Sicht ein wenig zurückhaltend zu sein, denn mit Black Metal hat diese Musik nichts mehr zu tun. Nahezu frei von Gesang sind klagende Saxophone über typischen Trip Hop Beats zu hören, elektronische Klangflächen & sparsame Klavierakkorde schaffen eine durchgehend eher düstere Atmosphäre, & in der Tat entstehen Strukturen höchstens in Akkordabfolgen & nicht in klassischen Songschemata. Perdition City ist der Soundtrack zu einem inneren Film – das ist schon gut beschrieben – auf den sich der Hörer einlassen muß. Von diesem Zeitpunkt an werden Ulver dieses „sich einlassen“ verstärkt einfordern. & ab dieser Platte gilt ebenfalls, daß der Sound nahezu die gleiche Gewichtung erfährt wie die Musik. Zu empfehlen sind fortan also Kopfhörer oder eine gute Anlage. Es darf unterstellt werden, daß das Feilen an den einzelnen Sounds eine Hauptaufgabe bei der Produktion gewesen ist – & künftig bleiben wird. Perdition City ist der Grenzstein auf dem Weg, der Ulver ins Offene führt.
Dissonant gegeneinander sägende Klangflächen, einsame Klaviertöne & sperrige Akkorde – eine Atmosphäre gespannter Erwartung eröffnet die Platte & stärkt die Gewißheit, dies wird keine fröhliche Musik mehr werden. Im weiteren Verlauf hören wir Anklänge an die späten Beach Boys der 70er Jahre aus der Surf´s Up & Holland Phase, Tears for Fears, ja sogar frühe OMD, gefolgt von Reminiszenzen an Queen, alles sehr stark verfremdet, wie in einem surrealistischen Alptraum neu abgemischt & in eine weltenferne Realität transformiert; sogar Black Metal typische Blastbeats gegen Ende der Platte, allerdings ohne deren musikalische Entsprechungen: Blood inside aus dem Jahr 2005 ist eine anstrengende Platte, die es dem Zuhörer, auch dem geneigten, schwer macht, sie zu lieben. Um den eigenen Ideen gerecht zu werden, wird Beachtliches aufgefahren, an Personal, Instrumenten & Stimmen. Allerdings ist die Platte einerseits durchaus songorientierter als der Vorgänger, andererseits entsteht beim Hören das Gefühl, daß die starken Gegensätze einem inneren Plan folgen, denn diese Musik ist bei allem Reiben verschiedenartigster Einflüsse & deren verzerrender, ja dekonstruktiver Interpretation sowie aller inneren Widersprüchlichkeit nicht unentschieden, im Gegenteil, sie ist eine Herausforderung mit ihr zu ringen, sich ihr anzunähern & sich ihr schließlich hinzugeben.
Im Jahre 2007 erschien mit Shadows of the Sun eine eher meditative, über weite Strecken ruhige Platte, deren Schwerpunkte auf elektronischen Klangflächen, Clustern eines Streichquartetts, elegischen Melodiebögen von Geige, Trompete & in Elektronik eingebetteter E – Gitarre, sowie auf dem langgezogenen schwermütigen Gesang von Kristoffer Rygg liegen. Hin & wieder sorgen dynamische Auf- & Ausbrüche für Abwechslung, die allerdings meines Erachtens nach keineswegs zwingend erforderlich erscheinen. Das musikalische Geschehen wird, wie so oft bei Ulver, von sparsamen Klavierakkorden bestimmt, deren dissonante harmonische Reibungen, bis hin zu gegenläufigen atonalen Arpeggien hauptverantwortlich für die düstere Grundstimmung der Musik sind. Der oft mehrstimmig gedubbte Gesang erinnert zuweilen ein wenig an David Gilmore auf den letzten beiden Alben von Pink Floyd, steht jedoch in seiner meditativen Ruhe & nahezu gregorianisch anmutenden Weltenferne in einem gänzlich anderen Kontext. Eine sehr stimmige & insgesamt zurückgenommene Platte.
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts tobten in England 30 Jahre lang die Erbfolgekriege zwischen den Häusern York & Lancaster, die nach den Wappen der Kontrahenten auch als Rosenkriege bekannt geworden sind. William Shakespeare griff diese blutigen Auseinandersetzungen in seinen Königsdramen wiederholt auf. Ulver taten dies im Jahre 2011 mit War of the Roses. Der verblüffte Hörer greift, wenn die ersten Töne erklingen, zum Cover, um sich zu vergewissern, ob er nicht zufällig die falsche Platte hervorgeholt hat; zu sehr erinnert das Gehörte an frühe Echo & the Bunnymen oder XTC. Nach kurzer Zeit allerdings wird klar, daß es sich tatsächlich um eine Platte der Norweger handelt, & zwar in dem Moment, wo sich harmonieverweigernde Elektronikklänge in das New Wave Gefüge mischen & der anfänglichen poppigen Gestimmtheit eine neue Richtung geben. War of the Roses lebt weitgehend von Songs, deren strukturelle Ambivalenz in ihrer suchenden inneren Mechanik begründet ist. Stark gesangsorientiert findet sich in den Abläufen & Arrangements alles, was die Band in den Jahren zuvor erarbeitet hat: sorgsam ausgetüftelte elektronische Klangflächen, klagende Saxophone, Wendungen vom Harmonischen ins Dissonante, geräuschhafte Passagen & emotionale Wendungen. Das 15 – minütige Schlußstück Stone Angels, das in seiner ruhigen Stimmung & dem rezitierten Text gleichwohl keinesfalls als rührselige Ballade mißzuverstehen ist, gleicht dabei eher einem Hörspiel mit stark assoziativem Charakter, als einem Musikstück. Eine zwar scheinbar widersprüchliche, aber dennoch in sich sehr schlüssige Platte.

Wald im Rosengarten - Dämmerung (Photo: Heidrun Scholz)
Wald im Rosengarten – Dämmerung (Photo: Heidrun Scholz)

Es gibt zwei Platten von Ulver, die ich als Opus Magnum bezeichnen würde, als die Quintessenz ihres Schaffens nach der Trilogie. Messe I.X – VI.X, hinter diesem sperrigen Titel verbirgt sich die 2013 erschienene zehnte Studioplatte der Band, & ihre, wie ich finde, zugleich beste. Es handelt sich um eine Auftragskomposition des Tromsø Kulturhus & des Tromsø Kammerorchesters. Die Platte beginnt mit Vogelstimmen, schwebenden elektronischen Klangflächen, zu denen sich flirrende Streicherakkorde gesellen, wir hören ein fernes Gewitter, sodann eine klagende Bratschenstimme, zu der sich ein Cello gesellt. Die Musik erinnert an dieser Stelle an Werke baltischer Komponisten wie Peteris Vasks oder Erkki – Sven Tüür, zuweilen jedoch auch an späte Adagios von Gustav Mahler. Langsam übernimmt die Elektronik, maschinenhafte Ostinati, die von Streicherfiguren übernommen werden. Es sind dies überaus spannende Momente, Phasen des Suchens, wobei lediglich der Hörer im Ungewissen bleibt, die Musik hat unverkennbar ein Ziel, auch wenn es immer wieder Phasen eines kurzen Innehaltens gibt, aus der dann die Ostinati umso stärker wieder hervorbrechen. Es scheint, als rängen über diesen durchgetakteten 16tel Figuren zwei Ebenen des musikalischen Geschehens miteinander um den Aus- & Fortgang der Komposition. Als Rygg´s Stimme aus der Stille heraus eine Art Gebet anstimmt & den vokaldominierten Teil der Platte einleitet, klingt er fast ein wenig nach Roger Waters auf The Wall. Mit dem Einsetzen des Chors bekommt die Musik endgültig eine sakrale, dem Titel durchaus angemessene Stimmung, bevor sie mit alleinstehenden abgebrochenen Streicherakkorden in sich zusammenfällt. Nach erneutem Streicherflirren, einem erneut einsetzenden gebetsähnlichen Vokalteil endet die Platte in sirrenden, teils dissonant gegeneinander gesetzten Elektronik- & Streicherflächen. Insgesamt ist die Musik in sich konsequent konzipiert & folgt einem gut durchdachten & kompositorisch überaus gelungenen Plan. Klang & Dynamik sind fein abgestimmt & bleiben nicht ohne emotionale Wirkung. Eine sehr besondere Platte. Diese Musik ist insgesamt der klassischen weit näher als Pop, Minimal Music oder Elektronik, obgleich sie Elemente all dieser Stilistiken enthält, ohne sie allerdings eklektizistisch aneinander zu reihen.
Das bislang letzte Studioalbum von Ulver hat den seltsamen Namen ATGCLVLSSCAP. Gemeint sind die Initialen der zwölf Tierkreiszeichen. Die Musik entstammt diversen Liveaufnahmen der Band, & zwar durchweg aus improvisierten Teilen. Diese wurden im Studio überarbeitet, teils neu zusammengesetzt & klanglich verändert. Das Ganze wirkt sehr organisch, es hört sich an wie komponiert & als einzelne Songs konzipiert & eingespielt. Die Vorgehensweise hinterläßt dennoch einen etwas ambivalenten Eindruck. Letztlich kann es dem Hörer auch gleichgültig sein, denn es ist durchaus jederzeit als eigenständiges Ulver – Werk erkennbar, auch wenn es keinesfalls die Tiefe & zwingende musikalische Konzeption des Vorgängers erreicht.
Ich schrieb weiter oben, daß es nicht Gegenstand dieses Artikels ist, sämtliche Ulver Alben abzuarbeiten, denn zu den hier erwähnten 10 Studioalben (ohne das Coveralbum) gesellen sich mittlerweile sieben EP`s, zwei Filmsoundtracks, vier Kompilationen, sowie Remixes, zwei Live Platten & ein Album mit Covern. Um eine der Live Platten soll es hier abschließend gehen, als zweite der o.g. besonderen Platten.
The Norwegian National Opera erschien im Jahre 2011 als DVD & CD. Es handelt sich um eine Aufnahme aus dem Opernhaus Oslo vom 31. Juli 2011. Gespielt werden Stücke aus der Post Black Metal Phase der Band, angereichert mit Performance & Videoprojektionen z.T. expliziten Inhalts. Der Sound ist bis auf das topfige dumpfe Schlagzeug phantastisch, die Musik ist es ebenfalls, auch wenn die Wahl der Ausschnitte für Ulver – Verhältnisse ziemlich rockig geraten ist. Dies ist zusammen mit der Trilogie & der Messe die Ulver Platte für Jemanden, der sich einen Überblick verschaffen möchte & wissen will, was den Reiz dieser so ungewöhnlichen Truppe ausmacht, lohnenswert vor allem wegen der DVD. Ich persönlich würde allerdings Shadows of the Sun vorziehen.
Die Frage: welche Musik spielt diese Band eigentlich, wie ist das, was nach der Trilogie erschienen ist, die ja selbst schon von außergewöhnlicher Ambivalenz & Vielfältigkeit, ja von einem starken inneren Antagonismus geprägt war, zu benennen, zu bewerten? Ist das noch Popmusik ? Ganz sicher nicht, denn mit Pop hat diese Musik weder das schlagerhafte & effektheischende Schielen auf die Charts, noch den i.d.R. eher flachen Unterhaltungscharakter gemein, auch fehlt die erforderliche Reproduktion des ewig Gleichen. Für Minimal Music sind die Alben viel zu komplex & verwoben, zu abwechslungsreich, es fehlt das sedative Element. Am Ehesten handelt es sich vielleicht um eine sehr spezielle Form postklassischer Musik mit starken, oft dominanten, manchmal auch alleinstehenden elektronischen Momenten & seltenen rockmusikhaften Ausbrüchen, doch auch dieser Beschreibung entzieht sich das Schaffen der Band.
So bleibt ein hohes Maß an Bewunderung für die rückhaltlose Konsequenz & deren außergewöhnlichem Ergebnis. Ebenfalls dafür, daß das Anhören dieser Musik durchaus auch eine Lehrstunde der Wahrnehmung ist. Vor allem aber eines: das Nichtsagbare, letztlich Unbeschreibbare, das Rätselhafte, das Offene.

Anmerkung:  als Photos für diesen Beitrag wurden bewußt unscharfe, lediglich mit 3,5 MP aufgelöste Handyphotos ausgewählt, weil ich denke, sie passen besonders gut zum Text.

November 10

Moby Dick

. . . .  oder die Angst vor dem Meer

 

„Subdivisions;
In the high school halls
In the shopping malls
Conform or be cast out
In the basement bars
In the backs of cars
Be cool or be cast out
Any escape might help to smooth
The unattractive truth
But the suburbs have no charms to soothe
The restless dreams of youth“

aus:  Subdivisions / Rush (Neil Peart)

 

Wie in der Geschichte vom weißen Wal, der über die Meere gejagt, letztlich seine Jäger vernichtet & ihr Schiff versenkt, wird das Undenkbare zur Wirklichkeit. Ein polternder, scheinbar unberechenbarer Seiteneinsteiger mit schlechten Manieren & zweifelhaftem Ruf wird Präsident der USA. Der Ausdruck des Entsetzens zeigt vor allem zwei Dinge: den angeblich so schlauen Beobachtern, den zahllosen Kommentatoren & Welterklärern ist das Ausmaß der Verbitterung, ja des Hasses, vor allem jedoch der Verachtung der Mehrheit der us – amerikanischen Wähler für das System entgangen. Wer konnte auch voraussehen, daß viele Wähler der Demokraten aus Enttäuschung über acht Jahre Obama zu den Republikanern überlaufen & die ethnischen Minderheiten, auf die Clinton in hohem Maße angewiesen war, nicht zur Wahl gehen würden. Sodann hat sich das System, national wie international, an seine Überlegenheit, seine scheinbare Alternativlosigkeit nicht nur gewöhnt, sondern sie als selbstverständlich vorausgesetzt. Der Abscheu weiter Kreise des Volkes gegenüber einem politischen, ökonomischen & kulturellen Establishment, das Gefühl, abgehängt zu sein & keine Rolle mehr zu spielen, ist bereits im Juli 2016 ausgerechnet von einem Vorzeigelinken, dem Filmemacher Michael Moore auf´s Trefflichste beschrieben & mit der Überschrift versehen worden: Fünf Gründe, aus denen Donald Trump gewinnen wird. Als ich das damals unter Bekannten & Freunden herumschickte, wurde ich ausgelacht.

Der Art & Weise, wie Trump in Europa, besonders in Deutschland, dämonisiert & lächerlich gemacht wurde, dieser Manifestation moralischer Überheblichkeit, folgt nun ein böses Erwachen. Zwar ist die Frage berechtigt, inwieweit der künftige US – Präsident die für dieses Amt erforderliche Integrität aufzubringen in der Lage ist, doch hat bereits seine erste Rede nach dem Wahlergebnis gezeigt, daß er durchaus ganz andere Töne anschlagen kann. Auch Trump dürfte es kaum gelingen, die tatsächlichen Herren der Welt, den militärisch – industriellen Komplex & die Open Society Stiftungen George Soros´s, sowie ihre Netzwerke & Seilschaften zu zerschlagen, auch Trump wird letztlich denen folgen, denen es ziemlich gleichgültig ist, wer unter ihnen US – Präsident ist. Das haben bislang alle Inhaber dieses Amtes erfahren, & Trump wird es nicht anders ergehen. Aber alleine die Formulierung so gänzlich anderer politischer Schwerpunkte, die Aufkündigung des laissez – fair´en business as usual reicht aus, Panik zu verbreiten, wo man sich an die wohlfeile Unabänderlichkeit eines volksenthobenen Weiterso gewöhnt hat.

Hiddensee
Hiddensee

Das Entsetzen der Funktionseliten hierzulande ist der Furcht geschuldet, daß das europaweit „drohende“ Erstarken sog. rechtspopulistischer Parteien auch hier in der Lage sein könnte, den Willen weiter Bevölkerungskreise nachdrücklich zum Ausdruck zu bringen. Es brodelt derzeit heftig unter der bunten Decke aus politischer Korrektheit, Kultur- & Landpreisgabe, Euro- , Banken- , & Griechenlandrettung, zentralisierter Fremdbestimmung & offener Grenzen, Masseneinwanderung muslimischer Unterschichten in die Sozialsysteme, der Preisgabe von umfassender Bildung zugunsten von ökonomischen Interessen untergeordneter Wissensvermittlung, familienfeindlicher Gender – Ideologie & arroganten paternalistischen Bekundungen, „man müsse die sozialen Abstiegsängste der Bevölkerung ernst nehmen & zu vernünftigen Lösungen finden“, wie SPD Fraktionschef Oppermann heute in der Tagesschau sagte. Daß vernünftige Lösungen ausgerechnet von denen kommen sollen, die die Dinge so zugerichtet haben, daß sie derartiger Lösungen bedürfen, glaubt außerhalb des politisch – medialen Komplexes kaum noch jemand. Dies alles, während der Justiz- & Verfassungsminister zusammen mit der Integrationsbeauftragten laut darüber nachdenkt, daß die Verkupplung & Vergewaltigung Minderjähriger im Rahmen muslimischer Kinderehen in Deutschland nicht unbedingt strafbewehrt sein müsse weil das ggf. den Interessen junger muslimischer Frauen zuwider laufe. Zeit bleibt allerdings immer noch, jede Kritik am hier Beschriebenen ggf. unter Strafandrohung & um den Preis sozialer Ächtung zu unterbinden. Zu besichtigen ist eine politische Klasse, die ihr Siechtum zum Angstbeißer & Wegbereiter eines umfassenden geistigen Neototalitarismus gemacht hat. Daß da nichts bleibt, als blankes Entsetzen, verdeutlicht die Sprach- & Hilflosigkeit angesichts des als ungeheuerlich Empfundenen.
Gleichwohl – man fängt sich dann doch überraschend schnell, die Kanzlerdarstellerin ergeht sich in Belehrungen & Unverschämtheiten, indem sie Trump Zusammenarbeit auf der Basis gemeinsamer Werte anbietet, die sie vorsichtshalber auch alle gleich aufzählt & die dementsprechend nach zorniger evangelischer Sonntagspredigt klingen.
Ein Rostocker Pfarrer mit Altersruhesitz im Schloß Bellevue gibt auch gleich schon mal trotzig die Richtung zukünftiger Politik vor: Er gehe davon aus, dass Europa zur Bewahrung und zur Verteidigung seiner universellen Werte noch mehr Verantwortung übernehmen werde. Und deshalb seien die kommenden Jahre für Europa eine Bewährungsprobe, drohte er. Erkenntnis liest sich anders.
Putin gratuliert, er hat noch Trump´s Bekenntnis im Ohr, den US – Interventionismus aufzugeben & die Europäer ihre gegen Rußland gerichtete Zündelei künftig ohne die Rückendeckung des großen Bruders ausüben zu lassen. Daß sich dann niemand mehr traut, kann uns hier nur recht sein. Elmar Brok, Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Beziehungen beim EU – Parlament, konnte sich, als er den Maidan Aufstand zusammen mit Kräften ukrainischer Oligarchen & der Open Society Foundation anzettelte & das Land in einen Bürgerkrieg stürzte, noch der bereitwilligen finanziellen & logistischen Unterstützung der US – Regierung erfreuen. Was soll der Mann jetzt bloß machen.
Die politische Linke müßte eigentlich jubeln, TTIP ist vom Tisch, das Verhältnis zu Russland soll deutlich entspannt werden, aber dauerbockig zählt natürlich nicht das Ergebnis, sondern die Person, die es bewirkt. Political corectness geht eben stets & immer über die Sache selbst. Man darf das völlig zu Recht vorpubertär nennen.
Nicht erfreuen kann uns allerdings Trump´s Ankündigung, alle Klimaschutzabkommen aufzukündigen. Es gibt auf konservativer & neurechter Seite bedauerlicherweise immer noch zahlreiche Anhänger der Mär, der Klimawandel sei eine Erfindung & wenn es ihn denn doch gäbe, sei er nicht menschengemacht. Daß dieser Auffassung allerdings lediglich ca. 1 % aller mit dieser Materie befaßten Wissenschaftler anhängen, & diese von emissionsinteressierten Großkonzernen vorwiegend der Energiewirtschaft bezahlt werden, tut der Lüge offenbar keinen Abbruch. Jeder hat so seine Leichen im Keller.
In der Geschichte vom weißen Wal, von Moby Dick, kehrt dieser, nachdem er das Schiff seiner Verfolger zertrümmert, die Boote versenkt & die Besatzung – bis auf einen – in den Tod gerissen hat, ins Meer zurück. Am heutigen Tage haben das politisch – mediale Establishment & seine kulturschaffenden Claqueure von ihrem Elfenbeinturm aus ins Meer geschaut. Sie haben den weißen Wal gesehen & sie dabei intensiv verspürt – die Angst vor dem Meer.

November 1

W. B.

 

Einmal dämmert Abend wieder,
Nacht fällt nieder von den Sternen,
Liegen wir gestreckte Glieder
In den Nähen, in den Fernen.

Aus den Dunkelheiten tönen
Sanfte kleine Melodeien.
Lauschen wir uns zu entwöhnen,
Lockern endlich wir die Reihen.

Ferne Stimmen, naher Kummer –:
Jene Stimmen jener Toten,
Die wir vorgeschickt als Boten
Uns zu leiten in den Schlummer.

 

Hannah Arendt

(im Gedenken an Walter Benjamin)