Oktober 2

Gedankensplitter VI

. . . . oder die Liebe zur Geometrie . . . 

Schwerpunkt diesmal, deswegen auch die direkte Abfolge der VI. Ausgabe: Wahlen in MV & B, die, wie ich Bakunin jahrelang glaubte, verboten wären, würden sie etwas ändern. Dieses Diktum gilt, da die Systemfrage gegenwärtig noch von niemandem ernsthaft gestellt wird, in Einschränkungen auch heute noch. Gleichwohl darf formuliert werden, daß der Erfolg der AfD die Systemparteien zur Reaktion zwingen wird, vorausgesetzt, er hält an, ebenfalls vorausgesetzt, die Partei ist in der Lage, sich den inneren Dynamiken zu widersetzen, die da lauten, daß dort, wo es vorgeblich etwas zu holen gibt, der Andrang am Trog besonders groß gerät. Meine Rolle, die des wohlmeinenden, in Teilen durchaus sympathisierenden, in anderen Teilen schroff ablehnenden Beobachters, wünscht der AfD Erfolg, besonders den, die einzige Oppositionspartei im Lande zu bleiben. Richtig ist auch, meine Einstellung zur AfD hat keinen Bekenntnischarakter, dafür ist sie entwicklungsbedingt unabgeschlossen. In diesem Sinne zwei Zitate von Carl Schmitt: „Es gehört zu ihrem Wesen (dem der Demokratie – der Verfasser), daß alle Entscheidungen, die getroffen werden, nur für die Entscheidenden selbst gelten sollen.“ (aus: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, 5. Aufl. Berlin 1979, S. 34)  & zweitens: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ (aus: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. 9. Aufl. Berlin 1922, S. 13). Als weiterer Schwerpunkt darf diesmal die Kultur, als ewig stark bedrohte & wie stets sträflich unterschätzte Menschheitserlöserin genannt werden, diesmal reduziert auf Literatur & Musik, wobei ich gestehen muß, das Ballett unentschuldbar vernachlässigt zu haben. Zu guter Letzt Persönliches, in welcher Form auch immer; letztlich ist hier auf diesen Seiten alles persönlich. Sehr persönlich.

Welche Legitimation hat eine Staatsverwaltung, die jederzeit bereit ist, eigenes & internationales Recht zu brechen, von ihren Bürgern nicht nur Gesetzestreue, sondern auch noch Meinungs- & Gesinnungsgefolgschaft einzufordern?

Die Kanzlerdarstellerin bringt es fertig, in einem Satz die Verantwortung für das CDU Desaster in MV zu übernehmen & gleichzeitig zu behaupten, sie habe alles richtig gemacht. Es sind Sätze wie diese, die dazu führen werden, daß sie noch ganz andere Wahlergebnisse zu kommentieren haben wird.

Der AfD wird gerne – & durchaus zu Unrecht – vorgeworfen, sie habe keine Rezepte, verweigere Antworten & hätte inhaltlich nichts zu bieten. Daß das Geschwätz, die Gleichförmigkeit & Inhaltsleere der Systemparteien ihren Erfolg ständig & weiterhin beflügelt, wird nicht erwähnt.

Eins der dämlichsten Argumente, das gegen die Wähler der AfD & gegen diese selbst ins Zeug geführt wird, ist, daß es im Osten kaum sog. Schutzsuchende & Asylbegehrer gibt, grad so, als seien die betreffenden Länder Inseln im All & nicht Teil dieses einen Landes namens Deutschland. Hierfür, wie auch für die folgende Feststellung gilt: die Menschen sind zuweilen doch schlauer als ihre Politiker.

Es wird derzeit auch gerne von „verunsicherten“ Wählern gesprochen, wenn die der AfD gemeint sind. Das ist natürlich Blödsinn, denn die sind nicht verunsichert, sondern haben sich entschlossen, deutlich zu machen, daß sie nicht länger bereit sind, sich verarschen zu lassen. Das scheint mir doch eher das Gegenteil von Verunsicherung zu sein.

Der Vorwurf, die AfD spalte das Land, ist genauso lächerlich, wie die Selbstbezichtigung der Systemparteien, sie machten eine „gute & erfolgreiche“ Politik. Da könnten sie auch gleich die Feuerwehr zum Brandstifter erklären. Das Land spalten diejenigen, die eine parteiübergreifende links – grüne Meinungshoheit zum Unabänderlichen erklären,  als „alternativlos“ dekretieren & alle denunzieren, die dagegen sind. Das Land spalten die, die europäisches & deutsches Recht wahllos brechen, an der Verfassung vorbei regieren & ihren diktatorisch anmutenden Machtanspruch als Humanität verkaufen wollen. Diese Vorgehensweise spricht für die Erkenntnis der Handelnden, ihre Entscheidungen gegen den Willen des Volkes durchsetzen zu müssen. Dies ist eine Travestie des humanistischen Gedankens, das ist Marionettendasein. Oder, wie Carl Schmitt sagte: „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“ (Carl Schmitt / Begriff des Politischen / 1932).

Es herrscht verbreitetes Rätselraten über die hohen Zustimmungswerte für als rechtspopulistisch denunziertes Gedankengut im Osten des Landes. Es wird dann gerne gesagt, dies sei darauf zurückzuführen, daß zwei Diktaturen dazu geführt hätten, die Menschen empfänglich für undemokratische autoritäre Lösungsansätze zu machen. Ich denke, zwei Diktaturen haben dazu geführt, daß die Menschen sehr sensibel dafür geworden sind, wer sie ernst nimmt, & wer nicht. Bei dieser Frage kommen sie ganz offensichtlich zu deutlich anderen Ergebnissen, als die Menschen im Westen. Das sollte man nicht erstaunlich finden sondern lehrreich.

Hamburg, Fleetbrücke in der Speicherstadt
Hamburg, Fleetbrücke in der Speicherstadt

Das Benennen des Tatsächlichen wird dieser Tage als „das Schüren von Ängsten“ bezeichnet. An dieser Art der Diffamierung beteiligen sich auch sehr gerne von den Systemmedien als Zeugen ausgesuchte Vertreter jener universitären Zunft, die Politik als Wissenschaft geadelt sehen möchten.

Seit Jahren wird krokodilstränenbehaftet das Fernbleiben der Wähler von den Urnen bejammert. Gehen sie dann hin, ist´s auch nicht richtig; sie haben dann nämlich falsch gewählt. Das passende Brecht – Zitat hierzu, war auf diesen Seiten bereits zu lesen.

In Berlin steht eine Koalition der Verlierer ins Haus. Das ist so, als würde der Säufer beim Schnapshändler um Entzug nachsuchen.

Sigmar Gabriel wirkt in seiner Rolle als Politclown nicht einmal unsympathisch.

Für alles & Jedes findet sich ein medial gebräuchlicher Euphemismus, um sich die Realität schön zu lügen. Das Wahlergebnis der sog. Sozialdemokraten in Berlin kommentierend, das schlechteste seit der Weimarer Republik, sagte Anna Engelke auf NRD Info, die SPD habe „mickrig gewonnen“.

Zu unfreiwilliger Komik neigt, wer weiß, daß er nichts mehr zu verlieren hat, da das Desaster ohnehin vor der Tür steht & auch einzutreten beabsichtigt. Großplakat der Berliner SPD: In der Bildmitte eine Kopftuchtragende von hinten, sehr groß, ca. 25% Bildfläche ausfüllend, auf einer Rolltreppe abwärts. Gegenüber, auf der Rolltreppe nach oben, ca. 10% der Bildfläche füllend, bewußt sehr unscharf photographiert, den Blick auf die Kopftuchtragende gerichtet, ein in Berlin relativ unbekannter Mann, der Bürgermeister, das Jackett lässig über der Schulter. Rechts neben dem vermummten Kopf, zwei Worte. Müller, Berlin. Vorausahnend schon in einem grünen Kästchen.

Der größte Feind der Linken jedweder Couleur war schon immer der Mensch, der sich nun mal weithin weigert, seinem utopistischen Ideal zu entsprechen. In Berlin werden sie eindrucksvoll vorführen, was r2g bedeutet: Eifrig zu schaffende Stiftungs-, Kontroll- & Beratungsgremien werden an der Bekämpfung & Denunziation des Abweichenden arbeiten, Geld dafür wird lockergemacht werden, die Gremien willfährig besetzt. An der Wirklichkeit werden die Gestaltungsbankrotteure genauso scheitern, wie sie es bislang auch schon taten. So wird der „Erfolg“ von r2g vorrangig darin bestehen, das langjährige, selbst erschaffene Übel zu mehren, es dafür allerdings durch schöne neue Euphemismen pseudowissenschaftlich abzusichern.

Das System verwahrt sich dagegen, als ein solches bezeichnet zu werden. Dabei ist der medial – politische Einheitsbrei so offensichtlich, daß nur noch diejenigen, die ihn anrühren, sowie diejenigen, denen davon Augen & Ohren bereits verklebt sind, & die, die davon profitieren, es nicht bemerken wollen. Das Problem dabei ist, daß es zwar durchaus eine Fülle oppositioneller Meinungen gibt, diese allerdings im öffentlichen Diskurs ausgeblendet werden. Taktgeber sind Denunziations- & Hetzportale wie die ministeriell großzügig alimentierte Amadeu Antonio Stiftung.

Das Hauptwerkzeug der Diskurstaktgeber ist die Umdeutung von Sprache & deren Aneignung als Herrschaftsinstrument. Das wahrhaft Erschreckende daran ist, wie einfach das gelingt. Auf eine Art ist auch dies eine perfide Form von sog. Hatespeech.

Der politisch – mediale Komplex einigt sich bei Bedarf auch gerne mal auf bestimmte Beschwichtigungseuphemismen. So wird im Zusammenhang mit der VW Abgas“affaire“ gerne von „Mogeleien“ oder „Tricksereien“ gesprochen. Das Strafgesetzbuch kennt dafür andere Ausdrücke. Der Straftatbestand, der hier erfüllt wird, heißt dort im § 263 (5) gewerbsmäßiger bandenmäßiger Betrug & ist ein Verbrechenstatbestand. Aufgrund der Art & Weise sowie der Dauer seiner Begehung,  wird er im kriminalistischen Sinne dem organisierten Verbrechen zugeordnet. Die Mittäter & Helfer im Kabinett, Dobrinth, Merkel, Gabriel werden freilich keine Klage führen, sie stecken zu tief mit drin.

Wir erleben gerade, wie der Vizekanzler, der Politclown, sich als Oppositionsführer generiert, der andere Koalitionspartner, Chef einer Regionalpartei, die Entscheidungen, die er mit getroffen hat, auf´s Heftigste bekämpft, alle zusammen den Kontakt mit der Lebenswirklichkeit der Menschen längst verloren haben & nicht verstehen können, daß immer mehr Wähler die Schnauze einfach voll haben. Es ist wie bei Goethe´s Zauberlehrling: die Geister, die ich rief, werd´ ich nun nicht wieder los. Die Büchse wurde geöffnet, ob es allerdings die der Pandorra ist, darf gerne bezweifelt werden.

Die Tiraden der CSU gegen die Politik der Kanzlerdarstellerin sind lächerlich, da diese in der Union momentan noch genauso konkurrenzlos ist, wie Seehofer als Kandidat nicht durchsetzbar. Letztlich sind sie Wahlkampfhilfe für die AfD, da die Menschen das Spiel durchschauen.

Es ist derzeit schwer, dem türkischen Unterschichtenpräsidenten die Stiefel zu lecken, da die Zungen von Merkel & Steinmeier bereits daran festkleben.

Im ZDF werben Menschen, die man aus den Bacardi – Filmchen kennt, für die Paralympics. Braungebrannte Sixpackträger & blonde Strandpüppchen toben durch den Sand, aus dem Off ertönt schlechte Animationsmusik. Wie gedankenlos & zynisch müssen die Verantwortlichen des Senders sein, derartige Spots zu veröffentlichen. Es scheint, das Land teilt sich in immer mehr Satelliten, die den Kontakt zum Mutterschiff verloren haben.

Nochmals ZDF: in der Sendung „Die Anstalt“ wird der Zuschauer, zwangsgebührenfinanziert, wahlweise belehrt, beschimpft oder für unzurechnungsfähig erklärt, so er sich weigert, der bunten Staatsreligion, dem universellen Multikulturalismus, beizutreten. Diese Veranstaltung nennt sich politisches Kabarett. Dieser Zwangspädagogisierung, so langweilig, unintelligent & vorhersehbar, verhilft der Aus – Knopf zur einzig erträglichen Daseinsform. Schweigen.

Schleswig Holstein, Wacken
Schleswig Holstein, Wacken

Zitat I: „Ergiebiger scheint der empirische Ansatz, den Islam allein an seinen Taten und seinem Wirken zu messen, also am bunten Strauß humaner, moralischer, politischer und kultureller Defizite: An der mordbereiten Verfolgung von Homosexuellen, Apostaten und Andersgläubigen; an der Abwesenheit aller grundlegenden Freiheitsrechte in islamischen Ländern; an der Unterdrückung der Frau; an Genitalverstümmelungen, Kinderheiraten, Amputationen und Todesstrafen; an seiner wirtschaftlichen wie wissenschaftlichen Rückständigkeit; an Einparteiensystemen und totalitärem Anspruch; an Fatwas und Anschlägen; an seinem Hass auf jede fremde oder freiheitliche Kultur; und besonders am Schweigen der ‚friedlichen Mehrheit’ zu all diesen Dingen.“ Nicolaus Fest.

Zitat II: „Zur Verschwörungstheorie der Chemtrails, wonach die Kondensstreifen der Flugzeuge mit bewusstseinsverändernden Chemikalien angereichert würden, bemerkt ein Freund lakonisch: Wissenschaftlich sei dies vielleicht nicht nachweisbar, empirisch allerdings völlig unbestreitbar. Anders seien Personen wie Jakob Augstein, Caroline Emcke oder Heribert Prantl nicht zu erklären.“ Nochmals Nicolaus Fest.

Reden, wo Totschweigen herrscht, Denken, wenn die Hirne leergeflimmert sind, Aufstehen, wenn das große Stühlerücken beginnt, wachen, wenn alle schlafen, vom Turm nach dem Feuer schauen, in sonnenferner Nacht.

Welches intellektuelle Niveau heute ausreicht, um zur Sprechpuppe der Kanzlerdarstellerin aufzusteigen, verdeutlichte Peter Altmaier neulich auf einer Veranstaltung: „Deutschland ist ein großartiges Land, weil wir in Deutschland nicht nur eine Angela Merkel haben, sondern Zehntausende, Hunderttausende Angela Merkels. In jedem Dorf, in jeder Stadt.“ Hätt´ ich einen Hergottswinkel, ich betete drei Gottseibeiuns.

Sein Demokratie- & Grundgesetzverständnis offenbarte dieser Tage auch Ruprecht Polenz, CDU Abgeordneter aus Münster & langjähriger Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages in der HUFFINGTON POST: „Viele AfD Wähler reden sich ihre Entscheidung schön: Denkzettel. Die CDU ist an allem schuld – warum rückt sie nach links. ( … ) Man muß deshalb den AfD – Wählern auch mal deutlich sagen: Eure Motive interessieren mich erst in zweiter Linie. Ihr müßt wissen, daß diese Partei auf Euch abfärbt. Und die AfD, die verachte ich. Diese Verachtung trifft Euch auch, wenn Ihr diese Partei wählt.“ Psychoanalytisch handelt es sich hierbei um eine Projektion, also das Hineininterpretieren von zweifelhaften oder nicht existenten Inhalten in Personen oder Dinge. In der Neurosenlehre bezeichnet die Projektion einen grundsätzlichen Abwehrmechanismus. & ich finde, die Verachtung mancher Leute adelt mich. Auch als Nicht – AfD – Wähler.

Welches Ausmaß die hysterische Verteidigung des Islam – Appeasement bei den Apologeten des Multikulturalismus erreicht hat, verdeutlicht der Umstand, daß der iranisch – deutsche Schriftsteller & Islamwissenschaftler Navid Kermani als Nachfolger des Pastors Gauck für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wird, wie die FAZ v. 30.9.2016 berichtet. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Herr Kermani, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels des Jahres 2015, einer der höchsten Auszeichnungen des intellektuellen Lebens in Deutschland, ist ohne jeden Zweifel ein ehrenwerter Mann von absolut zweifelsfreier persönlicher Integrität. Er hat sich vielfach unmißverständlich für einen Islam des Glaubens & gegen jede Form seiner Vereinnahmung als weltliches Gesetz ausgesprochen. Gleichwohl vertritt er damit innerhalb des Islam die Position einer kleinen Minderheit. Herr Kermani wird, gerade aufgrund seiner unanfechtbaren Integrität, das absurde Ansinnen einer Kandidatur ablehnen, weil er weiß, das diese die Spaltung im Land dramatisch vertiefen würde. Er wird nicht bereit sein, die Suppe, die der medial – politische Komplex serviert hat, auszulöffeln & sich dabei nachhaltig zu beschädigen.

Das Dasein als Fußballfan, speziell als Anhänger eines bestimmten Vereins, trägt stark irrationale Züge. Man jubelt Leuten zu, die man nicht kennt, läuft für einen Verein Reklame, dessen Entscheidungen einen i.d.R. ärgern & hilft mit, dessen Geschäfte zu finanzieren. Besonders gut ist dieser lächerliche Spagat bei Anhängern des FC St. Pauli zu beobachten, zu denen auch ich auf eine gewisse absurde Weise immer noch gehöre: Der angeblich seit 1910 unangepaßte, heute als „links“ geltende Verein, geht mit seinem Personal derart rüde & menschenverachtend um, wie es jedem anderen kapitalistischen Betrieb heutzutage gerichtlich sofort untersagt würde. Wer kritisiert, fliegt raus, Spieler werden entweder überraschend & gegen erfolgte Zusagen entsorgt oder im Unklaren über ihre Situation gelassen, Trainer wegen Benennung der Vereinswirklichkeit entlassen. So ist das im Profifußball, Dankbarkeit für erbrachte Leistungen gehört ins Märchenbuch. Das hält die Tausende zählende versammelte Hamburger Straßenlinke nicht davon ab, in der Südkurve allerlei linksradikale Politfähnchen zu schwingen, sich grundlegend in jeder Hinsicht anti-istisch zu gebärden & genau die Strukturen zu befeuern, die sie sonst mit Steinen & Farbbeuteln bedenkt. Daß sie damit das Image des Vereins stützt & seinen kommerziellen Wert unabhängig von den teils desaströsen sportlichen Leistungen aufrecht erhält, stört sie offenbar nicht. Das Stadion ist ligenunabhängig voll. Ist Red Bull Leibzig zu Gast, werden Transparente gegen die Zumutungen des Kapitalismus im Allgemeinen & gegen die Kommerzialisierung des Fußballs im Besonderen entrollt. Spätestens hier stellt sich die Frage, ob es vielleicht, ähnlich wie bei den Ameisen, eine Schwarmintelligenz gibt – bzw. deren Gegenteil.

Aus der Mitte heraustreten, die Fragen stellen, deren Antworten die anderen verschweigen, das Licht erheben, das die anderen unter den Scheffel zwingen, die Lieder singen, die heute verboten werden.

Die Beschwichtiger, die Schönredner & Gesundbeter, die wissenschaftlich verbrämten Verharmloser, die Wächter des Gedankengulags. Hastig befüllen sie die Sandsäcke, um die Risse abzudichten. Noch stehen sie auf dem Damm & verkünden ihre längst durchweichten Wahrheiten. Doch die Risse werden tiefer, der Strom schwillt & der Sand geht zur Neige.

Nach dem brillanten Beitrag von Götz Kubitschek in der Sezession im Netz zur Frage von Identität in der Postmoderne ( http://www.sezession.de/55658/rein-in-den-fluss-eine-danksagung.html ); die Inhaltsleere der hedonismusfixierten twitter – Ich´s begründet eine zutiefst asoziale Gesellschaft. Identitätslose wie -leugner kennen kein Wir.

Nach 20 Jahren endlich wieder einmal Spiel mir das Lied vom Tod gesehen. Die epische Tragik, die ungeheuer spannungsvollen Längen, das Verwischen von Gut & Böse, vor allem der gegen sein Rollenklischee besetzte Henry Fonda – das alles ist ein zeitloses Meisterwerk. Das Symbol des Zuges, der letztlich alles hinter sich läßt & das Leben & Sterben um ihn herum auf einem Schwellennagel reduziert, ist ein nahezu biblisches Bild. So, wie es im Buch des Predigers heißt: „Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem. Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von aller seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?…“ (Prediger 1.2)

Es gibt Menschen, die mit ihrer ans Pathologische grenzenden Beratungsresistenz jeden Versuch, auf rational grundierte Weise mit ihnen umzugehen, unterlaufen. Oft sind gerade sie es, die ihre Mitmenschen mit zumeist unangefragten Ratschlägen zu Allem & Jedem traktieren, im Großen wie im Kleinen. Dazu zwei mögliche Anmerkungen: Eine alte Lehrerin von mir, überzeugte Kommunistin & menschen- wie welterfahren, von der ich sehr viel gelernt habe, sagte, es sei nicht vorwerfbar, dumm zu sein & nichts zu wissen. Vorwerfbar sei es hingegen, es partout bleiben,  & nichts hinzu lernen zu wollen. Oder, aus gänzlich anderer Perspektive: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthaeus 7.3)

Die Zahl derer – beileibe nicht nur Frauen – die unzählige Stunden am Tage mit ihrem Handy verbringen, steigt offenbar täglich. Sie bestreiten, abhängig zu sein, da sie selbstverständlich nur sinnvolle Dinge damit machen anstatt bunter Spielchen oder dem Austausch von whatsapp Datenmüll. Das ist so, als behaupte der Alkoholiker, er sei keiner, da er ja ausschließlich Champagner & nicht etwa Korn trinke. Der verhängnisvollste Betrug bleibt eben doch der Selbstbetrug.

Noch hierzu; ein guter Freund erzählte mir folgende traurige Begebenheit: Lesung im Literaturhaus an der Alster, Schwanenwik, als Gast Colm Toibin, ein irischer Autor, am Tisch neben mir ein Kreis von 5 Damen unterschiedlichen Alters, die sich in englischer Sprache unterhalten. Während der Veranstaltung liest der Autor in seiner Muttersprache und die Damen hören anfangs noch zu. Dann liest der von mir sehr geschätzte Schauspieler Helmut Mooshammer längere Passagen auf deutsch. Jetzt sinkt die Aufmerksamkeit der Damen und es dauert nicht lange und drei von ihnen nehmen ihr Smartphone zur Hand. Auch wird zwischendurch mal ein Foto geschossen. Spricht der irische Autor, wird das Smartphone zunächst kurz abgelegt, aber nachdem die Veranstaltung bereits eine Stunde lang läuft, ist es für die drei nicht mehr auszuhalten und sie tippseln auch während der englischsprachigen Passagen auf Ihrem Gerät herum und zeigen sich dann die Texte auch noch gegenseitig. In einem anschließenden kurzen Gespräch mit einer weiteren Besucherin, die ob ihrer Sitzposition weitaus mehr unter diesem Handygedaddel litt , erfahre ich, dass sie die Damen hinterher auf die Sinnhaftigkeit dieses Besuches angesprochen hat. Sie ließ dabei auch nicht unerwähnt, dass sie das als recht störend empfand. Antwort einer der Älteren unter ihnen: Warum rege sie sich eigentlich auf , „times are changing „! Die sich freundlich beschwert Habende war fassungslos. Soweit die Begebenheit. Ich meinerseits möchte keine Bemerkungen mehr über die menschliche Vernunft hören. Der kulturelle Verfall, der von Benehmen, Anstand & Stil, erscheint allgemein akzeptiert, auch dort, wo die Gültigkeit sog. Sekundärtugenden noch eine Heimat zu haben schien. Übrigens: der große Pianist Keith Jarrett pflegt seine Konzerte abzubrechen, wenn sie diesermaßen gestört werden. Wunderbar; Handy aus oder Klavierdeckel zu.

Hamburg, Stadtpark
Hamburg, Stadtpark

In dieser Rubrik war bereits mehrmals von einer bestimmten Art menschlicher Akteure die Rede, deren Weinerlichkeit nur noch von ihren kruden Herrschaftsphantasien übertroffen wird, den Anti – isten. Hier nochmals – & diesmal mit einer mir zuweilen durchaus eigenen bäuerlichen Rustikalität: Ihr könnt Euch Eure diversen Ismen in den Arsch schieben, denn das ist der einzige Ort, wo sie gut aufgehoben sind.

Die hier & anderswo rege betriebene Form der Kulturkritik wird sehr gerne als rückwärtsgewandt, ängstlich & fortschrittsfeindlich diffamiert, allerdings nur von noch relativ wohlwollenden Systemlemmingen. Andere bemühen sehr gerne alle denkbaren Ismen dagegen. Diesen Leuten sei gesagt: Die beiden größten Huren der Weltgeschichte heißen Zeitgeist & Moderne. & Ihr seid deren hechelnde sabbernde Freier.

Wir leben in einer Zeit, in der die überlebenssichernde & sensible menschliche Eigenschaft des Instinkts weitgehend wegrationalisiert, verlacht & entsorgt wurde. Gefühle dieser urmenschlichen Art heißen heute Ressentiment.

Vor dem Bücherregal: die Frage, was letztlich Bestand hat, was bleibt, ist überraschend leicht zu beantworten: Goethe, Schiller, Nietzsche, Shakespeare, die Romantiker, Brecht, Hesse, Jünger, Johnson, Marie Luise Kaschnitz, Grass, Celan, Bachmann, Kaleko, Anita Albus, die Vielgestaltige & Hochgebildete, Malerin auch, Somerset Maugham, D.H. Lawrence, Epochales wie Stefano D´Arrigo, Ezra Pound, Melville, verletzt Brüchiges wie Dylan Thomas, aber auch geheimnisvoll zart Versponnenes wie Alberto Vigevani. Allen gemein ist der Gewinn, der sich beim Lesen mitteilt, das ständig erneuerte Erstaunen über die Größe der Sprache, jedesmal die Erneuerung eines immerwährenden Versprechens, die emotionale & seelische Bereicherung – letztlich das stets wiederholte Vergewissern über die Macht der Literatur, das Teilhaben an einer Art Menschheitsgedächtnis der Kultur in der wir leben & ihrem ungeheuren Reichtum, der sonst vielleicht nur noch im Bereich der Musik erfahrbar ist.

In Metal we trust lautet die Aufschrift auf dem T – Shirt des W.O.A. von 2017 & ist damit ein Synonym für die Erfahrung, daß Musik in der Lage ist, letztgültige Gewißheiten zu schaffen, eine dem Alltäglichen weit enthobene Form zeitloser Wahrheit über das Wesen des Menschen. Können wir der Kunst vertrauen, kann die Musik letzte Fragen beantworten, kann sie den Glauben in uns festigen, das mehr ist als die nackte physische Existenz, daß wir mehr sind als eine Ansammlung von Wasser- & Kohlenstoffatomen, daß es etwas gibt, das uns über den Rang von Drohnen erhebt & das uns in unserem Erstaunen adelt. Ich glaube ja. & ich glaube auch, daß es vollkommen gleichgültig ist, ob es sich dabei um Madrigale von Claudio Monteverdi oder eine Platte von Slayer handelt. Wer diese Seiten kennt, ist nicht verwundert, daß ich Popmusik, besonders die aktuelle, ausdrücklich ausnehme.

Deshalb; vor dem Plattenregal: Monteverdi, Bach, Beethoven, Schubert, Chopin, Liszt, Bruckner, Wagner, Mahler, Sibelius, Debussy, Ravel, Lachenmann. Jazz der 50 – 70er Jahre, durchaus auch von heute, schließlich Beatles, mit Einschränkungen Dylan, Genesis, Jethro Tull, Rush, frühe Stones, etliche Metal – Bands, natürlich. Die Gewißheit, daß in der klassischen Musik die Zeit der großen Künstler endgültig vorbei ist, deshalb Horowitz, Karajan, Bernstein, Solti, Isaac Stern, Jaqueline Dupre’, zuweilen noch Glenn Gould. & vielleicht, so bleibt abschließend zu hoffen, stehen wir vor einer neuen Renaissance, in der die gegenwärtige Schwemme an perfektionistischem Kunsthandwerk durch zeitlose Größe abgelöst wird, denn es gehört auch zum Menschsein, daß die Hoffnung uns begleitet. Daniil Trifonov wäre ein Beispiel.

Die perfekte Platte ist genreübergreifend eine Ausnahme & somit ausgesprochen rar. Eine davon ist ohne jeden Zweifel AC/DC´s Let there be Rock aus dem Jahre 1977. Hier wird beispielhaft vorgeführt, daß es möglich ist, eine Platte zu machen, auf der es keinen überflüssigen Akkord gibt, keine minderwertigen Platzfüller & die für die Band als exemplarisches Beispiel steht. Wer eine einzige der zahllosen AC/DC Platten haben will, dazu noch angefüllt mit Klassikern, & für jeden der wissen will, wie´s geht, wie eine perfekte Rock – Platte klingen kann, der greife zu.

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen – ich war vielleicht vier Jahre alt – beschreibt den sonntagmorgendlichen Gang mit meinem Vater zum Zeitungskiosk am Bahnhof. Bis heute rieche ich die Druckerschwärze, habe die raue freundliche Stimme des mit weißer Jacke & ebensolcher Mütze bekleideten Zeitungsmannes im Ohr & spüre die Wichtigkeit, die das Zeitunglesen für meinen Vater hatte. Wir alle sind Geschöpfe unserer Kindheit. Es gibt kein Entrinnen, nur das Verstehen.

Die soziale & seelische Entwertung von Menschen, die sich nicht ernst genommen fühlen, sondern bevormundet, deren Ringen um Konsens & friedvolles Miteinander als Schwäche erlebt & ausgenutzt wird, ist im Großen, wie in der leidvollen Enge des Kleinen, des Eigenen, schmerzhaft erfahrbar. In einer entsolidarisierten , entfremdeten & vereinzelten Gesellschaft bleiben sie damit alleine. Die Folgen sind vorhersehbar. In der Wahlkabine wie in der Familie.

Das Königreich Patagonien, das Land der Stürme am Ende der Welt, ein mythischer Sehnsuchtsort, imaginiert von französischen Adeligen, Schriftstellern & Rechtsintellektuellen mehrerer Generationen, von Jean Raspail eindringlich beschrieben. Ein Arkadien des widerständigen Geistes, Refugium derer, die den Verfall unserer Welt prophetisch vorausgesagt haben bzw. ihn nunmehr wissend & schreibend begleiten, Anstößige & Aussätzige allemal, Waldgänger am Ende der Moderne.

An dem Tag & in der Stunde unserer Geburt, starben Menschen. Wenn wir sterben, werden Menschen geboren. Vielleicht ist es dieser Kreislauf, der Religionen an Auferstehung oder Wiedergeburt glauben läßt. Zuerst einmal jedoch beschreibt er die eigentliche Obszönität des Todes, die, außer in der persönlichen Sichtweise als unausweichliches Ende, in seiner menschheitsgeschichtlichen & tatsächlichen Banalität & Beiläufigkeit liegt.

Oktober 2

Die Lerche

Auf dem Horizontstrich klingt
der Lerche einsames Lied
vom Turm ein rissiger
letzter Glockenschlag

Nebel dämpft
den matten Schritt
schlafen flüstert mir die Welt
schlafen traumlos tief & lang

Einst in hellen Tagen
schien das Herz zu weit
heute will es stahlumringt
müde traumlos ruh´n

Will gebrochen alt & leis
in der Nacht vergeh´n
wo der feuchte Nebel steht
& der Lerche Lied verklingt.

Kurt Pingler