August 29

Gedankensplitter V

. . . oder die Liebe zur Geometrie . . .

Ich habe nicht Wort halten können. Ich bin offensichtlich nicht in der Lage, ruhig zu bleiben angesichts dessen, was geschieht. Schreiben hilft, zu ertragen.

Eine „antifaschistische Initiative Torte gegen Menschenfeinde“ hat Sarah Wagenknecht eine Schokotorte (braun ! wie witzig . . . ) ins Gesicht geworfen. Was soll uns das sagen; zum einen sicherlich, wer von sich behauptet, antifaschistisch zu sein, behauptet mit dieser Aktion auch, Sarah Wagenknecht sei faschistisch & obendrein ein Menschenfeind. Die wackere „Initiative“ setzt Wagenknecht auch gleich mit Beatrix von Storch in das selbe Boot (man verzeihe mir diese Metapher), wogegen sich beide entschieden verwahren würden. Zum anderen sagt diese Aktion weit mehr über ihre Urheber aus, als diese je begreifen können, handelt es sich doch um Leute, deren pathologische Hybris letztlich einem tief sitzenden paranoiden Reflex entspringt, der sich von der sie umgebenden Realität nicht nur längst verabschiedet hat, sondern diese als Feindbild benennt & auf jede erdenkliche Weise bekämpft.

Wenn ich hier von Identität & vom Eigenen spreche, dann meine ich nicht die gröhlenden Fußballhorden auf sog. Fan – Meilen, nicht die Deutschtümelei selbstgerechter Fremdenhasser & nicht den ahnungslosen, geschichtsvergessenen undifferenzierten Chauvinisten. Ich meine das, was Botho Strauß als eine Art Kulturpatriotismus  beschrieben, & so schmerzlich als vermißt erklärt hat.

Die Gleichsetzung der Ablehnung massenhafter muslimischer Unterschichteneinwanderung mit Fremdenfeindlichkeit ist perfide & absichtsvoll. Sie dient ausschließlich denunziatorischem Realitätseuphemismus. Diejeinigen, die von Beruf weltoffen sind, z.B. Journalisten & Künstler, Musiker & auslandserfahrene Berufstätige, kennen andere Menschen, als diejenigen, die hier in Massen als sog. „Schutzsuchende“ auftauchen. Aber selbst diese so wichtige Unterscheidung fällt heuer unter irgend einen …ismus & scheint somit per se verboten.

Der Liberalismus schafft ein Feudalsystem der Imagination des vorgeblich Guten & Wahren, er halluziniert Freiheit. Fürsten gegen Bauern. Geschichte wiederholt sich scheinbar eben doch.

Der mediale Pranger; die öffentlich – rechtliche soziale Vernichtungskompetenz ist heuer zwangsgebührenfinanziert & ministeriell gefördert.

An meinem Arbeitsplatz ist derzeit erlebbar, was geschieht, wenn der Landvogt geht, ein bestelltes Gut hinterläßt & aus der Stadt ein neuer Verweser berufen wird. Die sprichwörtliche Gutsherrenart weicht einem leistungs- & kontrollfixierten Bürokratismus. Dieser läßt allzu Menschliches nur noch als Art seiner Vermittlung zu.

Die politische Korrektheit ist das Angstbeißertum der orientierungs- & identitätslosen Wohlstandskrüppel.

Hamburg / Hammerbrook
Hamburg / Hammerbrook

In meinem persönlichen Umfeld läßt sich derzeit die Richtigkeit des Marx´schen Satzes vom Sein, welches das Bewußtsein bestimmt, nachvollziehen. Vom Staat üppig Besoldete leisten sich Grün, am besten unter ihrer Lieblingskanzlerin, deren prinzipielle Meinungs- & Gesinnungslosigkeit zum klugen & sympathischen Pragmatismus umgelogen wird. Das für diese Leute keine soziale Frage existiert, versteht sich, da die ihre gelöst ist, von selbst, genauso wie verständnisinnige Lösungen von Problemen, mit deren Folgen sie nichts zu tun haben.

Anne Will am 5.6.2016: Die selbstgewisse neudeutsche Hypermoral kommt als medial flankierter Mob daher. Am Pranger: Alexander Gauland & eine Äußerung aus einem vertraulichen Hintergrundgespräch mit der FAS. Schlimm daran ist, Gauland rechtfertigt sich für vertrauliche Äußerungen, indiskutabel ist der unprofessionelle Vertrauensbruch der FAS. Anne Will inkriminiert mit vorwurfsvoll angewiderter Mine, leicht vorgebeugt in staatstragender Anklage. Der unerschütterlich  arrogante wie selbstgerechte Heiko Maas sondert seine üblichen Sprechblasen ab. Die türkische Migrationsforscherin Bilgin Ayata dagegen äußert sich in dankens- & überaus erinnerungswerter Offenheit dahingehend, daß der Rassismusbegriff in Deutschland noch viel zu eng gefaßt ist, & daß gerne übersehen wird, daß bereits Islamkritik grundsätzlich rassistisch ist. Lediglich der Leibziger Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt will auch auf  erstaunte Nachfrage von Will nicht davon lassen, daß die Gauland zugesprochene Äußerung mitnichten rassistisch, sondern eine Tatsachenbeschreibung fern persönlicher Aneignung sei. Insgesamt mentale Lynchphantasien als Meßdienerei des offiziösen Deutschland. Das Studiopublikum applaudiert pflichtschuldigst & erkenntnisfrei.

Überhaupt FAZ & FAS: beide kämpfen mit starken Umsatzeinbußen, die FAZ verlor im 1. Quartal 2016 knapp 9 %, die FAS im gleichen Zeitraum knapp 12 % an Auflage. Vergleichszeitraum ist das 1. Quartal 2015. Der Rückgang bei der FAS ist somit dramatisch & der mit Abstand höchste bei den Wochen- & Sonntagszeitungen (ohne Spiegel & Focus), die FAZ hat nach der Welt (- 10,5 %) & der ohnehin seit Längerem im freien Fall befindlichen Bild (- 10,4 %) den mit Abstand höchsten Verlust aller Tageszeitungen. Woran das liegen mag, scheint ziemlich deutlich zu sein. Die FAS imaginiert sich mit neuem, vergleichsweise modernen Layout ein erheblich jüngeres Publikum & verschreckt die Stammleser damit genauso wie mit eher zeitgeistigen Teilbereichen der Zeitung. Die FAZ, in freiwilliger Selbstaufgabe das gedruckte Sprachrohr der Kanzlerdarstellerin, jede noch so bizarre Wendung kommentarlos nachvollziehend einerseits, andererseits AFD – freundlich solange Lucke dort noch die neoliberale Schlagzahl vorgab, & die Partei keine Gefahr für die CDU darstellte, danach einig mit allen anderen im Kampf gegen Rechts. Insgesamt haben die Frankfurter innerhalb von ca. 2 Jahren einen veritablen Linksruck vollzogen. Das mag den temporären Befindlichkeiten der deutschen Funktionseliten geschuldet sein, bei den Lesern kommt das offensichtlich nicht so gut an. Auflagengewinner hingegen ist mit geradezu sensationellen + 16 % die Junge Freiheit.

Intoleranz, Demokratieverachtung & Fremdenfeindlichkeit sind die mediale Dreifaltigkeit zur Krise, die in den Augen des herrschenden politisch – medialen Komplexes darin besteht, daß immer mehr Menschen einfach keine Lust mehr haben, angebliche Alternativlosigkeiten ertragen zu sollen. Betreiben wir ein wenig Exegese: Intolerant sind dem System diejenigen, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, wen & was sie auszuhalten haben. Demokratieverächter sind diejenigen, die der Überzeugung sind, daß es nichts mit Demokratie zu tun hat, wenn die Rechtsordnung in Teilen abgeschafft wird, Grenzen für inexistent erklärt werden, Entscheidungen wie Griechenland“hilfe“, sog. Willkommenskultur, Euro“rettung“ oder Energie“wende“ wahlweise in Brüssel, im Kabinett oder im Koalitionsausschuß oder am besten gleich von der Kanzlerdarstellerin im Alleingang getroffen werden & das Parlament, wenn überhaupt damit befaßt, nur noch zum Abnicken gebraucht wird. Fremdenfeindlich schließlich sind die, die dem Islam aus vielen guten Gründen ablehnend gegenüber stehen, die die Masseneinwanderung muslimischer Unterschichten für gesellschaftlichen, politischen & kulturellen Sprengstoff halten. An ihren Worten kann man sie erkennen. Sie eignen sich Begriffe an, entkernen sie, verkehren sie in ihr Gegenteil & füllen sie mit Lügen & Propaganda. Sie haben längst verstanden, daß die Umdeutung von Sprache ein elementares Machtinstrument darstellt. Dann ziehen sie in die Schlacht gegen jeden, dessen Sprachverständnis noch nicht korrumpiert worden ist. Sie verwechseln Ursache & Wirkung, wollen davon auch nicht lassen & wundern sich, wenn immer mehr die Methode durchschauen. Es wird Zeit, aus der Schmuddelecke herauszukommen!

Sind wir eigentlich alle schon so degeneriert & gedankenfern, daß wir ernsthaft glauben wollen, daß das herrschende System des umfassend beglückenden postmodernen Liberalismus mehr ist, als die Summe seiner beschwörend rekapitulierten, allerdings kaum bewiesenen  Heilsversprechen? Eines Systems im Niedergang, das aus seinen Scherben ein Vexierbild erschafft, das zwar bunt, jedoch ohne erkennbare Ordnung eine Spielwiese der Ahnungslosen imaginiert? Schon seine gegenwärtigen hysterischen Ausfälle gegen seine Kritiker, bis hin zur sozialen Ächtung, belegen, daß dem nicht so ist.

Hin & wieder gibt es das noch, das offene unverstellte & ernstgemeinte Wort. & wie immer ist es hilfreich, da es der Orientierung dient. In diesem Falle stammt es von Hasnain Kazim, Journalist von Spiegel online, der neulich twitterte: „AfD Vize Gauland sagte: heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land. Meine Antwort: Gewöhn´ dich dran, Alter! ( . . . ) Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen Deutschland für uns. Ob du willst oder nicht.“ So was nennt sich gerne Qualitätsjournalismus.

In der Washington Post fordert ein Artikel einen Eignungstest in Staatsbürgerkunde als Voraussetzung, wählen zu dürfen. Das hat Charme, allerdings würde das in Deutschland vermutlich bedeuten, daß die Wahlbeteiligung nochmals drastisch zurück geht. Vorschlag: die Anforderungen soweit herabsetzen, daß sie jeder Depp erfüllen kann, das geht ja auch sonst recht gut hierzulande. Bliebe die Genugtuung, daß einem bei Straßenumfragen im Fernsehen die Zumutung erspart bleibt, Hohlbirnen besonders jüngeren Alters dabei zusehen zu müssen, wie sie sich kiechernd an der eigenen Ahnungslosigkeit erfreuen.

Ein Freund von mir antwortete neulich auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört: Mein Vater hatte Krebs, der gehörte auch zu ihm; aber dann hat er ihn umgebracht.

Frank Walter Steinmeier schleicht durch seine Sätze, als hätte er Angst, sich an seinen leeren Worten zu verletzen.

Die neuen deutschen Helden haben das Feldgrau zugunsten eines porentief reinen & strahlenden Weiß abgegeben. Links auf der Brust prangt der Bundesadler, darüber vier Sterne. So stehen sie nach gewonnener Schlacht reglos & mit unbewegtem Gesicht vor den Kameras stramm & melden die auftragsgemäße Vernichtung des Gegners. Ausnahme, der tiefenentspannte, stets fröhliche Lukas Podolski. Die anderen sind so humor- & emotionslos wie ihr General, heißen demnach auch – weil das Nationale ja ein falsches gesellschaftliches Konstrukt ist – nur noch „die Mannschaft“, oder, noch dämlicher, „La Mannschaft“, was so einfallslos, dumm & dröge ist, daß nur deutsche Funktionäre darauf kommen können & melden Vollzug. Pflichtschuldigst. Diese Truppe ist so öde & sterbenslangweilig, so uninteressant & emotionslos, daß es einen fröstelt. Es macht keinerlei Spaß, diesen Technokraten beim – vorhersehbaren – Gewinnen zuzuschauen. Diese „Mannschaft“ verkörpert in erschreckend perfekter Weise das neue Deutschland, dessen angebliche Buntheit in Wahrheit eine mausgraue spießige Ideologie normativer Haltungslosigkeit ist. Welch ein Unterschied zu der quirligen, an sich selbst ständig wachsenden & begeisternden sympathischen Klinsmanntruppe im Jahre 2006. Meine inständige Bitte, uns nicht länger den Spaß am Fußball zu verderben & allerspätetens im Halbfinale auszuscheiden, dürfte wohl unerhört bleiben.
P.S. hierzu: Danke, Jungs ! geht doch.

Ja, Frau Ditfurth, ich bekenne, ich bin Faschist. Als solche haben Sie Menschen bezeichnet, denen Tierrechte über Menschenrechte gehen, selbst die, denen beides gleich wert ist. Ich bekenne, mir sind Menschenrechte leidlich egal, Tierrechte nicht. Der eine kann sie sich verschaffen, das andere nicht. Der eine ist Täter, das andere sein Opfer. Hätten Sie gesagt, die tumben gleichgültigen Idioten, die für sich meinen beanspruchen zu können, auch als in dritter Generation von der Gemeinschaft bestens Versorgte jeden Tag Fleischberge auf dem Teller zu haben, die Kampfgriller, die außer Bier, Fleisch & Fußball nichts zwischen den Ohren haben & die halbdebilen vor sich hin kiechernden pelztragenden Lattemacciatoiphonetussen stünden allesamt, auch aus anderen Gründen, unter erheblichem Faschismusverdacht, ich hätte Ihnen in Ihrem Haß zumindest zugestimmt, eben auch aus einigen anderen Gründen. So aber sind Sie leider auch nur ein weiterer Täter.

Wer Fleisch ißt, sollte wissen, wo es herkommt. Schon kleinen Kindern sollte gezeigt werden, wie es in Tier KZ´s, Schlachthöfen & Pelz- & Lederfabriken zugeht, wie Tieren die Haut bei lebendigem Leibe heruntergerissen wird, wie Delphine & Wale auf bestialische Art gemetzelt werden & was mit den niedlichen kleinen Lämmern & Ferkeln geschieht & wie getöteten Kühen ihre Kälber aus dem Leib gerissen & anschließend weggeworfen werden. Dann wäre die sofortige Abschaffung der Massentierhaltung & das Verbot entsprechender Importe, sowie die daraus folgende Erhöhung des Fleischpreises auf mindestens 50 ,-€ pro Kilo die erste humanitäre & kulturell wirklich bedeutsame Leistung dieses Landes nach dem Krieg.

Hamburg / Speicherstadt
Hamburg / Speicherstadt

Die sog. Neue Rechte beginnt zu langweilen. Sie recycelt das ewig gleiche Flüchtlingsthema, erfreut sich am suizidalen Separatismus & sonnt sich im Zuwachs der medialen Beachtung. Sie droht, schon bevor sie dem fauligen Schlamm des dahinzuckenden Liberalismus vollständig entstiegen ist, an Themenarmut, vor allem aber an (noch?) nicht benannten Alternativen zu ersticken. Vage Hinweise auf die Konservative Revolution, auf Spengler, Schmitt, Mohler & andere reichen nicht. Diese müssen erklärt werden. Wo sind die, die sich aus der Deckung wagen & die Systemdiskussion beginnen? Es könnten viele Irrtümer aufgeklärt, viele Zweifelnde & Suchende überzeugt werden. Die Debatten zeigen, das Potenzial ist da, die Spalter & Distanzierer allerdings auch. Es trifft der Mensch den Menschen. Das sagt eigentlich alles.

Im analytischen Kontext ist die Wut die Schwester der Trauer. & ich bin verdammt traurig!

Regietheater I: Der antibürgerliche Autismus des sog. Regietheaters verharrt allzu oft in der Pose sich aufklärerisch gebärdender selbstreferenzieller Belehrungseuphorie.

Regietheater II: Die bevorstehende Schleifung der altlinken Trutzburg Berliner Volksbühne durch Nichtverlängerung des Vertrages mit Frank Castorff & dessen Ersetzung durch einen schneidigen Kunstszenen – Eventmanager namens Chris Dercon, führt neben der feuilletonistischen Betrachtung des Begriffs & der Figur des sich an zahlreichen Stellen gerade etablierenden Kurators zu Widersprüchlichem bei der Betrachtung des Vorgangs an sich. Weniger in den Feuilletons, als an dieser Stelle. Der Einblick Eingangs des WELT – Artikels in die arrogant hippe Wirsinddiegrößten  Partysteher ist, wenn man weiter liest, nicht annährend so eklig, wie das weltstädtisch daherkommende Neue, bedeutungsschwanger & „alternativlos“ aber eben auch hohl & – Jederkannalles – inkompetent. Die Überdehnung des liberalen Imperiums & seiner kapitalistischen Sinnhaftigkeit nach außen & sein Implodieren nach innen bekommt ein Gesicht. Da wirkt, obschon eigentlich abstoßend genug, der erlittene kopfige Weißwein direkt sympathisch, selbst wenn er vom verkommenen Arroganzling Wuttke getrunken wird. In der SÜDDEUTSCHEN, an gleicher feuilletonistischer Stelle, jedoch mit leicht veränderter Tonlage die Assoziation: DDR Mief gegen die Neue Welt, die selten schön ist, Altlinkendickköpfe vom Stamme der Ignoranten & Gegenwartsverweigerer, sich – in typisch linkem Gestus aus Euphorie & Größenwahn – als Piraten auf dem Dampfer finanziell überhitzter Kunstmärkte & Befindlichkeitstaktvorgeber generierend. Auch wenn ich dieser Art des Castorff´schen Regietheaters & seiner verblendeten Selbstherrlichkeit ablehnend bis schlimmer gegenüberstehe: ich bin unentschlossen einseitig auf dessen Seite. Wenn Dercon weg ist, allerdings wieder genauso fest entschlossen dagegen. Soviel Zweifel darf, nein muß sein.

Der Sloterdijk Schüler & Assistent Marc Jongen hat ein Manifest des Avantgarde – Konservatismus angekündigt. In der ZEIT warf ihm darauf der Kunsthistoriker (!?) Beat Wyss vor, er sei das akademische Feigenblatt für eine rechtsnationale Splitterpartei mit Verbindungen in die Neonazi – Szene. Man darf vermuten, daß er damit die AfD meinen könnte. Daraufhin wurde Jongen von seinem Arbeitgeber, der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, wo er als Dozent für Philosophie & Gestaltung tätig ist, von allen Leitungsaufgaben entbunden. Das ist genau die Vorstellung, die sich die wackeren „zivilgesellschaftlichen“ Kämpfer für Demokratie, Menschenrechte & einer bunten, vielfältigen Eineweltgesellschaft von eben dieser Demokratie, an deren Abschaffung sie emsig basteln, so machen.

Aprospos AfD. Diese ist, solange die interne Machtfrage nicht geklärt ist & die programmatische Richtung keinesfalls feststeht, eben keine Alternative, jedenfalls für mich nicht. Denn bedauerlicherweise besteht sie eben nicht nur aus Marc Jongen. & der Urnenpöbel ist letztlich ein scheues Wild. Gleichwohl trifft sie auf eine Grundgestimmtheit Vieler, die ihren Erfolg begründet. Die Vorstellung, sie könnte die Grünen & letztlich die SPD überholen, wird dieses Land verändern.

Zitat: Boris Palmer, grüner OB in Tübingen nach dem Besuch einer Asylunterkunft, auf seiner facebook Seite, veröffentlicht am 14.6., 9.28 Uhr: „In der Halle erwartet mich eine Demonstration ausschließlich von Kindern. Sie alle halten Schilder hoch, die menschenunwürdige Zustände beklagen. Die Frauen sind so weit im Hintergrund und alle verschleiert, daß sich kein Kontakt ergibt. . . . . Der Tonfall ist empört, fordernd, fast schon aggressiv. . . .  Die Gruppe, die etwa ein Viertel der Flüchtlinge in der Halle ausmacht, stammt größtenteils aus Syrien und Afghanistan. Die Erwartungen sind offensichtlich fürchterlich enttäuscht, die Stimmung ist beängstigend bis depressiv.“ Ein bei Palmer´s Besuch ebenfalls anwesender Hausmeister ergänzt: „Die haben sich vorgestellt, sie bekommen hier sofort ein Haus und alles läuft von selbst. Die Erwartungshaltung ist maßlos. Dankbarkeit gibt es nicht.“ Einer der Syrer wird mit den Worten zitiert: „Lieber lebe ich unter den Bomben in meiner Heimat, als in dieser Halle.“

Zitat II. Götz Kubitschek in der Sezession im Netz, aus einem Briefwechsel mit Marc Jongen zum Thema Antisemitismus in der AfD: „Es ist nun aus meiner Sicht sehr leicht nachvollziehbar, daß gesellschaftspolitisch engagierte Köpfe unserer Grundgestimmtheit fassungslos vor dem Verfall und der Auflösung der Strukturen stehen und innerhalb der geschichtsphilosophischen Erklärungsmodelle nach einem Agens für diese Katastrophe suchen: der deutsche Mensch, der Europäer insgesamt als Opfer einer Großintrige – das nähme ihm die Verantwortung für seinen Zustand, das wäre der ins welthistorische ausgeweitete Dolchstoß in den Rücken derer, die aus freien Stücken niemals so auf den Hund gekommen wären. Wir wären dann nicht mehr verantwortlich für uns selbst, sondern vor allem in der Opferrolle, in der Matrix, fremdgesteuert, im Grunde nicht wir selbst. ( . . .). Die Geschichte nun trotz all dieser durcheinanderwirkenden Kräfte, Durchsetzungs- und Behauptungsversuche auf den Kampf zwischen judaischem und christlichem Entwurf zu reduzieren und dabei die Attribute gut und böse, aufbauend und zersetzend, schaffend und raffend zuzuordnen, ist falsch und gefährlich. “

Hamburg / Kunsthalle / Skulpturenfoyer
Hamburg / Kunsthalle / Skulpturenfoyer

Nach einer schlaflosen verzweifelten Nacht: Der Verlust der Selbstachtung geht einher mit dem Gefühl, das Wesentliche im Leben nicht mehr bewahren zu können. Die Vergeblichkeit unseres Seins wird nur teilweise abgemildert durch das, was andere oder wir selbst als Erfolg bezeichnen. Es kommt also nur darauf an, wie es uns gelingt, unsere Einsamkeit & letztlich uns selbst, zu ertragen. Es mag gute Gründe geben, unser Leben zu beenden. Aber auch im Ertragen der absoluten Hoffnungslosigkeit mag sich Größe erfüllen.

Es ist der Gang durch die Hölle der Gegenwart, in der sich jeder neuerdings überall und immer erschießbar fühlt.“ Iris Radisch in einem Artikel in der ZEIT über eine Ausstellung von Michel Houellebecq anläßlich des Todes seines Hundes. Dieser Satz wirft Fragen auf. Was für ein unvorstellbares Lebensgefühl muß das sein, sich jederzeit erschießbar zu wähnen. Was bedeutet das für die Zeit vor unserer erwartbaren Erschießung. & inwieweit haben wir damit beschlossen, uns der jederzeit möglichen Hinrichtung zu beugen & hinzugeben, aufzugeben gegenüber einem eigentlich klar definierbaren Feind. Kann es eine umfassendere Form der Toleranz geben als eine lebensgefühlige Erschießbarkeit? Eine höhere Form der Selbstaufgabe? Wir haben, so scheint es, mit uns selbst abgeschlossen. Wir erleben unser Dasein nur noch als Hölle. Dann allerdings erscheint unsere Erschießbarkeit als eine Art sakrale Erlösungshandlung. Oder besser & selbstgewisser: als Buße.

Was im Moment in London geschieht, ist in sehr hohem Maße erschreckend, beunruhigend & bizarr. Wer die hierzulande leider weitgehend unbekannte Romantrilogie Gormenghast von Mervyn Peak gelesen hat, kennt die Figur des zutiefst bösen, gesinnungs- & moralfreien Intriganten Steerpike, einer Gestalt, die es mühelos mit den Finsterlingen Shakespeare´schen Formats aufnehmen kann. In diesem Umfeld ist das, was derzeit in der ältesten Demokratie der Gegenwart geschieht, angesiedelt. Ein Premierminister, der ein Referendum ansetzt, dessen Ergebnis er nicht wollte & daraufhin zurücktritt – allerdings erst in vier Monaten. Ein ehemaliger Londoner Bürgermeister, der gegen seine amtsbegründete Überzeugung den Ausstieg herbeificht, keinesfalls wegen der Sache, sondern um Nachfolger des Premierministers zu werden. Ein Finanzminister, der ausschließlich eine einzige Überzeugung hat, nämlich die seiner eigenen universellen Einmaligkeit, der dem ehemaligen Bürgermeister die unverbrüchliche Treue in dem Moment aufkündigt, indem dieser sich anschickt, seine Kandidatur für das Amt des Premiers zu verkünden, & dies nun an seiner statt tut, woraufhin der ehemalige Bürgermeister verzichtet. Der Vorsitzende einer ehemals sozialdemokratischen Partei, dem dreiviertel der Fraktion das Mißtrauen aussprechen & dem die Mitglieder seines Schattenkabinetts in Scharen davon laufen, was diesen allerdings nicht interessiert, weil er sich, als Linksaußen & deshalb artgerecht, für unersetzlich hält. & schließlich der Vorsitzende einer antieuropäischen, separatistischen Kleinpartei, der sich in der Woche nach dem von ihm herbeigelogenen Referendumsergebnis als Volksheld feiern läßt, um dann am 8. Tage unvermittelt zurückzutreten. Horden junger aufstrebender Bildungsbürger, die das Ergebnis einer Wahl bejammern, an der sie aus Desinteresse nicht teilgenommen haben, & schließlich ein Land, daß sich auf dem Wege zu seiner eigenen Auflösung befindet. Bei der Betrachtung dieses Personals & seiner Handlungen ist Angst ein nicht zu leugnendes, ja geradezu primäres Gefühl. Es offenbart sich der hauchdünne Firnis der sogenannten Zivilisation, das mottenzerfressene löchrige mürbe Tuch, das wir als politisches System uns haben aufschwatzen lassen & das wir für das bestmögliche zu halten uns angewöhnt haben, die erschreckende Niveau-, Geist- & Gewissenlosigkeit derer, denen wir so gerne gestatten, die politische Klasse darzustellen & schließlich die affektgesättigte Inkompetenz des definitiv unmündigen Urnenpöbels, der noch seinen eigenen Untergang wählt, wenn man ihn befragt. Kein vernünftiger Mensch, der seine Sinne noch beisammen hat, würde von verlogenen Fratzen wie Johnson oder schaumschlagenden Hallodris wie Farage ein Auto oder eine Versicherung kaufen. Bei weit wichtigeren Dingen scheint das Warnende zum Erfüllenden zu mutieren. Es wird Zeit, daß die Polkappen noch ein wenig schneller schmelzen. Das Zeitalter des apokalyptischen Theaters hat begonnen. Die Rollen werden gerade besetzt. Der Regisseur wird noch gesucht, möglicherweise läuft er sich in den USA gerade warm. Nur die Dauer der Aufführung ist noch offen, dafür allerdings der Eintritt frei.

Ich hatte ein hohes Ziel. Wie gerne wäre ich Altruist. Leider macht es mir die Art des Menschen unmöglich. & da ich nicht duldsam bin, da ich sehe & höre wie gelogen & betrogen, hintergangen, gekämpft & vernichtet wird, da ich weiß, zu welch unvorstellbarer Grausamkeit Tieren & der Umwelt gegenüber nahezu jeder Mensch fähig ist, wie gewissensfrei & ohne Moral, ohne Achtung vor sich selbst & vor dem Leben der Mensch agiert, da ich Schlachtfelder & Schlachthöfe sehe, ich nicht in Gleichgültigkeit wegschauen kann & zur Betäubung unfähig bin, bleibt mir nichts als Nietzsche zuzustimmen: Gott ist tot! Gott bleibt tot & wir haben ihn geötet.

Wie gern wäre ich gläubig, wie gern würde auch ich mich trösten lassen von der Gewißheit, daß dort noch irgendetwas ist, dort auf der anderen Seite des menschlichen Abgrundes.

Gegenüber starb ein Nachbar, offenbar einsam & ohne Verwandte oder Freunde. Ein Räumdienst wirft die Hinterlassenschaft seines Lebens in Müllsäcke verpackt auf einen Laster, gleich danach kommen Handwerker, kratzen den Schorf seines Daseins von den Wänden & schleifen seine Erinnerungen von den Dielen. So wird ein Leben zu einer Ansammlung von Dreck & Abfall, der Wert ist das Vergessen.

Digitale Zombies durchstreifen die Parks & Grünanlagen auf der Suche nach einem virtuellen kleinen Monster. Dabei auffällig viele, die sich erwachsen nennen würden. Neulich trug einer von ihnen einen Kapu mit der neuen Kultmarke, die fett auf seiner Brust stand: Obey. Besser kann man´s nicht zusammenfassen.

Der Unterschichtenpräsident der Türkei, geprägt von Größenwahn & aufgrund seiner Herkunft tief verankerten Minderwertigkeitskomplexen, hat von der Kanzlerdarstellerin die Aufsicht über die deutschen Grenzen übertragen bekommen. Dafür läßt sie ihm den Islamfaschisten durchgehen. Neulich hörte ich das Wort „Werte“ aus ihrem Munde.

Die Fußball EM ist grad vorbei, da läßt ein weiterer Zweig des organisierten Verbrechens ein wenig feiern. Die Bevölkerung in Rio erzürnt sich über Spiele, zu denen sie keinen Zutritt hat, die staunende Öffentlichkeit sieht Drogenabhängige in Mannschaftsstärke auflaufen, die der Chef dieser Abteilung des organisierten Verbrechens, der bis in die Knochen korrupte Thomas Bach nicht ausschließen mag & hierzulande meinen zwangsgebührenfinanzierte sog. Anstalten des öffentlichen Rechts, sie müßten darüber berichten – schließlich haben sie Millionen unseres Geldes dafür in die Kassen des organisierten Verbrechens eingezahlt. Schon merkwürdig, wie sich die Interessen des organisierten Verbrechens in die der Öffentlichkeit wandeln lassen.

Das Hamburger Landgericht verurteilt einen 18 – jährigen, frisch eingereisten sog. Schutzsuchenden, in Afghanistan angeblich verheiratet & Vater eines Kindes, wegen Vergewaltigung einer jungen Frau zu 2 Jahren Jugendstrafe – natürlich ausgesetzt zur Bewährung. Die Richterin (!) geht davon aus, daß ihm die Tat peinlich ist & sich nicht wiederholen wird. Ich lege Wert darauf, daß ich nicht zu dem Volk gehören will, in dessen Namen dieses Urteil gesprochen wurde.

Camus´ Satz, sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorzustellen, läßt uns scheitern. Das Ewiggleiche unserer Existenz, das tägliche Mühen wider die Vergänglichkeit & die Resignation im Scheitern zwingen unser Dasein in vorhersehbare Leere. Freude ist lediglich das Aufkeimen von Hoffnung auf Überwindung. Aber vielleicht liegt ja genau darin der Sinn von Camus´ Forderung.

August 23

Aufstand an der Elbe

. . . eine kurze Nachbetrachtung zum Elb – Riot Festival . . . 

Ungeachtet der Tasache, daß Metal mittlerweile nichts Aufrührerisches mehr anhaftet & ein Blick ins Publikum hier, wie auch in Wacken verrät, daß von Enkel bis Oma, vom verkleidetem Anzugträger bis zum versifften Kuttenjüngling alles vertreten ist – martialisch darf´s vom Namen her immer noch sein. Der Aufstand Vieler erschöpft sich allerdings dann doch im Gruppensaufen im Biergarten. Das geht in der Kneipe nebenan allerdings weit billiger. Vielleicht ist ja für nicht Wenige schon das Hiersein ein Aufstand gegen ihren öden Alltag. Nun gut.
Das Elb – Riot Festival findet heuer zum vierten Male auf dem Großmarktgelände statt, es faßt ca. 10 000 Besucher & ist sehr gut organisiert. Der Zeitplan wird minutiös, wahrlich auf die Minute eingehalten, der Sound ist klasse, das Personal freundlich. Dieses Jahr gibt´s erstmals an zwei Tagen, Freitag & Samstag, was auf die Ohren. Das ist für die Veranstalter nicht ohne Risiko, Wacken & Partisan war grad, Summer Breeze läuft parallel, Campen ist auf diesem Gelände nicht drin. Wie auch immer, der Freitag war sehr gut besucht, was an der Hauptband, Sabaton, lag.
Den Reigen eröffnen TESTAMENT, die unter diesem Namen seit 1986 unterwegs sind. Das Quintett aus der Bay Area um San Francisco hat es nicht verdient, ein zweitägiges Festival zu eröffnen, sondern dieses als Headliner zu beenden. Die Thrash – Metal Legende ist eine sehr außergewöhnliche Band, sowohl was Songwriting, wie auch live – Präsenz angeht. Ungeheuer abgezockt & mit großer Spielfreude geht´s zur Sache, 45 Minuten Vollgas, die in gefühlten Augenblicken vergehen. Daß Testament mit Gene Hoglan & Steve Di Giorgio, die schon bei den auch von mir hochverehrten Death zusammen gespielt haben, das wohl derzeit beeindruckendste Rhythmusgespann der gesamten Szene haben, setzt Maßstäbe in Sachen Tightness & Druck. Auch Sänger Chuck Billy ist seine überwundene Krebserkrankung nicht anzuhören. Herausragend!

Steve Di Giorgio & Gene Hoglan von TESTAMENT
Steve Di Giorgio & Gene Hoglan von TESTAMENT

Ich hatte mir fest vorgenommen, die folgende Band zu hassen. STEEL PANTHER stellten bereits mit ihrem Erscheinen auf der Bühne klar, daß sie mühelos jedes erdenkliche intellektuelle & geschmackliche Niveau meilentief unterbieten. Sie stellten auch klar, daß das Anschauen dieser Band notwendigerweise voraussetzt, sie nicht ernst zu nehmen. Rein musikalisch spielen SP einen sehr soliden, äußerst poppig – groovigen Hardrock mit sicheren Hooks, der das Drumherum in keinster Weise nötig hätte & aus sich selbst heraus sehr gut funktionieren würde. Allerdings tun das hundert Andere auch. Die Glamrock – Parodie, sozusagen Twisted Sister für junge Leute, die das Quartett abzieht, die ausschließlichen Zoten, um die es geht – jedes zweite Wort fängt mit F an – machen die Band zum Partykracher, & tatsächlich, so leicht ist massenkompatible Unterhaltung heute möglich. Ein Wink, & eine ganze Schulklasse entblößungsbereiter Mädels zwischen 17 & 27 besteigt nicht nur die Bühne, sondern am liebsten auch noch den Sänger & zieht, im strahlenden Frühnachmittagssonnenschein auch bereitwillig & gerne blank.  Das an der heterosexuellen Orientierung zumindest eines Großteils des kalifornischen Quartetts berechtigte Zweifel bestehen können, tut der Freude keinen Abbruch. Die Masse tobt, der Autor hat, entgegen seines festen Vorsatzes ( . . . tut mir leid, A.), ebenfalls seinen Spaß, muß dieses Erlebnis allerdings weder live noch auf Platte wiederholen. Der Anstand gebietet jedoch zu sagen, wenn auch nur hinter schamvoll vorgehaltener Hand & ganz leise: das war nicht schlecht, Jungs.
Die für mich größte Überraschung der zwei Tage war die folgende Band, POWERWOLF. Normalerweise bin ich kein großer Freund von Powermetal, einer zuweilen zum weichgespült Schlagerhaften neigenden Spielart harter Musik. Mein Nachbar, Powerwolf – Fan, meinte, wenn ich das hier gesehen hätte, würde ich nicht nur begeistert sein, ich würde sogar einen Plattenkauf in Erwägung ziehen. Der Fünfer aus Sulzbach an der Saar stellte allerdings sofort klar, daß das eingängig Liedhafte & hammerharte Riffs keine Gegner sein müssen. Hochpräzise & melodieseelig ging´s zur Sache, die Band, deren Outfit eher an skandinavische Blackmetalbands, als an deutschen Powermetal erinnerte, lieferte eine sehr abwechslungsreiche & bewegungsintensive Show ab & begeisterte in jeder Hinsicht. Daß die Band keinen Bassisten hat – die tiefen Töne übernimmt der Keyboarder – fällt nicht weiter auf, auch der vielschichtige Sound der eindrucksvollen Kapelle überzeugt. Chapeau! Mein Nachbar hatte vollkommen Recht.
Den Abend beschlossen SABATON aus Schweden, die erfolgreichste schwedische Band seit Abba & ich war neugierig, wie sie sich live präsentierten würden, das Wenige, was ich kannte, versprach eine gewisse Gleichförmigkeit. Offensichtlich waren die meisten Leute wegen ihnen gekommen. Die Schweden spielen Schlager für Metal – Fans. Ein Stück klingt wie das andere, rhythmisch ähnelt ein Riff dem nächsten, der Sänger, ein Freddie Mercury – Wiedergänger, hat eine sehr gute Stimme, das Konzept besteht aus einem Wort, Kriegsheldentum, deshalb knallt, blitzt & flammt es ständig überall & das Schlagzeug steht auf einem Panzer hinter zwei Kanonen, all das wiederholt sich mittlerweile seit acht Platten, & ein Ende ist nicht absehbar, denn die Band hat einen unglaublichen Zulauf weltweit. Natürlich ist das hart & eingängig zugleich, Refrains bohren sich ins Ohr & bleiben hängen, & warum sollte man ein derart erfolgreiches Pferd auch wechseln. Aber bitte, mir darf das entschieden zu langweilig sein.

Tag zwei beginnt mit einem Schauer, danach klart´s auf. Es werden heute weniger Leute hier sein als gestern, das Publikum ist auch deutlich älter, Sabaton haben schließlich gestern gespielt. Als erstes spielt eine unseelige Kombo namens NASTY, ein auf Ghettotürke mit dicker Hose machendes Großmaul beschreit Eintonabfolgen, die so sinn- wie songfrei waren & deswegen, weil komplett überflüssig, hier auch keine weitere Erwähnung findet.
Bei strahlendem Sonnenschein kamen dann FEAR FACTORY aus Los Angeles auf die Bühne & spielten ihre Mischung aus Metalcore mit Industrial Einsprengseln überaus präzise & energievoll. Das Rhythmusgewitter traf genau auf den Punkt, die Combo hatte richtig Lust, einzig Sänger Burton C. Bell traf bei seinen klaren unverzerrten Gesangsanteilen  durchaus nicht immer den richtigen Ton. Dennoch: 8 von 10 Punkten für die gelungene Umsetzung des Fear Factory Konzepts Mensch gegen Maschine.
Ich persönlich ziehe eine gut gemachte ländliche Hausküche jedem Gourmettempel vor. Aus diesem Grunde steh´ ich u.a. auch auf guten alten Death Metal. Der kommt im Übermaß aus Schweden & wurde auf dem Elb – Riot von AT THE GATES, 1990 in Göteborg gegründet, auf das Allervortrefflichste serviert. Da rollte die Dampfwalze über den Acker, da kamen die Riffs fett aus den Boxen & Sänger  Thomas Lindberg lieferte eine stimmlich wie visuell hervorragende & sehr sympathisch präsentierte Vorstellung. Einfach herrlich.
Deutlich finsterer wurde es danach bei PARADISE LOST, & nicht nur, weil sich die Sonne zurückgezogen hatte. Die 1988 in Halifax gegründete Band spielte ihren Stil aus Gothic Metal & Doom mit vielen alten Stücken aus der Icon & Draconian Times Phase, wie auch vom neuen, ziemlich erfolgreichen Album The Plague Within. Das war Melancholie auf hohem Niveau, düster, breit & präzise, sehr stimmungsvoll & ohne irgendwelche Mätzchen auf der Bühne, ein sehr schönes Konzert, das mir eine Band, die ich damals, Mitte der 90er, sehr geschätzt habe, wieder  nahe gebracht hat.
Danach war es Zeit, im Biergarten ein Päuschen einzulegen, denn das Folgende wollte ich mir gerne ersparen. Bands, deren Musik sich darin erschöpft, immer den gleichen Ton in graden & schrägen Takten aneinander zu hämmern & abwechselnd Geschrei oder Gegrunze drüberzulegen, groove- & songfrei Härte zu produzieren & das Ganze dann Metalcore zu nennen & dabei auch noch unglaublich angesagt zu sein, mag ich nicht. Deswegen kann ich die hippen Youngster von ASKING ALEXANDRIA nicht ertragen, & deswegen kein Wort mehr, als die Feststellung, daß sie meine Erwartungen komplett erfüllten.

Daniel Wilding & Jeff Walker von Carcass
Daniel Wilding & Jeff Walker von Carcass

Daß es anders geht, führte eine meiner absoluten Lieblingsbands danach vor: CARCASS mit ihrer hochkomplexen, bis auf den feinsten Ton durcharrangierten, & gleichwohl äußerst groovigen Mischung aus Grindcore, Death & Melodic Death Metal. Auch waren Stücke des „neuen“ Albums Surgical Steel von 2013 zu hören, einer der besten Metal – Platten, die ich kenne. Die Vorstellung war von atemberaubender Präzision, hohem technischen Können & einem unbändigen Spielwillen gekennzeichnet. Das kann man nicht besser machen. Herausragend auch der noch ziemlich junge Trommler Daniel Wilding, der auf einem vergleichsweise sehr kleinen Set ein unglaublich swingendes & energiereiches Spiel entfaltet. Das Volk vor der Bühne war schwer begeistert, & so war dies ein maßstabsetzender Auftritt, nicht nur auf dieser Veranstaltung.
Mit der folgenden Band, muß ich gestehen, kann ich absolut nichts anfangen. Allenthalben & von unterschiedlichster Seite hoch gelobt, bin ich bei MASTODON nach drei Stücken wieder in den Biergarten zurückgekehrt. Das lag keinesfalls an der Band, die ihre Sache sehr souverän & einschränkungslos sehr gut machte, diese Mischung aus verschiedensten harten Musikstilen mit einer Prise Hippierock garniert, mag ich einfach nicht. Auch von Outfit, Bühnenaufbau & -deko her, sah das Ganze eher nach einer metallenen Variante von Grateful Dead aus.
Den Abschluß bildeten dieses Jahr die uneingeschränkten Götter des Thrash – Metal, SLAYER, 1981 in Kalifornien gegründet, mit einer Art Greatest Hits Programm. Slayer sind ein Naturereignis, eine Macht, ein Erlebnis, wie es in dieser Musik kein anderes gibt. Auch Testament, technisch ungleich besser & vielfältiger, kommen hier nicht heran. Was von der Bühne kommt, fegt alles andere fort, frißt sich in Herz & Kopf & duldet keinerlei Widerspruch. 75 Minuten Vollgas, gelegentlich von kurzen Pausen & einer dunklen Bühne unterbrochen, auf der, allein in einem weißen Scheinwerferkegel, mit langem weißen Bart & noch längeren grauen Haaren der Gottvater des Metal steht; & wenn Tom Araya dann & leise, ruhig & bedächtig kurze freundliche Worte an das Publikum richtet, wirkt er tatsächlich wie ein Prediger, bevor er dem ausrastenden Volk wieder seine Geschichten von Mord, Totschlag & Massenmördern entgegenschreit. Diese Band, längst heilig gesprochen, ist die Apotheose des Metal. Nicht mehr & nicht weniger. Um im Bild zu bleiben: zum Niederknien.

Dieses Festival hat, wenn die spaßfreien & auflagensüchtigen Hamburger Amtsstuben es zulassen, eine große Zukunft. Ob es unbedingt zwei Tage sein müssen, darf bezweifelt werden, doch war das Programm insgesamt diesmal deutlich besser als im letzten Jahr. Wir werden sehen.

August 18

The Number of the Beast

. . . . Wacken 2016  –  ein Tagebuch . . . .

 

„Woe to you, oh earth and sea,
For the devil sends the Beast with wrath,
Because he knows the time is short…
Let him who hath understanding reckon the number of the Beast
For it is a human number,
Its number is six hundred and sixty six.“

Iron Maiden / The Number of the Beast / Intro

 

Der Versuch, über Wacken zu schreiben, ohne Klischees zu bemühen, muß scheitern. Wacken ist längst selbst zum Klischee geworden, & möglicherweise ist es gerade deswegen so ungeheuer erfolgreich. Das weltgrößte Metalfestival, wie es sich gerne selbst nennt, daß es jedoch nicht ist, denn das Hellfest in Frankreich z.B. ist weit größer, erfreut sich nach wie vor ungebrochener Beliebtheit, trotz der jedes Jahr erneut vorgetragener Kritik, es sei viel zu groß, viel zu kommerziell, viel zu dreckig & viel zu teuer.  Vor dem Hintergrund heutiger Eintrittspreise sind ca. 200,- € für 3 Tage incl. ca. 80 Bands & Zelten nahezu ein Taschengeld. Sich über das Wetter zu beschweren, ist absurd, wir ernten nur, was wir gesät haben.

Ouverture:

In der WELT schrieb dieser Tage ein gewisser Felix Zwinzscher einen Artikel, in dem er sein völliges Unverständnis gegenüber den zivilisatorischen Rückschritten ausdrückte, die sich durch den Besuch von Wacken & Co seiner Auffassung nach einstellen. Da bleibt kein Klischee unbemüht, da schreibt ein junges Zeitgeistbengelchen in seiner hippen Prenzlberghütte auf seinem schicken Macbook über Dinge, von denen er offensichtlich keine Ahnung haben will & ereifert sich  darüber, das Menschen in die Vormoderne zurückfallen. Da geht es um Dosenravioli, um Dixieklos,  um Schlamm & Dreck. Worum es nicht geht, ist der Versuch, zu verstehen, geschweige denn zu beschreiben, was Menschen antreibt, sich genau diesen Dosenravioli, dem Schlamm & dem Dreck auszusetzen & dem Dixieklo noch obendrein. So schreiben Leute, denen die Champagner- & Tappaskultur in Berlin Mitte den Blick auf den Menschen im Allgemeinen & den Besucher von Festivals im Besonderen nicht nur vernebelt hat, sondern die daran komplett desinteressiert sind.
Am Mittwoch, den  3.8. 2016 brach ich auf nach Wacken, voller Neugier & Freude auf das mich Erwartende. Da ich Zelten zugegebenermaßen genau so hasse wie Dixieklos, hatte ich von einem Bekannten einen unausgebauten VW T 3 geliehen & von Freunden deren Campingklo. Das war mein Eintritt in die Wackener Luxusherbergsklasse, nur noch zu toppen mit einem feschen Wohnmobil. Wacken liegt ca. 85 km nördlich von Hamburg, ein kleines Dorf inmitten des schleswig – holsteinischen Nirgendwo. Hier sagen sich Hase & Fuchs Gutenacht & niemand möchte hier tot über´m Zaun hängen. Hier gibt es keine  Pensionen, kein Hotel, grad mal die eine oder andere Wirtschaft, eine Apotheke, ein paar Ärzte, einen kleinen Edeka – Supermarkt & eine Tankstelle. Bäcker, Friseur, Sparkasse & Volksbank, das war´s. Fährt man nach rechts die Hauptstraße entlang, sieht man kurz vor dem Verlassen des Dorfes rechterhand einen ca. 40 Meter hohen schwarzen viereckigen Turm, ein ehemaliges Raiffeisen – Futtersilo, auf dem das Festival – Symbol, ein Stierschädel mit langen Hörnern & den Buchstaben W.O.A. für Wacken Open Air klar macht, wo man ist. Heute ist die Ortsdurchfahrt allerdings gesperrt. Der Regen hat bereits in Hamburg eingesetzt & die Vorstellung, wie es wohl nun auf den Campingplätzen aussehen mag, ist beunruhigend. Der Verkehr wird links aus dem Ort heraus geleitet, sie nennen das hier Warteschleife. Auto an Auto reiht sich zu einer endlosen Karawane aneinander, es wird 2 Stunden dauern, bis ich im Stop & Go – Modus durch einen weiteren Ort & durch Wald & Weide in den Nachbarort von Wacken einfahre, von dem eine kleine Stichstraße auf den Campingplatz führt.
Es muß besser heißen, auf einen der zahlreichen Campingplätze, die, durchalphabetisiert, ein riesiges Areal einnehmen, wo sonst die Bauern ackern, säen & ernten. Dicht an dicht stehen nun Zelte, Busse & PKW, jeder auf einem kleinen Zipfel Wackener Bodens, von den zahlreichen Helfern akkurat eingewiesen, korrekt ausgerichtet, mit Rettungsgassen in der Mitte, einer zentralen Durchfahrt, jeder einzelne von der Größe eines „normalen“ Campingplatzes. Auf jedem zweiten dieser Plätze gibt es ein sog. Duschcamp, eine zentrale Frischwasserstelle, sowie ein 24 Stunden geöffnetes Frühstückszelt. Auf jedem Platz eine zentrale Stelle mit Dixieklos, Urinalen & einem hohen Lichtmast. Der Platz, auf dem ich stehe, der mit dem Buchstaben K, liegt auf dem Lageplan relativ zentral innerhalb des Gesamtgeländes. Erfreulicherweise hat er auch eine leichte Hanglage, sodaß die Gefahr der Vermatschung relativ gering ist, zumal er durchgehend mit überknöchelhohem dichten Gras bewachsen ist. Es regnet weiterhin, was das heißt, werde ich bald erfahren. Angesichts der unüberschaubaren Größe des Areals, ist Orientierung nötig, um sich nicht sofort zu verirren, bzw. nach dem letzten Konzert im Dunkeln seinen Platz sehr sicher zu verfehlen.

Um zu den Bühnen zu gelangen wenn morgen der Konzertbetrieb beginnt, ist es erforderlich, gegen Vorlage der Karte ein versiegeltes Bändchen um´s Handgelenk zu bekommen. Das Bändchen bekommt man in einem bestimmten Zelt, das von Campground K offensichtlich relativ weit entfernt ist. An jeder Gabelung, an jeder Ecke steht in leuchtend roter Weste ein Helferlein, mit Plan & Funkgerät, sodaß es jederzeit möglich ist, sich durchzufragen, ohne den – eigentlich viel zu kleinen – Plan selbst studieren zu müssen. Zum Zelt geht´s, so erfahre ich, dort entlang, & das sehr freundliche Mädel zeigt auf einen breiten, völlig verschlammten Pfad, immer geradeaus, da gehen jetzt alle hin, nur wacker hinterher. Beim ersten Schritt Richtung Zelt versinkt der robuste Wanderstiefel bis zum Knöchel im Matsch, aus dem er auch schwerlich wieder herausgezogen werden möchte, weswegen er sich regelrecht festsaugt. Beim Blick nach unten auf meine nun fest vom Schlamm umschlossenen Stiefel kommt die Frage auf, was ich hier eigentlich mache. Ich schau mich um. Offensichtlich bin ich der einzige weit & breit, der vom Schlamm überhaupt Notiz nimmt, also entsteht ein gewisser Gruppenzwang, verbunden mit der Notwendigkeit, hier nicht den Volldeppen zu geben. Da es ohne Unterlaß & ohne am Himmel erkennbares Ende weiter regnet, ändert sich auch an der Bodenbeschaffenheit wenig. Nach einer halben Stunde ist das Zelt erreicht, das Bändchen am Handgelenk versiegelt, das T – Shirt unter der Regenpelerine durchweicht, die Schuhe haben ihr Gewicht verdoppelt & der Rückweg wird genauso erinnert wie das große Verpflegungszelt, eine Art überplanter Supermarkt, das ich gerade rechtzeitig erreiche, um mich vor dem plötzlich einsetzenden heftigen Sturzregen in Sicherheit zu bringen, der, begleitet von entferntem Gewittergrollen, gerade über Wacken hereinbricht. Der Bretterboden des Zeltes ist mit Schlamm übersät, der Gleichmut, mit dem alle Anwesenden die gegenwärtige Lage hinnehmen, beispielhaft, sodaß ich zweierlei beschließe. Ich werde mich fügen – was auch sonst – &, der kleine Exkurs sei hier gestattet, ich werde keine Partei mehr wählen, die nicht entschiedene & schmerzhafte Maßnahmen gegen das Wüten des Menschen zulasten seines Planeten fordert, was bedeutet, ich werde künftig ungültig wählen.

Wacken - Anreise
Wacken – Anreise

Das Zelt ist aufgrund des Schauers proppevoll, man rückt zusammen, sieht in strahlende Gesichter, unterhält sich links auf Deutsch & gegenüber auf Englisch, da man des Spanischen oder Italienischen leider nicht mächtig ist, alle freuen sich, hier zu sein, letztes Jahr war´s außerdem viel schlimmer. Ahja, denke ich. Einen Kaffee später mache ich mich auf den Rückweg. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen, der Himmel bekommt Schattierungen höchst unterschiedlichen Grau´s & ich wage einen Abstecher Richtung Bühnengelände. Meine Vorstellung von Wacken war die eines sehr großen Geländes. In Wahrheit ist alles noch wesentlich größer. Der Bereich vor den riesigen Hauptbühnen, das sog. Infield hat das Ausmaß von 4,2 Hektar, was umgerechnet der Größe von knapp 6 Fußballfeldern entspricht. Vor den Absperrungen reihen sich unzählige Buden in zwei breiten Gassen aneinander, in denen man alles erstehen kann, was  erforderlich ist, damit man das Gelände nicht verlassen muß. Gastronomie asiatisch, schwenkgrillastig, indisch, auch Fischbrötchen sind ebenso vertreten wie holländische Pommes & Knoblauchbrot, Stände mit Metalutensilien unterschiedlichster Art, Banddevotionalien, die Stände der zahlreichen Unterstützer (. . . & Mitverdiener), allen voran der Merchandise – Versender EMP, & das Wichtigste: Bierstände. Beck´s steht überall drauf, auch wenn unter dem Tresen Fässer von Weihenstephan stehen. Es gibt einen großen Biergarten, der Platz für etliche Hundert Menschen bietet & ein großes Gelände, das den Freunden des Rollenspiels vorbehalten ist. Neben dem Zelt der Bändchenausgabe steht ein riesiges Bühnenzelt, es bietet angeblich 10 000 Menschen Platz, zwei Bühnen werden dort abwechselnd bespielt. EMP hat einen eigenen Bereich in der Nähe des Biergartens, in dem es zahlreiche Sitzmöglichkeiten gibt, einen großen Bier- & einen Cocktailstand, sowie ein Zelt, das bei schlechtem Wetter (gibt´s hier nicht, lerne ich, Wacken rain or shine) Unterschlupf bieten mag. Zutritt nur mir EMP Backstagekarte, die ich mir schlauerweise für eine geringe Gebühr habe zuschicken lassen. Diese gilt für alle Festivals, auf denen EMP vertreten ist & befreit innerhalb der Jahresgültigkeit auch von den Versandkosten bei Bestellungen. Außerdem gibt´s bei jeder Bestellung Rabatt. Auf dem Rückweg stelle ich fest, daß ich einmal fast im Kreis gegangen bin & der Weg von meinem Bus auf Campground K bis zur Bühne weit kürzer ist als befürchtet. Den Rest des Tages verbringe ich im Bus, bis auf den Auftritt der Wackener Feuerwehrkappelle, den Wacken Fire Fighters, die das Festival traditionell im Biergarten eröffnen & sich, ebenfalls traditionell, über ein volles & begeistertes Haus freuen.

Der erster Tag:

Den Morgen des ersten regulären Festivaltages verbringe ich mit Einrichten des Busses, Schwätzchen mit den sehr netten Nachbarn & einem Gang ins Dorf. Seit gestern Nachmittag hat es nicht mehr geregnet, es gibt mittlerweile trockene Brücken durch den Schlamm, die allerdings nicht überall gleichermaßen entstehen, sodaß es schlau ist, sich an den Wegesrändern entlang zu bewegen. Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, & alles sieht ganz anders aus heute Morgen, man nennt das glaube ich, Ankommen. Da alle festen Wege quer durch´s Gelände als Rettungs- & Versorgungswege für den Festivalbesucher gesperrt sind, ist zum Erreichen des Dorfes die Überquerung von zwei weiteren Zeltplätzen erforderlich. Wacken Hauptstraße ist fest in schwarzer Hand.  Der Rest des Dorfes auch. In den Vorgärten sind improvisierte Bier- & Bratwurststände eingerichtet, Kinder fahren mit Kettcar´s incl. Anhänger durch den Ort, beladen mit Getränken, also mit Bierdosen, die sie dem Eiligen feilbieten. Vermutlich sind alle 1800 Bewohner von Wacken auf irgendeine Art in das Geschehen eingebunden. Metal ist weiß, mittlerweile weit überwiegend kurzhaarig, allerdings nicht mehr ausschließlich männlich. Bevorzugte Kopfbedeckung ist heuer eine Art Westernhut, ein Stetson aus Geflecht, Stoff oder Leder. Auf Shirts, Westen & Kapus wird der Wackener Dreifaltigkeit gehuldigt, allen voran Lemmy als Gottvater, sodann Iron Maiden & Blind Guardian. Die Leute sind vollkommen entspannt, es ist nicht mal ungewöhnlich laut, man steht brav an, wenn´s erforderlich ist, mittendrin sitzen sechs alte Einheimische, auf ihre Stöcke gestützt vor einem Haus & sehen dem Treiben zu. Die Bewohner machen das Geschäft des Jahres, rasch aufgebaute Stände bieten alles feil, was interessant sein könnte, Militärklamotten ebenso wie billige Zelte, Gummistiefel & alles, was zum Überleben vonnöten ist.  Vor dem kleinen Edeka – Supermarkt hat sich eine Schlange gebildet. Ein Wachmann steht davor & sorgt dafür, daß der Laden nicht platzt. Bei einem der beiden Bäcker werden leckere Brötchen wunschgemäß belegt, der Kaffee ist tatsächlich richtig gut, die zahlreichen Bierbänke vor der Tür dicht besetzt, die sofort einsetzenden Schwätzchen nett, sehr freundlich & so vertraut, als würde man sich bereits seit Jahren kennen. Als ein Polizeibus die Hauptstraße entlangfährt, aus dessen Lautsprechern Metal quakt & dessen Beifahrer lässig die Pommesgabel zeigt, brandet lauter Jubel auf. In diesem Moment wird mir klar, was den so besonderen Geist von Wacken ausmacht. Schade, daß Herr  Zwinzscher offensichtlich nie hier war, er hätte viel lernen können. Gerade hat sich auch meine gestrige Frage, was ich hier eigentlich mache, endgültig erledigt. Nach Brötchen, Kaffee, sowie dem Kauf eines Wasserkanisters, mache ich mich auf den Rückweg. Das erste Konzert, das ich heute unbedingt sehen muß, bestreiten SAXON, Wacken – Dauergäste, auf der Black Stage, der linken großen Hauptbühne. Angesichts der Weltlage sind alle auf penible Kontrollen am Eingangsbereich vorbereitet. Es herrscht Rucksackverbot, selbst der Wacken – Bag, den man mit dem Bändchen zusammen bekommen hat, & der eine faltbare Wasserflasche, diverse Aufkleber & -näher, sowie Poster, Pflaster, ein Kondom, Karten & Kugelschreiber enthält, muß draußen bleiben, die Faltflasche darf allerdings mit, es schaut auch niemand nach, was drin ist. Dafür müssen die Taschen entleert werden, der Inhalt selbst des Brillenetuis wird kontrolliert, Fototasche am Gürtel, bitte aufmachen, Mütze abnehmen, umdrehen, Leibesvisitation, alles sehr freundlich, höflich, man bedankt sich für das Verständnis & wünscht viel Spaß. Niemand murrt, keiner meckert, kein Gepöbel, keine Sprüche.

Wacken Black Stage
Wacken Black Stage

Nach der Eröffnung durch die Wacken – Hausband SKYLINE spielen nach kurzem Umbau SAXON ein wunderbar altmodisches Set klassischen englischen Metals, mit bombastischem Sound, viel Spaß an dem, was sie tun & einigen Klassikern ihrer mittlerweile genau 40 jährigen Karriere. Zusammen mit Iron Maiden & Judas Priest gehören sie zu den Gründervätern des modernen Metal schlechthin. Ein vorsichtig mißtrauischer Blick gen Himmel  zeigt, daß sich vor die spärliche Sonne eine dunkle Wolke schiebt, aus der allerdings nur wenige Tropfen fallen. Saxon spielen 75 Minuten & alle sind begeistert, Sänger Peter „Biff“ Byford hat die Menge sicher & sehr routiniert im Griff, eine tolle Eröffnung, ein rundherum gelungenes Konzert, so kann´s gerne weiter gehen. Da ich gegenwärtig eine Knieverletzung auskuriere, kann ich nicht endlos stehen – ich werde bald merken, daß ich viel länger stehen kann als befürchtet – & so geht´s zwecks Flüssigkeitsaufnahme in den EMP Bereich. Flüssigkeitsaufnahme heißt hier: Bier. Sonst nichts, es sei denn, mal einen Cocktail, & Cola gibt´s natürlich auch. Wein gibt es nicht, es herrscht  im erweiterten Bühnenbereich auch Glasflaschen & Dosenverbot.
Eine meiner großen Überraschungen dieses Festivals spielt am frühen Abend, es sind WHITESNAKE die Band von Ex Deep Purple Sänger David Coverdale, die mit einer unglaublich geschlossenen, swingenden, spielfreudigen & energetischen Show Neues & Altbekanntes spielen, daß es eine wahre Freude ist, zuzuhören. Natürlich ist das mainstream, es hat mit Metal so wirklich nichts zu tun, sondern ist lockerer Hardrock zwischen Blues & späten 70ern, aber es ist dermaßen aus einem Guß, wie man es auch bei sehr guten Bands selten zu hören bekommt, ganz großes Ohrenkino, Chapeau für eine sehr besondere Leistung, die dazu noch mit beeindruckender Selbstverständlichkeit rüber kommt.
Dann warten alle, aber auch wirklich alle, auf IRON MAIDEN, dieses Jahr ganz klar Headliner, & das schon am ersten Abend. Es ist mir mittlerweile gelungen, wegen meines Knies auf das Podest für die Menschen mit Handycap zu gelangen, was mir eine erhöhte unverstellte Sicht auf die Bühne ermöglicht, sowie eine gelegentliche Sitzmöglichkeit. IRON MAIDEN werden auf der benachbarten True Stage spielen, Luftlinie vielleicht 200 Meter entfernt, also für Wackener Verhältnisse ganz nah dran. Die Band spielt natürlich ihre Klassiker, aber auch Neues vom aktuellen Album The Book of Souls. MAIDEN spielen 2 Stunden, die mittlerweile gestochen scharf abbildenden riesigen Großbildschirme erlauben das gleichzeitige Anschauen der Gesamtsicht auf die Bühne, wie auch der einzelnen Musiker, verschiedene Perspektiven auf der Bühne & davor, sowie Blicke hinter den Schlagzeuger. Es ist dies ein absolut grandioses Konzert, ganz sicher eines der besten, die ich je gesehen habe, welches Tränen der Begeisterung in die Augen treibt & zeigt, daß diese Band aus Sechzigjährigen eigentlich allen Jungen zeigt, wo der metallene Hammer immer noch hängt. Eine außergewöhnliche Spielfreude & eine auch unter physischen Gesichtspunkten extrem anspruchsvolle Bühnenshow sind immer noch maßstabsetzend. Wie kaum eine andere Band zeigen MAIDEN, wie man es schafft, nach einem Takt sofort erkennbar zu bleiben & gleichwohl kreativ stets Neues zu schaffen. Das ist außergewöhnlich & dementsprechend begeisternd. Wenn die riesigen Lichtfinger über das Publikum scheinen, sieht die unzählbare Menschenmenge endlos aus, es dürften weit mehr als die genehmigten & offiziellen 75 000 gewesen sein. Der erste Tag hat eindeutig den alten Herren, den Ahnen gehört, & die haben bewiesen, daß mit ihnen nicht nur weiterhin zu rechnen ist, sondern daß sie sich ruhig zurücklehnen können. Bands kommen & gehen, sie bleiben. Moden wechseln, sie sind immer noch da. & sie sind keineswegs untätig, abgeschlafft oder müde, SAXON haben das gerade mit ihrer neuen Scheibe Battering Ram, MAIDEN mit The Book of Souls unmißverständlich klargestellt.
Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen Besucher, die alleine gekommen sind, ansonsten bestimmen Gruppen jeder Größe das Bild. Die Nachbarn laden mich zu einem Bier ein, wir sitzen unter deren Vorzelt, lassen den Tag Revue passieren, es gibt Würstchen vom Grill, der Regen prasselt auf die Plane, es ist wärmer geworden, dementsprechend nahezu tropisch die Nachtluft, feucht & drückend. Ich bin froh, nicht in ein klammes Zelt steigen zu müssen, sondern die Bustür hinter mir zu schließen & mich auf meinem Feldbett auszustrecken.

Der zweite Tag:

Dieser Tag beginnt trübe & verhangen, es regnet leicht, ich fange an, meine Wanderstiefel von der dicken, mittlerweile fast trockenen Schlammschicht zu befreien & beschließe, ab heute ausschließlich in Gummistiefeln unterwegs zu sein. Auf meinem Wunschzettel für heute steht zuerst einmal DER WEG EINER FREIHEIT, eine relativ junge deutsche Neo Black Metal Band aus Würzburg, die Mittags auf einer der beiden Bühnen im riesigen Konzertzelt spielt. Vielleicht 1500 Menschen sind gekommen, um die Band zu sehen, es ist um 12.00 Uhr Mittags ja auch noch verdammt früh. DWEF spielen einen  Neo BM, wie er von englischen Bands wie Winterfylleth oder Wodensthrone geboten wird, also eine Art Wall of Sound , die auf den Hörer stürzt & nach einiger Zeit Melodien freigibt, Strukturen erkennbar werden läß & die Grundlage für das Geschrei des Sängers liefert, dazu ein wuchtiges Schlagzeug. Diese Bands verzichten völlig auf den Satanistenzirkus der Vorgängergeneration, sie sehen Sparkassenangestellten ähnlicher als Rockmusikern & beziehen verstärkt neofolkloristische, meditative & leise Arpeggiopassagen in ihre Klänge ein. Da sich die Themen der englischen Bands in starkem Maße um Geschichte & Heimat drehen, wird von einschlägiger Anti-istenseite wiedermal der Vorwurf erhoben, diese Bands seien „rechts“ & hätten Bezüge zu NSBM – Bands (National Socialist Black Metal, eine ideologisierte Spielart, die einen sehr kleinen Teil der Szene ausmacht & vorwiegend in Ostdeutschland, Osteuropa sowie Skandinavien vorkommt). Man kann diese Albernheiten nicht mehr hören, die Versuche der allgemeinen Gedanken- & Gesinnungskontrolle dringen bis in die Tiefen selbst abseitiger Musik vor, stets auf der Suche nach Selbstbestätigung & der Erschaffung einer neuen Form „entarteter Kunst“. Diese Arroganz & Selbstgerechtigkeit, stets verbunden mit dem Verlust jedweder Relativierung des Tatsächlichen, kotzt mich an & deswegen lasse ich´s an dieser Stelle auch dabei bewenden.  DWEF jedenfalls boten in den 45 Minuten ihrer Spielzeit ein hochenergetisches dichtes & sehr hypnotisches Set, mit erstklassigem Sound, toller Lichtregie, eine Art megalautes Gebet, getragen & zusammengehalten vom erstklassigen Schlagzeuger & seinen 32tel Bassdrumattacken, immer wieder unterbrochen von leisen ruhigen, folkig anmutenden Arpeggien, eine Musik voller Hingabe & tiefer Trostlosigkeit, die gleichwohl eine erhabene Melancholie ausstrahlte. Wunderbar. Die Zuschauer verließen das Zelt, nachdem die Band gebührend gefeiert wurde, seltsam still & in sich gekehrt.
Mein nächstes Vorhaben für heute lautet ENTOMBED AD, also mache ich mich durch den ständig tiefer werdenden Schlamm auf den Weg zur Black Stage. Im Bühnenareal haben sich mittlerweile kleine Schlammseen gebildet, in denen sich das Wasser sammelt & mit dem bereits vorhandenen Schlamm eine mehr oder weniger zähe Brühe erzeugt. Es gibt einige Zeitgenossen, die laut platschend diese Seen durchqueren, andere werfen sich gleich ganz hinein. Von den Bühnen fliegen in den Umbaupausen riesige Luftballons ins wartende Volk, ein hier allseits beliebtes Spielgerät, welches erst dann richtig Spaß macht, wenn die Ballons in die Matschseen gefallen sind & der anhaftende Schlamm sich übers Publikum verteilt. Die Sonne scheint, es ist windig, eigentlich ideal zu Trocknen, die unzähligen Füße tragen jedoch dazu bei, daß sich der Schlamm eher vermehrt. Es ist, wie es ist, also besser, sich dem hinzugeben, als es zu beklagen, das Leben hier wird dann eindeutig leichter. ENTOMBED AD gehören zu den Urgesteinen der schwedischen Death Metal Szene, die sehr groß ist & eine Vielzahl bedeutender Bands hervorgebracht hat & immer noch hervorbringt. Die Herren sind bestens gelaunt, der Growler, Lars – Göran Petrov,  tobt über die Bühne & hat ganz offensichtlich großen Spaß an dem, was die Band tut & wie sie vom Publikum gefeiert wird. Der Sound ist fett, tief, breit & knallig, die Growls fräsen sich zwischen die Ohren & alles zusammen ins Herz. Eine großartige Vorstellung, sehr emotional, auf eine völlig andere Art genauso berührend wie DWEF vorhin im Zelt. Der Tag fängt sehr gut an, & er ist noch lang.

Wacken - Entombed AD
Wacken – Entombed AD

Nach ENTOMBED AD spielt auf der Nachbarbühne, der True Stage, AXEL RUDI PELL, ein deutscher Gitarrist, der bereits seit gefühlten 5 Generationen unterwegs ist & mit einer beeindruckenden Band, aus der besonders Trommler Bobby Rondinelli mit seinem herrlich swingenden, altmodisch lockeren Spiel herausragt, erscheint. Die Musik, konventioneller Hardrock mit 70er Jahre – Ausrichtung, weiß zu überzeugen, allerdings fehlt es der Truppe auf die Länge betrachtet dann doch an songschreiberischer Kompetenz. Das Herr Pell sein Spiel eindeutig von Ritchie Blackmore gelernt hat bzw. von diesem stark beeinfluß wurde, ist unüberhörbar, bereits der Opener klingt doch ein wenig zu sehr nach Deep Purple´s Burn, verhindert jedoch eine genuine Originalität – allerdings ist dies alles Gemecker auf hohem Niveau, wie es zumeist entsteht, wenn Musiker über andere Musiker schreiben. Der Unterschied zu den phantastischen WHITESNAKE gestern Abend bleibt allerdings jederzeit hörbar. Danach gibt´s im EMP Bereich ein Bierchen, & anschließend im Bus eine längere Pause.
Offensichtlich gibt es Besucher, denen es genügt, sich mit ihrer kleinen oder größeren Reisegruppe auf dem Campingplatz aufzuhalten, sich von mitgebrachten, kühlschrankgroßen Boxen bis tief in die Nacht wunschgemäß beschallen zu lassen & sich über die Anfangs noch mannshoch gestapelten Bierpaletten herzumachen. Das Ganze wird von Kampfgrillen begleitet & bei einigen wenigen auch vom Anhäufen einer Halde aus leeren Bierdosen & anderen Abfällen. Konzerte scheinen bei diesen Leuten ganz offensichtlich sehr weit hinten auf der persönlichen Prioritätenliste zu stehen, es scheint vielmehr um so eine Art gezielter Zivilisationsflucht zu gehen, der man sich mit großem Eifer hingibt.
Des Abends stehen BLIND GUARDIAN auf dem Programm. Zuvor gilt es allerdings noch, die für mich ärgerlichste Erscheinung dieser Tage zu ertragen, nämlich TARJA. Das muß man sich vom Ergebnis her so vorstellen, als versuche Helene Fischer, Punk zu singen. Gedacht ist es als symphonischer Metal, bei dem das Klanggewand der Band der ex  –Nightwish – Sängerin deren opernhaften Sopran in Szene setzen soll. Das klingt nach dem neuen James Bond Song, nach Las Vegas oder Broadway, aber keinesfalls nach Metal oder anderer harter Musik, auch wenn entsprechende Riffs zwischendurch durchaus mal zu hören sind. Das ist so dermaßen antiseptisch & klinisch rein, daß nur ausgesprochene Nightwish Fans daran Spaß haben können, allerdings gibt es von denen eine ganze Menge. Die affektierte, über alle Maße verlogen & falsch wirkende Sängerin, die ständig den Blick in die auf sie gerichtete Kamera sucht & sich übertrieben schleimig für den Beifall bedankt, wirkt dermaßen aufgesetzt & unsympathisch, daß ich mich über jede weitere Nummer ärgere. Irgendwann hat allerdings auch das ein wohlverdientes Ende gefunden & bald geht der Vorhang auf für BLIND GUARDIAN. Die Krefelder sind eine überaus beliebte Band, was ich teilweise durchaus nachvollziehen kann. Sie spielen einen epischen, stark dynamisch orientierten Hardrock mit Elementen modernen Metals & fantasybetonten Inhalten. Das könnte durchaus sehr ansprechend sein, wenn sie nicht einen Trommler hätten, der mit seiner penetranten gleichförmigen Dauerfeuerspielweise & einem viel zu obertonreichen Sound einem Drumcomputer näher kommt als einem Schlagzeuger aus Fleisch & Blut. Ärgerlich. Kurz vor Schluß des Konzerts gehe ich, stampfe durch den Matsch zurück zum Campingplatz & bin froh, daß ich dort weitgehend meine Ruhe habe. Die noch folgenden Testament spare ich mir, weil ich sie auf dem Elb – Riot in Hamburg sehen werde. Von deren Drummer Gene Hoglan könnte der BlLIND GUARDIAN – Kollege allerdings eine Menge lernen. Zum Beispiel, wie man selbst bei Thrash – Metal überaus abwechslungsreich & nuanciert spielen, & dem Double Bass Spiel wunderbare unterschiedliche, zum Song passende Figuren hinzufügen kann.

Der dritte Tag:

Der Morgen beginnt mit einem heftigen Gewitterschauer, der dem Gelände endgültig den Rest gibt. Danach scheint wieder die Sonne, als wolle sie sich für die erlittenen Unbillen entschuldigen. Musikalisch beginnt der Tag mit den von mir mit Ungeduld erwarteten BORKNAGAR, einer Post Black Metal Band aus Norwegen, die wunderschöne mystisch – erhabene, von der weiten kargen Landschaft, dem rauhen Wetter & dem eigenen Black Metal Hintergrund getragene kleine Opern spielt. Davor allerdings gibt´s eine wirkliche Überraschung, die mir bislang gänzlich unbekannten SYMPHONY X, eine Progressivmetal Band aus New Jersey, die in etwa so klingen wie Dream Theater ohne Dauergefrickel. Gleichwohl zeigen sie in ihren Stücken, wozu sie handwerklich in der Lage sind. Wie bei nahezu allen US – Bands geschieht dies mit einer traumwandlerischen Sicherheit, einem leichten lockeren Swing in der Musik, mühelosen dreistimmigen Gesangssätzen & einer souveränen  Performance. Das ist in hohem Maße begeisternd & es gibt eine  überaus verdiente Zugabe. Inzwischen scheint weiterhin die Sonne, es ist warm & windig, am Matsch ändert dies nichts. Immerhin haben sich auf dem unebenen Gelände trockene Inseln gebildet, die aus dem tiefen Matsch & den zahlreichen Flüssigmatschseen herausragen & naturgemäß dicht bevölkert sind.
Für BORKNAGAR läuft´s leider längst nicht so gut, die Norweger haben den miesesten Sound, den ich an diesen drei Tagen gehört habe, die klangliche Komplexität der Musik kommt keinesfalls zur Geltung, die Band scheint dies zu spüren, kann jedoch nicht wirklich etwas ausrichten, zu allem Überfluß gibt auch noch der Baßverstärker den Geist auf, wird jedoch umgehend ausgetauscht. Das letzte Stück des Sets, Winter Thrice, klingt dann tatsächlich noch annährend so, wie man es erwarten darf. Sehr sehr schade. Überhaupt ist zum Thema Technik & Logistik Einiges zu sagen. Meine Bewunderung für die Organisation des Festivals wuchs täglich. Von der bestens organisierten Anreise, dem Einteilen der Plätze, über die überall anwesenden Posten, die mit Plan & Funksprechgerät ausgerüstet jede Frage geduldig & freundlich beantworteten, bis zur technischen Infrastruktur der Bühnentechnik, die ein reibungsloses Bespielen der Hauptbühnen mit jeweils nur einer viertel Stunde Pause zuläßt, die wohl auch nur deswegen eingehalten wird, um die stets gleiche Reklame in eigener Sache für Kreuzfahrten, Winter- & Sportevents zu senden – alles ist sehr weitgehend perfekt. Dazu kommt die Bildübertragung auf die riesigen Bildschirme, die nichts mehr mit dem groben Gepixel früherer Zeiten zu tun hat, sondern gestochen scharfe & verwacklungsfreie Bilder aus unterschiedlichsten Perspektiven liefert. Es gibt einen live – Stream auf arte concert, wo das Geschehen mitverfolgt werden kann. Ich glaube, es wäre schön, wenn gelegentlich der technische Aufwand, das dafür erforderliche Maß an Planung & Logistik, sowie die damit verbundenen Kosten bedacht würden, anstatt über zu hohe Eintrittspreise & Kommerz zu jammern. Den reibungslosen Ablauf als  selbstverständlich hinzunehmen, heißt, sich mit dem Anderen abzufinden. Daß dabei natürlich auch Gewinn gemacht wird, gehört dazu. Wacken ist kein Sozialamt.
Als nächstes trieben mich METAL CHURCH mit ihren Nicht Songs in den EMP Bereich. Das was die US Amerikaner da spielten, hat mit meiner Auffassung von Songwriting nichts zu tun, die Aneinanderreihung von klischeehaften Phrasen & eitlem Posing ist für mich keine Musik, die mich auch nur ansatzweise interessiert.
Am späten Nachmittag betraten THERION die Bühne & spielten ein überaus überzeugendes Set, welches sich musikalisch zwischen midtempo Death Metal, stark folkloristisch anmutenden Passagen & durchaus poppigen Arrangements bewegte. Zwei Sängerinnen & ein Sänger boten melodieseelige & sicher vorgetragene Vokalparts, der Rest der Truppe sorgte für ein sehr grooviges hartes Fundament. Die Band, deren Wurzeln bis in den Death – & Black Metal & zu ausgeprägten okkulten Vorstellungen zurückreichen, begeisterte mit einem sehr lebendigen, publikumsnahen & fröhlichen Auftritt. Toll.

Wacken - Triptykon
Wacken – Triptykon

Daß die Vorstellungen von Geschmack, Spaß & Witz stark unterschiedlich sind, bewies sich einmal mehr beim Auftritt von EAT THE TURNBUCKLE im Biergarten. Musikalisch wurde bester Thrash – Metal gespielt, klanglich perfekt ausgesteuert & sauber gespielt, optisch allerdings ging sich die wüste Truppe mit Pizzaschneider, Käseraspel & anderen Dingen, mit denen man sich gegenseitig weh tun kann, im wahrsten Sinne des Wortes ans Leder. Eine kurze Vergewisserung im Netz bestätigte, daß es sich bei den heftig fließenden roten Körpersäften keinesfalls um Theaterblut handelte. Als bekennende Fetischisten & Sadomasochisten gehört die gegenseitige Verstümmelung auf der Bühne offensichtlich zum festen Repertoire der Truppe & hat dieser durchaus auch schon Auftrittsverbote wegen Gewaltverherrlichung eingebracht. Als der Bassist, dem sein Blut über´s Gesicht läuft, dieses in Richtung Publikum spuckt, kotzt ihm vorne am Absperrgitter ein Besucher vor die Füße. Spaß ist eben durchaus relativ.

Mein persönlicher Festivalkalender endete am Abend mit dem Auftritt von TRIPTYKON, natürlich auf der Black Stage. Songschreiber, Sänger & Gitarrist Thomas Gabriel Fischer hat mit den mittlerweile Kultstatus erlangten Bands HELLHAMMER & CELTIC FROST die Geschichte von Black Metal & verwandten Stilen wie kaum ein anderer über die Jahrzehnte mitgeprägt. Die wesentlich jüngere Truppe um ihn, zu der auch die Bassistin Vanja Slajh & der DARK FORTRESS Gitarrist V. Santura gehören, bot einen finsteren, satten & fetten Black Doom, magisch & hypnotisch, teilweise bereichert von der wunderbaren Sängerin Simone Vollenweider, auf der Bühne von großen lodernden Feuerschalen, riesigen H.R. Giger – Grafiken & alchemistischen Zeichen angemessen bebildert. Das ging unter die Haut & erwies sich als würdiger persönlicher Abschluß dieses Festivals.

Schluß:

Am Morgen danach ist der Campingplatz schon ausgedünnt. Es ist erstaunlich, mit welcher asozialen Selbstverständlichkeit diejenigen, die die letzten drei bis vier Tage im Müll verbrachten, diesen auch kommentarlos zurücklassen. Ganze Camps incl. der Zelte, die Stühle & alles mögliche bleiben liegen & werden nicht einmal in die zahllosen ausgeteilten Müllbeutel verpackt. Fassungslosigkeit beim Rest der Besucher. Dieses wohl gerne als Aufbegehren gegen die zivilisatorischen Zwänge, die an diesem Ort für eine Zeit ihre Gültigkeit verlieren sollen, verkaufte Gebahren ist unentschuldbar & sollte, was gottseidank nicht nur meine Meinung, sondern weit überwiegend auch die der Anderen war, angemessen geahndet werden. Aber diese Leute werden sich aufregen, wenn die Preise nächstes Jahr wieder gestiegen sind. Auch ist es diesen Asozialen natürlich vollkommen gleichgültig, daß die Einwohner von Wacken nach dem Festival & selbstverständlich ehrenamtlich, Hektar für Hektar des riesigen Geländes per Hand absammeln, da es sich um landwirtschaftlich genutzte Fläche handelt. Aber wie überall, wo sehr viele Menschen zusammenkommen, trennt sich automatisch – um im Bild zu bleiben – die Spreu vom Weizen.
Was ist nun Wacken, zumindest für mich, was bleibt von diesen vier Tagen. Auf jeden Fall das Naheliegende, tolle Bands, Bekanntes & Unbekanntes, Ersehntes & neu Entdecktes. Unheimlich viele, sehr nette, entspannte Menschen. Eine Atmosphäre, die ziemlich einzigartig sein dürfte, auch wenn sie natürlich ein Ausnahmezustand ist. Es war eine sehr wichtige & nahezu umfassend schöne & positive Erfahrung für mich. An den Schlamm gewöhnt man sich nicht, man lernt, ihn zu ertragen, so wie man in anderen Jahren Staub & Hitze ertragen hat. Vor allem deswegen, weil es alle anderen auch tun. Wacken hat meine lange innere emotionale Beziehung & Vorliebe für diese so ungeheuer vielschichtige Musik, die unter dem Begriff Metal vereinnahmt wird, nochmals massiv vertieft & gefestigt. Es hat mir gezeigt, daß die Emotionen, die diese Musik auslösen kann, von keiner anderen Art von Rock- oder gar Popmusik ausgelöst werden können, Metal ist endgültig neben Jazz & Klassik, & zuweilen durchaus noch vor diesen, integraler Bestandteil meiner musikalisch – emotionalen Existenz geworden. Das Bild, das bis heute immer noch existiert, das Bild eines lauten gräßlichen Krachs von Nichtmusikern, sowie einem verblödeten aggressiven Publikums, welches schon immer eine Erfindung aus Böswilligkeit, ideologischen Scheuklappen, vollkommener Ahnungslosigkeit & bewußter Täuschung gewesen ist, hat zu keinem Zeitpunkt irgend einen Realitätsbezug gehabt. Dafür sind die musikalischen & technischen Anforderungen, die physischen Grundvoraussetzungen & die kompositorische Raffinesse viel zu anspruchsvoll. Aber Mancher will eben nicht hinhören, sondern seine eigenen Vorurteile & die Anderer, daran durchaus Interessierter, pflegen. Das, was der junge Herr Zwinzscher aus seinem weltenfernen Berliner Journalisten – Biotop heraus beklagt, weil er es nicht verstehen kann oder will, den temporären Verzicht auf, bzw. die Einschränkung von dem, was er mit Zivilisation im Allgemeinen, mit Entwicklung & Reife des Menschen beschreibt, ist gewollt. Es wird teils in Kauf genommen, teils forciert. Aber es führt eben nicht – mit sehr sehr wenigen Ausnahmen – zur sozialen & menschlichen Exclusion, sondern zum Gegenteil davon. Das dies etwas meint & ausdrückt, das Herr Z. nicht versteht, zeigt, daß es durchaus sehr berechtigte Zweifel an all den angeblich zivilisatorischen Errungenschaften gibt, die er für andere erst definiert, um sie anschließend für allgemein unverzichtbar zu deklarieren.
Als ich als einer der letzten auf meinem Platz um 12.00 Uhr losfahre, komme ich glatt & ohne Stau durch bis zur Autobahn, alles auch heute geregelt, abgesperrt, ausgeschildert & gesichert. Adieu Wacken & Danke für ein wunderbares Festival. Bis zum nächsten Jahr!

August 18

An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud‘ und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd‘ ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuß
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu!

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Johann Wolfgang von Goethe