Juli 22

Krzysztof & the Rocket Men

musikalische Impressionen . . . 

Kein Veranstaltungsort in Hamburg ist so schön, wie die Open Air Bühne im Stadtpark, wo seit Ewigkeiten im Sommer eine Konzertreihe stattfindet, die Modernes, Angesagtes, aber auch Althergebrachtes zur Aufführung bringt. Weit überwiegend wird Pop & Rock gespielt, Extreme finden nicht statt. Das eingeheckte Rund bietet ca. 4000 Besuchern Platz & ist sehr oft sehr gut besucht. Unter dem Titel Rocklegenden live standen dort an einem lauen sonnigen Frühsommerabend Karat, die Puhdys & City auf der Bühne. Das Publikum war dem entsprechend altersmäßig eher gereift. Vor drei Monaten stand dieses Konzert bereits in Hamburgs größter Arena, der zur Barclay – Card – Arena umgetauften ehemaligen O2 World, auf dem Programm. Wegen der offensichtlich sehr großen Nachfrage nun nochmals im fast ausverkauften Stadtparkrund. Das schöne an Bands aus der ehemaligen DDR ist, daß sie eine Ausbildung haben (mußten). Das erspart dem Zuhörer die Elaborate von Leuten, die zwar hip, aber unfähig sind, die Instrumente, die sie halten, auch bedienen zu können. Ich gestehe gerne: ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan von Karat, ich liebe diese Lieder, diese Band, ihren Pathos, ihre zuweilen grenzwertige Überhöhung, die Klänge ihrer schwelgerischen Keyboards, die lyrischen Texte & den Sänger, seit 2005 Claudius Dreilich, den Sohn des 2004 verstorbenen Herbert Dreilich & diesem ein mehr als würdiger Nachfolger. Ich gebe hier auch gerne zu, daß mich der Schwanenkönig heute noch stets & zuverlässig zu Tränen rührt, so auch an diesem Sonntag, & glücklich, wer sich dann an der Schulter der Liebsten ausheulen darf. Eingangs spielten alle drei Combos zusammen einen Song, dann brachten zuerst Karat ihre bekanntesten Lieder, bisweilen unterstützt von Mitgliedern der anderen Bands, was sich als Konzept des Abends erwies, gefolgt von City, die zumindest ich als die schwächste Band des Abends empfand. Mit ihrem Riesenhit Am Fenster konnte ich nie etwas anfangen, fand mich allerdings mit dieser Meinung ziemlich allein. Zum Schluß spielten die Puhdys, abschließend nochmals alle drei Bands zusammen. Der Sound war außergewöhnlich gut, das Publikum in Feier- & Mitsinglaune, also insgesamt ein gelungener Abend. Da ich mir diese Bands nicht aus alter Heimatverbundenheit oder DDR Nostalgie angesehen habe, ebensowenig wie ich mit den Liedern aufgewachsen, sondern sozusagen erst nach Grenzöffnung auf sie gestoßen bin, ist es mir möglich, das, was ich dort (zum wiederholten) Male gesehen habe, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Diese Musiker, diese Bands wissen, was sie tun, schreiben tolle Songs sehr unterschiedlicher Art & spielen sie mit einer lockeren & souveränen Art & Weise, die ein westlich arrogantes Herabschauen auf die sog. „Zonenbands“ verbietet. Wer sich hier dem Dünkel hingibt, hat, so deutlich bin ich jetzt mal, schlichtweg keine Ahnung.

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Karat / Handyphoto Klaus Scholz

Auf eines ist Verlaß in den letzten Jahren. Im Sommer ist es kalt & regnerisch. Zumindest an Tagen musikalischer Freiluftveranstaltungn. Tendenz: zunehmend. Das Elbjazz – Festival ist nach wenigen fulminanten Jahren im kalendarisch – realen Frühsommer letztlich am Wetter gescheitert. Aber was soll das Geheul, wir ernten, was wir gesät haben. Eines der kleinsten aber renomiertesten, gleichwohl von der medialen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtetsten Festivals ist das Open Jazz, welches, vom Jazz – Büro Hamburg veranstaltet & vom NDR & anderen heftig unterstützt,  alljährlich Anfang Juli bei Planten & Blomen stattfindet. Umsonst & draußen. Samstag & Sonntag jeweils von 15.oo bis 21.00 Uhr treten je fünf Bands auf, zum Abschluß am Sonntag stets die NDR Bigband mit einem speziellen Gast. Der Sound ist durchweg erstklassig, das Dargebotene ebenfalls & obendrein von beachtlicher stilistischer Vielfalt. Hier zeigt sich, was die professionelle Jazzszene in Hamburg zu bieten hat. Das über die Jahre die z.T. immer gleichen Akteure in immer neuen Formationen auftreten, stört dabei nicht. Erstaunlich ist das hohe Niveau auch blutjunger Musiker, ihre Furchtlosigkeit vor dem Experiment & ihre klangliche Neugier.

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Anna – Lena Schnabel
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Björn Lücker
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Florian Weber

In diesem Jahr herausragend waren am Samstag das Anna – Lena Schnabel Quartett & Jacob Karlzon. Erstere wurde unterstützt von den Hamburger Urgesteinen Björn Lücker am Schlagzeug & Giorgi Kiknadze am Kontrabaß, sowie dem Pianisten Florian Weber. Die junge Saxophonistin Schnabel, bereits vielfach ausgezeichnet, spielte mit einem sehr warmen, oft aber auch kantig – brüchigen Ton durchaus Sperriges, die ganze Musik des Quartetts gab sich keinerlei Mühe zur Gefälligkeit, die Interaktionen waren geprägt von einem besonderen Sinn für Dynamik, einer Neigung zum kontrollierten Ausbruch & besonders Pianist Weber gelang es, mit seinem Instrument ein perlendes Netz zu knüpfen, daß das sonstige Geschehen stets sehr klangvoll zusammenhielt. Dabei kamen sowohl ein Toy – Piano, wie auch diverse, auf die Saiten gelegte Gegenstände zum Einsatz & folgerichtig gab es Passagen, die dann auch gelegentlich an John Cage erinnerten. Ein fulminanter Auftritt. Anschließend gab der schwedische Pianist Jacob Karlzon ein Solokonzert. Dies klang naturgemäß ziemlich nordisch, eher der Klangästhetik der ECM – Aufnahmen verpflichtet als den immer gleichen US – Vorbildern, ein Zeichen der schon lange stattfindenden Emanzipation europäischer Musiker von den einst übermächtigen Großen früherer Generationen. Karlzon erwies sich, in weit weniger skurriler Weise als Frau Schnabel zuvor, als Geschichtenerzähler. Mal sehr lyrisch, dann wieder fest zupackend, den Klang des frisch gestimmten wunderbaren Steinway´s umfänglich & gekonnt nutzend, mal melodieselig, mal groß auftrumpfend, in den leisen Passagen mit feinem perlenden Anschlag, andernorts auch wild donnernd, ein Musiker, der aus einem beachtlichen Fundus an Begegnungen mit Natur & Mensch zu schöpfen weiß & daraus Geschichten entwickelt, denen man voll Begeisterung & Hingabe zuhört. Daß er dazu noch mit sehr sympatisch zurückhaltendem Gestus die passenden Ansagen zu formuluieren wußte, verstärkte den rundherum beglückenden Eindruck dieses bemerkenswerten Konzerts.

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Jacob Karlzon

Der Sonntag begann mit der jungen Hamburg / Leibziger Kooperation Rocket Men, einem Quintett aus Schlagzeug, zwei keyboards, Flügelhorn & Saxophon. Hier traten elektronische Geräusche, eingespielte Tondokumente, klagende Bläserlinien & akkurate harte Beats, unterstützt von fetten elektronischen Bässen, eine Art interstellarische Zeitreise an. Elemente aus modernem Funk, Electro, freien Passagen & ruhigen Klangflächen vereinigten sich sehr homogen zu einem spannenden musikalischen Kontext. Das war zu keinem Zeitpunkt langweilig oder gewollt eklektizistisch, sondern im Gegenteil hochspannend, voller klanglicher & musikalischer Überraschungen & mit einem ganz erstaunlichen Sinn für Dramaturgie, Klang & Timing versehen. Hier gab es niemanden, der als Solist herausragte, keinen, der sich in irgendeiner Weise besonders hervortat, dies war eine rundherum gelungene & überaus erfreuliche Ensembleleistung. Chapeau!

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Clara Haberkamp
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Tilo Weber
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Dan Peter Sundland

Danach konnte man einen dieser so überaus seltenen Glücksfälle erleben, in denen sich das musikalische Geschehen mit & durch die Personen auf der Bühne auch auf anderen, außermusikalischen Wegen mitteilt. Das Trio der bezaubernden jungen Pianistin Clara Haberkamp zeigte auf eindrucksvolle Weise, welches künstlerische Potential in der klassischen Besetzung eines Klaviertrios stecken kann, ein Grund dafür, daß es immer noch & fast immer wieder so viele davon gibt, die in der Lage sind, die scheinbar unendlichen Facetten dieser Besetzung stets wieder neu auszuloten. Hin & wieder geschieht dabei Außerordentliches, so auch hier, zwischen zwei Schauern & nicht nur von der Nachmittagssonne erleuchtet. Die Kompositionen der Mittzwanzigerin sind verspielt aber auch auf sehr besondere Weise durchdacht, schräge jede für sich außergewöhnliche musikalische Erzählungen. Ihre elfenhafte, manchmal ein wenig brüchige Stimme singt melodieseelig von Beziehungen, Begegnungen mit anderen Menschen & Reflexionen des Alltäglichen. Schließt man die Augen, hört man ein Klavierspiel, welches in seiner künstlerischen Reife & Abgeklärtheit, sowie der brillianten leichtfüßigen Technik seines Vortrages so überhaupt nicht zu der eher scheuen & zurückhaltenden, zerbrechlich wirkenden jungen Frau zu passen scheint, die hinter dem langen schwarzen Steinway fast ein wenig depalciert wirkt. Unterstrichen wird das sofort greif- & hörbar Exzentrische dieser Musik durch die beiden anderen Mitglieder, Dan Peter Sundland am Elektrobaß & Tilo Weber am Schlagzeug. Beide sehen in ihrem seltsamen, an altmodische britische Collegestudenten erinnerndem Auftreten in Gestus & Bekleidung so auffallend, wie auch gleichzeitig verloren aus, daß dieser Eindruck unweigerlich Einfluß auf die Rezeption des Erlebten gewinnt. Besonders durch die solistischen Ausbrüche Sundlands, einem wahren Virtuosen seines Instruments, der die girlandenhaft wuchernden, sich durch eigentümlich fremd anmutende Harmonien mäandernden Linien des Klaviers konterkarrieren, entsteht der Eindruck einer Musik, die so klingen mag, wie Tolkien sie geschrieben haben könnte, wäre er Musiker gewesen. Diese etwas abseitige Assoziation sei mir an dieser Stelle gestattet. Für mich war dieser Auftritt der Höhepunkt des gesamten Wochenendes.

Seit Jahren gilt, diese Veranstaltung ist ausschließlich mit festem Schuhwerk & regenfester Kleidung zu besuchen. Erstaunlich, die Menschen gehen auch bei kräftigen Schauern nicht nach Hause, sondern suchen, jeder auf seine Weise, Schutz, um danach weiter entspannt das Gebotene zu genießen. Die Organisation ist wie stets vorbildlich, der Zeitplan wird in der Regel minutiös eingehalten. Ein weitgehend versteckter Höhepunkt des musikalischen Jahres in Hamburg. Was bleibt, ist das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, bei allen hier Ungenannten, Unbeschriebenen, den sich als alles andere als das Erwiesenen, z.B. bei dem phantastischen Percussion / Klavier – Duo Alon & Joca, bei dem wunderbaren Kalle Kalima, der mit seinen beiden Partnern Country & Western Musik spielte, wie sie auf dem Raumschiff Enterprise klingen würde, bei Pecco Billo, die es mit Hip Hop Free Funk Jazz schafften, mich Hip Hop Hasser zum begeisterten Klatschen zu animieren & nicht zuletzt bei der NDR Big Band, so gut, daß es fast in Vergessenheit zu geraten droht. Immer wieder: Danke Euch allen für zwei wunderbare Musiktage.

Über die Umstände rund um den Bau der Elbphilharmonie in Hamburg noch viele Worte zu verlieren, ist müßig. Im Januar 2017 soll nun endgültig eröffnet werden, die Programme sind gedruckt, die Karten verkauft & alles ist gut. Oder doch nicht? Jedenfalls hat der Bau nun auch ein eigenes Orchester. Das bisherige NDR – Symphonieorchester nennt sich nun Orchester der Elbphilharmonie. Als solches bespielte es ein zweitägiges Hafen City Open Air, wochenlang intensiv beworben, auf einer kleinen Landzunge hinter dem Kreuzfahrtterminal gegenüber der Hafencity Universität. Man ließ sich nicht lumpen, getreu der Hamburger Devise: klotzen – nicht kleckern, sollten Dvorak´s neunte Symphonie „Aus der neuen Welt“, Glinka´s Ouverture zu Ruslan & Ludmilla, sowie Schostakowitsch´s Cellokonzert Nr.1 mit Sol Gabetta als Solistin aufgeführt werden. Dirigieren würde der Erste Gastdirigent des Orchesters, Krzysztof Urbanski. Die Preise waren moderat & entsprachen denen in der Musikhalle. Die Organisation war hervorragend, die Bühne groß & bunt beleuchtet, das Personal hilfsbereit & freundlich, das gastronomische Angebot angemessen, selbst Toilettenwagen standen in ausreichender Anzahl zur Verfügung. Auch wurden Regencapes ausgegeben. Wir besuchten das Konzert am Samstag, einen Tag zuvor hatte es bei Sturm & Starkregen fast einen Abbruch gegeben. Heute sollte es trocken bleiben, allerdings drohte der Himmel, den Vorhersagen keinesfalls Folge leisten zu wollen.

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Elbphilharmonie Orchester mit Sol Gabette / Handyphoto Heidrun Scholz

Akustisch ist es ganz sicherlich problematisch, ein klassisches Orchester mit vielen Mikrophonen, digitalen Mischpulten, riesigen Verstärkern & passenden Lautsprechern zu übertragen, der Klang bleibt naturgemäß auf der Strecke. So auch hier. Positiv hervorzuheben ist allerdings, daß sich die erfahrenen NDR – Tonleute nicht in die Falle gehobener Lautstärke locken ließen & sich sehr große Mühe gaben, die klangliche Vielfalt abzubilden, was ihnen auch erstaunlich gut gelang. Allerdings blieb der natürliche Holzklang in den Verästelungen der Technik hängen, das Ganze klang ein wenig hart, manchmal auch leicht dumpf & ein wenig künstlich. Allerdings ist dies Meckerei auf sehr hohem Niveau & sicherlich meinen Musikerohren geschuldet. Für die Umstände war´s erstaunlich gut & weit besser, als von mir erwartet. Der Abend wurde von Julia Westlake überaus freundlich, warm & erfrischend kurz moderiert. Der außergewöhnliche Urbanski, heute schon einer der zukünftig Großen seines Gewerbes, gab sich redlich Mühe, dem einsetzenden leichten Regen zu trotzen, das Publikum nahm´s ebenfalls gelassen. Die Glinka – Ouvertüre kam schmissig & akkurat daher, mit sichtlicher Spielfreude vorgetragen, was für das gesamte Konzert gelten konnte. Warum allerdings das erste Cellokonzert von Schostakowitsch & nicht das wesentlich lebendigere, abwechslungsreichere zweite gegeben wurde, bleibt unerfindlich, vielleicht empfanden die Programmgestalter das zweite als zu schwierig & sperrig, zu modern, um es einem Freiluftpublikum vorsetzen zu können. Schade, Chance vertan. Die zierliche kleine Sol Gabetta gab sich redlich Mühe, ihr Temperament dem Stück entgegenzuzügeln, aber auch sie konnte die endlose & leider auch wenig spannende Kadenz des dritten Satzes nicht retten. Gabetta, eine traumwandlerisch sichere Weltklassecellistin & eine Technikerin mit Hang zur oft etwas antiseptisch wirkenden Perfektion, scheute diesmal kein Risiko, & so gab´s im abschließenden vierten Satz zusätzlich zu ihrem ohnehin warmen & erdigen Klang überaus erfreuliche kleine Knarzer & Nebentöne, was zumindest ich stets als sehr angenehm empfinde, weil die Interpreten in diesen Momenten aus dem sicheren Netz ihrer technischen Perfektion heraustreten & das Risiko eines expressiven Spiels & befreiten Klanges eingehen. In diesen Momenten wich das ausgeklügelte intellektuell – musikalische Konzept einer unbändigen Spielfreude. Großartig.

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Elbphilharmonie Orchester mit Sol Gabetta /Handyphoto Heidrun Scholz

Die neunte Dvoraks Symphonie kann man sicherlich auf vielfältige Weise interpretieren. Urbanski entschied sich für eine gemäßigt „moderne“ Sichtweise, d.h. er verzichtete auf überbordenden romantisch – kitschigen Melos, auf unnötige Rubati & führte das Orchester rhythmisch exakt & straff, gleichzeitig jedoch sehr dynamisch & insgesamt ungeheuer klangsensibel durch die Partitur. Auch dies eine tolle Leistung. Als Dank für den tosenden Beifall gab´s noch einen slawischen Tanz gleicher Herkunft als Zugabe, & damit ging ein bestens organisierter, musikalisch überaus überzeugender Abend vor außergewöhnlicher Kulisse zuende, bei dem nicht mal der Regen wirklich störte.

Juli 20

Schwur des 20. Juli

„Wir glauben an die Zukunft der Deutschen.

Wir wissen im Deutschen die Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen.

Wir bekennen uns im Geist & in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer & christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf.

Wir wollen eine neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht & ihnen Recht & Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge & fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge.

Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahebleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück & sein Genüge findet & in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides & der Mißgunst überwindet.

Wir wollen Führende, die aus allen Schichten des Volkes wachsend, verbunden den göttlichen Mächten, durch großen Sinn, Zucht & Opfer den anderen vorangehen.

Wir verbinden uns zu einer untrennbaren Gemeinschaft, die durch Haltung & Tat der Neuen Ordnung dient & künftigen Führern die Kämpfer bildet, derer sie bedürfen.

Wir geloben: untadelig zu leben – gewissenhaft zu dienen – unverbrüchlich zu schweigen – &  füreinander einzustehen.“

Claus Schenk Graf von Stauffenberg & die Widerstandsgruppe des 20. Juli

Juli 4

Gehaßt verdammt vergöttert

Frankfurter Wahlverwandtschaften . . . 

 

Erinnert ihr euch wie es war
Es ging ganz schnell
Auf einmal war‘ n wir da
Wir sind Gesandte des Himmels
Gottes rechte Hand
Und seine Stimme

Wir sind nicht von dieser Welt
Wir sind Dein Wille
Und tun, was uns gefällt

Wir sind heilige Dämonen
Wir sind Götter
Aus anderen Dimensionen

Wir feiern uns solange es uns gibt
Auch wenn nicht jeder Arsch uns liebt
Gepriesen sei der Name dieser Band
Betet zu Gott, daß ihr uns kennt

Manchmal ist es ganz schön hart
Doch jede eurer Lügen macht uns stark
Na, Du kleiner Scheißer hör‘ mir zu
Hier sind die Onkelz
Wer bist Du?

Gehaßt, verdammt, vergöttert
Wir war‘ n nie‘ n Kirchenchor
Wir war‘ n wirklich keine Engel
Doch jetzt sind wir kurz davor
Wir ham‘  ’nen guten Draht nach oben
Wir sind Gottes rechte Hand
Wir sind ein himmlisches Vergnügen
Das Licht in Dein‘ m Verstand

Gehaßt, Verdammt, Vergöttert / Böhse Onkelz

 

Dieser Beitrag ist eine grundlegende Bearbeitung & umfangreiche Erweiterung eines Artikels, der an dieser Stelle am 19. April unter dem Titel Nichts ist für die Ewigkeit erschienen ist & diesen nun ersetzt.

Es scheint, als ergäben sich im Leben zwangsläufig Irrtümer & Mißverständnisse, die auszuräumen den meisten Menschen ziemlich schwer fällt. Wer gibt schon gerne zu, sich geirrt zu haben. Ich kann mich gut erinnern, schon früh von einer Postkarte fasziniert gewesen zu sein, auf der ein junger Mann in einem offenen Auto saß. Der Aufdruck der Karte lautete: Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Es ist dies ein Zitat von Francis Picabia, kubanisch – französischer Maler, Schriftsteller & Avantgardist. Ein weiteres lautet: Jede Überzeugung ist eine Krankheit. Der Mann auf der Postkarte war offensichtlich Picabia selbst. Spätestens in dem Moment wurden mir zwei Dinge klar: Überzeugungen sollten wohlbegründet sein. Sie sind auch nicht zwingend verdächtig, dürfen jedoch hinterfragt werden. Und: das Wechseln der Meinung ist – so es begründet erscheint – durchaus legitim. Jahrzehnte später schrieben Tocotronic ihren Song Im Zweifel für den Zweifel. Wahrscheinlich hat sich Dirk von Lotzow auch an diese Postkarte erinnert.

Den meisten Menschen begründet das Wechseln einer Meinung den Verdacht, man habe keine. Schade, denn so einfach ist es zumeist nicht. Das Wechseln der Meinung setzt eine Beschäftigung mit einer Sache voraus, ihm liegt i.d.R. die Notwendigkeit oder die Erkenntnis zugrunde, sich neuen Erfahrungen oder veränderten Bedingungen nicht verschließen zu können. Selbstverständlich hat dies nicht das Geringste mit Opportunismus zu tun. Es scheint eher, die Menschen fürchten, sich als meinungs- oder standpunktlos bloßzustellen, andere verlieren möglicherweise gar ihren Halt, wenn sie von einmal gefaßten Standpunkten lassen. Als ehemaliger Linker weiß ich, daß das Abgleichen der eigenen Überzeugungen mit den Anforderungen, die die Wirklichkeit an den Menschen stellt, schwer erträglich sein kann & deswegen oft unterbleibt. Falls nicht, dann droht soziale, auf jeden Fall jedoch ideologische Ausgrenzung, was allerdings für gewöhnlich das Selbe ist. Sarah Wagenknecht könnte viel darüber erzählen. Zu den absolut unumstößlichen Wahrheiten von sich als Links Bezeichnenden gehört die Überzeugung, bei den Böhsen Onkelz handelt es sich um eine sog. Rechtsrockband, die zwar schon öfters behauptet hat, sie sei nicht „rechts“ , der jedoch keinesfalls zu glauben sei. Ich weiß, wovon ich rede, mir ging´s genauso. Nachhaltig verwirrt wurde ich durch einen Kollegen, mit dem mich ein Seminar besuchte, & der mir bei einem längeren Spaziergang erzählte, er sei ein großer Onkelz – Fan. Dieser Kollege war ein überzeugter Linker, & ich fragte ihn, was denn an einer „rechten“ Band wie den Onkelz für ihn so interessant sei. Er antwortete, daß die Onkelz keinesfalls „rechts“ seien, es in ihrer Anfangszeit allerdings tatsächlich mal gewesen sind, aber das sei lange her & sie hätten sich tausendfach davon distanziert, Konzerte gegen „Rechts“ gespielt, entsprechende Initiativen & Stiftungen entweder unterstützt oder gleich selbst gegründet & was weiß ich nicht alles getan, dieses Image abzustreifen. Die Onkelz, so mein Kollege, seien eine Ausnahmeband, sie seien etwas sehr besonderes & deswegen einzigartig. Da ich diesen Kollegen sehr schätzte, viel es mir schwer, seine Rede abzutun. Angelegentlich, so sagte ich mir, werde ich mich mal schlau machen. Das war vor mittlerweile vielen Jahren. Meine tatsächliche Kenntnis der Onkelz bestand zu dem Zeitpunkt lediglich aus der Benennung eines Feindbildes, ich hatte wenige Takte nebenher irgendwo wahrgenommen & beiseite gepackt als Prollrock, langweilig & uninteressant.

Erneut auf das Thema aufmerksam wurde ich, als ich im Jahre 2014 las, die Böhsen Onkelz hätten sich wiedervereinigt (ich wußte nicht mal, daß sie sich getrennt hatten) & hätten zwei Reunion – Konzerte am Hockenheimring gegeben, zu denen insgesamt 200 000 Menschen gekommen waren. 200 000 Menschen ? Ich war fassungslos, es war mir völlig unbegreiflich, wie das möglich sein könnte, das war eine Größenordnung, die für jede andere deutsche Band ins Reich der Träume gehört. Selbst für Rammstein oder Helene Fischer. Es scheint ein Phänomen zu sein, das die Onkelz von den Kellerclubs & Jugendtreffs im Frankfurter Westend Anfang der 80er Jahre auf die größte Bühne geführt hat, die in Deutschland – & möglicherweise weltweit – je für eine Band aufgebaut wurde; sie stand im Sommer 2015 am Hockenheimring.

Frankfurt am Main
Frankfurt am Main

Der Weg der BO kann im allgemeinen als annährend so anstößig wie bekannt vorausgesetzt werden, deshalb hier nur ein kurzes Schlaglicht: 1980 als Punkband in Frankfurt / Main gegründet, 1981 – 1986 innerhalb der rechten Skinhead Szene aktiv, incl. Indizierung des ersten Albums, massive Gewalterfahrungen in der Punk-, Skin- & Hooliganszene. Umbenennung von Böhse Onkels in Böhse Onkelz, Ausstieg aus der Skinhead Szene, Abkehr & Distanzierung von rechtsradikalem Gedankengut. 1992 – 1997, Charterfolge & stetig wachsende Popularität stehen in tiefem Gegensatz zu fortwährenden Verdächtigungen, Unterstellungen & Kampagnen gegen die Band, sowie einem nahezu flächendeckenden medialen Bann, der den rasch wachsenden Erfolg jedoch eher noch zu beflügeln scheint. Der Imagewechsel wird als unglaubwürdig dargestellt, die zahlreichen Maßnahmen & Handlungen der Onkelz, ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern, werden ignoriert. Saturn, Media Markt & andere nehmen Onkelz – Platten aus dem Sortiment. 1997 – 2004, wiederholte Nummer 1 Platzierungen, Echo Nominierungen, Konflikt mit dem Sender MTV, stetig weiter wachsende Anhängerschar & entsprechende Umsätze. Die Onkelz sind dabei, die beliebteste & bekannteste Rockband in Deutschland zu werden. 2004 – 2005, Abschied vom aktiven Musikgeschäft, das letzte Konzert findet an zwei Tagen auf der Euro – Speedwaybahn in der Lausitz vor jeweils 120 000 Menschen statt. 2014, die Onkelz geben am Hockenheimring an wiederum zwei Tagen ein Reunion Konzert vor insgesamt 200 000 Menschen, ein Jahr später eine Wiederholung am gleichen Ort an vier Tagen vor insgesamt knapp 400 000 Menschen, im Herbst 2016 erscheint ein neues Album & die Band geht auf die erste Hallentournee seit 2004 durch Deutschland, die Schweiz & Österreich, diese ist nach wenigen Tagen ausverkauft. Wer´s biographisch wesentlich umfangreicher haben möchte, der kann auf der BO – Netzseite die Rubrik Timeline anklicken & bekommt dort einen sehr ausführlichen historischen Abriß. Außerdem gibt´s zwei Bücher über die Band. Zwei Pretiosen am Rande, stellvertretend für viele andere: In der ZDF Sendung Unsere Besten – Musikstars aller Zeiten belegten die Onkelz 2005 den ersten Platz in der Zuschauerabstimmung, was das ZDF nicht zulassen mochte, & laut einem (unwidersprochenen) Bericht des Berliner Tagesspiegel aus dem Jahr 2014 mit Wissen des heutigen ZDF Intendanten Thomas Bellut die Abstimmungsergebnisse manipulierte & die Onkelz auf Platz 25 abschob. Bereits im Jahre 2002 sendete der Musikvideosender MTV eine in den Interviews & Stellungnahmen der Band nachträglich verfälschte Sendung über die BO, woraufhin diese nicht nur eine Ladung alter TV – Geräte vor der Zentrale des Senders abkippte, sondern auch die Single Keine Amnesty für MTV veröffentlichte, die Platz 2 der Charts erreichte.

Wer versucht, sich dem Phänomen der Onkelz zu nähern, muß verschiedene, durchaus widersprüchliche Aspekte beleuchten. Die BO spielen eine Musik, die aus Versatzstücken von Punk, Hardcore, Rock ´n Roll & Metal besteht. Ihre harte, durchaus wütende Musik ist gleichwohl merkwürdig eingängig, sie besitzt griffige riffs & hooklines, die nach dem ersten Hören bereits hängenbleiben, & sie singen Texte mit einem offensichtlich sehr hohen Identifikationspotential. Dieses oft Hymnenhafte wird geliebt & verstanden, es wird als Ausdruck & Beschreibung eigener Befindlichkeit antizipiert. Wer das geringschätzt, hat nicht verstanden, daß dies eine hohe Kunst ist, die, soll sie lebensecht herüberkommen, von eigenen Erfahrungen geprägt sein muß. Die BO verfügen über diese Erfahrungen. Sie sind sozusagen die Dichter für die kleinen & großen Sorgen & Schmerzen des Lebens. Sie schwafeln nicht daher, sie bringen die Dinge auf den Punkt, machen Mut auch noch dann, wenn´s weh tut. In der ARD – Dokumentation Böhse Onkelz – Gute Onkelz aus dem Jahre 1998, die erstaunlich fair, offen & vorurteilsfrei ist, kommen unterschiedlichste Menschen unterschiedlichster Herkunft zu Wort, deren Aussagen dennoch eins gemein ist: Die BO waren irgendwann in ihrem Leben einmal Hilfe, Stab & Stütze, ein Licht in schweren Zeiten sozusagen. Dieses Gefühl, da ist jemand, der das benennt, was mit mir los ist, der meine Gefühle zu kennen scheint, der sie versteht & musikalisch auszudrücken weiß, verbindet, zumeist lebenslang. Die Onkelz gelten deshalb als ehrlich, als zugewandt, ein Sprachrohr für die Sprachlosen (Stephan Weidner) & scheinbar als einer von uns. Sie haben also genau das, was sie von nahezu allen anderen Bands unterscheidet: ein unerschütterliches Maß an Glaubwürdigkeit für sehr sehr viele Menschen unterschiedlichster Art. Diese Musik / Text Verbindungen sind Hymnen des Trotzes, vertonte Jetzterstrecht – Botschaften, oder aber, wie Michael Pilz in einem sehr lesenswerten Artikel in der WELT vom 16.6.2014 schrieb, sentimental, sektiererisch & selbstherrlich. Bündisch & nibelheimelig (was für ein wunderbares Wort) findet Pilz das Verhältnis zwischen der Band & ihrem Publikum, stellt weihevolles Märtyrergehabe & Deutschlands größte Wagenburg fest. Auch das ist durchaus zutreffend, & ein Protest Stephan Weidner´s bezüglich der üblichen Lügen & Verdrehungen der Presse, ginge an dieser Stelle fehl, denn wer dies als Beschreibung & nicht als Urteil verstehen kann, muß zustimmen. In der Tat sollte das Fan – Sein nicht so weit gehen, sich kritiklos hinzugeben, aber vielleicht bin ich auch bloß in der durchaus privilegierten Lage, mir auch den Dingen gegenüber, die ich liebe, einen gewissen Abstand zu bewahren & diesen Abstand auch zu mir selbst aufweisen zu können. Ich habe allerdings viel Verständnis für Menschen, denen dies aus jeder Menge nachvollziehbarer Gründe nicht möglich ist.

Kunstsammlung Städle, Frankfurt am Main
Kunstsammlung Städle, Frankfurt am Main

Die BO bestehen seit ihren Anfängen aus Stephan Weidner (Baß, Gesang, Texte, Musik), Matthias „Gonzo“ Röhr (Gitarre, Musik), Peter „Pe“ Schorowsky (Schlagzeug) & Kevin Russell (Gesang). Weidner ist eindeutig das Gehirn der BO, ihr Sprachrohr in (den wenigen) Interviews, er macht sämtliche Ansagen auf der Bühne, produziert & hält auch die geschäftlichen Fäden in der Hand. Wenn Weidner das Gehirn ist, dann ist Gonzo das Herz. Seine markanten Riffs sind das musikalische Aushängeschild, er ist der, der aus drei Akkorden emotionale Hymnen formen kann & hat das Wissen um die passenden Harmonieabfolgen & die entsprechenden Wechsel. Seine Soli sind ausdifferenziert, eindeutig vom Rock´n Roll geprägt & er ist in der Lage, jedem Text das richtige Gewand zu verpassen. Ein wirklich toller Gitarrist. Pe spielt zuverlässig, mit unbestechlichem Timing & weitgehend unauffällig. Russell ist die Stimme, was in diesem Falle bedeutet, er gibt dem Gesamtklang der Onkelz seine sehr besondere, mal wütende, mal durchaus flexible Ausdrucks- & Emotionsnote. Insgesamt spielt die Combo sehr dicht zusammen, mit einem hohen Gespür für das Gesamtgefüge, was bei den ungezählten Auftritten kein Wunder mehr sein kann. Mit den Jahren zeigt sich bei Russels Stimme allerdings deutlich der Tribut, der an die jahrzehntelange schwere Alkohol- & Drogensucht zu zahlen ist. Dafür wirkt er auf dem Mitschnitt der Hockenheim – Konzerte 2015 in bislang unbekanntem Maße lebendig, fröhlich & lebenszugewandt. Von außen betrachtet, scheint er endlich clean zu sein. Die Drogentherapie nach dem von ihm verursachten schrecklichen Unfall am Sylvesterabend des Jahres 2009, sowie der daraus resultierende Gefängnisaufenthalt, von dem Russell sagte, er habe ihm das Leben gerettet, scheinen erfolgreich gewesen zu sein. Der Unfall wurde von den Medien mit einer ekelhaften Mischung aus Hohn, Spott, Häme, Sensationsgier & dem Wunsch nach Heimzahlung geprägten Berichterstattung  weitlich vermarktet. Aufnahmen des Hessischen Rundfunks vom Prozeß zeigen einen schwer kranken Menschen am Rande der geistigen Zurechnungsfähigkeit. Sieht man beim Reunion Konzert 2014 einen noch deutlich verunsicherten, eher introvertierten Menschen, freut sich ein Jahr später offensichtlich jemand über seine Rückkehr ins Leben, auch wenn die stimmlichen Einbußen unüberhörbar sind.

Der immer wieder rekapitulierte Vorwurf an die BO, zumindest verdeckt rechtsradikal zu sein, ist mit den Jahren der Behauptung gewichen, eine deutliche Distanzierung habe nicht stattgefunden & die Band leiste „rechtem“ Gedankengut Vorschub. Das ist schlicht Wirklichkeitsverleugnung, die deutliche Interviewaussagen, die Handlungen der Band selbst, deren Texte sowie Maßnahmen der von ihr beauftragten Security bei Konzerten schlicht ignoriert & sich immer noch – nach nunmehr über 30 Jahren – an der nie bestrittenen Zugehörigkeit zur „rechten“ Skin – Szene in Frankfurt aufhängt. Vielleicht hätten die Onkelz es so machen sollen, wie es andere Bands tun, wenn es um ihre zweifelhafte Vergangenheit geht: leugnen, herumlavieren, relativieren & untertänigst Abbitte leisten. Das haben die Onkelz nie getan & zu ihrer Vergangenheit genauso gestanden wie zu ihrer Weiterentwicklung. Fangen wir mit dem stets auf´s Neue zitierten Lied Türken raus (1981) an. Dies wurde noch zu Punk – Zeiten verfaßt & entstand aufgrund ständiger Übergriffe durch türkische Straßengangs auf Punks & viele andere in Frankfurt. Die Indizierung der ersten Platte der Band, sowie deren spätere Beschlagnahme, richtete sich vor allem gegen das Lied Der nette Mann (1984), indem sado – pädophile Mordphantasien beschrieben werden, in dessen Refrain es jedoch heißt: „Ich bin der nette Mann von nebenan / und jeder könnt‘ es sein / Schaut mich an, schaut mich an, / Ich bin das perverse Schwein.“ In späteren Jahren erschien mit Nekrophil  (1990) erneut ein Stein des Anstoßes, doch auch hier relativiert der Refrain das zuvor Gesagte: „Bin ich Mensch / Oder bin ich Tier / Oder bin ich nur so wie du ?“ Nun ist es ein offenes Geheimnis, daß Ironie des Deutschen Sache nicht zwingend ist. In Bomberpilot aus dem Jahre 1987 heißt es: „Zehntausend Meter  schneller als der Schall / schaue ich meinen Bomben nach und warte auf den Knall / Verwüsten und zerstören ist alles, was ich kann / und seh ich was, das mir gefällt, fang‘ ich zu bomben an / Ich bin Bomberpilot, ich bringe euch den Tod.“ Das reichte aus, der Band Kriegsverherrlichung zu unterstellen, & das scheint in der Tat ein sehr deutsches Phänomen zu sein.  Deswegen, & in aller unmißverständlichen Deutlichkeit, heißt es in Deutschland im Herbst (1993, hier mal in voller Länge), entstanden nach den Übergriffen & Krawallen in Rostock – Lichtenhagen, sowie unter dem Eindruck der Anschläge von Solingen & Mölln:
„Ich sehe alle gegen alle, jeder gegen jeden.
Keine Achtung vor sich selbst, keine Achtung vor dem Leben.
Ich sehe blinden Haß, blinde Wut, feige Morde, Kinderblut.
Ich sehe braune Scheiße töten, ich sehe Dich:
Deutschland im Herbst.
Ich höre weiße Geräusche, rassenreine Lieder.
Ich höre hirnlose Parolen, von Idioten und Verlierern.
Ich höre die Lügen der Regierung, die Lüge Eures Lebens.
Ich höre die Lügen über uns, ich höre Dich:
Deutschland im Herbst.“

Kunsthalle Schirn, Frankfurt am Main
Kunsthalle Schirn, Frankfurt am Main

Beschäftigt man sich mit den Liedern der BO, so kann man sie, finde ich, in drei Kategorien unterteilen. Sauf- & Partylieder, Hass- & Wutlieder sowie Erbauungs- & Selbstvergewisserungslieder. Hier interessieren lediglich die letzten beiden Kategorien, auch wenn sich die erste beim geneigten Publikum nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. Zu den bekanntesten Vertretern der zweiten Kategorie dürften Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben (1996) & Keine Amnestie für MTV (2002) zählen. Beide haben einen konkreten Hintergrund. In der Einleitung des Ersteren schickt Stephan Weidner Grüße nach Düsseldorf & Berlin. Gemeint sind die Toten Hosen & die Ärzte, deren Mitglied Farin Urlaub in einem Interview gesagt hatte, „ . . . zwischen den Platten von Störkraft (Neonazi – Band; Anm. d. Verf.) & den Onkelz steht eine Kuschelriock LP.“ In einer Live Ansage dieses Liedes sagt Weidner: „. . . Wie kommen so´n paar Kommerzpunks dazu, den Onkelz ans Bein zu pissen, da müssen sie sich schon ´n bischen wärmer anziehen, & wenn´se Ärger haben wollen, dann könn´s´n haben!“ Talkshowliebling Campino hatte zuvor in launiger TV Runde erklärt, die Texte der Onkelz seien Landserheftchenlyrik, sich mehrfach dahingehend ausgelassen, die Onkelz seien eine „rechte“ Band & in Konzerten der Toten Hosen Leute mit Onkelz – Shirts entfernen lassen. Ähnliches war aus dem Munde der Ärzte auch zu hören gewesen. Dazu heißt es bei den BO: „Ich dachte erst noch: Leckt mich. / Doch ihr habt es übertrieben / Ihr habt zuviel geredet und beschissenen Lieder geschrieben / Wer nicht hören will, muß fühlen. Ihr habt zu lange provoziert / Zuviel Scheiße erzählt, und nichts kapiert.“ Im Refrain heißt es dann weiter: „Opium fürs Volk, Scheiße für die Massen / Ja, ihr habt es geschafft, ich beginne euch zu hassen / Wenn ich so etwas sage ist es nicht gelogen / Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Meine Meinung zu Campino & den Toten Hosen habe ich auf diesen Seiten bereits deutlich ausgedrückt, so kann ich nun gerne erneut aus dem o.g. WELT – Artikel von Michael Pilz zitieren, in welchem er zu seiner sehr persönlichen Geschichte mit den Onkelz schreibt: „Ich wollte mich nicht von einem Bürgersöhnchen wie Campino von den Toten Hosen anschreien lassen, der in der Proletenpoesie der Böhsen Onkelz selbst nichts anderes als „Landserheftchenlyrik“ lesen konnte.“

Beim zweiten Beispiel, Keine Amnestie für MTV, geschrieben nach den weiter oben genannten Vorfällen heißt es: „Die Industrie und ihre Helfer verkaufen Euch für Dumm / Sie servieren und Ihr rührt die Scheiße um / Ich brauch sie nicht und ich hab sie nie gebraucht / Ich scheiße auf MTV und auf die anderen Sender auch! “ MTV hatte zu der Zeit nicht nur eine Monopolstellung was die Vermarktung von Musikvideo Clips anging, sondern sendete auch Interview- & Konzertformate, sowie die ungeheuer erfolgreich Reihe MTV Unplugged, in der weltweit bekannte Bands „unverstärkt“ Konzerte gaben. Der Sender lobte auch die MTV Music Awards aus, neben den Grammies eine Zeit lang die wichtigste Trophäe im internationalen Musikgeschäft. Er war somit  eine der einflußreichsten Instanzen im Musikgeschäft weltweit. Im Refrain heißt es weiter: „Ich und meine Brüder ham‘ das Kriegsbeil ausgegraben / Wir können es uns leisten Euch als Feinde zu haben / Feige und bestechlich und für das was sie sagen nicht bereit / Die Konsequenzen zu tragen / Deshalb keine Amnestie für MTV“ . Zu der an dieser Stelle behandelten Rubrik gehört ganz sicher auch das weiter oben zitierte Deutschland im Herbst, mit dem die Onkelz endgültig den immer noch so gerne kolportierten Vorwürfen gegen sie entgegen traten.

Eine Art Scharnierfunktion zwischen den oben benannten Liedkategorien der Onkelz nehmen Songs wie z.B. Dunkler Ort  (2000) ein, in dem eine finstere hoffnungslose Welt beschrieben wird, in der der Einzelne unbedeutend geworden ist. „Die Tage ziehen vorbei / Wir scheißen und fressen / Unsre Zimmer sind Särge / Geld hilft uns zu vergessen / Wir leben unbedeutende Leben / Und bewirken nichts / Dich verschluckt das Vergessen / Und niemand erinnert sich an dich“. Das dies jedoch an der Wahrnehmung des Einzelnen, der Einstellung des Betroffenen zur Welt & den Mitmenschen liegen kann, benennt der Refrain: „Dies ist ein dunkler Ort / Weil du ihn dazu machst / Dies ist ein dunkler Ort / Und du hast ihn erdacht.“ Damit wären wir beim eigentlichen Thema der Onkelz angekommen. Stephan Weidner sagte in einem Interview, daß die Lieder, die anderen Menschen Mut machen & ihnen zeigen, daß sie mit ihren Erfahrungen & Gefühlen nicht alleine sind, immer zuerst auch Lieder der Selbstvergewisserung für uns gewesen seien. Er meint damit, man habe sich nach den jahrzehntelangen Angriffen & Anfeindungen quasi selbst Mut machen müssen. Dies dürfte Anfangs richtig gewesen sein, besonders vor dem sozialen Hintergrund der Band & den gewalttätigen Konflikten in den ersten Jahren. In späteren Zeiten allerdings dürfte dann eher zutreffen, daß die Onkelz mit dem subproletarischen Pathos ihrer Lieder ungeheuer erfolgreich geworden waren. Das führte dazu, daß einerseits Deutschlands größte Wagenburg immer größer wurde, aber daß sie gerade wegen des gewaltigen Erfolgs der Band auch immer schwerer einzunehmen war. Sieht man sich nur die offiziell veröffentlichten Livemitschnitte an, den frühesten aus Wien im Jahre 1992, dann ist das Publikum fast ausschließlich männlich & tatsächlich dem Ansehen nach eher dem Subproletariat zuzurechnen. Schaut man spätere Konzerte, zuletzt die beiden Hockenheim Veröffentlichungen, ist ein Großteil der Anwesenden in einem Alter, in dem vor der Bühne tatsächlich Neffen & Nichten, wenn nicht gar die Kinder der Onkelz herumtoben, der große Anteil weiblicher Fans auch nicht geringer als bei anderen Großkonzerten. Die Sozialstruktur ist mittlerweile ein Querschnitt durch die Bevölkerung. Die Onkelz sind im Publikums – Mainstream angekommen, sie sind mehrheitsfähig geworden. Das hört man. Einige Songs werden eine Terz tiefer gespielt, um den stimmlichen Einbußen Russells entgegenzukommen, die Tempi werden gemächlicher, man ist ja auch kein junger Hüpfer mehr. Die Inszenierungen sind, dem Anlaß angemessen, gigantisch. Was die Darbietungen allerdings bis heute nicht sind: herz- & lieblos heruntergenudelt. Eher scheint es, die Band ist sich ihrer mittlerweile fast unheimlich anmutenden  Größe bewußt & muß sich & anderen nichts mehr beweisen. Insofern ist es ein wenig unfair, wenn im SPIEGEL zu lesen war, in Hockenheim wäre Altherrendeutschrock zu hören gewesen. Vom Einsatz eines ganzen Symphonieorchesters allerdings waren auch nicht alle wirklich begeistert. Kommen wir zum Thema Erbauungs- & Selbstvergewisserungslieder zurück, einem Genre, das, wenn´s die Onkelz auch nicht erfunden, so doch zu unübertrefflicher Perfektion entwickelt haben.

In Die Firma (2002) heißt es: „Wir sind die Faust in deinem Nacken / Die Wut in deinem Bauch / Wir geben dir das / Was du längst verloren glaubst / Tu was du willst heißt das Gesetz / Bleib ganz ruhig und niemand wird verletzt.“ Der Text beschreibt recht anschaulich das Gefühl von Wut aus einem unreflektierten Zustand heraus, nicht klarzukommen in & mit der Welt, zur Gewalttätigkeit zu neigen & sich mies zu fühlen. Das geht auch anders, sagen die Onkelz, weswegen sie im Refrain fortfahren: „Die härteste Firma in der Stadt / Hat euch etwas mitgebracht / Ein dämonisches Gebet / Für die, die keiner zähmt.“ Will sagen, vertraut uns, wir verstehen Euch, Ihr seid, das ist der Subtext, so, wie wir – bzw. so, wie wir einmal gewesen sind. An dieser Stelle wird deutlich, was Stephan Weidner meint, wenn er vom Sprachrohr für die Sprachlosen spricht. In Finde die Wahrheit (1995) heißt es: „Finde die Wahrheit, hab keine Angst. / Finde die Wahrheit, solange Du noch kannst. / Denn die Wege sind lang, und selbst der Tod ist nicht ihr Ende./ Wach endlich auf, reich mir die Hände – werde Legende.“ Neben der Botschaft, daß Veränderung & Erkenntnis immer Sache des Einzelnen ist, wird auch hier wieder die Brückenfunktion der Lieder zwischen Band & Publikum geradezu beschworen. Es hat seinen Grund, daß bei den sog. letzten Worten beim Abschiedskonzert der Onkelz in der Lausitz sich 120 000 Menschen ohne vorherige Absprache in einer spontanen Geste in den Staub knieten. Das mag man blasphemisch, albern, dumm oder lächerlich finden, in diesem Falle allerdings eine unangemessen arrogante Einstellung, denn man hätte in der Tat nichts verstanden. Auf jeden Fall ist dies ein überaus emotionaler & ganz & gar erstaunlicher Moment, dem zu entziehen sich auch nach mittlerweile 12 Jahren schwer fällt. Er ist in der Geschichte der populären Musik einmalig. Wie kein anderer verdeutlicht er die Bindung zwischen Band & Publikum, oder, wie das Motto des 2015er Hockenheim – Konzertes lautete: Böhse für´s Leben.

Frankfurt am Main
Frankfurt am Main

Bei aller Ernsthaftigkeit & kompromißlosen Konsequenz, mit der die BO ihre Sache vorantreiben,  ist ein ums andere Mal auch Platz für Selbstironie, wie in der Eingangs zitierten Onkelz – Hymne Gehaßt, verdammt, vergöttert. & es gibt durchaus Momente, in denen ihnen ganz offensichtlich klar wird, daß es Grenzen gibt, die gezogen werden müssen, weil sie nicht erkannt werden, Grenzen einer Überidentifikation, die ihnen selbst unheimlich zu sein scheint. Anders sind Lieder wie das beliebte Nichts ist für die Ewigkeit kaum erklärlich. Die im folgenden Text enthaltenen Anspielungen dürften nach dem bisher hier Gelesenen verständlich sein.

„Glaubst Du alles, was ich sage, glaubst Du, Du weißt, wer ich bin?
Stellst Du niemals Fragen, warum wir wurden, wie wir sind?
Die Ironie, mit der wir spielen, die Ihr so schwer versteht,
der Schatten im Verstand, der in jedem von uns lebt.

Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt, wie es war,
nur vier Jungs aus Frankfurt sind schon lange, lange da.
Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts besseres verdient.
Habt Ihr noch nicht erkannt, warum es Böhse Onkelz gibt?

Glaubst Du, das ich Kinder töten kann, glaubst Du, ich bin nekrophil?
Denkst Du, daß ich nur besoffen bin, wie es ist, erfährst Du nie.
Fragen über Fragen, es ist nicht leicht, uns zu verstehen.
Denken kann nichts schaden. Vielleicht kannst Du die Wahrheit sehn.“

Wahrheit ist ein in den Texten der Onkelz sehr häufig benutzter Begriff. Ihn angemessen zu verstehen, bedeutet, Stephan Weidner in Interviews zu erleben. Man sieht einen überaus verschlossen bis abweisend reagierenden, dabei sehr wachen & intelligenten Menschen, der mit großem Ernst redet, nichts zuläßt, was mißverständlich interpretiert werden könnte & dessen Blick & Körpersprache von tiefem Mißtrauen geprägt sind. Seine Sätze sind kurz & völlig frei von Redseligkeit. Man sieht einen Menschen, der genau weiß, was er will, aber zu oft erlebt hat, was er nicht wollte. Dieses Mißtrauen ist selbst dann spürbar, wenn er mit sehr zugeneigten Journalisten z.B. vom Rock Hard Magazin spricht. Was man nicht sieht, ist Arroganz.

Versteht man unter dem Begriff  Wahrheit im sachlichen, wortbedeutlichen Begriff die Übereinstimmung von etwas mit der Wirklichkeit, wird es im philosophischen Sinn weit komplizierter, weil schon die Frage nach der Wirklichkeit ungeklärt bleiben wird, genau wie demzufolge dann auch die nach der Wahrheit. Nietzsche äußert sich in Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne  (1873) dazu wie folgt: „Jetzt wird nämlich das fixiert, was von nun an „Wahrheit“ sein soll, das heißt, es wird eine gleichmäßig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden, und die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge.“ Wird die Wahrheit dadurch zu einer beliebigen semantischen Variablen ? Nicht ganz, da sie auf der individuellen Erfahrung & deren Möglichkeit, sich inhaltlich, individuell & emotional zu äußern, beruht. Im Sinne Weidners, so würde ich vermuten, gilt dies in einem übergeordneten Sinne als Versuch, die eigene Geschichte & deren Erfahrungen mit denen des Publikums in Übereinstimmung zu bringen.

Warum haben die Onkelz sich überhaupt aufgelöst – es gibt viele Geschichtchen, Vermutungen, Verdächtigungen, es gibt eine Stellungnahme der Onkelz selbst, die inhaltlich nichts aussagt. Die eine Geschichte besagt, Weidner habe keine Lust mehr gehabt, habe im Alleingang beschlossen, die Onkelz aufzulösen & sei darüber mit Gonzo in Streit geraten. Die andere Geschichte besagt, durch die schwere Drogensucht von Kevin Russell habe die Band keine professionelle Zukunft mehr gesehen. Beweise für die eine oder andere Version gibt’s keine, Hinweise auf beide allerdings schon, nicht zuletzt durch Interviews, in denen die Richtigkeit beider Geschichten irgendwie eingeräumt wird. Alles andere ist Spekulation.

Da meine Begeisterung für die BO teilweise auf ein gewisses Unverständnis stieß, abschließend einige Worte dazu. Auch mich traf das Liedgut der Band zu einem Zeitpunkt großer Umbrüche, persönlicher Umorientierungen & einiger schmerzlicher Abschiede in meinem Leben. Also genau zu einem Zeitpunkt, in welchem die Wahrnehmung für etwas, das einem einerseits Verständnis & Teilnahme, andererseits Bestärkung verheißt, besonders ausgeprägt ist. Ich habe die Berührung durch Musik, Texte  oder Kunst im Allgemeinen, wenn sie als tief & intensiv empfunden wird, einmal als dem Setzen einer Akkupunkturnadel nicht unähnlich beschrieben. Bestimmte Nervenbahnen werden gereizt, ein subkutanes Netz geknüpft & es tritt Linderung ein. So war´s auch mit den Onkelz, oder mit ihren eigenen Worten aus dem Lied Onkelz 2000 aus dem gleichen Jahr: „Alles schwer zu ertragen / Doch rufst du unseren Namen / Zeigen wir den Weg  / Der deinen Namen trägt.“

& deshalb: Vaya con Tioz !

Juli 4

Nacht

Ich habe meine Kerze ausgelöscht;
Zum offenen Fenster strömt die Nacht herein,
Umarmt mich sanft und läßt mich ihren Freund
Und ihren Bruder sein.

Wir beide sind am selben Heimweh krank;
Wir senden ahnungsvolle Träume aus
Und reden flüsternd von der alten Zeit
In unsres Vaters Haus.

Hermann Hesse