Juni 16

Studie in Rot

. . . melancholische Reminiszenzen . . . 

„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den Spanischen Wänden gleichen, hinter denen man nur Kranke und Tote erwartet.“

Caspar David Friedrich

 

„Auf geheimem Waldespfade
Schleich ich gern im Abendschein
An das öde Schilfgestade,
Mädchen, und gedenke dein!

Wenn sich dann der Busch verdüstert,
Rauscht das Rohr geheimnisvoll,
Und es klaget, und es flüstert,
Daß ich weinen, weinen soll.

Und ich mein, ich höre wehen
Leise deiner Stimme Klang
Und im Weiher untergehen
Deinen lieblichen Gesang.“

Nikolaus Lenau, Schilflied III

 

Die Melancholie hat schon bessere Tage gesehen. Es gab Zeiten, in denen das Verständnis für das Melancholische & die damit verbundenen Zustände von Weltschmerz & Einsamkeit, Verlust & Nachdenklichkeit weit ausgeprägter waren als heutzutage. Die Romantiker lebten in dem Wissen um eine melancholische Grundstimmung, einem Empfinden, in dem das Schöne & Gute zwar das Ideal, dessen Bedrohung allerdings eine beständige Herausforderung darstellte, deren Bestehen als eigentliche Prüfung des Lebens angesehen wurde. Verlaß war lediglich auf das eigene Empfinden, vielleicht noch auf das der engen Freunde, Gleichgestimmter in der Regel, zu unverstanden sah man sich bereits damals dem modernen Weltenfluß ausgesetzt, dem zu entkommen so zu einer Frage des persönlichen seelischen Überlebens werden mußte. Heutzutage würden viele Romantiker als depressiv Erkrankte angesehen werden, ein Zeichen für das Abhandenkommen einer dezidiert willentlichen Gestimmtheit, deren Ableitung aus einem besonderen Natur-, Lebens- & Kunstverständnis den Menschen unserer Epoche nicht vorstellbar erscheint, da sie lernen mußten, daß die Rationalität das einzige grundlegende Werkzeug zum Weltverständnis zu sein hat. Dies gleicht einem emotionalen Imperativ, dessen Ziel die Auslöschung all jener Vorstellungen werden könnte, die dem materialistischen, & somit letztlich komsumistischen Welt- & Lebensverständnis entgegenstehen. Oder um es im romantischen Sinne eher künstlerisch auszudrücken:  Pure Vernunft darf niemals siegen ! wie Tocotronic einst sangen.

Um zu verstehen, was dieses den heutigen Menschen eher fremd & oft wohl auch lächerlich erscheinende Empfinden ausmacht, ist es hilfreich, sich Bilder von Caspar David Friedrich anzuschauen oder die Schilflieder von Nikolaus Lenau zu lesen. Sehen wir, falls überhaupt, Menschen auf den Bildern Friedrichs, dann nur als Einzelpersonen in oder vor übermächtiger Landschaft, & diese erscheint in der Regel nicht als authentisch reproduzierte Wirklichkeit, sondern als imaginierte Gestimmtheit, als eine emotionale Schicht hinter dem Gesehenen. In ihr wirkt der Mensch klein & unbedeutend (Der Mönch am Meer), als verloren & voneinander abgewandt (Herbstabend am See) oder als allegorisches Symbol (Lebensstufen). Das bekannteste Bild von Friedrich, der Wanderer über dem Nebelmeer, zeigt zwar in zentraler Position einen Menschen, allerdings von hinten. Der Blick fällt auf die unermeßlich scheinende Weite des der Figur Sichtbaren. Somit nehmen wir als Betrachter eigentlich dessen Standort ein & fühlen uns dieser Weite ausgesetzt & somit auf unsere tatsächliche Größe in diesem unendlichen Raum reduziert. In den Schilfliedern Lenau´s gleichen die Beschreibungen der Natur der Darstellung innerer Zustände, die äußere Welt wird übersetzt in eine innerliche Befindlichkeit. Diese wird bestimmt durch den Liebesverlust, die Wahrnehmung der Umgebung erfolgt also von innen nach außen & nicht andersherum. Das bedeutet, daß die Weltsicht der Romantiker selten von Freude & Frohsinn bestimmt ist, sondern ständig von Verlust, Schmerz & Tod bedroht wird. Erstaunlicherweise führt dies jedoch nicht zu Verbitterung & Abkehr, sondern wird vielmehr als Erfüllung & wahrer Weltensinn verstanden. In diesem Sinne ist selbst noch Thomas Mann´s Tod in Venedig eine eher romantische Novelle. So ist die Melancholie also sehr viel mehr, als es ihre Trivialisierung als Depression vermuten läßt.

Rothenburg ob der Tauber / Schäferkirche
Rothenburg ob der Tauber / Schäferkirche

Mein Vater war ein eher schweigsamer Mann, der viel las & dachte aber wenig sagte. Als ich ein kleiner Junge war, hatten wir kein Auto, mein Vater schien sich auch nicht sonderlich dafür zu interessieren, er hatte seit dem Krieg nicht mehr hinter einem Lenkrad gesessen, & so dachte ich, würden wir wohl die einzige Familie in der Straße bleiben, die kein Auto hatte. Auch wenn er nie über  Autos sprach, sah ich doch, wie er bisweilen halb verstohlen einem bestimmten Mercedes – Modell nachschaute, einem 220er, dessen angedeutete Heckflossen mit einem Chromstreifen versehen waren. So ein Auto war sehr teuer, es stand völlig außer Frage, daß mein Vater jemals eins kaufen konnte. An einem heißen Sommertag in den Schulferien kam Vater früher von der Arbeit nach Hause, klingelte, legte seine braune Aktentasche auf das Garderobenschränkchen im Flur & ging schweigend ins Wohnzimmer. Dort saß er auf seinem Sessel, ein kleiner Mann mit pomadisiertem fast schwarzem Haar, einer dicken Hornbrille & einem kurzärmeligen karierten Hemd, aus dessen Brusttasche ein Kamm hervorschaute, & schwieg. Das war selbst für meinen wortkargen Vater ungewöhnlich, & so gingen meine Mutter & ich zögernd ebenfalls ins Wohnzimmer, es mußte irgendetwas Ungewöhnliches vorgefallen sein. Als wir uns gesetzt hatten, meine Mutter, wie immer in Erwartung schlimmer Nachrichten auf die Sofakante, ich auf einen kleinen Beistellsessel, sah uns Vater eine Weile abwechselnd an & sagte dann, er müsse uns etwas zeigen. Dann stand er wieder auf, meinte, wir müßten schon mitkommen & schob meine zögerliche Mutter am Ellenbogen aus der Wohnung. Direkt vor der Tür stand ein schwarzer 220er mit verchromten Heckflossen, den ich ungläubig anstarrte. Meine Mutter verstand gar nichts, sah meinen Vater an, der langsam einen Schlüssel aus der Hosentasche zog & die Beifahrertür des Mercedes aufschloß. Während meine Mutter fassungslos neben dem Auto stand & mit großen Augen, beide Hände vor dem Mund, auf die schwarz glänzende Karosse starrte, spürte ich, wie mein Herz bis zum Hals schlug. Das Auto hatte rote Ledersitze & ein großes schwarzes Bakelitlenkrad. Vater sagte, wir würden dieses Jahr nicht in Urlaub fahren können, es wäre nun allerdings viel bequemer, Ausflüge in die nähere Umgebung zu unternehmen. Den Wagen hätte er von einem Kollegen gekauft, der ihn sehr günstig abgegeben habe, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fahren wollte. Meine immer noch fassungslose Mutter setzte sich vorsichtig auf den Beifahrersitz, so als hätte sie Angst, ihn zu beschädigen. Mein Vater aber stellte sich neben mich, legte seinen Arm um meine Schulter & sagte, nachdem wir beide das Auto eine Weile schweigend angesehen hatten: „Was sollte ich mit einem VW oder Opel anfangen; wenn Gott Auto fahren würde, er hätte einen 220er … & ausländische Autos sind doch einfach lächerlich.“

Rothenburg ob der Tauber / Klingentor
Rothenburg ob der Tauber / Klingentor

Dies ist eine schöne Geschichte & ich hätte sie gerne erlebt. Leider hatten wir nie ein Auto & Vater saß nach dem Krieg auch nie wieder hinter einem Lenkrad. Es ist deswegen eine Geschichte über meinen Vater & keinesfalls über Autos. Ich habe meinen Vater erst Jahrzehnte nach seinem Tod kennen- & wahrscheinlich auch erst lieben gelernt. Dies geschah innerhalb einer Psychoanalyse & das Ergebnis, mein Verhältnis zu meinem Vater, ist seitdem eine überaus melancholische Angelegenheit, weil sie von Verlust, Schmerz, Sehnsucht & Dankbarkeit erfüllt ist. Es erscheint nunmehr auch nicht weiter verwunderlich, daß sich überraschend viele Komponisten der populären Musik intensiv mit ihren eigenen Vater / Sohn Beziehungen auseinandergesetzt haben. Noch weniger verwunderlich ist die Melancholie, die diese sehr persönlichen Stücke zumeist durchzieht.

An einem Freitag im Juni fahre ich in die Musikhalle, um dort einen Mann zu treffen, der wie kaum ein anderer ein Meister des Songwriting ist, dazu ein unübertrefflich kongenialer Interpret des Eigenen. Daß er mit der  Anlage & Intensität seiner Stücke auch ein Meister der Melancholie ist, erscheint naheliegend. Selten hat mich Musik derart berührt, selten so zuverlässig Tränen in die Augen getrieben.

Sogenannte Singer / Songwriter haben grad Konjunktur. Kein Club, keine Bar in der Stadt, in der nicht andauernd Menschen, vorwiegend Männer, die das, was sie Songs nennen, mit Mitteln, die sie als Gesang verstanden wissen wollen, zum Vortrage bringen. Hipster mit Basecap  & Vollbart muten dort ihren überwiegend begeisterten Zuhörern Alltagsgeschichtchen zwischen Larmoyanz & Zeitgeist zu, die noch belangloser sind, als die maximal 3 Akkorde, mit denen sie sich dazu auf der Gitarre begleiten. Das Verständnis dafür, wie drei Akkorde eine Welt sein können, ist ihnen allerdings fremd. & da das zugeneigte Publikum in der Regel mit wenig zufrieden ist & pubertäres altkluges Gejammer für den Ausdruck emotionaler Empathie hält, haben S / S eben gerade Konjunktur. Oder: jedes Publikum bekommt den Mist, den es sich redlich verdient hat.

Rothenburg ob der Tauber / Hotel Reichsküchenmeister
Rothenburg ob der Tauber / Hotel Reichsküchenmeister

Die Bühne ist in dunkelrotes gedämpftes Licht getaucht, das sich auf der gewölbten Holzverkleidung der Bühnenrückwand in feinen Nuancierungen bricht. Seitens der Bühne türmt sich eine drastisch zu groß geratene PA, aber Verleiher wollen eben auch leben. Rechts stehen ein Flügel & eine Gitarre, auf der linken Seite ein nord – Keyboard. Der Saal ist voll, nur sehr wenige Plätze bleiben leer. Das Publikum ist von seltener Mischung in Alter & Erscheinung. Daß keine Hipster zu sehen sind, stimmt fröhlich. Kurz nach Acht geht’s los. Schon das Erscheinen der zwei Männer auf der Bühne bewirkt stehende Ovationen. Der eine steht an der Bühnenkante, dunkles Hemd, Jeans, kurz rasiertes Haar, was der Halbglatze einen jugendlichen Ausdruck verleiht, Dreitagebart,stämmige kräftige brust- & hüftbetonte Figur. Der andere hält sich im Hintergrund, auch er in Jeans, hellem Hemd, Glatze, Vollbart, Gatsby – Kappe & modische breitgestellige Brille. Das Licht verharrt in seinem changierenden dunklen Rot, ein wenig aufgehellt nun durch weiße & gelbe Bodenstrahler. Der Jubel nimmt kein Ende, der Mann am Bühnenrand  legt seine rechte Hand auf die linke Brusthälfte, lacht ein wenig & verbeugt sich. Dann gehen beide an ihre Instrumente. Erwartungsgemäß ist es für diese Musik zu laut, der Mixer braucht einen Augenblick, bis er den Sound etwas transparenter bekommt. Ghost Train, danach Strangers in a Car, die Songs klingen anders als auf der so wunderbaren ersten Platte von Marc Cohn, sie sind reduziert auf die Stimme, das Klavier & auf das, was der wunderbare Glenn Patscha an Hammond Sounds aus seinem nord herausholt. Gibt es ein großartigeres Instrument als eine Hammond Orgel, die wie kein anderes Instrument allein durch die klanglichen Möglichkeiten Stimmungen erzeugen & verschwinden lassen kann, die mal traurig, mal fröhlich klingt, zurückhaltend, drohend, fordernd tänzerisch & dann wieder verhangen tränenreich, leidend & schmachtend. Patscha nutzt vorwiegend die klanglichen Paletten, die man aus der Country – & Gospelmusik kennt, zuweilen durch Phaser oder andere Effekte verfeinert, ergänzt, webt er hochemotionale Akkorde & Melodiefragmente in die gebrochenen Akkorde des Klaviers, unterlegt Cohn´s Stimme mit den passenden Tönen & beide sind sich der Wirkung dessen, was sie dort tun, sehr gewiß. Sie sind eine Einheit, spielen offenbar schon endlos miteinander, selten sind Blicke erforderlich, sich zu verständigen. Zu Hause werde ich Patscha googeln & feststellen, daß er mit den Größen der amerikanischen populären Musik gespielt hat, ein Mann von 46 Jahren, jünger aussehend & der fast 57 – Jährige am Klavier, der weiß, daß er sich darauf verlassen kann, daß der Jüngere am Keyboard für den letzten melancholischen Schliff sorgt, der den Songs ihre zeitlose Größe, ihre unbestechliche Emotionalität & ihre musikalische Nachhaltigkeit verleiht. Cohn ist kein Virtuose am Klavier, & da er das weiß, beschränkt er sich eben auf Akkorde, meist synkopiert & mit wenigen Arpeggien verbunden, tonal gebrochen & rhythmisch eher den erzählenden Vortrag unterstützend. Sie setzen die passenden Akzente, mal weich & sanft, mal percussiv & hart, alles stets nah am Bruch. Zusammen mit seiner älter, rauher & in den Höhen leiser gewordenen Stimme ergeben sich daraus die Geschichten, die Cohn erzählt, die Melodien & die Worte schälen sich aus diesen Akkordfolgen heraus, das Brüchige, Verlorene bestimmt nahezu alle seiner Songs. Zum Beispiel in der Geschichte vom silbernen Thunderbird, mit dem der Vater eines Tages nach Hause kommt & dem Sohn erzählt, es könne für ihn kein anderes Auto geben, denn Gott, wenn er eines hätte, wäre es ein Thunderbird, & das ausländische Autos einfach absurd sind. Eine dieser zahlreichen Vater / Sohn Geschichten, die Cohn erzählt, über sich & seinen Vater, über den er viel spricht an diesem Abend. Das Licht ist immer noch vorwiegend dunkelrot, & Cohn erzählt vom Reisen & von der Liebe, von Hotels & von den älter gewordenen Söhnen & davon, was es bedeutet, selten zu Hause zu sein. & von Levon Helm, diesem großartigen Musiker;  Sänger & Schlagzeuger der singulären Gruppe The Band, der 2012 starb. Ihm hat er einen Song gewidmet, Listening to Levon, & es ist still im Saal, noch stiller als sonst. Gelegentlich greift Cohn zur Gitarre, die spürbar nicht sein Instrument ist. & dann, nach zwei Stunden, das Licht ist immer noch vorwiegend dunkelrot, True Companion, dieses letzte große Liebeslied, das vom Kennenlernen, Heiraten & vom Loslassen am Ende des Lebens handelt, aber auch von der Gewißheit, dort, wo auch immer, aufeinander zu warten. Mein Gott, was wäre das für ein unsäglicher Kitsch bei minder begabten Komponisten. Bei Cohn klingt es sparsam, luftig, fast ein wenig spröde, ja beiläufig & entfaltet dabei, ganz aus den wenigen Tönen & dem wunderbaren Text heraus lebend, eine umso größere Wirkung.

Als das dunkelrote Licht auf der Bühne erlischt & das Deckenlicht angeht, verlassen die Menschen den Saal sehr still & langsam. Die Berührung, das Andächtige ist spürbar. Wir haben etwas heutzutage sehr Seltenes erlebt, einen irgendwie aus der Zeit Gefallenen, einen das Verlorene noch unentwegt  Suchenden, einen Romantiker & ganz sicher einen Melancholiker. Eine Studie in Rot, diese Suche nach der Blauen Blume.

Juni 7

Mein Atem

In meinen Tiefträumen
weint die Erde
Blut

Sterne lächeln
in meinen Augen

Kommen Menschen
mit vielfarbnen Fragen
Geht zu Sokrates
antworte ich

Die Vergangenheit hat mich gedichtet
ich habe
die Zukunft geerbt

Mein Atem heißt
jetzt

Rose Ausländer