Februar 25

Gedankensplitter zwei

. . . . oder die Liebe zur Geometrie . . . .

 

Wannsee, Westufer. Das Haus des Malers Max Liebermann, ein weitläufiger Garten, ein schönes Cafe, Kunst. Einen Steinwurf weiter nördlich, das Haus der Wannseekonferenz, festungsähnlich bewacht & gesichert. Dazwischen der Weltenriß, der Abgrund des Holocaust, die Katastophe der Deutschen Geschichte. An diesem Abgrund stehen die, deren Eltern auf vielfältige Weise Teil dieser Katastrophe waren. An diesem Abgrund stehe auch ich.

Die öffentlich rechtlichen Medien geben sich gerne frei & unabhängig. Mit einer Mischung aus Abscheu & Verwunderung wird nach Polen geschaut, die angebliche Abschaffung der freien Berichterstattung beklagt & das Loblied der eigenen moralischen Überheblichkeit angestimmt. Die Frage, wie öffentlich rechtliche Medien unabhängig & frei sein sollen, wenn in den zahlreichen Aufsichtsgremien neben den allzu bekannten Parteien auch die Vertreter der sog. gesellschaftlich relevanten Gruppen dem links – rot – grün – liberalen Mainstream verpflichtet sind, bleibt unbeantwortet.

„Daß Jemand Wechsel fälscht, sagt nichts über sein Geigenspiel.“ Dieses Apercu von Oscar Wilde zitierte Roger Willemsen in einer Aufzeichnung der Sendung „Willemsen legt auf“, die anläßlich seines Todes am 8.2.2016 wiederholt wurde. Willemsen war einer der Wenigen, die, umfassend gebildet, von den Dingen, über die er sprach, tatsächlich was verstand. Er trug diese mit einer liebe- & detailfreudigen Versessenheit vor, der die bloße Mitteilung nichts, die Kraft der Überzeugung alles zu sein schien. Stets wollte er nicht nur sein Wissen vermitteln, sondern vielmehr noch seine Begeisterung. Ich werde ihn vermissen.

Eine Zensur findet nicht statt; so steht es im Grundgesetz. Das ist auch nicht erforderlich, die Schere in den Köpfen arbeitet zuverlässig & effektiv.

Radio I: Ein Flüchtlingskind, ein 10 Monate alter Säugling, stirbt trotz medizinischer Behandlung. Schuld sei, so wird nun von interessierter Seite behauptet, & u.a. von NDR Info gerne aufgegriffen, die medizinische Versorgung in Hamburg. Niemand fragt nach der Verantwortung der Eltern, die diesem Säugling im Alter von damals erst 5 Monaten eine lebensgefährliche Reise mit ungewissem Ausgang & existenziellen Entbehrungen zumuteten. Hier wird ein tragischer & überflüssiger Tod instrumentalisiert. & nein, ich finde das keinesfalls zynisch.

Konservative & Rechte eint die nahezu reflexhaft panisch anmutende Abwehr moderner Kunst, Neuer Musik & des Regietheaters. Woher diese Beschränktheit, woher diese Angst ? Neues war zu jeder Zeit strittig & verstörend, heute nennen wir es klassisch.

alter Friedhof in Kloster / Hiddensee
alter Friedhof in Kloster / Hiddensee

Radio II: Die öffentlich rechtlichen Medien befinden sich gegenwärtig im Rechtfertigungsmodus. Allenthalben trifft sie Kritik wegen ihrer als einseitig wahrgenommenen Berichterstattung in der Flüchtlingskrise. Die so wohlfeile wie listige Antwort der Zuständigen lautet in der Regel, man berichte schon sehr ausgewogen, die Hörer würden dies nur nicht mitbekommen, da sie ja nie das gesamte Programm hören würden, sondern nur Ausschnitte. Offensichtlich jeden Tag wieder die falschen.

Der Berlinale medial zu entkommen, ist leider nahezu unmöglich. Die aktuelle Verfilmung von Hans Fallada´s letztem Roman „Jeder stirbt für sich allein“ aus dem Jahre 1947 wurde auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Emma Thompson sagt, der Stoff sei sehr aktuell, da er zeigt, wie wichtig es sei, auch unbequeme Dinge aussprechen zu dürfen & wie viel Mut auch heute noch dazu gehört. Dann meint der offenbar unvermeidliche Daniel Brühl – auf Englisch – das sei richtig, besonders jetzt, wo Europa einen schrecklichen Rechtsruck erlebe. Nennt man das nun einen Dissens oder einfach nur Dummheit.

Radio III: Reporter von NDR Info begleiten Ali, einen Flüchtling, im Rahmen einer Langzeitreportage. Nun hat Ali in Berlin Asyl beantragt. Der Antrag wurde abgelehnt. Die anwesende Dolmetscherin erkannte am Akzent, daß Ali nicht, wie von ihm behauptet, aus Syrien stammen kann. NDR Info ist empört. Nicht über Ali, sondern über das Amt. So verliert sich die gegenwärtige Propaganda zwischen Naivität & Böswilligkeit. Nur mit Information hat das alles wenig zu tun.

Fundstücke I: Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen Rundfunks (DR), im NDR Medienmagazin ZAPP zum Thema Glaubwürdigkeit in der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise: „Die deutschen Medien haben den Menschen nicht die bestmögliche Version der Wahrheit präsentiert, so wie sie es tun sollten. Sie haben ein Bild gezeigt, wie sie es sich als Journalisten, als Elite für die Gesellschaft wünschen. Es ist nicht verboten Angst zu haben, wenn tausende Flüchtlinge aus fremden Kulturen zu uns kommen. Ob das auch meine Meinung ist, ist egal. Aber wenn sie jemand hat, ist das völlig legitim, also sollten wir sie auch abbilden.“

Helmut Lachenmann zum Achzigsten; die Emanzipation des Geräusches. Musik zwischen Stille & Eskalation, die Pause wird zum Leitmotiv. Der letzte Takt ist Schweigen, denn zuvor wurde alles gesagt.

Helmut Lachenmann zum Achzigsten; der große Saal auf Kampnagel ist voll, nahezu ausverkauft, so gut wie keine jungen Leute im Publikum, sehr vereinzelte Musikstudenten. Zynisch wäre, verdientermaßen zusammen untergehen. Richtig ist, das Neue ist zu alt für die Gegenwart, die intellektuellen & kulturellen Fähigkeiten der Jungen werden stark überschätzt. Der Nihilismus, die Standpunktlosigkeit füllt den Augenblick. Die Verheerungen der Postmoderne hinterlassen ausgebrannte Seelen. Zwischen den disharmonischen Akkordschlägen, die Stille. Sie ist das Leben. „Ausklang“ heißt das Stück. Es ist zu lang für einen Tweet, die gerade noch zu verarbeitende Informationsmenge, zu leise im Lärm des sinnfreien Zeitgeistes.

Was bleibt, wenn die Vergangenheit keine Zukunft mehr hat?

Das gegenwärtige deutsche politische Kabarett hat links zu sein. Meistens jedenfalls. Das wäre noch verkraftbar, wenn es außerdem noch intelligent wäre. Ist es aber leider nicht. Kein Klischee zu albern & abgegriffen, kein Witzchen zu schal, jede Pointe vorhersehbar.  Stattdessen gähnende Langeweile, allerdings vor johlendem Publikum. Links war noch nie lustig, Links kann lustig einfach nicht, da links nicht über sich selbst lachen kann. Was bleibt, ist die verkalauerte Form links – grüner Medienpropaganda & die Gewißheit des applaudierenden Publikums, auf der richtigen Seite zu stehen. Klamauk statt Geist.

„Wir sind Selfies, wir identifizieren uns nur noch mit uns selbst.“ sagte der am 19.2.2016 verstorbene Philosoph & Schriftsteller Umberto Eco in einem Interview. Vielleicht hatte er dabei jene digitalen Nomaden im Blick, die jeden Club in Dubai oder Frankfurt, in Mailand der New York kennen, aber nicht wissen, wo Erfurt oder Padua liegen. Vielleicht dachte er an diese Entwurzelten, Heimatlosen, die das Eigene geringschätzen, um das Fremde lieben zu können.

zwischen Hiddensee & Rügen
zwischen Hiddensee & Rügen

Es gibt Tausende von Büchern, die ich nicht lesen werde, Tausende von Platten, die ich nicht hören werde. Jede einzelne wird fehlen.

Die Sprache der Stummen ist das Wort.

Fundstücke II: Der Publizist Wolfram Eilenberger schrieb am 9.2.2016 in einem Artikel auf ZEIT online über die Handball Nationalmannschaft Folgendes: „Bereits ein erster Blick auf das Mannschaftsfoto erhellt: Das frische Erfolgsteam hat keinen einzigen Spieler mit dunkler Hautfarbe oder auch nur südländischem Teint. Es handelt sich, mehr noch, um eine Mannschaft ohne jeglichen Migrationshintergrund. 100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft. Wir listen die Vornamen der Spieler vollständig: Hendrik, Finn, Erik, Christian, Steffen, Jannik, Niclas, Steffen, Fabian, Simon, Tobias, Johannes, Carsten, Andreas, Rune, Martin. Alle Achtung! Das muss man 2016 in diesem Land erst einmal hinbekommen. Offenbar ist dieser Sport sozialdynamisch irgendwo vor drei Jahrzehnten stecken geblieben. Und genau damit wäre auch die gesellschaftlich-politische Alternative benannt, für die Handball in der nun neu entfachten Imagination des Sportfans steht: Er verweist mit aller Macht auf eine selig verklärte, deutsche Reihenhausvergangenheit der achtziger Jahre. Wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry.“

Nachbemerkung zum soeben Gefundenen: Dies ist (noch) ein überwiegend freies Land, in dem jeder sagen & schreiben darf, was er will, auch wenn´s überwiegend das Selbe ist. Dazu gehört auch, daß Journalisten Texte verfassen dürfen, die sich als Aufnahmebewerbung in die psychiatrische Abteilung einer Klinik lesen lassen. Vielleicht begibt sich Herr Eilenberger dort – sozialdynamisch – unter Seinesgleichen. Das wäre dann allerdings eher etwas Intimes, Persönliches, also selten für die Öffentlichkeit bestimmt. Vielleicht also hat sich Herr Eilenberger einfach nur im Postausgangskorb geirrt.

Das Lachen zu verlernen, die Seele abzuschließen, das Leben in Tränen zu ersticken. Es ist an der Zeit, Türen & Fenster zu öffnen, neue Räume zu betreten & den kalten Wind willkommen zu heißen, der die dürren Blätter vom Tisch weht. Aus dem Efeu wächst eine lachsfarbene Rose dem Frühling entgegen.

Fundstücke III: Peter Kuntze, langjähriger Redakteur der Süddeutschen Zeitung (SZ), schrieb in einem längeren Artikel in der Jungen Freiheit (JF): „Vornehmlich in linksliberalen Feuilletons wird dem Multikulturalismus und einer universalen Weltgesellschaft als dem säkularen Erlösungsprojekt der „Postmoderne“ seit Jahren zugearbeitet. Nicht selten werden bei diesen ideologischen Lockerungsübungen die Grenzen der Absurdität überschritten. So warf Thomas Steinfeld, Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung (SZ), in einem Artikel über den dänisch-schwedischen Grenzstreit die Frage nach einem „Gerücht namens ‘nationale Identität’“ auf und fügte dem Begriff „das eigene Volk“ in Klammern die Worte hinzu: „Was immer das sein mag“. Nicht nur Dänen und Schweden werden sich verwundert die Augen gerieben haben, denn außer bei deutschen Linken und Linksliberalen dürfte sich in den Nachbarländern kein Volk und keine Nation finden, die nicht wüßte, daß sich die jeweilige Identität in gemeinsamer Sprache, Kultur, Geschichte, Tradition und Mentalität manifestiert.“

Literatur ist ein Seelenzustand, eine Sehnsucht & Notwendigkeit.

Die Wahrheit ist ein gleichschenkliges Dreieck. Den oberen Winkel bestimmt die Basis, die sich bis zur Überdehnung spreizen kann, nennen wir sie Wirklichkeit.

Februar 22

Seventeen seconds to Lighthouse Hill

Edward Hopper, Frank Sinatra & The Cure:  Meditationen der Einsamkeit . . . 

 

„. . . Time slips away
And the light begins to fade
Everything is quiet now . . .“

                                                               Seventeen Seconds / The Cure

„When your lonely heart has learned its lesson,
You’d be hers if only she would call,
In the wee small hours of the morning,
That’s the time you miss her most of all“

                                                              In the wee small hours / Frank Sinatra

„Great art is the outward expression of an inner life in the artist, and this inner life will result in his personal vision of the world.”

                                                             Edward Hopper

„Eleanor Rigby
Died in the church and was buried along with her name
Nobody came
Father McKenzie
Wiping the dirt from his hands as he walks from the grave
No one was saved
All the lonely people (Ah, look at all the lonely people)
Where do they all come from?
All the lonely people (Ah, look at all the lonely people)
Where do they all belong?“

                                                            Eleanor Rigby / The Beatles

 

Als ich im Jahre 2005  in Köln erstmals vor dem Bild Lighthouse Hill von Edward Hopper stand, ging ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Das Museum Ludwig zeigte erstmals in Deutschland eine Retrospektive des amerikanischen Malers (1887 – 1967), dessen Bilder viele Menschen kennen, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben, sie anzuschauen. Das Interesse war entsprechend groß, wir waren am letzten Ausstellungstag dort & es war erwartungsgemäß brechend voll. Bei der genauen Betrachtung des Bildes, dem Gefühl, ihm endlich gegenüber zu stehen, geschah Seltsames. Das Raunen in den Räumen erschien plötzlich leiser, das Drängen der Besucherfülle schien geringer zu werden, der Raum um mich herum sich zu leeren. Das Bild aus dem Jahre 1927 zeigt einen Leuchtturm, der zusammen mit einem kleinen steinernen Haus, wahrscheinlich dem des Leuchtturmwärters, auf einer Anhöhe steht. Der Betrachter schaut schräg von unten auf diese Anhöhe, die sich offensichtlich weitgehend im Schatten befindet. Der Himmel dahinter strahlt in hellem Blau, leichte Cyrruswölkchen sind sichtbar. Wir wissen nicht, ob es Morgen oder Abend ist. Menschen sind nicht sichtbar. Es entsteht der Eindruck umfassender Einsamkeit, daran ändert auch die zum Greifen nahe menschliche Behausung nichts, im Gegenteil, Fenster & Türen sind verschlossen, der Sonnenstand sorgt für Schatten auf der dem Betrachter zugewandten Seite.

Das in der Ausstellung ebenfalls zu sehende Bild Nighthawks aus dem Jahr 1942, das wohl bekannteste Bild des Malers, zeigt eine Bar an einer Straßenecke. Der Innenraum ist hell erleuchtet, durch die Scheibe sehen wir in der spartanisch eingerichteten Bar vier Menschen. Ein Mann kehrt uns den Rücken zu, ihm schräg gegenüber erblicken wir ein Paar, nebeneinander, schweigend, jeder für sich. Der Bartender schließlich, unter dem Tresen irgendwelche Handgriffe verrichtend, schaut zwischen den Menschen hindurch nach draußen auf die Straße. Dort ist allerdings nichts zu sehen. Es ist dies ein Bild von derart übermächtiger Einsamkeit, die hellerleuchtete Bar ist keinesfalls ein Ort des entspannenden Rückzugs, gar des wohlgefälligen Zusammenseins, es ist ein Ort kompletter Entfremdung & Abgewandtheit. Trotz der vier Menschen auf relativ engem Raum ist das Szenario in seiner Isolation des Einzelnen in & von der Welt zutiefst verstörend. Hopper gelingt diese Darstellung mit kräftigen Farben & sattem Pinselstrich, was den beschriebenen Eindruck in nahezu grotesker Weise noch verstärkt.

Strand von Hiddensee bei Neuenburg
Strand von Hiddensee bei Neuendorf

Im Jahre 1953 wechselte Frank Sinatra von Columbia Records zur Plattenfirma Capitol. In den folgenden neun Jahren nahm er dort 16 Platten auf, zumeist mit Arrangements von Nelson Riddle, aber auch von Billy May & Gordon Jenkins. Sehen wir von seinen späten, international erfolgreichen Hits wie Strangers in the Night oder New York ab, so ist das, was mit dem typischen Sinatra – Sound beschrieben wird, seine Arbeit für Capitol Records. Neben den unvermeidlichen Swing – Platten sind es hier vor allem die Alben mit Balladen, die die Größe des Sängers Sinatra begründen. Albumtitel wie In the wee small hours, No one cares, Only the lonely oder Songs for young lovers leben von der unvergleichlichen Art, mit der es Sinatra verstand, die Trostlosigkeit des Einsamen mit der Melancholie des Weiterlebens zu verbinden. Eines hören wir hier nicht; Verzweiflung. Immer findet sich in der Erinnerung des Verlassenen neben der Einsamkeit auch eine stille Kraft, die in der Melancholie zu liegen scheint, die auch im Schmerz nicht aufgibt, sondern zumindest eine Vorstellung mitschwingen läßt, es könnten auch einst wieder bessere Zeiten kommen, vielleicht irgendwann sogar wieder eine neue Liebe. In diesem Gefühl des Nichtaufgebens, des Weitermachens, der Überwindung, in diesem Trotzalledem, scheint eine der großen Stärken der menschlichen Seele zu liegen, daß sie, wenn sie nicht vollends zerstört wurde, zu einem Gefühl finden kann, daß wir Hoffnung nennen. In diesem Sinne war Sinatra niemals ein Sänger der Hoffnungslosigkeit. Vielleicht der Aussichtslosigkeit, aber das ist etwas anderes. Stimmlich war Sinatra nie besser als zu dieser Zeit, das warme Timbre, die großen Legatobögen, das Gefühlvolle, das niemals in blanken Kitsch abrutscht, sondern stets dem Ernst der Interpretation verpflichtet bleibt, all das also, was einen wirklich großen Sänger auszeichnet, wußte er musikalisch mit traumwandlerischer Sicherheit umzusetzen & mit der passenden Pose zu bekräftigen. Die LP Cover zeigen ihn Nächtens, zumeist rauchend & mit dem unvermeidlichen Hut, an Laternenpfähle oder Hausecken gelehnt, einsam an der Bar, aber auch als weinenden Clown. Sinatra sang im Studio seine Songs in der Regel ohne Schnitte & zumeist bei der ersten Aufnahme perfekt ein. Er hatte ein unfehlbares Gespür für Interpretation, sowie genaue Vorstellungen vom passenden Arrangement. Die im Gegensatz zu den Swingplatten streicherlastigen Orchestrierungen, zumeist abgedämpft & in langen Noten gehalten, schaffen eine ideale Grundlage für die wohltönenden Klagen des Sängers & sind, obwohl vielfach im originalen Mono, auf eine nahezu überirdische Weise zeitlos.

Blick vom leuchtturm am Dornbusch auf Hiddensee, Photo: Heidrun Scholz
Blick vom Leuchtturm am Dornbusch auf Hiddensee,
Photo: Heidrun Scholz

Einsamkeit ist ein innerer Ort, der, oft unabhängig von den äußeren Umständen, individuell wirksam ist. Der westliche Mensch ist heute selten wirklich allein, am Strand von Hiddensee Anfang März vielleicht. Einsamkeit ist ein Gefühl, ein Empfinden, ein Seelenzustand, manchmal auch eine Notwendigkeit. Man kann lieber allein, als zu zweit einsam sein. Sie ist schmerzhaft & sehnsuchtsvoll, sie ist Verzicht & Verlangen. Die großen Sänger des Einsamen, wie Bob Dylan, Frank Sinatra oder Nat King Cole, sangen auf ihre sehr unterschiedliche eigene Art immer auch von der Sehnsucht. Der moderne westliche Mensch neigt zum Romantisieren. Stehen wir heute vor Gemälden  von Caspar David Friedrich, so mag uns seine Kunst menschenentleerter, endloser Landschaften, verlassener trostloser Klosterruinen oder vom Eis zertrümmerter Schiffsrümpfe als eine Bebilderung von Schubert´s „Winterreise“ erscheinen. Friedrich´s im Jahre 1818 entstandenes Bild Der Wanderer über dem Nebelmeer  ist in diesem Kontext geradezu eine sich aufdrängende  Entsprechung für Schubert´s neun Jahre später entstandenen Liederzyklus. Daß die Romantiker in ihrer Epoche mit ihren künstlerischen Werken einem sehr viel weiter gefaßten Bedeutungskanon folgten, ist heute allerdings höchstens noch Kunsthistorikern hinlänglich bekannt.

Die Metaphorik der Einsamkeit ist auch dieser Tage noch ein höchst wirksames Stilmittel, beabsichtigt oder in ihrer Wirkung durchaus auch zufällig (?), z.B. wenn wir an Lana del Rey´s großartige Hymne Video Games denken, dieses Monument des Einsamen, in der sehr viel von eindeutigem Wunsch, jedoch nicht von dessen Erfüllung die Rede ist. Höchst bemerkenswerter Weise erscheint die Sängerin auf dem Cover wie auf einem Hopper Gemälde: ausdruckslos, mit starrem Puppengesicht, blickt sie durch uns hindurch, in blendend weißer Bluse, unter der ein roter BH schimmert, vor einem Wellblechzaun & einem viel zu strahlenden blauen Himmel, an dem vereinzelte Wölkchen sichtbar sind. Die Tageszeit bleibt – man möchte sagen, natürlich – indifferent. Hier trifft Hopper auf David Lynch. Selten gab es in jüngerer Zeit einen Auftritt, der in sich derart stringent & in seiner Wirkung, im Zusammenspiel von Text, Musik, Produktion & äußerer Erscheinung so emotional tiefenwirksam war.

Wie sich die Zeiten ändern. 1966 reichte Paul Mc Cartney für sein Ewigkeitsmomentum aller Einsamen dieser Welt, Eleanor Rigby, noch ein Streichquartett. Das verstörend Eindringliche dieses Liedes liegt darin, daß es in der Beschreibung kleiner prägnanter, genau beobachteter & mit wenigen Worten ausgedrückter Szenen aus dem verzweifelten Leben der beiden Protagonisten im Realen bleibt. Es ist somit gänzlich frei von Metaphorik & Assoziation, & deswegen vollständig unromantisch. Mc Cartney braucht zwei Minuten & sechs Sekunden, um dem Zuhörer ein Kompendium zu erschließen, aus dem andere einen Roman von 300 Seiten machen würden. Er wertet nicht, er beschreibt lediglich, auch das trägt maßgeblich zur erschütternden Wirkung des Liedes bei. Hier sitzt jedes Wort, jeder Ton & wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige, der nicht müde wird zu behaupten, daß in spätestens 100 Jahren die Beatles mit ihrem musikalischen Schaffen gleichberechtigt neben Franz Schubert stehen werden.

Wald am Strand von Hiddensee / Westküste
Wald am Strand von Hiddensee / Westküste

Im Jahre 1980 veröffentlichte das englische Quartett The Cure ihre zweite Platte, Seventeen Seconds. In diesem Jahr war der Punk längst kommerzialisiert, die Sex Pistols bereits seit zwei Jahren Geschichte & das Wilde, das Ungestüme & Dreckige des Punk in einer Richtung aufgegangen, die sich intellektueller, grüblerischer & formal offener gab, der sog. New Wave. Revolutionäre & Künstler wie die Band CRASS waren zwar noch aktiv, aber Großbritannien befand sich unter der Thatcher Ära inmitten eines tiefgreifenden sozialen Umbruches. Dieser führte musikalisch betrachtet einerseits zu untergründigem revolutionärem Aufbegehren (CRASS u.a.), andererseits jedoch zu einem entpolitisierten Hedonismus in Form der New Romantics & ihrem weichgespülten gefälligen Neopopsoul, sowie anderen geschmacklichen Entgleisungen, die in diesem schrecklichen Jahrzehnt Popmusik weitgehend unerträglich machten. Die frühen Cure standen noch in der formalen Tradition des Punk, wenngleich Ihnen das Ungestüme, das Verzerrte & Schreiende vollkommen fehlte. Die Songs sind ziemlich kurz, gitarrendominiert & rhythmisch an arpeggiohaft gespielten oder durchgeschlagenen  Achtelfiguren orientiert. Der Gitarrensound ist klar, weitgehend unverzerrt, dafür aber durchgehend mit Flanger – Effekten unterlegt. Der Baß spielt oft konfigurativ, nimmt Melodiefragmente auf oder gibt sie vor, das Schlagzeug spielt ausschließlich das minimal Erforderliche, hin & wieder von prägnantem weißen Rauschen einer Syn – Drum ergänzt. Die Gesangsstrophen sind kurz, die Stimme von Robert Smith schwankt zwischen Hysterie & Verzweiflung, die Texte sind traurig – vergrübelt. Sehr interessant, & für die emotionale Wirkung der Platte mit ausschlaggebend, sind die überaus einfach gehaltenen, aber klanglich sehr genau ausgesuchten melodischen Fragmente eines Synthesizers, die sich, manchmal eher untergründig wahrnehmbar, in die Songs hineinschleichen, das Geschehen harmonisch ergänzen & zusammenhalten & die Platte erst zu dem machen, was sie bis heute ist: Ein singulärer Versuch, Verzweiflung, Abschied, Verlust & Trauer in Töne zu fassen.  Diese Wirkung ist unabhängig vom unterschiedlichen Tempo der einzelnen Nummern, die Platte ist ein in sich komplett geschlossener Kosmos von menschlicher Einsamkeit & Verzweiflung, sternenkalt & verloren.

Dieser Eindruck hat sich mir seit dem Erscheinen der Platte bis heute losgelöst von persönlicher & musikalischer Entwicklung erhalten. Eine derartige emotionale Nachhaltigkeit gelingt nur sehr Wenigen & ist genreunabhängig. Auch The Cure selbst haben sie danach nie wieder erreicht. Es gibt diese Ereignisse singulärer musikalisch – emotionaler Vollkommenheit, dieses Erreichen & Umsetzen einer künstlerischen Vorstellung, eines vertonten emotionalen Standpunktes nicht sehr häufig. Wenn, dann entstehen allerdings zumeist Platten, die über ihre Epoche, ihren Stil & ihre  musikalisch – akademische Bedeutung weit hinausweisen. Das Cover von Seventeen Seconds zeigt, ein gewisses Vorstellungs- & Assoziationsvermögen unterstellt, einen lichten Wald, der von tiefem Nebel durchzogen ist, sodaß die Bäume kaum sichtbar sind. Der Hörer durchstreift diesen Wald, verirrt sich & wird ihn schwerlich wieder verlassen können.

In einem anderen musikalischen Kontext, dem nur scheinbar bekannten Hotel California der US – amerikanischen Band The Eagles, in dem die Sonne genau die selbe fröstelnmachende Kälte erzeugt wie wir sie in den Bildern Edward Hopper´s finden, lautet die Schlußzeile:  „You can check out any time you like – but you can never leave.“  Wer öfters in Hotels übernachtet, weiß, daß dies zumeist ziemlich einsame Orte sind & den Wald als Sinnbild innerer & äußerer Verlorenheit, als ein Abseitsgehen vom Treiben der Welt, kennen wir spätestens seit Hänsel & Gretel & finden es in philosophisch – widerständiger Tiefe bei Ernst Jünger.

In der Kölner Ausstellung war auch das letzte Bild zu sehen, das Edward Hopper im Jahre 1965 gemalt hat. Es heißt Two Commedians & zeigt zwei Schauspieler im Kostüm der Commedia dell´arte, die sich vor bereits geschlossenem Vorhang vom Publikum verabschieden. Es ist eines der sehr wenigen Bilder des Künstlers, das sich in Privatbesitz befindet. Es gehört der Witwe von Frank Sinatra.

Februar 12

Fremd bin ich eingezogen . . .

Gedanken zu John Neumeier´s Choreographie der „Winterreise“ . . .

Im Jahre 1827, ein Jahr vor seinem Tode, komponierte Franz Schubert einen Zyklus von 24 Liedern mit Klavierbegleitung nach Gedichten von Wilhelm Müller mit dem Titel „Die Winterreise“. Schubert selbst sprach von einem „Zyklus schauerlicher Lieder“. In diese Lieder ist seitdem sehr viel hineininterpretiert worden. Hier mag durchaus auch verborgen Zeitgeschichtliches mit hineinspielen, wie dem bemerkenswerten, kürzlich erschienenen Buch „Schubert´s Winterreise“ von Ian Bostridge, selbst einer der weltweit führenden Liedinterpreten, zu entnehmen ist. Das Geschehen zeigt uns einen Wanderer, der am frühen Morgen das Haus seiner noch schlafenden Geliebten verläßt, Abschied nimmt & sich auf eine Reise durch die winterlich karge Landschaft macht, deren Ziel offen bleibt. Im letzten Lied trifft er an einem zugefrorenen See auf einen einsamen Leierkastenmann, der den Tod symbolisiert. In den 24 Liedern werden unterschiedliche Seelenzustände des Wanderers beschrieben & immer wieder tauchen auch Erinnerungen an glücklichere Tage auf. Soweit zum äußeren Rahmen.

Im Jahre 2001 choreographierte John Neumeier, Intendant des Hamburg Ballett, diese Lieder für sein Ensemble. Dankenswerter & kluger Weise verwandte er die Instrumentierung der Lieder für Tenor & Kammerorchester, die der Komponist & Dirigent Hans Zender im Jahre 1993 geschaffen hat. Im eigentlichen Sinne handelt es sich um eine Neukomposition unter Beibehaltung der Gesangsstimme. Zender zerlegt die Harmonien & Figuren der Klavierstimme, setzt sie neu zusammen, verwebt sie eng mit Klangbildern Neuer Musik & schärft sie rhythmisch. Dadurch entsteht einerseits etwas Neues & Eigenständiges, andererseits gelingt es Zender dadurch aber auch, die psychischen Abgründe des Wanderers klanglich bloßzulegen. John Neumeier schreibt dazu: „Hans Zender zeigt die Brüche auf, vergrößert die Kontraste, verschärft die Akzentuierungen, sodass für uns die „Winterreise“ wieder so ungewohnt und wild klingt wie das Original zur Zeit seiner Entstehung.“ Ich möchte hinzufügen, die „Winterreise“ bekommt auf diese Art etwas bewußt Zeitloses.

Hamburg, Stadtpark
Hamburg, Stadtpark

Im Eingangsbild der Aufführung kämpft sich ein Mann in hochgeschlossenem Mantel, ausgestattet mit Zylinder & Schirm, zeitlupenartig durch Schnee & Sturm. Währenddessen sehen wir einen jungen frierenden Mann mit einem viel zu großen Pullover den Unbillen des Wetters ausgesetzt. Er hat zuvor versucht, mit Koffern eine dem Licht nach warme Behausung zu verlassen, & scheitert an der Enge des Durchlasses. Die Koffer bleiben zurück, ein starkes Bild. Der Mann ist verzweifelt. Beide nehmen keinen Kontakt zueinander auf. Dies ist einer der zentralen Eindrücke dieser Choreographie, die Einsamkeit, der immer wieder auf´s Neue unternommene Versuch, aus ihr auszubrechen & das unvermeidliche Scheitern. Verbindungen gelingen, wenn überhaupt, nur sehr kurzfristig, das Miteinander wird entweder abrupt abgebrochen oder ähnelt einem Kampf zweier Beziehungs- & Bindungsloser. Verzweifeltes Suchen trifft dann auf ebenso verzweifeltes Entfliehen. Dies wird überaus eindrucksvoll im Pas de Deux von Aleix Martinez & dem wunderbaren Alexandre Riabko deutlich. Die Bewegungsbilder entsprechen dem Neumeier´schen Repertoire, sind unschwer als seine Kreation zu erkennen. Insgesamt wird auffallend wenig getanzt im „normalen“ Sinne, viele Bewegungen & Interaktionen besitzen einen eher pantomimischen Charakter, was das Darzustellende unterstreicht, es gleichzeitig jedoch auch stark fragmentiert. Natürlich ist die „Winterreise“ kein Handlungsballett, beschrieben werden Seelenzustände. Die Vervielfältigung der Figur des Wanderers, eines von Neumeier´s gern genutzten Stilmitteln, steht für die untergründige Komplexität der Hauptfigur, oder sollte man sagen, der einzigen Figur – bis auf den schlußbildlichen Leierkastenmann, hier ein Trommler, von Ivan Urban großartig dargeboten.

Überhaupt die „Alten“, die Tänzer & Tänzerinnen, die uns seit so vielen Jahren begleiten, uns ans Herz gewachsen sind & das Gefühl vermitteln, einzigartig & unerreicht zu sein. In dieser Aufführung vor allem Alexandre Riabko, Carsten Jung & Ivan Urban. Silvia Azzoni war krankheitsbedingt leider nicht zu sehen. Es ist schwer zu beschreiben, was den Unterschied ausmacht. Wahrscheinlich ist es dieses letzte geheimnisvolle Etwas an künstlerischer Reife & Größe, ein Mysterium, das sich aus scheinbar grenzenlosem technischen Können & jahrelanger oder oft auch jahrzehntelanger Erfahrung speist. Bemerkenswert in dieser Wiederaufnahme die zentrale Figur des Wanderers, dargestellt vom 22 jährigen Aleix Martinez, dem es gelingt, dieser Figur eine erschütternde Tiefe & Ernsthaftigkeit zu verleihen, die dem Tänzer der Erstaufführung, Yukichi Hatori vollkommen abging. Wie dieser einst zum Publikumsliebling & eindeutigen Protege Neumeier´s aufzusteigen vermochte, bleibt einmal mehr rätselhaft. Wo dieser sich damals durch die Aufführung zappelte, gelingt Martinez heute eine Darstellung von ergreifender Intensität. Herausragend auch die junge Hayley Page. Im Lied „Der Lindenbaum“, der, die Spitze nach unten gekehrt, vom Schnürboden herabgelassen wird, verdeutlichen beide, wie weit dieses Lied im Kontext des Zyklus vom romantisch – kitschigen Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore“ entfernt ist. Wir hatten das Glück, sowohl die Besetzung der Erstaufführung zu sehen, bei der mit so großartigen Tänzern wie Otto Bubeniczek, Lloyd Riggins, Ivan Urban, Silvia Azzoni,  Alexandre Riabko,  Carsten Jung  u.a. schnell klar wurde, daß dieses Ballett neben „Nijinsky“ mein persönlicher Favorit im Repertoire sein würde, wie auch die Besetzung der Wiederaufnahme, bei der neben den bereits Erwähnten besonders Leslie Heylmann, Helene Bouchet & Anna Laudere (erwartungsgemäß) überzeugten. Damals stand am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Peter Hirsch, heute der so überaus zuverlässige Simon Hewitt, dem es offensichtlich gelungen ist, den stark schwankenden Leistungen des Orchesters eine auch in sehr schwierigen Partituren wie dieser adäquate & ansprechende Darbietung abzuverlangen. Der Tenor Rainer Trost profitierte von der Orchestrierung der Begleitung, allein mit Klavier wäre der Eindruck möglicherweise nicht ganz so positiv ausgefallen.

Mauchen, Stadt Schliengen / Südbaden
Mauchen, Stadt Schliengen / Südbaden

Abschließend ist festzustellen, daß die „Winterreise“ meiner Auffassung nach die bislang letzte wirklich in jeder Hinsicht überzeugende Choreographie Neumeier´s darstellt, nicht nur aufgrund der herausragenden Tänzer, über die er verfügt, sondern als Ganzes, als Gesamtkunstwerk aus Musik, Bühne, Licht, Bewegung & Tiefe. Genau das ist es, was Ballett so einzigartig macht, das Zusammenspiel dieser Faktoren.

Am Ende des Liedes vom Lindenbaum heißt es: „Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort, und immer hör´ ich´s rauschen: Du fändest Ruhe dort.“

Februar 7

Gedankensplitter eins

. . . . oder die Liebe zur Geometrie . . .

Toleranz ist ein immerwährendes Thema, dieser Tage erneut & vermehrt. Dabei ist es nicht die Hinnahme & Duldung von Überzeugungen & Handlungsweisen, also ein freiwilliger Akt in gewissen individuellen & kulturellen Grenzen, die vom Einzelnen gezogen werden können, sondern das Einfordern bestimmter, oft auf grundlegenden Widerspruch stoßenden Imperativen. Die Toleranz wird somit zu einem Werkzeug von einflußreichen & lautstarken Minderheiten, Partikularinteressen & des Staates, mit dem auf die Intoleranten, also diejenigen, die zu Duldung & Hinnahme verpflichtet werden sollen, eingeschlagen wird. So weicht die Freiwilligkeit dem Gehorsam.

Im ersten Stock eines Eckhauses an einer innerstädtischen Bundesstraße, an dem ich hin & wieder vorbeifahre, befindet sich ein Fitness – Center. Abends geben die großflächigen Glasscheiben den Blick frei auf Dutzende, zumeist weibliche Besucher, die in ständiger monotoner auf & ab Bewegung unschwer als Subjekte manischer Selbstoptimierung erkennbar sind. Die freiwillige Reduktion der eigenen Person zum Produktionsmittel führt zur Erweiterung der beruflichen Existenz im sich stetig schneller drehenden Hamsterrad der Fremdbestimmung ins Private. Man nennt dies heute wohl Karriere.

Der Sozialwissenschaftler & Publizist Manfred Kleine – Hartlage sagte in einem Interview mit der Sezession vom 21. September 2012: „Linke wissen über sich selbst eigentlich überhaupt nichts. Linkssein heißt, sich in einem geschlossenen Gedankenuniversum zu befinden, das sich stets ausweglos in sich selbst zurückkrümmt. Im Zentrum dieses Universums steht die Utopie, deren Wahrheit und absolute Geltung axiomatisch angenommen wird, und die damit das Äquivalent einer Gottheit ist.“ Der Mann weiß, wovon er redet, er war Mitglied der Jusos & der SPD. Ich finde, Hartlage hat Recht; ich war Mitglied der Linkspartei. Uns gemein ist, wir sind lernfähig.

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Die Sucht zu verbrämen bedeutet, ihr Form & Inhalt zu unterstellen. Das ist bei Politikern nicht anders als beim Multimillionenheer der an morbus digitalis Erkrankten.

Der Zivilisationsbruch der Shoa, das Menschheitsverbrechen von Auschwitz, sind singuläre Barbareien. Sie für die Denunziation konservativen & heutzutage als rechts geltenden Gedankengutes & dessen Äußerung mehr oder weniger subtil zu instrumentalisieren, ist moralisch infam, zynisch & historischer Unsinn. Es ist Ausdruck von Egon Bahr´s Satz von der “ . . . Anomalie der Deutschen Nation . . . “ & Folge einer trotz allen Gedenkens nicht bewältigten Vergangenheit, der Unfähigkeit zu trauern & dem daraus resultierenden Haß auf das Eigene, letztlich auf sich selbst.

Das neue Jahr ist zwar noch recht jung, gleichwohl schon reich an Toten, die sich musikalisch umfänglich geäußert haben. Am 5. Januar verstarb Pierre Boulez, ohne den die sog. klassische Musik des 20. Jahrhunderts, zumindest die nach 1945, undenkbar wäre, am 10. Januar David Bowie, am 18. Januar schließlich Glenn Frey, Komponist, Gitarrist & Sänger der Eagles. Allen gemein ist, daß sie auf ihrem Gebiet Herausragendes geleistet haben. Medial ragt allein die „Anteilnahme“ am Tode Bowie´s heraus. Musik & Seriosität alleine reichen eben offenbar nicht, wenn das Schillernde fehlt & nur das Chamäleon bedient die postmoderne Sucht nach dem ewig Neuen. Function follows Form.

Dieser Tage beeilen sich die Propagandisten eines islamisch geprägten Multikulturalismus, uns einzureden, der islamistische Terror & die Sexualstraftaten junger Nordafrikaner in Köln & anderswo hätten nichts mit dem Islam zu tun. Wer das behauptet, der glaubt sicherlich auch, die Verbrechen der Heiligen Inquisition hätten nichts mit der Katholischen Kirche zu tun.

Daß gewisse Leute mit der Selbstgewißheit des definitorischen Imperativs daherkommen & behaupten, die Dinge seien so, wie sie nachweislich gerade eben nicht sind, trägt im Wesentlichen zur Verunsicherung & Entmündigung derjenigen bei, die sich den Blick für die Realitäten nicht trüben lassen wollen. Die Zeit wird kommen, in der man diejenigen, die heute als Hetzer & Brandstifter, Demagogen & Demokratiefeinde denunziert werden, als Propheten verehrt.

In bestimmten rechtskonservativen Kreisen ist es gegenwärtig üblich, vom „sogenannten“ Klimawandel zu sprechen, & dessen Existenz entweder anzuzweifeln oder gleich zu leugnen. Das ist pure Ideologie. Derartige Formen von Verdrängung & Realitätsverleugnung kennt man sonst nur auf der linken Seite der politisch – kulturellen Befindlichkeiten.

Köln hat Vieles verändert. Die Stimmung ist gekippt, der sog. Qualitätsjournalismus betreibt entweder mehr oder weniger hilflosen Schamanismus zwecks Beschwörung multikultureller Trugbilder, oder übt sich im Rückzugsgefecht. Es rächt sich jahrzehntelanges Totschweigen, Abwiegeln & Wegschauen. Die Inkompetenz der Handelnden entlarvt sich gnadenlos selbst. Niemand sollte allerdings dem Trugbild erliegen, daß die Verursacherin so einfach verschwindet. In Krisenzeiten schart sich die ängstliche Herde um den Hirten.

Jemand, den ich gut kenne, & der sich als Lebensziel die Hingabe an den Kommunismus gewählt hat, zeigt natur- & erwartungsgemäß eine beachtliche Wirklichkeitsresistenz, vor der ihn auch seine hohe Intelligenz nicht schützt. Zu dieser Realität zählt auch der Zweifel & die stark zunehmende ideologische Einsamkeit. Es ist tragisch, mit anzusehen, wie mit dem Lügengebäude einer tödlichen Ideologie ganze Biographien zusammenbrechen & deren Erzähler unter den Trümmern verschüttet werden.

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Ernst Jünger schrieb: „Das Zeitalter der Humanität ist das Zeitalter, in dem die Menschen rar geworden sind.“ Dieser Satz bekommt angesichts der Migrationskrise eine besonders bedenkenswerte Bedeutung.

In den letzten Jahren haben sich die Antiisten geradezu epidemisch vermehrt. Der Antiismus gleicht mittlerweile einem theologischen Bekenntnis. Wie in den Religionen, so vertröstet der Antiismus seine Gläubigen auf eine nicht reale Zukunft, die Utopie. Diese Erlösungserwartung kollidiert in der Regel allerdings allzu häufig mit dem tatsächlichen Leben.

Neulich nach dem Konzert eines weltweit renommierten Streichquartetts in der Hamburger Musikhalle. Gespräch innerhalb einer Gruppe adrett gekleideter junger Menschen, offensichtlich Studenten der Hochschule für Musik. Was an welcher Stelle, in welchem Takt anders zu betonen gewesen wäre; das Überspielen der Triolen im Thema des 3. Satzes & außerdem sei die Bogenführung an manchen Stellen doch ein wenig zu schroff ausgefallen. Man ist sich einig. Auch hier ein Übermaß an weltgewisser Unumstößlichkeit. Das Vorrecht der Jugend ist das zu schnelle Urteil vor fehlendem Lebenshintergrund. Ich war nicht anders. Ich wünsche dem zukünftigen Publikum dieser jungen Leute ein wenig mehr Achtung ihrer Leistung, sowie ein wenig Nachsicht.

Der bereits erwähnte kommunistische Bekannte sortiert persönliche Freundschaften nach ideologischer Übereinstimmung. Ich wurde aussortiert.

Es gibt Menschen, deren Anmaßungen Anderen gegenüber ihren eigenen Leistungen diametral entgegenstehen. In der Regel handelt es sich dabei um Vertreter der politischen Klasse, um Parteisprecher & gewisse Figuren des sogenannten Qualitätsjournalismus. Aber leider nicht nur.

Es wird dieser Tage im Zusammenhang mit dem Migrationsansturm gerne von Staatsversagen gesprochen. Gleich mehrere ehemalige Verfassungsrichter taten Ungeheuerliches, sie ziehen Merkel & ihre Regierung offen des Rechts- & Verfassungsbruchs. Offensichtlich hat noch niemand bemerkt, daß es sich um ein Systemversagen in doppelter Hinsicht handelt. Die EU war immer schon ein Club, der auf gegen- & wechselseitiger Vorteilsannahme beruhte, die Demokratie eine Schönwetterveranstaltung, die nur solange funktioniert, wie´s genug zum Verteilen gibt & keine wirklichen Schwierigkeiten auftauchen. Die in den letzten Jahrzehnten dramatisch fortschreitende & nicht länger versteckbare Inkompetenz der Handelnden gleicht dem Desinteresse der Mehrheit der Behandelten. Der Diplomat, Staats- & Geschichtsphilosoph Joseph Marie de Maistre wußte schon 1811: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“

Allgemein gilt: wer jahrelang hofft & immer wieder enttäuscht wird, dem bleibt nur noch Ertragen. Oder das sich Losmachen, das Verschwinden, der Waldgang.

Die Effiziens von facebook, twitter & WhatsApp ist zweifelsfrei beeindruckend. Mußte die Stasi noch anwerben, ausspähen, aufschreiben, erpressen, verhaften & einsperren, so geben die Menschen heute bereitwillig & ungefragt Intimstes preis. Die Stasi wurde verflucht, gehaßt & gefürchtet. Facebook hingegen wird, gerne auch von Linken, ganz selbstverständlich beansprucht. Sie verabreden sich dort zur nächsten Demo gegen den Überwachungsstaat & gegen die Ausbeutung durch multinationale Konzerne.

„Für einen nicht unerheblichen Teil der Flüchtlinge ist Deutschland kein Zufluchtsort, sondern ein Tatort, in dem die Beute einfach größer ist als zu Hause.“ Hugo Müller- Vogg, Publizist, im ARD Presseclub vom 7.2.2016.

Februar 7

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

 

Ingeborg Bachmann