Dezember 30

We´re Motörhead … & we play Rock´n Roll . . .

. . . ein Nachruf  . . .

„Lebenshilfe mit Lemmy. Also. Es umgibt Arschlöcher eine servile Freundlichkeit – und zur selben Zeit etwas Umtriebiges. Es umgibt sie gleichzeitig dieses Unerwünschte. Als spiegele sich in ihren Augen das Unwohlsein, das sie bei anderen auslösen, zum Beispiel bei, hmm, Sensibelchen wie mir.“

Ian „Lemmy“ Kilmister … in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, woran denn ein Arschloch zu erkennen sei

„Everything louder than everything else“

Titel eines Motörhead live Videos des Konzertes im Deutschen Museum München am 11.3.1991 & beliebte T – Shirt Aufschrift

Als ich das erste Mal einen Song von Motörhead hörte, dachte ich, komisch, Punk ist doch schon lange vorbei. Ich war der Meinung, eine Band, die seit 1975 ständig den gleichen Song auf die ständig gleichen Alben aufspielt, sei überflüssig. Ich sagte jedem, der´s hören wollte, & auch jedem, der´s nicht hören wollte, auch wenn ich 300 Jahre alt würde, niemals werde mir das Phänomen Motörhead erklärlich sein. Ich gebe gerne zu, mich furchtbar geirrt zu haben.

Es gibt Bands, die polarisieren. Es gibt Bands, die nur Musikern zugänglich sind, es gibt Bands, die goldene Schallplatten sammeln, es gibt (leider) überwiegend Bands, deren musikalisch / künstlerische Bedeutungslosigkeit in schrecklich unverständlichem Gegensatz zu ihrem kommerziellen Erfolg steht, es gibt Millionen Bands, die klingen wie Millionen anderer Bands & es gibt ganz ganz wenige Bands, die geliebt & verehrt werden, warum auch immer. Eine dieser ganz wenigen Bands sind Motörhead, die für sehr viele eine Offenbarung & für sehr wenige eine Zumutung sind. Wie ansonsten höchstens noch AC/DC,  werden sie vor allem für eins geliebt, nämlich dafür, einmal im Leben der Fans den richtigen Ton, den richtigen Nerv, das richtige Gefühl getroffen zu haben, direkt ins Herz, ace of spades. Sich & den Fans darin treu geblieben zu sein, unbeirrt von Moden, Plattenfirmen, Zeitgeist & lächerlichen Begleiterscheinungen wie dem Alter, macht die Faszination dieser Bands aus, ist das wahre Geheimnis des Immergleichen. In einer Zeit ständig schneller wechselnder Moden, sich rasant erhöhender Anforderungen, immer komplexerem Weltgeschehen, sich auflösender sozialer Bindungen & diffus empfundenem Anwachsen der eigenen Bedeutungslosigkeit & der daraus resultierenden Ängste, verspricht allein schon die ewig gleiche Ansage zu Beginn eines Konzertes . . . We´re Motörhead . . . & we play Rock´n Roll !  . . . ein verloren geglaubtes Gefühl der Zuverlässigkeit, ein Versprechen, genau das zu bekommen, ohne Lügen, ohne Hintertürchen, ohne auf´s Kalkül schielender kommerzieller Erwägung. Die bedingungslose Hingabe an den einen Song, das Festhalten daran, gegen jeden Trend, gegen noch so viele Offerten der Platten- & Unterhaltungsindustrie mit ein wenig Kompromiß steinreich zu werden, sich von den Gesetzen & Möglichkeiten, den Versprechungen & Lügen nicht vereinnahmen zu lassen, wird von den Fans mit Heldenverehrung & bedingungsloser Gefolgschaft belohnt. Was bei AC/DC schon seit Jahrzehnten zu einer gigantischen Gelddruckmaschine verkommen ist, gab´s bei Motörhead bis zuletzt & aus tiefster innerer Überzeugung: einfachen, dreckigen Hochgeschwindigkeitsrock, irgendwo zwischen Punk, frühem Metal & Rock´n Roll.

 

Die Verkörperung all dieser Eigenschaften, der Garant des Immergleichen war Ian „Lemmy“ Kilmister, auch „das Warzenschwein“ genannt, der lebende Beweis für sämtliche Klischees, die dem Rock´n Roll seit Anbeginn anhaften: Trinker, Zocker, Militariasammler, der nach eigenem Bekunden alle Drogen genommen hat außer Heroin, bekennender Hurengänger, Frauenliebhaber wie -verächter, Komponist, Sänger, Bassist. Monolith, möchte man hinzufügen. Der Ton, den er auf seinem Rickenbacker & den angeschlossenen Marshall – Amps erzeugte, hatte mit normalem Baßspiel wenig gemein. Oft akkordisch, immer verzerrt, gab er gleichermaßen die Rhythmusgitarre. Das heisere Geschrei, das die spärlichen Melodien der Songs formte, unterstrich das Wesentliche eines Motörhead – Konzertes: das Erleben eines archaischen, nahezu tribalen Schamanengesangs, eines klanglichen Erdbebens, mit größtmöglicher Lautstärke ins verzückte Publikum geblasen, welches eine tiefe innere, längst verloren geglaubte Wiedergeburt als soziales Wesen erleben konnte. Ich bin hier, ich bin lebendig, ich kann wieder empfinden, die Welt ist vielleicht doch noch nicht ganz verloren & ich noch nicht an ihr verreckt. & oben auf der Bühne stand zumeist völlig bewegungslos der Priester dieses atavistischen Rituals & taufte die Menge mit den Elementargewalten eines Motörhead – Konzertes. Diese nahezu religiös anmutende Handlung konnte Lemmy stets auf´s Neue vollziehen, weil er der war, der die unterdrückten Wünsche des Publikums nach Sex, Drugs & Rock´n Roll glaubhaft & nachvollziehbar wie kein anderer verkörperte. Dafür haben ihn die Menschen geliebt, jedenfalls die, die ihm zuhörten. Everything louder than everything else war keine Schlagzeile, es war Programm. Motörhead ohne Lemmy ist unvorstellbar, denn Lemmy war Motörhead. Am Heiligabend (wie zynisch unpassend) ist er 70 Jahre alt geworden. Am 2. Weihnachtstag erfuhr er, daß er an Krebs erkrankt war. Am 28. Dezember ist er gestorben. Wie man hört, vor seiner Lieblingsspielkonsole.

Offenbar hat Jemand das ace of spades auf den Tisch gelegt.

 

Die Abbildung der alten Spielkarte stammt von der Seite www.kunst-und-spiele.de. Ich bitte um Nachsicht, sie mir hier für diesen Nachruf ohne Anfrage „ausgeliehen“ zu haben.

K.S.