Oktober 5

Der Waldgänger

. . .  im Zweifel für den Zweifel , Teil II ;  ein Abschied  . . .

 

„Es bleibt noch auf die Möglichkeit eines Irrtums hinzuweisen— gemeint ist das Vertrauen auf die reine Imagination. Dabei sei eingeräumt, daß sie zum geistigen Siege führt. Indessen kann es auf die Gründung von Yogaschulen nicht ankommen. Sie schwebt nicht nur zahlreichen Sekten vor, sondern auch einer Art des christlichen Nihilismus, der sich die Sache billig macht. Man kann sich jedoch nicht darauf beschränken, im oberen Stockwerk das Wahre und das Gute zu erkennen, während im Keller den Mitmenschen die Haut abgezogen wird. Man kann das auch dann nicht, wenn man sich geistig in nicht nur gesicherter, sondern auch überlegener Position befindet, und zwar deshalb, weil das unerhörte Leiden von Millionen Versklavter zum Himmel schreit. Immer noch liegt der Dunst der Schinderhütten in der Luft. Um solche Dinge schwindelt man sich nicht herum.  Es ist uns daher nicht gegeben, in der Imagination zu weilen, obwohl sie den Aktionen die Grundkraft gibt. Dem Machtkampf geht Bilderabgleichung und Bildersturz voraus. Das ist der Grund, aus dem wir auf die Dichter angewiesen sind. Sie leiten den Umsturz ein, auch den Titanensturz. Die  Imagination und mit ihr der Gesang gehören zum Waldgange.“

 Ernst Jünger (aus) Der Waldgang

„Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen; bei denen es eine nachteilige Rolle spielen könnte, daß der reiche Westeuropäer sozusagen auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat, da hier das „Machbare“ am wenigsten an eine Grenze stieß. Es ist gleichgültig, wie wir es bewerten, es wird schwer zu bekämpfen sein: daß die alten Dinge nicht einfach überlebt und tot sind, daß der Mensch, der einzelne wie der Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist. Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben.“

Botho Strauß (aus) Anschwellender Bocksgesang

„Schreiben bedeutet, in den gesunden Menschenverstand (der in den meisten Fällen durch die ästhetisch-politischen Doxa bedroht oder ausgehöhlt wird) einen Abstand einzufügen. Dieser Abstand ist meine Weigerung, das literarische, politische, ästhetische Spiel mitzuspielen. Auf dessen Enthüllung zielen von diesem Zeitpunkt an all meine Bemühungen ab, indem ich durch meinen Stil ebenso wie durch meine Rolle als Zeuge aufzuzeigen versuche, daß mit gezinkten Karten gespielt wird. Es bedeutet, in meiner Arbeit von den ständigen Bedeutungsentleerungen und demokratischen Zauberformeln des Reichs des Guten (wobei das Gute hier selbstverständlich das Gegenteil dessen ist, was es zu sein vorgibt: eine dämonische Figur) aus- und über sie hinauszugehen. Schließlich bedeutet es, sich in einer Abkehr zu verorten, die man auch als absoluten Abstand bezeichnen könnte: dort, wohin mich nur diejenigen begleiten, die wie ich in Wirklichkeit nicht mehr und nicht weniger sind als Partisanen der Wahrheit in einer Welt, in der die Werte und Gewißheiten, zu denen sie einst erzogen wurden, größtenteils für obsolet erklärt, entwertet, in ihr Gegenteil verkehrt worden sind.“

Richard Millet (aus) Schriftsteller, Partisan, Rebell

Was geschieht, wenn lang gehegte Gewißheiten sich als brüchig erweisen, wenn das schleichende Unbehagen, welches der Gewißheiten treuer Begleiter war, durch die mühselig abgedichteten Spalten der Wahrnehmung hervorbricht.  Was geschieht, wenn der Boden, auf dem man zu stehen glaubt, zu zittern beginnt, wenn der feste Stand, dessen man sich, durchaus von Zweifeln geplagt, immer wieder auf´s Neue  versichern mußte, aus dem Lot gerät. Auf schräger Ebene gewinnt der Blick auf die Welt eine neue Perspektive & das bislang mehr oder weniger erfolgreich ferngehaltene Unbehagen bricht hervor. Wenn dies geschieht, erstaunt man über die überraschende Leichtigkeit, mit der das offensichtlich marode, von konstanter Unterströmung immer stärker unterspülte Fundament bröckelt. Naheliegend ist, einen scheinbar sicheren Halt zu ergreifen, & sei es der Vorhang, der bislang vor dem grellen Licht auf der Theaterbühne leidlich geschützt hat. Daß dieser nun, von Motten zerfressen & fadenscheinig, nachgibt & reißt, beschleunigt den Sturz in den Anblick des großen Spektakels.

Die Angst, von der Ernst Jünger im Waldgang spricht, war ständige Begleitung auf meinem Wege durch eine Welt, deren Sichtweise von einer säkularen Theologie geleitet wird. Diese vermag ihr deterministisches Weltbild & die daraus resultierende Realitätsentfremdung weitgehend befreit vom Zustand des Zuendedenkens zu halten. Wenn nun aber ein säkular – theologischer Glaube zum Leitbild weltlichen Handelns mutiert, muß naturgemäß eines auf der Strecke bleiben: entweder der Glaube oder das realitätsbezogene Denken. Die intellektuelle Entäußerung, die darin besteht, beides nicht nur miteinander vereinbaren, sondern auch, einem Schnittbildindikator gleich, zur Deckung bringen zu können, ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Die Angst ist des einen Begleiter auf diesem Wege, nämlich dessen, der zweifelt, der nicht vergessen will, daß es Dinge gibt, die vorher waren & nach uns sein werden, & der dem Wissen in ihm nicht abschwören mag, daß der Mensch ein denkendes fühlendes Wesen innerhalb eines geistig kulturellen Kontinuums ist. Der Konvertit hingegen verlangt den unbedingten Gehorsam, der all dies nicht nur in Abrede stellt, sondern ihm in unversöhnlicher Feindschaft entgegentritt & dessen Angst nun darin besteht, seinen Glauben zu verlieren.

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Bücherei Heinrich Hertz Schule / Hamburg

Nicht zufällig sind die Kommunisten in der LINKEN in der Regel diejenigen, mit denen am genauesten die fragilen & oft vagen Grenzlinien zwischen Glaube & Wirklichkeit zu erforschen waren. Dies mag daran liegen, daß ihr umfängliches Wissen & ihre i.d.R. herausgehobene bürgerliche Existenz ihnen den kultur- & aufklärungsfeindlichen Furor der in blinder Glaubenshingabe Gefangenen stets unheimlich & befremdlich erscheinen ließ, daß also das neidhaft bildungsferne proletarische Aufbegehren ihre Sache nie war. Das lautstark sich Bahn brechende Revolutionsgehabe erscheint ihnen als bedrohliche Infragestellung einer Ordnung, deren Entwicklung hin zu einer in ihrem Sinne veränderbaren Gesellschaft als noch längst nicht abgeschlossen gilt. Allerdings bleibt es ihnen versagt zu erkennen, daß die Geschichte sie von der weiteren Teilnahme an der angestrebten Veränderung längst ausgeschlossen hat & ihre hehren Ziele & Absichten zwischen zusammengebundenen Aktendeckeln in lichtlosen Archiven verstauben. Wie der Glaubende mit seinem Gott hadert, der sich als unwillig erweist, die eingeforderten Zeichen seiner Existenz kund zu tun, so ist es gut vorstellbar, welch ungeheures Maß an Verdrängung der Marxist Lenin´scher Ausprägung aufzuwenden hat, jeden Tag erneut gegen den Ansturm der Realität aufzubegehren.

Meine Beschäftigung mit dem Zustand, den Botho Strauß so zutreffend als Sezession beschrieben hat & dem Einbruch der entideologisierten Wirklichkeit in mein bislang offenbar fälschlich als links propagiertes Betrachten, erschließt sich bei näherem Hinschauen & dem Wiedererwachen verdrängter Erinnerung, als das Schließen einer zu lange als nicht heilbar erachteten Wunde. Mit einem Male lichtet sich der Nebel & es wird klar, daß es wohlmöglich um Dinge gehen könnte, die sehr viel größer sind, als die Chimären eines linken theokratischen Trugbildes. Der Wunsch & die Schwierigkeit, zu widerstehen, der Gedanke, daß das, was geschieht, nicht geschehen dürfte, gründet nicht auf tönernen wie trügerischen Hoffnungen einer herbeigesehnten säkularen Erlösung, sondern auf dem Wissen, daß dem linken Fortschrittsgedanken nur der implizierte Wunsch nach Absolution alter Sünden zugrunde liegt, der sich aus sich selbst heraus rechtfertigt & die tatsächliche Beschaffenheit von Geschichte & Mensch einem künstlichen  theoretischen Determinismus unterwirft, dessen Behauptung als vielfach widerlegt zu betrachten ist.

Die erschreckende Hilf- & Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen angesichts der Flut, sowie die moralethische Besoffenheit der an Bahnhöfen & Sammelstellen sich Einfindenden hat einen diktatorischen Gutmenschenimperativ erschaffen, der alle Andersdenkenden zu Unmenschen zu stempeln sich anmaßt. War links einst der Ort der freien Rede, oder dies schon immer nur Einbildung, so ist das Denken außerhalb der vorgestanzten Gehirnschablonen des linksliberalen Mainstreams heute scheinbar ausschließlich dort anzutreffen, wo das konsenzvernichtende Rechts eine Beteiligung am öffentlichen Diskurs ausschließt. Daß dabei die Gleichung Rechts = Nazi zum unwidersprochenen Vernichtungsimpuls gerät, dokumentiert lediglich die geistige Beschränktheit der auf diesem Niveau Agierenden einerseits, wie die Richtigkeit des oft wiederholten Satzes von Egon Bahr von der Anomalie der Deutschen Nation. Bin ich selbst in der Lage, dem Druck, mich als Unmensch abstempeln zu lassen, zu widerstehen, was wäre der Vereinzelung entgegenzusetzen & wie ein klarer Kopf zu bewahren, oder ist letztlich alles nur die deutsche Variante postmoderner Diskursverweigerung .Die Außerwertstellung von Worten wie Heimat, Konservativ & einiger anderer als Unwort denunzierter Begriffe erzwingt den Abschied von Verbindungen, die den wesentlichen Inhalt realitätsbezogenen Handelns als Ausdruck von Politik, so sie denn je eine Vorstellung davon hatten, was das ist, aufgegeben haben, nämlich Entscheidungen von ihrem Ergebnis her zu betrachten.  Ähnliches gilt für die, die angeblich die Verantwortung für die richtungsweisenden Entscheidungen in diesem Lande zu übernehmen haben, sowie für die der propagandistischen Exekution Dienenden in Presse, Funk & Fernsehen. Bei dem Gedanken daran tun sich erneut Abgründe auf, denn was denkt Merkel tatsächlich, wenn nicht einmal ihr journalistisches Flaggschiff, die FAZ, sich über Vermutungen hinauswagt, weil die Vorstellung, dieses Handeln folge einem Plan oder einer inneren Logik, noch schlimmer zu ertragen wäre, als die vorherrschende Kapitulation vor der Wirklichkeit.

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Fleet an der Deichtorstraße / Hamburg

Das Erheben einer sich als gesellschaftliche Avantgarde gerierenden rotgrünen Unterströmung in diesem Lande hat eine Diskursdominanz geschaffen, die in exklusiver Anmaßung diejenigen ausschließt & wenn möglich mit medialer Vernichtung überzieht, die sich grotesken  Postulaten, wie z.B. dem sog. Gendermainstreaming widersetzen. Die wohlfeile Unterstellung, bei den Gegnern könne es sich ausschließlich um Schwulenhasser & Anhänger eines vordemokratischen wilhelminischen Familienbildes handeln, ist genauso absurd wie wirkungsmächtig. Allein die Bereitwilligkeit des medialen Diskurses, der in Wahrheit längst keiner mehr ist, sowie der anheischigen administrativen Sekundierung durch groteske Sprachnormierungen im öffentlichen wie halböffentlichen Raum zeigt, auf welchem intellektuellen Niveau mittlerweile in diesem Land debattiert wird. Diese Diskursdominanz hat nicht nur den Kampf gegen Rechts hervorgebracht, der sich in diktatorisch auftretender Selbstgerechtigkeit mittlerweile auch handfest gegen nahezu jede von der Unterströmung abweichende oder ihr entgegengesetzte Meinungsäußerung richtet, sondern diverse Begriffe geschaffen, die eine Teilhabe an der öffentlichen Auseinandersetzung – so sie denn noch stattfindet – mit publizistischer wie persönlicher  Ächtung bedroht. Dazu gehört der Vorwurf des Antisemitismus genauso wie der des Schwulenhassers, der Islamophobie, des Rassismus & des Sexismus. Dabei wird die Keule moralischer Arroganz gegen all diejenigen geschwungen, die sich vor diesen ihres eigentlichen Sinns beraubten Termini nicht in den Staub zu werfen bereit sind. Üblicherweise wird der Sprachgebrauch durch völlig überzogene & unreflektierte Attribute bewußt überdehnt & aus dem Kritiker ein „Hasser“ oder „Phobiker“, der, weil nun psychopathologisch verleumdet, von jeder Seriosität auszuschließen ist. Damit wurde, noch einmal Botho Strauß, eine eigene bigotte Frömmigkeit des Politischen, des Kritischen und All-Bestreitbaren geschaffen. Sprache als Herrschaftsinstrument, auch das ist nicht neu in Deutschland.

Was bleibt, wenn die Gegenreaktion auf die Zumutungen der postmodernen Infragestellung alles Hergebrachten, die Negierung von Kultur, Tradition & selbst der Natur, ausbleibt, oder, weil zu verhalten formuliert, im grellbunten Karneval der Allesistmöglich –  Propagandisten untergeht. Die an Bilder von James Ensor erinnernden Gestalten, die ihren eigenen Untergang betanzen, mögen als Warnung unzulänglich erscheinen. Wenn dem so ist, bleibt die Sezession, die Abtrennung vom sog. Mainstream, ein mutiges Ideal. Nichts anderes als Jüngers Waldgang kann dann das Ziel sein: die gewollte Separierung des sich Abwendenden von einer Welt der Manipulationen & der Hinwendung zum eigenen Untergang. Der Waldgänger wird feststellen, daß er sich in der Abkehr verortet, wie Richard Millet es formuliert, was für mich bedeutet, von lange zu lieb gewonnener Akzeptanz des inneren Widerspruchs zu einer Klarheit der Distanz & schließlich des Ausstiegs zu gelangen. Hierbei kommt, wie Eingangs bemerkt, der Boden ins Wanken. Das Sinnbild der Entwurzelung, also des Abschieds von etwas, was sich als politisch gesellschaftliche Heimat untauglich, ja unwürdig erwiesen hat, ist ein Akt der Bewegung, ein Aufbruch zu etwas noch Unvollkommenem, dem Verborgenem noch nicht ganz Entrissenem. Wie könnte es anders sein, denn trotz des allgemeinen schrillen Untergangstanzes bleibt eines gewiß: Das Leben ist Bewegung, wenn es denn Leben ist.

Oktober 3

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse