Juli 26

Die Angst vor dem Fremden

… ein Zwischenruf

 

„Es ist immer möglich, eine größere Menge Menschen in Liebe an einander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben“.

                                                                                                           Sigmund Freud (1930)

“Dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist.“

                                                                                                           Sigmund Freud (1919)

 

Täglich kommen in Hamburg derzeit ca. 200 (plus x) Menschen an, die gemeinhin als Flüchtlinge bezeichnet werden. Die Ursachen hierfür setze ich als bekannt voraus. Diese Menschen wollen untergebracht werden. Irgendwie, denn auf diesen Ansturm ist niemand vorbereitet. Die Stadt nicht, die Ein- & Anwohner nicht, die Flüchtlinge nicht, die Linken nicht & die LINKE auch nicht. Niemand weiß, wo & wie lange diese Menschen bleiben werden. Sie sind erstmal da. Einige Tatsachen: Im 1. Halbjahr 2015 wurden 5725 Menschen untergebracht, genau so viele wie im gesamten Vorjahr (Hamburger Abendblatt), allein im Juni 2015 kamen 1400 Personen. Dem DRK gehen die Zelte aus, ein Zelt kostet 1000,- €. Das angemietete Security – Personal, das Zelt- & Containerlager bewachen soll, wird knapp. Im Jahr 2014 standen in Hamburg 798 000 qum Bürofläche leer. Es stehen mehrere ungenutzte Kasernen leer, diese sind allerdings für zukünftigen Wohnungsbau vorgesehen. Die Informationspolitik des Senats bzw. der zuständigen Ämter & Behörden ist verheerend. Neulich wurde in Jenfeld, einem sozial äußerst labilen Stadtteil mit hohem AfD Stimmenanteil, ohne Vorabinformation der anliegenden Einwohner versucht, eine Zeltstadt für Flüchtlinge aufzubauen. Der erste Versuch wurde nach einer Blockade der Zufahrt abgebrochen. Im feinen Harvestehude klagten Anwohner erfolgreich gegen die Unterbringung auf einem ehemaligen Militärgelände & ließen sich ihren Stadtteil gerichtlich als „besonders schutzwürdige hervorgehobene Wohnlage“ attestieren. Der SPD / Grünen Senat hat deutlich gemacht, dies nicht hinnehmen zu wollen & den Bebauungsplan geändert.

Linke reagieren reflex- & klischeehaft mit Verdächtigungen, Vorwürfen & Beschuldigungen gegen diejenigen, die neben den Flüchtlingen ebenfalls betroffen sind: die Anwohner, die mit dem Unbekannten, dem Fremden & Unangekündigten konfrontiert werden. Rassismusvorwürfe sind allzu schnell bei der Hand, auch Nazis werden gerne schon mal am Werk gesehen. Anstatt zu erklären, zu vermitteln, zuzuhören, für ein Miteinanderauskommen zu werben &  die Situation zu entschärfen, werden Anwohner & sich betroffen Fühlende mit linken Gewißheiten pädagogisiert. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was einzig sinnvoll wäre, nämlich für eine Situation zu verstehen, die für beide Seiten, die Flüchtlinge & die Anwohner, neu & unangenehm ist, oder glaubt tatsächlich jemand, plötzliche massive Veränderungen des Altbekannten werden sofort & bereitwillig antizipiert.

Die Flüchtlinge kommen, wir alle haben dies zur erstmal Kenntnis zu nehmen. Es werden noch weit mehr kommen. Die Zeiten des Jubelns werden vergehen, es kommen härtere Tage. Das ist nicht einfach, im Gegenteil, es erfordert von allen Beteiligten große Anstrengungen, es stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen ,sehr viele vor eine nachvollziebare Überforderung. Dies ist erstmal als Tatsache zu akzeptieren. Wir werden alle erleben, daß Situationen entstehen, die keiner will. Wir werden erleben, daß ernsthaft darüber diskutiert werden muß, wer bleibt & wer nicht. Das wird & muß entsprechende Konsequenzen haben. Wer bleibt, muß integriert werden, er muß allerdings auch zeigen, daß er oder sie dazu bereit ist. Dies ist keine Einbahnstraße. Altlinke Phrasen & Betroffenenbelehrungen führen zu gar nichts, sie erreichen das Gegenteil. Linke tun derzeit gut daran, das eigene Maß an Bildung, Hintergrundwissen & politischer Korrektheit nicht zu verallgemeinern, denn sie sind nicht die Allgemeinheit, auch mit noch so viel moralethischem Hochmut nicht. Die Situation ist zu schwierig & zu komplex & es gibt leider nicht nur bei Nazis die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Einfache Antworten hingegen wird es zukünftig noch weniger geben können, als gegenwärtig. Zumal dieser Staat offenbar beschlossen hat, Teile seiner Rechtsordnung zu suspensieren – worüber merkwürdigerweise niemand sprechen mag, es wird beredt geschwiegen. Gefragt ist die ernsthafte Bereitschaft, das Problem, denn genau das ist es, von allen Seiten zu betrachten & nicht nur durch die rosarote Gutmenschenbrille.

Juli 3

Der Lampenputzer

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ‚Ich revolüzze!‘
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
Schrie: „Ich bin der Lampenputzer
Dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt.

Erich Mühsam