Juni 3

Auf der Werft

… Jazz (?) zwischen Himmel & Kränen

Hört man sich unter Jazzmusikern in Hamburg um, so kann man feststellen, Genügsamkeit ist Trumpf. Die Situation; eine immer größere Schar gut ausgebildeter junger Leute, denen technisch meist nichts mehr fremd ist, die in vielen Fällen auch künstlerisch bereits über ein beachtliches Profil verfügen, versucht zu überleben. Dazu ist jedes Mittel recht. Unterricht, kleine & kleinste Auftritte, oft mit Musik, die mit dem, was man eigentlich studiert hat, nichts zu tun hat, Versuche, durchaus nicht unerfolgreich, der Selbstorganisierung z.B. im Jazzbüro, ein unerschütterliches Vertrauen in die eigene Fähigkeit zur Selbstausbeutung, & eine hohe innere & äußere Mobilität. Das alles trifft auf eine weitgehend ignorante Kulturbürokratie, die sich gerne mit Erfolgen brüstet, zu denen sie nichts beigetragen hat. Im Jazz gilt, wie überall: Künstlerischer Erfolg an sich ist nicht zwangsläufig ein Ausdruck von materieller Qualität: auf Einen der „es geschafft hat“, kommen Hundert, die am Rande des Existenzminimums dahin spielen, versuchen, in diversen Formationen zu reüssieren, & letztlich ohne nervige Schüler finanziell bankrott gehen würden. Dabei ist es so, daß im deutschen Jazz durchaus große Namen auch international bekannt & erfolgreich sind. Von Till Brönner, von dem ja nicht wenige behaupten, er spiele Schlager statt Jazz, über Rolf & Joachim Kühn, Michael Wollny & Klaus Doldinger u.v.A. spannt sich ein weiter Bogen unterschiedlichster Stile & Vorlieben, denen der kommerzielle Erfolg ein finanziell zumeist abgesichertes Leben ermöglicht. Wollny z.B. beweist, daß dies auch weit abseits des sog. Mainstreams möglich ist. Es darf allerdings nicht vergessen werden, daß jenseits dieser Wenigen, die Vielen versuchen, das Ringen um die materielle Existenz mit ihren künstlerischen Vorstellungen vereinbaren zu können. Spannende Musik findet – nicht nur in Hamburg – entweder auf kleinen Bühnen oder auf Festivals statt, deren Anzahl & Wahrnehmung in den letzten Jahren erfreulicherweise deutlich zugenommen hat. Das dies in der öffentlichen Wertschätzung zu einer Veränderung der beschriebenen Zustände geführt hätte, ist indes nicht zu beobachten. Jazz ist in der öffentlichen Wahrnehmung & medialen Verwertung vielleicht auch deswegen heutzutage eine Art Sammelbegriff geworden, unter dem alles abgelegt wird, das aus anderen Schubladen irgendwie heraushängt. Das mag man, je nach traditioneller Bindung als Zumutung oder Bereicherung empfinden. In den letzten Jahren bin ich selbst vom ersten zum zweiten Standpunkt gelangt, weil ich gelernt habe, daß der Blick über den traditionellen Tellerrand der reinen Lehre sehr schnell zur reinen Leere führen kann, & es letztlich beim Jazz schon immer & zu einem wichtigen Teil auch um Freiheit ging. Zum anderen ändert sich nichts an der Tatsache, daß es auch weiterhin eigentlich nur gute & schlechte Musik gibt. Wie beim Jazz, so überall.

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Umso erstaunlicher ist die Existenz des Elbjazzfestivals, welches nunmehr zum 6. Male stattgefunden hat & dieser Entwicklung in prägnanter Weise Ausdruck verleiht. Die meisten der dort Spielenden kennen sicherlich nur Eingeweihte. Die großen Namen fehlen zunehmend, diesmal waren es lediglich Dee Dee Bridgewater & Rolf Kühn, Michael Wollny & Monty Alexander, desweiteren vielleicht die NDR Bigband, Enrico Rava, Giora Feidman, &, aber dazu später, La Brass Banda, die als bekannt bezeichnet werden können. Insgesamt fanden binnen 48 Stunden 50 Konzerte vor 15000 Zuschauern auf 10 Bühnen statt, die, zumeist open air, auf dem Blohm & Voss Werftgelände bzw. am & im Hafen aufgebaut waren. Zählt man die Veranstaltungsorte für das Rahmenprogramm mit, kommt man auf 23 Orte, auf, an & in denen das Festival stattgefunden hat. Betrachtet man die dafür erforderliche Logistik, also Bus- & vor allem Barkassenshuttle, Ton- & Lichttechnik, Gastronomie & Auf- bzw. Abbau, wird deutlich, was für ein riesiger Aufwand hier betrieben wird. Da dieses Jahr mal wieder das Ende des Monats Mai mit Anfang April verwechselt werden konnte, & sich dies als unmittelbare Folge des Klimawandels wenn überhaupt nur rein zufällig ändern wird, denkt man mit Sehnsucht z.B. an das Jahr 2012, wo über 20 000 Zuschauer an 2 Sonnentagen das weitläufige Werftgelände füllten. Dies dürfte vor allem den Veranstaltern & den Sponsoren so gehen. Ich persönlich hatte den Eindruck, daß dieses Jahr mit der Zahl von 15 000 Zuschauern ein wenig übertrieben wurde. Überhaupt: Sponsoren. Es ist leider so, daß ohne diese ein derartiges Festival heutzutage undurchführbar ist. So wetteifern neben den Bands auch VW, American Spirit, Jever, fritz cola u.v.A. um Aufmerksamkeit. Den Befürwortern unkommerzieller, sich selbst tragender Veranstaltungen Marke umsonst & draußen sei deswegen an dieser Stelle auch nur entgegnet: Vergeßt es ! Wie wäre es statt dessen mit der völlig berechtigten Forderung nach staatlicher Unterstützung, handelt es sich doch bei kulturellen Veranstaltungen um Produkte der öffentlichen Daseinsvorsorge, erst recht in Zeiten zunehmenden kulturellen Ballastabwurfs, wie er aller Orten statt findet, da Kultur offensichtlich für einen zutiefst überflüssigen & entbehrlichen Kostenfaktor gehalten wird, bzw. nur noch dann opportun erscheint, wenn sie als eine Art Leuchtturmfunktion – siehe Elbphilharmonie – vermarktet werden kann. Dies geschieht dann, so wird immer gerne behauptet, im Interesse „der Stadt“, die sich bei näherem Hinschauen dann allerdings auf die Hotel- & Gastronomiewirtschaft reduziert. Ich weiß nicht, wie hoch die Eintrittspreise ohne Sponsoring wären, im Vorverkauf waren dieses Jahr für das Kombiticket 79,- € zu zahlen, Monate zuvor gab es ein deutlich verbilligtes sog. Early Bird Ticket, an der Abendkasse wurden 85,- € fällig. Die Ersparnis zu den beiden Eintageskarten lag bei ca. 30,- €. Darin enthalten waren wieder sämtliche Shuttles, der HVV Transport, sowie eine Stofftasche mit umfänglichem Programmheft. Das ist durchaus moderat, wenn nicht vergleichsweise günstig, denkt man an andere Eintrittspreise. Wenn Neil Young allein mit Mikrophon & Gitarre im Stadtpark schon vor Jahren 96,- € kostete, erscheinen die 79,- € für 2 Tage Elbjazz auch vor dem Hintergrund des Gebotenen & der beschriebenen Logistik geradezu als Schnäppchen. Die Preise für die angebotene Gastronomie, die sich in ihrer Vielfalt, wie jedes Jahr, sehr angenehm von den üblichen Hamburger Fress- & Bratwurstmeilen abhob, waren durchaus akzeptabel, was mitnichten auch günstig heißt.

Nicht nur ich denke, daß die Veranstaltungsorte, allen voran das B & V Werftgelände, einen wesentlichen Anteil am Erfolg des Festivals haben. Es ist schon etwas Einmaliges, gute Musik in einem Freiluftambiente zwischen Kränen, Containern & Schiffsschrauben zu hören, zu dem man sonst keinen Zutritt erhält. Die Anreise mit der Barkasse, das Wandern zwischen den Bühnen, das alles trägt ganz sicher zum großen Erfolg dieser Veranstaltung bei. Das Publikum ist, gemessen an sonstigen Jazzveranstaltungen überaus heterogen. Der Pöseldorfer Zahnarzt mit gelifteter blondierter Gattin ist ebenso vertreten, wie der leicht angezottelte junge Musikfreak. Sehr angenehm: der Altersdurchschnitt ist deutlich jünger, als bei sonstigen Jazzveranstaltungen. Am Donnerstag fand in der Maschinenbauhalle die Verleihung des Echo Jazz statt, einer Veranstaltung, die im Pop- & Klassikbereich sicherlich so fragwürdig wie entbehrlich ist, für den Jazz, seine Akzeptanz & Rezeption allerdings nicht unterschätzt werden sollte, auch wenn, wie stets auf derartigen Veranstaltungen der Schaulauf von A – C Promis absolut überflüssig ist; eine Branche & ihre Entourage feiert sich selbst, das Gebotene wird eher ertragen als verstanden. Gleichwohl sind unter den Preisträgern auch solche vertreten, die eher Sperriges darbieten & deswegen das allzu Gefällige immer auch ein wenig entlarven. Diesmal ging der Preis für das Lebenswerk an den deutschen Bassisten Eberhard Weber, der aufgrund eines Schlaganfalls nicht mehr in der Lage ist, sein Instrument zu spielen, diesem jedoch über die Jahre mit singulärem Klang & hoch individualisierter Spielweise unschätzbare Dienste erwiesen hat. Danke & Chapeau !

Was gab´s noch, ach ja, die Musik. Wie immer ist es ratsam, sich vor dem Besuch Zeit zu nehmen, die vorbildliche Webseite des Festivals aufmerksam zu studieren, alle Interpreten werden mit Text & facebook- bzw. you tube links vorgestellt, so daß es möglich ist, ein individuelles Programm zusammenzustellen. Zusätzlich kann man sich treiben lassen & interessante Entdeckungen machen. Auch nur annährend alles sehen zu wollen, ist unmöglich. Meine persönlichen Höhepunkte dieses Jahr waren: das Orchestre National de Jazz unter dem Gitarristen Olivier Benoit. Pianistin, Keyboarder, drums, Baß, Gitarre, eine vierköpfige Bläsersektion & ein Geiger spielten eine Musik zwischen Avantgarde, Neuer Musik & freien Jazzsoli, die weitgehend auf polyrhythmischen gegenläufigen Ostinati & sich tonal reibenden Klangflächen bestand. Das hatte über weite Strecken den Klang neuer Kammermusik & war ungemein faszinierend in ihrem schillernd irrlichternden Oszillieren. Als Kontrastprogramm durchbrach danach ein fetter Sonnenstrahl aus Hollywood die kalte graue Hamburger Himmelstristesse: Dee Dee Bridgewater erschien zusammen mit dem phantastischen jungen Trompeter Irvin Mayfield auf der Bühne & bewies, daß den US – Größen im Showgeschäft tatsächlich niemand das Wasser reichen kann, wenn die Bedingungen stimmen. & die stimmten nicht nur, sie waren perfekt. Begleitet wurden sie sehr ansprechend von der finnischen UMO Bigband. Die 65 – jährige Bridgewater, in exaltiertem Versage – Aufzug, raunte & krächzte, schmachtete & krähte, lockte lasziv oder schmetterte euphorisch ein Programm mit New Orleans Songs ins Publikum, das sie von ihrem bloßen Erscheinen auf der Bühne an um den Finger gewickelt hatte. Ihre arg hormonlastige Interaktion mit Irvin Mayfield mag als grenzwertig angesehen werden, es ist sicherlich auch legitim, bei derartig pompösem Hollywoodhochglanz ein gewisses Unwohlsein zu empfinden, dennoch: Es dürfte sehr schwer sein, dieser Ausnahmesängerin, die auch mit 65 Jahren nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt hat, irgend etwas entgegensetzen zu wollen. Die stimmlichen Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, sind schlicht überwältigend, ihre Bühnenpräsenz beeindruckend, die Songs außerhalb jeden Zweifels & es fällt schwer, sich dieser Performance zu entziehen. Irvin Mayfield verfügt mit seinen jungen Jahren über so erstaunliche technische Fähigkeiten wie Zirkularatmung & Flatterzunge, besticht durch ein profundes musikalisch künstlerisches Spiel & erntete dafür völlig zu Recht Ovationen. Dabei spielte er sich nie in den Vordergrund & ließ der begeisterten finnischen Bigband Raum, ihren schönen transparenten Klang zu entfalten. Ein besonderes, ein großes Konzert.

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Danach gab´s wiederum ein Programm, welches dem vorherigen diametral entgegengesetzt war. Der italienische Trompeter Enrico Rava spielte mit seinem blutjungen Quartett aus Gitarre, Baß & Schlagzeug die hochverdichtete & introvertierte Musik, die man von ihm kennt. Es gab keinerlei Interaktion mit dem Publikum, das Geschehen auf der Bühne spielte sich ausschließlich zwischen den Musikern ab. Der Gitarrist verdichtete seine tonal brüchigen & fragilen Arpeggi zu flächigen Klanggestalten, die eher an David Lynch Filme als an irgend eine Form von Jazz erinnerten, Rava gab ihm den nötigen Raum. Das Geschehen auf der Bühne bekam mit jedem Stück eine höhere Verdichtung, eine größere Spannung, knüpfte das tonale & rhythmische Netz enger & kleinmaschiger, nutzte zuletzt die Gitarre als Geräuschgenerator mit schrillen wilden Trompetenkaskaden besetzt, um sich dann in einer letzten, swingähnlichen schnellen Nummer wieder aufzulösen. Beeindruckend.
Wenn das Volk tanzen will, braucht es simple, möglichst stampfende Rhythmen & (wenn überhaupt) eingängige Melodien. Das Volk will dann auch angemessen bespaßt & unterhalten werden & ist insgesamt an einem karnevalhaftigen Geschehen interessiert. Da Jazz zwar Vieles kann, das eben Genannte aber nun grad mal nicht, bedarf es eines kleinen Tricks: man nimmt einige Blasinstrumente, die im Jazz ja eine gewichtige Rolle spielen & hofft, daß in der massenhaften Begeisterung über das Geschehen keiner merkt, daß das Gebotene absolut nichts mit Jazz zu tun hat. Auch bei weitestmöglicher Auslegung des Eingangs über diesen Begriff Gesagten nicht. Konnte das in den Vorjahren mit Hauptacts wie Jamie Collum oder Gregory Porter noch halbwegs elegant kaschiert werden, ging´s diesmal im wahrsten Sinne des Wortes krachledern daneben. Um halb zwölf erschienen auf der Hauptbühne, vor restlos vollem Hause sozusagen, einige krachledern behoste wild zappelnde & hüpfende, wie blöd durcheinander rennende, mit dem bajuwarischen Idiom kokketierende junge Männer & boten zwei verschiedene Rhythmen, Ska & Polka, nebst dazugehörigen 3 – Ton Melodien. Die Masse zeigte sich euphorisiert angesichts dieser Brutalbespaßung, die Stücke wurden i.d.R. mindestens einmal unterbrochen, um kleine Geschichtchen zum Besten zu geben oder dem Volk mitzuteilen, wie es sich zu bewegen habe. Humptahumpta Täterääh ! auf & nieder gehüpft, mit den Armen gerudert, Träärräääh ! & auf der Stelle galoppiert, bayrischer Polkaworkout zur späten Stunde. Was soll das ? Vielleicht ist es ja tatsächlich so, daß selbst diese Darbietung zum Türöffner für dem Jazz zumindest Verwandtes herhalten kann, bestenfalls liefern die Leute, wenn sie tatsächlich dieser Darbietung wegen gekommen sind, einen Haufen Kohle ab, der dem Jazz weiterhin die Bühne dieses Festivals zimmern kann. Aber trotzdem: La Brass Banda, nein danke, & nicht nur hier an diesem Ort. Das war perfektes Entertainment für das, was es sein will, es ist in hohem Maße massentauglich, wird von klassisch ausgebildeten Musikern mit großer Präzision dargeboten, dem Publikum vermittelt, man sei zur Ergötzung jedes einzelnen hierher gekommen – alles schön & gut. Ich bin elitär genug zu sagen, das mag ich nicht, derartiger Belustigung stehe ich strikt ablehnend gegenüber, soweit geht die Bekehrung nicht. Die Freiheit nehme ich mir.

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Am Samstag gab´s zur Eröffnung das Cadenza Collective, ein Ethno – Funkjazz Quintett aus Kathmandu / Nepal, welches schlicht großartig war. Musikalisch zwar grundsätzlich nichts besonderes, aber gesungen wurde in der Landessprache, der Gitarrist spielte der traditionellen nepalesischen Volksmusik entlehnte Skalen & das Ganze kam mit einer überwältigenden Menschlichkeit & Wärme ins Publikum herab, welches die Combo frenetisch feierte. Weltmusik im allerbesten, im wahrhaftigsten Sinne. Recht so !
Ansonsten gab´s mit dem nervigen & langweiligen Geklöppel des Trio Ivoire (Klavier, Balafon, eine Art afrikanischer Marimba, & Schlagzeug) das Programm: Jazz für Werkstatt 3 Besucher (für Uneingeweihte: die W 3 ist der Treffpunkt von Leuten, die Menschen anderer Kontinente für die grundsätzlich besseren halten & bei entsprechender Musik automatisch in von entrücktem Dauergrinsen begleitetes Zucken verfallen). Wahrscheinlich fehlt mir dafür das Bewußtsein. Mea Culpa.
In die Maschinenbauhalle war kein Hineinkommen mehr, sodaß ich den Auftritt des Trägers des diesjährigen Hamburger Jazzpreises, den Saxophonisten Sebastian Gille, leider nicht sehen konnte. Schade. Da ich leider zeitig weg mußte, blieb noch eine Viertelstunde Verneri Pohjola, ein finnischer Trompeter, der mit seinem Quartett sehr angenehm Konventionelles spielte.
Was bleibt, ist auch dieses Jahr wieder die Freude darüber, daß es diese Veranstaltung überhaupt gibt, die rasende Hoffnung, daß es sie auch weiterhin geben wird, sowie die zahlreichen Entdeckungen, die es hier stets auf´s Neue zu machen gilt.

Photos: Klaus Scholz