April 29

verteidigung des selbstbildes

die angst vor misserfolg
sie fraß mich krümel blieben
verwerflich war mein glaubenssatz
mich hat er aufgerieben
der welten nervenenden
sind mir ins knochenmark geschrieben
der letzte zielkonflikt
ihn hab ich ausgeschwiegen

summierte irrelevanzen
distanzen ohne lohn
ein trottendes gewohnheitstier
halb träge noch halb schläfrig schon
die blutarmut genehm
den herzschlag voller zorn
aufs kopfschütteln gepolt
ein dorn sticht sich am dorn

ein wertneutraler kraftausbruch
ein lachen noch im ärgsten fluch
ein treiben ins vergessen
ein vorher land vermessen

Arne Rautenberg

April 16

Warum ich aufhörte


. . .  Tagebuch zu schreiben  . . .  
Dem Andenken von Günter Grass gewidmet

 

„Die Schöpferkraft eines Autors folgt leider nicht immer seinem Willen; das Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, gegenüber.“

„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren.“

Sigmund Freud

 

 Im September 2014 habe ich aufgehört, ein Tagebuch zu führen. Ich habe dies viele Jahre lang sehr regelmäßig getan & notiert, was am Tag geschehen war & unter welcher Befindlichkeit. Dann wurden die Einträge in den letzten Wochen immer spärlicher, immer seltener. Oft wirkten sie bemüht & gequält. Bald war klar, daß der bloße Abriß des Tagesgeschehens  schon beim Schreiben keinen Spaß mehr machte, geschweige denn beim Wiederlesen. Unerhörtes gab es mir selbst nicht zu berichten, Inhalte von Selbstentäußerung oder tieferer Einsicht fanden sich im parallel sehr sorgsam geführten Analysetagebuch & vom Erkenntnisgewinn her betrachtet, war dieses nicht nur weit ergiebiger, sondern auch deutlich substanzvoller. Zwei TB´s in Konkurrenz zu- bzw. gegeneinander erscheinen mir unangebracht, könnten sich aufgrund der Reduziertheit entweder auf den Tagesablauf oder auf seelische Prozesse zwar ggf. durchaus ergänzen, sind jedoch zum Einen doppelte Arbeit, zum Anderen weitgehend unbefriedigend, weil mir selbst letztlich schwer vereinbar.

Das Zurückschrecken vor der Banalität des tatsächlichen Lebens, das, vor sich selbst willfährig niedergeschrieben, nicht nur etwas erschreckend Gleichförmiges, sondern geradezu abstoßend Banales & Langweiliges hervorbringt, ist selbstquälerisch & enttäuscht auf vielfältige Weise die Erwartungen an die eigene Existenz. Diese wiederum, vielfach & erstaunlicherweise ja durchaus akzeptiert eingeschränkt & kompromißbehaftet, straft jeden Versuch Lügen, ihr auf sozialkompatible Art zu entkommen bzw. ihr auch nur in Teilen das abzugewinnen, was ich selbst von ihr erwarte. Nun ist das Ringen mit den Erwartungen oder vielmehr das Erkennen der Bedeutungslosigkeit dieser Erwartungen bzw. deren immerwährende Nichterfüllung auch ein Gegenstand seelischer Befindlichkeit, der innerhalb der Analyse einen nicht unbeträchtlichen Raum einnimmt. Die Frage ist, ob die Fähigkeit, sich aus der lebenslang erlernten & erfahrenen Lähmung zu lösen, tatsächlich der große Sprung nach vorne ist, oder in ein leeres Becken. Das Mißtrauen in das eigene Vermögen zur vollständigen oder auch nur weitgehenden Umsetzung zugegebenermaßen hoch gesteckter Ziele bleibt nach wie vor groß. Davon allerdings zeigt sich jegliche Erwartung überwiegend unbeeindruckt.

Letztlich war dies der Grund, das TB – Schreiben aufzugeben, weniger als bewußt gefällte Entscheidung, denn als sich verfestigender Prozeß, dem die Erkenntnis zugrunde lag, das Erschrecken über die so oft gefühlte Leere, die ewig gleichen nagenden bohrenden & zermürbenden Fragen an die Welt & an mich selbst, die sich wiederholenden Konflikte & Zweifel, die sich scheinbar endlos aneinander reihenden depressiven Abstürze & die damit einhergehenden Suizidphantasien, zumindest jedoch die Wünsche nach dem eigenen Verschwinden, sozusagen als Herauslösung & Auslöschung des eigenen Selbst aus dem Weltgeschehen auch noch regelmäßig zu reproduzieren. Der Abschied von der Welt hat ein Ziel: ein kleines altes italienisches Bergdorf in Meeresnähe, klare Luft, der Duft nach Rosmarin & Fenchel, Esel & wenig Menschen.

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 Es bleibt allerdings der Wunsch nach Hoffnung & der Verdacht, daß diese nicht ganz unberechtigt sein mag. Letztlich siegt der Mitteilungsdrang, was froh stimmen könnte, wenn ich mir vor Augen führte, daß allein sein erneutes Auftauchen eine Besserung des allgemeinen Zustandes beschreibt. Groß allerdings bleibt das Mißtrauen, denn das Eis ist dünn, auf dem ich mich bewege, augenblicklich ist das Knacken allerdings seltener geworden als gewohnt & die Risse haben sich als weniger gefährlich erwiesen. Seine Substanz bleibt möglicherweise vom frühlingshaften Tauwetter verschont. In diesen Momenten bekommt auch die graue Eintönigkeit etwas Farbe, & der Wunsch nach Sprache & Ausdruck, nach Mitteilung & Teilhabe erscheint nicht mehr so unerreichbar & dies alles der Wirklichkeit, dem Leben, abringbar.

Es zeigt sich, daß die Notwendigkeit zu schreiben – wie pathetisch das klingt – unverzichtbar ist. Ich habe geschrieben, seit ich denken kann. Ziel- & planlos, wahllos, schlecht & recht, alles war möglich, & manchmal war sogar etwas Brauchbares dabei. TB – Schreiben war nie oder nur selten die Suche nach Ausdruck, vielmehr der Versuch einer Selbstrealisation durch das Nacherleben von Wahrheit & Wirklichkeit, ganz so, als könne es beides geben in der Welt. Der Verzicht schien schuldbehaftet, wieder ein Versagen, noch eine Kapitulation vor der selbstgewählten Notwendigkeit. Die Gewöhnung kam schnell, da die alltägliche Banalität dadurch erträglicher wurde.

Das, was auf den Seiten dieses Blogs zu finden ist, hat eine andere Qualität, weil mir mein Erleben lediglich als Filter zwischen mir & dem Gegenstand meiner Betrachtung zu dienen scheint. Dadurch entsteht eine gewisse Neutralität. Diese nutze ich, mich emotional auf den Gegenstand, über den ich schreibe, einlassen zu können. Dieser Gegenstand ist realer als mein eigenes Sein, zumindest als meine Vorstellung davon. Diese Herangehensweise erlaubt es mir, mich auf das, worüber ich schreibe, verlassen zu können, was relativ leicht ist, weil ich ausschließlich über Dinge schreibe, denen ich mich, im Positiven, wie im Negativen, nahe wähne. Diese subjektive Art der Auseinandersetzung schafft eine persönliche Objektivität, die mir anders schwer erreichbar erscheint. Eigentlich ist sie anders überhaupt nicht vorstellbar. Sie verhindert, daß unter dem Primat des rein persönlichen Erlebens Ungenaues & Falsches überhand nimmt. Dieser scheinbare Widerspruch schafft somit erst den Freiraum des schreibend Aufrichtigen, auf das ich sehr viel Wert lege. Andere nennen das vielleicht Redlichkeit.

Was also bleibt: schreibend sich selbst zu entdecken & zu vergewissern, die eigene Existenz zumindest in diesen Momenten als gesichert anzusehen.

April 8

Einer nur und einer dienen

Einer nur und einer dienen
Das ermüdet meine Seele.
Rosen nur und imer Rosen
Andre Blumen blühn noch bunter

Wie die Bienen will ich schwärmen
Mich in Traubenglut berauschen
In der Lilie Weis mich kühlen
Ruhen in der Nacht der Büsche

In die heitre freie Bläue
In die Unbegränzte Weite
Will ich wandlen will ich wallen
Nichts soll meine Schritte feßlen

Leichte Bande sind mir Ketten
Und die Heimat wird zum Kerker.
Darum fort und fort ins Weite
Aus dem engen dumpfen Leben

Reg erfaßt mit regem Sinne
Alles Holde alles Schöne
Keinem ganz sich hingegeben,
Keine Gränze dem empfinden

Wehe! wer mit engem Sinne
Einem nur sich Einem weihet
Schmachvoll rächt sich an dem Armen
Alles was er streng verschmähet.

Karoline von Günderrode

(der Text folgt der insel Verlag Ausgabe von 2006)