Januar 4

Dauernd jetzt

Helene Berg, Andrea Fischer, die unheiligen Sportfreunde & der Herbert …
Bemerkungen zum Elend der deutschen Popmusik & dessen Ursachen
 
 
 
Du hast mir so oft geschworen 

Das wir ewig sind, 

ein leeres Versprechen seit ich ihre Briefe find. 

Vom glorreichen Helden zum Lügner 

Geht ja schnell bei dir.

                                                    Andrea Berg / Du kannst noch nicht mal richtig Lügen

Drauf, drin – ich will nicht woanders hin
Neu, deutsch – gemeinsam der Laden läuft
Die Augen an für den Nebenmann

                                                  Herbert Grönemeyer / Unser Land

 

10 000 Menschen jeden Alters, Männlein wie Weiblein, klatschen begeistert gemeinsam streng gegen den Takt einer etwas ungelenken Endvierzigerin zu. Diese, angetan mit einem ledernen Corsage- & Strapsoutfit, piekst ständig mit dem Zeigefinger in die Luft & stapft über eine viel zu große Bühne: der bundesrepublikanische Unterhaltungskonsens strebt einem seiner traurigen Höhepunkte entgegen. Du hast mich tausendmal belogen … stimmt. Man muß das gesehen haben, um es zu glauben. Das ist nicht schwer, es wird fast wöchentlich, manchmal auch öfter, im Fernsehen übertragen. Vorzugsweise in den Dritten, die ja einst als Refugium der Kultur & des Anspruchs galten.

Szenenwechsel. Ein Stadion in Hannover, vielleicht auch in Bochum – obwohl, das VFL Stadion ist ganz sicher zu klein: ein linkisch zappelndes Männlein mit leicht struppigem Blondhaar tappst über die Bühne, bellt Unverständliches ins Mikrophon, wobei er die mittleren Silben seiner Sätze grotesk ins Zeitlose überdehnt. Mehrere 10 000 Menschen wiegen sich beseelt, möglichst mit Feuerzeug in der erhobenen Hand, im Takt & lauschen, beglückt mitsingend, der Darbietung auf der Bühne. Wer von derartig lebenssatter, nahezu sakral anmutender Authentizität nicht ergriffen ist, kann kein Mensch sein, denn … momentan ist richtig, momentan ist gut, nichts ist wirklich wichtig, nach der Ebbe kommt die Flut ... damit mal klar ist, wo die intellektuelle Meßlatte bei Deutschlands Lieblingssänger Nummer eins & seinem Publikum aus der bürgerlichen Mittelschicht bereits gerissen werden kann.

Wer der Meinung ist, im Folgenden wird´s sachlicher, wer also nicht begreifen mag, daß dies hier schon ziemlich sachlich ist, der sollte nicht weiterlesen. Wem sein Müsli ohne Konsenssauce unverdaulich gerät, der erspare sich die vielen folgenden Zeilen ebenfalls. & wer die Toten Hosen tatsächlich immer noch für eine Punkband hält, der hat´s eh nicht verstanden & wird sich auch weiterhin als unweckbar erweisen.

Kunstfest Wilhelmsburg, 20.7.2014
Kunstfest Wilhelmsburg, 20.7.2014
 

Popmusik, in ihrer Funktion als Emotionssurrogat & Ablenkungwerkzeug, erfüllt in den postmodernen westlichen Gesellschaften neben ihrem Warenwesen eine durchaus politische Funktion. Sie drückt aus, was an Brüchen, Aufbegehren oder deren Gegenteil als immanenter gesellschaftlicher Prozeß wahrnehmbar wird & eines scheinbar unpoltischen, sozusagen alltäglichen Ausdrucks bedarf. Schaut man in die Hit- & somit natürlich gleichzeitig in die Verkaufslisten,  muß einem, je nach Standpunkt, entweder übel werden, oder  aber die Champagnerkorken knallen angesichts derart konflikt- & problembefreiten flächendeckenden Flachsinns. Zum einen wird klar, daß die Einführung des Formatradios, also die öffentlich – rechtliche Masseninfantilisierung zur Abschaffung jeglicher Form & Möglichkeit individueller Geschmacksbildung, ungemein erfolgreich war. Nicht mehr der Hörer in seiner Funktion als interessierter Konsument entscheidet aufgrund unterschiedlicher Bereitstellung von Beispielen, was er gut findet & was nicht, sondern der Anbieter, in diesem Falle das Radio, diktiert dies ganz einfach durch Auswahlentzug. Dieser kulturellen Entmündigung wird kein erwähnenswerter Widerstand entgegengesetzt. Auch der Umstand, daß der sog. Bildungsauftrag, dem die öffentlich rechtlichen Medien laut Staatsverträgen unterliegen, nicht nur in diesem Bereich unerfüllt bleibt, hat daran nichts geändert. Vielmehr hat durch & seit der Einführung des privaten Rundfunks & Fernsehens ein Wettlauf um „die Quote“ begonnen, bei dem einzig die ö.r. Medien zu den Verlierern gehören, da sie der Verpflichtung, sich aufgrund eben dieser ö.r. Verfaßtheit von Quoten unabhängig zu verhalten, nicht nachgekommen sind. In vielen Bereichen hat geradezu ein Infantilisierungswettlauf eingesetzt, der, getreu dem selbsterfundenen Motto vom Zuhörer / Zuschauer, dem man Dies & Jenes nicht zumuten könne, den es keineswegs zu überfordern gelte, eine kulturelle & intellektuelle Wüste geschaffen hat. Der Hamburger Stadtsender NDR 90,3 hat jahrelang vor allem Schlager, garniert mit einigen Oldies gesendet, bis er nunmehr nahezu vollständig auf Oldies & die Elaborate von Helene F. & Andrea B. umgeschwenkt ist. Den einzigen musikalischen Lichtblick in der tonalen Wüstenei, die allwöchentliche Sendung Golden Memories, in der easy listening der 50er & 60er Jahre kompetent moderiert gesendet wurde, hat man für unzumutbar erklärt & durch eine Oldiehitparade ersetzt, bei der das, was eh schon den ganzen Tag läuft, einer durch Zuhörerwünsche zu wählenden Abfolge unterzogen wird. Ganz offensichtlich sind die Zuhörer mittlerweile genauso bescheuert, für wie man sie hält. NDR Kultur, früher NDR 3, hat bereits vor Jahren, kurz nach Aufkommen des privaten Klassikradio, das Senden von ganzen Werken der klassischen Musik für unzumutbar erklärt & sich auf satzweise Häppchen schmerzloser Spätbarock- & Klassikklänge verlegt. Die ehemalige Chefeinschlafhilfe von Klassikradio, Philipp Cavert, hat man gleich mit eingekauft, getreu der Aufforderung beider Sender, jederzeit völlig entspannt zu genießen. Musik als (Massen -)  Sedativ.

Eine weitere Ursache für den nahezu kompletten Verfall musikalischer Vielfalt ist eine atemberaubende Veränderung der Rezeptionsgewohnheiten besonders der sog. jungen Generation. Gab es früher – d.h. vor nicht allzu langer Zeit – ein Publikum, daß CD´s & Schallplatten kaufte, seine Lieblingsbands & -interpreten hatte & diesen i.d. Regel eine beachtliche Treue erwies, so hat die sog. Digitalisierung hier zu einem erschreckenden Umbruch geführt. Schaut man sich Bands & Publikum auf den mittlerweile zahllosen großen Festivals an, so ist festzustellen, daß Gesichts – & Namenslosigkeit allerorten spürbar sind. Was heute gefällt, ist morgen vergessen. Wer weiß in 2 Jahren noch, wen er damals auf der Bühne gesehen hat. Es ist auch vollkommen gleichgültig. Es zählt einzig der event – Charakter. Das Dargebotene ist austauschbar, Musik & Bands verkommen zur Staffage einer hedonistischen Selbstinszenierung. Der Musik ist dies überdeutlich anzuhören. Sie ist gleichförmig, glatt, gesichtslos, austauschbar, entindividualisiert wie ihre Konsumenten. Keine Kanten & Ecken, keinerlei Widerborsten zu haben, ist nicht Ergebnis, sondern Bedingung ihres Erfolgs. Jederzeit, natürlich umsonst, verfügbare downloads im Internet, die Selbstverständlichkeit einer folgenlosen freien Selbstbedienungsmentalität, die den Anspruch auf Urheberrecht & angemessene Entlohnung der Musiker als nicht vertretbare Zumutung begreift, bereiten dem Ergebnis einen wohlplanierten Weg.

 DSCN0320_2

Die gegenwärtig erfolgreichste Sängerin in Deutschland ist ohne jeden Zweifel Helene Fischer, über die der Kabarettist Dieter Nuhr neulich sagte, wenn er sie höre, ziehe ihm immer der Geruch von Glasreiniger in die Nase. Die Assoziation von SängerInnen mit Reinigungsmitteln ist nicht neu, ein anschauliches Beispiel aus den 50er Jahren dürfte Doris Day sein, das Ohrensagrotan der puritanischen weißen Mittelschicht. Weniger Sex geht nicht. D.D. ist so rein, so sauber & klinisch – steril, daß einem das Gefühl, so etwas wie einen Unterleib überhaupt zu haben, spontan abhanden kommt. So ist es bei Helene F. ebenfalls. Allein der Blick auf die Fotoübersicht bei Google verdeutlicht das Konzept. Porentiefe Sauberkeit, Weichzeichner, leicht überbelichtete highkey Fotos, das ewig gleiche, entindividualisierte Blendaxlächeln. Kein Mensch sieht so aus. & genau darum geht es, denn die, die das gut finden, wissen, daß sie keinem Menschen aus Fleisch & Blut zuhören, sondern einer Projektion, einer Erscheinung aus einer anderen, bitte sehr besseren Welt, einem optisch akustischen Tranquilizer. Das Problem bei Tranquilizern ist allerdings, daß sie abhängig machen. Der Umstand, daß die bislang letzte Veröffentlichung der Helene F. von 2013 mittlerweile deutlich über 2 Millionen Einheiten verkauft hat & seit über einem Jahr in den ersten 5 Rängen der Verkaufscharts zu finden ist, verdeutlicht in erschreckender Weise den Suchtfaktor ruhig stellender Drogen & die Brisanz ihrer gesellschaftlichen Funktion. Beruht der Erfolg von Andrea Berg vor allem auch darauf, daß sie im Kleingartenverein Bottrop – Süd als sexuelle Sehnsuchtsprojektion für frustierte Endfünfziger & als Beschallung trister Billigfleischgrillfeste dient, hat es Helene F. geschafft, zur allgegenwärtigen gesellschaftsrelevanten Größe aufzusteigen. Die eigene Fernsehshow am heiligen Samstagabend inklusive. Andrea B. hingegen hat das Unterschichtenimage nie abgelegt, sondern durch Musik, Text & geschmackloses Outfit manifestiert, ihr Erfolg basiert im Wesentlichen auf dem Fehlen jeder ironischen Brechung. Sie meint es, so verdeutlicht sie, ernst. Die stumpfe Monotonie des immer gleichen Dorfdiscobeats, Texte, die in hanebüchenem Pennälerdeutsch frei von Rhythmus & Syntax das Scheitern von Beziehungen, das Enttäuschtsein vom Partner & die Sehnsucht nach der sich als unerfüllbar erwiesenen sexuellen Liebe beschreiben, schaffen Verbundenheit & Identität. Die gewiss spannendste Frage, die sich bei Auftritten der Andrea B. stellt, ist allerdings immer noch die, wie sie es schafft, der immergleichen Hintergrundbeschallung den richtigen Text zuzuordnen. Ohne Teleprompter oder Monitorvorgabe sicherlich ein unmögliches Unterfangen.

Wenden wir uns einem relativ neuen Genre zu, welches ich als Schlagerrock bezeichnen will. Hat Rockmusik in ihrer Entstehung, ihrem gesellschaftlichen Umfeld & dem Sinn der Rezipienten einen umbruchverheißenden, rebellischen & auf Aufbegehren gerichteten Gestus, & zwar seit ihrer Entstehung, & war deswegen eine direkte Vorwegnahme oder Reaktion auf gesellschaftlich – politische Umbrüche, so hat sie heute diese Funktion weitgehend eingebüßt. Früh wurde von der Plattenindustrie der Warenwert auch der aufrührerischten Band erkannt & entsprechend vermarktet. Atlantic Records hatte keine Probleme damit, z.B. die Band MC 5 zu vermarkten, deren Ansager zu Beginn der ersten LP Kick out the Jams offen zu Aufruhr & Revolution aufrief. Ton Steine Scherben waren das Aushängeschild der linksradikalen Hausbesetzerszene in Berlin, bis sie vor ihrem eigenen Image & den damit verbundenen Unwegbarkeiten an die norddeutsche Küste flüchteten. Zeiten gesellschaftlicher Brüche & Unruhen, politisches Aufbegehren & das Gefühl allgemeinen Aufbruchs hatten stets einen rockmusikalischen Soundtrack. Die Thatcher – Jahre in Großbritannien brachten den Punk hervor, der allerdings, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im Vordergründigen, Nihilistisch – Individuellen versandete.
Im Jahre 2006 fand in Deutschland das sog. Sommermärchen statt. Die Antagonie zu Heinrich Heine´s Wintermärchen ( … denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht …) drängt sich dabei sicherlich nicht nur mir auf. Spätestens im schwarz / rot / goldenen Fahnenmeer dieses Sommers, war das Gefühl Wir sind wieder wer mehrheitsfähig. Ungestraft & frei von schlechtem Gewissen & Schuldgefühlen konnte ein scheinbar unbeschwerter Nationalstolz die überwältigende Mehrheit auch der jungen Menschen ergreifen. Die bayrische Band Sportfreunde Stiller lieferte mit dem Song 54, 74, 90, 2006 von ihrer Platte mit dem verheißungsvollen Titel You have to win Zweikampf den entsprechenden Soundtrack. Angesichts eines derartigen Imperativs gab es kein Halten mehr:

 Wir haben nicht die höchste Spielkultur,
sind nicht gerade filigran,
doch wir haben Träume und Visionen
und in der Hinterhand nen Masterplan
für unsre langen Wege aus der Krise
und aus der Depressionlautet die Devise:
nichts wie rauf auf den Fußballthron. 
Oliver am Klavier, Foto: Heidrun Scholz
Oliver am Klavier, Foto: Heidrun Scholz

Am 12. Dezember 2014 erschien mit Gipfelstürmer die angeblich letzte Platte des Projekts Unheilig. Der Vorgänger, Lichter der Stadt, aus dem Jahr 2012 hatte über 2 Millionen Exemplare verkauft. Geboten wird eine Musik, die euphemistisch als Rammstein für Schlagerfreunde bezeichnet werden kann. Ein bischen rollendes Rrrr, fette Gitarren & schwere Keyboards gaukeln Rockmusik vor, wo keine ist. Dazu singt der Sänger, der sich „der Graf“ nennt (& mit bürgerlichem Namen Bernd Heinrich Graf heißt):

Das Leben ist mehr als wir sehen
Schatten die an uns vorüberziehen
weinen wir aus Trauer und Schmerz

spüren wir das Leben tief im Herz
Ich denk an dich, nach so langer Zeit,
seh dich vor mir, dein Lächeln bleibt.

Auf Wiedersehen
stark wie ein Baum der in der Sonne steht

stark wie die Erinnerung die vorüberzieht
stark wie ein Engel der zum Himmel fliegt

Die Zeit steht still, die Erinnerung bleibt stehen

wann werden wir uns wiedersehen
Die Frage nach dem Sinn der Zeit
stellen wir uns, nur die Liebe bleibt.
Ich denk an dich, nach so langer Zeit,
such deine Wärme und Geborgenheit.

                                         aus Stark / Unheilig / Lichter der Stadt live

Die Frage ist, in welchem politisch gesellschaftlichen Raum kann so etwas ungeheuer erfolgreich sein & wird nicht als das wahrgenommen, was es ist, nämlich zutiefst lächerlich. Es kann auch nicht ganz zu Unrecht eingewandt werden, das die Denunziation des Publikums wenig zielführend ist. Dem kann allerdings entgegnet werden, daß es genau dieses Publikum ist, das Mist wie den hier beschriebenen erst möglich & erfolgreich macht. Die Ware Musik & deren Konsumenten gedeihen auf dem selben Grund. Im komplett entpolitisierten, entsolidarisierten Merkelstaat, in dem jegliches politische Geschehen als alternativlos dargestellt wird & in dem sich der Begriff der bildungsfernen Schichten längst auch auf die sog. Mittelschicht bzw. deren bröckelnde Rest anwenden läßt, herrscht offenbar Sehnsucht. Zum einen nach tatsächlichen Emotionen, da ggf. immer mehr Menschen dämmert, daß 165  facebook – „Freunde“ eben keine solchen sind, andererseits nach einer Art Friedhofsruhe, die ein Wegdämmern vor den sich deutlich abzeichnenden künftigen Zumutungen erstrebenswert erscheinen läßt. Lähmung hat sich längst wie Mehltau über eine im Grunde demoralisierte Gesellschaft gelegt. Da bleibt letztlich, & das ist das wirklich Gefährliche dieser Situation, nur die Flucht ins diffus Nationale, der Stolz auf´s „Vaterland“, ein Stolz also auf Dinge, mit denen der Einzelne selten etwas zu tun hat, die Sehnsucht nach einem emotionalen Überbau, der dem Wegbrechen von Solidarität & Mitgefühl, einem kreativen Miteinander, einer wachen, am Politischen noch halbwegs interessierten Gesellschaft Einhalt gebietet. Da kommt der Herbert grad´ recht … die Augen an für den Nebenmann... das könnte auch von Pegida stammen. Uns geht´s gut, wir sind wieder wer. Oder, wie Merkel´s grandioser Schlußsatz bei der Kandidatenrunde mit Peer Steinbrück im TV vor der letzten Bundestagswahl lautete: „Meine Damen und Herren, Sie kennen mich, Deutschland geht es gut und ich möchte, daß es so bleibt.“

Oder, um nochmals Unheilig zu zitieren:

Ich will einfach vergessen
All das was passiert
Und mich bei dir verstecken
Ich habe Angst mich zu verlieren.

                                           aus Ein guter Weg / Unheilig / Lichter der Stadt live

Fotos: Klaus Scholz

Januar 3

Die Winterreise

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus ?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht !

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad‘ um deine Ruh‘.
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu !
Schreib im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab‘ ich gedacht.

Wilhelm Müller (aus dem Zyklus Die Winterreise)