Oktober 31

Steht noch dahin

Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden,
ob wir eines natürlichen Todes sterben,
ob wir nicht wieder hungern,
Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen,
ob wir getrieben werden in Rudeln,
wir haben’s gesehen.
Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen,
den Nächsten belauern,
vom Nächsten belauert werden,
und bei dem Wort Freiheit
weinen müssen.
Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett
oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz,
ob wir es fertigbringen mit
einer Hoffnung zu sterben,
steht noch dahin,
steht alles noch dahin.

                                                                   Marie Luise Kaschnitz
Oktober 22

barocke Resonanzen

… das Freiburger Barockorchester & das ensemble resonanz oder die Qualität der Freiheit …

 

„ … Der Kriminelle, der Wahnsinnige, der Selbstmörder – sie verkörpern diesen Widerspruch. Sie verrecken in ihm. Ihr Verrecken verdeutlicht die Ausweglosigkeit, Ohnmacht der Menschen im System …“

                                                                                                      Gudrun Ensslin

 

Ouvertüre:

Im Januar 1997 wurde ich in der Hamburger Staatsoper Zeuge eines denkwürdigen Ereignisses. Helmut Lachenmann´s Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern nach Hans Christian Andersen´s bekanntem Märchen, wurde in der Regie von Achim Freyer & unter der Leitung von Lothar Zagrosek insgesamt 3 mal (!) aufgeführt. Im Gegensatz zu zweit- & drittklassigen Aufführungen der üblichen Abonnentenhitparade, die stets ein volles Haus garantieren, waren die Reihen an diesen Tagen arg gelichtet. Das hatte mindestens 2 Gründe. Für das gewöhnliche Abonnentenvolk war das, was hier zur Aufführung kam, mitnichten Musik, zum anderen wurden Texte des RAF – Mitglieds Gudrun Ensslin verwendet. Auch der Umstand, daß die Preise in Erwartung eines leeren Hauses halbiert wurden, konnte nicht dazu beitragen, die Reihen zu füllen. Der musikwissenschaftliche Universalgelehrte Klaus Umbach, seines Zeichens damals beim SPIEGEL angestellt als Leuchtfeuer & Leitbild aller Ahnungslosen & Kleinstkarospießer, schrieb einen heftigen Verriß, in dem sich der reaktionäre ungebildete Stammtischpöbel schenkelklopfend wiederfinden konnte. Helmut Lachenmann´s Musik ist die Emanzipation des Geräusches. Das Orchester spielte, auf Graben & Logen verteilt, auf seinem gewöhnlichen Instrumentarium. Allerdings anders als sonst. Gefragt waren Klappengeräusche, tonloses Blasen, Kratzen & Klopfen mit dem Bogen; die SängerInnen: Hauchen, Flüstern, Schreien. Diese Musik war ungeheuer spannend, sie war leise bis oft an die Grenze der Hörbarkeit. Am Ende aller musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten diesseits der Maschinen, wo alles abgeschafft & erprobt scheint, bleibt konsequenterweise das Geräusch. In der Ära Albrecht / Ruzicka der Hamburger Staatsoper, einer der kreativsten & Mutigsten nach dem Krieg, bleibt diese Aufführung Maßstab der Möglichkeiten. Nach dem Rausschmiß des großartigen & mutigen Duos Ingo Metzmacher / Peter Konwitchny wenige Jahre später, folgte das konstant traurige Mittelmaß hanseatisch belangloser Banalität & es besteht weiterhin keinerlei Gefahr, daß ein Ü 60 – Publikum dabei verstört werden könnte. Es herrscht wieder Friedhofsruhe im Parkett & Schlafes Bruder auf der Bühne.

DSC_0019_2

Rezitativ:

15 Jahre später: Im kleinen Saal der Musikhalle Hamburg sitzt auf der Bühne ein großer bärtiger Mann & beantwortet Fragen, die ihm ein beflissentlich dauergrinsender Moderator des schmierigen Stadtsenders NDR 90,3 stellt, der sowohl mit der Materie, wie auch mit dem Interviewpartner überfordert scheint. Lachenmann, Mitte Siebzig, antwortet gutwillig, überlegt & langsam, nicht frei von kleinen ironischen Spitzen. Man spürt, er will verstanden werden. Später, im Konzert, das ensemble resonanz spielt Notturno / Musik für Julia, ein 2 – sätziges Stück für Solocello & Kammerorchester, zeigt sich, warum der Komponist so unglaublich viel Wert auf´s Proben legt. & es zeigt sich noch etwas anderes: Diese Musik ist von gewöhnlichen Subventionsorchestern im öffentlichen Tarif eigentlich nicht spielbar. Sie erfordert zuviel Leidenschaft für das Neue, sie erfordert sehr viel Zeit, da sie ausgesprochen schwierig ist & sie erfordert viel Erfahrung im Umgang mit Neuer Musik. Subventionsorchester, also alle die, deren Musiker & Kosten zumindest weitgehend aus Steuergeldern finanziert werden, haben nichts davon. Zeit schon mal gar nicht, da die Probenzeiten tariflich geregelt sind. Wohin es führt, wenn der Chef mehr will, mußte Ingo Metzmacher in Hamburg zuletzt schmerzlich erfahren. Das o.g. Publikum mault schon, wenn sog. Klassiker der Moderne gegeben werden; Bartok, Stravinsky, Berg, Schönberg, gar Webern gelten als Kassengift, mit dem sich ein Publikum, das sich lächerlicherweise für musikinteressiert & -kundig hält, nicht das teuer bezahlte Absitzen eines Abo – Konzertes vermiesen lassen möchte. In der nunmehr 13. Saison präsentiert das Kammerorchester ensemble resonanz eine zumeist 6 – teilige Konzertfolge, Resonanzen genannt, mit eindeutigem Schwerpunkt auf Neuer Musik. Jedes Konzert enthält mindestens zur Hälfte Musik, die nach 1945 komponiert wurde, Uraufführungen von Auftragskompositionen sind keine Seltenheit. Es gibt einen sog. artist in residence, zuletzt war dies 3 Jahre lang der französische Ausnahmecellist Jean – Guihen Queyras, zur Zeit ist die Bratschistin Tabea Zimmermann in dieser Funktion für & mit dem Orchester tätig. Weltweite Konzertreisen sprechen für sich. Das e.r. finanziert sich ausschließlich über seine Einnahmen & über Spenden. Zu den weiteren Aktivitäten zählen Konzerte im In- & Ausland, verschiedene Konzert- & Aufführungsreihen außerhalb der Resonanzen, sowie eine rege pädagogische Tätigkeit. Das Niveau des Ensembles ist außerordentlich hoch, ganz sicher ist es zumindest Hamburgs bestes Orchester. Wer das Glück hatte, an einem Abend sowohl Musik von J.S. Bach, wie auch Neuzeitliches zu hören, & dabei erlebt, wie sich die Interpreten perfekt & mühelos in die jeweilige Ton- & Interpretationssprache einfühlen & den Eindruck vermitteln, jenseits jeglicher technischen Schwierigkeit Leichtigkeit, Eleganz & Tiefsinn hörbar werden zu lassen, der kann nur beseelt den Saal verlassen. Daß dies auch mit „normalen“ Eintrittspreisen möglich ist, daß die Konzerte stets gut besucht sind & daß das Publikum ziemlich gemischt ist, zeigt, es ist durchaus möglich, die Menschen auch für Musik zu begeistern, die anderen als Geräusch gilt.

DSC_0245

Arie:

Szenenwechsel. Konzerthaus Freiburg. Auf der Bühne sitzt das Freiburger Barockorchester & spielt Beethoven. Gottfried von der Golz dirigiert die 1. Sinfonie mal nicht von seinem Platz des Konzertmeisters aus, sondern steht am Dirigentenpult. Das Ergebnis hat so gar nichts mit den zumeist mehr oder weniger gelangweilt heruntergefiedelten Aufführungen der Subventionsorchester zu tun. Hier sitzen deutlich weniger MusikerInnen auf der Bühne & spielen nicht nur deutlich besser, sondern vor allem deutlich richtiger. Historisch informierte Aufführungspraxis nennt man das heute. Die Ausführenden sind in historischer Musikwissenschaft bewandert, kennen den aktuellen Stand der Forschung hinsichtlich Spielweise & historisch zeitgerechter Aufführungspraxis. Die Instrumente sind i.d.R. tatsächlich historisch, die Saiten nicht aus Stahl, sondern aus Naturdarm, die Bögen kürzer mit anderer Form, die Trompeten & Hörner ventillos, die Stimmung anders & die Lautstärke geringer. Der Klang ist feinnervig, transparent & weitgehend vibratofrei, die Tempi sehr zügig. Diese Musik ist spannend, sie atmet, sie lebt, sie pulsiert. Auf diese Weise wird die 1. Beethovensinfonie zu dem, was sie eigentlich ist: ein revolutionäres Stück Musik & kein betulich dahinplätschernder Spät – Hayden. Das FBO wurde Sylvester 1985 gegründet & hat sich seitdem einen internationalen Rang erspielt, der für ein frei finanziertes Orchester, das der historischen Aufführungspraxis verpflichtet ist, einmalig ist. Bis heute hat das FBO ca. 60 CD´s aufgenommen, vorwiegend bei dem vorwiegend auf Barockmusik spezialisierten Labels Deutsche Harmonia Mundi & Harmonia Mundi France. Bedeutende Dirigenten, wie z.B. Rene´Jacobs haben unzählige Male mit dem Orchester gearbeitet, in der Regel wird es jedoch von seinen beiden Konzertmeistern, von der Golz & Petra Müllejanz geleitet. Auch das FBO ist ein weiterer sehr lebendiger Beweis dafür, daß frei finanzierte Orchester bezahlbare Konzerte auf international höchstem Niveau veranstalten können.

Erneuter Szenenwechsel. Wieder Musikhalle Hamburg, Dienstag, 30. Mai 2006. Das FBO steht auf der Bühne & strahlt, klopft mit den Bögen auf die Pulte, das Auditorium rast vor Begeisterung, Petra Müllejans & Cecilia Bartoli liegen sich in den Armen, herzen & drücken sich. Ein wahrhaft berauschender Konzertabend ist zuende, die einzigartige Bartoli wird auf ihrer Deutschlandtour zum aktuellen Album Opera Proibita vom FBO begleitet. Man schätzt sich ganz offensichtlich sehr, diese Szene ist keine lockere Höflichkeit, sie zeigt gleichermaßen gegenseitige Bewunderung wie Zuneigung. Natürlich gibt es Zugaben.

DSC_0259_2

Coda:

Was bedeutet dies alles für die aktuelle kulturelle Landschaft in Zeiten der Schuldenbremse, in Zeiten zumal, in denen den Verantwortlichen beim Kürzen zuerst immer die Kulturetats einfallen, ganz so, als wären sie nicht nur viel zu üppig bestückt, sondern ein längst entbehrlicher Luxus. In der Tat hat es auch im sog. deutschen Qualitätsjournalismus in den letzten Jahren nicht an fundamentaler Kritik am öffentlichen Subventionsreigen gefehlt, haben nicht einige neoliberale Schreiberlinge zu beweisen versucht, daß „Kultur“ gefälligst von denen bezahlt werden soll, denen danach verlangt. An der durch zahlreiche Gutachten immer wieder belegten Tatsache, daß jede in die Kultur investierte Summe durch deren Verwertung doppelt zurückkommt, haben diese Narren nichts ändern können. Sollte also hier der Eindruck entstanden sein, frei finanzierte Orchester können alles besser als subventionierte & das auch noch günstiger, so ist dies grundlegend falsch.

Abgesehen von der Tatsache, daß Mitglieder des ensemble resonanz von staatlich gezahlten Tarifgehältern, Arbeitszeiten & Festverträgen, wie sie für Mitglieder sog. A oder B – Orchester (z.B. Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Hamburger Symphoniker) selbstverständlich sind, nur träumen können, so sind diese gleichwohl erforderlich, um eine Grundversorgung mit musikalischen Leistungen sicherzustellen. Daß diese Grundversorgung weit überwiegend die Wünsche & Ansprüche der Stammkundschaft, also des o.g. Ü – 60 Publikums bedient, ist bedauerlicherweise eine Tatsache. Daß diese Tatsache am öffentlichen kulturellen Auftrag der Vermittlung von musikalischer Kultur im Allgemeinen vorbeigeht, ebenfalls. Die Ära des Generalmusikdirektors Ingo Metzmacher, & von einer solchen darf gerne gesprochen werden, ist ein Lehrstück dieser höchst blamablen Entwicklung. Proben- ,weil qualitätsversessen, konnte Metzmacher mit einer vor sich hindämmernden Abonnentenmasse nur scheitern. Ein Wecker war nicht gefragt. Selbst Klassiker wie Bartok´s Konzert für Orchester rief Füßescharren & Maulen im Auditorium hervor. Wer erlebt hat, mit welcher Begeisterung & Verve Ingo Metzmacher im Studio Oberstraße des NDR in der Reihe das neue Werk, oder an der Hochschule für Musik aufgetreten ist, wie herzlich & lebensnah er sich für die Musik nach 1945 einsetzte, wie lebensfremd ihm Unnahbarkeit, Starrummel & Arroganz waren, weiß, welch ein unglaublicher Verlust sein Weggang aus Hamburg gewesen ist. Andere Städte haben sich um ihn gerissen.

Nicht nur aufgrund des eben Beschriebenen ist klar, daß Subventionsorchester unter den Bedingungen von Tarifverträgen, in denen Dienst- & Probenzeiten genau geregelt sind, noch dazu in einem beamtenähnlichen Dienstverhältnis, weder bereit noch in der Lage sind, sich mit Musik zu beschäftigen, die Einiges an zeitlicher, intellektueller & handwerklicher Hingabe verlangt. Genau dies jedoch wäre eine Aufgabe für eine auf der Höhe des Tatsächlichen & Faktischen befindlichen Kulturpolitik, die es sich aufgrund ihrer allgemeinen öffentlichen Verantwortlichkeit nicht erlauben kann & sollte, bezahlte Wunschkonzerte für o.g. Publikum zu fördern. Hier hätte die Hälfte aller öffentlich geförderten musikalischen Veranstaltungen aus Musik nach 1945 zu bestehen. Geschmack & Wissen sind auch immer eine Frage des Willens ihrer Vermittlung. Die Rückentwicklung des Radiosenders NDR Kultur zum Klassiksedativradio des öffentlich rechtlichen Unfunks zeigt allerdings, das derartig Revolutionäres nicht zu erwarten ist.

Kommen wir abschließend zurück zum e.r. &  zum FBO. Beide zeigen auf ihre Weise, daß weit mehr möglich ist, als das, was öffentlich geboten wird. Beide Orchester sind demokratische Organe, die ihre Entscheidungen hinsichtlich Programm & Geschäft gemeinsam treffen, bzw. hierfür demokratisch legitimierte Organe geschaffen haben. Sie zeigen eine Qualität der Freiheit, die öffentlich rechtlich unter den gegebenen Bedingungen nicht erreichbar ist.

Fotos. Klaus Scholz

Oktober 14

Tanz mit dem Teufel

… Black Metal zwischen Kasperletheater & Avantgarde

 

In Deutschland gibt es eine gewisse Kontinuität der Denunziation. Diese geht oft einher mit einer Art moralinsaurer lustfeindlicher Blockwartmentalität, in der Regel eng verbunden mit völlig übersteigertem Missions- & Geltungsbedürfnis. Die Opfer derart psychopathologischer Wahnvorstellungen können sich in der Regel schwer dagegen zur Wehr setzen, da sich die Denunziation jederzeit gerne der sog. schweigenden Mehrheit zu bedienen weiß & sich von dieser getragen & unterstützt wähnt. Leider selten zu Unrecht, denn das gesunde Volksempfinden ist auch heute noch stets eine verläßliche Größe in diesem Land, in dem tatsächliche Freiheit immer auch grundsätzlich verdächtig ist. Im schlimmsten Fall zeigen sich die Denunzianten von der Wirklichkeit des Denunzierten ahnungslos. & im allerschlimmsten Fall sind sie auch noch Parteimitglieder mit moralisch / ästhetischem Empörungsanspruch, d.h., sie sind Mitglied der Grünen. Eine solche höchst unerfreuliche Erscheinung ist die saarländische Gymnasiallehrerin Christa Jenal. Frau Jenal erlangte nicht aufgrund überragender pädagogischer Leistungen im Rahmen ihres Unterrichts eine Art zweifelhafter Berühmtheit, sondern dadurch, daß sie einen fundamentalistischen Kreuzzug gegen Bands aus dem Black– & Deathmetalbereich führte, bei dem sie, wie alle derart umtriebig Empörten, alle Möglichkeiten ausschöpfte, um Plattenindizierungen & Auftrittsverbote gegen die von ihr Verfolgten durchzusetzen. Dabei versicherte sie sich der Mithilfe sowohl der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, wie auch diverser Gerichte. Im Rahmen ihrer paranoid anmutenden Feldzüge denunzierte sie in einem Interview mit dem Hausblatt grüner Empörlinge, der taz, auch das rechter Tendenzen absolut unverdächtige Fachmagazin Rock Hard, da es „… Sprachrohr einer destruktiven faschistisch – rassistischen Jugendbewegung…“ sei. Rock Hard hat sich zwar stets gegen rechte & nazistische Tendenzen in der Musik gewandt, sich jedoch nie als Hexenjäger einspannen lassen. Als faschistisch / rassistisch galten Frau Jenal aber auch Bands wie die nachdrücklich links stehenden Napalm Death  u.a. So viel Sachkenntnis muß einfach sein.

L1010314
Dorotheenstädtischer Friedhof, Chausseestraße, Berlin

Was das alles mit dem Gegenstand dieses Textes, nämlich Black Metal, zu tun hat, ist ziemlich eindeutig: Es handelt sich um eine Musik, in die die Kontroverse quasi mit hinein komponiert ist. Es geht hier auch nicht um einen formalen wie inhaltlich akkuraten historischen Abriß zu diesem Thema, dazu gibt’s haufenweise z.T. sehr gründlich recherchierte Literatur. Hier geht es um Eindrücke & Reflexionen eines aufmerksamen BM Hörers, der, selbst Musiker, diese Musik als eine von vielen anderen gerne & interessiert verfolgt. Die Beschäftigung mit BM ist zwangsläufig auch die Beschäftigung mit ihren Klischees, die allzu oft das Tatsächliche nicht nur überlagern, sondern verdrängen & somit die ungeheuren kreativen Möglichkeiten dieser Ausdrucksform konterkarieren. D.h. u.a., dieser Beitrag versucht gar nicht erst, mit selbsternannten Experten, BM Archäologen, Undergound Gurus, Okkult- & Satanismusjüngern, tape Sammlern & was es sonst noch an Extremsportlern auf diesem Gebiet geben mag, zu konkurrieren, denn das ist nicht das Thema. Hier geht es um eine subjektive persönliche Stellungnahme zu Eindrücken, die sich bei der Beschäftigung mit dem Metier aufdrängen, es geht um Musik, nicht um Sektiererei. Außerdem soll dieser Text auch für Menschen verständlich sein, die von dieser Musik noch nie etwas gehört haben.

BM ist ein Sub – Genre der großen Hard & Heavy Familie, es ist eine musikalisch & textlich extreme Spielart. Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, wann genau BM entstanden ist, wenn hier gesagt wird, es war in den mittleren bis späten 80er Jahren, dann ist das zwar ungenau, aber gleichwohl halbwegs richtig, denn besser datieren läßt sich der Zeitpunkt naturgemäß nicht. Es werden auch gerne Bands der ersten Stunde angegeben, wie z.B. Venom aus England, deren 2. Album, Black Metal betitelt, Vielen als Namensgeber der Szene gilt. Als weitere Wegbereiter gelten Mercyful Fate aus Dänemark & Celtic Frost aus der Schweiz, die wiederum aus der Band Hellhammer entstanden sind. Diesen Bands folgte in den späten 80ern bis in die 90er Jahre hinein die sog. zweite BM – Welle aus Norwegen mit Bands wie Mayhem, Darkthrone oder Emperor, sowie Bathory aus Schweden. Klingen Venom eigentlich wie eine schlechte englische Bluesrocktruppe auf Speed, gleichen Mercyful Fate eher einer konventionellen Heavy Metal Band mit Falsettgesang, so findet sich bei Hellhammer schon das, was BM eigentlich grundsätzlich ausmachte: schnelle Riffs, wütender Gesang & eine eher einfach gehaltene kompositorische Sprache in Verbindung mit schettriger, billig klingender Produktion. Es geht die Sage, daß die erste Bathory Platte in der Garage des Gitarristen aufgenommen wurde. Mag sein, daß das stimmt, auf jeden Fall klingt sie so & ist dabei so organisch, daß eine fette moderne Produktion viel vom Reiz dieser Musik nehmen würde.

L1010304
Breisgau zwischen Kaiserstuhl & Freiburg

Die Kontroversen, mit, & ganz sicher auch von denen BM lebt, liegen zum einen in den Verbrechen begründet, die einige Mitglieder der norwegischen Szene in den frühen 90ern begangen haben – es ergingen Urteile u.a. wegen Mord & Kirchenbrandstiftung, sowie anderer, z.T. erheblicher Gewaltdelikte – sowie in den z.T. naturmystischen, okkulten & satanistischen Texten. In Verbindung mit gewalt- & NS – verherrlichenden Äußerungen einiger weniger BM – Musiker entstand ein Bild dieser Musik, das von der Realität zumeist nicht gedeckt wird, sich aber ganz hervorragend als Projektionsfläche kleinbürgerlich spießiger Stammtischmoralisten & Gesinnungsinquisitoren, oder sensationslüsterner Diffamierung eignet. Richtig ist, BM ist eine Musik mit ausdrücklich antichristlichem Gestus. Hierbei wird vorausgesetzt, daß das Christentum in seiner institutionalisierten Form den Menschen die geistig – seelische Freiheit raubt & dabei eine moralisch – ethische   Repressionsfunktion erfüllt. Man muß kein BM Aktivist sein, um das ähnlich sehen zu können. Nur sehr wenige Bands oder Musiker bezeichnen sich als Satanisten im theistischen Sinne, nur sehr wenige haben sich tatsächlich mit den sehr alten Grundlagen dieser Philosophie gründlich beschäftigt & ich bin versucht zu sagen, glücklich, wer heute in der Lage ist, überhaupt noch an etwas zu glauben, das er dem modernistischen Individualisierungs- & Rationalisierungsnihilismus entgegen zu setzen weiß. Glauben allerdings ist, finde ich, Privatsache, kann durchaus nach außen dokumentiert werden, hat sich jedoch jeglichen missionarischen Eifers zu enthalten.

Wie bei jedem anderen Produkt, gilt es natürlich auch hier, bestimmte Imageklischees zu erfüllen, um dem Publikum als „authentisch“ gelten zu können. Sei es weiße & schwarze Farbe im Gesicht, ellenlange Stacheln an Bein & Arm, gerne genommen auch blutrote Farbe, mit der man sich bekleckert, bisweilen wähnt man sich, wenn auch musikalisch nur noch alte Klischees zu hören sind, im Märchen von einem der auszog, das Fürchten zu lernen. Daß, um kurz zum Anfang zurückzukehren, Menschen wie Frau Jenal dies dankbar zum Anlaß nehmen, ihrer Triebunterdrückung missionarische Abfuhr zu Teil werden zu lassen, schafft letztlich ein durchaus willkommenes Maß an Aufmerksamkeit, zumal es von einschlägigen Publikationen dankbar sekundiert wird. Wie bei jeder anderen Subkultur auch, definiert der underground was Recht & Unrecht, Richtig & Falsch, musikalisch & textlich korrekt ist, & was nicht. D.h., wer mehr Platten als eine im Keller selbst gebastelte 500er Auflage verkauft, oder dies anstrebt, wird mit Liebesentzug bestraft & mit Ausverkaufsvorwürfen gesteinigt. Auch hier funktioniert der inquisitorische Impuls ganz hervorragend. Bands wie Dimmu Borgir, Cradle of Filth u.v.a.m. könnten ein Lied davon singen, wären sie derart pubertärer Selbstbeschneidung nicht längst entwachsen.

DSCF0289
am Kaiserstuhl / Breisgau, Baden

Zeichneten sich die „nordischen“ Bands durch einen kalten rasenden Sound ohne jede Wärme, schneidendes, in der Regel weitgehend melodiefreies Geschrei & ultraschnelle Blastbeats (sehr schnell getaktetes Wechselspiel des Drummers mit Snare, Bassdrum & HiHat) aus, tauchten bald auch orchestral getragene düstere Keyboardeinsätze im BM auf, um eine möglichst finstere Atmosphäre zu schaffen. Die norwegischen Bands, allen voran Mayhem, deren erstes Studioalbum De Mysteriis Dom Sathanas heute als ein Meilenstein in der Entwicklung des BM genannt wird, & das viele BM – Musiker als einen ihrer wichtigsten Einflüsse benennen, haben eine klanglich / stilistische Tradition begründet, die als true norwegian black metal ein Markenzeichen geworden ist. Kapellen wie Cradle of Filth, deren Musik wie ein Soundtrack zu alten Gruselfilmen klingt, verfügen zudem über ein beeindruckend hohes spieltechnisches & kompositorisches Niveau. Anhänger des tnbm hingegen sehen in ihnen ein Ärgernis, das für den Ausverkauf der BM – Ideale steht. Sind bei CoF die Wurzeln der Raserei noch klar erkennbar, so gehen andere Bands, wie z.B. Dark Fortress aus Landshut einen anderen Weg. Die Musik ist oft im midtempo gehalten, es werden auch akustische Gitarren eingesetzt, & Komposition wie Produktion sind sehr darauf bedacht, eine bestimmte Stimmung zu schaffen, die weit jenseits simpler Raserei dem Finsteren & Alptraumhaften des BM auf gänzlich andere Art Ausdruck zu verleihen weiß. Einen nochmals anderen Weg beschritt die US – Band Nachtmystium mit ihrer aktuellen   Veröffentlichung The world we left behind: Hier trifft BM auf starke psychedelische Momente, die Gitarren klingen stellenweise wie in den 60ern & schaffen in Verbindung mit einem BM – typischen Gesang & der sorgfältigen, aber nie überladenen Produktion eine spukhafte Atmosphäre. Bands wie Dark Fortress & Nachtmystium bilden heute durchaus eine Art Avantgarde im Bereich extremer Musik.  Kombos wie die norwegischen 1349, benannt nach dem Jahr, in dem in Europa die Pest ausbrach, oder das eher nordisch – mystische, sich auf alte norwegische Volkssagen beziehende Projekt Taake huldigen auf sehr ansprechende Weise dem oldschool – BM … & Mayhem sind schließlich auch noch aktiv, auch wenn aus der Zeit der brennenden Kirchen nur noch der Bassist übrig geblieben ist.

Aus England kommen seit einiger Zeit Bands, die den traditionellen norwegischen Stil weiterentwickelt haben, deren Musik aus massiven Soundwänden besteht, aus denen sich langsam Melodien herausschälen, die Stimmen stehen verhallt weit im Hintergrund, die Musik erzeugt eine sehr mystische meditative Stimmung. Herausragende Vertreter dieser Art Post – BM sind Winterfylleth, Fen  oder Wodensthrone. Gemein ist ihnen, daß sie sich stark auf traditionelle englische Folklore & Kultur beziehen.

BM hat sich im Laufe der Jahre vor allem beim Death Metal stilistisch bedient, was zu sehr stimmungsvollen & wuchtigen Platten geführt hat. Stellvertretend möchte ich hier Behemoth aus Polen anführen. Deren aktuelle Veröffentlichung The Satanist – & hier ist der Name tatsächlich auch Programm – ist schlicht ein erhabenes Meisterwerk. Es gibt einen Mitschnitt des Konzerts von Behemoth auf dem Hellfest in der Bretagne von diesem Sommer; die Band mußte am Tage im prallen Sonnenschein auftreten, & gleichwohl kommt die unglaubliche Atmosphäre, die Behemoth erzeugt, voll zum Tragen. Der TV Sender arte hat dieses Konzert aufgezeichnet, gesendet & in seiner Mediathek abgelegt:

www.youtube.com/watch?v=sSZCVWrFazc

Dankenswerterweise hat arte, überaus verdienstvoll, eine ganze Reihe von Konzerten mit extremer Musik, auch vom Wacken Open Air, in seine Mediathek gestellt, es lohnt sich, dort mal zu schauen.

L1020867
Friedhof in Friedrichsstadt / Nordfriesland

Dieser kurze Einblick in eine den meisten Menschen fremde & vielleicht unheimliche Welt, soll beendet werden mit einer kurzen & sehr persönlichen Auswahl zu empfehlender Platten:

Bathory :  Bathory / Blood, Fire, Death

Darkthrone :  Introducing Darkthrone (Sampler)

Emperor :  In the nightside eclipse

Mayhem :  Live in Leipzig / De Mysteriis Dom Sathanas

1349 :  Massive Cauldron of Chaos

Taake :  Noregs Vaapen

Hellhammer :  Demon entrails (Sampler)

Winterfylleth : The Divination of Antiquity / The Mercian Sphere

Celtic Frost :  Monotheist

Cradle of Filth :  Cruelty & the Beast / The Manticore and other Horrors

Dark Fortress :  Seance / Venereal Dawn

Nachtmystium :  The world we left behind / Silencing Machine

Behemoth :  Zos kia cultus / The Satanist

Darüber hinaus habe ich, als Musiker wie als Mensch, noch eine persönliche Bitte: es gibt viele Arten extremer Musik, diese ist nur eine davon. Wer derartigen Klängen mit offenem Herzen, ohne Angst & Vorurteil begegnet, kann durchaus bereichert werden, kann sich neue Spielräume aus Geist & Klang erschließen & sich weiterentwickeln. Dazu ausdrücklich aufzufordern, ist mir ein wichtiges Anliegen & es bezieht sich genauso auf moderne klassische Musik & auf Jazz. Deshalb: Viel Spaß beim Öffnen neuer Türen zu unbekannten Räumen.

Fotos: Klaus Scholz

Katgeorie:Musik | Kommentare deaktiviert für Tanz mit dem Teufel
Oktober 13

Viel Lärm um Nichts

… oder linke Tragödien

 

Es ist nicht nur ein Kennzeichen linker (Partei) Politik, sondern ein Alleinstellungsmerkmal, dem Elend der Welt mit dem Parteiprogramm in der Hand entgegenzutreten. Das erinnert an den Priester in alten Vampirfilmen, der dem Unhold mit der Bibel in der einen & dem Kreuz in der anderen Hand Einhalt zu bieten versucht. Aktuell müssen wir diese Szenen  angesichts des Vormarsches der IS – Barbaren in Kobane´ beobachten. Wir werden dabei unwillige Zuschauer eines überaus abstoßenden Schmierentheaters, bei dem in beispiellos zynischer & menschenverachtender Weise das Leben Tausender gegen die hehre Wahrheit des Parteiprogramms ausgespielt wird. Ich weiß tatsächlich nicht, was widerlicher ist: die wirklichkeitsverleugnende kindische Rechthaberei mehr oder weniger bedeutender Politapparatschicks aller Ebenen, denen man bestenfalls zu Gute halten kann, sich aus dem wirklichen Leben verabschiedet zu haben, oder aber die tatsächliche Überzeugung, so, sprich also gar nicht, handeln zu müssen. Die Begründungen sind immer wieder die gleichen & werden gebetsmühlenartig aus jeweils gegebener Veranlassung repetiert. Es wird immer wieder erklärt, was schon damals schief gegangen ist, was der oder die für Interessen haben, daß der Westen das Böse in der Welt ist & die illuminatigleichen Transatlantiker in der Partei auf diesem Wege ja doch nur in die Regierung wollen. Das ist so öde, dumm & langweilig, daß man abschalten könnte, wenn es dabei nicht, wie im vorliegenden Fall, um Menschenleben ginge. Es wird mit den Fehlern der Vergangenheit das Nichtstun in der Gegenwart begründet, & dieses Nichtstun wird sodann als „Friedens“politik verkauft. Früher hieß das Appeacement & ging schon mal eindrucksvoll schief. Da schlagen die „Friedens“freunde jede noch so abseitige Pirouette & versuchen zu begründen, daß die eingeforderte Solidarität mit den Kurden im Nordirak einzig durch unterlassene Hilfeleistung gewährt werden kann. Wow – solch´ machtvoll geballte Fauste macht fürchten ! Jüngstes Beispiele für derart intellektuell Schwergewichtiges ist ein Eintrag auf der facebook Seite von Christine Buchholz, MdB,  https://de-de.facebook.com/buchholz.christine , der die Grenze der Realsatire ins Tragische erweitert, sowie eine mail, die heute über einen parteiinternen Verteiler abgesondert wurde & die Tragödie „linker Friedenspolitik“ selten eindrucksvoll verdeutlicht; & nur deswegen sei sie hier zitiert:

Liebe Genossinnen und Genossen,

die Bezirksmitgliederversammlung Hamburg-Mitte hat sich am vergangenen Samstag intensiv diskutiert und den angehängten Beschluß „Solidarität schafft Hoffnung. Für Frieden und Demokratie im Nordirak und in Nordsyrien“ gefaßt. Darin setzt sich der Bezirksverband für Deeskalation und Frieden ein und erklärt sich solidarisch mit der kurdischen Bewegung, die für ihre Rechte kämpft, demokratische Selbstverwaltungsstrukturen aufbaut und sich gegen den reaktionären IS verteidigt. Die ersten drei Forderungen des Beschlusses lauten: > daß die westlichen Staaten sich jeglicher militärischer Einmischung in der Region bedingungslos enthalten und keine Waffen oder Soldaten in die Region schicken, > daß Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien und Katar ihre finanzielle, militärische oder auch nur indirekte Unterstützung des IS sofort einstellen, > daß die Türkei ihre Grenzen für humanitäre, solidarische Zwecke für Rojava sofort öffnet und menschenwürdige Bedingungen für die geflüchteten Menschen sicherstellt, Der Beschluß enthält auch eine Aufforderung an den Landesvorstand, sich des Themas anzunehmen.

Mit sozialistischen Grüßen …

L1010264_2

Mein Vorschlag für die praktische Umsetzung dieses menschlichen, politischen wie intellektuellen Offenbarungseides lautet: die Bezirksmitgliederversammlung wählt mehrere Deligierte, die sich mit Lichtlein in der einen & dem Parteiprogramm in der anderen Hand dem IS entgegenstellen. Sprecher dieser Delegation wird der Absender der oben zitierten mail.

Foto: Klaus Scholz

Katgeorie:Politik & Gesellschaft | Kommentare deaktiviert für Viel Lärm um Nichts
Oktober 13

some velvet morning …

Lee Hazlewood, Vanilla Fudge & die Kunst der Transformation

 

„Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich müde über manchem alten Folio lang vergeß’ ner Lehr’  – da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis´ ein Pochen, gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her. „’s ist Besuch wohl“, murrt’ ich, „was da pocht so knöchern zu mir her  – das allein – nichts weiter mehr.“

                                          Edgar Allen Poe / Hans Wollschläger: The Raven / der Rabe

 

….. Ohne jeden Zweifel gibt es Musik, die die Wahrnehmung verändert, die das eigene Bewußtsein musikalischer Prozesse erweitert bzw. neu zu ordnen in der Lage ist & somit dem Begriff Musik neue Substanz verleiht….

Anhöhe bei Meersburg / Bodensee, Foto: Heidrun Scholz
Anhöhe bei Meersburg / Bodensee, Foto: Heidrun Scholz

    Foto: Heidrun Scholz

1968 … In diesem Jahr unternimmt einer der großen Unbekannten populärer Musik, der Schattenmann des Pop, Lee Hazlewood, den Versuch, aus Nancy Sinatra, der nur mäßig begabten Tochter ihres Übervaters Frank, eine brauchbare Sängerin zu machen. Hazlewood ist nicht nur Komponist & Texter, er ist auch ein begnadeter Produzent. Trällerte Tochter Sinatra bislang eher weitgehend talentlos vor sich hin, so mutiert sie auf der LP Nancy & Lee zu einem erotischen Vampir, mal unschuldig lasziv, mal eindeutig Unterwerfung fordernd, mal verführerisch hauchend sanft, gestalterisch zwischen obszessiv & obszön changierend, eine sexuelle Ohrfeige für klinisch saubere Sagrotangeschöpfe wie z.B. Doris Day oder andere BedienerInnen sozialkompatibler verklemmter Mittelstandsphantasien. Viele Lieder der Platte thematisieren unverhohlen die Verführung eines älteren Mannes durch ein sexuell aggressives junges Weibchen. In dem Song Lady Bird wird der Verlangende (Lady Bird, come on down, I´m here waitin´ on the ground ….) am Ende gar noch ausgelacht. Hazlewoods tiefe Kaugummistimme & der hohe weibliche Gegenpart spiegeln sexuelle Archetypen & freudianische Triebmuster. Ein heute noch im Radio gerne gespieltes Stück wie Summerwine lebt von seinen unverhohlenen, sexuelle Phantasien freisetzenden Metaphern zwischen Kastrationsängsten (… she took my silver spurs, a dollar & a dime…..) & willenloser Hingabe an den – sexuellen – Rausch (….. & left me craving for more summerwine…). Das Ganze kommt durchaus subtil genug daher, daß die Botschaft zwar verstanden werden kann, Indizierungsgelüste puritanischer Moralapostel jedoch gar nicht erst aufkommen. Hinter der Maske des netten harmlosen Popsongs lauern die Abgründe rauschhaft – maßloser Triebhaftigkeit. Was für eine hohe Kunst. Instrumentiert wird das Ganze mit z.T. recht ungewöhnlichen Instrumenten wie Cembalo & Kesselpauken, das weitgehende Weglassen der mittleren Streicher- & hohen Bläserlagen beschwört eine geisterhaft surrealistische Atmosphäre, getragen von Kontrabässen, tiefen Celli & Hörnern, die gegen hohe schrille Geigenflächen gesetzt sind.

Meine erste „richtige“ Langspielplatte war Near the Beginning von der US – Band Vanilla Fudge. Meine KlassenkameradInnen hörten zu dieser Zeit die Bee Gee´s & anderen Hitparadenpop, ich ging lieber auf Reisen an die Grenzen des Bekannten, bzw. darüber hinaus. Dies lag nahe, da ich weitgehend mit mir alleine war & die Wege in die innere Emigration Dinge erreichbar werden ließen, die den mich Umgebenden verborgen blieben. Auf einem Schulfest sollte jeder eine Platte mitbringen, die er gerne auflegen & hören wollte, ich nahm oben Genannte mit. Die Vorführung wurde allerdings nach wenigen Takten aufgrund lautstarken Protests abgebrochen. Natürlich. Mein Ruf als seltsamer, menschenferner Sonderling erfuhr dadurch eine endgültige klassen – & vor allem geschlechterübergreifende Manifestation. Near the Beginning war bereits die vierte Platte des New Yorker Quartetts, das aus Mark Stein (Hammond Orgel, Gesang), Vince Martell (Gitarre, Gesang), Tim Bogart (Baß, Gesang) & Carmine Appice (Schlagzeug, Gesang) bestand. Das überschaubare Werk von V.F. besteht aus insgesamt 5 LP´s, die zwischen 1967 & 1969 erschienen. Eine 14 Jahre später aufgenommene Reunion – Platte ist heute zurecht weitgehend vergessen, sie hat mit dem ursprünglichen Sound der Band, ihrem hohen handwerklichen Können & ihrer schier uferlosen Kreativität nichts gemein. Bis heute tourt die Band mit ständig wechselnder Besetzung, zu deren Konstanten oft nur Carmine Appice gehört, auch in Europa. Ihr Sound war entscheidend von Stein´s Hammond Orgel, von hohem, oft choralartigem blitzsauberen Satzgesang, sowie einer ungeheuren dynamischen Bandbreite geprägt. Keine andere mir bekannte Band, ausgenommen vielleicht Genesis, haben es verstanden, alle dynamischen Schattierungen zwischen ppp & fff in vollem Umfange immer wieder zu nutzen. Dies, sowie die ausgefeilten Arrangements verleihen der Musik eine ungeheuer orchestrale Wirkung. Das Gespann Appice / Bogart galt zudem nicht ohne Grund jahrelang als eine der besten Rhythmusgruppen der Rockmusik. Obwohl V.F. sehr gute eigene Songs eingespielt haben, sind sie vor allem durch Cover – Versionen Anderer bekannt geworden. Allerdings greift dieser Begriff hier entschieden zu kurz, eigentlich ist er nicht mal richtig, denn im Grunde sind die Fassungen, die V.F. von Titeln anderer Interpreten erstellt haben, komplett eigene Kompositionen, denen mit dem Original gerade noch die Wiedererkennbarkeit der ursprünglichen Melodie gemein ist. Darüber hinaus findet sich keine Version, die nicht durch eine komplett andere Grundstimmung auffiele, Tempi werden bis ins Unkenntliche gedehnt, die Arrangements sind geisterhaft, gespenstisch teils & nutzen den kompletten Raum zwischen großorchestralem Ausbruch & fahlem Stillstand. So wird aus einer 2 1/2 Minuten Popnummer spukhaft Opernähnliches von durchaus 10 Minuten Länge. Dabei wird der süßlich schmierige Kitsch, wie ihn beispielsweise Queen so gerne zelebriert haben, elegant vermieden. Da sich auf diese Weise natürlich der Charakter & die Wirkung der Songs vollkommen verändert, ist der Begriff der Transformation deutlich angebrachter, als das auf bloße Wiedergabe hindeutende Covern.

P1060742
Abendstimmung auf dem Bodensee Höhe Birnau

   Foto: Klaus Scholz

Das Vanilla Fudge betitelte Debut der Band erscheint im Jahre 1967 & enthält die beeindruckende Curtis Mayfield Nummer People get ready, die bereits alles enthält, was die Band fortan auszeichnen wird: reduziertes Tempo, engelsgleiche Chöre, Hammond B 3 als Hauptinstrument & Soundfabrik. Ist das Original 2:37 Minuten lang, bringt es die V.F. Version bereits auf stattliche 6:33. Desweiteren sind erstaunliche Fassungen von Eleanor Rigby, Ticket to ride (Beatles), Bang Bang (Sonny Bono), She´s not there (The Zombies) & Take me for a little while (Martin / Trader) zu hören. Bereits das Debut sichert der jungen Band die Aufmerksamkeit der Kritiker & des fortschrittlichen Teils des Publikums. Im Jahre 1968 erscheint mit der 2. Platte der Band, The Beat goes on, ein bedauerlicherweise in jeder Hinsicht unentschiedenes, wenn nicht mißratenes Album. Klangcollagen & Redeschnipsel bekannter Staatsmänner, unentschiedene Musikfragmente, Spaß macht das nicht. Schade….. Dies scheint der Band ebenfalls klar geworden zu sein. Bereits im gleichen Jahr erscheint mit dem Album Renaissance (französisch für Wiedergeburt) nicht nur eine Art Wiedergutmachung, sondern endlich die Platte, auf die man nach dem Debut eigentlich gewartet hat. Flüsternd bis brüllend werden alle Ebenen musikalischen Ausdrucks ausgelotet, abgründig finster & geheimnisvoll, Musik, wie sie vielleicht Edgar Allen Poe geschrieben hätte. Gleichzeitig ist sie ein Lehrstück für Organisten, Bassisten & Arrangeure. Kein anderer Organist oder Keyboarder hat die nahezu unendlichen klanglichen Möglichkeiten einer B 3 incl. Leslie – Kabinett in dieser Vielfalt genutzt, um das musikalische wie inhaltliche Geschehen zu illustrieren wie Mark Stein, kein anderer mir bekannter Rock – Bassist (mit Ausnahme vielleicht von Grateful Dead´s Phil Lesh oder dem Avantgardisten Tony Levine (King Crimson, Peter Gabriel) das gesamte Griffbrett genutzt, & sein Instrument an vielen Stellen so zum tragenden Teil des Arrangements werden lassen, wie Tim Bogart. Stets ist seine Spielweise dabei Ausdruck des Musikalischen & kein virtuoser Selbstzweck. Die Platte beginnt mit einem lauten Gongschlag, danach … Stille. Aus dieser Stille heraus beginnt der Baß in der hohen Lage ein viertöniges Thema, welches von den anderen Instrumenten nach & nach aufgenommen & zu einer Art Ouverture erweitert wird, an deren Ende nach einem Break das eigentliche Stück beginnt. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits über 2 Minuten vergangen. Die folgende laute hardrockige Strophe verebbt in einem zitternd ausklingenden Hammond Akkord, & aus der Stille kommt der fast geflüsterte Refrain: …. and the sky cried …. Die Platte endet mit einer fast 9 – minütigen Version von Season of the witch von Donovan. Im Original eine harmlose kurze, leicht psychedelisch angehauchte Beatnummer, verwandeln V.F. das Stück in die Vision eines verzweifelten Paranoikers. Massive Dynamiksprünge, flirrende Orgel, gehauchte & geschriene Stimmen: Nachrichten aus einer Welt, die nicht die unsere ist, es zumindest nicht sein sollte, Musik auf dem Grad zwischen Wahn & Verzweiflung. Dies hier ist keine Coverversion, dies ist eine Transformation auf eine andere musikalische wie emotionale Ebene. Es ist die geschlossenste & in sich stimmigste Platte, die die Band eingespielt hat. V.F. werden hier zum Konstrukteur eigener entrückter Welten, schaffen ein Kabinett des skurrilen Spektakels, der surrealen Spiegelungen einer Wirklichkeit, deren zahllose Facetten sich zu einem Bild innovativer musikalischer Phantasie vereinigen.

L1020583
Nachmittag auf dem Bodensee, Höhe Meersburg

  Foto: Klaus Scholz

„Some velvet morning when I´m straight I´m gonna open up your gate and maybe tell you ´bout Phaedra and how she gave me life and how she made it end – some velvet morning when I´m straight“

                                                                                                                               Lee Hazlewood

Phaedra, eine Figur der griechischen Mythologie, liebt, von Aphrodite verzaubert, ihren Stiefsohn & bringt sich, als dieser sie zurückweist, um. Lee Hazlewood faßt sich eines samtigen Morgens ein Herz & öffnet die Pforte der Liebsten – was damit gemeint sein könnte, überlassen wir, das zu Beginn über diese Platte Gesagte vor Augen, unserer Phantasie. Das wohl schönste Stück aus Nancy & Lee, schon im Original durchaus abgründig arrangiert, ist die meiner Auffassung nach beste Nummer, die V.F. jemals eingespielt haben. Sie findet sich auf der 1969 erschienenen 4. Platte Near the beginning, als 2. von lediglich 4 Songs. Kein anderes Stück erreicht die absolute Perfektion dieses Arrangements, dem es gelingt, eine ideale Einheit von musikalischer Form & emotionalem Inhalt zu gestalten. Mit dem Original hat dies alles absolut nichts mehr gemein. Das Tempo ist halbiert, die Melodie in wunderbare Längen gezogen, der 3/4 Takt eliminiert, der verzerrte Baß setzt dramatische Höhepunkte, man wünscht, dies Stück möchte nicht aufhören, & dann endet es doch abrupt an dafür eigentlich nicht vorgesehener Stelle in einem dissonaten Crescendo. Aufnahmen wie diese entstehen alle paar Jahre, zumeist eher zufällig & als einmaliger Glücksfall, hier ist es der Höhepunkt einer kreativen künstlerischen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des musikalischen Materials. Die unmittelbar danach folgende Eigenkomposition where is happiness nimmt die Atmosphäre des Vorangegangenen auf, auch hier ist es wieder deutlich zu hören: das Pochen knochiger Finger an nächtlicher Tür, so wie in Edgar Allen Poe´s Gedicht der Rabe: der Einbruch des Seltsamen & Geheimnisvollen in unsere heilen Träume. Der Rest der Platte ist, wie soll ich sagen – möglicherweise entbehrlich ? Für das auch als Single erschienene Shotgun gilt dies ganz sicher, zu sehr bleibt das Stück weit unter den Möglichkeiten der Band. Die 2. Seite heißt Break Song & ist eine Liveaufnahme, die im Prinzip aus der Aneinanderreihung von 4 längeren Soli, eingefaßt von einem simplen Thema besteht. Auch hier finde ich: wer´s mag. Gerade zur Zeit der Aufnahme war Derartiges jedoch eine Selbstverständlichkeit, ein Muß & deswegen unentbehrlich. Ich muß zugeben, daß auch ich damals grade diese 2. Seite sehr geliebt habe. Die 5 – 6 Takte der Schlagzeugeinleitung von Carmine Appice habe ich geübt, bis mir die Finger schmerzten. Ebenfalls in diesem Jahr 1969 veröffentlicht die Band ihre (vorerst) letzte Platte, schlicht Rock & Roll betitelt, die einen etwas ratlos zurück läßt. Kein Stück dieser Platte erreicht annährend das Niveau der Vorgänger. Kurz nach Veröffentlichung löst sich die Band auf, um sich erst 14 Jahre später wieder für eine unsägliche, im Stil von Foreigner eingespielte Platte, zu reformieren.

Was also bleibt: eine Kapelle, die trotz ihrer umfassenden harmonischen Vielfalt nie gefällig war, deren Klänge zu keinem Zeitpunkt massentauglich gewesen sind & die dennoch erfolgreich & vor allem überaus innovativ sein konnte. Eine Band, die neben dem Meisterwerk Renaissance eine Reihe außergewöhnlicher Songs schuf, die gezeigt hat, daß die Transformation von Musik in der Lage ist, neue Welten zu schaffen, daß unbändige Kreativität auch aus scheinbar Bekannt – Banalem bislang Unerhörtes zu kreieren vermag, die aber auch zeigt, daß der erreichte Grad der Genialität keine Konstante sein kann. V.F. waren eine Band, die heutzutage nicht mehr vorstellbar ist, die Zeit der musikalischen Entdeckungsreisen ist vorbei. Das Publikum hat die Neugier & das Interesse an der Entdeckung genauso verloren wie jegliches Bewußtsein für Qualität, die Musiker den Mut & das handwerkliche Können. Das ist keine Glorifizierung alter, angeblich besserer Zeiten, sondern eine schlichte, jederzeit vielfach belegbare Tatsache. Leider. Aber, vielleicht,

„ ….. um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich …..“

Katgeorie:Musik | Kommentare deaktiviert für some velvet morning …
Oktober 13

Rufus & the passion … so tough

… eine kurze Analogie des Ungewöhnlichen …

Die alte Frage, was kommt, wenn alles gesagt ist, was wird gespielt, wenn jede Note bekannt ist, haben die fortgeschrittensten & besten Köpfe der Pop Musik noch stets, jeder auf seine eigene Art, zu beantworten gewußt. Leider ist das meiste davon weitgehend unbekannt, oft genug auch dann, wenn große Namen dahinter stehen, ja, oft genug auch dann, wenn die persönlichen Lebensumstände, sowie die ökonomische Lage eine Situation geschaffen hatten, die Veränderungen in starkem Maße begünstigt. Ich machte mir früher oft einen Spaß, indem ich Leuten, zumindest musikaffin, wenn nicht -kundig, Musik der späten Beach Boys vorzuspielen, ohne ihnen zu sagen, wen sie dort gerade hörten …. es hat niemand je erraten. Erstaunen, Bewunderung, auch Entsetzen, alles war möglich, Gleichgültigkeit dagegen undenkbar. Die riesigen Hits, mit denen die BB´s in den 60ern meist mehr Platten verkauften als die Beatles, zumindest in USA, kennt jedes Kind, allesamt Perlen der Popgeschichte, rock´n rolliger Surf-Pop, Strandballaden & Hommage´s an alte Autos. Als Brian Wilson keine Lust mehr hatte, sich damit zufrieden zu geben, was er erreicht hatte, fing er an, darüber nachzudenken, ob eine gehörige Portion Kunstlied dem BB-Sound ggf. nicht zu höheren Weihen verhelfen könnte. Das Ergebnis, Pet Sounds, gilt bis heute als eine der 10 besten Platten aller Zeiten. Bedauerlicherweise verkaufte sie sich ausgesprochen schlecht, der Fortschritt war den Menschen zu schwierig. In England gab es jemanden, den diese Platte nicht ruhen ließ. Paul Mc Cartney meinte, er & seine Mannen könnten das auch & so nahmen sie Sgt. Pepper auf, ebenfalls eine der 10 bedeutendsten Platten der Popgeschichte. Die Mitstreiter von Brian Wilson hingegen wandten sich den üblichen Gurus, verschiedensten Drogen & allerlei anderen Ausschweifungen zu (so wurde Bruder Dennis ein enger Freund von Charles Manson), während Brian W. sein Haus leerräumte, Sand hineinschütten ließ, seinen Steinway mitten hinein stellte & anfing, nachzudenken, soweit sein von Kindheitstraumata, Drogen & Psychopharmaka verwüstetes Hirn das noch zuließ. Die BB´s waren out, megaout, sowas von out, daß sie von ihrer Plattenfirma gekündigt & vom Publikum gehaßt wurden. Die Folge waren nunmehr selbstproduzierte Platten, ein eigenes Label, das Ergebnis Musik, die ihrer Zeit nicht nur gemäß war, sondern die Tradition der Band in ein neues Zeitalter transformierte & zum Besten gehört, was an Musik in diesen Jahren überhaupt entstanden ist. Die Familienband (Brüder, Cousins & Freunde) holten mit Ricky Fataar einen wirklich guten Trommler ( … der  Dennis Wilson nie war), sowie Blondie Chaplin als Slide- & Bottleneckgitarristen in die Band, Bruder Dennis wechselte zum Keyboard & sang auf einmal auch viele Solostimmen, & nicht nur in den Stücken, die er nun auch selbst beisteuerte. Produziert wurde mit der fortschrittlichsten Technik, die für Geld zu haben war. Die BB´s waren die ersten, die mit 32 Spuren aufnahmen & sie waren erbarmungslose Soundtüftler. Das Anhören dieser Musik auf einer guten Anlage ist auch heute noch ein Genuß der gehobenen Art. Im Jahre 1972 erschien Carl & the Passion … so tough, benannt nach Bruder Carl, der vom ständig um andere Planeten irrenden Brian das Zepter übernommen hatte, was nicht hieß, daß dieser auch in psychischer Agonie nicht noch in der Lage gewesen wäre, an den Reglern Großartiges zu leisten, sowie Arrangements für die Ewigkeit zu schreiben. Aus den BB war eine Rockband geworden, die zeitlos großartige Kompositionen & opernhaft anmutende Arrangements schuf (siehe Gesang z.B. von This is That). Die Produktion der Coda wurde in ihrer Komplexität & dem Spielen mit akustischen Räumen erst Jahre später wieder von Supertramp erreicht … aber das ist ein anderes Thema. England & Europa jedenfalls lagen mit einen Mal der Band zu Füßen. Dies fand seine Fortsetzung 1973 mit Holland, wie der Name sagt, dort aufgenommen & unzweifelhaft ist diese Platte auch gleichzeitig der Höhepunkt dieser Band. Mehr ging nicht.

L1020820
Friedrichsstadt / Nordfriesland

Sozusagen ist dies auch eine Einleitung zum Folgenden, der Musik von Rufus Wainwright, der gemeinsame Nenner: die weltabgewandte Konsequenz des Schaffens von zur Zeit Unerhörtem. RW zuzuhören bedeutet u.a. sich die Frage zu stellen, woher kommt das, was dort erklingt, denn nichts ist neu zu schaffen ohne Bezug zur Vergangenheit, auch Großartiges hat seine Wurzeln im kollektiven Gedächtnis der Musikgeschichte & seit den Serialisten ist definitiv alles sog. Neue auch immer retrospektiv zu betrachten. Im Falle RW: wie kommt ein junger, hoch begabter offensiv homosexuell auftretender Sänger, Pianist & Songschreiber dazu, Musik zu machen, die so bewußt & kontrolliert alles, was sich seit Jahren versucht & tummelt, ignoriert & sich ausschließlich an Dingen orientiert, die entweder sehr alt (italienische Oper, Tschaikowsky u.Ä.), oder nur Insidern bekannt ist (o.g. späte BB´s z.B.). Die Suche nach Parallelen führt zwangsläufig zurück zu den BB, zu unübersehbar ist bei beiden der Hang zum Kitsch, zu aufwendigen Arrangements, wunderbaren Melodien, die sich ihrer ungewöhnlich ausufernden Emotionalität nicht nur bewußt sind, sondern diese ausdrücklich evozieren ! Bedienten sich die BB noch relativ konventioneller Harmoniefolgen, deren Gebrauch sie allerdings bis ins Kleinste perfekt beherrschten, so geht RW darüber hinaus & schreibt eine Musik, der das harmonisch Ungewisse nicht nur immanent ist, sondern wesentlicher Teil sowohl des Ausdrucks & der zu erzielenden Wirkung darstellt, indem es, Erwartungshaltungen beständig negierend, eine ungeheure Spannung schafft. Es gilt, dies auszuhalten, mit dem Ergebnis, daß die Musik an den Hörer Ansprüche stellt, die weit über konventionelles Konsumieren hinausgehen, die Zugewandtheit, & ein sich Einlassen einfordert, & durchaus auch ein emotionales Stellung beziehen. Popmusik, die dies fordert, überschreitet stets Grenzen. Wir können Musik mögen oder nicht, selten lassen wir uns – & auch nur sehr ungern – zwingen. RW aber zwingt uns, weit über das Normale hinaus, zu einer Haltung, erstmals seit sehr vielen Jahren müssen wir uns einer Musik gegenüber verhalten. Es reicht nicht, sie zu mögen, es reicht nicht, sie großartig zu finden, wir können nur abschalten oder uns ausliefern. Bedingungslos. Jedenfalls wenn wir … ZUHÖREN ! Als ich erstmals All days are nights – Songs for Lulu hörte, war ich danach psychisch & physisch nicht in der Lage, aufzustehen, oder etwas anderes zu machen. Ich war, wie man salopp sagen darf, fertig ! Ein Mann sitzt am Klavier & spielt eine Musik, gleichzeitig Klassik (Debussy, Liszt) & Pop (BB´s, van Dyke Parks, Daniel Lanois), zeitlos & jede Hörgewohnheit permanent unterlaufend, weil keine Phrase so endet, wie sie enden könnte, sollte & zumeist auch tut, keine Melodie so verläuft, wie es ihr Anfang eigentlich impliziert. All das ist ganz große Kunst, es ist anmaßend & kalkuliert, weil es den Hörer im Grunde verachtet, & es fordert Tribut, ist dabei aber nie vulgär. Hier schließt sich ein Kreis, & es mag verwundern, wie leicht scheinbar Fremdes & Unvereinbares zusammenfinden. Aber das ist etwas, was Kunst möglich machen kann. Es ist etwas, was wir in uns selbst möglich machen können.

Foto: Klaus Scholz

Katgeorie:Musik | Kommentare deaktiviert für Rufus & the passion … so tough
Oktober 11

Händel mit Gladiolen

… zum Tode von Thomas Bader
 
Als ich vor vielen Jahren auf die Empfehlung eines Freundes hin erstmals die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg / Breisgau betrat, hatte dieser Moment etwas nahezu Weihevolles. Das mag erstaunen, wenn man an die übliche Art Buchläden denkt, die entweder bedeutungsschwanger & verstopften Antiquariaten ähnelnd im Stile der ausgehenden 68er Jahre die Befindlichkeiten des Inhabers spiegeln, oder in allumfassender Beliebigkeit seelenlosen Gemischtwaren handlungen mit Spielecke gleichen. Schon ein Blick in die ungewöhnlich geschmackvoll dekorierte Auslage versprach einen stundenlangen Aufenthalt im Innern. Zwischen kleinen polierten Messing- & Bronzestatuetten & wenigen schwarz / weiß Photographien lagen sorgsam ausgewählte Bücher unterschiedlicher schöngeistiger Provenience, Lyrik, Prosa, Biographien & schließlich immer auch eine kleine Anzahl Judaica. Das Panorama dieser Auslagen signalisierte neben gehobenem Geschmack & einem dementsprechenden feinen Sinn für die Ästhetik des thematischen Gegenstandes vor allem eins: die Freiheit vom kommerziellen Zwang der sog. Bestseller, der Diktatur der Listen von Spiegel oder Süddeutscher, verbunden mit der klaren & mutigen Botschaft: wir haben so etwas hier nicht nötig. Jemand wie ich, der Bücher wegen der Form & des Inhalts & für die Vermittlung dessen, wofür sie kulturhistorisch im besten Falle stehen, liebt, war in diesem Moment bereits rettungslos verloren, war zum Gefangenen der Buchhandlung zum Wetzstein geworden bevor er sie nur betreten hatte.
Im Innern dieses eigentlich nicht besonders großen Geschäfts steigerte sich das Versprechen der Auslage in einem Maße, das die geweckten Erwartungen noch weit übertraf. Der Raum war dezent erfüllt mit den Klängen einer Händel – Oper, auf dem Kassentisch stand eine große Vase mit bunten Gladiolen, & natürlich lag & stand alles voller Bücher. Diese jedoch, obwohl sie der Natur des Geschäftes gemäß den Raum dominierten, erstickten ihn nicht, sondern wurden in der Art ihrer Präsentation gleichsam zu einem lebendigen Teil dieses Gesamtkunstwerkes zum Wetzstein. Spätestens jetzt setzte das Gefühl ein, die Welt vor der Tür verlassen & in eine andere, sicherlich bessere, eingetreten zu sein. Vor dem großen Fenster ratterte die Straßenbahn vorbei, was, von innen her betrachtet, plötzlich durchaus seltsam anmutete. Ich erinnere mich gut, wie ich, um Orientierung bemüht, & schüchtern fast, um die Auslagen herumstrich, in meiner schwarzen Kluft unschwer als Fremdkörper erkenntlich, & von einem mittelgroßen Herrn im blauen Maßanzug, gestreiftem Hemd mit perfekt gebundenem englischen Knoten, passendem Einstecktuch & hochglanzpolierten braunen Schuhen offen mißtrauisch beäugt wurde. Anwesende Kunden, nach Aussehen, Erscheinung, Alter & Gestus zwischen Frankfurter Allgemeiner & Neuer Zürcher Zeitung changierend, führten mit dem Herrn im Maßanzug, sowie den aufmerksam beobachtenden oder dienstbaren MitarbeiterInnen gedämpfte Gespräche, oder blätterten in Büchern. Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir damals bei unserem ersten Besuch in der Buchhandlung zum Wetzstein zubrachten, ein Aufenthalt hier hatte stets etwas Zeitloses. Neben dem aktuellen Programm gab es eine vollständige  Insel- & Manesse – Bibliothek, die Deutsche Klassiker Bibliothek, unzähliges Handsignierte, Gesamt- & Werkausgaben, sowie ein sehr reizvolles Antiquariat. Thomas Bader bezeichnete sein Geschäft einmal als eine verkäufliche Privatbibliothek & treffender kann das Sortiment & die Beziehung seines Inhabers dazu nicht beschrieben werden.
Zum Gesamtkunstwerk zum Wetzstein gehörte schließlich auch eine abendliche Konzertreihe, in deren Rahmen mehrmals jährlich junge KünstlerInnen in den Räumen der Buchhandlung Musik für Soloinstrumente aufführten, die, dem extravagant exklusiven Buchbestand entsprechend, durchaus auch Musik von Stockhausen, Ligeti oder anderen Komponisten des späten 20. Jahrhunderts beinhalten durfte.
 buchhandlung1
Buchhandlung Zum Wetzstein / Freiburg i.Br.

 
Die mißtrauischen Blicke von Thomas Bader, mit denen er uns, Novizen in seinem Reich & aufgrund unseres unpassenden Äußeren grundsätzlich irgend eines Frevels verdächtig, bedachte, schwanden in dem Moment, wo wir ins Gespräch kamen. Ich erinnere mich recht gut, daß es dabei um die Divergenz zwischen dem Preis eines winzigen antiquarischen Ernst – Jünger Bändchens & den Möglichkeiten unserer Urlaubskasse ging. In den Augen von Thomas Bader leuchtete nun die Leidenschaft für den Gegenstand all dessen, was die Buchhandlung zum Wetzstein ausmachte, die Vorsicht war durchbrochen & einer regen Teilnahme gewichen. In diesem kurzen ersten Gespräch entstand zu keinem Zeitpunkt das Gefühl der Arroganz gegenüber dem finanziell Begrenzten, sondern die Achtung & Wertschätzung gegenüber dem Interessierten. Es folgten in den kommenden Jahren noch viele weitere dieser stets kurzen wie intensiven Unterhaltungen, in deren Verlauf er eines Tages auch einmal die guten Wetteraussichten für das kommende Wochenende unendlich bedauerte, da ihm in diesem Falle das Mähen des Rasens auferlegt sei, was ihn von der Lektüre der neuen Somerset Maugham – Ausgabe, soeben bei Diogenes erschienen, abhalten würde.
thomasbader
Buchhandlung zum Wetzstein / Freiburg i.Br.

Erst gestern erfuhr ich, daß Thomas Bader bereits am 25. März diesen Jahres im Alter von nur 71 Jahren verstorben ist. Ich bin betroffen & traurig & habe, wie so oft in derartigen Situationen das Gefühl, zu lange nicht dort gewesen zu sein.

 

 Fotos: Klaus Scholz
 
Katgeorie:Kunst & Kultur | Kommentare deaktiviert für Händel mit Gladiolen
Oktober 11

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
 
                                                                 Rainer Maria Rilke

 

Katgeorie:Gedicht des Monats | Kommentare deaktiviert für Herbsttag
Oktober 8

Shalom … ?

Anläßlich des WM – bedingten Deutschlandfiebers von Leuten, denen der Zustand des Landes ansonsten i.d.R. herzlich egal ist, hatte ich mich entschlossen, an meinem Auto eine israelische Fahne anzubringen. Meine Erlebnisse damit, mitten in Hamburg, im Sommer des Jahres 2014, waren dermaßen erschreckend, daß ich kurz von ihnen berichten möchte.

Wütendes Hupen, in der Regel von jungen Südländern in Luxuslimousinen, begleitet von Haßtiraden, waren noch das fast Alltägliche, was an Reaktionen zu beobachten war. Wohlgemerkt, dies alles zu einer Zeit, in der die Auseinandersetzungen in Gaza noch nicht begonnen hatten. Beim Parken sprach mich eine ältere Frau an, diese Fahne dort, sagte sie, auf die israelische Fahne zeigend, ginge gar nicht, so was macht man nicht, belehrte sie mich. Rück- bzw. Nachfragen blieben unbeantwortet.
Beim Parken vor der Schule, an der ich arbeite, wurde mein Auto wiederholt bespuckt, schließlich wurde die Fahne eines Tages abgebrochen.
Eines Tages hielt neben mir an der Ampel ein Kleinlaster, besetzt mit 2 Südländern mittleren Alters. Beide sahen mich an, einer drohte mit dem Finger, zeigte auf die Fahne, drohte erneut & murmelte Unverständliches. Als ich nicht reagierte, sagte er laut: eh Du, nimm sofort die Fahne ab ! Ich sah ihn an, reagierte nicht, schaute gradeaus. An der nächsten Ampel stand der Laster wieder neben mir, diesmal war der Wutpegel deutlich höher: eh Du, hast Du mich nicht verstanden, Du sollst diese Fahne sofort abnehmen! Als ich erneut nicht reagierte, schrie der Typ: ich werde Dich zertreten unter meinen Füßen, Dich und Deine Fahne, zertreten! Danach versuchte der Fahrer, mich zu schneiden, auszubremsen & die Fahne vom Auto zu reißen, bis ich in eine kleine Straße einbiegen konnte, ohne daß er mir zu folgen vermochte. Jagdszenen in Deutschland, oder kulturelle Bereicherung, wie darf man das nennen ?
 
Szenenwechsel: heute, Samstag, den 19.7.2014. Vor dem Hamburger Hauptbahnhof findet eine palästinensische Demonstration statt. Neben dem Lautsprecherwagen stehen Dutzende mit Burka vollverschleierte Frauen, es wehen Hamas & IS – Fahnen.
Die Polizei steht  gelangweilt daneben. Sommer in Deutschland, Normalität in Deutschland im Jahre 2014.
 
Shalom … !
 
 
Foto: Klaus Scholz
Katgeorie:Politik & Gesellschaft | Kommentare deaktiviert für Shalom … ?
Oktober 8

what vision is left & is anyone asking ? … oder wie Mrs. Thatcher die Anarchie erfand …

Präludium:

Am 4. Mai 1979 wurde Margaret Thatcher Premierministerin von Großbritannien. Parallel zur Wirtschaftspolitik des damaligen US – Präsidenten Ronald Reagan, die unter dem Namen Reaganomics bekannt & berüchtigt wurde, verfolgte auch sie Inflationsbekämpfung durch Deregulierung & Privatisierung von öffentlichen Betrieben, Staatseigentum & Dienstleistungen, den sog. Thatcherismus. Den zu der Zeit in GB noch mächtigen Gewerkschaften sagte sie einen rücksichtslosen Kampf an, den sie nach dem verlorenen, ein Jahr andauernden Bergarbeiterstreik 1984 / 85 endgültig für sich entscheiden konnte, was u.a. zur weitgehenden Zerschlagung der Gewerkschaften, sowie des staatlichen Gesundheitssystems führte. Die Durchsetzung & Installation des Neoliberalismus als letzter präfaschistischen Stufe des Kapitalverhältnisses kann zu diesem Zeitpunkt als weitgehend abgeschlossen gelten. Durch den aus dieser Politik erwachsenen drastischen Abbau von Sozialleistungen & Arbeitnehmerrechten war ihre Wiederwahl im Jahre 1983 akut gefährdet.
 
Im April 1982 eskalierte ein seit dem Ende des 17. Jahrhunderts andauernder Konflikt zwischen Argentinien & Großbritannien um ein paar nahezu unbewohnte Inseln im Südatlantik, den Islas Malvinas oder auch Falkland Inseln, zu einem Krieg zwischen beiden Ländern, bei dem bis zum 20. Juni 1982 auf beiden Seiten insgesamt 907 Menschen starben &  1845 verwundet wurden. Der Krieg wurde von Großbritannien  massiv eskaliert, Vermittlungsversuche der USA durch die Versenkung eines bereits auf dem Rückzug befindlichen argentinischen Kreuzers im wahrsten Sinne des Wortes torpediert.
Der Falkland Krieg führte zu einem drastischen Popularitätschub für Margaret Thatcher.      
  
thatcher1
Hinterhof beim Hackeschen Markt / Berlin – Mitte

                                                                                        

Im Jahre 1983 erschien in der SUN ein Foto, daß Prince Charles, den britischen Thronfolger, zeigt, wie er Simon Weston,einem Falkland Veteranen, die Hand schüttelt. Weston´s Gesicht ist vollständig verbrannt. Der Thronfolger wird  mit den Worten zitiert:  „Get well soon …“ & die Bildunterschrift fährt fort:  And the heroic soldier replied: „Yes Sir, I will !“
Im Jahre 1983  erscheint die 5. LP der englischen Band CRASS. Das Titelbild zeigt ein Kruzifix mit dem Gesicht eines Verbrannten vor einer stacheldrahtbewehrten Ziegelmauer. Die Platte heißt  YES SIR, I WILL.
„Your lifestyle is built upon pain & suffering. Money is the poison in your mind. Your face is a mask of violence. Fear is your power & force is your tool. Bling acceptance is the food for your paranoia“
thatcher2
Mauermzseum beim Checkpoint Charlie / Berlin
Thema & Fuge:
Die englische Punk Band CRASS veröffentlichte im Zeitraum von 1978 bis 1983 insgesamt 6 Langspielplatten, sowie eine Reihe von Singles & EP´s, im Jahre 1985 noch gefolgt von einem Best of Sampler. Die singuläre Bedeutung von CRASS lag & liegt nicht in ihrem musikalischen Schaffen, zumeist gehetzten Punknummern, in der Regel frei von Hooks, Melodien & all den Dingen, mit denen andere Punk Bands sich eine poppige Note & kommerziellen Erfolg zu verschaffen wußten, angetrieben von einem in der Regel auf marschähnlich gespielte Snaredrum beschränkten Rhythmus. Das offensichtliche musikalische Unvermögen war nicht nur hinnehmbar, es war beabsichtigt, denn auch die Instrumente wurden auf diese Weise zu Stimmen des Aufruhrs, verkörperten sozusagen die Seele des Punk in seinen Anfängen als antagonistische Stellungnahme  zur gesellschaftlichen & musikalischen Realität. So hatten CRASS für Retortenbands wie die SEX PISTOLS  u. Ä. lediglich Hohn, Spott & Verachtung übrig. Frühzeitig verkündete die Band Punk is dead ! & verwahrte sich damit gegen den kommerziellen Ausverkauf. Es ist nicht Sinn dieses Textes, die durchaus auch widersprüchliche Geschichte von CRASS in epischer Breite zu dokumentieren, das ist in dem recht guten Buch Subversive Zeiten von George Berger hinlänglich geschehen & wer Näheres wissen möchte, ist damit sehr gut bedient.  Hier geht es um die Bewußtmachung  von CRASS als formell & inhaltlichem Gesamtkunstwerk als Reflektion gesellschaftlicher Realität.
Wenn eine neue CRASS Platte erschien, rannte ich damit nach Hause & legte sie nicht etwa auf den Plattenteller, sondern klappte zuerst das Cover auf, oder auseinander, oder tat damit, was man sonst noch tun mußte, um sich seinem Inhalt – & das war eben durchaus nicht nur der Tonträger – ausführlich zu widmen. Mit dem Cover hielt man ein anarchistisches Traktat in Händen, welches in kleinem Schreibmaschinensatz wütende & zynische Stellungnahmen zur englischen Gesellschaft, sowie Fotomontagen & Collagen gegen Krieg, Hunger, Sexismus & Ausbeutung enthielt. Abgerundet mit unvergessenen Slogans wie z.B. Fight war not wars ! oder Destroy power not people !, die nicht nur an englischen Hauswänden überlebten, war dies das wirklich Wichtige. Die von Bakunin & anderen Anarchisten ab Mitte des 19. Jahrhunderts geforderte Propaganda der Tat wurde hier manifest. Die ökonomischen Auswirkungen desThatcherismus für die proletarisierten Schichten der Bevölkerung, also für den weitaus größten Teil der postkolonialen Warengesellschaft, hatten u.a. die Zerschlagung ihres Widerstandes, sowie eine weitgehende Entsolidarisierung zur Folge. Konnten junge Nichtproletarisierte als Gewinner der Klassenantagonismen ihren entpolitisierten hedonistischen Neigungen in Gestalt der sog. New Romantics mit seichtem Elektropop & Neosoul folgen & damit das musikalisch unerträglichste Jahrzehnt in der Geschichte der neueren Popularmusik etablieren, verblieben dem politisierten Präkariat diverse Schubladen mainstreamferner Subkultur.
Daß CRASS dabei zeitweise mehr Platten verkauften als die Beatles, war in diesem Sinne nicht nur kein Widerspruch, sondern zeigte eindrucksvoll die Möglichkeiten antistaatlicher & antiklerikaler anarchistischer  Propaganda vor dem Hintergrund von postkolonialem Krieg & globaler Zerstörung erkämpfter Sozial- & Lebensstrukturen & damit des Menschen in seiner Gattung als sozialem Wesen.
Coda:
Am 26. April 1968 starb in Ost – Berlin nach einem abenteuerlichen Leben, das ihn, einen Mitbegründer des DADA, Mitglied der KPD, als politisch Verfolgten durch ganz Europa geführt hatte, der Maler, Grafiker & Bühnenbildner Helmut Herzfeld.  Bekannt ist er unter seinem 1916 aus Protest gegen den Nationalismus des Deutschen Reiches angenommenen Namen John Heartfield. 
Seine bis heute in ihrer Qualität & Aussagekraft unerreichten Fotomontagen kennen oft auch Menschen, die mit seinem Namen nichts anzufangen wissen. Sein lebenslanger Protest gegen Krieg & Faschismus war elementarer Bestandteil seines Werkes.
Es ist offensichtlich, daß CRASS die Arbeiten von Heartfield nicht nur gekannt, sondern aufmerksam studiert haben. Zu groß sind die Parallelen, in inhaltlicher wie formaler Hinsicht.
Was bleibt … ?! Können CRASS heute noch mehr sein als eine weitgehend vergessene Punk Band im Thatcher England der frühen 80er, ein Relikt, bewahrt & verehrt von einigen wenigen Ewiggestrigen, die sich in sentimentalen Erinnerungen an die Dämmerung der Revolution klammern, während es um sie herum längst schwarz geworden ist & der Sonnenaufgang nurmehr eine romantische Netzhautspiegelung ohne Bezug zur aktuellen Lebensrealität ? Vergessen wir nie: Visionäre wurden zu allen Zeiten verlacht, wurden bespuckt & vergessen, & dennoch haben sie ihre Ideen weitergetragen, wenn´s erforderlich war, jahrhundertelang. „Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.“ Karl Marx / Das Kommunistische Manifest
CRASS waren für mich von Anbeginn sowohl für meine künstlerische wie politische  Tätigkeit ein Grundpfeiler meines Denkens & Handelns, da sie, anders als politische Theoretiker, den Inhalten eine Form gaben. Theoretisches aber emotionalisieren zu können, ist eine Grundvoraussetzung des wirklichen Verstehens. Es gibt keine tiefergehende Erkenntnis ohne emotionales  Verstehen ! Die fehlende Kohärenz von Form & Inhalt stellt ein elementares Defizit heutiger, in Veränderungsabsicht ausgeübter politischer Tätigkeit dar. Die Unfähigkeit, ja der ausgeprägte Widerwille zur Emotionalisierung, verleiht dem kognitiven Erklärungszwang eine lähmende Starre, eine wüstenstaubtrockene Spaß- & Lebensferne, die wichtige Teile der menschlichen Existenz ausblendet &  deswegen sich selbst nutz- & sinnlos konterkariert.

Abschließend sei bemerkt, daß, wer diesen Text aufmerksam gelesen hat, in den Keller geht, seinen Plattenspieler hervorholt, ölt & neu justiert. Er weiß, der Kauf von CRASS – CD´s ist, um Loriot zu zitieren, zwar möglich, aber vollkommen sinnlos … & daß trotz (nun doch endlich) erschienener neu gemasterter & wirklich excellent klingender Silberlinge. Erleuchtung ist nur mit dem Erwerb der LP´s mit vollständigem Cover zu erlangen!

 Fotos: Klaus Scholz

besetztes Haus an der neu umbenannten Silvio Meier Straße / Berlin

Fotos: Klaus Scholz

Katgeorie:Musik | Kommentare deaktiviert für what vision is left & is anyone asking ? … oder wie Mrs. Thatcher die Anarchie erfand …